{"id":3395,"date":"2017-04-17T12:23:33","date_gmt":"2017-04-17T10:23:33","guid":{"rendered":"http:\/\/win2014.de\/?p=3395"},"modified":"2020-10-12T21:50:24","modified_gmt":"2020-10-12T19:50:24","slug":"briefe-aus-dem-niemandsland","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/win2014.de\/?p=3395","title":{"rendered":"Briefe aus dem Niemandsland"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: georgia,palatino,serif;\">Vor 100 <\/span><span style=\"font-family: georgia,palatino,serif;\">Jahren treffen mitten im Krieg zwei junge Menschen zuf\u00e4llig aufeinander. Er an der Front in Frankreich, wird an der Hand schwer verletzt und kommt in ein Lazarett nach Hannover Burgfelde. Sie h\u00f6here Tochter betreut ebendort\u00a0 die verwundeten Soldaten. Vier Wochen sehen sie sich jeden Tag, sehen sich immer tiefer in die Augen und versprechen sich Briefe zu schreiben. Er in Hamburg, sie in Hannover. <\/span><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: georgia,palatino,serif;\"><span style=\"color: #000000;\">Daraus entwickelt sich eine gro\u00dfe und schlie\u00dflich tragische Liebe, die man aus den wenigen erhaltenen Briefen und Fotos rekonstruieren kann. Die Dokumente, in einem Sch\u00e4chtelchen verwahrt, landeten irgendwann auf dem Flohmarkt, von ahnungslosen Verwandten entsorgt.<\/span><br \/>\n<\/span><!--more weiterlesen--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">______________________________________________________________<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-3405\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03620-1024x529.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"331\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03620-1024x529.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03620-300x155.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03620.jpg 1679w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/strong><\/p>\n<p><strong>Carl an Ottilie<\/strong><\/p>\n<p>Hamburg, den 9. Juli. 1916<\/p>\n<p>Mein liebes Fr\u00e4ulein Otto!<\/p>\n<p>Rechtzeitig kam ich zum Bahnhof und fuhr 9.45 ab. Aber zu sp\u00e4t f\u00fcr ein kurzes Treffen mit Ihnen am Zug. Ich sah Sie zwischen all den anderen wincken, fein! Hier angelangt so um 12 Uhr herum, st\u00fcrzte ich erst mal ein Glas Bier herunter und meldete mich dann p\u00fcnktlich wieder zum Dienst.<\/p>\n<p>Ich musste aber immer und immer wieder an die Johannisbeeren denken, die Sie mir mit Ihrem kleinen H\u00e4ndchen \u00fcberreicht haben. Sie waren so feurig rot und schmeckten vortrefflich. Aber rot war auch Ihr sch\u00f6ner Mund, das wollte ich Ihnen noch gesagt haben und er schmeckte tausend Mal s\u00fc\u00dfer als die Johannisbeeren. Verzeihen Sie mir meinen Angriff beim Abschied? Sie haben sich aber auch gar nicht gewehrt!<\/p>\n<p>Ach, mit solch wirren Gedanken im Kopf schmeckt der Dienst nicht. Ach, gute Ottilie, ich m\u00f6chte Ihnen nun so vielerlei schreiben, was mir durch den Kopf geht, was zwischen uns geschah, aber ich wei\u00df nicht recht, ob ich es kann; denn ich m\u00f6chte nicht gerne, da\u00df meine Briefe von sonst Jemand gelesen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Nun wir werden ja sehen, wie es wird mit uns beiden. Es ist nur schade, da\u00df wir so weit auseinander leben. Aber am n\u00e4chsten Wochenende bin ich wieder in Hannover bei Ihnen. Ihre Frau Mutter hat mich eingeladen. Ich hoffe, Sie sind einverstanden oder verziehen Sie jetzt Ihr s\u00fc\u00dfes M\u00fcndchen?<\/p>\n<p>Ich bitte Sie so recht, recht sehr, lassen Sie mich noch einmal in Ihrer N\u00e4he sein, bevor ich vielleicht doch wieder an die Front mu\u00df. Man hat mir gesagt, da\u00df ich wegen meiner Handverletzung zun\u00e4chst auf der Werft bleibe. Hier werden t\u00fcchtig U-Boote gebaut. Meine Aufgabe ist es, die Kriegsgefangenen zu rekrutieren, die hier die eigentliche Arbeit machen. Viel Arbeit im Comptoir. Unsere Werftarbeiter sind fast alle an der Front.<\/p>\n<p>Ich hoffe, Ihr s\u00fc\u00dfer Mund sagt ja! Und wenn dieses nicht der Fall w\u00e4re, dann w\u00fcrde ich recht traurig und w\u00fcrde auch nicht am Sonnabend nach Hannover kommen; denn die Johannisbeeren ziehen mich nicht dahin \u2013 wohl aber ein Paar so entz\u00fcckende brennende Augen und ihr roter Mund. Ist keine Poesie! Die reine Wahrheit.<\/p>\n<p>Donnerwetter, ich m\u00f6chte jetzt in Ihrer N\u00e4he sein \u2013 w\u00e4re auch ganz artig, aber wozu diese Illusionen&#8230;<\/p>\n<p>Nun, liebe Ottilie, werden Sie mir mal ein paar Zeilen schreiben? Aber sagen Sie mir auch bitte, ob ich Ihnen so schreiben kann, wie ich wohl m\u00f6chte und ob sie auf \u00a0meine Briefe antworten werden.<\/p>\n<p>Entschuldigen Sie mich f\u00fcr heute, es ruft die Pflicht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-3401\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03599-1024x739.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"462\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03599-1024x739.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03599-300x217.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Ein Photo von mir lege ich dazu. Sie k\u00f6nnen mich dann immer bei sich haben. Vielleicht schicken Sie mir auch ein Bild von Ihnen. Wenn ich Ihnen aber zu sehr mein Herz ausgesch\u00fcttet habe, so vergessen Sie mich und zerrei\u00dfen lieber diesen Brief in 1000 St\u00fccke!!!<\/p>\n<p>Mit einem herzlichen Gru\u00df verbleibe ich ach so gerne der Ihrige<\/p>\n<p>Carl Lindner<\/p>\n<p>______________________________________________________________<\/p>\n<p><strong>Ottilie an Carl<\/strong><\/p>\n<p>Hannover, d. 11. Juli. 1916<\/p>\n<p>Lieber Herr Lindner,<\/p>\n<p>die Johannisbeeren sind noch reichlich vorhanden in unserem Garten. Aber Sie m\u00fcssen sie schon selber pfl\u00fccken, wenn Sie am Sonnabend kommen.\u00a0 Ich werde zwar daneben stehen und Sie dann fragen, ob die Beeren s\u00fc\u00df genug sind und ob Sie noch noch mehr&#8230; verlangen.<\/p>\n<p>Ach, lieber Herr Carl, es ist so traurig, dass Sie wieder nicht mehr hier sind. Ich habe Sie so gerne im Reserve-Lazarett betreut. Das haben Sie vielleicht bemerkt. Es waren nur vier Wochen, da\u00df wir uns fast t\u00e4glich auf dem Burgfelde gesehen haben. Aber es kam mir vor wie ein langes, langes Leben in einer anderen Welt. Und dann dieser Abschied bei uns im Garten. Vielleicht f\u00fcr immer, dachte ich. Aber dann kam heute Ihr lieber Brief.<\/p>\n<p>Wissen eigentlich Ihre Eltern, was hier geschehen ist? Und wissen Sie eigentlich, was mit mir geschehen ist, seitdem Sie abgereist sind? Ich bin so \u00fcbergl\u00fccklich, da\u00df Sie uns am Sonnabend wieder besuchen wollen. Das Vaterland braucht sie wieder und hat Sie gerufen, aber ich kann und will nicht auf Sie verzichten. Aber was rede ich da jetzt? Nennen Sie mich ruhig t\u00f6richt!<\/p>\n<p>Zu Ihrem letzten Satz in Ihrem Brief: in 1000 St\u00fccke rei\u00dfen. Solange Sie nicht in meiner N\u00e4he sind, dr\u00fccke ich jeden Abend Ihren Brief an mein Herz. Zerrei\u00dfen kann und werde ich ihn nicht. Eher zerrei\u00dft mein Herz, wenn Sie mir nicht schnell antworten.<\/p>\n<p>Anbei wie gew\u00fcnscht ein Photo von mir mit meiner kleinen Schwester<\/p>\n<p>mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen Ihre Ottilie<\/p>\n<div id=\"attachment_3402\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3402\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3402 size-large\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03603-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"427\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03603-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03603-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-3402\" class=\"wp-caption-text\">rechts Ottilie Otto<\/p><\/div>\n<p>______________________________________________________________<\/p>\n<p><strong>Carl an Ottilie <\/strong><\/p>\n<p>Hamburg, 14. Juli 1916<\/p>\n<p>Meine Allerliebste Ottilie! Geliebtes Herz!<\/p>\n<p>Ich kann es immer noch nicht fassen, was zwischen uns beiden geschehen ist. Ich mu\u00df Dir sofort mein Herz aussch\u00fctten. Bin eben gerade angekommen.<\/p>\n<p>Wie mag es Dir jetzt ergehen? Und denkst Du auch an mich, wie ich dauernd w\u00e4hrend der gesamten Bahnfahrt an Dich gedacht habe und an Deine z\u00e4rtliche Hingabe und Deine liebevolle Hand, die mich so zielsicher geleitet hat.<\/p>\n<p>Wie kann es nur sein! Ach, Ottilie! Du hast in mir einen furchtbaren Sturm entfacht, andrerseits f\u00fchle ich mich jetzt, seitdem ich Deine Lippen gesp\u00fcrt habe, in ruhigem Fahrwasser. Ich freue mich aber auf\u00a0 weitere st\u00fcrmische Zeiten mit dir.<\/p>\n<p>Ach, warum bin ich gerade jetzt wieder dank Deiner aufopferungsvollen Pflege genesen und mu\u00df vielleicht wieder zur\u00fcck an die Front!? Allerdings werde ich im Augenblick dringend hier bei Blohm &amp; Voss gebraucht. Bis ins n\u00e4chste Jahr, so sagte man mir. Meine Uniform mu\u00df ich auch hier tragen. Es kann aber jeden Moment vorbei sein und dann?<\/p>\n<p>K\u00f6nnen wir uns nicht noch einmal wieder treffen? Vielleicht hier in Hamburg? Vielleicht erhalte ich noch einmal Sonderurlaub. Vielleicht, vielleicht, vielleicht&#8230; Was ist denn in dieser Zeit sicher und vorhersehbar? Ich hoffe, wir beide!!!<\/p>\n<p>Antworte mir schnell! Nun, mein Herzchen, schreib mir schnell wieder, aber ausf\u00fchrlich. In treuer Liebe verbleibe ich<\/p>\n<p>Dein Carl<\/p>\n<p>Ach, ich habe den von Dir so geliebten st\u00fcrmischen s\u00fc\u00dfen Ku\u00df vergessen. Hier ist er! Das Photo hat ein Kamerad auf der Stube gemacht. Du siehst, meine Hand ist wieder in Ordnung.<\/p>\n<div id=\"attachment_3403\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3403\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3403 size-large\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03600-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"427\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03600-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03600-300x200.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03600.jpg 1860w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-3403\" class=\"wp-caption-text\">Carl Lindner<\/p><\/div>\n<p><strong>\u00a0________________________________________________________<\/strong><\/p>\n<p><strong>Carl an Ottilie<\/strong><\/p>\n<p>Hamburg, den 22. Oktober 1916<\/p>\n<p>Mein geliebtes Herzchen!<\/p>\n<p>Nach recht unbequemer Fahrt bin ich gestern wohlbehalten in Hamburg angelangt. Der Zug war au\u00dferordentlich voll und die Akustik miserabel. Du wirst von Vater wohl geh\u00f6rt haben, da\u00df ich mir in dem Abteil f\u00fcr \u201eFrauen\u201c einen wunderbaren Platz ergattert hatte, doch mu\u00dfte ich diesen wohl oder \u00fcbel bald wieder aufgeben und mich in das Abteil f\u00fcr \u201eM\u00e4nnliche\u201c verf\u00fcgen. Hier redete mich \u00fcbrigens ein Herr an, der uns\u00a0 gestern vormittag im Tiergarten gesehen hatte. Du erinnerst Dich vielleicht, da\u00df in dem Restaurant, in welchem wir fr\u00fchst\u00fcckten, auch in der Ecke ein P\u00e4rchen sa\u00df, welches \u00fcberaus verliebt war und unter dem Tisch genau wie wir die H\u00e4nde sprechen lie\u00df. Dieser Herr erkannte mich im Zug wieder! Da sieht man wieder, die Welt ist gro\u00df und doch so klein!<\/p>\n<p>Ich freue mich nun au\u00dferordentlich, da\u00df das Wetter wieder freundlicher geworden ist. Ich nehme an, da\u00df Du heute Nachmittag mit Deiner Mutter und Else nach Herrenhausen warst. Wie hat es Dir denn dort gefallen? Haben die Font\u00e4nen gesprungen? Ich h\u00e4tte dich riesig gern gestern Nachmittag mitgenommen, aber mein liebes Herzchen, du wirst es wohl selber inzwischen eingesehen haben, da\u00df Dir die ganze Besichtigung der Anlagen auf einmal viel zu anstrengend gewesen w\u00e4re, zumal Du erst die vielen anstrengenden Tage hinter Dir hast. Glaube mir, mein Liebchen, ich habe nur Dein Bestes im Auge. Wir sind doch zusammen bald wieder in Hannover. Dann fahren wir auch mal zusammen in den Harz.<\/p>\n<p>Heute morgen rief mich meine Mutter schon telephonisch an und wollte wissen, was zwischen uns passiert ist. Heute abend erwartet mich Mutter, um etwas Genaues \u00fcber die zusammen verlebten Tage zu h\u00f6ren. Tante war \u00fcbrigens etwas pikiert, da\u00df wir nur einmal eine Karte geschrieben h\u00e4tten, dasselbe werde ich wohl heute von Mutter h\u00f6ren! Schreibe mir doch bitte nochmals eine Karte. Oder einen kurzen Brief mit einem sch\u00f6nen Photo vom letzten Wochenende.<\/p>\n<p>Wie geht es Dir denn sonst, mein Liebchen, ich hoffe, dass Dein H\u00fcsterchen sich inzwischen wieder gegeben hat. I\u00df nur t\u00fcchtig die wohlschmeckenden Bonbons!?!<\/p>\n<p>Nun bitte ich Dich, mein Herzchen, noch recht dringend, schreib mir bald wieder, aber ausf\u00fchrlich und sch\u00fctte Dein Herz aus, wenn Dir etwas nicht zusagen sollte. Empfange von mir einen recht kr\u00e4ftigen S\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>In Liebe<\/p>\n<p>Dein Carl<\/p>\n<p>Meine Eltern gr\u00fc\u00dfen dich, wie Du siehst, vom heimischen Sofa, das Du bestimmt noch von anderer Gelegenheit in Erinnerung hast. Es war auch zu sch\u00f6n mit dir dort.<\/p>\n<div id=\"attachment_3406\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3406\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3406 size-large\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03647-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"427\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03647-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03647-300x200.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03647.jpg 1915w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-3406\" class=\"wp-caption-text\">Ottilies Eltern<\/p><\/div>\n<p>______________________________________________________________<\/p>\n<p><strong>Carls Mutter an Ottilies Mutter <\/strong><\/p>\n<p>Hamburg, den 22. November 1916<\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr Otto,<\/p>\n<p>Ihren werten Brief vom 19. des Monats habe ich erhalten und denselben mit gro\u00dfem Interesse gelesen. Ich war aber ein wenig \u00fcberrascht, als Carl mir seine Verlobung mit Ihrer lieben Tochter Ottilie mitteilte. Aber es ist ja nun einmal so der Lauf der Dinge, haben wir Alten es seinerzeit doch nicht anders gemacht.<\/p>\n<p>Er mu\u00dfte ja nun doch eher wieder einr\u00fccken. Ich bin so in Sorge, da\u00df alles gut geht und er Weihnachten wieder bei uns ist. Und nat\u00fcrlich auch bei Ottilie.<\/p>\n<p>Geht es ihr eigentlich wieder besser? Carl war ziemlich besorgt \u00fcber den gesundheitlichen Zustand Ihrer Tochter. Was sagt der Arzt? Ist das eine vor\u00fcbergehende Geschichte? Wie hat es denn mit ihrem Bein angefangen? Carl konnte mir auch nichts Genaueres sagen.<\/p>\n<p>Ach, viele Dinge, die wir beide zu besprechen haben. Ihrer freundlichen Einladung an uns, besonders mein liebes Schwiegert\u00f6chterchen kennen zu lernen, komme ich gern nach, und es wird mich meine j\u00fcngste Tochter begleiten. Die Zeit unserer Ankunft werde ich Ihnen noch mitteilen.<\/p>\n<p>F\u00fcr heute empfangen Sie und Ihre liebe Familie die herzlichsten Gr\u00fc\u00dfe von<\/p>\n<p>Ihrer Johanna Lindner<\/p>\n<p>______________________________________________________________<\/p>\n<div id=\"attachment_3409\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3409\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3409 size-large\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03641-1-1024x682.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03641-1-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03641-1-300x200.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03641-1.jpg 1532w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-3409\" class=\"wp-caption-text\">Ottilie (stehend in der Mitte) im Kreise ihrer Familie<\/p><\/div>\n<p><strong>Ottilie an Carls Mutter<\/strong><\/p>\n<p>Hannover, d. 2. Dez. 16<\/p>\n<p>Meine liebe Frau Lindner!<\/p>\n<p>Die herzlichsten Geburtstagsgr\u00fc\u00dfe vorauf! Carl hat mich Ihren lieben Brief lesen lassen, und so erhielt ich von Ihrer liebensw\u00fcrdigen Erlaubnis zu unserer Verlobung Kenntnis. Haben Sie herzlichen Dank daf\u00fcr und seien Sie versichert, dass ich mich stets bem\u00fchen werde, Ihnen eine liebe, gute \u00a0Tochter zu sein, die verspricht, Ihnen nur Freude machen zu wollen.<\/p>\n<p>Leider habe ich die Folgen meiner b\u00f6sen Krankheit, von der Ihnen Carl ja gewi\u00df Mitteilung gemacht hat, noch immer nicht ganz \u00fcberwunden. Ich bin noch in \u00e4rztlicher Behandlung und mu\u00df mein Bein schonen. Der Arzt glaubt aber, dass ich mich sp\u00e4testens Weihnachten soweit erholt haben werde, da\u00df ich den Unruhen und Aufregungen, welche doch immer mit einer offiziellen Verlobung verbunden sind, ohne Gefahr f\u00fcr meine Gesundheit begegnen kann.<\/p>\n<p>Dies ist auch der Grund, weshalb meine Eltern die Verlobung jetzt noch nicht w\u00fcnschen. Ich bitte Sie, liebe Frau Lindner, mich aber trotzdem schon jetzt als Tochter anerkennen zu wollen.<\/p>\n<p>Ihre Sie herzl. Liebende<\/p>\n<p>Ottilie Otto<\/p>\n<p>______________________________________________________________<\/p>\n<p><strong>Carls Mutter an Ottilie<\/strong><\/p>\n<p>Hamburg, d. 14. Dez. 16<\/p>\n<p>Mein liebes T\u00f6chterchen!<\/p>\n<p>F\u00fcr Deine und Deiner Lieben herzlichen Gl\u00fcckw\u00fcnsche zu meinem Geburtstage sage ich besten Dank. Dir aber besonders f\u00fcr den sch\u00f6nen Kuchen. Er hat uns allen, Willy, Marie und H\u00e4nschen haben ihn auch mitgegessen, vorz\u00fcglich geschmeckt. Sag mal, liebe Ottilie, hast du noch mehr solch sch\u00f6ner Recepte? Da m\u00f6chte ich die wohl auch mal kosten. Es ist mir nicht des Kuchens wegen, man sieht aber die Liebe daran!!<\/p>\n<p>Na Spa\u00df mu\u00df sein!!<\/p>\n<p>Else und ich sind aus dem Taumel eigentlich noch nicht herausgekommen. Dies machte wohl auch der Besuch von meinen Kindern, mein Geburtstag und einige Gesellschaften, welche wir mitgemacht haben. In Gedanken sind wir noch oft bei euch und denken noch viel an die sch\u00f6nen Tage, welche wir bei euch verlebt haben. Euch ist es gewiss nicht anders gegangen wie uns, hattet Ihr doch mit W\u00e4sche und Schneiderei viel zu thun. Habt Ihr nun bald alles fertig?<\/p>\n<p>Wie geht es Dir denn jetzt? Schonst Du Dich wohl und pendelst flei\u00dfig? Mein sehnlichster Wunsch ist es ja, dass Du die volle Gelenkigkeit in Deinem Bein bald wieder hast, damit wir bei deinem baldigen Hiersein auch sch\u00f6ne Spazierg\u00e4nge machen k\u00f6nnen. Es w\u00e4re so sch\u00f6n, wenn Carl dabei sein k\u00f6nnte. Wir hoffen ja alle inst\u00e4ndig, da\u00df der Krieg bald zu Ende ist und Carl nicht wieder an die Front mu\u00df. Der Kaiser hat ja jetzt eine gro\u00dfartige Friedensaktion begonnen. Die feindlichen M\u00e4chte m\u00fcssen doch endlich zur Besinnung kommen.<\/p>\n<p>Meinen Geburtstag habe ich recht vergn\u00fcgt verlebt. Von Nah und Fern hatte ich Gl\u00fcckw\u00fcnsche, Blumen u.s.w. erhalten und nehme ich dies als gutes Zeichen f\u00fcr das kommende Jahr. Nachmittags hatten wir Kaffeegesellschaft und Abends waren wir in der Familie gem\u00fctlich. Das Wetter ist hier abscheulich jetzt, Schnee, Regen und Wind.<\/p>\n<p>Empfange nun f\u00fcr heute nebst Deinen Lieben die herzlichen Sonntagsgr\u00fc\u00dfe und einen besonderen Ku\u00df f\u00fcr Dich in Liebe von<\/p>\n<p>Deiner zuk\u00fcnftigen Schwiegermutter<\/p>\n<p>Viele Gr\u00fc\u00dfe von Else und Leopold.<\/p>\n<p>______________________________________________________________<\/p>\n<div id=\"attachment_3412\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3412\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3412 size-large\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03633-1024x682.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03633-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03633-300x200.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03633.jpg 1423w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-3412\" class=\"wp-caption-text\">Im Hamburger Hafen (Januar 1917)<\/p><\/div>\n<p><strong>Carl an seinen Bruder Willy<\/strong><\/p>\n<p>Hamburg, 14. Jan. 17<\/p>\n<p>Mein lieber Willy!<\/p>\n<p>Wie geht es Dir? Ich hoffe recht gut, und wie ist es bei Euch mit dem Wetter? Heini hat ja wieder recht grausige Tage hinter sich, ist gerade wieder nach Kiel zur\u00fcck, wo sein Schiff in Kessel-Reparatur liegt. Hat die Nase voll vom Krieg und will, wenn alles zu Ende ist, nicht mehr aufs Wasser, sondern Landstellung annehmen als Lager-Verwalter bei Schell-Harburg. Aber noch ist ja Krieg.<\/p>\n<p>Heini hat auch noch Sorgen mit seiner Grete. Sie war heute wieder in Eppendorf zum R\u00f6ntgen und mu\u00df wohl n\u00e4chste Woche ins Krankenhaus zur Beobachtung. Der Prof. meint, da\u00df ein Herzmuskel versagt und es soll schnell behoben sein. Hoffen das beste. Gretel spricht dr\u00fcber, als wenn&#8217;s gar nichts w\u00e4r, hoffen ja, da\u00df Alles gut wird, hat Gretel doch augenblicklich immer allerlei.\u00a0 Einen Lichtblick gibt es ja. Mutters Herze ist im Augenblick ganz ruhig, aber daf\u00fcr hat sie R\u00fcckenschmerzen.<\/p>\n<p>Mir selber geht es wie immer gut, aber mein Portemonnaie ist schwinds\u00fcchtig. War mit Franzi\u00a0 Sylvester bei Werner, wo es ganz gem\u00fctlich war, haben gut gegessen und getrunken, so da\u00df wir zu Hause angekommen einen gro\u00dfen Kater hatten und uns aber noch auf angenehme Weise Gute Nacht sagen konnten.<\/p>\n<p>Franzi kennst du noch gar nicht. Ist seit einiger Zeit bei uns in Stellung und ist eine kleine dralle Deern und keine Kostver\u00e4chterin. Sie wei\u00df was sie will, aber auch was ich will. Schade da\u00df ich nur am Wochenende hier sein kann. Dann bekomme ich von Franzi, was ich mir eigentlich von Ottilie w\u00fcnsche.<\/p>\n<p>Ich hoffe, du verstehst meine Not. Ottilie ist ja immer so weit weg und au\u00dferdem immer noch nicht gesund. Weihnachten habe ich sie und ihre Eltern besucht, da war es besonders schlimm. Sie f\u00fchlte sich sehr schwach und elend und hat auch vermieden mit mir irgendwo allein zu sein. Keiner wei\u00df so richtig, was mit ihrem Bein los ist. So langsam fange ich an zu gr\u00fcbeln, wie das alles so weiter gehen soll. Die Hochzeit haben wir jetzt erstmal verschoben, bis Ottilie wieder ganz gesund ist. Jedenfalls bin ich gut und gl\u00fccklich mit Franzi ins Neue Jahr gekommen.<\/p>\n<p>Gestern war hier Hochwasser und so gab es am Hafen recht viel Spa\u00df, ein paar Autos fuhren in vollem Tempo durchs Wasser. Alle Keller wieder voll Wasser.<\/p>\n<p>War am 3.1. zu Tante Tines Beerdigung in Nordhastedt. Tante Tine war recht h\u00fcbsch aufgebahrt. Es war \u00fcberhaupt sehr feierlich. Von zu Hause ging es dann mit dem Wagen nach Tellingstedt, wo in der Kirche die sch\u00f6ne Trauerfeier war, und dann zum Friedhof. Viele Leute waren da und Tante hatte viele Blumen. So sah ich dann noch Tante Tine auf dem Totenbett liegen, ruhig und zufrieden wie sie immer war. Ihr Herz war so schwach, und davon schlief sie so hin\u00fcber, ohne davon zu wissen. Gut f\u00fcr die liebe Tante, so weg zu bleiben.<\/p>\n<p>Nun mein lieber Willy, la\u00df es Dir gut gehen und sei gegr\u00fc\u00dft<\/p>\n<p>von Deinem Bruder Carl<\/p>\n<p>Bitte behalte f\u00fcr dich, was ich \u00fcber Franzi geschrieben habe. Es ist nicht der Rede wert.<\/p>\n<p>______________________________________________________________<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-3413\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03629-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"427\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03629-1024x683.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03629-300x200.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03629.jpg 1149w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/strong><\/p>\n<p><strong>Carls Mutter an Ottilie<\/strong><\/p>\n<p>Hamburg, d. 2.2. 17.<\/p>\n<p>Liebe Ottilie!<\/p>\n<p>F\u00fcr Deinen und Deines Vaters Brief sage ich euch herzl. Dank. Ich habe mich gefreut, dass Ihr wohlbehalten dort wieder angelangt seid. Ich konnte mir wohl denken, dass Dein liebes Mutterchen erstaunt war, Euch schon wieder zu sehen, sie mu\u00df wirklich gedacht haben, da\u00df es Dir bei uns nicht gefallen hat. Ich h\u00e4tte Dich ja so gern mal auf l\u00e4ngere Zeit bei mir und wir k\u00f6nnten es uns ja auch recht gem\u00fctlich machen.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche Dir f\u00fcr das Neue Jahr alles, alles Gute! Vor allem Gesundheit! Und Carl und dir eine gute Reise in den Hafen der Ehe. Aber dein Bein will und will ja nicht wieder gut werden. Ich glaube, es war richtig, da\u00df Ihr wieder abgereist seid. Hoffentlich pendelst Du flei\u00dfig, damit wir, wenn Du das n\u00e4chste Mal hier bist, t\u00fcchtig zusammen ausgehen k\u00f6nnen. Sei nur recht vergn\u00fcgt und pflege Dich gut, gehe flei\u00dfig in die frische Luft und befolge den Rat des Dr. genau, da wird hoffentlich das Bein bald wieder gesund.<\/p>\n<p>Eure Hochzeit r\u00fcckt nun immer n\u00e4her heran und ich kann mir vorstellen, wie viel Arbeit Ihr noch vor Euch habt. Wir haben das ja alles im letzten Jahr mit unserer Else miterlebt. O, es geh\u00f6rt doch zu viel dazu, um einen neuen Haushalt h\u00fcbsch und wohnlich einzurichten. Ein M\u00e4dchen hat Else aber immer noch nicht und wird sie sich wahrscheinlich in Altona eins mieten.<\/p>\n<p>Mein M\u00e4dchen \u00fcbrigens wurde im neuen Jahr ziemlich frech, hat sich jetzt aber eines besseren besonnen, als ich ihr drohte sie zu k\u00fcndigen. Ein gutes Wort hat auch Carl f\u00fcr sie eingelegt. Ich hoffe, aus ehrlicher Absicht. Franzi hat ihm vielleicht auch Augen gemacht. Aber ich habe sie mir nochmal ordentlich vorgenommen, seitdem ist sie auch sehr freundlich u. arbeitet gut. Hoffentlich bleibt es so!<\/p>\n<p>Ja, die Dienstboten heut zu Tage sind eine Last, gut ist es daher, wenn eine Hausfrau gesund ist und selbst die Arbeit versteht. Ich hoffe, da\u00df Du bis zur Hochzeit wieder zwei gesunde Beine hast und du euren gemeinsamen Hausstand auch ohne M\u00e4dchen meistern kannst. Bei Else sp\u00e4ter und bei mir darf sich ein M\u00e4dchen nichts erlauben! Ich hoffe und w\u00fcnsche f\u00fcr Carl, da\u00df Du das genau so siehst.<\/p>\n<p>Liebe Ottilie, bist Du denn schon bei Deinem Kranzgedicht und Deiner Toilette? Schiebe nur nicht alles auf die letzte Zeit, damit Du dann nicht so angegriffen bist. Du wirst viele neue Verwandte auf Deiner Hochzeit kennen lernen. Ich glaube es wird ein sch\u00f6nes Fest, wenn nur die Trennung durch den Krieg nicht w\u00e4re. Carl kann ja wohl bis auf Weiteres auf der Werft bleiben, sonst mu\u00df er, wir wollen es nicht hoffen, an die Front zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Aber es ist ja nun einmal der Welt Lauf, der Mensch mu\u00df es verstehen, dem Leben die beste Seite abzugewinnen. Mit ein wenig guten Willen geht dies ja auch. Also immer guten Mut, liebe Ottilie, da wird alles gut!!<\/p>\n<p>Wie geht es denn bei Euch Lieben dort in Hannover? Deinem lieben Mutterchen sage ebenfalls besten Dank f\u00fcr ihre lieben Zeilen.<\/p>\n<p>Soeben kommen Adolf und Else vom Spaziergang nach Haus. Da mu\u00df ich wohl Schlu\u00df machen. Gr\u00fc\u00dfe mir alle Lieben dort herzlich von mir und Else, Leopold u. Adolf.<\/p>\n<p>Sei Du aber besonders gegr\u00fc\u00dft von Deiner<\/p>\n<p>Dich liebenden Mutti<\/p>\n<p>______________________________________________________________<\/p>\n<p><strong>Carls Bruder Willy an Ottilies Eltern<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3410 size-large\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03644-1024x653.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"408\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03644-1024x653.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03644-300x191.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03644.jpg 1688w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Bad Oeynhausen, den 28. Mai 1917<\/p>\n<p>Willy H. Lindner<\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr, sehr verehrte Frau Otto!<\/p>\n<p>Sie besch\u00e4men uns thats\u00e4chlich auf das h\u00f6chste durch die schmeichelhaften Worte, die sie uns im Hinblick auf die wenigen, bei uns in stiller H\u00e4uslichkeit verlebten Stunden widmen, w\u00e4hrend wir, die wir weit gr\u00f6\u00dfere Veranlassung gehabt h\u00e4tten Ihnen zu danken, uns mit ein paar fl\u00fcchtigen Dankesworten unsere tiefe Schuld bei Ihnen gestreift haben.<\/p>\n<p>Streng genommen ist es wohl nicht ganz fair, wenn Sie vorgeben Dankesworte nicht zu lieben, und sich nun denselben ohne nennenswerte Veranlassung selbst in einer Sprache bedienen, die f\u00fcr uns \u2013 wie eingangs gesagt \u2013 geradezu besch\u00e4mend ist.<\/p>\n<p>Nun kommt wahrhaftig in diesem selben Augenblick, wo ich mich auf eine Grobheit f\u00fcr Sie besinne, aber so schnell keine finden kann, auch Fr\u00e4ulein Otti, unser kleines Br\u00e4utchen, ins Spiel. Hier will ich mit einem Dankessermon und compliment\u00f6sen Redewendungen bei Ihnen lange im Ged\u00e4chtnis bleiben und ihrem Vater zuvorkommen.<\/p>\n<p>Was haben wir eigentlich gethan, da\u00df Sie uns so mit Lob \u00fcbersch\u00fctten und so freundlich behandeln? Sie sind ja ganz gem\u00fcthliche Menschen! Aber darum keine Feindschaft nicht. Wir freuen uns ja so, da\u00df es dem Papa und der kleinen Braut bei uns gefallen hat; und wenn wir etwas bei Ihrem Besuche tief bedauert haben, dann ist es das, da\u00df derselbe erstens die weite Reise von Hannover bis hier infolge seiner K\u00fcrze gar nicht lohnte, und da\u00df \u2013 last not least \u2013 sich die theure Gattin nicht unter den Besuchern befand. Ich hoffe bestimmt, da\u00df Sie \u2013 um mit der Letzteren zu sprechen \u2013 uns bald Gelegenheit geben Ihnen Gleiches mit Gleichem zu vergelten.<\/p>\n<p>So nun habe ich mit Ihnen abgerechnet, die Falten auf meiner Stirne haben sich wieder gegl\u00e4ttet, und nun kann ich Ihnen noch in aller Freundschaft sagen, da\u00df meine Frau und ich selten, &#8211; oder besser gesagt noch nie \u2013 eine Bekanntschaft gemacht haben, die \u2013 wie das bei Ihnen (und ich schlie\u00dfe die Tante und ihre Kinder nicht aus) der Fall gewesen ist, sich so schnell in ein echtes warmes freundschaftliches Verh\u00e4ltnis umgewandelt hat; und ich kann meinem Bruder Carl das Compliment machen, da\u00df er mit viel Geschick \u2013 eine sonst bei ihm seltene Eigenschaft \u2013 bei der Wahl seiner Braut, seinen Schwiegereltern und der ganzen Familie, die man ja doch bekanntlich mitheirathet, zu Werke gegangen ist. Aber sagen Sie ihm bitte nichts wieder!<\/p>\n<p>Unserem kleinen Henry geht es \u2013 Dank f\u00fcr g\u00fctige Nachfrage \u2013 befriedigend, die kleine Verstimmung am 1. Pfingsttage ist Gottlob ohne ernste Folgen geblieben.<\/p>\n<p>Ich schlie\u00dfe f\u00fcr heute mit dem Wunsch der kleinen Braut, da\u00df wir uns zur Hochzeit Ende Juni in guter Gesundheit und fr\u00f6hlicher Stimmung wiederfinden.<\/p>\n<p>Alle Hiesigen lassen alle Dortigen bestens gr\u00fc\u00dfen und so verbleibe ich denn in freundschaftlicher Gesinnung und Ergebenheit<\/p>\n<p>Ihr Willy H. Lindner<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>______________________________________________________________<\/p>\n<p><strong>Carls Bruder Willy an Ottilies Vater<\/strong><\/p>\n<p>Bad Oeynhausen, den 25. Juni 1917<\/p>\n<p>Willy H. Lindner<\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr Otto,<\/p>\n<p>Gestern Nacht nach Hause zur\u00fcckgekehrt, dr\u00e4ngt es mich Ihnen auf diesem Wege zu erkennen zu geben, wie sehr ich die Ereignisse der letzten Tage beklage, und welch herzliches Mitgef\u00fchl ich f\u00fcr sie und Ihr armes T\u00f6chterchen empfinde. Verzeihen Sie mir, da\u00df ich an den letzten Auseinandersetzungen zwischen Ihnen und meiner Mutter nicht theilgenommen habe, ich darf Ihnen die Gr\u00fcnde daf\u00fcr nicht mittheilen. Seien sie aber \u00fcberzeugt, mein lieber Herr Otto, da\u00df meine Sympathien sehr zu Ihrer Seite her\u00fcberneigen, und seien Sie ferner \u00fcberzeugt, da\u00df ich Ihnen die Freundschaft und Ergebenheit, denen ich in meinem letzten Schreiben an Sie Ausdruck verliehen habe, auch in Zukunft bewahren werde.<\/p>\n<p>Mir ist es heute noch nicht klar, weshalb das Alles so schnell kommen mu\u00dfte; und wenn ich auch ehrlicher Weise gestehen muss, da\u00df von vorneherein gewisse Bedenken, die in der Hauptsache in dem Gesundheitszustande Ihrer armen, schwergepr\u00fcften Ottilie begr\u00fcndet waren, zu dem \u00fcbereilten Verl\u00f6bniss bei mir vorhanden waren, so hatte ich doch bis vor wenigen Tagen die feste Ueberzeugung, dass die Zeit, und andererseits die innige Zuneigung zwischen den Verlobten diese Bedenken verwischen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Nun ist es anders gekommen, aber tr\u00f6sten Sie und Ottilie sich damit, da\u00df Sie unter den einmal eingetretenen Umst\u00e4nden den allein richtigen Weg gegangen sind, und wer wei\u00df, ob das augenblicklich als ein Ungl\u00fcck erscheinende Ereignis in seinem Schoo\u00dfe nicht das Gl\u00fcck Ihres Kindes birgt.<\/p>\n<p>Ich bin weit davon entfernt meinen Verwandten u. auch meinem Bruder Carl im Besonderen einen Vorwurf zu ersparen, aber nach Allem, was ich geh\u00f6rt und gesehen habe, trifft dasselbe in erster Linie Ihre verehrte Frau Schw\u00e4gerin, Frau Timm, die allerdings mit allen ihr zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln die beiden jungen Herzen zusammengef\u00fchrt hat, die aber, durch die Aussaat des Mi\u00dftrauens und der Eifersucht in das Herz ihrer Nichte, in gleichem Maa\u00dfe an der Entfremdung der beiden Liebenden Schuld tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Ich hoffe aufrichtig, da\u00df Ihre liebe kleine bald den Schmerz \u00fcberwindet, und da\u00df derselbe ihren zarten K\u00f6rper keinen Schaden zuf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Wenn ich nach Hannover komme, darf ich Sie wohl einmal begr\u00fc\u00dfen; sollte ich Ihnen inzwischen irgendwie dienlich sein k\u00f6nnen, stehe ich Ihnen mit Freuden zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen an Sie, Ihre liebe Frau und die Kinder, besonders an Ottilie verbleibe ich f\u00fcr heute<\/p>\n<p>Ihr ergebener<\/p>\n<p>Willy H. Lindner<\/p>\n<p>______________________________________________________________<\/p>\n<p><strong>Carls Mutter an Ottilies Mutter<\/strong><\/p>\n<p>Hamburg, d. 26. Juni 17.<\/p>\n<p>Sehr geehrte Frau Otto!<\/p>\n<p>Ich kann es nicht unterlassen mit Ihnen \u00fcber das Vorgefallene auszusprechen. Wir Eltern denken wohl vern\u00fcnftiger \u00fcber solche Sachen. Fragen wir uns zun\u00e4chst mal, \u201ewozu ist die Verlobungszeit.\u201c Die Verlobungszeit ist da, um sich n\u00e4her kennen zu lernen. Sagt doch der Dichter schon:<\/p>\n<p>\u201ePr\u00fcfe wer sich ewig bindet,<\/p>\n<p>ob sich das Herz zum Herzen findet.\u201c<\/p>\n<p>Wenn mein Carl jetzt zu dem Entschlu\u00df gekommen ist, das Verh\u00e4ltni\u00df mit Ottilie zu l\u00f6sen, so mu\u00df sein Herz ihm wohl sagen, da\u00df es so das Beste ist. Unter Thr\u00e4nen hat er mir sein Herz ausgesch\u00fcttet und Recht mu\u00dfte ich ihm geben. Da\u00df Ottilie diese Mitteilung von Carl k\u00f6rperlich wohl sehr angegriffen hat, l\u00e4\u00dft sich wohl erkl\u00e4ren, da sie mit ihrer Gesundheit sowieso noch zu\u00a0 k\u00e4mpfen hat. Unbegreiflich ist es mir, wie Ottilie Anla\u00df zu den vielen Wiederw\u00e4rtigkeiten geben konnte, welche 8 Tage vor der Hochzeit stattgefunden haben.<\/p>\n<p>Ottilie schrieb mir, ich m\u00f6ge doch ein gutes Wort f\u00fcr sie bei Carl einlegen und w\u00fcrde ich dies auch getan haben, wenn ich nicht selbst zu der \u00dcberzeugung gekommen w\u00e4re, es ist besser so. Ich m\u00f6chte so gern ein gesundes lebensfrohes Schwiegert\u00f6chterchen haben und bedaure ich es zu sehr, da\u00df die Krankheit Ottiliens keine Fortschritte gemacht hat. Lassen Sie uns, verehrte Frau Otto die Zukunft in Gottes Hand legen und bitten, da\u00df er alles zum Guten leite.<\/p>\n<p>Mein Carl ist sehr traurig gestimmt, er ist heute nach Oeynhausen gefahren. Wie Sie sich selbst sagen m\u00fcssen, habe ich gern alles Liebe und Gute, welches Sie uns erwiesen, nach Kr\u00e4ften wieder gut gemacht und bedaure ich tief, da\u00df das sch\u00f6ne Fest solch traurigen Abschlu\u00df finden mu\u00dfte.<\/p>\n<p>Indem ich Ottilie gute Besserung w\u00fcnsche, verbleibe ich mit den herzlichsten Gr\u00fc\u00dfen an Sie und Ihre liebe Familie<\/p>\n<p>Ihre Johanna Lindner<\/p>\n<p>______________________________________________________________<\/p>\n<p><strong>Carls Bruder Willy an Ottilies Vater<\/strong><\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-3411\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03619-1024x682.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03619-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03619-300x200.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03619.jpg 1970w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/strong><\/p>\n<p>Willy H. Lindner, Bad Oeynhausen, den 29. Juni 1917<\/p>\n<p>Mein lieber Herr Otto,<\/p>\n<p>Ich kann Ihnen nicht sagen, mit welchen Gef\u00fchlen ich heute Morgen Ihre freundlichen Zeilen an mich gelesen habe. Die Nachricht, die sie mir \u00fcber den Gesundheitszustand Ihres armen Kindes gaben, \u00fcbertrifft die gr\u00f6\u00dften Bef\u00fcrchtungen, die ich gehegt und deren ich auch in warnender Weise meinem Bruder Carl gegen\u00fcber Ausdruck verliehen habe. Das Band zwischen den beiden jungen Leuten schien aber damals schon so gelockert zu sein, da\u00df der rasche Verlauf der Katastrophe nicht mehr zu hindern war. Ich kenne meinen Bruder Carl und habe ihn des \u00f6fteren wegen seiner Lebensf\u00fchrung zurechtweisen m\u00fcssen. Nach den Mittheilungen, die Sie mir heute machen, ist das Ereignis der letzten Woche f\u00fcr mich ein gr\u00f6\u00dferes R\u00e4thsel als zuvor.<\/p>\n<p>Bis zum Montag Abend, dem Vorabend des Hochzeitstages, erschien f\u00fcr mich das Verh\u00e4ltnis zwischen Ottilie und Carl einerseits, als auch zwischen Frau Timm u. Carl in vollster Harmonie. Ich war deshalb wie aus den Wolken gefallen, als wir bei unserer R\u00fcckkehr aus dem Hamburg von dem vorgefallenen Zerw\u00fcrfnis zwischen Ottilie und Carl vernahmen, welchem ich \u2013 nach dem was ich h\u00f6rte \u2013 eine ernste Bedeutung beimessen mu\u00dfte.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6rte bei dieser Gelegenheit zum ersten Male, da\u00df \u00e4hnliche Unstimmigkeiten in der letzten Zeit mehrfach Platz gegriffen h\u00e4tten; u. da ich immer wieder h\u00f6rte, da\u00df Ihre Frau Schw\u00e4gerin das Mi\u00dftrauen u. die Eifersucht zwischen den beiden Liebenden gesch\u00fcrt, glaubte ich ihr die Hauptschuld zuschicken zu m\u00fcssen. Nach ihren Mittheilungen scheint aber noch eine tiefere Ursache f\u00fcr die Separation vorhanden zu sein, die ich thats\u00e4chlich nicht fassen kann, umsoweniger als Sie mir schreiben, dass die eigentliche Initiative zu der Verlobung direct von meinem Schwager Carl ausgegangen ist.<\/p>\n<p>Ich will Ihnen nicht verhehlen, da\u00df Ottilie als Braut, ich wollte sagen in ihrer Eigenschaft als die Verlobte meines Bruders, nicht immer einer freundlichen Kritik unterworfen ist, dass Manches \u2013 sei es mit Recht oder Unrecht, lasse ich dahingestellt \u2013 an ihr bem\u00e4ngelt wurde, aber derartige Kritiken hat in weit st\u00e4rkerem Maa\u00dfe die damalige Braut meines Vetters Carl Junge \u00fcber sich ergehen lassen m\u00fcssen. Es haben damals ganz andere Szenen stattgefunden, ohne da\u00df dieselben irgendwelche nachhaltigen Spuren auf das Gem\u00fcth der beiden Verlobten und auf deren Verh\u00e4ltnis zu einander zur\u00fcckgelassen gehabt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Darum habe ich den hin und wieder mir zu Ohren gekommenen Kritiken gro\u00dfe Bedeutung beigelegt, und darum glaubte ich daraus schlie\u00dfen zu d\u00fcrfen, da\u00df die Grundursache zu der Entfremdung erstens in der Erkenntnis der beiden Liebenden selbst, zum Anderen in dem Verhalten der Tante zu suchen ist. Wenn Sie diese Gr\u00fcnde nicht gelten lassen, dann stehe ich, wie schon gesagt, vor einem gro\u00dfen R\u00e4thsel.<\/p>\n<p>Aber das Ungl\u00fcck ist da, das wird durch die Erforschung der Ursachen nicht beseitigt, und wenn ich je einen innigen Wunsch gehegt habe, dann ist es der, da\u00df Gott geben m\u00f6ge, da\u00df Ihr armes Kind, an welchem das Schicksal in den letzten Monaten so unerbittlich und grausam mitgespielt hat, auch diesen schweren Schlag \u00fcberwinden, und recht bald und dauernd davon genesen m\u00f6ge. Es gilt vor Allem das Herz Ihres Kindes dar\u00fcber aufzukl\u00e4ren, da\u00df &#8211; unter den Umst\u00e4nden &#8211; das scheinbare Mi\u00dfgeschick ein Gl\u00fcck f\u00fcr sie gewesen ist und sein wird, denn von dem Tage ab, an welchem zwei Menschen erkennen, da\u00df sie nicht f\u00fcreinander bestimmt sind, ist das Festhalten an einem Verl\u00f6bnis ein Ungl\u00fcck.<\/p>\n<p>Es thut mir leid, mein armer Herr Otto, da\u00df ich Ihnen keinen weiteren Trost geben u. keine weitere H\u00fclfe bringen kann, richten Sie Ihre Augen aufw\u00e4rts.<\/p>\n<p>In steter Freundschaft verbleibe ich<\/p>\n<p>Ihr ganz ergebener Willy Lindner<\/p>\n<p>______________________________________________________________<\/p>\n<p><strong>Carls Mutter an Ottilies Tante Frau Timm<\/strong><\/p>\n<p>Hamburg, d. 29. Juni 17.<\/p>\n<p>Geehrte Frau Timm!<\/p>\n<p>F\u00fcr Ihre freundlichen Zeilen empfangen Sie bitte Dank. Mein Carl ist seit vorigen Montag bei seinem Bruder in Oeynhausen und hatte ich wenig Gelegenheit eingehender \u00fcber das Zerw\u00fcrfni\u00df mit Ottilie mit ihm zu sprechen. Wie kommen Sie nur darauf, sich Vorw\u00fcrfe \u00fcber das Vorgefallene zu machen. Wenn Sie hin und wieder Carl Vorw\u00fcrfe \u00fcber dies und das gemacht haben, ist dies doch kein Grund, da\u00df Carl seine Verlobung mit Ottilie l\u00f6st. In erster Linie kommt doch die Braut hier in Frage.<\/p>\n<p>Ottilie ist, wie mir Carl mitteilte, w\u00e4hrend ihrer Verlobungszeit noch nicht so gewesen, wie es ein Br\u00e4utigam von seiner Braut erwartet. Ottilie musste sich bei ihren k\u00f6rperlichen Leiden doch sagen, es ist viel, da\u00df Carl sich mit mir verlobt hat und hatte aus diesem Grunde besondere Ursache recht aufmerksam gegen ihn zu sein. Da Ottilie auch gesellschaftlich noch manches lernen mu\u00dfte, Carl noch jung und lebenslustig ist, mu\u00dfte er jetzt doch alles entbehren. Auch auf mich machte er immer einen traurigen Eindruck, wenn wir zusammen ausgingen und Carl Ottilie so traurig am Arm f\u00fchrte. Carl hat wohl nun bei seiner Verlobung erwartet, da\u00df Ottilie schnellere Fortschritte in Betreff ihrer Gesundheit gemacht h\u00e4tte, wie es jetzt der Fall ist. Wenn Ottilie etwas mehr Lebensklugheit gehabt h\u00e4tte, w\u00e4re alles Unangenehme nicht passiert, denn Carl hat einen zu edlen Charakter und w\u00fcrde in Betreff der Krankheit nie geklagt haben.<\/p>\n<p>Ich bin nun der Ansicht, da\u00df es besser ist, wenn Ottilie jetzt erst ihre v\u00f6llige Gesundheit wieder zu erlangen sucht. Beide sind noch jung und Carl seine Stellung ist noch nicht so, um ans heirathen denken zu k\u00f6nnen. Ottilie ist ja sonst ein braves gutes M\u00e4dchen, hat die liebevollsten Eltern von der Welt und braucht sich wegen ihrer Zukunft keine Sorgen zu machen. Da wird sich noch alles f\u00fcr sie zum Guten wenden.<\/p>\n<p>Lassen Sie uns vorl\u00e4ufig die Verlobung l\u00f6sen, bis Ottilie wieder ganz gesund ist, damit sie sp\u00e4ter ihrem lebenslustigen Mann auch eine gesunde und vergn\u00fcgte Frau sein kann. Zeigen Sie bitte Ottilie diesen Brief nicht, ich m\u00f6chte nicht, da\u00df sie sich jetzt noch Vorw\u00fcrfe macht, wo nichts mehr zu \u00e4ndern ist.<\/p>\n<p>Indem ich Ihnen, liebe Frau Timm, noch f\u00fcr alles Liebe und Gute, welches Sie meinem Sohn Carl erwiesen haben, danke, verbleibe ich mit gr\u00f6\u00dfter Hochachtung<\/p>\n<p>Ihre<\/p>\n<p>Johanna Lindner<\/p>\n<p>______________________________________________________________<\/p>\n<p><strong>Ottilie\u00a0 an Carl<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>(ohne Datum)<\/em><\/p>\n<p>Mein lieber Carl,<\/p>\n<p>Du wirst Dich wundern, da\u00df ich nach dem Vorgefallenen noch wage Dir zu schreiben.<\/p>\n<p>&#8230;wenigstens keinen Grund dazu. Aber glaube mir, es thut weh, das Herz blutet einem, und mu\u00df man nach au\u00dfen lachen. Ich h\u00f6rte die Eifersucht w\u00e4re grundlos, wenn man keine Grund h\u00e4tte an u. f\u00fcr sich und wenn h\u00e4tte man Grund, w\u00e4re es auch nicht klug eifers\u00fcchtig zu sein. Wenn es zu sp\u00e4t ist, wirst Du sagen fragt sie u.s.w.<\/p>\n<p>Auch Du hast schon manchmal gefehlt, und Dir ist auch vergeben. In der letzten Stunde sagtest Du mir noch, Du h\u00e4ttest mich lieb gehabt, lieber als alles auf der Welt. Carl, la\u00df es nicht zu sp\u00e4t sein. Mach mich nicht f\u00fcr\u2019s Leben ungl\u00fccklich. Ach, sei wieder gut. Wenn ich Dich gekr\u00e4nkt habe, so vergib\u2019s mir.<\/p>\n<p>Ist das wahr, so mu\u00dft\u00a0 Du mich vergessen, wenn es ist. Oh! Warum haben wir uns nur verlobt?? Warum blieb ich nicht fest, als Du mich um mein Wort batest? Wie viel, wie unendlich viel Elend h\u00e4tten wir uns erspart. Habe ich mich Dir etwa zu sehr aufgedr\u00e4ngt? Bei den Johannisbeeren im letzten Sommer und was danach geschah?<\/p>\n<p>Habe ich dir zu viel zugemutet, als du gleich alles wolltest und ich derzeit dich bat Geduld mit mir zu haben? Ich hab mir doch mit allem so viel M\u00fche gegeben, um es Dir recht zu machen. Ich hatte ja auch noch gar keine Erfahrung.<\/p>\n<p>Damals habe ich mir Dich nicht aufgedr\u00e4ngt. Jetzt bitte ich Dich von Herzen, la\u00df es weiter so sein wie am Anfang unserer Verlobung. Sieh Carl, &#8230;(?) Geld konnte ich Dir nicht bringen, aber ein treues Herz, so voller Liebe f\u00fcr Dich. Ich kann es immer noch nicht fassen, da\u00df ich Dich nicht wiedersehe. Wenn\u2019s klingelt, springe ich auf und denke, Du bist\u2019s. Alles hier erinnert mich an dich. Heute tr\u00e4umte mir, wir beide w\u00e4ren so recht vergn\u00fcgt gewesen. Aber vorbei! Wei\u00dft Du auch, dass Du meine Ehre, ja mein ganzes Lebensgl\u00fcck zerst\u00f6rt hast. F\u00fcr mich gibt es keine Freude mehr. Ich wehre mich. Ich bin keine Dirne, der man bietet, was man will und der alles gleich ist.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-3420\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03640-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"960\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03640-683x1024.jpg 683w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03640-200x300.jpg 200w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03640.jpg 985w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Noch bin ich nicht wieder drau\u00dfen gewesen. Aber ich m\u00f6chte mich bald\u00a0 wieder so bewegen k\u00f6nnen wie fr\u00fcher. Ich habe so gerne getanzt. Allein und auch mit Dir.<\/p>\n<p>Was sollte Dir auch ein krankes M\u00e4dchen schenken, abgesehen davon, da\u00df es noch nicht mal Geld hatte. Ja Carl, Geld konnte ich Dir nicht bringen, aber ein treues Herz so voller Liebe f\u00fcr Dich und voll gutem Willen.<\/p>\n<p>O die eine schreckliche Nacht, ich vergesse sie nicht wieder. Unten h\u00f6chste Festfreude, oben das tiefste Herzeleid. Nein und das um solche Bagatelle. Und alle hatten es so gut mit uns im Sinn und Vater h\u00e4tte uns das Nestchen so warm gebaut. Warum sollten wir nicht gl\u00fccklich sein!!<\/p>\n<p>______________________________________________________________<\/p>\n<p><strong>Ottilie an Carl<\/strong><\/p>\n<p>Hannover, d. 3. Juli 17<\/p>\n<p>Geehrter Herr Lindner!<\/p>\n<p>Seit Sonntag habe ich Kenntnis von dem Inhalt Ihres Briefes, und so empfangen Sie den Ring zur\u00fcck. K\u00f6nnte er erz\u00e4hlen, wie manche Tr\u00e4ne ruht darauf! Weh\u2019 dem Tage, da ich Sie sehen mu\u00dfte. Wer gab Ihnen das Recht, so mit meinem Herzen zu spielen! Aber ich habe mich nicht get\u00e4uscht, von Ihnen ist es nicht.<\/p>\n<p>Sollte ich wirklich allein die Schuldige sein? Sie schreiben, Sie h\u00e4tten an meiner Liebe gezweifelt. Sie selbst tragen Schuld daran! Sie werfen mir Mangel an Vertrauen vor und verga\u00dfen selbst, sich mir anzuvertrauen! Meiner Meinung nach d\u00fcrfen Verlobte keine Geheimnisse vor einander haben. Sie scheinen anders dar\u00fcber zu denken, denn bald nach unserer Verlobung erfuhr ich durch einen Zufall von Ihnen so manches&#8230;.<\/p>\n<p>Ich habe wohl nicht n\u00f6tig, mich n\u00e4her dar\u00fcber auszudr\u00fccken, was ich \u00fcber Ihre Dienstm\u00e4dchenverh\u00e4ltnisse geh\u00f6rt habe. Von dieser Zeit an schwand mein Vertrauen! Daher die Geschichte mit dem Ring. Mein erster Gedanke war auch \u201eSchlu\u00df zu machen\u201c, aber die Schande hielt und die R\u00fccksicht auf meine lieben Eltern hielten mich zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Warum haben Sie mir nicht volles Vertrauen geschenkt, ich h\u00e4tte versucht zu vergeben und zu vergessen, und ich glaube auch, ich h\u00e4tte\u2019s vergeben und vergessen \u00fcberwunden, denn ich hatte Sie sehr sehr lieb. Aber Sie hielten\u2019s eben nicht der M\u00fche wert, sich auszusprechen, und das machte mich tief traurig. Wer hatte nun mehr Grund an der Liebe zu zweifeln?<\/p>\n<p>Nun w\u00fcnsche ich Ihnen alles Gute, eine andere w\u00fcrde sich vielleicht \u00fcber diese Kleinigkeiten hinwegsetzen, ich konnte es unter solchen Umst\u00e4nden nicht!<\/p>\n<p>Ottilie Otto<\/p>\n<p>Im \u00dcbrigen h\u00e4tten Sie nicht n\u00f6tig gehabt, mir Ihre Adresse zu verschweigen, ich reise am Freitag und m\u00f6chte Ihnen die anderen Sachen noch vorher senden. Ich kann sie doch nicht an Ihr Comptoir auf der Werft schicken.<\/p>\n<p>______________________________________________________________<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Nachtrag:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">I<span style=\"font-size: 12pt;\">m Sch\u00e4chtelchen<\/span> mit den Briefen befanden sich zwei Fotos, die Ottilie Otto im Alter zeigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-3423\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03645-1024x682.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03645-1024x682.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03645-300x200.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/DSC03645.jpg 1423w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p>Zeigt sie hier ihre Beine absichtlich, weil sie stolz ist, ihre schwere Krankheit \u00fcberwunden zu haben? Oder muss sie immer noch ihr Bein schonen und auf einem Kissen ausruhen?<\/p>\n<p>Ein zweites Foto gibt auch keine n\u00e4here Auskunft. Es stammt aus dem Jahre 1940. Da muss Ottilie Otto ungef\u00e4hr 55 Jahre alt oder auch \u00e4lter gewesen sein. Auf der R\u00fcckseite steht folgender Erinnerungsspruch in unbeholfener Reimform:<\/p>\n<div id=\"attachment_3425\" style=\"width: 661px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3425\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3425 size-full\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/ottpilz.jpg\" alt=\"\" width=\"651\" height=\"960\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/ottpilz.jpg 651w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/ottpilz-203x300.jpg 203w\" sizes=\"(max-width: 651px) 100vw, 651px\" \/><p id=\"caption-attachment-3425\" class=\"wp-caption-text\">Ottilie Otto (links mit einem Pilz in der Hand), 1940<\/p><\/div>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><em>Die Sonne schien zu arg &#8211; drum \u2013<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 14pt;\"><em> Hatte niemand einen Mantel um.<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 14pt;\"><em> Frau Otto spannt den Riesenpilz auf als Dach \u2013<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 14pt;\"><em> ach!<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>August 1940<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">______________________________________________________________<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 18pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\"><strong>Verlobung und Brautstand<\/strong><\/span><\/p>\n<p>aus: <em>Der Gute Ton in allen Lebenslagen, Ein Handbuch f\u00fcr den Verkehr in der Familie, in der Gesellschaft und im \u00f6ffentlichen Leben, Leipzig, 1913<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich d\u00fcrfen wir auch den Fall nicht unber\u00fccksichtigt lassen, da\u00df eine Verlobung zur\u00fcckgeht. Es ist das ein f\u00fcr beide Teile peinlicher Vorgang, der auf den einen oder den andern, oder auch auf beide \u00fcbles Licht wirft. Die Gr\u00fcnde dazu m\u00f6gen der Welt bekannt sein oder nicht, sie m\u00f6gen sogar vor den Augen der Leute gerechtfertigt erscheinen, verurteilt wird eine aufgel\u00f6ste Verlobung immer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie urteilt sie nun erst, wenn ein wirkliches Verl\u00f6bnis stattgefunden und dies zur\u00fcckgenommen wird. Das gibt auf Wochen und Monate hinaus Stoff zur Unterhaltung in allen bekannten und auch wohl unbekannten Kreisen. Hundert m\u00fc\u00dfige K\u00f6pfe sp\u00fcren Gr\u00fcnden nach, und hundert geschw\u00e4tzige Zungen wissen auch in aller Schnelligkeit und mit voller Gewi\u00dfheit jede eine andere Ursache daf\u00fcr anzugeben. Das m\u00f6ge ein jeder bedenken, der sich verlobt, das m\u00f6ge namentlich jedes M\u00e4dchen bedenken; denn vielen schon ist mit der Aufhebung einer Verlobung auch der gute Ruf unwiederbringlich verloren gegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">M\u00f6ge der Br\u00e4utigam nun selbst zwingende Gr\u00fcnde haben, von einer eingegangene Verlobung zur\u00fcckzutreten, oder m\u00f6ge ihm das Schicksal widerfahren, dass ihm das Verl\u00f6bnis aufgek\u00fcndigt wird, in jedem Falle tut er gut, wenn er so wenig wie m\u00f6glich dar\u00fcber spricht. Unzarte Fragen mu\u00df er mit Ruhe und Ernst zur\u00fcckweisen. Vor allen Dingen aber m\u00f6ge er sich h\u00fcten, seiner bisherigen Verlobten \u00dcbles nachzusagen. Das mu\u00df man allerdings bei einem gebildeten Manne als ausgeschlossen voraussetzen, indessen wir sind alle Menschen und k\u00f6nnen fehlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr das M\u00e4dchen, das sein Jawort zur\u00fcckgegeben oder zur\u00fcckerhalten hat, ist eine k\u00fcrzere oder l\u00e4ngere Abwesenheit von ihrem bisherigen Wohnort der beste Ausweg, um den unmittelbaren Unannehmlichkeiten zu entfliehen. Sollte es aber zum zweitenmal vor dem wichtigen Entschlusse stehen, einem Manne durch ein feierliches Gel\u00f6bnis n\u00e4here Rechte \u00fcber sich einzur\u00e4umen, dann beherzige es doppelt das Wort unseres Schiller:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drum pr\u00fcfe, wer sich ewig bindet,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob sich das Herz zum Herzen findet!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wahn ist kurz, die Reu\u2019 ist lang.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 100 Jahren treffen mitten im Krieg zwei junge Menschen zuf\u00e4llig aufeinander. Er an der Front in Frankreich, wird an der Hand schwer verletzt und kommt in ein Lazarett nach Hannover Burgfelde. 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