Der Kriegskrüppel

Der Kriegskrüppel

Leonhard Frank veröffentlichte 1917 in Zürich mehrere Novellen unter dem Titel „Der Mensch ist gut“. In Deutschland wurde das Buch sofort verboten. Es sind dies die fünf Novellen Der Vater, Die Kriegswitwe, Die Mutter, Das Liebespaar, Die Kriegskrüppel.
Leonhard Frank, Der Mensch ist gut
Max Rascher, Verlag, Zürich, 1918, Copyright 1918 by Max Rascher, Verlag, Zürich
Geschrieben 1916 bis Frühling 1917
http://www.gutenberg.org/files/35176/35176-h/35176-h.htm

Die Kriegskrüppel
‚Die Metzgerküche‘ ist ein sehr großer Raum, doppelt so lang wie breit, und so niedrig, daß der Stabsarzt, im langen, von frischem und altem Menschenblute steifgewordenen Operationsmantel, die Handfläche an die Decke legen kann.
‚Ein Kino hätte man hier nicht einrichten dürfen. Ein Kino nicht‘, fällt ihm immer wieder ein. Denn schließlich sind alle seine Wünsche zusammengeflossen in den einen unerfüllbaren Wunsch, wieder einmal ruhig in einem Kino sitzen zu dürfen.
Auf dem Steinplatten-Boden Strohsack neben Strohsack. Auf jedem Strohsack ein Mensch; auf jedem Strohsack das, was von einem Menschen übriggeblieben ist. Zugedeckt bis zum Kinn.
Die abgesägten Hände, Arme, Füße, Beine schwimmen in Blut, Watte und Eiter in einem meterhohen, zwei Meter breiten, fahrbaren Kübel, der bei der Tür in der Ecke steht und jeden Abend ausgeleert wird. Tadellose Ordnung. Kein Strohhalm auf den nur zwanzig Zentimeter breiten Zwischengängen und im Mittelgang. Fünf Reihen Strohsäcke.
Der mit Zinkblech beschlagene Operationstisch steht im Mittelgang.
Die Fenster werden geschlossen. Und drei Minuten später steht wieder der dicke, warme Gestank von faulenden, brandigen Wunden, Eiter, altem Blute, Todesschweiß, Schmerzausdünstung, Karbol und Lysol in der Metzgerküche, so daß ein gesunder, kräftiger Mensch, der, an frische Luft gewöhnt, hereintritt, eine Minute später Farben vor seinen Augen kreisen sieht und den Boden unter seinen Füßen schwanken fühlt.
In der Metzgerküche, knapp hinter der Front, wird die erste Hilfe gewährt. Schnell. Keine Sekunde Zeitverlust. Hier wird amputiert. In die Metzgerküche werden, direkt vom Schlachtfeld weg, die Amputationsbedürftigen geschleppt, wahllos: Offiziere und Soldaten. Eine Viertelstunde Zeitverlust kann den Tod bedeuten.
Diejenigen Amputierten, die nicht bewußtlos sind, nicht schlafen und doch reglos liegen, ganz unbeweglich und lautlos liegen, glänzende Fieberkugeln im Gesicht, sind verloren, entschweben schon.
Die andern brüllen, schmeißen sich hoch, krümmen, winden sich, wimmern wie neugeborene Katzen, lachen im Fieberirrsinn, oder bewegen die verstümmelten Körper ganz langsam, aber ununterbrochen.
Das Leben der Glücklichsten besteht abwechselnd darin, daß sie aus der Ohnmacht erwachen und wieder ohnmächtig werden. Dazu trägt der dicke Gestank bei. Es ist nicht sehr hell in der Metzgerküche.
Der Stabsarzt muß nach ein bis zwei Amputationen, muß nach jeder halben Stunde hinaus in die Luft, damit ihm während der nächsten Amputation die Säge, das Messer nicht aus der Hand fällt.
Jeden Tag werden vier bis sechs Tote hinausgetragen.
Frisches Stroh, frische Leintücher. Frische Verwundete. Kein Halm auf den Zwischengängen. Ordnung. Der Gliederkübel in der Ecke füllt sich. Und leert sich pünktlich um sechs Uhr abends. Die Strohsäcke liegen genau ausgerichtet in linealgeraden Reihen.
Der Stabsarzt sägt.
In die Metzgerküche kommt keine Zeitung. Hier wird gelitten. Hier interessiert man sich nicht für Siegesnachrichten. Hier interessiert man sich für das Bein, das abgesägt wurde und vom Sanitäter eben in den Kübel geworfen wird. Man will sein Bein wieder haben. Es noch einmal in die Hände nehmen. Betrachten. Sehr genau betrachten.
„Mein Bein! Es ist mein Bein. Meines! Mein Bein!“ Zuerst schreit er nach seinem Beine, dann bettelt er: „Gib her. Komm, gib her. Gib mirs.“
Der Bettelnde liegt nicht in den Fensterreihen; er liegt in der dunklen Reihe, im vierten Bett, von der Rückwand aus gezählt. Er muß doch wieder schreien, das Schmerzgebrüll, Gewimmer, Geheule überschreien, damit der Sanitäter ihn hört.
„So ein Unsinn! Verfluchter Unsinn!“ schimpft der erschöpfte Sanitäter. Und trägt dem Bettelnden ein langes Bein hin, das zwischen dem Knie und der Schnittfläche am Schenkel ein furchtbares, tiefes, brandiges, stinkendes Loch hat. Legt es ihm wagrecht auf die gierig ausgestreckten Hände.
Der Soldat betrachtet, die Augen weit aufgerissen, von einem mystischen Schauer durchjagt, das lange, schwere Bein, das zwanzig Jahre ihm gehört hat, hält es weg von sich, immer weiter weg, weicht mit dem Oberkörper immer weiter zurück. Und schmeißt das Bein, plötzlich von tödlichem Ekel geschüttelt, in den Mittelgang. Brüllt: „Das ist nicht mein Bein.“
Es war nicht sein Bein. Der erschöpfte Sanitäter hatte ein falsches Bein aus dem Kübel herausgezogen.
Der Mann im vierten Bett ist jetzt ruhig. Er ist ohnmächtig geworden.
Der neben ihm Liegende, der auch nur noch ein Bein hat, dreht das Gesicht zum Ohnmächtigen hin und sagt zu ihm: „Du schläfst ein, Lieber, und hast zwei Beine, und wenn du aufwachst, hast du nur noch ein Bein.“ Dabei lächelt er: ein Lächeln, das dafür zeugt, daß die gramvollste Hoffnungslosigkeit mit einem Lächeln ausgedrückt werden kann. „Schläfst ein, Lieber, und hast zwei Beine, und wenn du aufwachst, hast du nur noch ein Bein.“ Diesen Satz hat er gefunden und sagt ihn immer wieder.
Das vierte Bett in der dunklen Reihe, von der Rückwand aus gezählt, quält den Stabsarzt. Mit diesem vierten Bett hat er Unglück. Entweder sterben ihm die Inhaber des vierten Bettes unter der Säge, oder sie führen sich ganz besonders wild auf.
‚Wieder das vierte Bett‘, denkt der Stabsarzt, krank vor Überarbeitung, wirft einen Blick auf das Bein, das noch im Mittelgang liegt und die tadellose Ordnung stört. Dann einen Blick zur niedrigen Decke. ‚Ein Kino hätte man hier nicht einrichten dürfen. Ein Kino nicht.‘ Und sägt vorsichtig und mit Kraft den Oberarmknochen knapp unterm Schulterblatt durch.
Der Soldat auf dem Operationstisch, ein uniformierter Knabe, hat nur eine blutnasse Hose an. Der Oberkörper ist mager. Schmale Brust. Unausgewachsen. Der Knabe ist bewußtlos. Die blauen Lippen sind fest aufeinandergepreßt. Nur beim rechten Mundwinkel ist ein kleines, ganz rundes Loch offen geblieben, wie bei einem total erschöpften Wettläufer, der durch einen Mundwinkel die Luftmassen hinausstößt.
Manchmal schreien und stöhnen gleichzeitig alle Verwundeten wilder auf, als würden in dieser Sekunde alle Wunden von einem bösen Weltgeist betastet. Dann werden die Mittel angewandt.
Es werden verschiedene Mittel angewandt, um den Schmerz erträglicher zu machen. Der eine hat gefunden, daß der Schmerz geringer wird, wenn er die Zunge herausstreckt, mit all seiner Kraft die Zunge so weit wie nur irgend möglich herausstreckt. Noch einen Millimeter weiter. Er hockt aufgerichtet im Strohsack, die Zunge lang und blau gebläkt, und keucht.
Ein anderer kann sich nur helfen, wenn er „Uu!“ schreit. Er hat das Alphabet durchprobiert. E hilft ihm nicht. I hilft ihm nicht. Nur U. Er brüllt mit der ganzen Kraft seiner Lungen: „Uu!“
Der Stabsarzt sägt.
Einer muß, die Muskeln angespannt, den Arm senkrecht emporrecken und die Luft zurückhalten, so lange zurückhalten, bis der Schrei als wildansteigendes „O!“ aus seinem Munde herausplatzt. Das hilft ihm.
Der Stabsarzt sägt.
Langsam und unaufhörlich schwingt einer den Oberkörper hin und her. Wenn er das nicht tut, kann er den Schmerz nicht aushalten.
Ganz feines Wimmern neugeborener Katzen.
Einer schlürft, als habe er einen zu heißen Bissen im Munde.
Bewegung bei der Tür: zwei Amputationsbedürftige werden hereingetragen.
„Ganz unmöglich! Kein Platz!“ Dabei sägt er weiter, ein dünnes Handgelenk durch.
Die Bahrenträger bleiben stehen. Ratlos.
„Tragt sie hinüber in den ‚Tanzsaal‘.“
„Zu Befehl! Aber in den Tanzsaal haben wir eben sechs getragen. Man hat uns hierher geschickt. Der Tanzsaal ist überfüllt.“
„Uu . . . . . . . . . .!“
„Hier auch! Voll! Voll! Alles voll! Kein Platz mehr!“
Ganz feines Wimmern neugeborener Katzen.
Der Oberkörper kreist langsam und ununterbrochen.
Es wird Platz gemacht: die Strohsäcke werden noch enger zusammengeschoben, so daß auch die Zwischenräume von zwanzig Zentimetern nicht mehr da sind. Ein einziges, langes, genau ausgerichtetes, brüllendes, stöhnendes, wimmerndes, ordentliches Schmerzenslager.
Als wild ansteigendes „O!“ platzt der Schrei aus dem Munde heraus, während die Bahrenträger gehen.
Die Zunge bläkt lang und blau. Warmer, dicker Gestank.
Die Metzgerküche ist nur eine kleine Nebenabteilung vom immer vollen ‚Tanzsaal‘, der fünfmal mehr Strohsäcke faßt als die Metzgerküche.
‚Und wieviel ‚Tanzsäle‘ gibt es in Europa? Wie viele, in denen erste Hilfe gewährt wird? Und wie viele, in denen solche liegen, die in Schmerzen auf die Heilung warten? Wie viele Schmerzenslager gibt es knapp hinter der Front? Und wie viele in allen Städten und Städtchen des Heimatlandes? Wie viele in Rußland, Frankreich, England, Italien? Wie viele Schmerzenslager gibt es in Europa?
Für was, für wen leiden diese Millionen ihre Schmerzen? Warum müssen Millionen Menschenbeine, Millionen Arme abgesägt werden? Für was wird gekämpft und ermordet? Und verstümmelt und gesägt und gelitten? Für was ist dieser Krieg? Für was?‘ denkt der Stabsarzt und schneidet erst sauber und exakt ein Pfund Menschenfleisch aus einem Oberschenkel heraus, bevor er zu sägen beginnt. ‚. . . Viel zu niedrig für ein Kino.‘ Farben kreisen vor seinen Augen.
Den Gekreuzigten in der Metzgerküche ist es ganz gleichgiltig, ob sie knapp hinter der Front, oder in der Heimatstadt, oder gefangen im Feindesland, oder in einem indischen Urwald sich winden, „Uu“ schreien, „O“, die Zunge bläken, fein wie neugeborene Katzen wimmern. Und wer den Krieg gewinnt, das ist ihnen so gleichgiltig wie der Schneefall von vorgestern.
‚Der Bürgermeister irgend eines kleinen Dorfes soll ganz allein den Weltkrieg gewinnen, wenn dadurch meine Schmerzen nur um einen Grad geringer werden. Und wenn ich mein Bein wieder hätte‘, denkt der plötzlich ganz schmerzlos und gefährlich still liegende, zwanzigjährige Dichter, der schon entschwebt, ‚mein weißes, langes, hunderttausend Kilometer langes Bein mit dem herrlichen Knie wieder hätte, würde ich das Leben lieben so ewig wie . . . die Sonne
tönt, nach alter Weise,
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.‘
‚Mein Bein! das heißt, wenn ich mein Bein wieder hätte, wäre ja überhaupt gar nicht Krieg . . . Krieg ist ja gar nicht möglich. Krieg gibt es nicht. Krieg ist Einbildung. Ist Lüge. Mein Bein allein ist die Wahrheit.‘ „Die Wahrheit“, sagt er laut und deutlich in die Metzgerküche hinein. Und schließt die Augen.
Fünf Minuten später wird er tot hinausgetragen.
Frisches Stroh. Frische Leintücher. Kein Strohhalm im Mittelgang. Ordnung. Eine Fußsohle ragt über den Rand des Gliederkübels heraus.
Der andere Beinlose dreht sich um und sagt zum frischen, leeren Strohsack: „Du schläfst ein, Lieber, und hast zwei Beine, und wenn du aufwachst, hast du nur noch ein Bein.“
Die Augen des jungen, kräftigen Bauschlossers im Nebenbett glotzen glanzlos und wütend. Er hat keinen rechten Arm mehr. Mächtiger Brustkasten. Gesundes Blut. Mächtige Muskeln, gewölbt, glatt. Wie geölt. Er weiß, daß er alles überstehen wird, knirscht den Schmerz nieder. Und grübelt in seine Zukunft hinein: ‚Ein Tübelloch werde ich in meinem ganzen Leben nicht mehr schlagen . . . Künstlicher Arm? . . . Ist Scheiße. Mit einem künstlichen Arm schlägt keiner ein Tübelloch in harten Stein . . . Ein Bein, meinethalben ein Bein; warum fehlt nicht das rechte Bein, anstatt des rechten Armes. Das Bein! Das Bein!‘
Im ersten Bett der Fensterreihe, bei der Tür, liegt ein junger Offizier, der kein Bein mehr hat. Seine Gedanken steigen auf, über sich windende, brüllende Menschen weg, bis zum Strohsack des Schlossers, und schieben sich zwischen dessen Verzweiflungsgrübelei als gedachte Gegenreden hinein: ‚Wenn nur ein Arm fehlen würde. Ein Arm! Ich würde mir einen weiten Mantel machen lassen. Weite Ärmel. Künstliche Hand in der Tasche. Und auf der Straße würde kein Mensch etwas bemerken. Auch mit den Frauen wäre es nicht so arg, lange nicht so arg. Aber wenn ein Bein fehlt. Bei einer Frau sein . . . und nur ein Bein.‘
‚Mir kann doch niemand weismachen, daß einer, der einen künstlichen rechten Arm hat, mit der Schrubbfeile arbeiten kann. Aber ohne Bein geht das alles.‘
‚Und reiten? Mit einem Bein?‘
‚Oder schmieden und schweißen kann . . .‘
‚Bei einer Frau liegen, mit nur einem Bein.‘
‚. . . oder nieten, oder eine Schloßfalle feilen, die genau passen muß . . . mit einem künstlichen Arm? Ja, Scheiße . . . Warum fehlt nicht ein Bein? Ein Bein!‘
‚Tanzen ohne Bein? . . . Ausgetanzt . . . Ohne Arm kann man tanzen . . . Alles ist aus.‘
‚Ohne Arm . . . Mein ganzes Geschäft ist futsch.‘
Beide haben während der letzten Tage alle Möglichkeiten abgegrübelt. Und plötzlich stellen sie sich der Wahrheit: gestehen sich ein, daß es sich im Grunde ja gar nicht um das nicht mehr Tanzen-, Reiten-, Feilen-, Schmiedenkönnen handelt, sondern nur um das schöne Bein, einzig und allein um den prachtvollen, dicken Arm. Um mein, mein, mein Bein, meinen Arm, meinen, meinen Arm. Um meinen! Meinetwegen nie mehr tanzen, nie mehr reiten, und mögen sich die Weiber zweibeinige Männer nehmen, wenn ich nur mein schlankes Bein wieder hätte . . . Ich scheiße ja auf das ganze Schlosserhandwerk; ich werde Landstreicher; wenn ich nur meinen Arm wieder hätte, wieder hätte, wieder hätte.
‚Meinetwegen blind sein.‘ Beinahe gleichzeitig steigt diese Überlegung in beiden auf. ‚Nur das Bein, nur den großen, starken Arm wieder haben. In Gottes Namen blind sein; aber die Glieder beisammen haben‘, denken sie tausendmal im Tag, tausendmal in der Nacht. ‚Lieber blind sein.‘
Und der neben dem Gliederkübel liegende blinde Soldat, dessen schwere Schenkelwunde überraschenderweise verheilte, so daß die Amputation nicht nötig ist, denkt ununterbrochen und wird sein ganzes Leben lang denken: ‚Meinetwegen beide Beine weg, beide Arme weg. Nur nicht blind sein. Nicht blind sein. Nie mehr sehen . . . Ich werde meine Frau nie mehr sehen. Nie . . . mehr . . . meine Frau sehen . . . Und wer führt mich? . . . Und nie mehr eine Straße sehen . . . Wie sieht ein Pferd aus? Braun. Es gibt auch Schimmel . . . Und die Hunde? Wie laufen sie? Wie laufen die Hunde? Und und und und . . .‘ Tausend Gegenstände stürzen vorbei. Zuletzt versucht er krampfhaft, sich vorzustellen, wie das Gepäcknetz in einem Eisenbahnwagen aussieht. Das gelingt ihm nicht. Er schläft darüber ein. Und sieht sofort wieder alles. Strahlender Helligkeit weicht die Finsternis, die, begleitet von einem wild ansteigenden O-Schrei, von langgezogenem U-Gebrüll, von ganz feinem Wimmern neugeborener Katzen, von der Erdkugel hinunterstürzt.
Der bärtige Bauer hockt aufgerichtet in seinem Strohsack und winkt den Sanitäter heran, in ungeheurer Spannung. Er winkt, macht: „Pst!“
„Nun, was denn?“
„Es mußte also nicht abgenommen werden? Aber furchtbare Schmerzen habe ich in der Wade.“
Der Sanitäter hat gehört, daß es Reflexgefühle gibt. Er sagt beruhigend: „Das sind nur Reflexschmerzen.“
Des Bauern Bein mit der schmerzenden Wade liegt schon seit zwei Stunden im Gliederkübel.
„Aber die Wade zieht und brennt und reißt . . . So, nur Reflexschmerzen?“ fragt er noch einmal und steigt zu kirchturmhohem Glück empor; denn jetzt weiß er ja ganz bestimmt, daß er sein Bein noch hat. Und sinkt beseligt in Ohnmacht.
Aus der er wieder erwachen wird.
Der fiebernde Stabsarzt kann nicht mehr; er sieht den reglos und langgestreckt auf dem Operationstisch liegenden Menschenkörper doppelt. ‚Und wenn ich den Arm erst heute abend abnehme, stirbt der Mann vielleicht. Und wenn ich den Arm erst morgen früh abnehme, stirbt der Mann sicher.‘ Der Stabsarzt beginnt. Sein kleiner, leichenblasser Unterarzt taumelt schon wie ein leicht Angetrunkener.
Der Stabsarzt schneidet und denkt: ‚Krieg‘.
Er denkt: ‚Dieses Wort ‚Krieg‘ offenbart den gedankenlosen Menschen nicht den billionsten Teil von der unmeßbaren Menge Ungeheuerlichkeiten, die mit dem Worte ‚Krieg‘ bezeichnet werden . . . Das Wort selbst ist schwach wie der Atemzug eines Säuglings; und verglichen mit dem Inhalte des Wortes ‚Krieg‘, ist ein Taifun, der Schiffe und Städte und Inseln verschlingt, nur der Atemzug eines Säuglings . . . ‚Krieg‘ ist ein Wort von fünf Buchstaben. Und wenn es ohne e geschrieben würde, hätte es nur vier Buchstaben‘, denkt der fiebernde Stabsarzt. Dabei operiert er.
Der Stabsarzt hat in einer klinischen Wochenschrift einen Artikel über Staatenbevölkerungs-Politik gelesen: einen statistischen Bericht, in dem als ‚Minimalzahl‘ zehn Millionen Gefallene angegeben sind.
„Als Minimalzahl . . . Minimalzahl zehn Millionen Tote. Das ergibt die Minimalzahl, vorsichtig angenommen, die Minimalzahl . . . nur ja sehr behutsam und vorsichtig“, flüstert lautlos der Stabsarzt sich selbst zu und legt sehr behutsam und vorsichtig mit dem Messer den Oberschenkelknochen frei, „die Minimalzahl von fünf Millionen Amputierten.“
„Uu . . . . . . . . .! Uu . . . . . . . . .!“
Der Stabsarzt richtet sich auf, betrachtet den nackten Mann, übersieht mit einem Blicke den eingeschrumpften Geschlechtsteil, die abgebundenen Hauptadern, den für die Säge freigelegten Knochen. ‚Sieht aus wie eine Stange des Lebens . . . Er liegt so still, so langgestreckt. Seine Lippen sind so blau. Himmelblau . . . Und draußen donnern die Geschütze. Donnern seit drei Jahren die Geschütze. Warum? Wann wird man darüber nachzudenken beginnen? . . . Donnern stille und langgestreckt liegende Menschen zu mir in die Metzgerküche herein.‘
Er betrachtet die Sägezinken, die ganz eng beieinander und schon stumpf sind. ‚Knochenmehl vom Arme mischt sich mit dem Knochenmehl vom Bein.‘ Betrachtet den eingeschrumpften Geschlechtsteil. ‚Das Leben schrumpft ein . . . Minimalzahl fünf Millionen Amputierte. Minimalzahl . . . Jeden Tag, seit drei Jahren, von früh bis in die Nacht hinein, jeden Tag: sägen, sägen, sägen . . . und wenn das Wort mit e geschrieben würde, hieße es: Segen . . . Säge ich Arme, Beine, Hände ab. Sägte fünf Millionen Beine, Arme, Hände ab. Ich allein, der Stabsarzt von Europa.‘
Er legt, wie der Schreiner an das Brett, den Daumennagel an den Knochen, setzt die Säge an, sägt und rechnet: ‚Siebzig Zentimeter lang ist ein Menschenbein. Der Arm nur sechzig.‘
‚Die Länge der abgeschnittenen Hände, Arme, Beine ineinander gerechnet, ergibt — vorsichtig . . ., sehr . . . vorsichtig . . . sein —, eine Minimaldurchschnittslänge von fünfzig Zentimeter für das amputierte Glied. Fünf Millionen amputierte Glieder mit einer Durchschnittslänge von je fünfzig Zentimeter ergeben zweimillionenfünfhunderttausend Meter . . . sind gleich zweitausendfünfhundert Kilometer Menschenglied.‘
„Uu . . . . . . . . .!“
‚Der Herr segne und behüte euch Amputierte, er lasse sein Angesicht leuchten über euch. Segen, Segen . . . sägen, sägen, absägen. Zweitausendfünfhundert Kilometer Menschenglied absägen . . . Bei der Peripherie von Berlin das Menschengliedgeleise begonnen: die zwei ersten Arme in Geleisespannweite niedergelegt. Dann zwei Beine, dann zwei Arme, dann zwei Beine, Arme, Beine, Arme, zwischenraumlos zusammengefügt, als Geleise gelegt, bis nach Essen. Um Essen herum. Und — vorbei an Dörfern, Städten, vielen Dörfern, bergauf, bergab, Flußläufe, Wälder, Felder entlang — flach nach Berlin zurück und herum, bis die Hände der zwei letzten Arme die Hände der zwei ersten Arme fassen können . . . Ein Geleise von blutigen, brandigen, stinkenden, amputierten, jungen Menschengliedern, durch Schwellen abgeschnittener Menschenhände verstärkt und zusammengehalten. Ein Gliedergeleise, herumgelegt um den Militarismus: ein Menschengliederkranz, der umgelogen wird in einen Lorbeerkranz.‘
„Uu . . . . . . . . .!“
‚Wer fährt auf diesem Geleise? Wer setzt sich diesen Gliederlorbeerkranz aufs Haupt?‘ grübelt der sägende, fiebernde Stabsarzt. ‚Wer? Wer setzt ihn auf? Will ihn am düsteren Ende vielleicht doch niemand aufsetzen?‘
Der Spalt klafft; der Knochen ist durchgesägt. Er rückt das Bein bis ans Ende des Operationstisches, so daß der Soldat plötzlich ein kurzes und ein sehr langes Bein hat. Denn der Stabsarzt sieht den Zwischenraum nicht; er sieht nur noch Beine, Millionen Beine, alle von ihm allein abgesägt. Sieht Farben: Rot, das in Violett übergeht und zu einer gelbumrandeten, giftgrünen Scheibe wird, in deren Mittelpunkt klar und scharf der Gedanke steht: ‚Die Herren, die mit einem Worte, mit einem Wunsche, mit einem Traume, mit einem Gedanken, mit einem Befehle dazu beigetragen haben, daß dieser Krieg kam, müssen an Ketten gelegt werden.‘
Plötzlich weiß er mit lautlos donnernder Gewißheit: ‚Werden an Ketten gelegt werden‘, und beugt sich tief und treu zu seiner blutigen Arbeit hinunter.
Bewegung bei der Tür: acht Krankenträger marschieren hintereinander herein, mit vier Bahren, auf denen zwei ganz stille Männer liegen, ein brüllender und einer, dessen zersplittertes Bein, nur noch durch die Haut gehalten, verdreht am Rumpfe hängt. Die Ferse steht nach oben.
Der Stabsarzt sagt sehr ruhig: „Hier ist kein Platz mehr.“
Der bärtige Bauer erwacht aus der Ohnmacht, hat unerträgliche Schmerzen im Bein, das er nicht mehr hat. Und ist ungeheuer glücklich. Schiebt die Hand vorsichtig unter die Decke zum schmerzenden Beine, greift behutsam an die Schmerzen und greift doch kein Bein.
„Diesmal müßt ihr die Leute in den Tanzsaal hinübertragen.“
Der blonde Soldat hockt aufgerichtet im Bett, bläkt die Zunge lang und blau und keucht. Sein Nachbar kreist den Oberkörper, langsam und ununterbrochen. Der O-Schrei platzt.
„Zu Befehl! Aber der Tanzsaal ist überfüllt.“
„Uu . . . . . . . . .!“
Ganz feines Wimmern neugeborener Katzen.
„Uu . . . . . . . . .!“
„Drüben beim Tanzsaal ist ein großes Klosett; legt die Leute ins Klosett.“
Der mit Glück, Schmerzen und Zuversicht ausgefüllte bärtige Bauer wundert sich über seine Ungeschicklichkeit, das Bein nicht zu finden, das ihm so entsetzlich wehtut. Er greift resoluter an die Schmerzzentrale und langt immer ins Leere. Tastet den wütenden Schmerz der ganzen Länge nach ab und hat dabei ganz unbegreiflicherweise doch die Empfindung, immerzu in die Luft zu langen, trotzdem er den Schmerz gleichsam in der Hand hält.
„Auch das Klosett ist besetzt, Herr Stabsarzt.“
„Uu . . . . . . . . .!“
Der Stabsarzt, tief und treu bei der Arbeit, und innerlich erleuchtet von der Gewißheit: ‚Werden alle an Ketten gelegt werden‘, sagt weich: „Meine Kollegen dürfen halt das Klosett nicht benützen; sie müssen hinters Haus gehen.“
Der bärtige Bauer winkt: „Pst!“
„Das sind nur Reflexschmerzen“, beruhigt der Sanitäter.
Ein Lächeln wächst in der Metzgerküche, wächst im Gesicht des ersten Bahrenträgers: „Nicht so besetzt, Herr Stabsarzt. Von Kranken besetzt. Es liegen zehn Kranke im Klosett . . . Überall. Ganz überfüllt.“
Welcher Mensch weiß, woher das Lachen kommt? Der Stabsarzt erinnert sich, daß er bei seiner Konfirmation in dem Moment, da ihm der Pfarrer den Kelch mit dem Blute des Herrn an die Lippen ansetzte, gelacht hat, lachen mußte, in das Blut des Herrn hineingelacht hat.
Der Stabsarzt lacht. Das Lachen donnert unterirdisch in ihm, quirlt zum Halse empor. Und platzt heraus. Er lacht und sägt. Er meckert, brüllt, winselt, lacht in allen Tongraden. Und sägt.
Sprechen kann er nicht. Nur seine Hand, die das Messer hält, sagt: ‚Bitte, abstellen. Stellt nur ab.‘
Der bärtige Bauer sieht plötzlich wie ein Christus aus, schlägt, den Blick noch geradeaus auf die Wand geheftet, die Decke zurück, senkt den Blick. Und sieht, daß da, wo die ungeheuren Schmerzen sind, kein Bein ist. Blitzschnell saust er vom kirchturmhohen Glück herunter, kommt ins Bett zu hocken und schaut. Sieht den großen, weißen Verbandstumpf an, der knapp unterm Rumpfe sitzt. In seinem Gehirn ist gar nichts. Nicht der fernste Abglanz eines Gedankens ist in seinem Gehirn. Das Gehirn ist leer. Er gleitet in die Ohnmacht hinein.
Die vier Bahren werden in den Mittelgang gestellt. Verstellen den Mittelgang.
„Ja aber! Ja aber!“ schreit der Stabsarzt auf und springt, das blitzende Messer in der Hand, zur ersten Bahre, trennt mit einem schnellen Schnitt das ganz lose hängende Bein vom Rumpfe. „Ja aber! Ja aber! Der Mann . . .“ ‚verblutet ja‘, will er sagen, und sagt: „. . . ist ja schon tot.“
Aus den Hauptadern tropft noch das wunderbar rote Blut heraus. „Ist verblutet . . . Den könnt ihr gleich wieder mitnehmen“, sagt der Stabsarzt, reicht dem Sanitäter das Bein. Und wird plötzlich zur Karussellachse der Welt, die sich schwankend um ihn zu drehen beginnt. Farben kreisen. Grün herrscht vor. Vorbei gleiten der Pfarrer mit dem Kelche, der bärtige Bauer, der Gliederkübel. Die Geschütze donnern. Die lang und blau gebläkte Zunge gleitet vorbei und verlängert sich aus sich selbst heraus, wird ungeheuer lang, saust aus sich heraus und vorwärts, unbegreiflich schnell hinaus an die Peripherie der Welt, rundet sich zum weltumspannenden Menschengliederkranze, in dessen Mitte ganz allein der Stabsarzt steht und schwankt und sanft und weich in Ohnmacht gleitet. Alles gleitet.
„Uu . . . . . . . . .!“

Der Lazarettzug mit Irren, die durch das Grauen oder durch eine Schußverletzung in das gewaltige Heer der Lebendig-Toten eingereiht worden sind, mit Blinden, deren feste Arbeitshände sich in kraftlose, durchsichtige Krankenhände verwandelt haben, mit Amputierten, mit Schwerverwundeten, kriecht langsam durch die Landschaft, bohrt sich ganz langsam vorwärts in die heimatliche Landschaft hinein. Frühherbst.
„Zweiundzwanzig“, sagt das Kind, das an der Landstraßenschranke steht und dem Zuge nachsieht.
Es sind nur zwanzig Wagen; das Kind hat die Lokomotive und den Tender mitgezählt. In jedem Wagen zwanzig Kranke, langgestreckt und unbeweglich in den übereinander befestigten Betten.
Die Blinden stehen im Laufgang an den Fenstern und schauen hinaus in die wunderbare, schimmernde Herbstlandschaft. Sie fühlen die Sonne und sehen die Finsternis.
Die Irrsinnigen sind beisammen in einem Wagen. Eine Bank an den vier Wänden entlang. Genügend viel Sitzplätze. Aber alle Irren hocken am Boden, in einem dreifachen Kreise, und lachen, lächeln, schwätzen, schweigen, schütteln schlau den Kopf. Nur einer steht. Er betrachtet die Wand. Er betrachtet seit sechzig Stunden die Wand.
Im Wagen hinter dem Tender ist die Apotheke und das Operationszimmer, mit dem Zinkblechtisch in der Mitte. Im vorletzten Wagen schlafen die Sanitätssoldaten. Im letzten Wagen des Zuges liegen die, die während der Reise verendet sind. Der letzte Wagen füllt sich allmählich.
Niemand weiß den Grund, auch der Stabsarzt weiß nicht, weshalb die Irren, die kurz vorher noch lachend und schwätzend in dreifachem Kreise am Boden gehockt sind, jetzt ganz still an den vier Wänden entlang auf der Bank sitzen. Einer dicht neben dem andern. Aufrecht. Schweigend. Blicklos. Alle Hände liegen auf den Schenkeln. Ernste Puppen.
Ein Irrsinniger, ganz unverwundet, ein dreißigjähriger Mensch, in dessen ernstem Gesicht noch die Züge früheren Geistes zu sehen sind, steht auf, streckt ein geöffnetes, leeres Streichholzschächtelchen dem Stabsarzt hin und sagt: „Sehn Sie, hier sind die Augen meiner Mutter. Meine Mutter hat sich um mich die Augen herausgeweint und sie mir in diesem Schächtelchen zugeschickt . . . Braune Augen. Sie hat sie sich herausgeweint.“
„Ja, das stimmt“, sagt der Stabsarzt, der in vielen ‚Metzgerküchen‘ und ‚Tanzsälen‘ drei Jahre lang knapp hinter der Front amputiert hat und, von einem Plane, von einem Entschlusse, von einer scharf umrissenen Absicht plötzlich erleuchtet, sofort nach dem Erwachen aus der Ohnmacht Urlaub verlangt und erhalten hat.
Der Stabsarzt liebt die Nebenwege und Winkelzüge nicht. Nach seiner Meinung sind das herrschende europäische Winkelzugsystem, die Halbheiten, der Lügenknäuel mitschuld am Kriege.
‚Wenn mich der Oberst fragt, warum ich Urlaub haben will, antworte ich nicht: ‚Weil ich überarbeitet bin‘, sondern ich sage zu ihm: ‚Ich habe drei Jahre lang Soldatenbeine und -arme abgesägt; jetzt habe ich die Absicht, dafür zu wirken, daß Soldatenbeine nicht mehr abgesägt werden. Dazu muß ich ins Land zurück.‘
In zwei Ecken erheben sich ganz gleichzeitig zwei Irre; sie hocken auf den Boden nieder. Und unversehens steht der Stabsarzt wieder im Mittelpunkt eines dreifachen Kreises von Irren, die am Boden hocken, lächeln, lachen, schweigen, schwätzen. Einer schreit lustig und ausdauernd „Bö!“ zur Wagendecke empor. Dabei schließt er die Augen; seine Nase bekommt Runzeln und der gespitzte Mund wird klein und rund. „Bö!“
Der Stabsarzt wird von der Alarmglocke aus dem Wagen der Irrsinnigen herausgerissen. Und springt, schneller als der Zug fährt, in der Fahrtrichtung den Gang vor, in einen Wagen. Und hinein in die Blutlache am Boden.
Der von den Schmerzen auf die Pritsche festgenagelte, reglos liegende Soldat kann nur mit seinen Augen den Stabsarzt aufmerksam machen auf den Kameraden, für den er geläutet hat.
Der Kamerad hat den Verband von seiner zerfetzten Hüfte heruntergerissen, ist dabei aus dem Bett gestürzt, macht ein sehr befriedigtes Gesicht, und ist schon tot. Er wird, vorbei an den Blinden, die fragend und tot blicken, hintergetragen in den Leichenwagen. Ein armlanger, scharfzackiger Fetzen von einem großen Geschoß hat ihm die rechte Bauchwand eingedrückt, die Hüfte zersplittert und die Hoden weggerissen. Zehn Tage und zehn lange Nächte hat er gebraucht zu dem Entschlusse, den Verband herunterzureißen.
Alle liegen, von den Schmerzen auf die Pritschen festgenagelt, reglos wie Tote. Jeder fühlt dem nächsten Stoß entgegen, der bei jeder Schienenverbindung erfolgt. In jeder Sekunde ein Stoß, hinein in die Schmerzzentrale.
Das schmale, lange, rollende Spital, gefüllt mit dickem Karbol- und Wundgestank, tastet sich, von frischer Luft umspielt, durch die schwerfarbige, schimmernde Herbstlandschaft, vorüber an den Grenzdörfern, deren Bewohner an den Schranken stehen, Hüte und Taschentücher schwenken, „Hurra!“ schreien. Viele Militärzüge, mit Truppen, die an die Front oder in Urlaub fahren, passieren diese Gegend.
Der Sanitäter steht am Fenster und schüttelt den Kopf, winkt mit der Hand ab; die schon zum Hurraschreien aufgerissenen Münder bleiben rund und lautlos offen. Langsam kriecht der Zug vorüber an den Verstummten, die nur die Hinterköpfe der liegenden Soldaten sehen. Die Kolbenstange der Lokomotive steigt, greift vorsichtig und behutsam wie die Hand eines Taschendiebes vor, sinkt, zieht zurück, stiehlt sich vor. Langsam.
Der Stabsarzt kann den Grad der Gefühlsverfeinerung der Dorfbewohner am Aussehen und an der Lage des Dorfes erkennen, am Baustil der Kirche, an der Profillinie der umliegenden Wälder und Hügel; daran, wie das Dorf in die Landschaft hineinkomponiert ist, erkennt der Stabsarzt: ‚Die werden nicht hurra schreien.‘ Der Stabsarzt macht über viele Gedankenzwischenglieder weg einen Sprung zu dem Gedanken: ‚Die Landschaft ist das Vaterland für den Menschen.‘
‚Die schönen Felder, die schönen Felder, o, das Vaterland‘, denkt der Soldat, der für den Kameraden geläutet hat und hinaussieht auf die Felder, die, langsam und sanft einen Bogen beschreibend, an seinen Augen vorüberziehen. Er hat seit langer Zeit die heimatliche Erde nicht gesehen. Und in die Weichheit seines Herzens brennt sich tief das unabänderliche Unglück ein: „Was sind für mich die schönen Felder, die Wälder, das Vaterland . . . Mein Arm, den ich nicht mehr habe, ist mein Vaterland . . ., das ich nicht mehr habe.“
Und der Bauer, im Bett über ihm, weiß, daß kräftige Beine vor Müdigkeit singen, wenn man einen kilometerlangen Acker Furche neben Furche umgelegt hat, und weiß, daß er nie mehr pflügen wird, da er nur noch ein Bein hat.
‚Schön, schön, wunderbar, aber nicht für mich‘, ist der Gedanke, der in jedem Wagen von zwanzig auf Lebenszeit ins Siechtum gestellten Soldaten gedacht wird, von dreihundertfünfzehn Soldaten gedacht wird. Fünf sind während der Reise gestorben. Und die fünfundzwanzig Irren leben auf einem anderen Planeten.
‚Das Unikum‘, ein Soldat, dem beide Arme und beide Beine fehlen, auch dieser Rumpf denkt noch; er denkt: ‚Schön, schön, wunderbar, aber nicht für mich.‘
‚Was nützen mir die schönen Auen.‘ Diese Verszeile, die am Morgen ein irrer Soldat in den Wagen hineingerufen hat, entsteht immer wieder im Gehirn des Unikums. Meistens schläft er; er schläft ein mit der Verszeile: ‚Was nützen mir die schönen Auen.‘
Er ist nicht der einzige, dem der Stabsarzt beide Arme und beide Beine amputiert hat; aber alle anderen sind gestorben. Das Unikum ist am Leben geblieben.
Der Stabsarzt schlägt die Decke zurück, betrachtet das Unikum und denkt: ‚Wie schmal ist der Zug im Vergleiche zu der weiten Breite der Landschaft, durch die er fährt . . ., deshalb fährt auch die Landschaft nicht durch den schmalen Zug, sondern der Zug fährt durch die breite Landschaft.‘
Derartig überspitzte Gedanken hat der Stabsarzt oft in der letzten Zeit. Mit ihnen will er die Realität festhalten. Die Realität, die er im Laufe von drei Jahren, ausgefüllt mit Gliederabschneiden, in einer solchen Furchtbarkeit kennen gelernt hat, daß er oft stundenlang an das Vorhandensein der Realität nicht glauben kann. Aber er rechnet mit ihr, will mit ihr rechnen. Seine Absicht, wegen der er Urlaub genommen hat, veranlaßt ihn, sich die Realität nicht entgleiten zu lassen. Er will die furchtbare Realität in den Dienst seiner Absicht stellen.
Deshalb erlöst er auch das Unikum nicht mit einer Dosis Morphium, obwohl er, der Träger eines tiefen, von eigener Meinung diktierten Verantwortungsgefühls, schon viele, die nicht so elend waren, durch Morphium erlöst hat.
Knapp unter den Schulterblättern, knapp unter dem Rumpfe starren die Gliederstumpfe. Rosaviolett. Nach obenhin braungrüne Ränder. Die Spitzen, zusammengedrehte Mißgewächse aus Muskelsträngen und Haut, sind grau.
Wie der Säugling im Kinderwagen, ist der Rumpf auf die Bettpritsche festgeschnallt. Dem Rumpfe wird das Gesicht gewaschen. Dem Rumpfe wird die Nase geputzt. Der Rumpf wird gefüttert. Der Rumpf wird auf das Klosett gesetzt. Wird dabei gehalten. Der Rumpf hat noch einen Geschlechtsteil, hat Augen, in denen die Seele steht, hat einen Mund, mit dem er sagt:
„Bitte, Herr Stabsarzt, sagen Sie mir, wie soll ich leben? Was soll ich tun? Was soll ich tun?“
‚Diese Frage soll einer von den Herren beantworten, die an Ketten gelegt werden‘, denkt der Stabsarzt. Und schweigt; denn er weiß die Antwort nicht.
„Hurr . . . . . . a!“
Der langgezogene Schrei eleganter Sommerfrischler, die an der Schranke stehen, trifft die Ohren von dreihundertfünfzehn still- und langgestreckt liegenden Schwerverwundeten, trifft die Ohren des Rumpfes.
„Was soll ich tun, Herr Stabsarzt?“
Der Sanitäter steht am Fenster, schüttelt den Kopf, versucht, mit der abwinkenden Hand die Begeisterungsschreie in die Münder zurückzudrücken.
„Hurr . . . . . . a!“
Der Stabsarzt zieht den Blick von dem Stück angeschnallten Menschenfleisch zurück; er sieht die weiche, schmachtende Hüftlinie der schönen Blondine, deren hochgestreckte Hand mit dem Spitzentüchlein winkt, vorübergleiten. Und weiß die Antwort nicht. ‚Diese entzückende Körperlinie . . . Wie schön. Wunderschön. Aber dumm, so dumm.‘
„. . . . . . a!“
Die behutsam vorgreifende Kolbenstange der Lokomotive zieht den Zug am anhaltenden Schrei vorüber. Langsam.
„Schmeckt Ihnen das Essen?“ fragt der Stabsarzt. Und wendet sich weg. Denn er fühlt wieder, daß ihm der Glaube an das Vorhandensein der Realität entgleiten will, beim Anblick des Rumpfes.
„Zu Befehl, Herr Stabsarzt!“
‚Zu Befehl! . . . Das ist nicht möglich. Nicht möglich! Daß er ‚zu Befehl‘ gesagt hat‘, schreit innerlich der tief entsetzte Stabsarzt. ‚Nicht möglich! . . . Der seelenmordende Herrengeist, der Geist der Knechtschaft, Disziplin, Unterordnung und der falschen Pflicht, der selbst diesen Rumpf noch sagen läßt ‚zu Befehl‘, hat den Krieg mitverschuldet.‘
Der Stabsarzt denkt noch brennend scharf, daß dieser Geist mit Halbheiten, mit kleinen oder großen Reformen nicht überwunden werden kann; und wird von einer Empfindung, die vom tiefsten Urgrunde des Seins aufsteigt, plötzlich zum Rumpfe zurück und auf die Knie gerissen.
Unbewußtes Zartgefühl veranlaßt ihn, die Hände nicht zu gebrauchen, da ja auch der Rumpf Hände nicht gebrauchen kann in dieser großen Sekunde, in der das Wort „Bruder“ wiedergeboren, neugeboren, der Wahrheit und der Menschheit zurückgegeben wird vom Stabsarzt, der, die Hände auf dem Rücken, die Augen, die Stirn, die Wangen des Rumpfes küßt und in wilder Hingabe: „Bruder“ sagt. „Wir sind Brüder. Du und ich sind Brüder.“
Zwanzig erschütterten Soldaten wird das verarmte Herz berührt von dem Worte „Bruder“. Nicht mehr erhofftes Glück steht groß im Wagen.
Der Stabsarzt steht in der Mitte und verkündet allen das neue, das wieder erneute Gesetz der Liebe: „Ich sage euch: wir sind Brüder.“ Er sagt das Wort laut, nicht weich. Die Wahrheit klingt im Tonfall seiner Stimme.
Finsternis reißt entzwei; die Morgenröte der neuen Zeit steigt, trifft und verklärt die zwanzig Soldatengesichter.
Verkünde einem zu lebenslänglichem Zuchthause Verurteilten, der schon zehn Jahre, Nacht um Nacht, dreitausendfünfhundert lange Tage in der gleichen Zelle geatmet hat, und der weiß, daß er diese Zelle nie verlassen wird, verkünde ihm plötzlich, er sei frei, könne gehen, könne jetzt sofort hinausgehen in die Freiheit, so wird er noch eine halbe Stunde in seiner Zelle bleiben wollen. Das plötzliche Glück ist so ungeheuer groß, daß es ihn zu verbrennen droht.
Auch der Rumpf wagt nicht, sich dem Glücke sofort zu überlassen. Schon allein die ihn plötzlich durchfließende Gewißheit, daß es da ist, daß auch für ihn ein Glück noch möglich ist, kann seine Seele verwirren. Er wagt noch nicht, das Wort „Bruder“ zu flüstern, und weiß, daß er es flüstern, sprechen, beten wird. „Bruder.“ So schläft er ein. Und träumt sofort die wunderbare Antwort, die ihm der Stabsarzt gab auf die Frage: „Was soll ich tun? . . . Bruder.“
Der Geist durchdringt den Zug, dringt in alle Wagen, in die Herzen aller Soldaten ein. Und wird von der Lokomotive langsam in das Innere des Landes getragen, der Absicht des Stabsarztes zu dienen, der im Gange bei den Blinden steht, vor einem Soldaten, der kein Gesicht mehr hat.
Von der Stelle, wo das Kinn war, bis zum Haaransatz bei der Stirn: — eine Fläche. Oben verbreitert durch die Ohren. Kein Mund. Keine Zähne. Keine Nase. Keine Augen. Alles ist weg. Zwei Löcher, wo die Nase war. Ein kleines, lippen- und formloses, narbiges, schiefes Loch, wo der Mund war. Die Augenlider, die Augenbrauen, die Augen sind ganz weg: eine grauenvolle Fläche, entstellt durch farbige Narben und Mißgewächse aus Haut.
Der Stabsarzt sieht die flache, leere Riesennarbe an und fragt: „Sagen Sie, Lieber, erkennen Sie Ihre Bekannten schon an der Stimme?“
Der Soldat macht eine ungeheure Anstrengung, ein Wort zu formen. Die rote Zungenspitze durchstößt immer wieder das schiefe, lippenlose Loch. Er gestikuliert mit den Händen.
Jetzt erst erinnert sich der Stabsarzt, daß der Mann nicht sprechen kann, weil er keinen Mund, keine Zähne mehr hat. Und drückt in grenzenloser Liebe die Narbe an seine Wangen.
Der Gefühlssturm, der den Soldaten durchfliegt, wird nicht sichtbar, da der Soldat kein Antlitz hat. In wilder Erregung tastet er nach der Menschenhand, preßt sie. Und steht im Glücke, das nicht sichtbar werden kann.
Der Stabsarzt verkündet den Blinden das neue, das erneute Gesetz.
Herzen ziehen sich zusammen. Krampfhaft. Schmerzlich.
Und öffnen sich weit.
Die Alarmglocke ruft. Zusammen mit dem aufgeregt winkenden Sanitäter springt der Stabsarzt in den Wagen der Irrsinnigen hinein.
Das in der Lokomotive über dem Manometer angebrachte Telephon klingelt. Der Lokomotivführer wird hastig aufgefordert, schneller zu fahren und im nächsten Dorfe zu halten.
Ein Irrer hat sich unterm Knie die Sehnen, die Hauptadern, die tieferliegenden Arterien durchschnitten, die ganze Wade weggeschnitzt. Bis zum Knochen. Das Blut strömt. Niemand weiß, woher er die kleine Gilletterasierklinge hat.
Alle Irren sitzen dicht nebeneinander an den vier Wänden entlang, reglos auf der Bank. Ernstes Publikum. Der Schwerverwundete wird hinausgetragen. An den Blinden vorbei. In den Operationswagen.
Die Apfelbaumallee gleitet schnell nach rückwärts. Schneller. Saust nach rückwärts. Die Stöße erfolgen schneller, heftiger. Schmerzensschreie werden laut.
Telegraphenstangen, ein vereinzelt stehendes Haus, ein pflügender Bauer, eine Scheune stürzen nach rückwärts. Die weiße Landstraße saust mit dem Zuge.
Der Irre ist schon entkleidet. Liegt auf dem Operationstisch. Wehrt sich wütend. Kann schwer gehalten werden.
Donnernd über eine Brücke, Wasser blitzt auf.
Das Blut strömt dick. Wird vom Herzen stoßweise zu den offenen Adern hinausgepumpt. Der Stabsarzt kann die Adern des Wütenden nicht abbinden. Läßt ihn festschnallen. Äthermaske.
Der Turm der Dorfkirche erscheint gleichzeitig mit dem Ertönen des langgezogenen Warnungspfiffes.
Die Mütze des herbeieilenden Stationsvorstandes leuchtet rot auf. Und während der Zug einläuft und, unter Schmerzen für die Verwundeten, heftig stoßend allmählich auf ein Nebengeleise rangiert wird, ist der Stabsarzt schon mitten in der blutigen Arbeit.
Der Zug steht.
Jetzt erst vernehmen die still werdenden Bauernkinder das laute, vielstimmige Stöhnen.
Der Stabsarzt arbeitet hastig. Die obere Gesichtshälfte des Narkotisierten gewährt den Anblick eines friedlich Schlafenden; der ganz schmal geöffnete, starre Mund lächelt ein spitziges, bewußt boshaftes Lächeln. ‚Ich sterbe doch.‘
‚Ich muß das Bein retten . . . Gerade dein Lächeln veranlaßt mich, das Bein zu retten‘, denkt der Stabsarzt, während er mit der Sonde arbeitet, mit der Pinzette die Arterien zurechtlegt in ihre anatomische Ordnung, die Arterien und die Hauptadern abklemmt, die durchschnittene, zurückgeschnellte Sehne hervorzerrt. Schnell, exakt, fast schon automatisch. ‚Wärst du unheilbar irr, dann würdest du mir nicht dieses schadenfrohe Lächeln zeigen können, das deiner Tat so genau entspricht. Bist heilbar. Und kannst deine Beine brauchen!‘
Dabei sieht er, so oft er den Kopf hebt, über die Bauernkinder, die auf den Zehenspitzen stehen und doch nur die blutigen Arzthände sehen können, schnell hinweg und zur Güterhalle, wo eine Menschenansammlung ist, die sich beständig vergrößert: Weiber, Bauern, einige Soldaten, die auf Urlaub sind. Die rote Mütze des Stationsvorstehers. Auf einer Kiste steht ein Mensch und spricht.
Satzfetzen dringen bis zum Stabsarzt herüber.
Ein kleiner Bauernjunge neigt sich zu einem andern, flüstert, deutet mit dem Zeigefinger. Er hat ein Instrument aufblitzen sehen. Sein Mund bleibt offen.
„. . . und wenn im Kriege fremdes Land erobert wird, dann ist das gar keine Ehre, sondern Raub“,
hört der Stabsarzt, wundert sich, daß jetzt das boshafte Lächeln verschwunden ist.
„Wenn ein Bauer glaubt, er könne, nur weil er kräftiger ist, einem schwächeren Bauern Land wegnehmen, dann ist er kein Ehrenmann, sondern einfach ein Räuber.“
Der Stabsarzt vernimmt zustimmende Antworten. Und einen lauten Zuruf. Sein Staunen wird zu Befriedigung. Seine Absicht steht groß und ausführbar vor ihm.
„. . . natürlich, da haben Sie ganz recht, natürlich ist der Bauer außerdem noch dumm. Denn er wird gestraft. Muß gestraft werden.“
‚Werden an Ketten gelegt werden.‘
„Es wird einen Prozeß geben. Streit und Haß . . . Ebenso ist es, wenn im Kriege Land erobert wird: Haß, Vergeltung. Ein neuer Krieg.“
‚Ist denn das wirklich eine Frau? Eine Frau?‘ denkt der Stabsarzt und hört sie sagen:
„Mein Mann war Versicherungsagent . . .“
Die Glocke der Dorfkirche beginnt zu läuten, übertönt die weiteren Worte. Der D-Zug saust durch die Station. Der Operierte wird vorsichtig vom Tische heruntergehoben.
Die Art, wie die Bauersleute um die Sprechende herumstehen, zuhören, kommt dem Stabsarzt bekannt vor. ‚Das Ganze sieht improvisiert aus.‘ Der Stabsarzt möchte hingehen. ‚Und vielleicht fünf Minuten lang sprechen . . . Drei Minuten Zeit könnte ich mir vielleicht nehmen.‘
Das Stöhnen der dreihundertfünfzehn Soldaten klingt zusammen in einen Ton. Im Wagen der Irrsinnigen platzt eine Lachsalve.
Der Stationsvorsteher springt von der Menschenansammlung weg zum Lazarettzug: der Schnellzug sei durch; der Lazarettzug müsse jetzt weiterfahren, damit die Strecke frei werde.
‚Tatsächlich, der Vorsteher läuft gleich wieder hin. Interessiert sich.‘ Das freut den Stabsarzt sehr. Jetzt erst erinnert er sich, daß er, wenn der Zug langsam an den Dörfern vorübergefahren war, vor den Kneipen, vor den Kirchen, vor den Rathäusern schon öfters solche improvisiert aussehenden Gruppen herumstehender Bauern bemerkt hat, die aussahen, als warteten sie auf etwas.
‚Hat die alte Ordnung, Zucht und Meinungslosigkeit Risse bekommen? Ist auf unkontrollierbaren Wegen der neue Geist schon bis zu den Bauern gedrungen? . . . Die Bewohner vieler Dörfer haben nicht hurra geschrien, sind stumm und nachdenklich an den Schranken gestanden, im auffallenden Gegensatze zu den noch hurra schreienden Bewohnern der Grenzdörfer.‘
Der Zug hat nach mehrfachem Vor- und Rückwärtsfahren, unter Pfiffen und Pufferstößen und unter Wimmern, Stöhnen und Keuchen der Verwundeten das Hauptgeleise wieder erreicht. Und rollt.
Während der Stabsarzt zurückblickt und sieht, wie der Weichensteller aus dem Hebelhäuschen schnell heraus und auch auf die Gruppe zuläuft, stoßen seine Gedanken vor in die kommende Zeit. Er empfindet das erstemal in seinem Leben, mit einer ihn tief berührenden Feierlichkeit, daß der Gedanke Macht und Wirkung erlangt hat; daß die Untertanen, die bisher als meinungslose, gedankenlose Einzelzellen dem nationalen Riesenuniversalgehirn willen- und machtlos zugeteilt und untergeordnet waren, begonnen haben, sich loszureißen, Einzelwesen mit eigenem Gehirn, eigener Meinung zu werden.
‚Sie beginnen, zu denken. Das ungeheure Leid hat die Verkalkung zerbrochen. Der Geist zieht über das Land. Das Alte bricht auseinander, getroffen vom Leide und von der wilden Sehnsucht nach Freiheit. Der Einzelne will sein Schicksal selbst gestalten. Der Einzelne beginnt, zu denken.‘
Mit feierlicher Gewißheit weiß der Stabsarzt, daß der Anbruch des neuen Zeitalters, in dem der Mensch gut sein darf, nahe herbeigekommen ist. Frohlockend fühlt er, daß seiner Absicht, der neuen Zeit, dem neuen Geiste, dem revolutionären Geiste der Liebe zum Durchbruch zu verhelfen, die Ereignisse entgegenkommen.
Damit, wie der Stabsarzt durch den Gang und durch die Wagen schreitet, zu den Verwundeten spricht, sie anblickt, revolutioniert er den ganzen Zug. Das Überzeugende liegt mehr im Tone seiner Stimme und im Ausdruck seines Gesichtes, als in den Worten, mit denen der Stabsarzt ohne Haß und ohne Freude den Soldaten beweist: „Die werden an Ketten gelegt werden.“
Augen glänzen. Verehrung und stürmische Liebe empfängt überall den Stabsarzt.
Er bittet zwei Sanitäter, einen hilflosen Krüppel vom Bett herunterzuheben. Der Krüppel soll zeigen, ob er in einem fahrenden Zuge laufen kann; er bekommt seine zwei Spazierstöckchen in die Hand. Die Stöckchen sind nur fünfzig Zentimeter hoch. Der Krüppel gewährt den Anblick eines halbgeöffneten Taschenmessers. Der Krüppel ist ein rechter Winkel. Ein Geschoß hat ihm den Rückenwirbel zersplittert. Und der Rückenwirbel ist falsch zusammengewachsen. Der Krüppel kann sich nicht aufrichten. Kann sich in seinem Leben nie mehr aufrichten. Er geht, ein wandelnder rechter Winkel, am Stabsarzt vorüber, wendet sich um, langsam wie eine Kuh, hebt mühsam das Gesicht, fragt den Stabsarzt mit den Augen. Und muß den Kopf gleich wieder sinken lassen: das Gesicht steht wieder horizontal zum Boden. Der Mensch mit den zwei niedrigen Spazierstöckchen sieht aus wie ein vierbeiniges Tier.
Der Stabsarzt überlegt, was er schon während der ganzen Reise überlegte: ob er wagen soll, den Rückenwirbel noch einmal zu brechen und den Mann aufzurichten, damit der Wirbel richtig zusammenwachsen kann. ‚Es ist fast unmöglich, eine tödliche Verletzung des Rückenmarkes dabei zu vermeiden‘, denkt der Stabsarzt. Denkt: ‚Werden an Ketten gelegt werden.‘
Und läßt den Menschenwinkel wieder auf das Bett zurücklegen.
„Und im Grunde sind wir alle Kameraden“, sagt zu sich selbst ein Soldat, der sich vorstellt, daß auf vielen Geleisen von Europa langsam solche Züge fahren, gefüllt mit Krüppeln, Irren, Blinden. „Sie haben uns verwundet, wir haben sie verwundet. Und im Grunde sind wir alle Kameraden.“
Das lange, schmale Spital schiebt sich durch die schon abendliche Herbstlandschaft. Der Stabsarzt muß immer wieder das Wort ‚Auflösung‘ denken, wenn er vom Fenster aus die improvisierten Gruppen herumstehender Bauern sieht. Auch einen mit hinkenden Soldaten untermischten großen Zug von Bauern, dem ein Kruzifix und eine rote Fahne vorangetragen werden, überholt langsam das Spital.
An die Realität dieses Ereignisses will der Stabsarzt nicht glauben. Erst die Einzelheiten überzeugen ihn: ein Feldarbeiter, der seine Hacke schultert, eine Ackerfurche entlang läuft und sich dem Zuge der Bauern anschließt; ein beinloser Soldat, der, neben der Fahne, mitkrückt; die lange Staubwolke, die hinter dem Zuge steht.
Der rote Schein der untergehenden Sonne trifft den Zug, das Kruzifix, und durchleuchtet rosa die Staubwolke.
‚Sie trieben die Lüge auf die Spitze: sie befahlen, die Kirchenglocken in Geschosse umzugießen, und gebrauchten zu diesem Befehle die Worte ‚Gott‘ und ‚Christentum‘. Sie vergaßen, daß der Untertan begonnen hat, zu denken.‘
Die Hauptstraße eines Städtchens, an dem das Spital vorbeikriecht, ist schwarz von langsam sich bewegenden Menschen.
‚Das Leid zog durch das ganze Volk, ließ sich in jedem Hause nieder. Das Leid entfesselt das Ereignis.‘
Im Stabsarzt läßt sich Stille nieder, voll und schön wie die Nacht, aus der das Frührot bricht.
Überrascht bleibt er vor dem Wagen der Irrsinnigen stehen: sie hocken nicht am Boden in dreifachem Kreise, sitzen nicht, ernsten Puppen gleich, reglos an den Wänden entlang, sondern gehen alle im Wagen umher, um einander herum, in Schlangenlinien kreuz und quer, beständig und unregelmäßig, meditierend, gestikulierend, den Blick zu Boden gerichtet. Tief mit sich selbst beschäftigt. Der Schein der untergehenden Sonne trifft rot ihre Gesichter.
Ein Irrer wendet sich plötzlich um, geht schnell auf den Stabsarzt zu und sagt: „Jehovah sitzt in meinem Bauche . . . Jehovah ist eine der Wissenschaft ganz unbekannte Masse.“ Er lächelt den Stabsarzt wohlwollend, mitleidig und mit einem Schein von Schadenfreude an, weil der davon nichts weiß. Hebt die Schultern: „Tut mir leid, eine der Wissenschaft ganz unbekannte Masse.“
Erst als der Stabsarzt den zweiten Alarmruf vernimmt, klingt auch der erste, den er überhört hat, in seinen Ohren.
Der übermüdete Sanitäter, der den operierten Irren bewachen sollte, war sitzend eingeschlafen und zu spät aus dem Schlafe aufgefahren.
Die blutigen Fetzen des Verbandes liegen auf dem Boden, im blutnassen Bett, hängen vom Bein herunter. Fleischfetzen hängen vom Bein herunter. Der Operierte hat die sorgfältige Arbeit des Stabsarztes zerstört. Hat die Fingernägel in die Wunde tief hineingebohrt und alles herausgerissen. Das Herz pumpt das Blut stoßweise zu den offenen Adern hinaus. Der Mann ist bei Bewußtsein und keucht. Das Bein ist verwüstet. Muß amputiert werden.
Der Kranke liegt still, blickt den Stabsarzt wie aus einem tiefen Abgrunde heraus ruhig und müde an. Und sagt plötzlich, langsam und klar: „Lassen Sie, bitte. Will nicht.“
Der Stabsarzt bittet zögernd zwei Sanitäter, den Blutüberströmten in den Operationswagen zu tragen.
Und wendet sich um zu einem andern Kranken, der vorgebeugt auf dem Stuhle sitzt und, mit jedem Buchstaben mehrere Male Atem holend, „Herr Stabsarzt“ zu sagen versucht.
Der Mann hat einen Schuß in den Magen bekommen. Das Zwerchfell ist verletzt. Luft ist in die Brusthöhle eingedrungen und komprimiert die Lunge. Unaufhörliche schwerste Atemnot. Auch wenn er nicht spricht, muß er ununterbrochen in rasender Folge Atem holen. Sein Gesicht ist blau. Er ist total abgemagert. Sieht zum Stabsarzt auf mit einem Blicke, der aus Bitten, Frage und Angst besteht. Und atmet. Und atmet. Schnell wie ein Hund, der einem Automobil nachgerast ist. Er will am Leben bleiben. Sein bittender Angstblick fragt, ob es ihm einmal wieder besser gehen werde.
„Ja, es wird besser werden“, sagt der Stabsarzt. Und denkt: ‚Im Laufe von drei bis vier Jahren . . ., wenn nicht vorher seine Kraft schon erschöpft und seine komprimierte Lunge nicht schon vorher abgestorben ist.‘
Schon oft hat der Stabsarzt überlegt, welcher von seinen Kranken der Beklagenswerteste sei. Und hat sich, wenn er machtlos vor diesem Atmenden stand, der während des ganzen Tages und in den schlaflosen Nächten nie eine Sekunde lang von seiner schweren Not zu erlösen ist, für ihn entschieden.
Und wenn er dann vor dem Rumpfe steht — — —
Und wenn er vor dem Menschen steht, der keine Augenbrauen, keine Augenlider, keine Augen, keine Nase, keinen Mund, kein Gesicht mehr hat — — —
Und wenn er vor dem ‚Rechten Menschenwinkel‘ steht — — —
Und wenn er im Wagen der Irrsinnigen steht — — —
Langsam kriecht der Zug durch die breite Landschaft in den Abend hinein.
Der Stabsarzt steht vor dem Operationstisch. ‚Das Kniegelenk wenigstens kann gerettet werden‘, denkt er. Und beginnt: klemmt die Hauptadern und die tieferliegenden Arterien ab, zerrt so weit wie möglich die Sehne vor, die unter dem Stumpfe verwachsen und, zusammen mit der Haut und den Muskelsträngen, das Polster für das künstliche Glied liefern soll.
Der langsam fahrende Zug klappert dazu langsam die Melodie von ‚Deutschland, Deutschland über alles‘, tröpfelt die Melodie in das vergebens widerstrebende Gehirn des Stabsarztes hinein. Er will dem langsamen Tempo des Zuges die Melodie von ‚Nun danket alle Gott‘ unterlegen. Es gelingt ihm nicht. ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ behauptet sich hartnäckig. Und zu der Melodie entstehen im Gehirn des sägenden Stabsarztes plötzlich von selbst die Worte:
Zwang und Blut, Gewalt und Messer
Über alles in der Welt!
„Sieg!“ schrein Land- und Menschenfresser,
Damit nichts zusammenhält.
Amputiert die Menschentröpfe,
Resezieret alles mit,
Öffnet Bäuche, Mägen, Köpfe,
Schneidet durch den Lebenskitt!
Die furchtbare Wildheit erstarrt im Gesichte des Stabsarztes. Der Knochen ist durchgesägt. Unterm Knie. Der Sanitäter schiebt das abgesägte Bein zur Seite.
Der Amputierte liegt reglos. Seine Lippen sind weiß.
‚Sein Mund weint . . . Kann denn ein Mund weinen?‘ denkt der Stabsarzt, nimmt die Metallklemmen von den Adern ab, reinigt noch einmal sorgfältig die blutrünstige Innenseite der aufgesparten Haut.
Und während er die Hautlappen und die durchschnittenen Muskelstränge unter dem Stumpfe miteinander verbindet, klappert langsam der Zug weiter seine Melodie von ‚Deutschland, Deutschland über alles‘. Und aus dem Gehirn des Stabsarztes fallen die Worte heraus und in sein Herz:
Dunkle, wilde Leidenssphäre
Hüllet die Millionen ein.
Seht das neue Feld der Ehre:
Kampf um Liebe, Recht und Sein!
Die gewaltgen Krüppelheere
Brechen in den Lichtkreis ein
Jener großen, tiefen Lehre:
Menschen werden Brüder sein.
Eine weithin übersehbare Ebene, die schon in abendblauer Dämmerung liegt. Der Zug schleicht langsam weiter, vorüber an großen Reklametafeln.
Der Stabsarzt denkt: ‚Von allen Seiten kommen die langen, schmalen Spitale ins Land, auf allen Geleisen tragen die Lazarettzüge die Krüppel ins Land. Täglich seit drei Jahren. In alle Städte, in alle Städtchen, in alle Dörfer.‘
Er sieht in der Ferne die niedere, schwarze Silhouette von Berlin. Das Ziel der Reise.
Er will nicht glauben, daß dies die Sonne ist: eine ganz kleine Scheibe, nicht größer als eine halbierte Blutorange, dunkelrot wie eine halbierte Blutorange, steht tief am gefleckten Himmel krank und düster hinter Berlin.
‚Wie eine tödliche Wunde.‘
„Dunkle, wilde Leidenssphäre
Hüllet die Millionen ein“,
singt der Stabsarzt im Tempo des Zuges und trocknet, den Blick auf Berlin gerichtet, die Hände ab am Tuche, das sich rosa färbt.

„Wenn Sie den Vertrag nicht einhalten, gerate ich mit meiner ganzen Familie ins Elend.“
„Das täte mir ja sehr leid, wirklich sehr leid . . . Aber in unserer Branche muß, wie Sie ja wissen werden, mein Vertreter fortwährend mit in der Regel sehr vornehmen und, sagen wir . . . empfindlichen Damen verkehren und unterhandeln. Im Geschäftsinteresse. Er muß diese Damen unausgesetzt mit allen möglichen Feinheiten bearbeiten. Das verlangt nun einmal das Geschäftsinteresse. Es handelt sich in jedem einzelnen Falle um den Gewinn oder den Ausfall von Tausenden. Sehen Sie ein, mein Vertreter muß diesen Damen doch . . . die Hand geben können. Das zum Beispiel ist unbedingt notwendig. Aber Sie können das nicht . . . gut, da Sie ja keine Hände haben . . . Tut mir ja wirklich sehr leid, aber diesen Direktorposten können Sie nicht versehen. Das ist unmöglich.“
„Das mag ja . . .“
„Wirklich unmöglich!“
„. . . vor dem Kriege so gewesen sein, . . .“
„Ganz und gar unmöglich!“
„. . . aber für jetzt, für diese Zeit gilt das sicher nicht mehr. Jetzt ist doch jeder anständige Mensch in dieser Hinsicht rücksichtsvoll. Jetzt stößt sich doch niemand daran, stößt sich doch eine noch so vornehme Dame nicht daran, daß ein Mensch . . . keine Hände hat.“
„Jetzt? Gewiß, jetzt vielleicht noch nicht. Aber — es tut mir ja wirklich sehr leid, Ihnen das sagen zu müssen — meiner Meinung nach wird das nicht immer so bleiben. Es wird nicht einmal allzu lange so bleiben . . . Das Leben geht weiter. Bekanntlich. Und ich brauche für mein großes, erstklassiges Unternehmen einen repräsentativen Vertreter, der im vollen Besitze seiner, sagen wir . . . gesellschaftlichen Fähigkeiten ist. Das begreifen Sie. Ja wirklich leid . . . Eine entsprechende Entschädigung — in Grenzen — steht Ihnen natürlich gerne zur Verfügung.“
„Danke. Da bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf den gesetzlichen Rechtsstandpunkt zu stellen. Ihr früherer Vertreter hat, während Sie im Militärdienste waren und bevor er selbst einrücken mußte, einen rechtsgültigen Vertrag mit mir abgeschlossen. Er war von Ihnen ermächtigt, Angestelltenverträge abzuschließen. Der Vertrag ist juristisch unanfechtbar.“
„Also tun Sie mir den Gefallen, und reden Sie nicht von Verträgen. Verträge sind nur . . . Papier. Kanzleipapier.“
Auch der verstümmelte Herr erhebt sich. „Darin wird Ihnen kein Richter der Welt, kein objektiver Richter recht geben. Keiner wird sagen, Verträge seien nur Papier.“
„Möglich. Aber, sagen Sie selbst, was kann ich tun? Es handelt sich hier um den exponiertesten, wichtigsten Posten meines ganzen Unternehmens. Halte ich den Vertrag ein, dann wird meine Firma mit mathematischer Sicherheit von der Konkurrenz überflügelt. Und in der Not . . . was tut ein Mensch, der vorwärts kommen will, der etwas erreichen will, sagen wir, ein bestimmtes Ziel erreichen will, was tut der nicht alles in der Not . . . Wir haben in dieser Hinsicht schon ganz andere Dinge erlebt.“
Der Herr ohne Hände fragt noch ganz ruhig: „Und wenn nun alle nach . . . diesem Prinzip handeln würden? Wenn das ganze Geschäftsleben unseres Landes nach dem Prinzip: Verträge sind nur Kanzleibogen, gehandhabt würde?“
Der Kaufmann hebt die Schultern. „Jeder sehe, wie er fertig werde . . . Soweit wie möglich will ich ja gerne die Sache wieder gutmachen. Zu einer entsprechenden Entschädigung — in Grenzen — bin ich jederzeit bereit.“
„Ich sage Ihnen aber: Verpflichtungen müssen eingehalten werden. Verträge müssen eingehalten werden. Das ist ein moralisches Gesetz, das in ganz Europa sogar zum geschriebenen Gesetze erhoben worden ist.“ Das Gesicht des Verstümmelten wird dunkelrot. „Und ich sage Ihnen: es gibt im deutschen Volke noch Menschen, die das Raubsystem nicht mitmachen. Die unser Volk wieder rehabilitieren werden . . . Auf Kosten der Straßenräuber Ihrer Art.“
„Das ist eine Beleidigung. Ich kann Sie belangen“, schreit der Kaufmann in falschem Zorne und freut sich.
Der Verstümmelte geht. Sein Schicksal ist das Schicksal der Kriegsbeschädigten.
Hunderttausende werden mit ähnlichen Gründen abgefertigt von den Unternehmern. Hunderttausende — Schlosser, Schreiner, Spengler, Maurer, Schmiede, Bergleute, Handlanger, Taglöhner, Erdarbeiter, Bauarbeiter — verlassen als Abgewiesene, stillgeworden und hoffnungslos, die Fabriken, die Werkstätten, die Baubüros. In den Arbeitsnachweisen hängen Tafeln, auf denen steht: ‚Für diese Arbeiten kommen nur kräftige, unbeschädigte Leute in Frage‘. ‚Kräftige, unbeschädigte Leute haben den Vorzug‘. ‚Für diese Stellen kommen . . .‘
In keinem Berliner Grandhotel sind Servierkellner angestellt, die künstliche Hände haben. Der Anblick einer Kunsthand verschlägt Gästen, die zehn Mark für das Diner bezahlen, den Appetit. Sie bezahlen in einem anderen Grandhotel lieber zwölf Mark für das Diner und lassen sich dafür von gepflegten Händen bedienen, die gewachsen sind. Das weiß der gebildete Hotelier. Aber sein Konkurrent weiß das auch. Der Servierkellner begreift das auch sehr schnell und wird Zuhälter oder Bordellwirt.
Kinder und Frauen, die sich während des Krieges in die Berufe eingearbeitet haben, lassen sich nicht verdrängen, werden von den Unternehmern den Krüppeln vorgezogen. Nur wenn große Aufträge schnell ausgeführt werden müssen und Mangel an tüchtigen Arbeitskräften ist, stellt der Unternehmer Krüppel vorübergehend ein. Auf Akkordarbeit. Die Entlohnung entspricht genau der Leistung. Die Leistung bleibt weit zurück hinter der des unbeschädigten Arbeiters. Der Krüppel wird entlassen, sobald Ersatz für ihn zu haben ist.
Für Sentimentalität ist jetzt nicht die Zeit. Jetzt nicht. Gewaltige Steuern. Gewaltige Konkurrenz. Gewaltige Bestellungen. Phantastisch kurzbemessene Lieferungstermine. Atemlose Hetze des Unternehmers nach Verdienst. Sein oder Untergang.
Das Tempo eines Kartonnagenarbeiters, der, wenn er das Allernötigste verdienen will, jetzt nicht mehr in zwölf Minuten vierzehnhundertmal, sondern sechzehnhundertmal in zehn Minuten denselben Handgriff machen muß, kann der Beschädigte, auch wenn ihm nur ein halber Finger fehlt, nicht einhalten.
Das Mitleid mit den invaliden Vaterlandsverteidigern fliegt weg. Das Wort des Kaufmanns ‚Das Leben geht weiter‘ schlägt seinen Bogen über die Enterbten des Lebens.
Und gegen die verkrüppelten Kopfarbeiter — Lehrer, Wissenschaftler, Bank-, Magistrats- und Staatsbeamten — holt das Leben von einer andern Seite her aus: junge, streng erzogene Bürgermädchen vertrauen einander freimütig den Entschluß an, Krüppel zu heiraten, um versorgt zu sein, und sich dann an den Gesunden, die zu selten und nicht zu haben sind, schadlos zu halten. Das werde jeder Mensch begreifen.
Der verstümmelte junge Kaufmann steht noch im kostbar und geschmackvoll eingerichteten Vorraume des Geschäftspalastes. Sieht, wie eine jener vornehmen Damen vorfährt, vom Besitzer devot empfangen wird. Und begreift in einer Sekunde, daß das Leben weitergeht. Sein knabenhafter Glaube an die strömende Dankbarkeit gegenüber den tapferen Opfern des Krieges fliegt weg, als er die Verbeugung und das zerfließende Gesicht des Geschäftsinhabers sieht, hinter dessen Rücken das Unternehmen zittert und wackelt und die gewaltigen Steuern und die rücksichtslos strebende Konkurrenz grinsen.
Die heimatlosen, alternden Landstreicher, die Leierkastenmänner, die Straßensänger, die verkrüppelten Bettler, die an der Hausmauer auf dem Pflaster hocken und den Filz vorstrecken, sind keine aussterbenden Erscheinungen einer alten Zeit mehr, sondern zählen nach Hunderttausenden und sind deshalb von Geldsorgen und gewaltiger Konkurrenz nicht weniger hart bedrängt, als der Besitzer des Geschäftspalastes.
„Ich habe ‚Uu!‘ geschrien. Tag und Nacht ‚Uu!‘ geschrien. Das half mir“, erzählt in der Stadtbahn der verstümmelte Kaufmann einem jungen Burschen.
Der Stabsarzt nennt seinen Namen. Wird erkannt. Und läßt sich die Adresse des Verstümmelten geben. Nichts sonst wird gesprochen. ‚Ist auch nicht nötig‘, fühlen beide.
Es liegt in der leidgesättigten Zeit, daß Dinge, die früher erklärt werden mußten, jetzt als Selbstverständlichkeiten ohne Erklärung von manchen Leuten begriffen werden.
Die Absicht, die den Stabsarzt veranlaßt, in Fühlung zu bleiben mit den dreihundertfünfzehn revolutionierten, invaliden Soldaten, die in Berliner Irrenhäusern, Krankenhäusern und zum Teile bei ihren Angehörigen untergebracht sind, führt ihn auch mit dem Kellner zusammen.
Der Kellner sagt unvermittelt: „Uns alle wird man hinrichten . . . vorher.“ Und das kleine Lächeln zeigt seine absolute Bereitschaft zum Sterben für die Idee.
Die Stille steht im Zimmer.
„Sehen Sie“, sagt der Stabsarzt, „das können die Herren heute nicht mehr wagen; sie wissen, daß für jeden Platz, der heute auf diese Weise frei wird, sofort hundert Anwärter da sind, hinter denen Millionen Anhänger stehen. Heute ist das so . . . Auch der mutige Sozialdemokrat sitzt nicht umsonst im Zuchthause; dieses Ereignis bohrt in hunderttausend Köpfen.“
Der Zwanzigjährige sagt: „Zum Beispiel könnte man die ganz hartnäckigen Untertanen auch auffordern: gut, stellt euch einmal glatt auf den Standpunkt der Regierung: ‚Kriege müssen sein. Sieg bringt Macht und Reichtum‘. Und jetzt betrachtet das Resultat: Millionen Tote, Millionen Krüppel, Elend und Leid in jedem Hause, in jeder Familie, ein ausgehungertes Volk, hundert Milliarden Schulden, für die wir, unsere Kinder und Kindeskinder die Zinsen erarbeiten sollen. Und die ganze Welt gegen uns . . . Und jetzt fragt euch: hätten zwölf Männer, die aus dem Vertrauen der Massen emporstoßen, das nicht verhindern können? Nicht verhindern können, daß die ganze Welt gegen uns aufsteht? Besitzen diese Männer aus dem Volke nicht soviel einfache Lebensklugheit, daß sie diesen Krieg und den Zusammenschluß der ganzen Welt gegen uns hätten verhindern können?“
Der verstümmelte junge Kaufmann tritt ein; er kommt von der Unterredung mit dem Besitzer des Geschäftspalastes, erzählt sachlich, was er eben erlebt hat. Und geht wieder.
‚Solche und Milliarden ähnliche Erlebnisse, dazu der Hunger, die phantastischen Steuern und Milliarden andere Erlebnisse‘, denkt der Stabsarzt und denkt an die ‚Metzgerküche‘, ‚ballen sich zusammen . . . Und platzen endlich.‘
Jemand sagt: „Wirklich, eine Sekunde spielt jetzt labil im Raume, schwebt jetzt labil zwischen zwei Ewigkeiten. In dieser Sekunde geschieht der neue Anfang.“
Und der Stabsarzt denkt: ‚Man kann nur auf die Sekunde warten, lauern, in der das Leid so ungeheuer geworden ist, daß das Volk nicht mehr nur leidet, sondern auch darüber nachzudenken beginnt, was und wer dieses ungeheuere Leid verursacht hat. Man muß fühlen, wann dieser Augenblick da ist. Dann muß man die Sekunde aufreißen. Den letzten kleinen Stoß geben.‘ Er denkt brennend an die zwischen zwei Ewigkeiten labil spielende Sekunde, der sich die Ereignisse nähern. ‚Vielleicht schon morgen? In einem Monat? In einem Jahre? In einer Woche? . . . In einer Woche?‘
Der Zwanzigjährige bemüht sich, den Gedanken zu formulieren, daß die Bewegung nicht vom Hunger — „wenigstens nicht vom Hunger allein“ — ihren Antrieb bekommen dürfe. „Das ist nicht durchgreifend genug und reicht nicht weit . . . Dreht sich ins Alte zurück.“
„Der Mensch ist gut“, sagt der Kellner. „Das Gute im Menschen und das unermeßlich furchtbare Leid werden die Bewegung verursachen.“
‚Die Leidtragenden‘, denkt der Stabsarzt, denkt an die zweitausendfünfhundert Kilometer amputiertes Menschenglied.
Und der Kellner sieht die Agentenwitwe, die fanatisierten Kriegswitwen. Er sieht die Mutter, die den gekreuzigten Sohn dem gewaltigen Zuge der Mütter voranträgt.
Alle schweigen. Alle glauben an die Sekunde.
Und plötzlich gewähren alle den Anblick von zertrümmerten Kindheiten, von seelisch restlos erschöpften Menschen, denen nichts mehr geblieben ist, als ihre Idee und der Ausblick in die nahe Zukunft.
Da tritt dieser Mensch ein, über den ein Wort auszusagen, dessen Namen zu nennen, keine Tortur der Welt von den im Zimmer Versammelten erzwingen kann.
Und draußen in den Straßen der Millionenstadt, in allen Häusern aller Städte, in allen Dörfern arbeitet das Leid, rundet sich die Zeit, rollt der Sekunde entgegen.
Massenstreike, nicht nur vom Hunger verursacht, entstehen von einem Tage zum andern, brechen aus, brauchen nicht gemacht, nicht organisiert zu werden. Sind da. Plötzlich legen Hunderttausende das Werkzeug hin. Trotz des raffiniert und glänzend organisierten Zwanges, ruhen die Maschinen.
Aus jedem Fenster jeden Hauses schaut dunkel das Leid heraus. Es gibt keinen Pflasterstein mehr, der nicht schon vom Leide berührt worden ist. Denn es gibt keinen Menschen mehr, den das Leid nicht schon getroffen hat. Und verwandelt hat.
Und das Ungeheuerste wird zum Ereignis: es kommt vor, daß man auf der Straße Menschen begegnet, denen man ansieht, daß sie nicht nur leiden, sondern auch . . . denken.
Der Stabsarzt auf Urlaub, immer unterwegs, von Krankenhaus zu Krankenhaus, von Krüppel zu Krüppel, blickt auf der Straße die Menschengesichter an und denkt: ‚Der Geist bricht los. Und wo der Geist losbricht und Macht und Wirkung erlangt, gehen die Herren der Gewalt von selbst . . ., wenn sie klug sind.‘

Seismographen, die ausschlagen, noch bevor das Erdbeben Ereignis ist, gibt es nicht. Es gibt Seelenseismographen, Menschen, die fühlen, wann die Sekunde da ist, in der das verhärtete, versteinerte Leid eines ganzen, niedergehaltenen, unermeßlich gequälten Volkes plötzlich in Fluß gerät und die Dämme des organisierten Zwanges, der Gewalt, der Lüge, der Autorität, der falschen Pflicht sprengt.
An diesem Tage reißt der Stabsarzt die erste Sekunde des neuen Zeitalters auf:
mit einem Krüppelzuge, der schon früh um neun Uhr aus zwanzigtausend amputierten Soldaten besteht.
Eine halbe Stunde später fünfzigtausend; das Leid schmettert die niedergehaltenen, plötzlich fanatisierten Arbeitermassen in den Zug hinein. Jedes Lazarett am Wege wird vom vorüberwallenden Krüppelzuge ausgesaugt.
Blinde, die Hand auf den Schultern der Armlosen. Irre, die, ernst und schweigend, aufgeregt sprechend, gläubig lächelnd, mitgehen. Beinlose in Selbstfahrern. Zwischen Krücken rhythmisch baumelnde Soldatenkörper. Hinken der Invaliden. Stampfen der Stöcke, Krücken und Kunstbeine auf dem Asphalt.
Ein grauer Zug. Stiller Zug. Endlos. Langsam durch die Straßen. Nicht einem Ziele zu. Sie bewegen sich im Ziele. Tragen das Ziel in sich. Sind selbst das Ziel: denkende Seelenträger.
Sie sprechen nicht. Beratschlagen sich nicht. Das verlorene Augenlicht, die Gliederstumpfe, der entschwundene Verstand, das losgebrochene Leid des ganzen Volkes spricht: lehrt allen leiddurchseuchten Zuschauern, Spaziergängern und Geschäftigen in einer Sekunde das ABC: ‚Einander zu erschlagen, einander zu zerfetzen, ist der Sinn des Lebens nicht.‘
Bei den Zuschauern platzt die dünne Haut. Ekstase flammt. Schreie steigen. Die Wahrheit gerät in Fluß. Die Seele tagt. Und reiht die Träger der befreiten Seele ein in den Zug.
Kein Mensch bleibt zurück. Die durchkrückten Straßen sind leergesaugt.
Kleine Trupps stoßen aus den Nebengassen im Laufschritt auf den Zug zu.
Siebzig Fensterausschnitte eines Lazarettes, dicht ausgefüllt mit den Köpfen heißblickender Soldaten, werden plötzlich siebzig leere, schwarze Löcher: und dreihundert Krüppel und Invalide, noch in der blauweiß gestreiften Anstaltskleidung, humpeln, hinken, schwanken, krücken mit dem Zuge.
Kinder, auf dem Wege in die Schule, verlängern den Zug. Verzweifelte, auf dem Wege zur Kirche, verlängern den Zug. Die Bewohner der engen Gassen, in denen der Gestank der Armut steht, verlängern den Zug. Aus den Parterrefenstern einer Fabrik springen die Arbeiter heraus.
Zwei Regimenter siebzehnjähriger Infanteristen, auf dem Wege zum Religionsunterricht, werden geschluckt.
Dem Zuge voran fährt langsam ein flacher Lastwagen, auf dem sonst mehlgefüllte Säcke transportiert werden. Zwölf kräftige Männer, die zusammen fünf Arme und sieben Beine haben, stehen und sitzen auf dem Wagen. An der Längsstange, an der sonst das zum Schutze für das Transportgut bestimmte Segeltuch befestigt ist, hängen große, farbige Papierlampions. Blau. Rot. Grün. Violett. Rot. Eine Reihe schaukelnder, erleuchteter Papierlampions. Auch die Sonne leuchtet.
Der Atmende, dem ein Geschoß den Magen und das Zwerchfell verletzt hat, ist um acht Uhr früh verendet. Sein noch uniformierter Leichnam sitzt neben dem Kutscher auf dem Bocke. Die angebundene Leiche wackelt. Das Gesicht ist weißlich-grün. Die toten Augen sind offen.
Von der Stange, an der die leuchtenden Papierlampions schaukeln, hängt ein Seil herunter; und in der Schlinge, die unter den Armen um die Brust herumgelegt ist, hängt der Soldat, der kein Kinn, keinen Mund, keine Nase, keine Augen, kein Gesicht mehr hat. Links von ihm hängt ein Seil herunter, das den ‚Rechten Menschenwinkel‘ hält. Er stützt sich auf seine fünfzig Zentimeter hohen Spazierstöckchen. Die Asphaltstraße gleitet vorüber unter seinem Gesicht, das der Krieg horizontal gestellt hat.
In der Mitte hockt der Rumpf erhöht auf einem thronartigen Aufbau mit Rückenlehne, an welcher der Rumpf festgeschnallt ist. Der Rumpf ist nackt. Eine Infanteristenmütze sitzt schief auf seinem Kopfe. Die inkarnierte Liebe lebt in seinen tiefen, ruhigen Augen.
Untertanen, die ihn erblicken, bekommen weiße Lippen, erleben die Sekunde. Menschen, die ihn erblicken, brüllen auf und brechen brüllend in die Knie. Eine Katze faucht entsetzt den Rumpf an und rettet sich unter den Wagen. Kinderhänden entfallen die kleinen Spielzeug-Degen, die Schießgewehrchen aus Blech. Elegante Damen brechen im Weinen zusammen und erheben sich als Magdalenen.
Jesus-Christus allein hat, als er am Kreuze hing und für die Menschheit starb, im Leiden so tiefstes Glück der Liebe empfunden, wie der nackte, von farbigen Lampions beleuchtete, auf den Thron des Krieges festgeschnallte Rumpf empfindet.
Schutzleute erbleichen, erlahmen, erleben die Sekunde. Sein Anblick saugt die Straße leer. Saugt die Menschen aus den Häusern heraus. Aus den Ladengeschäften heraus. Aus der Lüge heraus. In die Wahrheit, in die Liebe hinein.
Es gibt keinen Soldaten, der den Befehl, auf den Rumpf zu schießen, ausführt. Die Division, die hineinschießt in den Zug der Krüppel, in den Zug der Kameraden, gibt es nicht.
Die Rolläden der Geschäfte, an denen der Zug vorüberwallt, rasseln herunter. Ladnerinnen, Hausdiener, Liftjungen schließen sich an. Staunende Kommis zögern, begreifen das Ereignis, daß die vom Leide durchstürmten Bewohner der Millionenstadt in Bewegung geraten sind, und schließen sich an.
Der Zug schließt die Werkstätten, schließt die Büros, schließt die Geschäfte, schließt die Fabriken. Der Zug zieht durch lange Geschäftsstraßen, in denen er noch nicht gewesen ist. Und doch sind alle Rolläden schon heruntergelassen. Das Ereignis fliegt dem Zuge voraus. Es gibt in der ganzen Stadt keinen Menschen mehr, dessen Seele nicht schon berührt worden ist von dem Ereignis.
In den Vorstädten bilden sich schnellmarschierende Züge, die zum Hauptzuge stoßen.
Aus den letzten Fabriken brechen die Arbeiter aus: Fanatismus in den ölverschmierten, rußigen, bleichen Gesichtern; Hämmer und kleine, spitzige Dreikantfeilen in den Fäusten.
Dieser Mensch, der zum Kellner ins Zimmer getreten ist, spricht zu den Arbeitern. Und sie legen, von der Macht des Geistes berührt, Hämmer und Dolchfeilen weg, auf den Wagen, von dem der Rumpf pyramidisch aufsteigt als nacktes Symbol des Krieges.
Gewaltige Züge leiddurchtobter Mütter, Kriegswitwen, Väter, Bräute stoßen im Eiltempo durch die Menge, lösen sich auf, bilden sich neu.
Die Knechte der Liebe verlassen die aufspringenden Zuchthauszellen und stoßen, geführt von dem Einen, dessen Namen die ganze Menschheit kennt und ehrt, zum Zuge.
Die breiten, unübersehbar langen Asphaltstraßen sind zu schmal und zu kurz für den Zug. Der Zug schwillt von Sekunde zu Sekunde. Strömt über. Steht. Ist kein Zug mehr. Alle Straßen stehen voll Menschen.
Die entfesselten Bewohner der Millionenstadt stehen.
Um fünf Uhr nachmittags fliegt die Nachricht von Herz zu Herz, daß auch in den großen Provinzstädten das Leid geplatzt ist und die Menschen zusammengeschweißt hat in Züge von Frauen, die ihre Männer, von Müttern und Vätern, die ihre Kinder, von zahllosen Kindern, die ihre Väter, von Soldaten, die ihre Glieder, von Blinden, die das Augenlicht, von Irren, die den Verstand verloren haben.
Das ganze vergewaltigte Volk steht.
Die uniformierte Leiche des Atmenden auf dem Bocke glotzt tot und wackelt. An seinem Seile schwankt rhythmisch der rechte Menschenwinkel. Der Krieg ist plakatiert auf der Riesennarbe, die an der Stelle des Menschengesichtes grinst. Der nackte Rumpf thront erhöht und blickt die Menschheit an.
Der Anblick der hunderttausend Krüppel reißt die Untertanen hoch ins Menschentum. Leidausströmende Freiheitsschreie ordnen sich zu Liebesgesängen. In den Gesängen der Liebe pulst die Ekstase der Verbrüderung und Freiheit.
Die vom Blitze der Liebe getroffene, erleuchtete und dem Zwange entrissene Militärwache des Gebäudes, in dem der Herr und alle Machthaber versammelt sind, wird aus der Wachstube herausgesaugt und geschluckt vom Krüppelheere der Kameraden, in deren Augen die Freiheit brennt.
Dieser Mensch, der zum Kellner ins Zimmer getreten ist, geht ganz allein durch das Tor. In das Gebäude hinein.
In dieser weißen Sekunde wird es vor dem Gebäude totenstill.
Die Stille wirft Wellen, breitet sich aus; eine Bewegung zieht über den Platz:
die Menge, die Menschheit steht, steil durchstoßen und im Tiefsten berührt von dem Triumphe, das zukünftige Geschehen in das Zeichen der großen Liebe gestellt zu haben, und blickt empor zum Fenster, an dem, neben einer Uniform und den Gesichtern der Machthaber, der Mensch erscheint und herunterdeutet.
Der Atem setzt aus.
Der Mensch tritt vom Fenster zurück. Die Gesichter verschwinden. Die Uniform verschwindet.
Verschwindet aus der Welt.
Minuten später telegraphieren die vor den Morse-Apparaten sitzenden Beamten, die kurz vorher noch Bekanntmachungen, Erlasse, Befehle, Zwangsverordnungen in das gemarterte Volk hineingestoßen haben, die Namen der neuen Männer: den Aufstieg der Freiheit und der Liebe ins Land.