Carl Melchior – ein Grabstein und mehr nicht

In der jüdischen Zeitschrift Der Morgen gibt es im Januarheft 1935 zwei Nachrufe für Carl Melchior, unmittelbar nach seinem Tod am 30. Dezember 1933. Diese beiden Texte sind für lange Zeit die letzten schriftlichen Quellen über ihn. In der Nazizeit wurde Carl Melchior übergangen und nach 1945 schlichtweg vergessen.
Was für bedeutende Verdienste dieser Hamburger Politiker und Jurist hatte, kann man in diesen beiden Nachrufen nachlesen. Es ist unfassbar und nicht zu erklären, warum er heute immer noch vergessen ist. Es gibt zahlreiche Bücher über jüdische Persönlichkeiten, auch in Hamburg. Aber z.B. in dem Buch von 2011 „Im jüdischen Hamburg: Ein Stadtführer von A bis Z“ taucht sein Name nicht auf.

IMG_20150705_113205Auf dem Jüdischen Friedhof in Hamburg (Ohlsdorf, Ilandkoppel 68) kann man nach langem Suchen das Grab von Carl Melchior in dem Feld L1 finden. Auf dem schlichten Grabstein steht nur der Name: Dr. Carl Melchior. Das Grab war bis vor kurzem fast zugewachsen, beschattet und eingekesselt von einer Thuja. Inzwischen hat die Warburg Bank veranlasst, dass der Grabstein freiglegt wurde.

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Melchior_0001Zwei Nachrufe auf Carl Melchior (1934)

Kaufmann und Staatsmann
Der ernste, ruhige, aber mit zarter Gesundheit versehene Mann hat die Strapazen und Aufregungen der letzten elf Monate schwerer ertragen als die grolle Verantwortung, die er als der Wirtschaftsberater aller deutschen Delegationen von Versailles bis Lausanne auf sich genommen hatte. Schon seit einigen Jahren war er nicht mehr ganz der alte, frische Hamburger, und auch ein längerer Sanatoriumsaufenthalt im letzten Sommer konnte ihn nicht ganz wieder herstellen. Zwei Tage vor Jahresschluß hat ihn ein Schlaganfall im Gefolge einer winterlichen Erkältung im Alter von erst 62 Jahren weggerafft – ein tragischer Zufall wollte es, daß am selben Tag auch der Senior der Firma M. M. Warburg & Co., Aby S. Warburg, nach längerem Kranksein verschieden ist. Carl Melchiors Tod trifft die deutschen Juden in besonderer Schwere. Hatte er sich doch nach den Ereignissen des Frühjahrs 1933 sofort in die erste Reihe derer gestellt, die den Aufbau des Hilfswerks für die durch Boykott und Ausschluß vom Beruf Getroffenen leiteten. Sein Rat für die Organisation im Inland und vor allem seine weitreichenden internationalen Beziehungen sind damals von größter Wichtigkeit gewesen, und man durfte hoffen, daß seine Zugehörigkeit zum Zentralausschuß für Hilfe und Aufbau sich zu der leitenden Stelle des gesamten Hilfswerks entwickeln würde. Da machte ihm die Krankheit die Mitarbeit immer schwerer. Noch von Bühlerhöhle aus hat er aber, wo es notwendig war, seine Hilfe zerr Verfügung gestellt und manchem im In- und Ausland auf den richtigen Weg geholfen.
Carl Melchior stammte von Vater und von Mutter her aus alten Hamburger jüdischen Familien mit langer kaufmännischer Tradition. Familienbeziehungen führten nach Dänemark und nach England. In der Atmosphäre des „ehrbaren Kaufmanns“ ist der junge Carl Melchior aufgewachsen, der in Bonn, Berlin und Jena Jura studierte und schließlich in Hamburg die Richterlaufbahn einschlug. Mitglieder der Familie Warburg lernten den jungen Grundbuchrichter kennen, der auch schriftstellerisch auf diesem Spezialgebiet hervorgetreten war, und boten ihm, als die amerikanischen Geschäfte der Firma nach der Uebersiedlung Paul Warburgs nach New York und seinem Eintritt in die feudale Firma Kuhn Loeb & Co. immer weiter wuchsen, einen Posten als Syndikus an. Für das Hamburg von 1902 war das keine kleine Sensation, denn die strenge Exklusivität der Warburgs hatte bisher einen solchen Posten nicht zugelassen. Noch einmal durchbricht Carl Melchior die Familientradition: als ihm 1917 der Leiter der Firma, der nur wenige Jahre ältere und ihm in langer Freundschaft verbundene Max Warburg als erstem Nichtmitglied der Familie die Teilhaberschaft anbot, die Melchior anderen verlockenden Angeboten selbstverständlich vorzog.
Schon damals war aber Carl Melchior nicht nur ein Bankjurist geworden, der die großen internationalen Geschäfte seiner Firma besorgte, sondern ein Kaufmann, dessen Rat man weit über die Fachkreise hinaus mit Aufmerksamkeit aufnahm. Im Krieg, den er als Oberleutnant der bayerischen Fußartillerie mitmachte, bringt ihn ein Unglücksfall an der Front in schwere Lebensgefahr. Die Genesungszeit verbringt er in der ZentralEinkaufs-Gesellschaft, die Rohstoffe und Lebensmittel aus dem Ausland beschafft. Der kluge Unterhändler, der die Verhältnisse des Auslandes kennt, wird bald Leiter der Organisation und schließt drei Abkommen mit Rumänien, wodurch die Getreideversorgung der Mittelmächte zunächst sichergestellt wird. Nach dem Kriegseintritt Rumäniens geht er als Hauptmann und Batterieführer wieder an die Front. Im Auswärtigen Amt war man auf die Kenntnisse Melchiors aufmerksam geworden und schickte ihn 1918 mit der Delegation des Grafen Mirbach nach Sowjetrußland und später mit dem Botschafter Mumm nach Kiew.

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rechts Carl Melchior

Seit dem November 1918 ist Dr. Melchior der ständige Finanzberater der deutschen Delegationen. Als Vorsitzender des Finanzausschusses der Waffenstillstands-kommission führt er in Spa, Trier und Brüssel die Verhandlungen über die schweren Bedingungen der Alliierten. Als einer der sechs Hauptdelegierten geht er nach Versailles zu dem Diktat des Friedensvertrags. Umsonst versucht er hier und in den nächsten zwei Jahren das Thema vom politischen auf den wirtschaftlichen Boden zurückzuführen. Er lehnt, wie die anderen Mitglieder der Delegation, den Versailler Vertrag ab. In der Gesellschaft Hamburger Juristen zeigt er im Juli 1919, wie der Weg weiter gehen muß, der Deutschland von den Fesseln des Diktats befreien kann. „Ein verstümmeltes und seiner wichtigsten äußeren Erwerbsquellen beraubtes Deutschland soll Lasten tragen, die das gesamte Vermögen des früheren territorial und wirtschaftlich ungeschwächten Deutschland bei weitem überstiegen hätten.“ Er deckt die zwei widerstreitenden Tendenzen des Vertrags auf, die sich gegenseitig ausschließen, den Willen Englands, das den deutschen Wettbewerb zerstören möchte, und den französischen Wunsch, die deutsche Volkskraft so zu schwächen, daß sie sich dem Bevölkerungszustand Frankreichs nähert. Der Auslandskaufmann weist darauf hin, daß die Beschlagnahme des deutschen Vermögens im Ausland ein Mittel sei, um die inländische Bevölkerung zum Auswandern oder Aussterben zu zwingen. Melchior hofft auf die Wiedergutmachungskommission, mit der er in den nächsten Jahren in Spa, Genf und Brüssel, in Genua als Begleiter Walther Rathenaus, in Paris mit Staatssekretär Bergmann zusammentrifft.

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Die deutschen Unterhändler in Versailles. Von links Leinert, Melchior, Giesberts, Brockdorf-Rantzau, Landsberg, Schücking

Mehrfach hat er Ministerposten abgelehnt, 1919 den des Staatssekretärs im Reichswirtschaftsministerium, 1920 den des Wirtschaftsministers, 1921 den des Reichsfinanzministers. Wenn er auch gesundheitliche Gründe vorschützte, spricht doch aus allem, daß er Wirtschaftler bleiben und nicht in die politische Arena steigen wollte. In der Inflation ist Melchior mehrere Male öffentlich für die Stabilisierung der Mark eingetreten. 1926 zeigt sich sein internationales Ansehen darin, daß er nach der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund in dessen Finanzkomitee berufen wird, dem er bis zu seinem Eintritt in Gien Verwaltungsrat der Bank für internationalen Zahlungsausgleich angehörte. Besondere Bedeutung hat Melchior schließlich bei dem Zustandekommen des Young-Planes und den vorhergehenden Pariser Verhandlungen gehabt. Im Bankenverband, vor dem Industrie- und Handelstag, dem er angehörte, vertrat er die Ansicht der Delegation und zeigte den Weg, der schließlich zum Erlöschen der Reparationsforderungen geführt hat. Der Sechzigjährige gehörte dann dem Beneduce-Ausschuß an, der die Grundlagen zur Lausanner Konferenz ausarbeitete, und auf dieser hat Melchior dann noch den Erfolg seiner jahrzehntelangen Mühen erreicht, Deutschland wenigstens finanziell von den Fesseln des Vertrags von Versailles zu befreien. Aus der Geschichte der Politik dieser Befreiung ist er nicht wegzudenken; sein Verdienst darum hat Reichspräsident von Hindenburg in einem Handschreiben zum 60. Geburtstag gewürdigt.
Neben der öffentlichen Tätigkeit hat Dr. Melchior die Interessen seiner Firma auf weiten Gebieten der Privatwirtschaft vertreten. In der Versicherung, im Bankwesen, in der Fischerei, bei Kolonialgesellschaften gehörte er einer ganzen Reihe von Aufsichtsräten an. Die Pflichterfüllung, die ihm bei der Verleihung der Bürgermeister Stolten-Medaille, der höchsten Auszeichnung Hamburgs, nachgerühmt wurde, hielt er auch dabei ein. Er geht weg in einer Zeit, die ihm fremd geworden ist, in der er aber umso schwerer für die Allgemeinheit zu ersetzen ist.
M. L.

Der deutsche Jude
Unmittelbar nach dem 1. April trat Melchior in den Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau ein. Man übertrug ihm dort sehr bald weitgehende Vollmachten. Aber es hätte dieser ausdrücklichen Übertragung gar nicht bedurft. Seine Autorität war unbestritten und unbestreitbar. Worauf beruhte diese Autorität? Etwa auf dem Namen des großen Finanzmanns und anerkannten europäischen Sachverständigen? Wir Juden sind gläubig gegenüber Namen, Titel und Rang, vielleicht oft mehr als der Sache gut ist. Aber in diesem Falle wirkte doch ganz etwas anderes und weit Stärkeres. Es war vor allem die große menschliche Wärme und Güte, die von diesem Manne bei aller Kühle der Form ausging. Man spürte, er erlebte das Schicksal der Gemeinschaft wirklich mit, in einer Intensität, die bis zum Verzehr seiner Kräfte ging. Diese gefühlsmäßige Beteiligung war gepaart mit scharfer Klarheit und Unbestechlichkeit des Verstandes. Wenn Melchior eine Sache, die man ihm vortrug, guthieß, so wußte man, daß in seinem Votum alle wesentlichen Gesichtspunkte verarbeitet waren. Widerriet er, hätte niemand es fertig gebracht, sie trotzdem zu unternehmen. Dabei waren es nicht Einzelkenntnisse und -erfahrungen, die seinem Rat dieses große Gewicht gaben. Es war das unvergleichliche geistige und menschliche Niveau, von dem aus er handelte.
Es kam noch ein Drittes hinzu, und das war die Treue, die Unermüdlichkeit, mit der er alle und alles an sich heranbringen ließ. Immer hatte er Zeit. Die ihm näher standen, waren oft verzweifelt über den Mangel an Rücksicht, den man diesem Mann entgegenbrachte, von dessen schwerem Leiden sie wußten. Aber alle Versuche, hier Wandel zu schaffen, scheiterten an ihm selbst: er wollte nicht geschont sein, er wollte sich nicht sparen.
Unwillkürlich wenden sich die Gedanken dem Manne zu, dem in der vorigen Nummer dieser Zeitschrift Worte des Gedenkens nachgerufen wurden: Ludwig Tietz. Die beiden Männer schätzten sich gegenseitig sehr. Den Impuls und Auftrieb des Jüngeren ergänzte der Ältere durch Erfahrung und kühle Überlegung. Beide einte die Verbundenheit zur Sache, der sie dienten. In die kurze Spanne ihres Zusammenwirkens fällt die bisher fruchtbarste Zeit des Zentralausschusses. Daß wir sie beide missen müssen, gehört zu der Tragik dieser Zeit.                                                                                                       Cora Berliner

Quelle
Carl Melchior, in: Der Morgen, 1933-1934, Heft 7 (Januar 1934), S. 398-401
– Carl Melchior, Kaufmann und Staatsmann (M.L.)
– Cora Berliner, Der deutsche Jude
Dorothea Hauser, Politik und Gefühl, in: John Maynard Keynes, Freund und Feind, Berenberg Verlag, 2004

Die Journalistin Cora Berliner, die den Nachruf für Carl Melchior geschrieben hat, wurde 1942 Opfer des Holocaust. In Berlin-Mitte ist eine Straße am Holocaust-Mahnmal nach ihr benannt. http://de.wikipedia.org/wiki/Cora_Berliner
In Hannover wurde der Fuß- und Radweg zwischen Opernhaus und Holocaust-Mahnmal nach ihr benannt. Am 29. Oktober 2013 wurde vor ihrem ehemaligen Wohnhaus in Berlin-Wilmersdorf, Emser Straße 37, ein Stolperstein für sie verlegt.

Wann gibt es endlich ähnliche Ehrungen für den Hamburger Carl Melchior? Wir müssen feststellen, dass bis heute seine Bedeutung verkannt wird. Wie schreibt Dorothea Hauser 2004 in ihrem Essay Politik und Gefühl über Melchior:

Selten sind Integrität und Augenmaß so bestraft worden wie im Fall des deutschen Juden Carl Melchior. Durch und durch Demokrat, Patriot, Realist und Europäer, galt der Hamburger Privatbankier 1919 bei den Friedensverhandlungen in Versailles als einziger Lichtblick inmitten einer kläglichen deutschen Delegation.

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