Weihnachtshass 1915

Weihnachten 1914 – da soll es tatsächlich ein bisschen nach Frieden ausgesehen haben. Überall im Lande läuteten in der Heimat die Glocken in der Hoffnung auf ein baldiges Kriegsende im kommenden Jahr. An der Front schwiegen für ein paar Augenblicke die Waffen. Hier und da haben englische und deutsche Soldaten gemeinsam Weihnachtslieder gesungen und sogar miteinander Fußball gespielt. Wenn es nach diesen einfachen Soldaten gegangen wäre, wäre spätestens Silvester Schluss mit dem Krieg gewesen. Oder er hätte gar nicht erst anfangen sollen. Aber wie wir wissen, kam 1915 alles ganz anders.

Ein Jahr später gab es solche kleinen Begegnungen nicht mehr. Die Front, die Schützengräben und das Schlachtfeld waren auf beiden Seiten mit hunderttausenden Toten bedeckt. Stattdessen gab es von nationalistischen Fanatikern kriegshetzerische Aufrufe, Pamphlete und Gedichte, die alle Schuld für diesen Krieg dem Feind zuschoben. Auch der Kaiser und seine Regierung schimpften über die „Drachensaat hinterlistiger Feinde“. Aufs Neue – so hieß es – haben es die Feinde Deutschlands verstanden, die Kriegsfackel weiterzutragen und neue lodernde Brände zu entzünden.

Ein Beispiel für solche beispiellose Hetze und unvorstellbare Verbohrtheit findet man in der Zeitschrift DEUTSCHLAND. Diese Zeitschrift war im Kaiserreich das offizielle Mitteilungsblatt für mehrere Verkehrsverbände im ganzen Reich. Ein ziemlich aufwändig gedrucktes Blatt, das durch den Internationalen Hotelbesitzer-Verein e. V. Köln gegründet worden war.

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Unter dem Deckmantel der Heimatkunde und Heimatliebe hat dieses Blatt seit Kriegsbeginn Monat für Monat den Krieg schöngeredet, glorifiziert und den Leser mit lügenhafter Propaganda überschüttet.

Im Dezemberheft 1915 finden wir nun die Weihnachtsgedanken von Dr. Friedrich Castelle, dem Chefredakteur. Mit der Überschrift „Friede, Friede auf der Erde!“ liefert er ein unverschämtes Pamphlet ab. Damit hätte sich Friedrich Castelle durchaus bei Propagandaminister Goebbels bewerben können, und er wäre genommen worden. Aber Goebbels gab es ja noch nicht. Aber vieles von dem, was Goebbels später draufhatte, ist hier schon vorhanden. CastelleTatsächlich ist dieser eher unbekannte Dr. Castelle ab 1933 stramm auf NS-Ideologie eingeschwenkt und hat wie so viele kleine Provinzlichter dafür gesorgt, dass Hitler und Goebbels mit ihren Welteroberungsgedanken nicht allein dastanden.

In der Stadt Münster gibt es eine kleine Straße, die nach diesem Friedrich Castelle benannt ist. Es gab vor drei Jahren ein paar wache Bürger, die eine Namensänderung forderten. Die Bezirksvertretung hat es aber abgelehnt, den Castelleweg umzubenennen. Vielleicht hätten sich diese Bürgervertreter anders entschieden, wenn sie die folgende Hetzrede im Wortlaut gekannt hätten.

„Friede, Friede auf der Erde!“
Weihnachtsgedanken von Dr. Friedrich Castelle
Dezember 1915

Als vor Jahresfrist deutsche Weihnachtsglocken die ewig junge Kunde von der. Erneuerung der Menschheit, von der Erfüllung der uralten ewigen Menschheitssehnsucht nach Erlösung über die verschneiten deutschen Lande einhertrugen, da stand unser Volk in dem erschütternden Banne der Weltgeschehnisse, die seit vier langen Monaten ganz Europa aus den Angeln gehoben hatten. Willig und ergeben in das werdende Schicksal überhörte die Menschheit die weichen, vollen Friedensklänge der Glocken, die sonst die Welt für eine kurze Zeit all dem Wirrwarr und all den Lasten und Mühseligkeiten des Erdendaseins entführen und sie zurückversetzen in die sorglose, trauliche Kindheit.

Niemand konnte und durfte an Frieden denken, denn auf allen Kriegsschauplätzen standen sich die eisenstarrenden Massen in schier unbezwinglicher Macht und unüberwindlicher Wucht gegenüber. Die Drachensaat hinterlistiger Feinde war üppig aufgegangen, und noch mußte schwere, mühselige Schwerstarbeit verrichtet werden, ehe das drohende Verderben niedergemäht war.

Und heute? Vor Jahresfrist waren die Weihnachtsglocken für das deutsche Volk die heimliche Kunde des zuversichtlich erwarteten Weltfriedens. Jeder dachte, jeder hoffte, daß sich der Kreislauf des Jahres nicht mehr vollenden würde in dem ehernen kriegerischen Ring, der Europa umspannte.

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Jeder wünschte, daß das blutige Ringen nur noch nach Tagen und Wochen oder höchstens Monaten zählen möchte. Dieser Wunsch hat sich bis zur Stunde, da diese Weihnachtsgedanken niedergeschrieben werden, noch nicht verwirklichen lassen.

Aufs neue haben es die Feinde Deutschlands verstanden, die Kriegsfackel weiterzutragen und neue lodernde Brände zu entzünden. Im Herzen Europas stehen wie zwei gewaltige Mauern, von Riesenfäusten aufgetürmt die Heere einander gegenüber und halten blutige Wacht um jeden Fußbreit Bodens. Aber zwischen diesen Mauern ziehen die Völker Mitteleuropas, wie vor Jahrtausenden die Kinder Israels durch das Rote Meer, ruhig und sicher ihre Völkerstraße vom Nordmeer bis zum Mittelmeer, und keine feindliche Macht hat sie daran hindern können. Dennoch wütet der Weltkrieg weiter, immer weiter nach Süden zu bis an die fernsten Grenzen der europäischen Kultur. Was werden wird, wie lange dieses Aufreiben und Vernichten heiliger Volksgüter noch dauern soll, wer mag es enträtseln im gegenwärtigen Augenblick!

Wieder einmal rüsten wir uns darum, ergeben in das allmächtig waltende Schicksal, zu einer eisernen Weihnacht. Nicht verzagt und nicht unmutig entzünden wir die traulichen Lichter, sondern festen Muts und der zuversichtlichen Hoffnung voll, daß die gute Sache, das alte heilige deutsche Recht siegen werden in diesem Ringen der Völker um ihren Bestand und um ihre Zukunft. Trotzige Entschlossenheit und männliche Lebenskraft lassen uns immer wieder emporsteigen über Tod und Tränen der leuchtenden Zukunft unseres Volkes entgegen.

Und hoch oben auf der treuen deutschen Weihnachtstanne funkelt auch in diesem Jahr wieder der Stern der frohen Hoffnung, und sein heller, reiner Schimmer ist uns so recht das Abbild unseres ganzen deutschen Wesens, das nicht getrübt werden kann durch Geschehnisse von außen, mögen sie auch noch so wuchtig, noch so blutig, noch so niederschmetternd sein für den einzelnen wie für das ganze Volk.

Euch da draußen, ihr Brüder, die ihr in den Sümpfen Rußlands, die ihr auf den verschneiten Vogesenbergen, auf den eisstarrenden Höhen des Balkans die Weihnachtswacht haltet, euch gilt in diesem Jahr hundert- und tausendfach unser Weihnachtsgruß. Keiner von uns im Heimatlande kann auch nur im geringsten ermessen und nacherleben, was ihr für uns und unser Vaterland erduldet und ertragt. Keiner von uns, mag er körperlich oder geistig noch so tief erschüttert werden von dem Schicksal dieses Krieges, vermag zu würdigen, wie ihr da draußen alles ertragt für uns und unser ganzes Volk.

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Aber eins wollen wir euch zum Ersatz und in dankbarer Freude hinübersenden in die feindlichen Lande: unsere ganze treue deutsche Liebe, auf daß ihr fühlt und erlebt in dieser heiligen Nacht, wie euer Volk hinter euch steht mit allen seinen Wünschen und Gefühlen, mit all seiner Dankbarkeit und demütigen Verehrung. Und wenn wir uns dann hier auch um den Lichterbaum reihen, wenn unsere, eure Frauen und Kinder die alten lieben Weihnachtslieder anstimmen, dann sollen diese Lieder als ein Gruß der Heimat in euern Herzen widerklingen und auch euch eine Stunde seliger Erinnerung bringen.

So wollen wir es halten für euch und mit euch: den Frieden ersehnen aus tiefstem Herzensgrund! Aber unerschütterlich und unbeugsam zusammenhalten, bis auch der letzte grimmigste Gegner niedergerungen ist! Nicht eine Weihnacht begehren wir voll unklarer unerfüllter Wünsche, nicht eine Weihnacht, über die sich ein trüber Wolkenhimmel spannt, sondern ein Erlösungs- und Befreiungsfest, das überstrahlt wird von den goldigen leuchtenden Himmelssternen der reinen deutschen Winternacht. Und diese Weihnacht wird kommen für Deutschland und Deutschlands Zukunft.

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Neben dem Castelleweg in Münster gibt es in mehreren deutschen Städten eine Castellestraße: in Dortmund, Rheine, Steinfurt, Rhede und in Ochtrup. In Neuenkirchen wurde 2012 die Straße in Kantstraße umgewidmet.

Vollkommen unbelehrbar scheint der Heimatverein Ochtrup e.V. zu sein, der auf seiner Homepage ein Loblied auf den ehrenwerten Dr. phil Friedrich Castelle absondert. Deutlich wird darin wie so oft, wie sich Biedermann und Nazi in einer Person gut ergänzen.

Dr. phil. Friedrich Castelle wurde am 30. April 1879 in Appelhülsen geboren. In seiner ersten publizistischen Tätigkeit entfaltete er bereits Grundzüge seines Schaffens. Er versuchte, Religion, Heimat und Welt als die bewegenden Kräfte der Kultur in Einklang zu bringen.

Er war ein rechter Künder und Mittler der deutschen Dichtung. Mehr als fünftausendmal stand er auf einem Podium und hat dabei durch seine Vortragskunst unzählige Menschen unvergessliche Erlebnisse aus der Dichtung geschenkt. Besonders als Herausgeber von Zeitschriften hat er eine umfangreiche kulturelle Wirksamkeit entfaltet. Dieser vielbeschäftigte und vielseitig begabte Meister des Wortes schrieb aber auch eine Vielzahl eigener Werke.

Seit April 1930 war Friedrich Castelle auf „Haus Welbergen“ ansässig. Besonders in den darauffolgenden Jahren gewann er in der Stille dieses Hauses die Kraft zur Schaffung seiner heimatverbundenen Werke. Dieser vielseitig begabte und beliebte Schriftsteller, der vielen Menschen Freude und Frohsinn schenkte, fand (1954) seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof von St. Mauritz in Münster.

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Friedrich Castelle (rechts vorne) neben General Wilhelm Knochenhauer

Verschwiegen wird in diesem beschönigenden Nachruf, dass Friedrich Castelle bei Kriegsende gefangengenommen und im britischen Internierungslager in Haft gehalten wurde. Der Historiker Christopher Lorke hat inzwischen nachweisen können, „dass Castelle Nazi-Funktionär in verschiedenen Positionen war“.

So war Castelle „Obmann der NS-Kultur-gemeinde für den Kreis Burgsteinfurt, Beiratsmitglied des Gaues Nordrhein-Westfalen und führender Mitarbeiter der Reichsschrifttumskammer. 1937 wurde er Haupt-Abteilungs-Sachbearbeiter zur besonderen Verwendung im Reichssender Köln, später wurde er stellvertretender Intendant. Während des Krieges war er Leiter des Senders Luxemburg.“

Quellen
DEUTSCHLAND, Zeitschrift für Heimatkunde und Heimatliebe, Düsseldorf, VI. Jahrgang, Heft Nr. 12, Dezember 1915
http://www.muenster.de/stadt/strassennamen/castelleweg.html#nach1945
http://win2014.de/?p=802
http://www.heimatverein-ochtrup.de/Dr_phil_Friedrich_Castelle.178.0.html
http://www.uni-muenster.de/Geschichte/histsem/NZ-G/L2/Mitarbeiter/Wiss/ChristophLorke.html

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Eine Antwort auf Weihnachtshass 1915

  1. Dieter sagt:

    Ein /un-)schönes Beispiel, wie sich eine solche Ideologie entwickelt und leider auch vollendet und wie sie dann später zugedeckt wird.
    Ich kann es ja gar nicht so richtig lesen, es wird einem ja übel dabei…

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