Die Mutter

Die Mutter

Leonhard Frank veröffentlichte 1917 in Zürich mehrere Novellen unter dem Titel „Der Mensch ist gut“. In Deutschland wurde das Buch sofort verboten. Es sind dies die fünf Novellen Der Vater, Die Kriegswitwe, Die Mutter, Das Liebespaar, Die Kriegskrüppel.
Leonhard Frank, Der Mensch ist gut
Max Rascher, Verlag, Zürich, 1918, Copyright 1918 by Max Rascher, Verlag, Zürich
Geschrieben 1916 bis Frühling 1917
http://www.gutenberg.org/files/35176/35176-h/35176-h.htm

Die Mutter
Ihr Sohn war nicht als Freiwilliger an die Front gefahren.
Wenn die Mutter aus dem Bette stieg, um sechs Uhr morgens, sah sie ihren Sohn. Sah ihn, wenn sie in der noch kalten Küche stand. Sah ihn im Hausflur. In der Holzlage. Im Keller. Auf der Straße. Immer.
Durch ihren Schlaf schreitet der Sohn durch; er marschiert durch. Wird kleiner, nebelig, verschwindet. Und marschiert trotzdem ununterbrochen durch. Durch jeden Schlaf. Durch jede Nacht und jeden Traum.
Der Sohn sitzt auf einem Stuhle, an der verschwimmenden Peripherie des schweren Angsttraumes, der an ihr Bett den harten Hauswirt stellt: „Jetzt endlich das Geld für die Miete!“
Drohender Hauswirt, alle Qual der Pfennigsorgen, alle Mühe und Not der Täglichkeiten werden gewichtlos, verdunsten; denn der Stuhl mit dem Sohne rückt in den Mittelpunkt des Traumes, ihr auf die Brust.
Sie wischt den Staub von den lackierten Muschelmöbeln; der Sohn steht neben ihr, begleitet sie: vom Schrank zur Kommode, vom Bett zum Tisch.
Sie sieht ihn und sich hinauswandern zur Kaserne. Viele junge Männer, noch in Zivilkleidern. Ärmliche Köfferchen und Pappschachteln. Viele Menschen stehen vor der Kasernenhofmauer: Frauen, Kinder, Bräute, Mütter. Machtlos.
Diese entsetzlich kalte, mitleidlose Eisenkonstruktion der Bahnhofshalle. Stumme und weinende Mütter und Frauen. Trockene Gaumen. Zerrissenes Lächeln der jungen Soldaten. Wie Leichen mit Blumen geschmückt. Wilde, mit Blumen geschmückte Machtlosigkeit.
Der Zug fährt ab. Er fährt. Fährt. Verschwindet.
Einsames, furchtbares Nachhausegehen.
Zwischen der Mutter Hand und den Deckel des Kochtopfes schiebt sich die graue Gestalt des Sohnes. Die Überlegung, ob das Gemüse noch etwas Salz brauche, wird zerschnitten vom Sohne, der in den Schützengraben springt. Immer wieder rasend schnell in den Schützengraben springt, aus dem heraus die Bajonette nach ihm stoßen.
Jeder Gedanke wurde vom Denken an ihren Sohn durchschnitten.
Während der Bäcker das Brot für sie einwickelte, entdeckte sie in einer von weißen Schußwölkchen bösartig still belebten, öden Flachlandschaft, die sie nie gesehen hatte, den Sohn, wie er mit der ihm eigenen Handbewegung sich über das rechte Auge streicht.
Und in dem Moment, da sie sagte: „Frisches Brot wäre mir lieber gewesen“, streckt der Sohn den Kopf zu weit aus dem Schützengraben heraus.
Entsetzt ließ sie das Brot auf den Ladentisch zurückfallen, preßte beide Fäuste an die Wangen und starrte; sieht, wie der feindliche Soldat auf den Kopf des Sohnes zielt.
„Jesus! Kind, wie kannst du mir . . .“
Sohn beugt sich zum Kameraden hinab.
„. . . das antun.“
Der feindliche Soldat senkt das Gewehr.
„Morgen gibt es wieder frisches Brot.“
Die Mutter verließ die Bäckerei, den Blick stier auf der Szene: der gegnerische Soldat lugt, das Gewehr wieder schußbereit an der Backe, zum hinabgebeugten Sohn hinüber.
„Wenn er sich jetzt aufrichtet. Mein Gott, wenn er sich aufrichtet . . . Allmächtiger Gott, lasse den Kameraden eine Geschichte erzählen, damit mein Sohn zuhört, sich nicht aufrichtet. Lasse den Kameraden eine Bitte aussprechen, die mein guter Sohn erfüllen wird, so daß er sich nicht aufrichtet.“
Das feindliche Gewehr sinkt.
Da steigt des Sohnes Kopf: das feindliche Gewehr hebt sich zur entsetzlichen Wagrechten.
Ein Schrei der Mutter.
Sie glotzte auf die zwei langhaarigen Hunde, die knapp vor ihr aufeinander losfuhren. Gefletschte Zähne. Ineinander verbissene Mäuler.
(Graue Gestalten verlassen den Graben, huschen farblos über die farblose Fläche. Wildes, entsetzlich lautloses Handgemenge.)
Die Mutter stürzte sich zwischen die zwei kämpfenden Hunde, die der Sohn und der gegnerische Soldat sind. Mit ihren alten, von der Lebensarbeit stumpf gewordenen Händen riß sie die Hunde auseinander, die knurrend in entgegengesetzten Richtungen forttrabten. (Die farblosen Gestalten huschen in die Gräben zurück.)
Die Mutter lehnt atmend an der Hausmauer und vernimmt das lautlose Stöhnen, das aufsteigt vom tiefsten Urgrund des Weiblichen, vom mystischen Punkt: Mutterliebe.
Die Mutter hat während der drei Kriegsjahre gelernt, vollkommen lautlos zu stöhnen. Denn würde ihr und aller Mütter Stöhnen Ton, ganz Europa würde Tag und Nacht ununterbrochen klingen von wildklagendem, dumpfem Stöhnen, für das noch keine Sprache Worte gefunden hat.
Über Europa lastet Stille, das qualvollste Leid: das ‚Leid Machtlosigkeit‘. Furchtbarste Stille, unter der Menschenherzen sich krümmen. Lebendem Wurme am Angelhaken ist kein Ton gegeben.
Und an den Fronten zucken, in geistschänderischem Kreise aufgestellt, die Rohrläufe der Geschütze vor, gleiten zurück, zucken, vor, zurück, werden heiß: ein Donnerkreis. Kreis von Blut. Zerfetzten Menschenleibern. Losgetrennten Armen, Beinen. Ein Riesen-Kreis-Grab umspannt das stille Europa. Grab-Blut-Geschützdiagonalen durchschneiden es, grenzen stille Leidbezirke ab, in denen die Mutter Europas bebend kniet, nicht atmen kann. Denn sie hört den Schuß krachen, sieht die Kugel fliegen, auf den Sohn zu, sieht Milliarden Kugeln fliegen. Denn sie sieht beständig eine Kugel fliegen. Auf den Sohn zu.
Das Herz tut ihr weh. Tag und Nacht. Schon drei Jahre lang. Drei Ewigkeiten.
Die Mutter — ein wandelndes, verzerrtes Herz, das Antlitz, Gehirn und Augen bekommen hatte, die kopflose Mutter, die nur noch mit dem Herzen dachte und sah, deren Gefühl die Last, die Angst, die Schmerzen, das Leid, den Jammer ganz Europas trug, die europäische Mutter eilte, das Brot gegen die schlaffen Hautsäcke ihrer Brust gedrückt, nach Hause, den Feldpostbrief zu erwarten, der den krachenden, blutigen Kreis des Menschenmordens — „vielleicht, vielleicht doch nicht, vielleicht doch“ — verlassen haben und mit der nächsten Post in der verdüsterten Vorstadtwohnung eintreffen konnte.
Sie eilte. Ihre Gedanken, alle vom Herzen gedacht, eilen voraus: sehen den Briefträger.
Der winkt. ‚Ich habe etwas für Sie‘, sucht, reicht ihr einen Brief. ‚Halt, noch etwas.‘ Reicht ihr noch zwei. Noch fünf. Reicht ihr eine Hand voll Briefe. Alle sind vom Sohne. Sie rennt mit den Briefen die Treppe hinauf.
Und biegt in die leere Gasse ein. Blickt: ‚Kein Briefträger.‘
Während sie die Treppe hinaufsteigt, sieht sie den Sohn, wie er vor dem Leutnant steht.
Der sagt: ‚Wenn ich noch einmal bemerke, daß Sie absichtlich nicht schießen, melde ich Sie. Dann werden Sie erschossen.‘
Von wilder Angst befallen, bleibt die Mutter auf dem Treppenabsatze stehen und fleht: „Schieße!“
Der Sohn hebt das Gewehr, zielt auf den Franzosen.
Die Mutter sieht die französische Mutter, die in Paris am Fenster sitzt und an ihren Sohn denkt, auf den in diesem Augenblicke gezielt wird vom Sohne.
Die Mutter schreit: „Schieße nicht!“
Der Leutnant: ‚Schießen! Oder Sie werden erschossen.‘
Fleht die Mutter: „Schieße! O Gott, schieße!“ Sieht die französische Mutter. „Nicht! Schieße nicht!“
Läßt das Gewehr sinken. ‚Ich schieße nicht, Herr Leutnant.‘
‚Ihn sofort abführen‘, befiehlt der Leutnant.
Und die Mutter brüllt: „Um Gotteswillen! Schieße! Schieße!“
Da reißt der Sohn das Gewehr an die Backe, zielt: der Franzose wirft die Hände hoch, krümmt sich und stürzt aufs Gesicht.
Die Mutter preßt die Hand aufs Herz, deutet entsetzt mit der Rechten nach Paris zum Fenster, wo die französische Mutter sitzt, eben den amtlichen Brief öffnet und liest: „Ist gefallen.“ Sieht, wie die französische Mutter aufschreit, gläsern glotzt.
Langsam, wie mit einer furchtbaren Mordtat belastet, steigt die Mutter die zweite Treppe hinauf, und ihr sehendes Herz verfolgt den mörderischen Lauf der Kugel, die durch den Franzosen durch und weiter fliegt, nach Paris, der französischen Mutter ins Herz.
Aber der Sohn lebt, wird nicht erschossen, weil er erschossen hat, auf das Flehen der Mutter hin.
Immerzu sieht das Herz der Mutter, wie die Kugel ihres Sohnes den Franzosen durchschlägt, weitersaust, bis nach Paris: der französischen Mutter ins Herz.
Schritte klingen auf der Gasse. Blitzschnell fährt ihr Oberkörper durchs Fenster: ‚Nicht der Briefträger.‘
Ungedacht, ungewollt, dunkel steigt vom Urgrund des Seins schicksalhaft das Gesetz „Schuld und Sühne“ auf und stellt die Mutter vor die tödliche Gewißheit: der zum Mörder gewordene Sohn wird ermordet werden.
Ihr Oberkörper fährt durchs Fenster. Der Blick blitzt die Gasse hinunter, die Gasse hinauf. Kein Briefträger.
Und wie sie den Blick zurückzieht: — Landschaft mit künstlich aufgeworfenen Hügeln. Schutzwehre, Dämme, Hecken. Ausgetretene, lehmige Pfade.
‚Wir schleppen die mit Munition gefüllten Bastkörbe an die vorderste Linie. Über uns zeichnen Granaten drohende Bogen an den Himmel. Weiße Explosionen. Links und rechts, vor und hinter uns. Erdwolken. Leichen. Menschenteile. Unermeßlich furchtbar‘, hatte der Sohn geschrieben.
Die Mutter sieht, wie weiter rückwärts, noch in Sicherheit vor den einschlagenden Granaten, der Sohn und der Kamerad den Munitionskorb hochheben, ihn vorschleppen in die rote Feuerwolke.
Und kann den Sohn nicht zurückhalten, ihn nicht zurückreißen, ist machtlos.
‚Hat es geläutet?‘ Sie zerrt die Tür auf. Stiert in den leeren Hausflur.
Und als die Wohnungsglocke später wirklich läutete und das Aufreißen der Tür den Briefträger zeigte, griff die Hand der Mutter nach einer Postkarte, auf der stand: ‚Den verehrlichen Mitgliedern zur Kenntnis, daß der Gesangverein ‚Frohsinn‘ bis auf weiteres die Singproben ausfallen lassen muß, da immer mehr Sänger dem Rufe des Vaterlandes gefolgt sind und es keinen Zweck mehr hat. Der Schriftführer‘.
Sie legte die Karte auf den Tisch, neben den Suppenteller des Vaters. „Nächste Post . . . Jetzt kann vor vier Stunden kein Brief kommen.“ Vom Sohne,
der in diesem selben Augenblicke, da seine Mutter das in Angst, Qual und Machtlosigkeit dachte, im Schützengraben auf einer Munitionskiste saß.
Seine lehmgelbe Hand hielt einen Brief, den er selbst vor länger als einem Jahre in einem Schützengraben in Rußland an eine imaginäre Person geschrieben, abgesandt und jetzt, machtlos eingemauert in einen Schützengraben der Westfront, zurückbekommen hatte, mit der Aufschrift: Adressat unbekannt.
Als er beginnen wollte, zu lesen, brüllte das tausendfache Brüllen der Geschütze ihm zu, er brauche nicht den Brief zu lesen, er könne die Wirklichkeit ablesen, die entsetzlich genau der an der Ostfront gleiche.
Er hob den Blick: eine weite, öde, gelbliche, leere Fläche, stellenweise dicht bedeckt mit alten und frischen Leichen, langsam sich bewegenden Verwundeten, die nicht geholt werden konnten und langsam starben.
‚Alles geschieht nahe der Erde. Niedrig, tückisch, gefährlich, flächig, farblos, grau . . . Frischfröhliche Reiterattacken, nach denen wir uns auch vor dem Kriege nicht gesehnt hatten, gibt es nicht mehr‘, las er. Und sah hinaus: der Brief aus gelber Erde lag flach aufgeschlagen vor ihm.
Zwischen dem feindlichen Graben und dem des Sohnes lagen sie: flach, schon halb in die Erde versunken. Tote. Eigentlich nur Uniformfetzen; Gesichter und Hände waren schon der Erde gleich geworden. Eine zweite Erdschicht, die aus Toten bestand. Ganz nahe beim Sohn lag ein Toter und glotzte blau. Auch der konnte, obwohl er kaum zwei Meter entfernt lag, nicht geholt werden. Denn hob sich nur ein Kopf, so hoben sich zehn feindliche Gewehre. Der Tote lag schon sechs Wochen vor dem Graben, glotzte und stank. Das Wimmern des Verwundeten, der neben dem Toten lag, hörte nie auf. Horte seit drei Tagen und seit drei langen Nächten nie auf.
‚Brand- und Leichengestank ist unsere Luft. Seit drei Jahren‘, las der Sohn.
Und betrachtete seinen links neben ihm hockenden Kameraden, der gesund-rote, dicke, feste Backen hatte und, vollkommen gleichgiltig gegenüber all dem Entsetzlichen, das um ihn herum geschah, vor sich hin glotzte. Apathisch. Stumpf. Entseelt.
‚So weit bin ich noch nicht. Ich schreibe noch Briefe. An die Mutter. An die Mutter. Schreibe alles Elend, alle Schmach, alles Grauen aus mir heraus, um atmen zu können. An die Mutter . . . Und dann kann die Mutter nicht atmen.‘
Ein qualvolles Lächeln der Selbstverachtung zog seinen linken Mundwinkel herunter, bei der Erinnerung, daß er, damit seine seit drei Jahren im Zeichen von Blut-, Brandstiftungs- und Morddunst stehenden Gefühle nicht ganz unkontrolliert bleiben, ihm die Seele nicht auf Lebenszeit verhärten sollten, immer wieder Briefe geschrieben hatte. Viele Briefe. An die Mutter. Beichten. Anklagen. Selbstanklagen. Schreie. An fingierte Adressaten. Nicht mehr an die Mutter. Um die Mutter zu schonen. Briefe. Briefe. Um sich mitzuteilen. Um nicht zu vergessen. Um sich der Furchtbarkeiten bewußt zu bleiben. Um nicht ein ebenso vollkommen fatalistischer, vollkommen abgestumpfter, gegen alle Entsetzlichkeiten gleichgiltig gewordener, maschinierter Mörder zu werden, wie sein neben ihm hockender armer Kamerad, der sich die Seele aus dem Leibe hinausgemordet hatte. Der auf Befehl geschossen hatte. Geschossen hatte. Weiter schoß, schoß, schoß. Automatisch wie ein automatisches Gewehr.
‚Hinter uns, mörderisch genau eingestellt, kracht die Geschützkette, schleudert Granaten über uns weg in die feindlichen Stellungen. Ununterbrochen. Ununterbrochen Mord! Tag und Nacht. Zahllose Granaten, die den ununterbrochen herüberfliegenden Granaten begegnen. An der ganzen Front entlang. Laut meckerndes Maschinengewehrfeuer. Menschen fallen und sind still. Menschen fallen, stöhnen, brüllen, wimmern, bellen. Fernes Maschinengewehrfeuer. Gegnerisches Maschinengewehrfeuer. Bomben und Minen platzen. Schußwölkchen. Zahllose Schußwölkchen, soweit ich sehen kann . . . Alles flach, grau, farblos, tückisch.‘
Der Sohn sah auf: sah alles, was er gelesen hatte. Und sein vor Entsetzen kranker Blick traf heute zum tausendsten Male den Soldaten, der schwer verwundet und lebendig seit fünf Tagen und fünf langen Nächten im Stacheldrahte hing, grauenhaft langsam die Glieder bewegte. Ganz lautlos. Immer matter. Manchmal schrie er. Immer den gleichen Ton, für den noch keine Sprache das Wort gefunden hat.
„Ein Mensch schreit“, fühlte des Sohnes ganzes Wesen. „Ein Mensch schreit.“
‚Menschen, Millionen Menschen, Menschen schießen aufeinander, ermorden, erschlagen, erwürgen, zerfetzen einander. Seit drei Jahren. Warum?‘
Interesse und gleichzeitig Staunen darüber, daß er sich für einen Gedanken noch interessierte, berührte den Sohn, als er las:
‚Aber nicht gegen das, was hier im Felde geschieht, muß gekämpft werden. Denn diese paradoxe Menschenschlächterei ist nur vordergründlich, ist nur die Oberflächenwirkung des gemeinen Geistes im Lande. Wenn dieser räuberische Geist, der als das lügenhafte Ideal „Nationalismus“ gepredigt und gefeiert wird, überwunden ist, verrosten die Geschütze von selbst.
Wir wollen uns opfern,
wollen lieben,
denkend die Gefühle sieben,
daß der Präsident der Erde
Präsident der Liebe werde.‘
Der Leutnant, den Revolver in der Knabenfaust, schritt gebeugt durch den Graben, vorbei am Sohne, vorbei am Kameraden, der zielte und schoß.
Lautlos, ununterbrochen und qualvoll langsam bewegte der im Stacheldraht hängende Soldat die Glieder.
Der Sohn suchte die Sätze, die er vor einem halben Jahre geschrieben hatte. ‚Gestern ist ein Kamerad neben mir Mensch geworden. Er legte das Gewehr weg, sah uns an, lächelte beseligt. Und als der Vorgesetzte befahl: „Nicht lachen! Schießen!“ lächelte der Mensch ihn an und schüttelte den Kopf. Mit welch kindlicher, grenzenloser Liebe lächelte er uns an. Er hatte durch eine mystische Kraftkurve den Geist der Disziplin, der Knechtschaft, den Geist des Militarismus überwunden, war wieder Mensch: war wahnsinnig geworden. Er wurde ins Irrenhaus gebracht. Es hieß, er würde wieder gesund werden, wieder schießen können. Vielleicht schießt er jetzt auf dem Balkan.‘
Das Geschützfeuer war immer wilder geworden, hatte sich vervielfacht, stieg rasend an. Die einschlagenden Granaten rissen Unterstände, Ballen und Menschen auseinander. Trotzdem verließen, vom Befehle vorgestoßen, lange, dichte Reihen lehmiger Gestalten die gegnerischen Gräben, wurden vom flankierenden Maschinengewehrfeuer glatt auf die Erde gestrichen.
Heulen. Schreie. Wimmern, zuckende Körper. Augen glotzten tot. Ungezählte frische Leichen lagen auf den alten Leichen.
Und nach dem abschließenden wilden Grabenkampfe las der Sohn: ‚Hunderttausende überwinden den Militarismus durch den Wahnsinn. Zehn Millionen verwesen. Zehn Millionen sind Krüppel. Und von den übrigen werden die meisten als präzis funktionierende Mordmaschinen heimkehren. Wie den Kindern das ABC, hat man ihnen den Geist der Gewalt eingepflanzt. Der sitzt. Muß weiter wirken. Mein neben mir hockender einfacher Mordkamerad, der reine Repräsentant seiner Millionen einfacher Mordkameraden, wird in der Heimat automatisch jeden niederstechen wollen, der Recht vor Gewalt zu setzen versucht. Auch der wildeste Schmerzensschrei berührt die im täglich gleichen Laufe von drei Jahren gegen alle Entsetzlichkeiten abgestumpften reinen Träger der Gewalt nicht mehr. Wie auch euch in der Heimat das Leid der Menschen nicht mehr trifft, da ihr, ohne den Verstand zu verlieren, in der Zeitung lesen könnt: dreißigtausend sind gefallen.‘
Da erlebte der Sohn etwas, dem er sich nicht entziehen konnte: er fühlte, wie seine rechte Körperhälfte dagegen war, diesen Brief doch noch an die Mutter zu senden; und fühlte gleichzeitig, wie die Herzseite ihn zwang, den Brief abzuschicken an die Mutter: das einzige europäische Wesen, das niemals abgestumpft und gleichgiltig werden konnte gegenüber dem Leide der Menschen, die alle von Müttern geboren wurden.
Vergebens versuchte er, das immer noch von Sekunde zu Sekunde rasend ansteigende Artilleriefeuer nicht zu hören. Die Erde knallte. Seine Ohren knallten. Sein Gehirn knallte. Er sah, wie der Hammer des neben ihm hängenden Telephons trommelte, las von des Leutnants Lippen das auf die Membrane gebrüllte Wort „Jawohl“ ab. Und wußte, daß die Todesstunde gekommen war für die Grabenbesatzung, die zum Sturmangriffe vorgeschickt wurde.
Fäuste packten die Gewehre. Bajonette starrten. Graue Gestalten, im Graben eng zusammengedrängt. Das waren keine Menschengesichter mehr. Gesichter aus Glas. Augen aus Glas. Das Denken, jede Überlegung war aus dem Sein der Soldaten hinausgefallen.
Auch der Sohn steckt das Bajonett auf den Rohrlauf, denkt noch: ‚Und dann kann die Mutter nicht atmen, wenn sie den Brief bekommt.‘ Denkt: ‚Falle ich?‘ Und wurde vom Befehle vorgestoßen,
während die Mutter machtlos am Eßtische stand und des Vaters Suppenteller füllte.
Ihr abwesender Blick traf die farbige Photographie des beliebtesten Heerführers, die der Vater gekauft und an die Wand gehängt hatte. Der lange Perpendikel der höher hängenden Schwarzwälderuhr schwang über dem Gesichte des Heerführers hin und her.
Genau senkrecht unter dem beständig überquerten Heerführergesicht saß der Vater und las zur Suppe ‚Ein kühnes Patrouillenstückchen‘ in der Zeitung.
Die Mutter wußte nicht, ob sie sich den Sohn hinter der Front oder in der vorderen Linie denken sollte,
während in dieser Sekunde der Sohn, von geschwungenen Gewehrkolben und wildglotzenden Menschengesichtern überdacht, im feindlichen Graben ins Knie glitschte.
‚. . . und machte ihn kurzerhand nieder‘, las der Vater zu Ende. „. . . Was gibts denn?“
„Es ist wieder kein Brief gekommen.“
„Nein, was du zu essen hast . . . Wird schon kommen. Ist ja noch immer gekommen.“
Dann las er den Leitartikel, in dem geschrieben stand, daß das Volk, in unerschütterlichem Vertrauen zu seiner bewährten Regierung, ausharren und infolge seiner Einigkeit neugestärkt aus diesem blutigen Ringen hervorgehen werde. Angefangen bei den geistigen Spitzen und durch alle Volksschichten durch, wisse jeder Soldat, jeder Heim-Krieger, jedes Schulkind, daß dieser Krieg, ein uns aufgezwungener Krieg sei, und daß das Vaterland in Gefahr war.
Das las er der Mutter vor. Und sagte: „Da ist wieder einmal alles ganz klar auseinandergesetzt . . . Diese ausländischen Sakramentslumpen!“
Die Mutter hätte nicht sagen können, weshalb sie unter die Uhr trat und den Perpendikel anhielt, so daß er das Gesicht des beliebten Heerführers in zwei Teile schnitt. Sie sagte müde: „Woher soll denn ein Schulkind wissen, ob uns der Krieg aufgezwungen worden ist . . . Und auch wir gewöhnlichen Leute, was wissen denn wir davon.“
„Das weiß doch jeder Mensch. Und die Kinder . . ., für was sind denn die Schullehrer da. Und wir, wir könnens doch jeden Tag in der Zeitung lesen . . . Was gibts denn?“
„. . . Nur diese Karte ist gekommen . . . Iß halt noch einen Teller Suppe. Vor dem Metzgerladen sind zwei Polizisten und vielleicht dreihundert Frauen gestanden. Ich habe nichts mehr bekommen.“
„Hättest eben früher dort sein müssen . . . Wenn nur dieser Saukrieg einmal ein Ende hätte . . . Diese ausländischen Sakramentslumpen!“
Hungerschwäche und Angst um den Sohn, den sie plötzlich lautlos auf das Gesicht stürzen sah, verdunkelte der Mutter den Blick. Und als sie wieder sehen konnte und den alten Vater betrachtete, der schwer arbeiten mußte und stark abgemagert war, weil er oft nur eine Wassersuppe vorgestellt bekam, schob sie ihm ihren Teller hin. „Das Vaterland war in Gefahr? Nun und jetzt? Eine größere Gefahr für das Vaterland ist überhaupt nicht möglich. Jetzt ist das ganze Volk in Gefahr. Ich weiß ja nicht — ich brauche aber nur in seinem Briefe nachzulesen —, wieviel schon gefallen sind, und wieviel Krüppel sind und wieviel im Lande krank werden und sterben, weil sie so wenig zu essen haben. Und die Kinder, die so aufwachsen! Schau sie nur einmal an. Und daß sie jahrelang nur von Mord reden hören. Was werden denn das für Menschen. Von uns alten Leuten will ich ganz schweigen. Und von den Soldaten draußen sollen ja so viele krank sein. Du weißt schon wie.“
„Was der dir immer schreibt.“
„Daß das Volk jetzt in allergrößter Gefahr ist, das kann man leicht wissen. Das weiß jeder. Dazu braucht man nicht viel Verstand zu haben . . . Der Krieg wäre auch sicher gar nicht gekommen, wenn die vorher gewußt hätten, was jetzt daraus geworden ist. Die haben sich einfach verrechnet. Und grauenhafter Weise nicht wie der Kaufmann nur um eine Geldsumme, sondern um das Blut von Millionen. Um das Blut unserer Söhne. Jetzt würden sie nicht mehr anfangen . . . In seinem letzten Briefe schreibt er: ‚Der Schuß, der den Einzelnen trifft, hat das ganze Volk in die Brust getroffen.‘ Und so ist es.“
„Brust getroffen! Wenn wir doch siegen!“
„Was gibts da noch zu siegen, wenn die Lebenskraft, ja, ‚die beste Lebenskraft des Volkes‘, schreibt er, ‚versiegt ist durch den Tod von Millionen junger Männer; wenn das Volk nur noch aus Verrohten und aus Krüppeln, Kranken, Irrsinnigen, verhungerten Kindern und Frauen und aus ganz alten Leuten besteht‘.“
„Ja warum nicht gar.“ Er klammerte sich an seine Zeitung an, las die neueste Siegesnachricht des Kriegsberichterstatters: in sein sofort wieder beruhigtes Gehirn ließ sich ein Ausschnitt leichenbedeckte Erde nieder. ‚. . . in einer seitlichen Ausdehnung von mindestens 500 Metern, bei reichlich achtzig Meter Tiefe . . . Von unseren sturmerprobten Stoßtruppen im Handgemenge unter auffallend geringen Verlusten mit einer Bravour genommen, die . . .‘
„Lies das, dann kommst du gleich auf andere Gedanken.“
„Ja, ich will die Zeitung gar nicht mehr lesen.“ In der des Denkens ungewohnten Mutter löste sich ein Gefühl los und sank bleischwer in die Worte hinein: „. . . Wenn nur alle einmal nicht mehr daran denken wollten, was in der Zeitung steht; wenn nur alle einmal an die Menschen denken wollten, die jetzt da sterben müssen.“
„Das ist ja Unsinn.“ Der Vater packte die Zeitung fester, sah den leeren Suppenteller an, sah die danebenliegende Postkarte. „Und was ist denn das?“
„. . . Nur diese Karte ist gekommen.“
. . . „daß der Gesangverein ‚Frohsinn‘ bis auf weiteres die Singproben ausfallen lassen muß, da immer mehr Sänger dem Rufe des Vaterlandes gefolgt sind und es keinen Zweck mehr hat.“
Eine schwarze, durch nichts auszufüllende Lücke tat sich auf in seinem Leben. Er suchte in der Zeitung nach Fettgedrucktem.
„Keinen Zweck mehr hat. Unsinn!“
Plötzlich schrie er wütend die verstört blickende Mutter an: „Warum hältst du denn die Uhr auf“, begann noch einmal, ‚Ein kühnes Patrouillenstückchen‘ zu lesen.
„Dann ist ja gar kein Zusammenhalt mehr, wenn die Proben jetzt ganz ausfallen . . . Singen hätten wir immer noch können“, sagte der Vater,
während der Sohn, verdreckt, mit Menschenblut bespritzt und vor Grauen und Entsetzen gläsern glotzend, mit den wenigen noch übriggebliebenen, verdreckten und mit Menschenblut besudelten Kameraden über die gefallenen Kameraden weg, wieder zurück in den Graben taumelte.
Die Artillerie arbeitete weiter. Die Schüsse krachten in rasender Folge. Der Sohn fiel sofort in Schlaf.
Die Mutter trat unter die Uhr: der Perpendikel schwang weiter hin und her über dem Gesichte des beliebten Heerführers. Das sah in dem düstern Hofzimmer aus, als hätte der Heerführer an Stelle des Gehirns eine Maschinerie, die unabänderlich weiterging, wenn nicht ein Mensch vortrat und sie aufhielt.
Wenn nicht ein Mensch oder Gott selbst vortrat.
So eine wunderschöne, unbeschreiblich süße, herrlich durch den Weltenraum schwingende Musik hatte der Sohn noch nie gehört. Wer sie vernahm, wurde gut. Scharfrichter warf das Beil weg, stürzte in die Knie zu dem am Blocke knieenden Mörder. Und beide begriffen ihr früheres Leben nicht mehr.
Der Sohn fragte den guten Herrn, der ihn in den deckenlosen, vom Sternenfirmament blau überdachten Saal geführt hatte, wer diese Musik geschrieben habe.
Der gute Herr mit den traurigen Augen flüsterte: „Diese Musik hätte ein Soldat geschrieben, der gefallen ist.“
„Ach“, flüsterte der Sohn, fühlte aber im selben Augenblicke, wie sein ganzes Wesen sich in weißfließendes Glück verwandelte. Denn plötzlich sah er ‚Die einfache Stadt‘: Gebäude von solch unsäglich durchseelter Architektur, daß, im Angesichte dieser göttlichen Klarheit, alle schweren, dunklen Gefühle aus den Menschen hinaus- und in das Nichts zurückfielen. Der Sohn stand so im Glücke, daß er kaum wagte, es zu betasten mit der Frage: „Wer hat diese Stadt gebaut?“
Die Lippen des guten Herrn bebten.
„Nein! Schweig“, flüsterte der Sohn, entsetzt, wie nie in seinem Leben.
„Wahrlich, diese Stadt hätte ein Soldat gebaut, der gefallen ist.“
Da verschwand die Stadt. Und der Sohn hielt ‚Das Buch der Menschheitszukunft‘ in der Hand. Und las in einer Sekunde das ganze Buch von Anfang bis zu Ende. Denn öffnete man es, so flossen alle seine Bilder und Gedanken zusammen in ein einziges Wort. Und wessen Seele von diesem Wort berührt wurde, der war erlöst und gut. Liebe stand auf seinem Angesichte. „Da brauchen wir dieses herrliche, allmächtige ‚Buch der Menschheitszukunft‘ ja nur vor das Auge der Menschheit zu legen, und die Welt ist von allem Bösen erlöst und der milden Regierung der Liebe heimgegeben. O, fließende Verschwisterung“, flüsterte der Sohn. „Wer hat denn dieses Buch geschrieben?“
„Das hatte ein junger Dichter geschrieben, der gefallen ist.“
Schwarzer Donner klang von fernher.
Von seiner klagenden Seele getragen, flog der Sohn erbebend vor die dunkle Frage hin: „Welcher Nation gehörten diese Toten an?“
Das Gesicht des guten Herrn wurde zu zwei trostlos weinenden Augen, deren Blick langsam und deutlich die Worte sprach: „Das weiß man nicht.“
Plötzlich sah, mit allen grausigen Einzelheiten, der Träumende, was er vor einer halben Stunde beim Sturmangriff wirklich erlebt und gesehen hatte: das leinenweiß gewordene Gesicht des jungen Franzosen, der in das Bajonett des Sohnes hineingerannt war.
Und er brüllte in der ewigen Sekunde, die zwischen Schlaf und Wachsein stand, dem zum Unteroffizier werdenden guten Herrn in unermeßlichem Entsetzen zu: „Aber ich weiß es. Ich!“
„Auf! Noch ein Sturmangriff!“ schrie der Unteroffizier, der den Sohn wachgerüttelt hatte.
„Ich! . . . Ich weiß es.“
„Warum schlafen Sie denn dann?“
Der ganze Himmel donnerte. Von Menschenblut noch durchnäßte Soldaten, im Graben eng zusammengedrängt. Gesichter aus Glas. Augen aus Glas.
Die Welle entseelter Menschen wurde vom Befehle vorgestoßen. Und das zu einem einzigen ungeheuren, erderschütternden Knall zusammentönende Knallen der mit rasender Schnelligkeit feuernden Geschützkette wurde mild überflüstert von des Sohnes Seele, die ihm gebot, zu sühnen, indem er sterbe, damit er lebe.
Er stand reglos, umtobt von den in wildem Kampfe ineinander Verbissenen. Hier, im Mittelpunkte des Knallens, war es totenstill. Es wurde handwerklich und ganz lautlos gemordet.
Eine nachkindliche, zweite Naivetät beseelte ihn mit der Frage: „Weshalb tun die Menschen das? Das darf kein Mensch befehlen. Kein Mensch darf diesem Befehle folgen.“
Die Sekunde gebar ihm ein letztes, noch irdisches Bild: er sah den ganzen Erdball sich zu einer Trommel ordnen, auf der der Militarismus mit Granaten einen Wirbel schlug.
‚Menschen, die einander nie gesehen, einander nichts getan haben, Menschen, die sich lieben, ja, sich lieben, Kameraden, Kameraden erschlagen einander‘, fühlte er noch, vom Jenseits schon berührt. Und das schon nicht mehr gedachte, nicht mehr gefühlte, als zerfließendes, jenseitiges Bild geschaute Ahnen besuchte ihn: ‚Die Seele, die den ganzen Umfang dieser Furchtbarkeiten sähe, müßte sterben; die Seele macht das Auge zu.‘
Die Augen des Sohnes, der inmitten von mordenden und fallenden Menschen reglos stehen blieb, waren weit geöffnet.
Das Bajonett fuhr unterm Kinn beim Halse hinein, durch den Kopf: sein Körper schlug, wie der Akrobat, einen Bogen nach rückwärts, daß die Fußsohlen und die Handflächen die Erde berührten, und verharrte tot, von Leichen gestützt, in dieser Stellung, einem Brückenbogen gleich.
Die Mutter, die unter der Haustür stand und auf den Briefträger wartete, baute sich das Glück auf, daß der Sohn leicht verwundet und auf diese Weise dem Unausdenkbaren entronnen sei. Er befindet sich schon auf der Heimreise. Er kommt sogar mit einem früheren Zuge an, als die Mutter erwartet hat. ‚Gut, daß ich früher da war‘, fühlt sie. Und steht in der Bahnhofshalle, an das Gitter gelehnt, blickt hinaus, die Schienen entlang, auf denen der Zug eben einläuft. ‚Entronnen‘, fühlt sie, ‚entronnen‘, sieht, wie der Sohn aus dem Zuge herausspringt und schon von ferne den verwundeten Arm grüßend hebt. ‚Eine kleine, ganz ungefährliche Verwundung, sonst könnte er den Arm ja nicht heben. Glücklich dem Tode entronnen‘, fühlt immerzu die Mutter, fühlt gleichzeitig immerzu das schwarze Gespenst, daß ja alles nur ein Wunsch von ihr war. Und springt, lautlos jubelnd, in das Glück hinein: dem Sohne an die Brust.
Der Postbote bog langsam um die Ecke, den sortierenden Blick auf die Briefe in seiner Hand gerichtet. Und die Mutter stürzte in die Wirklichkeit zurück: dem lächelnden Postboten entgegen, der ihr den seit vierzehn Tagen und vierzehn Nächten erwarteten Brief gab; einen der Beruhigungsbriefe des Sohnes, in denen er, gepeinigt von Selbstanklagen und in Angst um die Mutter, seine mit Schrecknissen angefüllten Beichtbriefe wirkungslos zu machen versuchte.
‚Eigentlich, genau besehen, weißt Du, geht es mir ausgezeichnet. Ich war körperlich nie so gesund wie jetzt. Denk an, körperlich nie so gesund wie jetzt‘, schrieb der tote Sohn. ‚Und wenn ich zurückkomme, dann gehen Du und ich zusammen einige Wochen aufs Land. Einmal sind wir vornehm und gehen auch aufs Land. So viel Geld habe ich gespart. Wir wohnen an einem Flusse. Direkt, am Flusse. Du in einem sonnigen Zimmer, ich daneben; es ist eine Verbindungstür da. Unsere Fenster gehen auf den Fluß hinaus. Hinter dem Flusse sind die Hügel, steht der Wald. Es wird gerade Frühling sein, wenn ich zurückkomme. Solltest mich sehen: so gesund wie jetzt war ich nie‘, wiederholte der Sohn, der, von Leichen gestützt, als toter, verwesender Brückenbogen zwischen den Schützengräben stand.
Das Glück floß breit in der Mutter.
Wie immer, wenn sie einen Brief erhalten hatte, war ihr der Sohn so nahe, daß sie seine körperliche Anwesenheit fühlte, mit ihm sprach, ihm Ratschläge erteilte, solche von ihm annahm, ihm Vorwürfe machte. ‚Jetzt setze dich einmal dorthin, dort in die Kanapee-Ecke.‘
‚Nun, also jetzt sitze ich.‘
‚Sieh mal, du weißt doch, daß der Vater für nichts Interesse hat, als nur für seine Zeitung und für seinen Gesangverein.‘
‚Aber das kann ja vielleicht gar nicht anders sein, Mutter. Er ist fünfundsechzig Jahre alt und steht seit fünfzig Jahren täglich von früh sechs bis abends sechs an der Hobelbank. So ist er aufgewachsen; so ist er alt geworden. Deshalb hat er nichts als seine Zeitung und seinen Gesangverein.‘
‚Aber er konnte sich doch denken . . .‘
‚Er hat längst vergessen müssen, daß er ein Mensch ist, Mutter. Abgerackert und totmüde ist er seit fünfzig Jahren am Feierabend. Er darf nicht denken; denn sonst würde er sich vielleicht daran erinnern, daß er einmal ein Mensch war.‘
‚Davon wollte ich überhaupt gar nicht reden. Ich wollte ja . . .‘
Der Sohn saß nicht mehr in der Kanapee-Ecke. Er war, vom Tode bedroht, in der vordersten Linie.
‚Ich wollte ja den einundneunzigsten Psalm beten‘, dachte die Mutter, die im Laufe eines Lebens immer sich gleichgebliebener grauer Not und absoluter Aussichtslosigkeit, daß jemals eine Besserung eintreten könnte, ihren Glauben verloren und das Beten verlernt hatte; die fünfundsechzig Jahre unter der Eisenplatte geatmet hatte, unter der die europäischen Träger der Armut stehen und vergehen, und durch die sie hoffnungslos getrennt bleiben vom Geiste, vom Lichte, vom Leben, vom Menschentum. Nur wenn der Sohn auf dem wüsten Wege, der, durch die Eisenplatte, empor zum Geiste führt, von einer Gefahr bedroht gewesen war, hatte die Mutter den einundneunzigsten Psalm gebetet.
Sie mußte nicht suchen: die Bibel, immer nur und oft an dieser Stelle gebraucht, tat sich beim einundneunzigsten Psalm auf. Und die Mutter sah, wie die auf ihren Sohn zusausenden Kugeln, vom Gebete in ihrem mörderischen Fluge aufgehalten, vor des Sohnes Brust senkrecht zu Boden fielen, als sie die mit Bleistift unterstrichenen Stellen wiederholte:
„Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt, und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,
der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.
. . . Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,
daß du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,
vor der Pestilenz, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die im Mittage verderbt.
Ob tausend fallen zu deiner Seite, und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen“,
betete die Mutter. Und blieb, in Hoffnung und in düstere Angst gespalten, sitzen und war nicht erlöst.
Denn die Welt war nicht erlöst, da nicht alle Menschen gleich den Müttern und nicht alle Mütter . . . Mütter waren.
Der Brief, den der Sohn in Rußland an eine imaginäre Person geschrieben, nach einem halben Jahre an der Westfront zurückerhalten und doch noch an die Mutter geschickt hatte, traf erst Wochen nach dem Tode des Sohnes ein, zu einer Zeit, in der die Mutter noch immer nicht wußte, daß der Sohn schon gefallen war. Von den fetten Schützengrabenratten schon halb aufgefressen war.
Der Sohn hatte vergessen, die Überschrift zu ändern; die bebende Mutter las:
„Sehr geehrter Herr, erlauben Sie mir, Ihnen den Seelenzustand meines Freundes zu schildern. Es ist Ihnen gewiß auch schon widerfahren, daß Sie beim Hinabsteigen einer Ihnen seit Jahren vertrauten Treppe, im Dunkeln vor der letzten Stufe irrtümlich vermuteten, schon ganz unten zu sein: Ihr zum Ausschreiten vorgestrecktes Bein findet keinen Boden. Sie kennen diese körperliche Erschütterung, die so plötzlich eintritt, daß Dunkelheit und Tiefe, in die Ihr Bein versinkt, in die Höhe und in das überraschte Gehirn hineinsausen und einen seelischen Schreck verursachen. Stellen Sie sich vor, Sie würden drei Jahre lang, so ununterbrochen wie Sie atmen, in diese unerwartet vor Ihnen sich auftuende Tiefe hineintreten, drei Jahre lang ununterbrochen diesen kleinen Seelenschreck erleben. Und stellen Sie sich jetzt, wenn Sie können, diese beständige Seelenerschütterung millionenfach gesteigert vor.
Dagegen gibt es, wie unglaublich Ihnen das auch erscheinen mag, ein Hilfsmittel. Die Gewohnheit. Die meisten Menschen vermögen an Stelle ihrer Seele die Gewohnheit zu setzen. Das tun die Millionen entseelten Soldaten, die dann gewohnheitsmäßig weiterschießen, weiter ihre Gewehrkolben in feuchte Menschengehirne hineinschlagen, weiter das leise zischende Bajonett in weiche Unterleiber hineinstoßen und nicht erschüttert werden, weil der sich Krümmende genau so glotzt wie der, der sich gestern krümmte und fiel.
Es gibt, sehr geehrter Herr, noch ein Mittel. Den Wahnsinn. Diesen Vorgang brauche ich Ihnen nicht näher zu erklären; ich brauche Ihnen einstweilen (denn ich werde Ihnen noch viele Briefe schreiben) nur zu sagen, daß die Träger einer stärkeren Seele, eines empfindlicheren Gewissens sich in die Gewohnheit nicht hineinzuretten vermögen und deshalb natürlich wahnsinnig werden müssen.
Ich habe versucht, Ihnen die Seelenerschütterung begreiflich zu machen, die ein drei Jahre lang uns unterbrochen treppab steigender Mensch empfände, der drei Jahre lang bei jeder Stufe ununterbrochen mit dem zum Ausschreiten vorgestreckten Bein in die nicht erwartete Tiefe sänke. Und habe gesagt, daß diese beständige Seelenerschütterung beim Frontsoldaten millionenfach gesteigert ist. Setzen Sie beispielsweise an Stelle der nicht mehr erwarteten Treppenstufe folgenden unwahrscheinlichen Vorgang (auch die Menschenschlächterei ist absolut unwahrscheinlich): Sie mieten ein möbliertes Zimmer im vierten Stock und öffnen zum erstenmal die Balkontür, treten hinaus, um sich an der schönen Fernsicht zu erfreuen, und stürzen hinunter, weil hinter der Tür kein Balkon ist. Stellen Sie sich vor allem den Moment vor, in dem Ihr überraschtes Bewußtsein in blitzartiger Erschütterung erkennt, daß kein Balkon da ist und daß Sie rettungslos hinunter in die Tiefe stürzen müssen. Da der Mensch Mitgefühl mit seinem Nächsten hat, werden Sie, auch wenn Sie nicht dieser Unglückliche sind, sondern unten auf der Straße stehen und zusehen, wie ein Mensch vom vierten Stocke herabstürzt, ebenfalls diese plötzliche Seelenerschütterung erleben. Und wenn Sie eine Woche lang ununterbrochen zusehen müßten, wie Menschen aus dem vierten Stocke herabstürzen, würden Sie endlich zu lachen beginnen, das heißt, wahnsinnig werden. Oder Sie würden die Augen zumachen, das heißt, sich allmählich daran gewöhnen, daß Menschen vom vierten Stocke herabstützen.
Vergegenwärtigen Sie sich jetzt, wenn Sie können, diesen Seelenschlag in unausrechenbarer Steigerung und ununterbrochen drei Jahre lang erfolgend, dann werden Sie begreifen, daß die große Mehrzahl meiner armen Kameraden sich in die Gewohnheit und die übrigen sich in den Wahnsinn hinein retten müssen.
Und nun bitte ich Sie, eine Seele schreit in Todesnot, ich bitte Sie, raten Sie mir, was soll mein Freund tun, der nicht wahnsinnig und auch nicht eine gewohnheitsmäßig funktionierende Mordmaschine werden kann, da er, göttlich auserkoren, Träger eines beständig wachen Gewissens, Träger einer beständig fließenden Seele ist.
Ich bitte Sie, verschieben Sie jede noch so wichtige Tätigkeit und beantworten Sie mir erst diese Frage, wenn Sie eine Antwort auf diese Frage haben. Legen Sie diese Frage allen Ihren Freunden und Bekannten, legen Sie diese Frage der ganzen Menschheit vor. Eine Seele wartet auf Antwort.
Sollte jedoch Ihre Antwort sein, daß meine Ausführungen die gefühlsmathematische Notwendigkeit ergeben, solch einem Menschen bleibe nichts anderes übrig, als zu fallen und zu sterben, dann brauchen Sie mir nicht zu antworten, da ich selbst schon seit langer Zeit diese Antwort auf die Frage meines Freundes bereithalte. Sollten Sie und die Welt dieselbe Antwort haben, so würde die Erfahrungstatsache, daß unter den Gefallenen immer die Besten des Volkes sind, zu der seelischen Gesetzmäßigkeit erhoben werden, daß unter den Gefallenen die Besten des Volkes sein müssen. Daß die erkorenen, jungen Träger der Wahrheit fallen müssen. Daß die jungen, feurigen Träger des ewig unverrückbaren Menschheitsideales ‚Liebe‘ fallen müssen. Daß die jungen Dichter nicht zurückkehren können. Daß bei ihnen allen einmal der Augenblick kommen muß, in dem sie ganz bei sich selbst angelangt sind, ihr Körper sich bedingungslos der Seele unterordnet und ohne Gegenwehr den Todeshieb empfängt . . .“
Weiter las die Mutter nicht. Die Möglichkeit, weiter zu lesen, war nicht mehr vorhanden; die Denkfähigkeit war aus der Mutter hinausgefallen. Und ihr Gefühl war abgekapselt. Sie saß ganz unbewegt am Tische und sah interesselos den zweiten Brief an, den sie noch nicht geöffnet hatte, weil die Adresse nicht vom Sohne geschrieben war.
Dieses amtliche Schreiben enthielt die kurze Nachricht, daß der Sohn gefallen sei. „Auf dem Felde der Ehre“. Die ahnungslose Mutter ließ das Schreiben uneröffnet liegen.
Plötzlich und schnell, als dürfe nicht eine Sekunde Zeit verloren werden, wurde ihr Körper vor die Kommode gestellt; sie nahm aus dem Drahtkörbchen, das einen bemalten Porzellanboden hatte, den alten Trostbrief heraus und las:
‚Eigentlich, genau besehen, weißt Du, geht es mir ausgezeichnet. Ich war körperlich nie so gesund wie jetzt. Denk an, körperlich nie so gesund wie jetzt . . . Zurückkomme, dann gehen Du und ich einige Wochen aufs Land . . . In einem sonnigen Zimmer, ich daneben . . . Verbindungstür da . . . Gerade Frühling sein . . .‘
Neue Hoffnung durchbrach die Kruste. Und in der Mutter stand ein ungeheurer Wille auf, den Sohn aus der Todesgefahr heraus-, in diese Frühlingswochen hineinzureißen, wo nur noch Glanz und Liebe war.
Ihr werde es gelingen, bis zum Kaiser vorzudringen. Und wenn es nicht anders ginge, sie werde hinauslaufen an die Front, in den Schützengraben und ihren Sohn holen. Sie werde sagen: ‚Das ist mein Sohn. Mein! Mein Sohn!‘ „Es gibt Mittel und Wege. Mittel und Wege. Viele Mittel und Wege. Ich werde totkrank, damit der Sohn Urlaub bekommt. Was auch geschieht, ich lasse ihn nicht mehr fort. Ich werde ihn einsperren. Ich werde ihn verstümmeln. Verstecken. Keller. Wald. Meinen Sohn in meinen Leib zurücknehmen.“
Automatisch öffnete sie das amtliche Schreiben. Las: ‚Feld der Ehre gefallen‘.
„Wer denn? Wer?“ Sah auf.
Die glänzende Kante des lackierten Kleiderschrankes, das Gesicht des beliebtesten Heerführers, der hin- und herschwingende Perpendikel stürzten auf sie zu.
Ohne den Bruchteil einer Sekunde zu warten, machte sie eine blitzschnelle Drehung türwärts. Und flog schreilos aus dem Zimmer, den dunklen Gang vor, aus der Wohnung hinaus, die Treppe hinunter, die Gasse hinunter, die breite Asphaltstraße hinunter. Immer in der Mitte: schwarz, vornüberstürzend, lautlos. Sie hatte Filzschuhe an.
Passanten blieben stehen; es bildeten sich Gruppen. „Was hat sie?“ Das selten berührte Gefühl gedankenlos lebender Menschen wurde von etwas Unbegreiflichem getroffen. Kein einziger wußte, daß es die absolute Ziellosigkeit war, die sie erschüttert aus dem Rennen der Mutter herausfühlten. Und als ein junger Arbeitet das amtliche Schreiben, das er gefunden und aufgehoben hatte, vorlas, sanken die Worte in die aufspringenden Herzen hinein. Junge Leute galoppierten der Mutter nach.
Sie hetzte durch Stadtviertel, dem Schrei entgegen, der zusammengeballt in ihrem Halse saß und nicht durch konnte.
In allen Straßen bildeten sich Gruppen betroffener Menschen, die von den Nachspringenden über das Unglück der Mutter aufgeklärt wurden, sich ihnen anschlossen.
Eine Kompanie junger Soldaten, feldmarschmäßig ausgerüstet, blumengeschmückt, singend auf dem Wege zum Bahnhof, sauste auf die Mutter zu und im Fluge an der Rasenden vorbei.
„. . . dir die Hand nicht geben . . .“
Ein Lastfuhrwerk. Ein Schutzmann zu Pferde.
„. . . dieweil ich eben lad’ . . .“
Schon weit hinter ihr verklingend.
Erst Minuten später sprengte das von ihrer Seele im Fluge aufgenommene Mordlied den Schrei, der sich im Halse zusammengeballt hatte.
Der Schrei platzte. Die Mutter schrie und rannte. Schrie länger als ein Atemzug reicht. Stolperte. Fiel nicht. Holte Atem. Schrie weiter.
Das war kein Klagegeschrei. Rennen und Schrei kamen aus einer Quelle und verschmolzen in Eins. Stille auf der ganzen Erde. Nur die europäische Mutter schrie. Schrie jetzt die unterdrückten Schreie dreier Jahre.
Niemand wagte den Versuch, sie aufzuhalten. Denn hier schrie nicht ein Mensch; hier schrie die Menschheit. Alle fühlten das.
Und eher könnte es einem neben dem Geleise Stehenden gelingen, den heransausenden D-Zug mit dem Zeigefinger aufzuhalten, als daß es aller Macht der Welt zusammen gelänge, Schweigen zu erzwingen, wenn die getroffene Menschheit schreit.
Der Schrei wurde gehört. In Paris, London, Rom, in Amerika, in Kasernen und in Dachkammern. Er wurde in Petersburg gehört. Er sauste hinein in die Herzen. Und er riß die Herzen der Menge auf, die der springenden Mutter straßenentlang folgte.
Die ganze Stadt fühlte zum ersten Male plötzlich den Tod der Millionen Söhne, das Leid der Millionen Mütter, da sie das Leid dieser einen Mutter sah.
Ihr Schrei war schon nicht mehr der einer Frau; er war tief und rauh geworden, geschlechtlos: ein Menschenschrei, unterbrochen von kurzen Atempausen, in denen das horchende Herz der Menschheit stockte.
Ein junger Schutzmann überholte galoppierend die gewaltige Menge und packte den Arm der schreienden Mutter, die mit dem Schutzmann weitersprang, als habe sie einen brüderlichen Leidensgenossen bekommen. Seine Hand wurde lahm und sank, als er, beim Blick in ihr Gesicht, fühlte, daß er dem Schmerze der Menschheit ins Gesicht sah.
Jetzt erst stieg der tausendstimmige Entrüstungsschrei der Menge, getragen wie ein Choral, und der junge Schutzmann ahnte, von diesem Tone tief getroffen, daß hier nicht Sensation, sondern der unbesiegbare Geist der Menschlichkeit sich kundtat.
Hemmungslos, blind für alle Hindernisse, sprang die vornüberstürzende Mutter wie eine schwarze Kegelkugel die Asphaltstraße, die vom Dome abgeschlossen war, hinauf, durch das offene Portal in die Kirche hinein, lautlos weiter geradeaus, durch den Mittelgang, bis vor den Altar,
über dem der Sohn am Kreuze hing und hinuntersah zum Priester, der, von Kindheit an in der Lüge versunken und ertrunken, eben zum schmerzverzerrten Gesicht empor log:
„. . . der du unseren Waffen deinen göttlichen Beistand schenktest, Lob und Preis und Dank sei dir, der du unsere Waffen gesegnet und mit Sieg gekrönet hast.“
Sie rannte die drei Stufen hinauf, prallte gegen den Priester.
Durch alle Türen drängte die Menge herein. Und die Veranlassung dazu verbreitete sich schnell unter den Kirchenbesuchern: fast nur alten Frauen, von denen die meisten ihrer Söhne beraubt waren. Mütter, die, von tödlicher Verzweiflung getrieben, ihre letzte Zuflucht bei Gott suchten, und von Gott, von der Liebe getrennt blieben durch die Lügenmauer, die der um Sieg und Segen für unsere Waffen und um Verderben und Tod für den Feind bittende Priester vor ihren Seelen auftürmte.
Die Mutter vernahm seine letzten Worte und stand, wie von Gott gesandt, eine ewige Sekunde aufgerichtet vor dem Priester. Da flog das von Gott selbst ihr auf die Lippen gegebene Wort „Lüge!“ durch die Kirche und zerriß die ungeheure Spannung.
Sie warf in einem wilden Schwung die Hände empor zum schmerzverzerrten Sohne. Der geängstigte Priester wollte die Mutter wegreißen. Während des kurzen Kampfes prallten beide gegen den Altar:
der Sohn schwankte und neigte sich und sank nach vorne in die empfangenden Arme der Mutter.
Der entsetzte Priester trat zurück.
Ein Hauch zog durch die Kirche, verdichtete sich zu vielstimmigem Geflüster und wurde ein Ton, den die Orgel aufnahm und motivisch mit dem melodisch ansteigenden Vorspiele verband.
Die erhöhte Mutter stand, das Gesicht den Gesichtern zugedreht, den umschlungenen Sohn an der Brust, reglos vor dem Altare, entschlossen zum Sturme gegen Gewalt und Mord. Und alle sahen, daß sie das persönliche Leid hinter sich gelassen hatte und nach dem wilden Schmerzenslauf durch die Stadt in dieser Sekunde den dunklen Mächten entronnen und eingetreten war in die weißfließende Liebe.
Ganz in ruhevollem Glanze versunken, stieg die Verklärte die drei Stufen herunter, ging langsam durch den Mittelgang.
Und die unglücklichen Mütter brachen, vom Unnennbaren berührt, los von der Lüge und folgten. Es wurde kein Wort gesprochen, und nicht ein Mensch blieb zurück.
Nur noch der Priester stand seitwärts neben dem Altare, die weitgeöffneten Augen auf die einmütig Abziehenden gerichtet. Da brach sein Kopf auf die Brust, als habe er einen Hammerschlag in den Nacken bekommen. Er hob das nicht wieder zu erkennende Gesicht und folgte
dem Zuge, der schweigend und mit göttlicher Selbstverständlichkeit die Stadt durchzog und von Minute zu Minute mächtiger anschwoll, beständig vergrößert durch die plötzlich Sehendgewordenen.
Drei Jahre, gefüllt mit Begeisterung, mit Blut, mit zehnmillionenfachem Morde, mit Glauben an die Lüge, mit Standhaftigkeit, Arbeit, Hunger, mit Leid und Leid und Leid waren durchschritten. Nichts war unversucht geblieben; alles war ertragen worden. Vergebens. Der blutige Kreis hatte keinen Ausweg.
Jetzt schritten die Menschen geschlossen und still in den Ausweg: in die Wahrheit hinein. Ohne Worte der Erklärung. Die Neuhinzukommenden fragten nicht. Niemand sprach ein Wort. Die Wahrheit braucht nicht den Ton. Die Wahrheit ist still.
Der für die Menschen am Kreuze gestorbene Sohn, von der Mutter Europas dem Kriege vor das Mordgesicht gehalten, öffnete von neuem die Herzen für die Liebe, deren weißglühender Strom den kilometerlangen Zug beständig durchfloß und allen Widerstand der noch von dunklen Mächten Gefesselten verbrannte.
Aus den Augen eines reitenden Schutzmannes, der den Zug begleitete, brach plötzlich das innere Licht. Er stieg ab.
Und das Pferd, getrennt von seinem Herrn, ganz verbunden mit den Menschen, schritt mit und blickte tief, kindlich und gut.
Stumpfe Menschen, vom Leide ausgehöhlt, empfingen den Keim neuen Lebens. Väter, Mütter, Kriegswitwen, Krüppel, in den mildglänzenden Augen die unmeßbar tiefe Freude von Menschen, die alles hingegeben und verloren hatten und nun plötzlich zusammen mit Brüdern gingen.
Von Zweifel und Frage nicht berührt, dicht hintereinander, fast am Platze marschierend, dem Ziele zu, das alle im Herzen trugen.
Ein endloser, schweigender Zug von Brüdern, dem Menschheitsziele entgegen, über den Untergang hinaus, hinein in das neue Zeitalter, das im Zeichen der Wahrheit, der Freiheit und der Liebe steht.
Sie schritten ganz langsam eine breite, unabsehbar lange Asphaltstraße hinunter und nahmen, tief vertraut mit der Atmosphäre der großen Zeitwende, in der die Ereignisse ohne Frage und Antwort begriffen werden, mit göttlicher Selbstverständlichkeit wahr, daß ihrem Zuge ein gewaltig langer Bruderzug entgegenkam. Ganz langsam und schweigend.
Voran der Kellner, auf dessen von Mund zu Mund getragenes Wort Millionen horchten.
Neben ihm die Versicherungsagentenwitwe, die vom Kellner dem Hasse entrissen und in den tieferen, in den radikalsten Protest gegen den Mord: in die Liebe gestellt worden war.
Der von diesen beiden angeführte Revolutionszug der Liebe traf mit dem unabsehbar langen Revolutionszug der Liebe, den die Mutter und der Gekreuzigte anführten, bei einer asphaltierten, breiten Querstraße zusammen.
Keine Frage. Keine Erklärung. Kellner und Agentenwitwe und die Mutter mit dem gekreuzigten Sohne blieben voreinander stehen, Auge in Auge.
Die Seitwärtsgehenden beider Züge bogen links und rechts in die Querstraße ein: ordneten sich zu einem riesenhaft großen, schwarzen Menschenkreuz, zu dessen Mittelstück das neben der Mutter stehenbleibende, reiterlose Pferd des Schutzmannes wurde.
Unvermittelt kam die Erleuchtung über abgearbeitete, vom Hunger geschwächte Menschen. Sie lösten sich los, standen plötzlich auf Balkonen.
Und sprachen hinunter zum schwarzen Menschenkreuz, in dessen Mitte der gekreuzigte Sohn ragte.
Das zu den Rednern emporgerichtete Gesicht der verbrüderten Menge leuchtete weiß. Und die Worte des neuen Zeitalters sanken, wie vor zweitausend Jahren, hinein in die durch mörderisches Leid wieder für die Liebe bereit gewordenen Menschen.