Eine Frage der Hygiene

baden-bei-reimsZu den täglichen Pflichten eines Soldaten gehörte seit alters her die Reinigung seines Gewehrs. Die Selbstreinigung war eher zweitrangig oder kaum möglich. An der Front gab es keine Badewannen, Duschen oder Waschbecken. Wasser, wenn es überhaupt in der Nähe war, war zum Trinken da. Manchmal hatte man Glück und es war ein Fluss in der Nähe.
Diese fünf Männer – so steht es auf der Rückseite des Fotos – haben sich im Mai 1917 bei Reims in die Fluten der Vesle geworfen. Ob freiwillig oder weil der Hauptmann es befohlen hat, bleibt ungewiss. Reinigung oder Vergnügen? Ganz glücklich sehen sie dabei nicht aus. Ob sie überhaupt schwimmen können? Sie stehen etwas unsicher und fremdelnd im Wasser. Wasser – das war an der Front oft etwas Bedrohliches, vielleicht sogar der schlimmste Feind des Soldaten.

Bei Regen verwandelten sich die Schützengräben in Kloaken voller Schlamm. Man hockte auf engstem Raum zusammen. Es gab kein Wasser zum Waschen, die Unterwäsche konnte nicht gewechselt werden. Wichtiger war es, das Gewehr täglich sauber zu halten. Parasiten, vor allem Flöhe, und Ratten kamen bedrohlich näher. Nur in Kampfpausen konnten die Soldaten sich hinter der Front waschen und Unterwäsche und Kleidung in Ordnung bringen. Man hatte zwar geahnt, was auf die Soldaten zukommen würde. Aber die Folgen zahlreicher Schlammschlachten wurden nicht bedacht.
Dabei hatte man sich doch so gründlich auf den Krieg vorbereitet. Monate bevor in Sarajevo die ersten Schüsse fielen, wurden in deutschen Städten viele Schulen, Theater und Turnhallen in Lazarette umgewandelt.

18-6-jpg-data Nicht nur Kanonen, U-Boote und Flugzeuge wurden gebaut. Auch die medizinische Versorgung entsprach den modernsten Erkenntnissen. Die Ärzte waren gut ausgebildet und auf dem Stand ihrer Zeit, und das Deutsche Rote Kreuz verfügte 1914 bei Kriegsbeginn über 5.000 ausgebildete Schwestern, 1.000 Hilfsschwestern und unzählige Helferinnen bei den Frauenvereinen.
In Heidelberg wurden bereits im Mai 1914 die Schulen auf ihre Eignung für die Aufnahme von Verwundeten geprüft. Mit 6500 Lazarettbetten verwandelte sich die Stadt am Neckar in ein Großklinikum mit Gleisanschluss an die westlichen Fronten. Die Universitätsklinik lag unmittelbar neben dem Hauptbahnhof, zahlreiche Hotels boten zusätzliche Unterbringungsmöglichkeiten. Alles war akribisch geplant.

Ähnlich war es in Hamburg. Hier wurde gleich zu Kriegsbeginn in der Nähe des Hauptbahnhofs ein Gebäude des Klosters St. Johannes (Klosterwall/Lange Mühren) als Übernachtungsstation des Roten Kreuzes benutzt, so kann man es im Hamburger Kriegsbuch von 1916 lesen:

Wie segensreich die Übernachtungsstation gewirkt hat, geht aus dem Berichte des Hamburgischen Landesvereins vom Roten Kreuz hervor, dem zufolge in der Zeit vom 1. September 1914 bis zum 31. Dezember 1915 in der Übernachtungsstation, in der 239 Betten zur Verfügung standen, 39 499 Soldaten, 15 607 Verwundeten, 637 Kriegsfreiwilligen und 1358 Flüchtlingen kostenlos Unterkunft gewährt werden konnte.

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Hamburg Hauptbahnhof, Dezember 2015

Unwillkürlich muss man an die Situation genau 100 Jahre später denken, als im Dezember 2015 bis zu 2 500 Flüchtlinge täglich am Hamburger Hauptbahnhof ankamen und von Ehrenamtlichen versorgt wurden. Allerdings mussten 1915 die ankommenden Soldaten und Flüchtlinge nicht wie die Flüchtlinge in Zelten übernachten, sondern es wurde kurzerhand ein Hotel dafür beschlagnahmt. Das Hotel Großherzog von Mecklenburg stand an der Ecke Steinstraße/Lange Mühren. Damals hieß diese Stelle noch Schweinemarkt.

Da das ehemalige St. Johanneskloster für Staatszwecke in Anspruch genommen werden mußte, sah sich das Roten Kreuz vor die Notwendigkeit gestellt, die Übernachtungsstation in ein anderes Gebäude zu verlegen.

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Hotel Großherzog von Mecklenburg an der Steinstraße

Für die Zwecke der Übernachtungsstation wurde seitens des Staates das ehemalige Hotel Großherzog von Mecklenburg am Schweinemarkt überwiesen. In sehr kurzer Zeit wurde das Hotel im Erdgeschoß und in seinen vier Stockwerken für die Zwecke der Übernachtungsstation in gastlicher und freundlicher Weise hergerichtet; sämtliche Räume wurden gründlich desinfiziert, zum Teil neu tapeziert und gemalt, mit zweckentsprechenden Möbeln ausgestattet und ist nun seit August 1916 dem Betrieb übergeben.
Im Erdgeschoß befindet sich ein geräumiger Schlafsaal mit etwa 20 Betten, der in der Hauptsache zur Aufnahme von Verwundeten bestimmt ist, denen das Treppensteigen Schwierigkeiten macht. Die oberen Zimmer des Hotels sind fast durchgängig mit zwei bis drei Betten belegt. In allen Stockwerken befinden sich sehr praktisch angebrachte Wascheinrichtungen, und so können auch in der neuen Übernachtungsstation jede Nacht 300 Soldaten oder Verwundete bequem untergebracht werden, statt daß sie, wie es vielfach sonst der Fall ist, die Nächte in Wartesälen zubringen müssen. Die günstige Lage der Übernachtungsstation in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs läßt erwarten, daß die segensreiche Einrichtung dieser vom Roten Kreuz geschaffenen Station sich auch in den neuen Räumen in gleicher Weise bewähren wird.          (Hamburger Kriegsbuch 1916)

Das klingt alles sehr schön – fast paradiesische Zustände für Verwundete in diesem Hamburger Hotel. Vielleicht hatten die Soldaten es hier sogar angenehmer als zu Hause. Denn dort konnte man sich auf dem Lande und in der Stadt morgens höchstens notdürftig waschen, meistens mit kaltem Wasser aus der Pumpe. Nur wenige städtische Haushalte hatten zwischen den Etagen ein Wasserklosett, ansonsten befand sich ein Plumpsklo im Hof. Einmal in der Woche oder alle 14 Tage wurde gebadet, zumeist stand eine Zinkbadewanne in der Waschküche, die Wanne langsam mit heißem Wasser gefüllt und die Familie stieg nacheinander ins Wasser.

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Steinstraße vor der Sanierung

Bleiben wir in Hamburg. Hier herrschten gerade am Hauptbahnhof schon seit Jahrzehnten chaotische Zustände, was die hygienischen Wohnverhältnisse betrifft. Die Stadt entwickelte sich rasant zwischen Hauptbahnhof und dem Rathaus, und es entstand um 1900 ein Mix aus modernstem Fortschritt und mittelalterlichen Zuständen. Neue Prachtbauten standen neben Elendshütten. Man fing an, ganze Straßenzüge abzureißen, aber nicht um die sanitären Verhältnisse zu verbessern, sondern es ging Bauspekulationen und um Gewinn. Vor allem – man wollte nicht die ankommenden Reisenden erschrecken, die auf dem Weg vom Bahnhof in die Stadt an armseligen, verdreckten Hütten vorbeigehen mussten. Dabei hatte Hamburg schon 50 Jahre vorher  angefangen, als erste Stadt in Europa für bessere hygienische Verhältnisse gesorgt.

pincerno_-_william_lindley_1879_iiDen Fortschritt brachte der Engländer William Lindley, der nach dem großen Brand 1842 in Hamburg Europas erste unterirdische Kanalisation mit Abwasserkanälen baute, die zwölf Kilometer lang waren. In den folgenden Jahren errichtete Lindley mehrere Kläranlagen, ein Wasserwerk und eine öffentliche Bade- und Waschanstalt, um die grausamen hygienischen Zustände in den Armenvierteln zu mildern.
Aber die Stadt dankte ihm das nicht. Enttäuscht verließ Lindley 1860 Hamburg und baute Wasserversorgungen in Prag, Warschau und anderen Städten. In Hamburg aber ließ man sein epochales Werk verfallen. Die Quittung bekam die Stadt 1892, als eine Cholera-Epidemie 9.000 Menschen das Leben kostete. Es traf das sogenannte Gängeviertel. Dort hausten immer noch die Arbeiter und ihre Familien in engen Wohnungen ohne frische Luft und ohne sanitäre Einrichtungen.
Es wurde Zeit etwas zu tun. Nicht die Vernunft, sondern erst ein gigantischer Bauboom fegte um 1900 alle unliebsamen Elendsviertel in Hamburg hinweg. So kam es, dass zu Beginn des Weltkriegs die durchreisenden Soldaten in einem Hotel übernachten konnten –  mit Wassertoiletten, Zinkbadewannen und vielleicht sogar mit Bedienung. Vielleicht schlenderten die Soldaten ein paar Meter weiter. Dort stand nämlich schon seit Jahrzehnten eine Wasch- und Badeanstalt, die William Lindley erbauen ließ – für damalige Verhältnisse ein Musterbeispiel für moderne Hygiene. Der 40 Meter hohe Schornstein am Schweinemarkt war nicht zu übersehen.

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Wasch- und Badeanstalt am Schweinemarkt, links hinten das Hotel Großherzog von Mecklenburg

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Von 1855 bis 1963 Wasch- und Badeanstalt am Hamburger Hauptbahnhof

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Wer sucht hier wen?

Die Adresse „Schweinemarkt“ war nicht gerade geeignet, um ausgerechnet dort die erste Warmbadeanstalt des europäischen Kontinents zu eröffnen. Aber darüber hat man sich wohl kaum Gedanken gemacht, als am 5. April 1855 am Schweinemarkt die Badewannen gefüllt wurden –  insgesamt 32 rechts für Männer und 16 links für Frauen in Einzelkabinen. Außerdem gab es 32 weitere Stände, an denen Wäsche gewaschen wurde und wo es Einrichtungen zum Wringen, Trocknen, Mangeln und Plätten von Bett- und Leibwäsche gab.
Man achtete streng auf sittliche Reinheit. Es gab zwei verschiedene Eingänge für Männer und Frauen. Trotzdem kam es ab und an zu Missverständnissen oder absichtlichen Verfehlungen. Im Beschwerdebuch des Bades steht z.B.:
In der Voraussetzung, daß in dieser Anstalt die Gesellschaften in verschiedenen Räumen getrennt baden, hat sich meine Frau vertrauensvoll dieser Anstalt ausschließlich zugewendet, wurde aber leider im vorigen Monat überrascht und erschreckt, als aus einem Cabinet ein Herr und eine Dame hervorbrachen, die Dame war, selbst noch sogar entblößt, keinesweges hat die Badewärterin aber um Entschuldigung gebeten, folglich muß ein Einverständniß vorgeherrscht haben. Um strenge Rüge bittet W. Reimer.

schw_0002Das imposante Gebäude am heutigen Steintorwall wurde 1963 abgerissen, um Platz zu schaffen für das Kaufhaus Horten. Heute steht dort das Saturn-Parkhaus, das genauso ein Rundbau ist wie die Waschanstalt. Wer dort mit seinem Auto parken will, windet sich in kreisrunden Fahrspuren nach oben. Ein Mosaik an der U-Bahn Steinstraße erinnert noch an die vergangene Pracht.

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Hamburg hat inzwischen dazu gelernt und wagt sich an eine Revolution der Abwasserbeseitigung. Bis heute ist das Prinzip weitgehend unverändert: Alle Abwässer werden zentral gesammelt, gereinigt und in den nächsten Fluss geleitet. Das soll sich jetzt im Stadtteil Jenfeld ändern. Dort entsteht auf dem Gelände einer ehemaligen Bundeswehrkaserne das Neubaugebiet Jenfelder Au. Anders als sonst üblich, wird das Abwasser in diesem Quartier je nach Verschmutzungsgrad getrennt.
Regenwasser versickert in den Grünflächen oder sammelt sich in eigens angelegten Gräben, Mulden und Teichen, die mit dem Flüsschen Rahlau verbunden sind. Das sogenannte „Grauwasser“, also das wenig belastete Abwasser aus Duschen und Waschmaschinen, wird an Ort und Stelle gereinigt und in die Gräben geleitet oder als Brauchwasser genutzt. Das stark verschmutzte „Schwarzwasser“ aus den Toiletten hingegen wird mitsamt seiner Fracht als Biomasse in Strom und Wärme umgewandelt. Hamburg Wasser, das städtische Versorgungsunternehmen, realisiert dieses „Hamburg Water Cycle“ genannte Entwässerungskonzept jetzt erstmals im großen Stil. Kleinere Pilotanlagen zeigen bereits, dass die Technik grundsätzlich funktioniert.
                                                                                (Süddeutsche Zeitung vom 4. November 2016)


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Blick vom Klosterthor-Bahnhof nach dem Schweinemarkt. Nach einer Photographie von Strumper & Co Schimmelpfeng-Verlag, um 1900

Im Bilde fällt zunächst die Wasch- und Bade-Anstalt mit ihrem hohen Schornstein, 150 Fuss hoch, in’s Auge; rechts daneben sehen wir die Häuser vom Schweinemarkt, hinter diesen ragt die reformirte Kirche an der Ferdinandstrasse mit ihren zwei Thürmen hervor, und weiterhin das Zucht- und Spinnhaus.
Mehr nach vorne hinter den Anlagen rechts zeigen sich Häuser der Ernst-Merk-Strasse. Links vom Schweinemarkt zieht sich die Steinstrasse gegen die Jacobe-Kirche hin, letztere sehen wir ganz links im Bilde, davor einen kleinen Theil des Johannesklosters. Links im Vordergrunde ist der Klosterthor Bahnhof zur Hälfte sichtbar, rechts die Brücke der Altmannstrasse, unter welche die Geleise der Verbindungsbahn nach dem Dammthor-Bahnhof sich hinziehet.
Die Welthandels-Metropole Hamburg in tausendjähriger Entwicklung, C. W. Schimmelpfeng-Verlag, um 1900

Quellen
Geerd Dahms, Das Hamburger Gängeviertel, Hamburg, 2010
Susanne Grötz, Baden und Waschen – William Lindley als Pionier der technischen Hygiene; in William Lindley, Konstrukteur einer modernen Stadt, Hamburg, 2008, S.174
Hamburger Abendblatt vom 07.04.2007, Badewannen am Schweinemarkt
Übernachtungsstation des Roten Kreuzes; in Hamburger Kriegsbuch 1916, S.308
http://wk1.staatsarchiv.at/sanitaet-und-hygiene/einleitung/
http://www.pflegewiki.de/wiki/Was_war_fr%C3%BCher_normal
http://www.aerzteblatt.de/archiv/168343/Erster-Weltkrieg-1914-1918-Militaermedizin-unvorbereitet-in-die-Krise

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