We are making a new world

1916 war das Jahr der großen und verlustreichen Schlachten. Ob auf der türkischen Halbinsel Gallipoli, bei Verdun, an der Somme oder im Skagerrak, am Jahresende waren Millionen Tote zu beklagen. Keine dieser Schlachten konnte den Krieg entscheiden. Trotzdem war 1916 ein Wendejahr. An den Fronten und Heimatfronten kippte die Stimmung. Die Begeisterung wich einer zutiefst verunsicherten Sicht auf die Welt.

Keiner konnte sich vorstellen, wie sie nach diesem Krieg aussehen könnte. Künstler und Dichter, die selbst an der Front gekämpft hatten, versuchten das Erlebte künstlerisch zu verarbeiten. Eines der denkwürdigsten und zugleich radikalsten Bilder des Ersten Weltkriegs gab es im letzten Jahr in der Tate Britain zu sehen. Der Maler nannte es „We are making a new world“. Dieses Bild muss den Vergleich mit Picassos „Guernica“ nicht scheuen. Wir verdanken es dem englischen Maler Paul Nash.

Paul Nash, geboren 1889, konnte schon ab 1912 mit Ausstellungen auf sich aufmerksam machen. Seine frühen Bilder waren u.a. durch William Blake und den Präraffaeliten Dante Gabriel Rossetti beeinflusst. Es entstanden beeindruckende Bilder englischer Landschaften.

Paul Nash (1884-1946)

Als der Krieg ausbrach, meldete er sich freiwillig. Der Krieg erwartete ihn in St. Eloiis, südlich von Ypern in Flandern. Dort stand sein Verband, das Hampshire-Regiment. Nash war 27 Jahre alt, hochgewachsen und schlank. Er war noch so einer von diesen enthusiastischen und am College ausgebildeten jungen Männern, die mit Homer oder einer Sammlung französischer Lyrik des 18. Jahrhunderts im Rucksack an die Front reisten, bereit für das große Abenteuer. Er begann an der Westfront das Leben in den Schützengräben mit dem Stift festzuhalten. Im Mai 1917 stürzte er beim Zeichnen von der Brustwehr in einen Schützengraben. Er erlitt einen Rippenbruch und wurde als dienstunfähig nach Hause geschickt. So entging er den folgenden Kämpfen in Flandern, wo seine Einheit nahezu ausgelöscht wurde.

Zu Hause fertigte er eine Reihe von Zeichnungen über den Krieg an, die ausgestellt und von der Öffentlichkeit gut aufgenommen wurden. Man war so beeindruckt von den Bildern, dass er im November 1917 als offizieller Kriegskünstler an die Westfront zurückgeschickt wurde. Hier entstanden seine ersten Ölbilder.
Bei seinem ersten Fronteinsatz hatte er seiner Frau noch voller Bewunderung die „seltsame Schönheit“ des Krieges geschildert. Es war Frühling und er hatte gestaunt und bewundert, wie die Natur sich trotz aller Verwüstungen regenerieren konnte. Jetzt im November war der Glanz des Frühlings dahin und war einem alles verschlingenden Morast gewichen.

„Ich bin in diesen Tagen sehr glücklich“, schrieb er im Mai seiner Frau, „ich glaube in der Tat, dass ich in den Schützengräben glücklicher bin als sonst wo hier draußen. Das klingt absurd, aber das Leben hat hier einen größeren Sinn und einen neuen Schwung bekommen, und die Schönheit ist durchdringender.“

Paul Nash erlebte im Herbst einen deutschen Giftgasangriff, als er gerade seine Arbeit als Kriegskünstler begonnen hatte. Seine Lungen wurden geschädigt. Am 16. November 1917 schickt Paul Nash seiner Frau einen Brief von der belgischen Front. Darin beschreibt er das Schlachtfeld als „unaussprechlich, gottlos, hoffnungslos“.

„Mit dem ersten Gasangriff begann das menschliche Element zu sinken. Fortan wurden Männer oft zu Monstern. Schließlich nahmen Maschinen, bildlich gesprochen, die Ebene der Menschen ein.“

Er sah den Krieg jetzt mit anderen Augen. Ja, man könnte sagen, der Krieg hatte ihm die Augen geöffnet. Zutiefst erschüttert berichtete er nach Hause vom „schrecklichsten Albtraum eines Landes, das eher von Dante oder Poe erdacht worden ist als von der Natur“. Er war zwar offizieller Kriegsmaler, aber wie sollte er jetzt offiziell malen?
Er entschied sich für eine radikale Kehrtwende. Keine Beschönigung mehr, keine Verherrlichung, ja nicht einmal einen Hauch von Objektivität erlaubte er sich. Seine Botschaft ging an die mächtigen Männer, die wollten, dass der Krieg ewig weitergeht. Sie sollten auf seinen Bildern sehen, was dabei herauskommt.

1918 entsteht so sein Bild „We are making a new world”. Der Titel verspottet die Ambitionen des Krieges. Die Sonne geht über einer Szene der totalen Verwüstung auf. Die Landschaft ist unkenntlich und völlig unfruchtbar geworden. Die Erdhügel wirken fast wie Grabsteine, ein verlassenes, kochendes Meer aus Schlamm, aus dem stochernde und kahle Baumstämme hervorbrechen. Am fernen Horizont erhebt sich eine helle Sonne über einer hohen blutroten Wolkenbank.
Auf dem Bild fehlen die Menschen. Soldaten sind nicht zu sehen, kein Blut, keine Toten. Nash suchte nach einer neuen Art von Symbolik, um das Elend des Krieges zu zeigen. Die reine Landschaftsform schien ihm bedeutsamer zu sein als Bilder aus dem Schützengraben voller entstellter Soldaten. Trotzdem sind seine folgenden Landschaftsbilder in ihrer Aussage eine einziger Aufschrei gegen den Krieg. Es ist heute schwer zu verstehen, wie diese und Bilder von den Behörden akzeptiert wurden, die von ihnen in Auftrag gegeben haben.

The Menin Road (Original Source: http://www.iwm.org.uk/collections/item/object/20087)

So erhielt Paul Nash z.B. den Auftrag für eine Arbeit, die ursprünglich im April 1918 vom Informationsministerium als „A Flanders Battlefield“ bezeichnet wurde. Sie sollte in einer Halle der Erinnerung zu sehen sein, die „kämpfenden Themen, häuslichen Untertanen und dem Krieg“ gewidmet war „auf See und in der Luft“. Die Halle der Erinnerung wurde jedoch nie gebaut und die Arbeit wurde dem Imperial War Museum gegeben. Nash arbeitete von Juni 1918 bis Februar 1919 an diesem Gemälde. Es wurde berühmt unter dem Titel Menin Road, einem Ort in Flandern. Nash schlug folgende Inschrift für das Gemälde vor. „Das Bild zeigt ein Gelände in der Nähe des Dorfes Gheluvelt, vielleicht die gefürchtetste und verhängnisvollste Gegend eines jeden Kriegsschauplatzes.“

The Cherry Orchard

Wie Nash die Landschaft instrumentalisiert, wird auch in seiner Zeichnung „The Cherry Orchard“ deutlich. Die winterlichen, kahlen Kirschbäume sind geometrisch wie in einer militärischen Formation angelegt. Ein Maschendrahtzaun mit zwei Stacheldrahtzeilen trennt den Betrachter von dem Garten. Die Aussicht ist fast wie aus einem Schützengraben. Doch Leben sieht anders aus. Auch die Vögel, die dort fliegen, erinnern eher an Flugzeuge.
Paul Nash gehört zu den Kriegsopfern, die wie viele Soldaten ein verzögertes Trauma erlitten. Er kämpfte immer wieder mit Bildern gewalttätiger, aufdringlicher Erinnerungen an die Westfront.

Paul Nash ‚Landscape from a Dream‘ (1936-8 ©Tate)

Heute gilt er als einer der bedeutendsten Vertreter der frühen Moderne in England mit deutlichen Bezügen zum Surrealismus. Er ging jedoch einen Sonderweg, wobei er seine Eigenständigkeit bewahrte.
Die Sonderschau der Tate Britain war vor allem seinen Kriegsbildern aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gewidmet. Sie war auf ihre Art die Londoner Ausstellung des Jahres. Die Süddeutsche Zeitung schreibt allerdings auch kritisch darüber:

„Die Kuratorinnen hätten Paul Nash zu keinem besseren Zeitpunkt in Erinnerung rufen können. Ihr erklärtes Ziel war es, ihn als eine Schlüsselfigur in der Debatte über das Verhältnis britischer Kunst zum internationalen Modernismus zu zeigen. Das ist gelungen, allerdings in völlig anderer Weise, als es der Ausstellung vorschwebt. Mehr oder minder abgeschnitten von den wichtigsten Kunstströmungen seiner Zeit blieb Nash nichts als eine ernsthafte, aber unbeholfene Annäherung auf eigene Faust. Die Schau zeigt, wie nachteilig, wie einengend mangelnder Austausch, eine erzwungene oder gar gewollte Abschottung gegen äußere Einflüsse die Kunst eines Landes beeinflussen können. Es ist hilfreich, daran erinnert zu werden, jetzt, da sich die kulturelle Debatte in Großbritannien zusehends nach innen wendet.“

Wenn nicht diese eine Ausstellung im letzten Jahr in London gewesen wäre, würde kaum jemand in Deutschland von Paul Nash Notiz genommen haben. Es ist schon seltsam mit der Erinnerungskultur. Jedes Land feiert oder würdigt in erster Linie seine eigenen Künstler. Über den Tellerrand zu schauen oder gemeinsame Sache mit den ehemaligen Gegnern zu machen, ist auch noch nach 100 Jahren immer noch schwierig.
Eine Ausnahme allerdings macht demnächst die Tate Britain. Vom 5. Juni bis zum 16. September 2018 wird es eine Ausstellung geben, die über die eigenen Grenzen schaut.

Aftermath Art in the wake of World War One – Exploring the impact of World War One on British, German and French art.

This fascinating and moving exhibition shows how artists reacted to memories of war in many ways. George Grosz and Otto Dix exposed the unequal treatment of disabled veterans in post-war society, Hannah Höch and André Masson were instrumental in the birth of new art forms dada and surrealism, Pablo Picasso and Winifred Knights returned to tradition and classicism, whilst others including Fernand Léger and C.R.W Nevinson produced visions of the city of the future as society began to rebuild itself.

Die gute Nachricht: Der Eintritt ist in der Tate Britain wie immer frei.

Quellen
Tate Publishing, Paul Nash, Katalog der Ausstellung, Edited by Emma Chambers, London, 2017
Gina Thomas, Paul Nash in der Tate Britain, Lasst uns modern und trotzdem Briten sein, F.A.Z., 27.12.2016
Steffen Bruendel, Jahre ohne Sommer, Europäische Künstler in Kälte und Krieg, Stuttgart, 2016
Peter Englund, Schönheit und Schrecken, Eine Geschichte des Ersten Weltkriegs, erzählt in neunzehn Schicksalen, Berlin, 2011
https://www.theguardian.com/artanddesign/2016/oct/14/from-english-woodlands-to-war-pioneering-paintings-of-paul-nash
http://www.sueddeutsche.de/kultur/kunst-monolithe-geistigen-hungers-1.3316732
http://www.deutschlandfunk.de/bluetenlesen-im-ersten-weltkrieg-landschaft-als-schlachtfeld.1184.de.html?dram:article_id=276596
https://www.conceptualfinearts.com/cfa/2016/11/11/the-1930s-revival-continues-tate-britain-celebrates-paul-nash/

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Eine Antwort auf We are making a new world

  1. Nicolai sagt:

    Schöner Artikel!

    Zu dem Bild „We are making a new world”:
    Ich musste da an Hände denken. Hände der toten Soldaten, die nach oben greifen.

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