Ich glaub, ich wohn im Wald

Die Deutschen können einfach alles. Krieg anfangen, Krieg bejubeln, Stellungskrieg mitmachen – und wenn der Stellungskrieg zu lange dauert und es vielleicht langweilig zu werden droht, bauen sie sich, sofern der Feind es zulässt, Waldhäuser und Waldwohnungen. Das war damals sicher kein Trend Zurück zur Natur, sondern eher ein bisschen Abwechslung im Kriegsalltag. Vielleicht stieg auch die Laune, wenn man sich im Wald eine kleine Villa gebaut hatte – eine Villa, oder wie der Gefreite Otto Dreyer nach Hause schreibt: ein Waldschloss.


wohnkunst_0003Abs. Gefr. Otto Dreyer II Esk. Jäg. Rgt. zu Pfd. 5. 28 Inf. Div. 14 A.K.
Feldpostkarte
Herrn Dreyer
Ülzen in Prov. Hannover, Birkenallee No 61.
Geschrieben den 8.11.1916
Liebe Eltern!
Sende Euch eine kleine Ansicht von unserer Waldwohnung. Die Bilder sind aber noch nicht die richtigen, denn das Papier taugt nicht, darum sind sie auch nicht gut geworden. Die andern werden in 8 Tagen fertig. Kennen werdet ihr mich wohl darauf. Also nun viele Grüße an Euch alle sendet Otto
Vorderseite: Das ist unsere Wohnung, wo wir jetzt drin sind. Es ist das Waldschloß, steht oben vor der Tür.
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Das scheint kein Einzelfall zu sein. Es gibt den Bericht eines Generalmajors, der 1915 in Polen mit seinen Soldaten ein ganzes Dorf im Walde gebaut hat – mit dem krönenden Abschluss einer Waldkapelle. Sein Stabsquartier nannte er – ähnlich wie der Gefreite Dreyer – Schloss, genauer gesagt Schloss Sanssouci.
Wir wissen heute nicht genau, ob die Soldaten sowas gerne taten – Waldhäuser zu bauen. Vermutlich aber war ihnen das allemal lieber als im Graben zu liegen und auf den Feind zu warten. Endlich etwas Vernünftiges tun und stolz sein, was man alles so kann. Man muss ja nicht gleich so größenwahnsinnig denken wie besagter Generalmajor, der in seinem Bericht zunächst einmal klar stellt, dass Deutschland einfach alles kann – „…dass Deutschland nicht nur durch die Mittel seiner militärischen Macht, sondern durch die des Geistes und der Wissenschaft im Können auf allen Gebieten die Welt erobert!“

Hier der Feldpostbrief des Generalmajors Freiherrn von Z i e g e s a r.
Deutsche Wohnkunst im Felde.
Ein Gedanke kann uns wohl alle mit voller Zuversicht erfüllen – daß nach diesem Kriege Deutsch Trumpf ist in der Welt! Und ich hoffe von dem deutschen Imperialismus das Schauspiel in der Weltgeschichte zu sehen, daß einmal ein Imperium herrschen kann, das nicht durch die Mittel seiner militärischen Macht, sondern durch die des Geistes und der Wissenschaft, religiöser und politischer Duldung und in einem edlen Wettstreit im Können auf allen Gebieten die Welt erobert! Ein solcher Siegeszug wäre wert all des Blutes und all der Liebe, die wir in diesem gigantischen Ringen zum Opfer gebracht haben. Solch ein Sieg könnte auch uns beide versöhnen mit dem Heldentod unserer Ältesten . . . .

Zurzeit operiere ich in einer wundervollen Landschaft des Njemen-Stromes, einem fruchtbaren, üppigen Lande, das, wenn es wieder deutsch würde, unter deutscher Kultur zu den herrlichsten des Vaterlandes gehören müßte. Vordem war ich mit meiner Truppe in Nordpolen, Gegend von Prasznycz. Mein Bezirk lag in einem herrlichen, ausgedehnten Kiefernwald. Ein Baumbestand, wie man ihn in solcher Wucht in Deutschland nicht kennt; sonst nur Sand und Wasser! Aber auch aus dieser Gegend würden deutsche Organisation und deutscher Fleiß ein fruchtbares, gesegnetes Land machen.
Da hatten sich auf nahem Raum etwa 12 000 Mann Wohnstätten geschaffen, meist in die Erde versenkte Blockhäuser mit deutscher Wohnlichkeit. In meinem Brigadebezirk war ich für manche Schöpfung der spiritus rector. So schuf ich eine Waldkapelle, einen Ehrenfriedhof, dessen wuchtiges, von mir entworfenes Eingangstor die Überschrift trägt: ,Heldengräber‘, in dessen schöner Kapelle als Altargemälde ein segnender Christus in Öl gemalt prangt, eine Badeanstalt mit – Entlausungskabinett und zuletzt einen Unterstand für den Brigadestab.
Wenn Sie bedenken, daß für alle diese Schöpfungen vom Fiskus nur die Nägel geliefert wurden und die Dampfmaschinen für die Badeanstalt, daß im übrigen nur der lebende Wald das Holz lieferte und die Truppe die Arbeitskraft, dann mögen Ihnen die mitfolgenden zwei Bildchen einen neuen Beweis liefern, welch lebendiger Brunnquell dieser Arbeitskraft entfließt, daß wir vielleicht nicht ganz unempfängliche Hörer Ihrer Vorträge waren, und daß unser deutsches Heer, ein Volk in Waffen, in seiner Arbeitskraft alle Gebiete des Könnens, geistigen und physischen, umfaßt.
Wenn Sie weiter bedenken, daß diese Bauten alle in kürzester Zeit (in 8 bis 10 Tagen), einschließlich Schlagen des Holzes, entstehen mußten, vom ersten Auftragswort des Bauherrn an den Bauleiter gemessen, und daß die Forderung gestellt werden mußte: 1. mit einem Minimum von Arbeitskräften und 2. Charakter des Bauwerks. für 50 Jahre, wenn nicht für 100, Tragezeit, und 3. und nicht zuletzt: schuß- und bombensicher, dann mag Ihnen das einen Maßstab für Ihr Urteil geben.
Mein Stabsquartier hatte Grundriß 14: 20 Meter, eine vierfache starke Balkendecke und 1 Meter Sandeindeckung. Fenster mit Rahmen, Fensterläden, Türen usw. waren zerschossenen Häusern des nächsten Dorfes entnommen. Da es wegen der kunstvoll zugeschnittenen Taxuswände eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Potsdamer Schlößchen zeigte, nannte ich es verwegen Sanssouci. Verwegen, denn man muß sich dazu denken, daß bei Tag und Nacht verirrte Gewehrgeschosse der Russen an die Läden klopften und die Fensterscheiben gefährdeten, und daß man die Ausgasung schwerer feindlicher Granaten zuweilen bis ins Zimmer hinein roch.

wohnkunst_0005Stabsquartier (Schloss Sanssouci) des Generalmajors von Ziegesar, im Wald in Jednorozec, Polen, April 1915

In der Küche war aus Backsteintrümmern ein ausgiebiger Herd erbaut, im Hof auf 8 Meter Tiefe prachtvolles Trinkwasser erbohrt, die selbstgebauten Stallungen boten Raum für 40 Pferde, und alle Räume hatten – elektrisches Licht. Woher denn dies nun? Vom Scheinwerfer! Mit 200 Meter Nebenleitung!
Der plastische Schmuck ist mein eigenstes Werk. Aus ihm sollen Sie ersehen, daß der rauhe Krieg noch Zeit läßt für Kunstsinn und Humor. Die Mittelgruppe „Amor und Psyche“ ist dem Künstler besonders gut gelungen; erwägen Sie das rohe Material und die Knappheit der Zeit! (Der Psyche muß zugute gehalten werden, daß es dem Künstler an jedem weiblichen Modell fehlte.) Für die Gruppe links daneben hatte sich Mars einen Adonis als Schüler erkoren.“ (G. K.)
aus: DEUTSCHLAND, Zeitschrift für Heimatkunde und Heimatliebe, Amtliche Zeitschrift des Bundes Deutscher Verkehrs-Vereine, VI. Jahrgang, Juli-Ausgabe 1915, S. 236-38

Einen ähnlichen Bericht finden wir über die Situation in Masuren, 1914, bei Hans Gränitz, der das Büchlein Auf der Wacht an den Masurischen Seen, dem Bollwerk des Ostens, 1915, geschrieben hat. Auch hier macht man es sich in sogenannten Waldvillen gemütlich und fühlt sich den Russen ziemlich überlegen, die doch nur in verdreckten, armseligen Häusern wohnen. http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/werkansicht/?PPN=PPN722359993&PHYSID=PHYS_0001

wohnkunst_0001Der Gefreite Otto Dreyer hat noch eine zweite Karte an seinen Bruder geschickt, auf der man ebenfalls ein ziemlich prächtiges Haus im Wald sehen kann. Ob es sich dabei um ein selbst gebautes Waldhaus handelt, kann man schwer erkennen. Der Birkenholzstuhl, auf dem er stolz sitzt, wird wohl auf jeden Fall sein „Waldkunststück“ sein.
Interessanter ist das, was er seinem Bruder geschrieben hat. Man tauscht sich aus über das Friedensangebot des Kaisers vom 12. Dezember 1916. Otto Dreyer irrt allerdings, wenn er seinem Bruder schreibt: „Wird’s doch wohl bald Frieden geben.“ http://de.wikipedia.org/wiki/Friedensangebot_der_Mittelm%C3%A4chtewohnkunst_0002

Feldpostkarte
Reservist Dreyer F., 8. Komp. II. Batt. Res. Inf. Rgt. 73, 19 Res. Div.
am 12.12.16
Lieber Bruder!
Deine Karte dankend erhalten. Sonst alles bei alten. Ist bei euch auch der Erlaß vom Kaiser verlesen worden? Wird’s doch wohl bald Frieden geben. Wir sind noch immer auf der alten Stelle… weiter rechts von M. Dein Urlaub ist ja schnell um gegangen. Vielleicht fahre ich gleich nach Weihnachten. Wie hat’s dich denn gefallen in Ülzen? Hast dich gut amüsiert? Nun recht viele Grüße sendet Dir Dein Bruder Otto

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