{"id":3179,"date":"2016-12-11T20:05:21","date_gmt":"2016-12-11T19:05:21","guid":{"rendered":"http:\/\/win2014.de\/?p=3179"},"modified":"2020-12-15T17:19:00","modified_gmt":"2020-12-15T16:19:00","slug":"frieden-1916-im-angebot","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/win2014.de\/?p=3179","title":{"rendered":"Frieden: 1916 im Angebot"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eAngebot und Nachfrage sind zwei wichtige Begriffe der Marktwirtschaft. Dabei spielt der Preis des jeweiligen Produktes eine gravierende Rolle und beeinflusst das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage.\u201c<\/em> Passen diese Definitionen vielleicht nicht auch auf das, was Kaiser Wilhelm sich kurz vor Weihnachten 1916 ausgedacht hatte?<br \/>\nGenau vor 100 Jahren, am 12. Dezember 1916, warf der Kaiser ein Friedensangebot auf den Markt. Die Nachfrage war allerdings nicht sonderlich gro\u00df. Keiner griff zu. Es dauerte noch rund zwei Jahre, dann war Deutschland richtig pleite und musste Insolvenz anmelden. H\u00e4tte man das nicht schon zwei Jahre eher haben k\u00f6nnen?<!--more weiterlesen--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Friedensangebot von 1916 war ein l\u00e4cherliches T\u00e4uschungs- und Kriegsman\u00f6ver. Die deutsche Regierung unter Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg wollte damit u.a. die gedr\u00fcckte Stimmung des eigenen Volkes aufhellen. Es war klar, dass die Alliierten das Angebot ablehnen w\u00fcrden. Somit sollte es wie schon zu Beginn des Krieges so aussehen, dass Deutschland selber friedliebend ist, die Gegner aber den Krieg fortsetzen wollen. Der Kaiser f\u00fchlte sich eigentlich schon als Sieger. Aber wenn die anderen nicht aufgeben wollen, dann\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3193 alignleft\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/postka01-192x300.gif\" alt=\"\" width=\"192\" height=\"300\" \/>Berlin, 12. Dezember.<br \/>\nSeine Majest\u00e4t der Kaiser hat folgenden Armeebefehl erlassen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Soldaten!<\/em><br \/>\n<em> In dem Gef\u00fchl des Sieges, den Ihr durch Euere Tapferkeit errungen habt, haben Ich und die Herrscher der treu verb\u00fcndeten Staaten dem Feinde ein Friedensangebot gemacht. Ob das damit verbundene Ziel erreicht wird, bleibt dahingestellt. Ihr habt weiterhin mit Gottes Hilfe dem Feinde standzuhalten und ihn zu schlagen.<\/em><br \/>\n<em> Gro\u00dfes Hauptquartier, 12. Dezember 1916.<\/em><br \/>\n<em> Wilhelm I. R.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch deutlicher wird Bethmann Hollweg am selben Tage vor dem Reichstag. Zun\u00e4chst gibt er einen schw\u00e4rmerischen \u00dcberblick \u00fcber die Lage an den Fronten. \u00dcberall wird gesiegt und zur\u00fcckgeschlagen: Rum\u00e4nien k\u00e4mpft jetzt mit uns. An der Somme eine gro\u00dfartige Offensive, italienische Anst\u00fcrme werden lahmgelegt. Die Westfront steht, die ganze Westwalachei genommen, Heldentaten unserer Unterseeboote. (nach jedem Satz lebhaftes Bravo)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>In tiefstem sittlichen und religi\u00f6sen Pflichtgef\u00fchl gegen sein Volk und dar\u00fcber hinaus gegen die Menschheit h\u00e4lt der Kaiser den Zeitpunkt f\u00fcr eine offizielle Friedensaktion f\u00fcr gekommen. Seine Majest\u00e4t hat deshalb in vollem Einvernehmen und in Gemeinschaft mit seinen hohen Verb\u00fcndeten den Entschluss gefasst, den feindlichen M\u00e4chten den Eintritt in Friedensverhandlungen vorzuschlagen. <\/em>(Lebhaftes Bravo! &#8211; Bewegung.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3206\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/cropped-weihnachten_1916.jpg\" alt=\"\" width=\"940\" height=\"365\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/cropped-weihnachten_1916.jpg 940w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/cropped-weihnachten_1916-300x116.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 940px) 100vw, 940px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frieden &#8211; das w\u00fcnschten sich die Menschen tats\u00e4chlich schon lange. Schon lange war die anf\u00e4ngliche Kriegsbegeisterung verblasst bzw. verblichen, wenn sie \u00fcberhaupt jemals bestanden hat. Jetzt im Winter 1916\/17 k\u00fcndigt sich der Steckr\u00fcbenwinter an. Es gibt einen verregneten Herbst, die Kartoffelf\u00e4ule vernichtet die H\u00e4lfte der Ernte. Der Winter wird extrem kalt, es gibt kaum noch Kohlen. Es werden W\u00e4rmehallen und Volksk\u00fcchen eingerichtet, in denen Suppe an Not leidende Familien ausgeteilt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser d\u00fcsteren Zeit liefert die Zeitschrift JUGEND ihren Abonnenten auch nur tr\u00fcbe und diffuse Andeutungen \u00fcber den Zustand der Gesellschaft. Urspr\u00fcnglich war sie 1896 angetreten, um <em>\u201ealles besprechen und illustrieren, was interessant ist, was die Geister bewegt; wir wollen Alles bringen, was sch\u00f6n, gut, charakteristisch, flott und \u2013 echt k\u00fcnstlerisch ist.\u201c<\/em> Davon ist jetzt nicht mehr viel \u00fcbrig. Wie soll man auch zeigen, was sch\u00f6n, gut und flott ist, wenn nichts, rein gar nichts mehr sch\u00f6n, flott und gut ist. Zudem hat die Zeitschrift JUGEND schon mit Ausbruch des ersten Weltkriegs mit gekonntem Patriotismus ihre Leser vergrault. Jetzt ist es ein Eiertanz zwischen Patriotismus und m\u00fcdem Aufb\u00e4umen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schauen wir uns das Dezemberheft von 1916 etwas genauer an. Auf der Titelseite nehmen zwei Krieger ein kleines M\u00e4dchen an die Hand und geleiten es in grellem Gegenlicht\u2013 ja wohin?<br \/>\n<img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-3191\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/IMG_20161211_181325-780x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"840\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/IMG_20161211_181325-780x1024.jpg 780w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/IMG_20161211_181325-228x300.jpg 228w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/>Die n\u00e4chsten ganzseitigen Illustrationen sind auch nicht erhellender. Maria oder wer auch immer sitzt in einer zerbombten Kirche und besch\u00fctzt frierend beim Feuer einer einzigen Kerze ihr Kind.<\/p>\n<div id=\"attachment_3186\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3186\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3186 size-large\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/1916_0002-766x1024.jpg\" width=\"640\" height=\"856\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/1916_0002-766x1024.jpg 766w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/1916_0002-224x300.jpg 224w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-3186\" class=\"wp-caption-text\">Die Zeitschrift Jugend, Dezember 1916<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ist die Mutter Jesu nach Frankreich oder Belgien geflohen? Oder nach Russland? Oder gab es auch deutschem Boden zerst\u00f6rte Kirchen? Vermutlich nicht. Ganz r\u00e4tselhaft ist das n\u00e4chste Bild. Es tr\u00e4gt den Titel \u201eVision\u201c. Was hat sich der Zeichner Willibald Krain dabei gedacht?<\/p>\n<div id=\"attachment_3188\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3188\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3188 size-large\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/1916_0004-709x1024.jpg\" width=\"640\" height=\"924\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/1916_0004-709x1024.jpg 709w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/1916_0004-208x300.jpg 208w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p id=\"caption-attachment-3188\" class=\"wp-caption-text\">Willibald Krain, Vision; Die Zeitschrift JUGEND, Dezember 1916, Heft 52<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wird hier ein Weihnachtsbaum mit der Kanone r\u00fcber zum Feind geschossen? Oder ist der Baum der Feind, der beschossen werden soll?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3192 alignleft\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/jung-210x300.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/jung-210x300.jpg 210w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/jung-718x1024.jpg 718w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/jung.jpg 817w\" sizes=\"(max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/>Vielleicht geben die \u201eWeihnachtsgedanken\u201c auf der n\u00e4chsten Seite Aufschluss dar\u00fcber. Der Autor Max Jungnickel war als Soldat an der Front. So ganz gelingen wollen ihm aber keine erhellenden Gedanken.<br \/>\n<strong><em>Der Mond friert an meinem Gewehr.<\/em><\/strong><br \/>\n<strong><em> Die Sterne m\u00f6chten vor K\u00e4lte in meine Hosentasche kriechen.<\/em><\/strong><br \/>\nDas klingt ein bisschen nach Dada, das gerade sich rund um die Welt ausbreitete. Aber das hat hier hat nichts mit der sarkastischen Kritik von Dada zu tun. Das hier ist die einfallslose, verzweifelte Hilflosigkeit eines Soldaten gegen\u00fcber der Wirklichkeit an der Front.<\/p>\n<p>Bl\u00e4ttert man im Heft weiter, kommt man schlie\u00dflich zu den Werbeanzeigen, die endlich die wahre Wirklichkeit zeigen und Antworten haben auf die Fragen auch in schwerer Zeit: die wahre Liebe, sexuelle Aufkl\u00e4rung, das Gl\u00fcck des Weibes und der Nachkommenschaft. Hundert Jahre sp\u00e4ter gibt es das alles auch noch. Und wir warten weiter auf Friedensangebote\u2026<br \/>\n<img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3189\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/1916_0005.jpg\" alt=\"\" width=\"1597\" height=\"3105\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/1916_0005.jpg 1597w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/1916_0005-154x300.jpg 154w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/1916_0005-527x1024.jpg 527w\" sizes=\"(max-width: 1597px) 100vw, 1597px\" \/><\/p>\n<div id=\"attachment_3185\" style=\"width: 1054px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3185\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3185 size-full\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/1916_0001.jpg\" width=\"1044\" height=\"1648\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/1916_0001.jpg 1044w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/1916_0001-190x300.jpg 190w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/1916_0001-649x1024.jpg 649w\" sizes=\"(max-width: 1044px) 100vw, 1044px\" \/><p id=\"caption-attachment-3185\" class=\"wp-caption-text\">Mathilde Freiin von Berger pinx.<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_3187\" style=\"width: 919px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3187\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3187 size-full\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/1916_0003.jpg\" width=\"909\" height=\"3057\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/1916_0003.jpg 909w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/1916_0003-89x300.jpg 89w\" sizes=\"(max-width: 909px) 100vw, 909px\" \/><p id=\"caption-attachment-3187\" class=\"wp-caption-text\">Die Zeitschrift JUGEND, Dezember 1916, Heft 52<\/p><\/div>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">Quellen<\/span><\/strong><\/span><br \/>\nHamburger Kriegsbuch 1916, (hrsg. Karl Jahrmarkt), Das Friedensangebot des Kaisers, S.334<br \/>\nAmtliche Kriegs-Depeschen, nach Berichten des Wolff\u00b4schen Telegr.-Bureaus, 5. Band, Nationaler Verlag, Berlin SW 68, 1917<br \/>\n<em><a href=\"http:\/\/www.betriebswirtschaft-lernen.net\/erklaerung\/angebot-und-nachfrage\/\">http:\/\/www.betriebswirtschaft-lernen.net\/erklaerung\/angebot-und-nachfrage\/<\/a><\/em><br \/>\n<em> <a href=\"http:\/\/www.stahlgewitter.com\/16_12_12.htm\">http:\/\/www.stahlgewitter.com\/16_12_12.htm<\/a><\/em><br \/>\n<em> <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1966\/52\/der-verpasste-friede\">http:\/\/www.zeit.de\/1966\/52\/der-verpasste-friede<\/a><\/em><br \/>\n<em> <a href=\"http:\/\/www.jugend-wochenschrift.de\/index.php?id=21\">http:\/\/www.jugend-wochenschrift.de\/index.php?id=21<\/a><\/em><br \/>\n<em> <a href=\"http:\/\/www.14-18warwas.de\/2016\/12\/weihnachten1916\/\">http:\/\/www.14-18warwas.de\/2016\/12\/weihnachten1916\/<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAngebot und Nachfrage sind zwei wichtige Begriffe der Marktwirtschaft. 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