Ein Gedicht zum Weinen?

Otmar Hitzfeld hat’s getan. Jürgen Klopp hat’s getan. Man glaubt es nicht, auch Putin hat‘s getan und sogar Helmut Schmidt hat vor aller Welt bewiesen: Männer können weinen. Ob beim Abschied vom geliebten Fußballclub oder in bewegenden Augenblicken der Weltgeschichte – wir sind oft live dabei, wenn im Fernsehen sogenannte gestandene Männer weinen.
Aber es gibt nicht nur Männer, die medienwirksam weinen, wenn die halbe Welt zuschaut. In England ist vor zwei Jahren ein Gedichtband erschienen mit dem herausfordernden Titel „POEMS that make GROWN MEN CRY“. Können Gedichte tatsächlich Männer zum Heulen bringen?
brookeDie Herausgeber dieses Bandes hatten eine wunderbare Idee. Sie fragten bei hundert Männern an, die man aus Literatur und Film, aus Kunst und Wissenschaft kennt, und baten sie darum, ein Gedicht zu nennen, das sie besonders berührt oder sogar zum Weinen gebracht hat.
Herausgekommen ist eine wunderbare Sammlung von hundert Gedichten. Aus über zwanzig Ländern haben berühmte Männer dazu ihr ganz persönliches Erlebnis geschildert und ihre Gefühle preisgegeben: „100 men on the words that move them“. Von John le Carré, Salman Rushdie zu Jonathan Franzen, von Nick Cave, Colin Firth zu William Boyd liefert diese Sammlung Einblicke in das Seelenleben dieser Männer.

John le Carré nennt z.B. Wandrers Nachtlied von Johann Wolfgang von Goethe und schreibt dazu:
I chose this poem in part because it is a gem of German lyrical poetry; and in part because the beauty oft he German language has long been lost on British ears, and it’s high time for a revival. And finally because the „Nachtlied“ is a moving and exquisite contemplation of old age.

John le Carré und Goethe sind ja weltberühmt, aber es gibt in dem Band auch Gedichte, die hier in Deutschland kaum jemand kennt und die in England zum allgemeinen Kulturgut gehören. Solch ein Gedicht hat der Schauspieler Hugh Bonneville ausgesucht. Seit 2010 sehen wir ihn in der Fernsehserie Downton Abbey als den Earl von Grantham.
Es ist ein Gedicht von einem gewissen Rupert Brooke, von dem bis jetzt noch kein einziger Vers ins Deutsche übersetzt worden ist. Geschrieben hat er nur 118 Gedichte. Aber er ist trotz dieses schmalen Werkes in England eine literarische Größe. Wer war Rupert Brooke?

Brooke0606_468x694Rupert Chawner Brooke wurde 1887 als Lehrerkind in Rugby geboren. Gestorben ist er am 23. April 1915 an Bord eines französischen Krankenhausschiffes. Er starb an den Folgen einer Blutvergiftung, die durch einen Mückenstich verursacht worden war. Da war er gerade 27 Jahre alt. Dazwischen lag ein kurzes aufregendes Leben.
1906 begann er am King’s College in Cambridge Altphilologie zu studieren. Aber bald vernachlässigte er sein Studium, begann Gedichte zu schreiben und gewann auf Anhieb mehrere Preise. Er wurde schnell ein viel umschwärmter Liebling der intellektuellen Bohème. Manche bewunderten sein Talent. Andere wiederum waren mehr von seinem Äußeren beeindruckt.

Rupert Brooke war ein gut aussehender Mann, der den Frauen, aber auch den Männern zugeneigt war. W. B. Yeats bezeichnete Brooke als den „bestaussehenden Mann in England“. Kein Wunder, dass er zu dieser Zeit der Bloomsbury Group um Virginia Woolf, George Mallory und John Maynard Keynes nahestand. Liebesgeschichten jeglicher Art und Affären ziehen sich als roter Faden durch sein kurzes Leben. Aber auch seine Lyrik erregte Aufsehen und fand viele begeisterte Verehrer und Anhänger. Selbst Winston Churchill war von dem jungen Dichter beeindruckt. Literarisch.

Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, trat er in die Armee ein und war mit englischen Truppen in Belgien, als Antwerpen von den Deutschen eingenommen wurde. Zurück in England schrieb er um die Weihnachtszeit fünf Sonette, die ihn in England schlagartig berühmt machen sollten. Dann ging alles ziemlich schnell.
Im Februar 1915 ging er mit der Mediterranean Expeditionary Force ins Mittelmeer. Am 11. März 1915 wurden diese Sonnette veröffentlicht. Am Ostersonntag wurde wohl sein bekanntestes Gedicht ‚The Soldier‘ vom Dean auf der Kanzel in St. Paul’s Cathedral rezitiert. Drei Wochen später, am 23. April, ist Rupert Brooke gestorben. Enthusiastisch hatte er einmal formuliert: “The thing God wants of me is to get good at beating Germans”. Gestorben ist er aber nicht auf dem Schlachtfeld, sondern an einem Mückenstich. Das Leben hat ihm ein eher profanes Ende beschert.

„If I should die, think only this of me;
That there’s some corner of a foreign field
That is for ever England.“

Rupert Brooke

In diesen Anfangszeilen seines Gedichts “The Soldier“ hat 1914 Brooke die Gefühle der Engländer so treffend wiedergegeben, dass sie sie für ihre eigenen hielten. Hugh Bonneville, unser Mann aus Downton Abbey, hat dieses Gedicht schon als Schüler kennen gelernt und für den Sammelband ausgesucht. Er schreibt in einer kurzen Einleitung, was ihn daran heute noch bewegt.

Like many schoolchildren, I was introduced to this sonnet when studying the poets of the First World War. The graphic bitterness of Siegfried Sassoon and Wilfred Owen, we were instructed, was to be contrasted with the naive patriotism of Rupert Brooke.
Brooke’s view of death and his love of country is that of a cleareyed young man who, like the hundreds of thousands of others who rushed to join up, felt confident of purpose and of victory within months, entirely innocent of what was to come. l won’t judge him for that.
Every time I watch the movie Gladiator this poem comes to mind. Like the recurring motif of Maximus’s hand brushing the wheat of his fields as he heads for his waiting family, `The Soldier‘, for me, is ultimately about belonging. It’s about coming home.
And it’s not the notion of death with honour or pride in motherland that moves me, it’s the simple phrase `laughter, learnt of friends‘ that gets me every time. An image of happiness shared, in a land at peace.
With the privilege of hindsight I find it is as pitiful as it is beautiful in its evocation of contentment.

The Soldier
If I should die, think only this of me;
That there’s some corner of a foreign field
That is for ever England. There shall be
In that rich earth a richer dust concealed;
A dust whom England bore, shaped, made aware,
Gave, once, her flowers to love, her ways to roam,
A body of England’s breathing English air,
Washed by the rivers, blest by suns of home.

And think, this heart, all evil shed away,
A pulse in the eternal mind, no less
Gives somewhere back the thoughts by England given;
Her sights and sounds; dreams happy as her day;
And laughter, learnt of friends; and gentleness,
In hearts at peace, under an English heaven.
Rupert Brooke (1887-1915)

+++++Dankeschön an Susan für ihr wunderbares Geschenk zu Weihnachten!+++++

Im Frühjahr 2016 – so kündigt der Verlag Simon & Schuster an – wird ein Folgeband erscheinen, dieses Mal mit Gedichten, die Frauen ausgesucht haben:
Poems That Make Grown Men Cry. Another remarkable anthology of poetry, this time chosen by 100 eminent women from all walks of life.

Quellen
Anthony Holden/Ben Holden, Poems That Make Grown Women Cry: 100 Women on the Words That Move Them, London, Simon & Schuster, 2014
http://www.dailymotion.com/video/xo88hq_rupert-brooke-the-soldier_creation
http://www.newyorker.com/books/page-turner/the-true-story-of-rupert-brooke
http://en.r8lst.com/Euphorically%20Breathtaking%20images%20of%20Rupert%20Brooke
http://www.poemhunter.com/poem/1914-v-the-soldier/

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Eine Antwort auf Ein Gedicht zum Weinen?

  1. Thomas Haas sagt:

    ES ist bedauerlich, dass es so wenig deutsche Übersetzungen der Gedichte von Rupert Brooks gibt. IN dem bei Rowohlt erschienen Roman von Kitty Ray ist das Gedicht, Zuhause, in einer perfekten Übersetzung im Vorwort. WEnn es denn eine Übersetzung ist. BRooke war Philologe. Aber das Gedicht macht neugierig. Vielleicht gibt es doch noch mal eine weitere gute Übersetzung. Auf die mäßigen Kriegsgedichte könnte man zugunsten seiner reinen Lyrik evtl. verzichten

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