{"id":3880,"date":"2019-06-13T02:45:07","date_gmt":"2019-06-13T00:45:07","guid":{"rendered":"http:\/\/win2014.de\/?p=3880"},"modified":"2020-12-10T16:12:11","modified_gmt":"2020-12-10T15:12:11","slug":"weihnachten-in-schweren-zeiten-1918-1948-2018-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/win2014.de\/?p=3880","title":{"rendered":"Weihnachten in schweren Zeiten \u2013 1918, 1948, 2018\u2026?"},"content":{"rendered":"\n<p>In der Weltb\u00fchne, der Wochenschrift f\u00fcr Politik, Kunst und Wirtschaft, lesen wir im Heft vom 19. Dezember 1918 ein Weihnachtsgedicht. Jedenfalls hat es die \u00dcberschrift \u201eWeihnachten\u201c. Seit knapp sechs Wochen ist der gro\u00dfe Krieg beendet. Nach vier Kriegsweihnachten endlich friedliche Weihnachten! Aber auch wenn an der Front nicht mehr geschossen wird, ist die Lage in Deutschland un\u00fcbersichtlich, turbulent und alles andere als friedlich. Von Frieden kann keine Rede sein.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone wp-image-3787 size-large\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"651\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/ju000692_1-1024x651.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3787\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/ju000692_1-1024x651.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/ju000692_1-300x191.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/ju000692_1.jpg 1296w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Angeh\u00f6rige der Volksmarinedivision im Schlosshof, 1918 \u00a9Deutsches Historisches Museum, Berlin<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Vom 16. bis 21. Dezember 1918 tagten in Berlin rund 500 Delegierte aller deutschen Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te. Zukunft: ungewiss. Seit Mitte Dezember schwelte ein Streit um die sogenannte \u201eVolksmarinedivision\u201c. Die war zum Schutz des Berliner Regierungsviertels aus etwa 1000 Kieler Matrosen aufgestellt worden und hatte sich im Schloss einquartiert. Dort verschwanden im Durcheinander Kunstsch\u00e4tze, es kam hier und da zu Pl\u00fcnderungen. Man wollte deshalb die Matrosen schnellstens aus dem Schloss entfernen. Doch die lie\u00dfen es auf eine Machtprobe ankommen. Am Heiligen Abend kam es zu blutigen K\u00e4mpfen im Berliner Schloss. Auch die Fassade wurde von Kugeln getroffen.<br>\nNun also ein Weihnachtsgedicht. Es fasst das ganze deutsche Elend der letzten vier Jahre zusammen, ohne eine Hoffnung auf bessere Zeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weihnachten<\/strong><br>\nSo steh ich nun vor deutschen Tr\u00fcmmern<br>\nund sing mir still mein Weihnachtslied.<br>\nIch brauch mich nicht mehr drum zu k\u00fcmmern,<br>\nwas weit in aller Welt geschieht.<br>\nDie ist den andern. Uns die Klage.<br>\nIch summe leis, ich merk es kaum,<br>\ndie Weise meiner Jugendtage:<br>\nO Tannebaum!<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich so der Knecht Ruprecht w\u00e4re<br>\nund k\u00e4m in dies Brimborium<br>\n&#8211; bei Deutschen fruchtet keine Lehre &#8211;<br>\nwei\u00df Gott! ich kehrte wieder um.<br>\nDas letzte Brotkorn geht zur Neige.<br>\nDie Gasse gr\u00f6hlt. Sie schlagen Schaum.<br>\nIch hing sie gern in deine Zweige,<br>\no Tannebaum!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich starre in die Knisterkerzen:<br>\nWer ist an all dem Jammer schuld?<br>\nWer warf uns so in Blut und Schmerzen?<br>\nuns Deutsche mit der Lammsgeduld?<br>\nDie leiden nicht. Die warten bieder.<br>\nIch tr\u00e4ume meinen alten Traum:<br>\nSchlag, Volk, den Kastend\u00fcnkel nieder!<br>\nGlaub diesen Burschen nie, nie wieder!<br>\nDann sing du frei die Weihnachtslieder:<br>\nO Tannebaum! O Tannebaum!<\/p>\n\n\n\n<p>Verfasst hat dieses Gedicht ein gewisser Kaspar Hauser. Wir wissen heute nat\u00fcrlich, dass dahinter Kurt Tucholsky steckt. Er hatte bis jetzt seine Texte und Gedichte mit Peter Panter, Ignaz Wrobel und Theobald Tiger unterzeichnet. Aber nun war Tucholsky Chefredakteur im Satireblatt \u201eUlk\u201c geworden mit der Auflage, das Pseudonym Theobald Tiger nur noch f\u00fcr dieses Blatt zu verwenden. Also hat er sich den Kaspar Hauser ausgedacht. Es ist sein zweites Gedicht unter dem neuen Namen. Am 5. Dezember hatte er zum ersten Mal als Kaspar Hauser geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image wp-image-3797 size-medium\"><figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" width=\"300\" height=\"160\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/kaspar-hauser-peter-panter-theobald-tiger-ignaz-wrobel-logo-300x160.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3797\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/kaspar-hauser-peter-panter-theobald-tiger-ignaz-wrobel-logo-300x160.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/kaspar-hauser-peter-panter-theobald-tiger-ignaz-wrobel-logo.jpg 640w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption>Quelle: sirdoomsbadcompany<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Ich mu\u00df mir einen neuen Namen geben.<br>\nMein Gott, wer \u00e4ndert nicht in gro\u00dfer Zeit!<br>\nMan kann ja auch als Kaspar Hauser leben,<br>\nWie er war ich von aller Welt so weit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollen hundert Jahre sp\u00e4ter nicht wie Kaspar Hauser lamentieren und griesgr\u00e4mig, emp\u00f6rt oder resigniert Weihnachten 2018 entgegensehen, auch wenn wir allen Grund dazu h\u00e4tten. Es gibt ein anderes Weihnachtsgedicht zu entdecken, das auch in schweren Zeiten entstanden ist und das uns heute noch ber\u00fchren kann. Geschrieben hat es Jonas Mekas 1948, der sich an die Weihnachtszeit in seiner litauischen Heimat erinnert.<br>\nEr beschreibt, wie im Dezember zun\u00e4chst der Schnee sehns\u00fcchtig erwartet wird, aber Regen, Matsch und Morast die H\u00f6fe, Wege und Felder unter Wasser setzten und den Bauern das Leben schwer machten. Wie gro\u00df muss dann nicht nur f\u00fcr Kinder die Freude gewesen sein, wenn dann doch noch vor Weihnachten der Schnee alles so festlich verwandelte.<br>\nEs erinnert an l\u00e4ngst vergangene Wintertage, die es heute in unseren Breiten so nicht mehr gibt. Gerade nach dem hei\u00dfen Sommer, dem ein warmer und trockener Herbst folgte, macht es uns nachdenklich, wie der Winter vor Weihnachten vor siebzig Jahren aussah. Schnee zu Weihnachten haben wir schon lange nicht mehr erlebt. Aber auch der satte Herbstregen ist dieses Jahr ausgeblieben.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image wp-image-3786 size-large\"><figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"662\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/IMG_20170627_164319-2-1024x662.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3786\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/IMG_20170627_164319-2-1024x662.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/IMG_20170627_164319-2-300x194.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/IMG_20170627_164319-2.jpg 1100w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Hans Op de Beecks andere Welten &#8211; Kunstmuseum Wolfsburg<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>SCHNEE UND ERINNERUNGEN AN EIN WEIHNACHTEN<\/strong><br>\nDer Schnee kam sp\u00e4t in jenem Jahr, der Herbst, als warte er auf etwas, blieb, &#8211;<br>\nselbst Ende November, und noch im Dezember, weichte Regen die Felder auf,<br>\nund mit Rufen, Schreien, Peitschen trieben die Bauern ihre Pferde an,<br>\ndie mit Fuhrwerken \u00fcber die verschlammten, \u00fcberschwemmten Wege zogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und die Felder mit dem Dung, die Hecken,<br>\nH\u00f6fe, G\u00e4rten, die zerw\u00fchlten Kartoffelreihen &#8211;<br>\nalles unter Wasser, ein endloser Morast,<br>\nein einziges, unendliches Wasser.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch dann, als niemand mehr den Schnee erwartete,<br>\ndie Bauern sich allm\u00e4hlich schon gew\u00f6hnten an den Regen,<br>\nda pl\u00f6tzlich setzte eines Nachts, kurz vor Weihnachten, der Frost ein.<br>\nUnd am n\u00e4chsten Morgen, als die Bauern ihre T\u00fcren \u00f6ffneten<br>\nund mit den Laternen in ihre H\u00f6fe schauten &#8211;<br>\nrieselte eine einzige, farblose Wolkenmasse<br>\nauf die Felder, auf die St\u00e4lle und die Brunnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann versch\u00e4rften sich die Fr\u00f6ste. Eine Nacht lang. Eine zweite.<br>\nUnd bei\u00dfende K\u00e4lte. Schwere Deckel auf den Brunnen<br>\nsollten das immer weiter absinkende Wasser sch\u00fctzen,<br>\nund nachts gingen wir hinaus und horchten, und im Morgengrauen &#8211;<br>\nh\u00f6rten wir das Eis im Flu\u00df krachen,<br>\nund wie sich an Geh\u00f6ften in der Ferne<br>\ndie Z\u00e4une lautstark und heftig verzogen und rissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und eine Stille, so hallend, so kalt, diese Stille &#8211;<br>\nsie hing \u00fcber Fischreusen, Feldern, den tief im Schnee<br>\nversunkenen Geh\u00f6ften &#8211; eine so klare, so eisige Stille, &#8211;<br>\nund so senkrecht, so gerade nach oben, so blau str\u00f6mte zum Himmel<br>\njene gewundene, kleine Rauchs\u00e4ule.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es war schon kurz vor Heiligabend. Und in der Fr\u00fche<br>\neilten die Menschen in Scharen auf allen Wegen zur Morgenandacht,<br>\nsie glitten leicht durch den von Pferden flachgetretenen Schnee<br>\nund sahen, wie an den Str\u00e4uchern am Wegrand, wie in den W\u00e4ldern,<br>\nauf allen Zweigen wunderbar der Rauhreif glitzerte &#8211;<br>\nso himmlisch, und allein der Schnee knirschte.<br>\nUnd in der Ferne, wie in kleinen H\u00fcgelchen steckten<br>\ndie Schornsteine im verwehten Schnee &#8211; das St\u00e4dtchen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image wp-image-3790 size-large\"><figure class=\"aligncenter\"><img loading=\"lazy\" width=\"651\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/mekas_0003-651x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3790\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/mekas_0003-651x1024.jpg 651w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/mekas_0003-191x300.jpg 191w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/mekas_0003.jpg 1350w\" sizes=\"(max-width: 651px) 100vw, 651px\" \/><figcaption>Jonas Mekas, 1948 Quelle: Umschlagfoto &#8222;Ich hatte keinen Ort&#8220;<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Jonas Mekas wurde 1922 in Litauen geboren. In den Jahren 1944\/45 war er als Zwangsarbeiter in Nazi-Deutschland interniert und konnte nach Kriegsende nicht in sein Heimatland zur\u00fcck. Erst im Oktober 1949 durfte er in die USA emigrieren. Dort wurde er zu einem der ber\u00fchmtesten Dokumentar- und Tagebuchfilmer mit Weltgeltung.<br>\nJonas Mekas war \u00fcbrigens auf der letzten documenta in Kassel vertreten. Auf seiner Homepage ist der 96j\u00e4hrige immer noch aktiv. Er spielt Trompete und l\u00e4sst sich interviewen. Dort findet man auch die Aufnahme eines Konzerts, das er mit seinen Freunden im Sommer 2018 in Berlin gegeben hat.<\/p>\n\n\n\n<figure><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/kHATqtdebNc\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" width=\"560\" height=\"315\"><\/iframe><\/figure>\n\n\n\n<p>Wenig bekannt ist sein schriftstellerisches Werk, das bisher ausschlie\u00dflich in litauischer Sprache verfasst wurde. Die \u201eSemeniskiai-Idyllen\u201c, aus denen das Weihnachtsgedicht stammt, erschienen zuerst 1948 als hektographiertes Typoskript in dem \u201eDisplaced-Persons-Camp\u201c in Kassel, in dem er und sein Bruder interniert waren. Sie wurden 2012 zum ersten Mal ins Deutsche \u00fcbersetzt und ver\u00f6ffentlicht.<br>\nBer\u00fchrend sind auch seine Tagebuchaufzeichnungen aus dem Lager, die er 1948 \u00fcber sein Weihnachten geschrieben hat, weit weg von seiner geliebten Heimat Litauen. Nicht umsonst sind diese Tageb\u00fccher unter dem Titel \u201eI had nowhere to go\u201c oder auf deutsch \u201eIch hatte keinen Ort\u201c erschienen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" width=\"649\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/mekas_0002-649x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3789\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/mekas_0002-649x1024.jpg 649w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/mekas_0002-190x300.jpg 190w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/mekas_0002.jpg 1788w\" sizes=\"(max-width: 649px) 100vw, 649px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Weihnachten 1948<br>\nDort, zu Hause &#8211; vor langer, langer Zeit &#8211; ich war noch ein kleiner Junge, in den Morgenstunden meines Lebens (wie schnell die Jahre vergangen sind, wie schnell) -, zwischen den Schneewehen, die Z\u00e4une knackten vor K\u00e4lte, der Wind schlug an die Scheiben), las ich im Licht der Petroleumlampe, die Schatten an die W\u00e4nde warf, der Docht machte ein leises saugendes Ger\u00e4usch &#8211; sp\u00e4t abends, Mutters Spinnrad schnurrte bes\u00e4nftigend &#8211; und ich las Kossus Zeilen:<br>\n\u201eAch, wie sch\u00f6n du aus der Ferne bist!&#8220;.<br>\nIch las sie und verstand sie nicht. Denn das ist lange, lange her. Nein, ich habe diese Zeilen damals nicht verstanden, nur die einzelnen W\u00f6rter. Wie eine Distel haben sie sich in mein Ged\u00e4chtnis gegraben, sind dort geblieben.<br>\nViele Jahre sind seitdem vergangen, viele Abende. Abende genau wie diese anderen, und Tage. Hinter dem Pflug hergehen, mit den K\u00fchen, oder das Heu wenden, dreschen, Staubwolken und die Sp\u00e4therbstregen und Matsch und die Zeit der Gem\u00fcseernte, das Krauchen in den feuchten Kartoffelfeldern, mit vor K\u00e4lte blauen Fingern. Tag um Tag, arbeiten, arbeiten, arbeiten, Tag um Tag. Und wenn du, w\u00e4hrend du hinter dem vollen Mistkarren hergehst, zu denken versuchst &#8211; sind deine Gedanken so schwerf\u00e4llig. Vielleicht nur an den Abenden oder an Feiertagen oder w\u00e4hrend der Tage des Herbstregens &#8211; versteckst du dich in einer Ecke, ziehst die Truhe mit B\u00fcchern unter dem Bett hervor &#8211; und liest. Ja, alle B\u00fccher sind gut in einer h\u00f6lzernen Truhe unter dem Bett versteckt\u2026 Und du bl\u00e4tterst die Seiten um und lebst auf. Du liegst in der Scheune, im vom Blumenduft erf\u00fcllten Heu, an einem gro\u00dfen Riss in der Scheunenwand, der Lichtstrahl f\u00e4llt ins Buch\u2026 Kann es etwas Gro\u00dfartigeres geben!<br>\nUnd sp\u00e4ter, in der Stadt &#8211; (Eine Stadt? Es gab dort ein paar Fischl\u00e4den und einen Bauernmarkt.) &#8211; haben andere Kinder meine harten Bauernh\u00e4nde angeschaut, wenn ich versuchte, mit ihnen mitzuhalten. Mitzuhalten mit anderen meines Alters, die so weit voraus waren &#8211; vorausgegangen, w\u00e4hrend ich hinter den K\u00fchen hergelaufen war. Ich arbeitete mit zusammengebissenen Z\u00e4hnen, w\u00fctend und hungrig, \u00fcbernahm kleinere Arbeiten, lebte \u00fcber Wochen von Bageln und Milch.<br>\nAch, es waren elende Jahre. Meine Erinnerungen sind voll von Schwei\u00df und Krieg und vom Leid, das unsere Familie durchleben musste, eine Familie von acht (sechs Kinder, ich bin der f\u00fcnfte, Adolfas der sechste), gebrochen vom Winter 1928, und Schulden, Schulden, Schulden, um all die Kinder zur Schule zu schicken und Kleider zu kaufen, die L\u00e4use fernzuhalten &#8211; ja, auch Erinnerungen an L\u00e4use &#8211; kl\u00e4gliche Erinnerungen.<br>\nAber, ach, was hat die Sehnsucht nach zu Hause, was hat sie denn mit einem guten Leben zu tun?\u2026 Nein, das ist es nicht, was ich sehe, wenn das Heimweh mich \u00fcberw\u00e4ltigt. Was ich sehe, ist etwas anderes. Etwas, das ich noch nirgendwo anders gefunden habe, nicht gesehen in diesen anderen T\u00e4lern, Bergen, Seen, Fl\u00fcssen &#8211; nein. Und wenn ich Buchseiten \u00f6ffne, verwandeln sie sich in Schmerz. Nein, nie, nie ist es in den Worten von Mallarm\u00e9 oder Rilke zu finden, niemals. Nicht im blau flackernden Licht von D&#8217;Annunzios Pinien. Auch im salzigen n\u00f6rdlichen Tiefland von Verhaeren oder in den Ebenen von Hamsun kann ich es nicht finden. Nein, ebenso nicht in Faulkners spr\u00f6dem Gr\u00fcn und in Wiecherts sumpfigen Landschaften. Nein, niemals.<br>\nDann tr\u00e4ume ich. Das ist alles, was ich noch habe. Und wenn ich tr\u00e4ume, kommt alles zur\u00fcck, lebt alles wieder auf. So wie heute Abend, wie jetzt. Ich sitze hier und tr\u00e4ume. Und ich schreibe die Worte, nur um meine litauischen Worte vor Augen zu haben, auch wenn ich sie nicht h\u00f6ren kann\u2026<br>\nUnd es ist kurz vor Weihnachten.<br>\nAh, der Tisch ist so wei\u00df, so wei\u00df, mit einem wei\u00dfen Leinentischtuch gedeckt\u2026 Und das frisch gebackene Brot ist auf dem Bett im Hinterzimmer ausgelegt, mit Eigelb bepinselt, sanft, mit einer G\u00e4nsefeder\u2026 Das Wohnzimmer ist frisch gereinigt, Binsenmatten auf dem Boden. Und die Gespr\u00e4che \u00fcber den n\u00e4chsten Tag, den Ausflug zur Kirche, \u00fcber die stark ansteigende K\u00e4lte und was die Tiere um Mitternacht besprechen werden\u2026 Und die mit gr\u00fcnen Tannenbaumzweigen verzierten Feiertagsausgaben von Tageszeitungen, jedes Familienmitglied hat einen Abschnitt f\u00fcr sich zum Lesen\u2026<br>\nDie Fensterl\u00e4den schlagen noch, scheppern im Wind, und die Schneewehen wachsen h\u00f6her und h\u00f6her um das Haus und auf den Wasserquellen. Morgen fr\u00fch wird es n\u00f6tig sein, einen Weg zu den St\u00e4llen zu schaufeln, um dann wieder mit eiskalten H\u00e4nden auszumisten, und der Wind bl\u00e4st dir Schnee ins Gesicht.<br>\nSolche Sehnsucht ergreift pl\u00f6tzlich Besitz von mir, \u00fcberw\u00e4ltigt mich, dass ich manchmal denke, ich kann das nicht aushalten. Nein. Ich h\u00f6re das Eis auf den Fl\u00fcssen brechen. Ich h\u00f6re die Schlitten auf dem Weg, die Hufe der Pferde. Ein Ast bewegt sich an einer Tanne im Wald, Schnee f\u00e4llt. Ich kann es alles h\u00f6ren, es alles wieder sehen. Ich sitze und tr\u00e4ume. Stumm f\u00e4llt der Schnee wieder auf die Landschaft meiner Kindheit. Und nur wenn jemand pl\u00f6tzlich die T\u00fcr \u00f6ffnet und eine Stimme die Stille bricht, nur dann werde ich wach, schrecke hoch &#8211; ich erwache und sehe den Tisch, die B\u00fccher, die W\u00e4nde\u2026<br>\nAch, alles in Ordnung, Freund, ich habe nur getr\u00e4umt\u2026 Ach, wie sch\u00f6n du aus der Ferne bist!<br>\nWarum brauchte ich all diese Jahre, dieses Elend und das Leben eines Exilanten, einer Displaced Person, um all das zu verstehen, um die Worte mit meinem ganzen Wesen zu sp\u00fcren, mit meinem K\u00f6rper, die paar Worte, diese einfachen Worte, von einem anderen Dichter geschrieben, in einem anderen Exil, viele Jahre zuvor?<\/p>\n\n\n\n<p>Quellen<br>\nDie Weltb\u00fchne, 14. Jahrgang, 1918, Wochenschrift f\u00fcr Politik, Kunst und Wirtschaft, Heft vom 19. Dezember<br>\nJonas Mekas, Alt ist dieses, unser Sprechen, Gedichte, Matto Verlag, K\u00f6ln, 2012<br>\nJonas Mekas, Ich hatte keinen Ort: Tageb\u00fccher 1944-1955, Spector Books, 2017<br>\n<a href=\"https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/weimarer-republik\/revolution\/raete\">https:\/\/www.dhm.de\/lemo\/kapitel\/weimarer-republik\/revolution\/raete<\/a><br>\n<a href=\"http:\/\/cbuecherkiste.de\/kurt-tucholsky-und-seine-pseudonyme\">http:\/\/cbuecherkiste.de\/kurt-tucholsky-und-seine-pseudonyme<\/a><br>\n<a href=\"https:\/\/www.documenta14.de\/de\/artists\/5572\/jonas-mekas\">https:\/\/www.documenta14.de\/de\/artists\/5572\/jonas-mekas<\/a><br>\n<a href=\"https:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/jonas-mekas\/ich-hatte-keinen-ort.html\">https:\/\/www.perlentaucher.de\/buch\/jonas-mekas\/ich-hatte-keinen-ort.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Weltb\u00fchne, der Wochenschrift f\u00fcr Politik, Kunst und Wirtschaft, lesen wir im Heft vom 19. 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