Abitur 1915 – und was dann?

In wenigen Wochen beginnen in Deutschland die Abiturprüfungen 2015. Spätestens jetzt muss sich jeder Schüler fragen: Abitur – was dann? Studium, Beruf bzw. Ausbildung oder ins Ausland? Ein Freiwilliges Soziales Jahr? Oder doch Bundeswehr? Die Qual der Wahl wird nicht kleiner durch Begabungsanalysen, die in Internetportalen angeboten werden.
Da hatten es die Gymnasiasten vor 100 Jahren leichter. Auf den ersten Blick. Es gab kaum Alternativen. Es ging nur um die Frage normaler Wehrdienst oder Einjährigen-Prüfung…

Vor 100 Jahren konnten sich die jungen Männer, die ihr Reifezeugnis erworben hatten, als sogenannte Einjährig-Freiwillige melden. Sie dienten nur ein Jahr statt der sonst üblichen zwei oder drei Jahre, musste sich aber auf eigene Kosten ausrüsten und versorgen. Darum kamen als Einjährig-Freiwillige in der Regel nur die Söhne wohlhabender Familien in Frage. Die Einstellung erfolgte zum 1. Oktober eines jeden Jahres, ausnahmsweise auch zum 1. April eines Jahres. Die Einjährig-Freiwilligen durften sich den Truppenteil selbst aussuchen.
Auch Schüler mit der Mittleren Reife konnten sich dafür bewerben, mussten allerdings vor einer Kommission eine besondere Prüfung ablegen. In drei Sprachen (Deutsch und zwei Fremdsprachen) sowie Geographie, Geschichte, Literatur, Mathematik, Physik und Chemie. Bei bestandener Prüfung erhielt man einen Berechtigungsschein für den einjährigen Wehrdienst. http://de.wikipedia.org/wiki/Einj%C3%A4hrig-Freiwilliger

uzEiner von diesen Einjährig-Freiwilligen war Hugo Hildebrand aus Wertheim. Überliefert sind von ihm fünf Postkarten, die er an eine gewisse Emma Wenneis, ebenfalls aus Wertheim, geschickt hat. Im Oktober 1914, da war der Krieg erst ein paar Wochen alt, schreibt er noch schnelle herzliche Grüße aus der lustigen Geschichtsstunde. Im Februar 1915 ist es auch noch recht lustig. Da sitzt er mit anderen Einjährigen in seiner fidelen Antrittskneipe in Villingen. Aber dann wird er im Juni aus dem Urlaub zurückbeordert – „Liebes Emmele! Morgen kommen wir schon in Ersatzkompagnien“ – und im Juli steckt er schon im Schützengraben, um im Feindesland gegen die „Franzmänner“ zu kämpfen.

Der Gymnasiast Hugo Hildebrandt wechselt unbeschwert mit seinen Freunden zu den Einjährigen, und das mit Hurra und Weinseligkeit. Es dauert aber nur ein knappes Jahr, da ist er schon im Schützengraben. Weitere Postkarten von ihm gibt es nicht. Ob seine Emma Wenneis noch mehr Feldpost von ihm bekommen hat, wissen wir nicht.
Vielleicht war das aber auch schon das letzte Lebenszeichen ihres Geliebten Hugo aus dem Schützengraben. Vielleicht war seine Kompanie im September und Oktober 1915 dabei, als südlich-westlich von Lille zum ersten Mal Chlorgas eingesetzt wurde. An manchen Tagen starben dort bis zu 8 000 Soldaten. Das schreckliche Wort „Ersatzkompanie“ wurde immer häufiger benutzt. „Ersatz“ lautete die bürokratische Formulierung für Soldaten, die die Lücken füllen sollten für die getöteten Kameraden.

Fünf Postkarten an Emma Wenneis in Wertheim

abi 1914_0001Fräulein Emma Wenneis
Wertheim, Neuplatz
1.10. 14
Herzliche Grüße von unsrer heutigen lustigen Geschichtsstunde
D. Hugo, Gretel Stein, Maria Kappes, Fritz von Bomke
Wohnort: z.Z. Gymnasium

28.2.15
Liebe Emma!
Die besten Grüße aus unserer fidelen Antrittskneipe in unserm neuen Lokal.
Dein Hugo

abi 1914_0003

Villingen, 14.6.15
Liebe Emma!
Die Hoffnung, wieder heimgeschickt zu werden, ist vollständig verschwunden. Alle Einjährigen sind zurückgerufen worden. Haben heute früh schon wieder nach altem Drill exerziert. Soeben sitzen wir 6 Einjährigen in Engel und lauschen den Tönen der feinen Musik. Wahrscheinlich machen wir nebenbei einen Unteroff.kurs mit. Hätte mal so gerne wieder eine Gondelpartie gemacht, aber das Geschick wollte es anders.
Herzl. Grüße Hugo

Feldpostkarte
Villingen, 20.6.15
Liebes Emmele!
Nun sind wieder alle Urlauber zurückgekehrt, ich habe mich schon wieder leidlich hier eingewöhnt. Morgen kommen wir in Ersatzkompagnien. Warum läßt Du aber auch gar nichts von Dir hören? Habe eben viel zu arbeiten. Eben sitzen wir in einem feinen Waldhotel des Schwarzwaldes. Bei feiner Fürstenbergbräu die herzl. Grüße
Dein Hugo

abi 1914_0009Feldpost
Im Schützengraben 28.7.15
Meine kleine Emma!
Meinen Aufsatz über den Infanteristen von gestern wirst du erhalten haben? Aber Du schreibst mir gar nicht mehr, ich bin Dir, wie es scheint, sehr gleichgültig, weil Du mir so wenig Aufmerksamkeit schenkst u. so wenig schreibst.
Wenn Du mir wieder einmal schreibst, schicke eine meiner Uhrketten mit, die gute, ich glaube, sie ist in einem Schächtelchen in der Kassette, oder im Schrank. Ich will sie haben zu meinem Kompaß, den ich von M. erhielt. Es wäre mir auch angenehm, wenn Du mir ein gutes Tintenblei (bekomme hier nur schlechte) mitschicken würdest.
Wie ist jetzt die Sache mit dem Geld geregelt? Gestern Nacht war ich zum 1. Mal freiwillig auf Patrouille bei den Franzmännern drüben. Was gäbe ich für ein Stündchen, wo wir wieder einmal so einträchtig unsre Schulaufgaben zusammen machen könnten.
Aus weiter Ferne sendet Dir die herzl. Grüße
Dein Hugo
Grüße Deine Mutter

abi 1914_0010

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