Henry, der Schwerenöter

Emma und Henry waren 2014 – zumindest in Hamburg – die beliebtesten Vornamen. Wer hätte gedacht, dass diese altmodischen Vornamen eine Renaissance erleben. Das sind doch Namen, die vor 100 Jahren in Mode waren – neben Gertrud und Hans oder Elfriede und Karl. Und Emma und Henry waren natürlich auch dabei.
henr_0003Da ist es ein schöner Zufall, dass uns einige Postkarten aus dem Jahr 1916 erhalten sind, die ein gewisser Henry Weber von seinem Schatz Emma bzw. Emmy erhalten hat. Auf der Vorderseite nur verliebte Pärchen. Wenn wir neugierig die Karte umdrehen, um zu lesen, was Emma so ihrem Henry geschrieben hat, sind wir schnell enttäuscht. Alles nichtssagend, immer die gleichen formelhaften Sätze. Hat man früher so geschrieben? Oder war Emma nur einfallslos oder vielleicht sogar langweilig? Letzteres ist zu vermuten. Denn die letzte Karte, die Henry Weber aufbewahrt hat, kommt von seinem neuen Schatz Helene. Aber der Reihe nach…

Heute im Zeitalter von SMS und whatsapp werden private Nachrichten kaum noch in Briefen übermittelt. Das war im Kaiserreich bis 1914 ähnlich. Der Briefverkehr fand nahezu ausschließlich in Gewerbe, Industrie und Handel statt. Zwischen 1871 und 1913 stieg im aufstrebenden Kaiserreich die Zahl der Sendungen von 412 Millionen auf über 6,8 Milliarden.
Mit Beginn des Ersten Weltkrieges änderte sich das schlagartig. Die Privatkorrespondenz erreichte plötzlich eine bis dahin ungekannte Popularität. Die Soldaten gehörten nun „zu den großen Briefschreibern unseres Jahrhunderts“. Aber auch ihre Adressaten in der Heimat schrieben tüchtig – wie z.B. die oben erwähnte Emma an ihren Henry.
Briefe und Postkarten für die Soldaten liefen jetzt unter dem Sammelbegriff „Feldpost“. Im Einsatz waren 740 Feldpostanstalten mit rund 8.000 Beamten und 5.000 militärischen Hilfskräften. Im Verlauf des Krieges wurden 28,7 Milliarden Feldpostsendungen verschickt. (Quellehttp://www.feldpost-archiv.de/pdf/diss-kkilian.pdf)

Zurück zu Emma und ihrem Henry. Sie muss ihre ganze Kraft aufwenden, um die rechte Hälfte der Karte mit Henrys Adresse zu füllen. Die wechselt auch noch ständig, weil Henry ja auch seine Stellung wechselt. Jedes Mal, wenn er auf Urlaub kommt, schreibt er für Emma auf einem Zettel seine neue Feldpostadresse auf. Die arme Emma ist damit restlos überfordert. So viele Abkürzungen, so viele geheimnisvolle Wörter. In ihrer sperrigen Handschrift Feldpost schafft sie das gerade noch.

henr_000123. Inf. Division
An den Reservisten Henry Weber
Rekruten Depot 2
23. Res. Korps
1. Komp.
4. Korporalschaft

Vielleicht schreibt Emma überhaupt zum ersten Mal seit ihrer Schulzeit. Kein Wunder, dass ihr die Luft für ein paar liebe Worte an ihren lieben Henry ausgeht. Das hört sich dann so an:

Lübeck, 18.2.1916
Mein lieber Henry, jetzt folgt die fünfte Karte. Die letzte die ich noch hatte. Sonst gehts gut. Hoffentlich bekomm ich recht bald einen recht langen Brief von Dir,… Gruß und Kuß D. Emmy

Lübeck, d. 6. 4. (1916)
Mein lieber Schatz.
Bin heute Abend sehr müde und kann Dir deshalb keinen Brief mehr schreiben, morgen mehr. Tausen(d) Grüße und Küsse in Liebe Deine Emmy

Lübeck, d. 7. 4. (1916)
Mein lieber Schatz.
Nun mein Henchen. Wie geht’s Dir denn – hoffentlich noch gut, wann bekomme ich wieder Post von dir. Es grüßt dich herzlich Deine Emmy

Lübeck, d. 17. 4. 1916
Mein lieber Henry.
Nun mein Henchen wie geht’s Dir denn. ich hoffe doch noch gut. Wann bekomme ich wieder Post von Dir. Sei recht herzlich gegrüß(t) und geküßt in L. Deine Emmy

Lübeck, d. 19. (4. 1916)
Mein lieber Schatz,
habe heute Deinen lieben Brief erhalten und dank Dir mein Schatz recht herzlich. Hoffentlich geht’s dir gut, schreibe Dir morgen einen langen Brief. Besten Gruß und Kuß Deine Emmy

Lübeck, d. 27. 4. 1916
Mein lieber Henry.
Na mein Henchen wie geht’s Dir denn, ich warte schon lange auf einen Brief. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Emmi

Henry_0001Hingebungsvoll oder verliebt hört sich anders an. Emmas Mitgefühl für den armen Henry an der Front verausgabt sich mit immer wieder denselben Formeln: Nun, wie geht’s dir denn? Wann bekomme ich wieder Post? Sei recht herzlich gegrüßt.
Auch als sie am 27. 4. 1916 ihrem Henry schreibt, der ja inzwischen im Kriegslazarett liegt und viel Trost und Mitgefühl braucht, heißt es nur: Wie gehts Dir denn? Ja, sie schiebt etwas vorwurfsvoll hinterher: Wann bekomme ich wieder Post von Dir? Da helfen auch nicht die verliebten Sprüche der Pärchen auf der Vorderseite.
„Ach, ich hab dich so lieb,
Und du weißt es nicht.“

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Wie soll der arme Henry auch wissen, wie sehr Emma ihn liebt, wenn sie immer wieder nur schreibt  – Wie geht’s dir denn?
Ein halbes Jahr später ist Henry wieder hergestellt und ist in Frankreich an der Front. Er ist inzwischen im Stab eines Feldrekrutendepots. Depot – welch ein schreckliches Wort für die Neuankömmlinge. Hier werden Soldaten von zu Hause direkt an die Front geschickt und dort gleich in die nächste Schlacht bei Verdun geschickt.

Da erhält erhält er plötzlich nicht mehr von Emma die nächste Karte. Henry hat eine neue Flamme – Helene aus Garstedt. Die hat eine zierlichere Handschrift und schreibt etwas liebevoller als Emma.

henr_0002

Garstedt 5. 9. 18.
Mein Liebling!
Soeben deinen Brief vom 1/9 erhal(ten). Habe alles Gewünschte am 30/8 abgeschickt da ich d. großen Brief am 29/8 erhalten. Hoffentlich hast Du Paket u Brief von mir erhalten. Da Ihr andauernd auf dem Vormarsch seid, ist es ja allerdings eine schwierige Sache nichtwar?
Mit den herzl. Grüßen u Küssen bleibe ich Dein Lenchen
Sonst geht’s mir recht gut.

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Und auf der Vorderseite fügt Henrys neue Flamme der verliebt dreinblickenden Frau den Seufzer hinzu: Ach könnten wir dergleichen…

Wir wissen leider nicht, wie oft Henry noch seine Emma, Helene oder Marie gewechselt hat. Aber ein kleiner Schwerenöter wird er schon gewesen sein.

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