Bilder schießen

Es gibt immer wieder auf dem Flohmarkt oder bei einer Wohnungsauflösung Gemälde oder Fotos, die auf ihre Entdeckung warten. So mancher Picasso oder Rembrandt ist so schon gefunden worden. Ganz so spektakulär erging es dem französische Historiker Pierre Schill nicht, als er in Montpellier das Privatarchiv eines Abgeordneten durchforsten durfte. Bald stieß er auf einen unscheinbaren Pappkarton mit vergilbten Fotos.


Es waren „nur“ etwa dreißig Fotos, aber die hatten es in sich. Sie zeigten militärische Truppen in der Wüste oder an einer Oase. Auf einem Foto war eine öffentliche Hinrichtung von Männern zu sehen. Name des Fotografen, Ort oder Datum der Aufnahmen fehlten. Es musste also geforscht werden. Das war 2015. Inzwischen hat Pierre Schill zwei Bücher darüber veröffentlicht und 2018 eine Ausstellung angeregt. Weiterlesen

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Von „Herr Charlotte Cohn“ zu „Frau Architekt“

Seit Beginn des Ersten Weltkriegs werden Frauen als Krankenschwestern und Pflegerinnen an der Front eingesetzt. Aber auch in vielen anderen Berufen, die bis dahin fest in Männerhand waren, werden Frauen gebraucht. In Berlin werden an der Technischen Hochschule Charlottenburg die ersten Frauen zum Studium zugelassen. Unter ihnen ist Lotte Cohn. Sie ist erst die dritte Architekturstudentin in Charlottenburg. Sie erhält ihr Vordiplomzeugnis mit der  Anrede „Herr Charlotte Cohn“.

Zeugnis der Diplom-Vorprüfung (1914)

Am 8. Dezember 1916 besteht sie dann ihre DiplomHauptprüfung. Auf ihrer Urkunde ist das vorgedruckte „Herr“ durchgestrichen und durch ein handschriftliches „Fräulein“ ersetzt.  Lotte Cohn ist nun Diplom-Ingenieur der „Abteilung für Architektur“. Wie viele Berufsanfänger hat sie Zweifel an ihren Fähigkeiten und weiß nicht, ob sie sie sich durchsetzen wird. Aber schon ein paar  Jahre später gehört sie zu den gefragtesten Architekten ihrer Zeit.

Lotte Cohn im Alter von achtzehn Jahren (1911)

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Weihnachten in schweren Zeiten – 1918, 1948, 2018…?

In der Weltbühne, der Wochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft, lesen wir im Heft vom 19. Dezember 1918 ein Weihnachtsgedicht. Jedenfalls hat es die Überschrift „Weihnachten“. Seit knapp sechs Wochen ist der große Krieg beendet. Nach vier Kriegsweihnachten endlich friedliche Weihnachten! Aber auch wenn an der Front nicht mehr geschossen wird, ist die Lage in Deutschland unübersichtlich, turbulent und alles andere als friedlich. Von Frieden kann keine Rede sein.

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Asyl für Luftmenschen?

Wir alle kennen das Bild von Marc Chagall mit dem Mann, der über der Stadt schwebt. Er hält einen Wanderstab in der rechten Hand, und auf dem Rücken drückt ihn ein schwerer Sack mit seiner ganzen Habe. Chagall hat dieses Bild 1914 in Witebsk gemalt. Er war kurz vorher aus Paris in seine Heimat zurückgekehrt. Paris war durch den Krieg in weite Ferne gerückt. Mit seinem über der Stadt schwebenden Mann hat Chagall ein Motiv ins Bild gesetzt, das als zentrale Metapher der jüdischen Existenz gelten kann. „Hängen wir denn nicht tatsächlich in der Luft, leiden wir nicht an einer einzigen Krankheit: der Sucht nach Stabilität?“, hat Chagall zu seinem Bild gesagt. weiterlesen

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Das Menschenschlachthaus

Es sind nach 1918 zahlreiche Romane geschrieben worden, die versuchten, das Grauen des Krieges darzustellen und anzuprangern. Ob Remarque, Arnold Zweig oder Henri Barbusse – sie alle schrieben gegen den Krieg und wurden dementsprechend kritisch beäugt und später unter den Nazis verboten. Antikriegsromane eben.
Wie sehr erstaunt es uns aber, dass es bereits vor 1914 jemanden gab, der die Schrecken des Krieges und das maschinengesteuerte Töten vorhergesehen und in seinem Roman so dargestellt hat, wie die Welt vier Jahre lang mit Tod und Blut bedeckt wurde. 1912 erschien das Buch des Hamburger Lehrers Wilhelm Lamszus mit dem Titel „Das Menschenschlachthaus“.

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We are making a new world

1916 war das Jahr der großen und verlustreichen Schlachten. Ob auf der türkischen Halbinsel Gallipoli, bei Verdun, an der Somme oder im Skagerrak, am Jahresende waren Millionen Tote zu beklagen. Keine dieser Schlachten konnte den Krieg entscheiden. Trotzdem war 1916 ein Wendejahr. An den Fronten und Heimatfronten kippte die Stimmung. Die Begeisterung wich einer zutiefst verunsicherten Sicht auf die Welt.

Keiner konnte sich vorstellen, wie sie nach diesem Krieg aussehen könnte. Künstler und Dichter, die selbst an der Front gekämpft hatten, versuchten das Erlebte künstlerisch zu verarbeiten. Eines der denkwürdigsten und zugleich radikalsten Bilder des Ersten Weltkriegs gab es im letzten Jahr in der Tate Britain zu sehen. Der Maler nannte es „We are making a new world“. Dieses Bild muss den Vergleich mit Picassos „Guernica“ nicht scheuen. Wir verdanken es dem englischen Maler Paul Nash. weiterlesen

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Vortrupp für eine bessere Welt

Hans Paasche (1881-1920)

Da fällt einem zufällig ein Buch in die Hände mit dem Titel „Vortrupp, Halbmonatsschrift für das Deutschtum unserer Zeit“, III. Jahrgang 1914. Aha, denken wir: Deutschtum! Da wissen wir ja gleich, worum es geht. Wir schlagen das Inhaltsverzeichnis auf und finden Aufsätze, die unseren Verdacht bestätigen. Es geht mal wieder um die besseren Deutschen: Neue Tatsachen zur Rassenhygiene, Die Frau und die Volksgesundheit, Das Vaterland ist in Gefahr, Untermenschliche Umwertung.
Herausgeber dieser Schrift ist ein gewisser Hans Paasche, Kapitänleutnant a.D. Wir googeln und werden stutzig. Hans Paasche wurde am 21. Mai 1920 von rechtsgerichteten Freischärlern auf seinem Gut in Westpreußen (Deutsch-Krone heute: Wałcz) aufgesucht, umzingelt und hinterrücks erschossen. Wie passt das zusammen? Ein Kämpfer für Deutschtum, der von Kämpfern für Deutschtum ermordet wird? weiterlesen

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Der Krieg ist aus. Für die Frauen geht er weiter.

Im letzten Beitrag ging es darum, wie die deutsche Frau die heimkehrenden Krieger zu Hause zu empfangen habe. Mit Blumen, Girlanden und Gesang sollte das Kriegsmärchen zu Ende gehen – so stellte man sich das 1916 vor. Die Wirklichkeit sah zwei Jahre später ganz anders aus. Als am 9. November 1918 der Große Krieg zu Ende ging, waren die deutschen Soldaten zwar kriegsmüde, aber keineswegs friedlich gestimmt. Es bildeten sich im gesamten Reich Soldaten- und Arbeiterräte, der Kaiser musste abdanken. In deutschen Landen herrschte der Ausnahmezustand.
Die heimkehrenden Krieger wurden zwar allüberall mit Girlanden und Blasmusik empfangen, aber die Frauen fanden sich plötzlich in einer merkwürdigen Rolle wieder. Da warnt der Arbeiter- und Soldatenrat in Osnabrück in einem öffentlichen Aufruf die weibliche Bevölkerung mit folgendem Satz: Eine große sittliche Gefahr droht uns durch die aus der Front heimkehrenden Soldaten. Die müden Helden sind für die Frauen eine sittliche Gefahr? Weiter Krieg zu Hause oder wo? weiterlesen

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Die Mobilmachung der Deutschen Frau

Der Erste Weltkrieg ist auch heute noch eine einträgliche Handelsware. Bei ebay z.B. werden tausende von Feldpostkarten angeboten, die Käufer bieten, überbieten und kaufen für horrende Summen kostbare Einzelstücke, aber auch das billige Stück für einen Euro. Es ist nicht immer erkennbar, wo der Unterschied liegt. Auch auf Flohmärkten gibt es jede Menge Erinnerungsstücke der glorreichen Zeit: Orden, Postkarten oder ganze Fotoalben. Opas Vergangenheit wird verscherbelt oder einfach mehr oder weniger sinnvoll entsorgt.
Also gehen wir einmal auf einen Hamburger Flohmarkt und versuchen unser Glück. An einem Stand stehen zwei Frauen und verkaufen ihre Secondhand-Klamotten. Auf ihrem Tisch liegt ein kleiner Karton mit Schmuckresten, ein paar Fotos, Kinderbüchern und einem dünnen Heftchen mit dem Titel „Die Mobilmachung der Deutschen Frau“. Wir sind neugierig und nehmen für einen Euro das Heftchen mit nach Hause. weiterlesen

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Briefe aus dem Niemandsland

Vor 100 Jahren treffen mitten im Krieg zwei junge Menschen zufällig aufeinander. Er an der Front in Frankreich, wird an der Hand schwer verletzt und kommt in ein Lazarett nach Hannover Burgfelde. Sie höhere Tochter betreut ebendort  die verwundeten Soldaten. Vier Wochen sehen sie sich jeden Tag, sehen sich immer tiefer in die Augen und versprechen sich Briefe zu schreiben. Er in Hamburg, sie in Hannover.

Daraus entwickelt sich eine große und schließlich tragische Liebe, die man aus den wenigen erhaltenen Briefen und Fotos rekonstruieren kann. Die Dokumente, in einem Schächtelchen verwahrt, landeten irgendwann auf dem Flohmarkt, von ahnungslosen Verwandten entsorgt.
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