Die ersten Kriegswochen

So steht es in den Geschichtsbüchern und so haben wir es im Kopf: Der Kaiser hat am 1. August 1914 die allgemeine Mobilmachung befohlen und Russland den Krieg erklärt. Die Nachricht vom Kriegsausbruch verbreitete sich rasch im ganzen Reich, die Menschen sammelten sich vor den Plakaten an den Litfaßsäulen und rissen sich um die Extrablätter. Junge Soldaten meldeten sich freiwillig. An den Transportwaggons standen Parolen wie: »In sechs Wochen sind wir wieder zurück. Lieb Vaterland magst ruhig sein, kein Franzose kommt über den Rhein.« Doch die Wirklichkeit sah anders aus.

Nicht überall entstand dieser kollektive Rausch mit dem sogenannten Hurrapatriotismus. Das mag in Berlin wohl so gewesen sein. Aber an der Grenze zu Belgien und Frankreich entstanden von Aachen bis nach Südbaden schlagartig unübersichtliche, bedrohliche Situationen. Die Einwohner haben die Aufmärsche, Truppentransporte und Kriegshandlungen hautnah miterlebt. Hier schwankte die Stimmung zwischen nationaler Begeisterung und Kriegsfurcht – vor allem bei den daheim gebliebenen Frauen.

Da gibt es z.B. die angesehene Familie van Rossum in Boppard. Der Vater ist Amtsgerichtsrat, die Kinder Otto und Paula erwachsen. Sie leben in wohlgeordneten Verhältnissen und streben akademische Berufe an. Paula erhält am 7. August von ihrer Freundin Grete aus Bonn eine Postkarte, eine weitere am 29. September 1914.

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Fräulein
Paula van Rossum
Boppard, Mainzerstr(aße)
 
Bonn, Schillerstr(aße) 20
Liebe Paula.
So traurig wie hier wird’s bei Euch wohl auch aussehen. Gut, daß eine Postkarte nur kein Mittel ist, es zum Ausdruck zu bringen. Wo ist denn Dein Bruder hin? In einigen Tagen bekommt man Briefe doch sicher wieder pünktlich besorgt.-
Josef und Otto sind seit einigen Tagen fort. Josef in Coblenz, Otto in Trier. Carl ist hier bei den Husaren, Max bei der Infanterie. In 4 Wochen werden sie wohl auch ausrücken. Theo hatte sich freiwillig gestellt, ist aber nicht genommen worden, wahrscheinlich kommt er morgen zum Landsturm. Das sind Tatsachen, die sich ganz gut lesen, aber wie traurig es ist und daß es noch schlimmer wird, kannst Du Dir denken. Schreib doch mal und ob Dir ein Bild von uns 6 Freude machen würde. Wir haben uns Sonntag mit Mutter photographieren lassen.
Grüße Deine verehrten Eltern herzlich. Dir einen innigen Gruß von Deiner tr(euen) Grete 7.8.14
 
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Dienstag 29. Sept(ember) 14
Liebe Paula.
Das glaube ich gerne, daß Du bei dem anstrengenden Dienst nicht so leicht zum Briefschreiben kommst, vielen Dank für die liebe Karte. Carls Adr(esse) ist: Kriegsfreiwilliger C. G. VIII. Korps, 16. Division, Husaren Reg(iment) 7, 5. Schwadron. Er schreibt uns recht vergnügt – Otto, der das schreckliche Elend schon überall gesehen, viel ernster.
Jetzt schickst Du mir auch Deines Bruders Adresse bitte. Gut, daß Du kein Paket hierhin geschickt hast. Die Autoführer können die Privatpakete nicht besorgen, einige sind schon zurückgekommen, jetzt versuche ich es bei den Ersatzabteilungen. An der Post sagte man mir, bis zehn Pfund nähmen die Ersatzregimenter sie an. Unsere Jungen haben leider noch kein einziges Briefpaketchen erhalten. Schade, die Post müßte doch besser arbeiten. Gansens aus der Auguststr(aße) schreiben täglich an Hermann und haben von ihm seit Ende August kein Lebenszeichen. Besonders Onkel ist sehr traurig. Wenn doch nur Friede wäre, ich glaube so recht froh wird man nach diesem Kriege so bald nicht mehr.
Ich bin jetzt wieder an der Bahn. Es ist zu traurig, die armen Verwundeten sind doch vielfach böse zugerichtet. Spezialist will ich ausfindig machen.
Viele Grüße auch Deinen verehrten Eltern
Grete
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