Von „Herr Charlotte Cohn“ zu „Frau Architekt“

Von „Herr Charlotte Cohn“ zu „Frau Architekt“

Seit Beginn des Ersten Weltkriegs werden Frauen als Krankenschwestern und Pflegerinnen an der Front eingesetzt. Aber auch in vielen anderen Berufen, die bis dahin fest in Männerhand waren, werden Frauen gebraucht. In Berlin werden an der Technischen Hochschule Charlottenburg die ersten Frauen zum Studium zugelassen. Unter ihnen ist Lotte Cohn. Sie ist erst die dritte Architekturstudentin in Charlottenburg. Sie erhält ihr Vordiplomzeugnis mit der  Anrede „Herr Charlotte Cohn“.

Zeugnis der Diplom-Vorprüfung (1914)

Am 8. Dezember 1916 besteht sie dann ihre DiplomHauptprüfung. Auf ihrer Urkunde ist das vorgedruckte „Herr“ durchgestrichen und durch ein handschriftliches „Fräulein“ ersetzt.  Lotte Cohn ist nun Diplom-Ingenieur der „Abteilung für Architektur“. Wie viele Berufsanfänger hat sie Zweifel an ihren Fähigkeiten und weiß nicht, ob sie sie sich durchsetzen wird. Aber schon ein paar  Jahre später gehört sie zu den gefragtesten Architekten ihrer Zeit.

Lotte Cohn im Alter von achtzehn Jahren (1911)

Aber erst einmal ist Krieg. Lotte Cohn ist  1916 mit ihrem fertigen Diplom gerade 23 Jahre alt. Sie hat keinerlei Berufserfahrung, keine handwerkliche Praxis und sie weiß, dass das keine guten Voraussetzungen für eine steile Karriere sind.

„Im Grunde wußte ich vom Bauen so gut wie nichts. Ich hätte einen Bau entwerfen können – aber was sonst dazu gehört, um ihn auszuführen, d.h. Pläne einem Bauunternehmer + einem Handwerker zu übergeben, das hatte ich nicht gelernt.“

Da bietet sich für sie und ihre Freundinnen die Gelegenheit an der Front zu arbeiten oder zumindest in der Nähe der Front. Ostpreußen war bereits in den ersten Kriegstagen Anfang August 1914 von den Russen besetzt worden. Fast die gesamte Provinz war mehr oder weniger von heftigen Kämpfen betroffen. Schätzungen zufolge gab es etwa eine Million Flüchtlinge sowie 100 000 beschädigte und zerstörte Gebäude.

 

Bereits im Oktober 1914 waren der Provinz vierhundert Millionen Reichsmark für den Wiederaufbau zugewiesen worden. Hierfür wurden Architekten gesucht. Fünfhundert Freiwillige hatten sich bereits in den ersten Kriegswochen beworben, ohne dass  überhaupt eine Ausschreibung stattgefunden hatte. Zu den jungen Architekten, die sich am Wiederaufbau Ostpreußens beteiligen wollen, ist auch Lottes ehemaliger Kommilitone Hans Scharoun. Lotte Cohn bewirbt sich auch.

Für sie ist das die einzige Chance, während des Krieges eine Anstellung zu finden. Drei Monate nach ihrem Examen tritt sie ihre erste Arbeitsstelle in Pillkallen im Regierungsbezirk Gumbinnen an. Von dieser Stadt ist der Spruch bekannt:  „Es trinkt der Mensch, es säuft das Pferd. In Pillkallen ist es umgekehrt.“

In Ostpreußen geht es um den Wiederaufbau oder Neubau von Gutshöfen, Herrenhäusern, Landgasthöfen, Wohn- und Geschäftshäusern und öffentlichen Gebäuden. Die jungen Architekten können sich hierbei nicht so richtig austoben und  neue Formen schaffen, sondern nur wirtschaftlich notwendige Formen wieder herstellen.

Lotte Cohn kehrt im Frühjahr 1919 aus Ostpreußen nach Berlin zurück. Die Aussichten, eine Anstellung zu finden, sind für Architektinnen äußerst ungünstig. Die meisten Frauen müssen für die heimkehrenden Männer den Platz räumen. Darüber hinaus ist die allgemeine wirtschaftliche Situation nicht so rosig, um die Auftragslage für Architekten überquellen zu lassen.

Wie so oft im Leben helfen Zufall und familiäre Beziehungen ihr weiter.  Lotte Cohn ist in Charlottenburg in einer angesehenen jüdischen Familie aufgewachsen. Ihr Vater Bernhard Cohn war Mitbegründer der ersten zionistischen Ortsgruppe Berlins. Sie selbst hatte schon in ihrer Jugend den Wunsch gehabt, aktiv am Aufbau des „Judenlandes“ mitzuwirken. Ihr Vater war immer wieder antisemitischer Verleumdungen ausgesetzt. So waren alle Familienmitglieder früh zu Anhängern Theodor Herzls geworden. Als sie dann gerade mal sechzehn Jahre alt war, stand für Lotte fest, dass sie nach Palästina gehen würde.

Ein langjähriger Freund der Familie war der Ingenieur Wilhelm Hecker, der in der zionistischen Bewegung aktiv war. Er hatte bereits vor dem Ersten Weltkrieg für das Palästina-Amt in Jaffa gearbeitet. Er empfiehlt schließlich Lotte Cohn als geeignete Mitarbeiterin für das Planungsbüro in Jerusalem. Am 28. März 1921 schreibt die junge Architektin einen Bewerbungsbrief an „Herrn Richard Kauffmann, Zionist Commission, Jerusalem“

„Sehr verehrter Herr Kauffmann! Durch meine Schwester Rosa Cohn erfahre ich, daß Sie Interesse daran haben, mit zionistischen Architekten, die für die Arbeit in Palästina in Betracht kommen, in Beziehung zu treten. Daß ich meinerseits ein ganz großes Interesse daran habe, mit Ihnen bekannt zu werden, ist begreiflich; dies ist der Anlaß meines Briefes.“

Richard Kauffmann ist  erst seit wenigen Monaten der leitende Stadt- und Siedlungsplaner der Palestine Land Development Company. Kauffmann hatte u.a. am Bau der Gartenstadt Margarethenhöhe bei Essen mitgearbeitet und dort auch Lottes Bruder, den Rabbiner Emil Cohn, kennengelernt. Lottes Bewerbungsbrief ist von entwaffnend ehrlicher Offenheit:

„Ich weiß, daß für den Augenblick wenig Aussicht für mich ist, dort Arbeit zu finden. Sollte sich irgendwann einmal eine Möglichkeit dazu bieten, so würde ich ganz zufrieden sein, mich von der Stellung etwa eines Technikers aus in die Verhältnisse dort von Grund auf einzuarbeiten. Dieser Brief ist wohl ausführlich genug; ich bitte Sie, mir zu glauben, daß er völlig aufrichtig ist, sehr viel ehrlicher + objektiver als ähnliche Angaben gewöhnlich gemacht werden. Ich betone das, weil ich aus Erfahrung weiß, daß Bewerbungsschreiben in der Regel mit skeptischen Augen gelesen werden. Ich hatte den ehrlichen Willen, eine wirkliche Verständigung mit Ihnen herbeizuführen. Denn sollte dieser Brief wirklich einmal zur Grundlage einer geschäftlichen Beziehung zwischen Ihnen + mir werden, so wäre eine Täuschung für beide Teile gleich gefährlich. Ich bin mir dieser Verantwortung ganz bewußt.“

Wilhelm Heckers Empfehlung und Lotte Cohns Brief an Richard Kauffmann verfehlen nicht ihre Wirkung. Ende Juli 1921, zu einem Zeitpunkt, als auch ihre Schwester Helene mit ihren Reisevorbereitungen zur Übersiedlung nach Palästina beschäftigt war, erreicht Lotte Cohn ein Telegramm aus Jerusalem:

„anbieten assistenten stellung vorläufig zwanzig pfund monatlich, reisezuschuss 25 pfund sofort visum einreichen, erbitten drahtantwort pldc kauffmann zionscom.“

Am selben Tag schreibt Kauffmann persönlich einen Brief an seine künftige Assistentin:

Dipl. Ing. Richard Kauffmann Architekt

Sehr geehrtes Fräulein Cohn!

Wenn ich an die Sehnsucht denke, mit der ich nach dem Land kam, besser der Arbeit in ihm, für es stets bangte und an die Freude, als mich im August vorigen Jahres meine Berufung hierher in Norwegen erreichte, so kann ich mir ungefähr vorstellen, wie Ihnen jetzt wohl zu Mute sein mag.

Ich freue mich, daß ich die Ihrige unter den vorliegenden Bewerbungen, sowie unter den mir bekannten Kräften auswählen konnte, ich hoffe auch, daß ich richtig getroffen habe, und daß unser Zusammenarbeiten ein in jeder Hinsicht, glückliches und Dauerndes sein wird.

Es liegen unerhört schöne städtebauliche Arbeiten vor. – Es sind Arbeiten in Aussicht, deren Größe, Schönheit, deren gewaltige Bedeutung für den Aufbau einem zu unbedingter, restloser Hingabe an diese Arbeit freudig zwingt.

Ich hoffe nur, daß mir die Kraft bleibt, körperlich und seelisch.

Jerusalem, 31. Juli 1921

Am 18. August 1921 brechen die beiden Schwestern Helene und Lotte Cohn vom Anhalter Bahnhof in Berlin nach Palästina auf. Dort wird sie die erste Frau sein, die als Architektin arbeiten kann. Es beginnt eine beispiellose Karriere.

Lotte Cohns erster Entwurf in Erez Israel für die Volksschule in Tiberias (1922)

Wie kaum eine andere Frau ihrer Generation hat Lotte Cohn über einen Zeitraum von beinahe fünfzig Jahren ihre Spuren in der Baugeschichte ihres Landes hinterlassen. Sie hat sich mit den neuen Strömungen, vor allem der Philosophie des Bauhauses, intensiv auseinandergesetzt und sie dann zu einer eigenen Formensprache weiter entwickelt. Als Assistentin Kauffmanns arbeitete sie an neuartigen Siedlungsstrukturen. Sie entwarf die ersten Konzepte für landwirtschaftliche Genossenschaftssiedlungen und die ersten jüdischen Gartenvororte der 1920er Jahre. In den 1930er Jahren schuf sie gemeinsam mit anderen Planern neue Siedlungen für die deutsch-jüdischen Immigranten, die Deutschland verlassen mussten.

Neues Bauen in Tel Aviv (1934), Postkarte in Privatbesitz

Sie hat soziale Wohnsiedlungen entworfen, die nach der 1948 einsetzenden Masseneinwanderung nötig wurden, sie hat Geschäftshäuser gebaut und das erste Kibbuz-Kinderhaus, das heute als Bibliothek dient.

Landwirtschaftliche Mädchenschule Nahalal (Entwurf von 1923)

Lotte Cohn wirkte an zahlreichen Wettbewerben in Palästina/Israel mit und plante Typenhäuser und Wohnungsgrundrisse im Kleinsiedlungsbau. Sie entwarf Bauten für Privatpersonen, Institutionen und Baugesellschaften. Das Spektrum ihrer Aktivitäten Reichte von der Stadtbereichsplanung bis zur Inneneinrichtung. Wer neugierig geworden ist und mehr wissen möchte, wird hier anschaulich informiert:

https://www.baunetz.de/baunetzwoche/baunetzwoche_ausgabe_848185.html

Rund hundert Bauten sind nach Plänen von Lotte Cohn in Israel verwirklicht worden. Anders als die meisten Architekten hat sie ihre Werke nicht dokumentiert und archiviert. Ihr Nachlass ist weit verstreut und teils verloren gegangen. Manche ihrer Bauten  stehen unter Denkmalschutz, andere sind vom Abriss bedroht – so wie ihr eigenes Wohnhaus im Jerusalemer Stadtteil Rehavia.

Über dieses außergewöhnliche Viertel in Jerusalem hat Thomas Sparr sein großartiges Buch  „Grunewald im Orient“ geschrieben. Richard Kauffmann hatte Rehavia nach dem Vorbild Berliner Gartenvororte im Bauhausstil entworfen. Es war der bevorzugte Wohnort der „Jecken“, der deutschen Juden. In einer Rezension der ZEIT wird deutlich, wie diese Gartenstadt ab 1933 das Zentrum der deutschen Juden wurde. Hier wohnten und trafen sich Martin Buber, Gershom Scholem, Else Lasker-Schüler, Mascha Kaléko, Werner Kraft und mitten unter ihnen Lotte Cohn. Ihre Schwester Helene Cohn hatte dort eine Pension eröffnet. Aber das ist eine andere Geschichte.

https://www.zeit.de/kultur/2018-05/jerusalem-berlin-gartenstadt-rechavia-deutsch-juedische-geschichte/seite-4

Lotte Cohn (1962)

Lotte Cohn starb am 7. April 1983 in ihrem 90. Lebensjahr in Tel Aviv. In den Tageszeitungen Ha’aretz und Jerusalem Post erschienen Todesanzeigen, in denen sie als „One of the Builders of Israel“ gewürdigt wurde.

Wir werden sie in der Ausstellung FRAU ARCHITEKT wiedertreffen, die am 15. Juni 2019 in Hamburg eröffnet wird. Im Museum der Arbeit werden anhand von Text- und Bildtafeln, Modellen, Entwürfen und Zeichnungen sowie Fotografien und Dokumenten die Biografien und Werke von 22 Architektinnen präsentiert.

Ausstellung im Museum der Arbeit in Hamburg

Die Architektur war lange Zeit eine Männersache. Daran hat sich bis heute nur wenig geändert. Zur Ausstellung in Hamburg schreibt das Netzwerk „german-architects – Profiles of Selected Architects“:

Seit einigen Jahren studieren zwar mehr Frauen als Männer an den Architekturhochschulen. Der Trend ist europaweit, in Deutschland mit mehr als 53 Prozent am deutlichsten. Andererseits gibt es unter den im Beruf tätigen Architekten erst 30,9 Prozent Frauen. Zwar erreichen heute mehr Frauen als früher leitende Positionen als Partnerinnen in Architekturbüros, als Hochschullehrerinnen, als Präsidentinnen von Architektenkammern, an dem Geschlechter-Missverhältnis in der Architektur ändern solche Karrieren dennoch wenig. Die Gründung von Büros, die Besetzung einflussreicher Stellen und Professuren ist noch immer Männersache. Die Ausstellung im Museum der Arbeit geht diesem Phänomen nach und zeigt historische und aktuelle Entwicklungen.

Der Geschlechterkampf geht also weiter.

Quellen

Die meisten Fotos stammen aus dem Archiv Stiftung  Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum

Ines Sonder, Lotte Cohn, Baumeisterin Israels, Berlin, 2010 (dort zahlreiche Abbildungen über Lotte Cohn)

Thomas Sparr, Grunewald im Orient, Das deutsch-jüdische Jerusalem, Berlin, 2018

FRAU ARCHITEKT, Seit mehr als 100 Jahren: Frauen im Architekturberuf, Katalog zur Ausstellung, Berlin, Wasmuth Verlag, 2017

https://www.baunetz.de/baunetzwoche/baunetzwoche_ausgabe_848185.html

http://david.juden.at/2008/78/18_sonder.htm

https://www.sueddeutsche.de/kultur/architektur-sag-mir-wo-die-frauen-sind-1.3705637

https://www.aviva-berlin.de/aviva/content_Literatur_Juedisches%20Leben.php?id=1419917

http://wasmuth-verlag.de/shop/architektur-stadtplanung/architekturgeschichte/frau-architekt/

https://www.deutschlandfunkkultur.de/die-erste-architektin-israels.1013.de.html?dram:article_id=168967

https://www.german-architects.com/en/events/frau-architekt-seit-mehr-als-100-jahren-frauen-im-architekturberuf

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