Die Mobilmachung der Deutschen Frau

Der Erste Weltkrieg ist auch heute noch eine einträgliche Handelsware. Bei ebay z.B. werden tausende von Feldpostkarten angeboten, die Käufer bieten, überbieten und kaufen für horrende Summen kostbare Einzelstücke, aber auch das billige Stück für einen Euro. Es ist nicht immer erkennbar, wo der Unterschied liegt. Auch auf Flohmärkten gibt es jede Menge Erinnerungsstücke der glorreichen Zeit: Orden, Postkarten oder ganze Fotoalben. Opas Vergangenheit wird verscherbelt oder einfach mehr oder weniger sinnvoll entsorgt.
Also gehen wir einmal auf einen Hamburger Flohmarkt und versuchen unser Glück. An einem Stand stehen zwei Frauen und verkaufen ihre Secondhand-Klamotten. Auf ihrem Tisch liegt ein kleiner Karton mit Schmuckresten, ein paar Fotos, Kinderbüchern und einem dünnen Heftchen mit dem Titel „Die Mobilmachung der Deutschen Frau“. Wir sind neugierig und nehmen für einen Euro das Heftchen mit nach Hause.

Zu Hause blättern wir interessiert in dem „Kriegsheft für unsere Frauen und Töchter“. 30 Seiten. Es ist tadellos erhalten, obwohl es auf holzigem Kriegspapier gedruckt wurde. Eine Jahresangabe fehlt, vermutlich aber 1916 erschienen, als Papier und andere Rohstoffe knapp und knapper wurden.

Geschrieben hat es ein gewisser E. Schuster. Unschwer zu erkennen im Selbstverlag herausgegeben. 1916 – da war der Krieg schon bitterer Alltag geworden.  In der Zeit wuchs die Zahl der selbst ernannten Propheten, die als einzige wussten, wer schuld am Krieg hat, wie man den Krieg schnell gewinnen kann oder warum man vor allem im heiligen Recht ist vor Gott und der ganzen Welt. Nun also die Mobilmachung der Deutschen Frau. Als „deutsches Frauenmotto“ wird im Vorwort die vielsagende Sentenz vorangestellt:

„Fest steht auf ihrem Posten neu,
Trotz Kriegsgetümmelei,
Die deutsche Frauentreu!“

Soll hier zum wiederholten Male die Frau besungen werden und ihr aufopferungsvoller Einsatz für das deutsche Volk an der Heimatfront? Als Rote-Kreuz-Helferin oder Straßenbahnschaffnerin? Solche Heftchen gab es, je länger der Krieg dauerte, massenweise.

  • Der Krieg und die Aufgabe der deutschen Mutter (Albert Wagner, 1915, 36 Seiten)
  • Was tut die Frau fürs Vaterland? (Hugo Sellheim, 1915, 36 Seiten)
  • Stille Opfer der Deutschen Frauen und Jungfrauen in großer Zeit (Helene Christaller, 1915, 96 Seiten)
  • Der Kriegsdienst der deutschen Frau (Victor Kuehn, 1916, 16 Seiten)
  • Die Kriegsarbeiten der Frau (Leo Colze, 1915, 48 Seiten)
  • Die deutsche Frau im Weltkriege (Thea von Harbou, 1917, 62 Seiten)
  • Die Zukunft der Kriegerwitwe (Anna Lindemann, 1915, 46 Seiten)

Jungfrauen, Mütter, Arbeiterinnen, Witwen – für alle Bereiche weiblicher Daseinsformen gab es kluge Ratschläge. Nun also die Mobilmachung der Deutschen Frau.
Der Verfasser E. Schuster will uns zwar nicht seinen Vornamen verraten, aber gibt sich als ehemaliger Lehrer an der Hauswirtschaftlichen Frauenschule in Straßburg zu erkennen. Ihm geht es um ganz besondere Aufgaben der Frauen, die ihm bis jetzt zu kurz gekommen zu sein scheinen.

Wie empfangen wir unsere heimkehrenden Krieger?
Wie ehren wir sie?
Wie decken wir Ihnen die Tafel?

Herr Schuster scheint nicht mitbekommen zu haben, dass der Krieg noch lange nicht zu Ende ist. Aber er will schon für den Fall eines triumphalen Sieges alle Frauen darauf vorbereiten. Er schreibt:

Allerdings erstreckt sich die Lösung unserer Fragen nicht auf den gegenwärtigen Stand der Dinge, sondern hauptsächlich nach der glücklichen Beendigung dieses Völker zermalmenden Krieges, und da es in der Natur der Sache liegt, ist es nötig, die Besprechung so frühzeitig wie möglich zu veranstalten.
Wir haben also unsere Sorge diesmal nicht mit Feldpostpaketen zu teilen für unsere auf fremder Erde im Westen und Osten stehenden Lieben, sondern es wird die Sorge sein, wie wir unser durch den Krieg zerrissenes und zerstörtes Heim zu einem glücklichen deutschen häuslichen Herd gestalten, wo echte deutsche Sitte und Gemütlichkeit der Grundzug ist, nicht Oberflächlichkeit und eitler Tand.

Im Folgenden seien einige Originalzitate wiedergegeben. Kopfschüttelnd wird man sich bei jedem Satz fragen: Wie weltfremd, wie verbohrt oder ahnungslos muss ein Mann wie E. Schuster sein, wenn er 1916 den Frauen Tipps gibt, wie sie ihre Männer nach Kriegsende empfangen sollen. Man kann sich auch schlecht vorstellen, dass irgendeine Frau sich danach gerichtet hat. Aber wer weiß?

Man kann über den Empfang des Kriegers verschiedentlich denken, nämlich: Besteht eine Verpflichtung? Tut man es aus Wohlerzogenheit und guter Sitte, aus nationalem Gefühl, aus persönlichem Gefühl oder ist es Ehrensache?

Es wird Männer geben, die eine stille, in sich gekehrte Veranlagung haben, weshalb es sich in diesem Fall empfehlen dürfte, daß das erste Wiedersehen der Frau gehört, ohne Störung. Ein anderer Mann wird nach Weib und Kind zugleich beim Empfang sich sehnen.

Ein anderer Mann wird nach Weib und Kind sich sehnen.

Wie dürfen wir uns kleiden beim Empfang? Das ist auch ein Punkt, der streng in den Rahmen des Ereignisses gebracht werden muß. Es sei nur auf Einfachheit hingewiesen, die immer das Zeichen einer vornehmen, feierlichen Gesinnung ist. Vielleicht auch dürfte sich das Königin Luise-Muster dem Ernst und der Würde am besten anpassen, sofern inzwischen eine entsprechende deutsche Mode nicht gefunden ist.

Blumen im Haar und im Zimmer sollten nicht fehlen. Tannen- und Eichenlaub mit der herzlichen Willkommensgrußtafel, das Ehrenkreuz in der Mitte, z. B.: Willkommen in der Heimat, oder Ehre dem wackeren Streiter, dem Held, dem lieben Sohn, dem lieben Mann oder Bruder, je nachdem. Die Treppen mit Teppichen belegt und mit Blumen und Tannenreisern bestreut. Vielleicht läßt sich damit eine kleine, geschickt angelegte, aber einfache und sinnige Illumination verbinden, die natürlich im Rahmen gehalten sein muß, verbunden mit Dekoration des Kaiserbildes oder der Königsbüste.

Blumen im Haar oder im Zimmer sollten nicht fehlen.

Beim Eintritt ins Haus wird dem Krieger ein Glas Rotwein von Dienstboten oder sonst einer dem Krieger bekannten Person gereicht, eventuell von dem Hausbesitzer, wenn der Krieger es nicht selbst ist. Dabei werden ein paar warme widmende Worte gesprochen. Vergessen darf man hier wieder den Takt nicht. Natürlich hat man jede Neugier zu unterdrücken und wird den kaum Eingetretenen nicht mit allen unnützen Fragen, die sich auf zurückliegende Vorkommnisse des Krieges beziehen, bestürmen.

…die Gattin, Freundin, Braut oder Schwester…

Der Heimgekehrte wird allerhand Bedürfnisse haben, die natürlich vorbereitet sein müssen. Ein Bad mit Unterwäsche und Kleidung soll bereit sein, denn das Bedürfnis ist unzweifelhaft dafür vorhanden. Schließlich kann die Gattin, Freundin, Braut oder Schwester dem Heimgekehrten eine besondere Ueberraschung dadurch bereiten, indem sie neue Glücks- oder Eheringe mit entsprechender Widmung besorgen lassen, die wiederum den Tag kennzeichnet und die man dem Heimgekehrten nach oder während dem ersten Austausch an den Finger steckt, ja auch vielleicht sehr gut während dem Zutischegehen geschehen kann.

Bei größerer Tafel empfiehlt sich die Anbringung von Triumphbögen.

Die Tafel sollte vor Ankunft des Kriegers gedeckt und die Gerichte so vorbereitet sein, daß man ohne große Umtriebe zur Tafel gehen kann, auch wenn wir die Ankunft nicht auf die Stunde oder den Tag hin erraten können. Bei größerer Tafel empfiehlt sich die Anbringung von Triumphbogen nach Art der Kroketsbogen mit Grün umkleidet, an allen diesen, natürlich richtig eingeteilten Plätzen, an denen Krieger Plätze angewiesen bekommen, die auch als Ehrensitze zu gelten haben. Das hindert aber nicht, daß wir noch niedere Schalen mit Blumen, Vergißmeinnicht und Immergrün auf die Tafel bringen und schließlich jedem einzelnen Gast noch ein kleines Blumengläschen mit Blumen an das Gedeck stellen.

Die Tafelbrötchen sollten in Form des Ehrenkreuzes beim Bäcker bestellt werden. Ebenso bricht man die Serviette in Form des Ehrenkreuzes, das man mit Immergrün verziert, und kann als Zierserviette noch die Palme brechen. Auch eine Speisekarte in Form einer Gedenkkarte mit Widmung sollte selbst auf der einfachsten Tafel nicht fehlen, die aber natürlich nur gut deutsche Gerichte aufweisen darf, und ebenso gut deutsch ausgedrückt sein muß.

Das Speisezimmer sollte eine vaterländische Ausschmückung erhalten und auf dem Speisetisch die deutsch-österreichische Siegesfahne wehen oder eine größere Fahne in der Ecke des Zimmers aufgestellt sein. Bei großer Tafel wird die vornehmste Dame den heimkehrenden Krieger zu Tisch führen,  und demselben ein gesticktes Band mit kurzer Widmung anstecken.

Der Heimkehrende weiß wohl die lang entbehrte Bequemlichkeit zu schätzen, weshalb es sich empfiehlt, jeder Stuhllehne ein Lehnkissen mit dem darauf gestickten Ehrenkreuz anzuhängen, das eine selbstgefertigte Handarbeit der Hausfrau sein soll.

Sie sehen also meine sehr verehrten Damen, es gibt im stillen noch manche hausfrauliche Arbeit bis zum Empfang zu leisten. Leisten wir sie, so dürfen wir mit reinem Herzen sagen, auch wir haben gesiegt.

Zitatende. Endlich, kann man nur sagen. Am Ende des Großen Krieges im November 1918 gab es für die heimkehrenden Soldaten kein gesticktes Ehrenkreuz, keine Tafelbrötchen und keine Blumengirlanden mit der Siegesfahne auf dem Tisch. Aber wie kehrten sie aus den Schützengräben zurück und wie wurden sie empfangen?

Tatsache ist, dass Millionen Soldaten schon vor Kriegsende nicht mehr an der Front waren. Schon Monate vor dem Waffenstillstand war das Heer in Auflösung begriffen. Gegen Ende des Jahres 1917 nutzten bis zu zehn Prozent der betroffenen Truppen den Transport von der Ost- zur Westfront als eine Gelegenheit zum Desertieren, und die Moral sank nach den Frühjahrsoffensiven des Jahres 1918 gewaltig.

An der Ostfront waren die Truppen kriegsmüde, es kam häufig zu Befehlsverweigerungen. Die Frühjahrsoffensive im Westen und die erste Grippewelle im Juni/Juli 1918 hinterließen zahlreiche Kranke und Verwundete. Von März bis Juli 1918 waren annähernd 1,75 Millionen deutsche Soldaten krankgemeldet und ungefähr 750 000 galten als verwundet.

Heimkehrende Helden sehen anders aus.

Ohne dies verallgemeinern zu wollen, scheint es doch so zu sein, dass eine große Zahl der demobilisierten Soldaten Ende 1918/Anfang 1919 nicht mit ihren Einheiten zurückkehrten. Bei Kriegsende war der größte Wunsch der meisten Soldaten, sofort nach Hause zu kommen.

Während manche Einheiten halbwegs geordnet nach Deutschland zurückkehrten – schließlich war es für viele der schnellste Weg in die Heimat – machten sich die Soldaten häufig alleine auf den Weg, sobald sie die deutsche Grenze überquert hatten. Das hatte mit der landläufigen Auffassung von der triumphalen Heimkehr der Helden wenig gemeinsam.

Bei den Menschen, die zu Hause auf die Heimkehrer warteten, mischten sich Patriotismus und Schuldgefühle. Sie hatten ja den Krieg in der relativen Sicherheit des Reiches erlebt, während die Soldaten zu hunderttausenden an der Front getötet wurden. Die Zivilisten wollten nun keineswegs versäumen, die heimkehrenden Soldaten als Helden willkommen zu heißen. Die Städte und Gemeinden bemühten sich um angemessene öffentliche Dankbarkeitsbezeugungen. Das Problem lag aber eher auf Seiten der Soldaten. Ein großer Teil der Helden war einfach nicht erschienen.

Und was ist nun aus der Mobilmachung geworden, die besagter E. Schuster den Frauen empfohlen hatte? Bereits im Januar 1916 gab es dazu in der Frankfurter Zeitung den Verriss eines Rezensenten, der spöttisch heimkehrende Krieger davor warnte, E. Schusters Machwerk zu lesen:

Nur unserer Befürchtung möchten wir Ausdruck verleihen, daß unsere tapferen Feldgrauen nie freiwillig in die Heimat zurückkehren werden, wenn ein solch gemütvoller Empfang ihrer harrt. Alle Schrecknisse des Trommelfeuers müssen ihnen harmlos erscheinen gegen die Barbarei dieses Angriffs.

Quellen
https://books.google.de/books?id=r0YRm2hxCN0C&pg=PA34&lpg=PA34&dq=e.+schuster+mobilmachung+deutschen+frau&source=bl&ots=FH38MMomiV&sig=QmwUWWgmlswtBrRrhh8vnc9rqP8&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiKuJvinb_TAhXDQBQKHd7LA8wQ6AEIKTAA#v=onepage&q=e.%20schuster%20mobilmachung%20deutschen%20frau&f=false

Richard Bessel, Die Heimkehr der Soldaten, Das Bild der Frontsoldaten in der Öffentlichkeit der Weimarer Republik, 2009 in: http://www.erster-weltkrieg.clio-online.de/_Rainbow/documents/keiner%20f%C3%BChlt%20sich%202/bessel.pdf

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