Die schönen Frauen von Brynolf Wennerberg

Brynolf Wennerberg -012Das ist Friedel. Friedel Neumann. Der nette Postbote bringt ihr einen Feldpostbrief von ihrem Mann Erwin. Der ist im Juli 1915 irgendwo im Westen bei der II. Schweren Proviantkolonne. Friedel will ihm gleich antworten und schreibt mit innigen Grüßen:

„Gefällt Dir diese Postkarte? Schicke dir noch einige von der Serie!“ 

Erwin hat bestimmt nicht Nein gesagt. Zu schön… 

Zu schön sind diese Bilder junger schlanker Frauen, die sich elegant und sportlich zugleich um einen oder mehrere Männer herum ranken. Erschaffen hat sie der schwedisch-deutsche Maler, Zeichner und Illustrator Brynolf Wennerberg (1866-1950). Seine Frauengestalten waren schon seit 1909 im Simplicissimus und in den Lustigen Blättern zu sehen: elegante Frauen in modischen Kleidern, die sich auf rauschenden Festen präsentieren und ausgelassen das Leben zelebrieren. „Der große Gatsby“ lässt grüßen.

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Wennerberg wurde für dieses Bilder von eleganten, sportlichen Frauen berühmt. Seit 1912 lebte er in Paris. Wie viele andere Künstler wurde er auch vom Ausbruch des Krieges überrascht. Er war mit seiner Familie gerade in einem Schweizer Sommerquartier. Eine Rückkehr nach Frankreich war nicht mehr möglich, dort war Kanonendonner. Wennerberg ließ sich in Bayern nieder und machte das Beste aus seinem Talent.

Kriegspostkarten waren seit August 1914 gefragt. Neben den üblichen Bildern vom Kaiser und den Generälen gab es bald jede Menge Herz-Schmerz-Motive mit unerträglichem Kitsch. Da kam Wennerberg mit seinen eleganten Damen gerade richtig. Vor allem die Leute aus den besseren Kreisen fanden Gefallen an seinen Karten. Er wurde damit sehr erfolgreich.

Die Kriegspostkarten von Brynolf Wennerberg sind bis heute international gefragte Sammelobjekte. Seine Werke sind im Augenblick in einer Ausstellung im Stadtmuseum Fürstenfeldbruck zu sehen. http://www.sueddeutsche.de/muenchen/fuerstenfeldbruck/ausstellung-obsession-fuer-schoene-und-elegante-frauen-1.1819886

Kriegspostkarte Nr. 5 „Der Feldpostbrief“

Friedel schickt an ihren Erwin die Kriegspostkarte Nr. 5, genannt „Der Feldpostbrief“.

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An den Vizewachtmstr. der Res. Erwin Neumann
II. schwere Proviantkolonne
50. Infanterie Division im Westen
 
K.H. 7.7.15
M. l. E.
So ähnlich ist’s bei uns auch, wenn die Feldpost kommt. Schicke Dir Paketchen zu gleicher Zeit. Sonst wünsch ich Dir alles Gute! Innige Grüße Friedel
 
Gefällt Dir die Karte? Schicke dir noch einige von der Serie.
 
 

Kriegspostkarte Nr. 14 „Renommierbummel“

Erwin erhält weitere Karten und die heißen z.B. „Vor der Abfahrt“, „Erfrischungsstation“, „Gute Nachrichten von der Front“ oder „Auf Urlaub“. Aber nicht nur die bangenden einsamen Ehefrauen haben Postkarten an die Front geschickt.

Für die ledigen jungen Frauen gab es im Alltag plötzlich kaum noch erstrebenswerte Männer. Also waren Zufallsbekanntschaften nötig. Gelegenheit dafür gab es ja im Krieg mehr als in Friedenszeiten. Wo Not am Mann war, gab es Krankenschwestern oder Pflegerinnen. Auf Bahnhöfen oder im Zug kam man sich näher und auf dem Tanzboden ja sowieso. Das Fräulein Bedienung war stets umschwärmt. Da wurden verliebte Augen gemacht und da wurde geschäkert. Bevor es zu einem Techtelmechtel kam, musste der stramme Kanonier schon wieder an die Front.

Da halfen nur noch Postkarten, wenn der Kerl wirklich beeindruckend gewesen war. Manche Frauen haben mehreren Soldaten gleichzeitig eine Karte geschickt. Man konnte ja nie wissen, welcher von denen überhaupt heil zurückkommt. Auf solchen Karten konnte man vieles andeuten, musste aber nichts versprechen. Manchmal taten sich auch zwei Mädels zusammen und schrieben an ihren Angehimmelten. Das war dann noch unverfänglicher.

Das haben z.B. eine gewisse Stella und ihre Freundin Trude mal probiert. Sie wählten die beziehungsvolle Kriegspostkarte Nr. 14 „Renommierbummel“ und schrieben gemeinsam an den Kadetten Oskar Rentel. Man kannte sich wohl erst kurz. Oskar wird noch gesiezt.

wenner_0010Nebbich, nebbich, nebbich
 
8. VII. 1916
Lieber Herr Oskar!
Vielen Dank für die telegraphischen Wünsche! Kommens(?) bald dazu(?)… wie auf‘n Renommierbummel! Auf baldiges Wiedersehn. Allerherzlichste Grüße
Stella Wasser…(?)
Trude Durmann
 

Gruppenbild_Atelier_Elvira_(um_1894)Zum Schluss muss noch gesagt werden: In Wirklichkeit gab es diese schönen Frauen von Wennerberg gar nicht – oder zumindest nur hier und da in mondänen Kreisen der Hauptstadt. Und längst nicht alle Frauen hatten nur die Männer im Kopf wie Stella und Trude. Es gab auch Frauen wie Anita Augspurg, die schon vor 1914, aber auch danach mit zahlreichen Initiativen, Zeitschriften und Vereinen  für die Freiheit der Frauen und den Frieden auf Erden kämpften.

http://www.zeit.de/2014/08/erster-weltkrieg-feminismus-anita-augspurg

http://www.addf-kassel.de/download/links/Volltext_Anita_Augspurg.pdf

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