Krüppel? – Normal!

krü_0001 - KopieModerne Krüppelpflege – mit dieser Überschrift hat die Frauenrechtlerin Anna Plothow vor 100 Jahren einen bemerkenswerten Artikel im Illustrierten Jahrbuch von 1915 verfasst. Sie schreibt gleich zu Beginn, was wir heute manchmal auch empfinden:

„Bei dem Wort „Krüppel“ überläuft viele Menschen ein aus Grauen und Mitleid gemischtes Gefühl. Aber das soziale Bewusstsein unserer Zeit hat auch dieses kaltherzige Abtun und dieses falsche Mitleid überwunden.“

Das sind erstaunliche Gedanken für 1915. Anna Plathow beschreibt ausführlich die modernen Anfänge eines menschlicheren Umgangs mit körperbehinderten Menschen. Der Berliner Orthopäde Konrad Biesalski war dabei die treibende Kraft. Innerhalb weniger Jahre schaffte er es, die sogenannte „Krüppelpflege“ gesellschaftsfähig zu machen. In Berlin wurde u.a. mit Unterstützung zahlreicher Spenden ein modernes Heim für körperbehinderte Kinder gebaut – das Oskar-Helene-Heim. Die Kaiserin war bei der Einweihung am 27. Mai 1914 dabei.
Aber dann begann wenige Wochen später der erste Weltkrieg. Innerhalb kurzer Zeit wurde das moderne Kinderheim in ein Lazarett umgewandelt. Moderne Krüppelpflege? Der Krieg hatte plötzlich andere „Krüppel“ zu versorgen. Aber der Reihe nach.

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Konrad Biesalski, 1868-1930

Das Oskar-Helene-Heim war nicht der Anfang, um körperbehinderten Kinder zu helfen, sondern eher der sichtbare Punkt einer längeren Entwicklung, die vor allem durch Konrad Biesalski vorangetrieben wurde. 1906 wurde Biesalski Leiter der Orthopädie am Urban-Krankenhaus in Berlin. Sein Augenmerk richtete er vor allem auf die sogenannten Krüppelkinder, die nach Unfällen oder von Geburt an nicht richtig laufen konnten.
Schon 1905 hatte er den „Krüppel-Heil-und-Fürsorge-Verein für Berlin-Brandenburg“ gegründet. 1906 veranlasste er eine „Krüppelzählung“, um die Zahl der verkrüppelten Kinder feststellen zu lassen. In seiner ethischen Grundhaltung forderte er eine ganzheitliche Behandlung. Sein Motto war: „Nicht ein einzelner Fuß soll behandelt werden, sondern der ganze Mensch.“
Neben seiner Arbeit im Urban-Krankenhaus verfolgte Biesalski zehn Jahre lang die Idee, in Berlin eine orthopädische Modellanstalt zu bauen, in der körperbehinderte Kinder nach modernsten Methoden behandelt werden sollten. 1914 hatte er sein Ziel erreicht.
Im Mai 1914 wurde – wie oben erwähnt – das Oskar-Helene-Heim eingeweiht. Es lag auf einem weitläufigen Waldgelände in Zehlendorf. Der Bau wurde ermöglicht durch die Stiftung des Unternehmers Oskar und seiner Frau Helene Pintsch.
Die Entstehung dieser Modellanstalt und die damit verbundene Krüppelfürsorge hat der Heidelberger Privatdozent Philipp Osten in seiner Dissertation ausführlich und kenntnisreich auf über 400 Seiten erforscht und dargestellt. Wer sich ausführlicher darüber informieren will, findet seine Dissertation im Internet und kann sie als PDF-Datei herunterladen (siehe unten: Quellen).

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Feldpostkarte von 1915

Die Kaiserin war bei der Einweihung am 27. Mai 1914 dabei. Dann aber begann – wenige Wochen später – der erste Weltkrieg. Biesalski handelte schnell und weitsichtig. Innerhalb kurzer Zeit ließ er das Kinderheim in ein Lazarett umwandeln. Eine Invalidenschule wurde angegliedert, um Kriegsversehrte nachzubehandeln und ihre berufliche Eingliederung zu ermöglichen. Es war eine Mobilmachung der besonderen Art. Schnell wurde aus der Krüppelfürsorge die „Kriegskrüppelfürsorge“.
Im Berliner Tageblatt und in seiner Schrift „Die Fürsorge für unsere heimkehrenden Krieger“ warb Biesalski genauso vehement für die verwundeten Soldaten wie zuvor für körperbehinderte Kinder. Seine Formulierungen waren allerdings nicht frei von der damaligen Kriegsrhetorik.


Wie helfen wir unsern Kriegskrüppeln?

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Bilder aus dem Illustrierten Jahrbuch des Berliner Tageblattes von 1915

Der Krieg, der uns verbrecherisch aufgezwungen ist, zerstört die Blüte unseres Volkes. Zu den Tausenden, die in fremder Erde bestattet werden, kommen Tausende, welche mit beschränkter Erwerbsfähigkeit zu uns zurückkehren, und wenn auch der Gedanke, daß gerade die kräftigsten und besten Söhne unseres Volkes als Krüppel wieder die Lazarette in Scharen verlassen werden, grauenhaft und niederdrückend ist, so müssen wir doch diesem Schicksal, das uns auferlegt wird, mutig ins Auge sehen und Vorsorge treffen, um das Unglück soviel als in unseren Kräften steht, zu mildern. Und Gott sei Dank stehen uns dafür zahllose und wirksame Mittel zur Verfügung.

Wir Krüppelleute wissen selbst am besten, daß, wenn der Wille dazu vorhanden ist, ein Verstümmelter noch Verrichtungen ausführen kann, die der Laie von vornherein für gänzlich ausgeschlossen halten muß. Das schlagendste Beispiel wird immer Hoeftman’s Mann ohne Hände und Füße bleiben, der trotzdem sich anziehen, essen, schreiben und sich selbsttätig fortbewegen kann und Meister einer Drechslerlehranstalt ist. Jeder von uns hat ähnliche Beispiele aus eigenen Erfahrungen. kr 4 - KopiejIn den mir unterstellten Lazaretten benutze ich jeden ärztlichen Rundgang durch die Abteilungen, um schon jetzt die Gedanken der Verwundeten darauf zu lenken, daß sie in ihrem alten Berufe wieder tätig sein werden und müssen.

Ein Lehrer, dem der rechte Arm abgenommen werden mußte und der zuerst aufs tiefste niedergeschlagen war, lernt jetzt mit der linken Hand schreiben und mit jedem Tag, wo er Fortschritte sieht, wächst sein Glaube daran, daß er wieder Lehrer sein kann.

krüppel_0001 - Kopie - KopieEinen Gärtner mit Abtragung des Unterschenkels habe ich davon überzeugt, daß er wieder wird gärtnern können; einen Landmann mit Verlust einer Hand, daß er wieder wird mähen und harken können. Ein Maurer, dem der rechte Unterarm in der Mitte abgenommen wurde, lernt allmählich auf mein Zureden begreifen, daß es für ihn wohl möglich sein wird, trotz dieses Verlustes wieder mauern zu können. Seine Befürchtung, er würde keine Arbeit finden, habe ich ihm mit der feierlichen Versicherung genommen, daß es uns gelingen wird, die deutsche Arbeitgeberschaft dazu zu bringen, auch erwerbsbeschränkte Arbeiter wieder zu beschäftigen. Neben dem reinen Handarbeiter wird aber auch noch eine nicht geringe Zahl von Verstümmelungen solche Krieger treffen, die ihr Brot mit dem Kopfe verdienen; und diese werden manchmal ganz besonders schwer durch die Erwerbsbeschränkung betroffen sein.

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Konrad Biesalski, Die Fürsorge für unsere heimkehrenden Krieger, insbesondere die Kriegskrüppelfürsorge, Leipzig, 1915

mm_0003Konrad Biesalski hat vor 100 Jahren mit seinen Ideen und seiner Tatkraft die Leitlinien dafür gelegt, wie man mit Menschen umgeht, die beschädigt, behindert, beeinträchtigt oder – wie es vor 100 Jahren noch hieß – verkrüppelt sind.
Auch wenn die Begriffe „Behinderung“, „Integration“ und „Inklusion“ heute wie selbstverständlich gebraucht werden, ringen wir doch immer wieder um die richtigen Formulierungen und das richtige Verständnis dafür. Unsere Hilflosigkeit hält ja bis heute an, auch wenn man inzwischen nicht mehr von Krüppeln spricht. Es ist nicht nur ein gesellschaftliches Problem, sondern auch ein sprachliches.

v.l.n.r.: Joachim Gauck ( Bundespräsident ),Nora Sties ( Übungsleiterin Turnverein Laubenheim 1883 e.V. ),Dr. Thomas Bach ( Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes ),Uwe Fröhlich (Präsident Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken ),

Preisverleihung „Goldener Stern“

Dazu forscht im Augenblick die Doktorandin Nora Sties in Mainz. In einem sehens- und hörenswerten Video-Beitrag hat sie die sprachliche Problematik zum Thema gemacht und in einem Vortrag in Hamburg dargestellt: Die Krüppelfürsorge auf dem Weg zur Inklusion – 100 Jahre sprachliche Aushandlung von Mensch-Sein und Behindert-Werden.
Nora Sties empfing übrigens 2013 für den Turnverein Laubenheim den „Goldenen Stern des Sports“. „Die Schule rollt“ heißt das Motto. Übungsleiter – selbst im Rollstuhl – zeigen, wie Gehbehinderte und Nicht-Gehbehinderte gemeinsam Sport treiben können. Schüler und Lehrer können so selbst erfahren, wie man sich im Rollstuhl fortbewegt. http://www.mitmachzeitungmainz.de/article/f0e16a

Quelle: https://lecture2go.uni-hamburg.de/veranstaltungen/-/v/16582

Für eine Gesellschaft ohne jedwede Barrieren stritt schon in den achtziger Jahren die „Krüppelbewegung“. Der kaum noch gebräuchliche Begriff „Krüppel“ wurde damals ganz bewusst gewählt. Es war ein „Aufschrei, ein Ruf nach Teilhabe ohne Bevormundung, nach Selbstbestimmung ohne gutmenschelnde Stellvertretung. Behinderte wollten nicht länger betreut und also entmündigt werden“.
krueppel-011981 war das „Jahr der Behinderung“. Wir erinnern uns vielleicht noch an die Fernsehbilder eines Mannes, der mit seiner Krücke Bundespräsident Karl Carstens ans Bein schlug. Er litt an den Folgen einer Kinderlähmung. Seinen Angriff erklärte er damit, dass Behinderte permanent strukturelle und auch persönliche Gewalt zu spüren bekämen. Von daher sei es nur logisch, „dass manche von uns auf die Idee kommen, uns gegen die Gewalt mit ‚Gewalt‘ zu wehren“.

Die in Bremen verlegte „Krüppelzeitung“, die nur von Nicht-Behinderten herausgegeben wurde, steuerte eine Karikatur dazu bei: „Jedem Krüppel seinen Knüppel“.

Zu wünschen ist, dass der Umgang mit den sprachlichen Begriffen, aber auch mit den Menschen, die es betrifft, freier und ungezwungener wird und im Einklang damit steht, was die Betroffenen selber richtig finden..


Quellen
Philipp Osten, Die Modellanstalt, Über den Aufbau einer „modernen Krüppelfürsorge“ 1905 1933, Mabuse Verlag, Frankfurt, 2004
Außerdem hat Philipp Osten im Deutschen Ärzteblatt in einem Essay dargestellt. Erster Weltkrieg 1914–1918: „Keine Wohltat, sondern Arbeit für verkrüppelte Krieger“
Dtsch Arztebl 2014; 111(42): A-1790 / B-1538 / C-1470
http://www.aerzteblatt.de/archiv/162864/Erster-Weltkrieg-1914-1918-Keine-Wohltat-sondern-Arbeit-fuer-verkrueppelte-Krieger

Weitere Links zu Nora Sties, Von der Krüppelfürsorge zur Inklusion: http://www.socum.uni-mainz.de/personen/nora-sties-m-a/
http://www.krass-mag.net/2014/09/inklusion-bedeutet-eine-wahl-zu-haben/

Christian Mürner und Udo Sierck, Krüppelzeitung. Brisanz der Behindertenbewegung, Verlag AG SPAK Bücher, Neu-Ulm, 2009
http://www.sueddeutsche.de/kultur/buecher-ueber-behinderpung-unvollkommen-schoen-1.167863
http://www.ak-mob.org/2014/03/29/jedem-krueppel-seinen-knueppel-zur-care-revolution-ausgabe-der-zeitschrift-contraste/

Leonhard Frank, Der Kriegskrüppel, in: Der Mensch ist gut, Max Rascher Verlag, Zürich, 1918, geschrieben 1916 bis Frühling 1917    http://win2014.de/?page_id=1319

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Eine Antwort auf Krüppel? – Normal!

  1. Franz Scheuerer sagt:

    Der Mann, der Carstens den Ritterschlag gab, hieß Franz Christoph. Er war der Mitbegründer der Krüppelbewegung und auch derjenige, der intensiv gegen die sogenannte „Moderne Euthanasie“ stritt und aus diesem Grunde, quasi symbolisch, um politisches Asyl in den Niederlanden bat. Er lebte eine lange Zeit in Hamburg, ging dann 1989 nach Berlin und verstarb dort. Mehr dazu ist zu erfahren ist von Udo Siercks, der ein politischer Weggefährte der Krüppelbewegung war.

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