Fußball ist unser Leben

Vor einem Jahr ging diese rührselige Geschichte durch die Medien: Weihnachten 1914 haben deutsche und englische Soldaten an der Front ihr Gewehr beiseitegelegt, haben einen kleinen Tannenbaum in die Hand genommen, sind aufeinander zugegangen, haben gemeinsam „Stille Nacht“ gesungen und haben irgendwann aus lauter Feindesliebe angefangen Fußball zu spielen.

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Fotoapparate wurden gezückt und Bilder fanden sogar den Weg in die englischen Zeitungen. Das Spektakel dauerte nicht lange, dann ging der Krieg leider ohne Frontfußball „normal“ weiter.

Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner spielt Fußball – so könnte man jetzt kalauern. Aber so war es ja nicht. Es gab zwar keine deutschen Fußballmeister mehr. Aber Fußball wurde trotzdem weitergespielt. Verwunderlich ist es nur, dass im Gedenktrubel um den Ersten Weltkrieg Sport und Fußball ausgeklammert wurden.

Selbst der DFB hat sich kaum mit diesem Zeitabschnitt ihrer Geschichte beschäftigt. Auf der Homepage des DFB wird die Zeit von 1914 bis 1918 vollkommen ausgespart. Am sogenannten „Erinnerungsort des deutschen Fußballs“, im nagelneuen Deutschen Fußballmuseum in Dortmund, gibt es keinen Blick auf die Zeit vor 100 Jahren.

Stattdessen wird beim DFB u.a. die glorreiche Zeit vor 40 Jahren in Ehren gehalten. Man wurde ja 1974 Weltmeister im eigenen Lande. Die deutsche Nationalmannschaft sang damals ein Lied, das nicht ganz ohne kriegerische Töne auskommt. Vom Kämpfen und Fallen, von Sieg, Freud und Ehr ist die Rede und vom Feind, pardon vom Gegner, der geschlagen werden muss. Auf youtube kann man sehen, wie die „WM-Helden“ von 1974 bei Wim Thölke ihr Bestes geben. Der Kaiser, der damals mitgesungen hat, hieß übrigens nicht Kaiser Wilhelm.

Wir kämpfen und geben Alles,
bis dann ein Tor nach dem andern fällt.
Ja, Einer für Alle, Alle für Einen.
Wir halten fest zusammen,
und ist der Sieg dann unser,
sind Freud‘ und Ehr für uns alle bestellt.
Ein jeder Gegner will uns natürlich schlagen,
er kann’s versuchen,
er darf es ruhig wagen,
doch sieht er denn nicht,
dass hunderttausend Freunde zusammen steh’n.

Es gab ab 1914, wie gesagt, keine Deutschen Meisterschaften. Aber Fußball wurde unter erschwerten Bedingungen weitergespielt – auf dem Bolzplatz, in der Freizeit und in den Jugendabteilungen der Vereine.

Auch die Bundesligavereine haben es nicht geschafft, sich auch nur ansatzweise für die Zeit vor 100 Jahren zu interessieren. Auf der Homepage des HSV, von Schalke 04 und anderen Spitzenclubs gibt es zwar einen Menüpunkt „Historie“. Aber dort findet man nichts über den Fußball vor 100 Jahren. Nicht einmal der Traditionsverein FC St. Pauli verliert ein Wort darüber. Ist das ein weiterer Hinweis dafür, dass der Amateurfußball doch nicht so geliebt ist, wie es gerne von den Verantwortlichen gesagt wird?

Auf der Homepage von Schalke 04 gibt es eine notdürftige Notiz:
Der Beginn des Weltkriegs 1914 beeinflusste auch den Sportverein aus Schalke; der Spielbetrieb wurde eingestellt. 1915 versuchte Robert Schuermann ihn mit einer Neugründung der Westfalia auf dem Gelände des Turnvereins wiederaufzunehmen, bis 1917 gelang dies, dann kam der Spielbetrieb endgültig für die Zeit des Krieges zum Erliegen.

Der HSV macht es noch kürzer: 1914 benennt sich der Hamburger FC um und firmiert von nun an unter dem Namen Hamburger SV von 1888.

Und auch die viel geschmähte TSG Hoffenheim, die sich gerne seit 1899 im Fußballgeschäft sieht, hat es nicht nötig ihre Tradition durch ein paar Fakten zu untermauern. Oder ist das schon Tradition: „1913 gibt es eine neue Vereinsfahne, die dank Sammlungen sowie einer großzügigen Spende des Vorstands des TV Sinsheim angeschafft wird.“ Wikipedia kann uns da mehr über die Hoffenheimer sagen:

Während des Ersten Weltkriegs kam das Vereinsleben fast vollständig zum Erliegen, da die meisten Mitglieder zum Militär eingezogen wurden. Von 92 Mitgliedern, die am Krieg teilnehmen mussten, waren 28 gefallen oder blieben vermisst. Schon wenige Wochen nach Kriegsende fand am 25. Januar 1919 die erste Generalversammlung nach dem Krieg statt, an der noch 33 Personen teilnahmen.

Bayern München hat sich in der historischen Aufarbeitung wie immer an die Spitze gesetzt. Die Bayern haben es aber auch leichter als andere Vereine; denn sie haben schon vor 100 Jahren eine Lichtgestalt gehabt. Kurt Landauer war 1913 bis 1914 Präsident des FC Bayern – ein unverdächtiger Mann, der über Jahrzehnte den Verein geprägt hat. Vor einem Jahr erinnerte ein Spielfilm im Fernsehen an diesen Mann, der wegen seiner jüdischen Herkunft im Nationalsozialismus verfolgt und beinahe umgekommen wäre.

Will man etwas mehr über Deutschland und seinen vielgeliebten Fußball vor 100 Jahren wissen, sucht man sogar bei amazon vergebens nach Büchern. Dann findet man aber tatsächlich doch noch etwas. Ein relativ junger CDU-Politiker hat seine Dissertation über den Fußball im Ersten Weltkrieg geschrieben: Vom Schützengraben auf den grünen Rasen. tauber-jpg--b09226974657892b-Peter Michael Tauber, Jahrgang 1974, ist Bundestagsabgeordneter und seit 2013 Generalsekretär der CDU. Man muss ihn nicht unbedingt mögen, den smarten jungen Oberleutnant der Reserve mit seiner brillanten Rhetorik. Aber beim Fußball hat er sich mal richtig Mühe gegeben, unsere Welt zu verstehen. Tauber stellt den Fußball in einen gesellschaftlichen Zusammenhang und weist nach, wie der Sport insgesamt im neuen 20. Jahrhundert an Bedeutung gewann, aber auch Anfeindungen ausgesetzt war.

417si0WwBbL._SS500_Der Aufstieg des Sports und vor allem des Fußballs zu einem Massenphänomen auch außerhalb des Militärs war keine Selbstverständlichkeit. Noch um die Jahrhundertwende gab es kritische Stimmen, die den Fußball als „englische Krankheit“ diffamierten und vor dem verderblichen Einfluss auf die deutsche Jugend warnten. Doch wer einen wirklichen Fußball sein Eigen nennen konnte, stand bei Freunden und Klassenkameraden hoch im Kurs. Nicht nur die Fußballbegeisterung vieler Jungen ebnete dem Sport den Weg. Auch einige Militärs erkannten den Nutzen des Sports für die Ausbildung der Soldaten.
Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 verhinderte zunächst eine weitere planmäßige Förderung und Entwicklung des Sports. In der Heimat wurden nach Kriegsbeginn immer mehr Sportplätze zu Ackerland und Gemüsegärten umfunktioniert und viele Turnhallen als Reservelazarette genutzt. Die Herstellung von Sportgeräten wurde nicht nur untersagt, sondern Fußbälle teilweise eingezogen, um aus dem Leder Stiefel anzufertigen. Viele Vereine mussten ihre Aktivitäten vollständig einstellen.

Wer mehr darüber erfahren will, sollte Peter Taubers Blog oder sein Buch lesen Vom Schützengraben auf den grünen Rasen: Der Erste Weltkrieg und die Entwicklung des Sports in Deutschland, LIT-Verlag, Münster, 2008, 496 Seiten.

Es ist unverständlich, warum der DFB und die großen Bundesligavereine ihre sogenannte Historie für die Zeitspanne des Ersten Weltkriegs ausklammern. Die kleineren Vereine – salopp gesagt: die Dorfvereine – haben teilweise in vorbildlicher Weise ihre Vergangenheit und ihre Wurzeln aufgearbeitet und veröffentlicht.

Da gibt es z.B. hoch im Norden den Verein Holstein Kiel. Die Störche – so werden sie von den Reportern genannt – waren 1912 sogar deutscher Meister. Seitdem sind sie aber eher ein Provinzverein mit dem leisen Hang zur Zweiten Liga. In Kiel ist die Fußballbegeisterung wohl noch sehr bodenständig, und man erinnert sich nicht so egoman wie die überzüchteten Bundesligavereine an die Triumphe vergangener Tage. Man kramt in der eigenen lokalen Geschichte, findet vielleicht Zeitzeugen oder alte Fotos mit Fußballern aus der Nachbarschaft.

Reinhard Gusner, der für den Schleswig-Holsteinischer Fußballverband tätig ist, hat in liebevoller Kleinarbeit den regionalen Fußball zu Beginn des Ersten Weltkriegs aufgearbeitet.
Im Sommer 1914 deutete zunächst noch nichts darauf hin, dass die Saison 1914/15 ausfallen würde. Das wurde erst mit dem im August beginnenden Ersten Weltkrieg konkret, als es mit der ausgerufenen Mobilmachung auch für viele Fußballer in den Schützengraben statt auf den Fußballrasen ging. Bis auf wenige Freundschafts-begegnungen ruhte der Spielbetrieb.
Erst Anfang August 1915 verständigte man sich verbandsseitig, ab der Saison 1915/16 wieder Bezirksspiele einzuführen, wegen der beschränkten Sportplatzverhältnisse und der hohen Fahrtkosten aber nur für den Kieler Raum. Ein reibungsloser Ablauf war allerdings nicht möglich, da die Mannschaften wegen der abwesenden Soldaten ständig in wechselnder Besetzung oder gleich unvollständig antraten oder aber ihre Mannschaft im Laufe einer Saison sogar ganz vom Spielbetrieb zurückziehen mussten.

SVB-Gründer-300x226 BommersheimWenn man bei Google im Menü BILDER die Begriffe fußball, weltkrieg, verein und 1914 eingibt, findet man dort alles andere als Fußballbilder. Geschossen wird zwar auch, aber an der Front. Die meisten Bilder enthalten Aufmärsche, Kampfszenen, Schützengräben und verwundete Soldaten. Nur eine Handvoll Bilder zeigen Fußballmannschaften aus der damaligen Zeit.

Noch seltener sind Fotos von einzelnen Spielern. Was aus dem jungen Mann auf dem folgenden Foto geworden ist, wissen wir nicht. In leichter Ronaldo-Manier stellt er sich dem Fotografen. Das Foto ist ein Flohmarktfund. Auf der Rückseite steht lediglich: Aufnahme Herbst 1917, Essen, Ruhr.

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Aufnahme Herbst 1917, Essen, Ruhr (Privatarchiv)

Vielleicht ist der ganz normale Fußball nicht spektakulär genug. Ein Fußballspiel zwischen englischen und deutschen Soldaten, das Weihnachten 1914 vorübergehend mit einem Hauch von Frieden geschmückt hatte, ist natürlich viel attraktiver. Hat die Bundeswehr deswegen in Erinnerung an diese Episode ein Spiel zwischen deutschen und englischen Soldaten angeregt?

Die Fußball Nationalmannschaft der Bundeswehr und die Mannschaft der britischen Armee veranstalteten am 17. Dezember vergangenen Jahres ein Erinnerungsspiel. 100 Jahre nach dem „Weihnachtswunder im Ersten Weltkrieg“ 1914 fand das Spiel in der Garnisonsstadt Aldershot in Hampshire statt. Der Guardian zitiert einen ziemlich griesgrämigen Cabby-Fahrer, der diese mythenbehaftete Überhöhung offenbar missbilligt.

“You know the match never even happened, said the curmudgeonly Aldershot cabby. “Nah, just a myth. Mind you, Jesus wasn’t born on Christmas neither.” He’d still not finished. “And Father Christmas actually used to be green till they turned him red for a Coke ad.”

Das Spiel endete übrigens 1:0 für England.

Quellen

Michael Jürgs, Der kleine Frieden im Großen Krieg, Westfront 1914: Als Deutsche, Franzosen und Briten gemeinsam Weihnachten feierten, München 2003

http://www.dfb.de/historie/

https://www.fussballmuseum.de/museum/deutsches-fussballmuseum.htm

http://fcb-erlebniswelt.de/de/news/news/2014/kurt-landauer-tag.php

http://www.sehepunkte.de/2009/07/14829.html

http://blog.petertauber.de/?p=157

http://kiel.sportbuzzer.de/magazin/fussball-statt-schuetzengraben/12957

http://holstein-kiel.de/id-1911-bis-1943-ursprung-und-ausbau

http://www.theguardian.com/world/2014/dec/18/first-world-war-truce-football-match-replayed-centenary

http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/fussball_generiert_erinnerungsorte?nav_id=3702

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2 Antworten auf Fußball ist unser Leben

  1. Du hast Dir mal wieder einmal große Mühe (mit Erfolg) gemacht. Ich muss zugeben, daß ich nicht unbedingt ein Fan dieses „Sports“ bin, denn heute handelt es sich weniger darum. Er ist zu einer gemanagten Millionenindustrie verkommen. Spieler
    werden gehandelt. Wenn sie nicht gut genug sind (nicht menschlich gemeint), dann sitzen sie auf der Ersatzbank und sind so für andere Vereine nicht verfügbar. Nicht verstehen kann ich die Menschenmassen, die jeden Sonntag die StADIEN FÜLLEN.
    Ich fürchte, es findet ein Psychokrieg zwischen den Fans der Vereine statt. Fussball scheint zum Frustventil verkommen zu sein unter Inkaufnahme von Körperverletzungen etc. Das ist ein Zustand, der die Geschichte des Fussballs in seinen sportlichen Anfängen sehr belastet. Eine Trendwende. die ich nicht begrüßen kann…… ganz abgesehen von den aktuellen Skandalen.

  2. Nicolai sagt:

    Ich kann dir, Gerd, in dem ersten Punkt zustimmen: Ein wirklich interessanter Beitrag insbesondere für mich als bekennenden Fußballfan und Erster-Weltkrieg-Masterarbeit-Schreiber!

    Lass mich zu dem zweiten Punkt ein paar Sätze sagen. Ich gebe zu, dass es einige „Fans“ gibt, die den Fußball als Frustventil nutzen und einen Psychokrieg mit den Fans verfeindeter Vereine führen (habe ich selbst schon ein paar Mal hautnah erlebt). Dies ist wirklich sehr schwierig und auch deutlich zu kritisieren. Hier liegen die Ursachen natürlich tiefer und der Fußball wird als Anlass genommen, um die Aggressionen auszuleben (Frustventil). Ich behaupte aber, dass dies nur ein kleiner Teil der Fans ist.

    Denn du sprichst auch davon, dass du die Massen nicht verstehst, die in die Stadien strömen. Ich tue dies gelegentlich (und habe es bisher schon sehr oft getan) und kann in diesem Fall nur für mich sprechen: 98% meiner Erfahrungen sind ungemein positiv. Sei es, ob man mit Freunden eine schöne Zeit im Stadion verbringt, sei es um spannenden Fußball zu sehen oder sei es, weil man in einer großen Gruppe mit einem gemeinsamen Interesse seinen Verein unterstützt. Und ich denke, dass es den meisten genauso geht!

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