{"id":3117,"date":"2016-12-03T16:15:48","date_gmt":"2016-12-03T15:15:48","guid":{"rendered":"http:\/\/win2014.de\/?p=3117"},"modified":"2020-12-15T17:19:15","modified_gmt":"2020-12-15T16:19:15","slug":"mein-grossvater-zieht-mit-seinem-pferd-in-den-krieg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/win2014.de\/?p=3117","title":{"rendered":"Mein Gro\u00dfvater zieht mit seinem Pferd in den Krieg"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber meinen Gro\u00dfvater Friedrich wei\u00df ich so gut wie nichts. Ich habe ihn auch nicht mehr kennen gelernt. Geboren ist er 1879, gestorben 1937. Ein kurzes Leben lang in Masuren. Geheiratet hat er im Jahre 1902 die Charlotte Nymzyk. Sie wurde Mutter von dreizehn Kindern, von denen sieben die Geburt \u00fcberlebten. Es gibt nur zwei Fotos von ihm und die sp\u00e4rlichen Lebensdaten aus dem Familienstammbuch. Sonst keine Briefe, kein Andenken. Keiner lebt mehr, der etwas \u00fcber ihn erz\u00e4hlen k\u00f6nnte. Er war ein guter Mensch, sagt meine Tante Betty, die sich mit ihren 95 Jahren nicht weiter an ihren Vater erinnern kann.<!--more weiterlesen--><br \/>\nZwei Fotos sind ein bisschen wenig, um etwas \u00fcber den eigenen Gro\u00dfvater zu schreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Man mu\u00df anfangen, und man wei\u00df nat\u00fcrlich, womit man anf\u00e4ngt, das wei\u00df man schon, und mehr eigentlich nicht, nur der erste Satz, der ist noch zweifelhaft. Also den ersten Satz:<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Gro\u00dfvater hat nie erfahren, wer sein Vater war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das ist der erste Satz. Und da h\u00f6re ich gleich: Aber deine Gro\u00dfmutter wusste das doch wohl? <\/em><em>Und da sage ich: Das wei\u00df ich doch nicht. Da sind, wie man sieht, schon Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse m\u00f6glich, und das ist nicht gut f\u00fcr den Anfang. Also einen neuen ersten Satz.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Masuren gab es in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts zur Erntezeit viele Fremdarbeiter, M\u00e4nner und Frauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Nun gut, das ist der erste Satz. Nun m\u00fc\u00dfte man aber dazusetzen, da\u00df M\u00e4nner und Frauen als Schnitter und Binderin nur gemeinsam auf dem Gesindemarkt angemietet wurden. Meistens arbeiteten sie nur einen Sommer zusammen und schliefen gemeinsam in Heuschobern mit anderen Schnitterpaaren, die alle nicht miteinander verheiratet waren. Die Erntearbeit machte m\u00fcde, aber auch nicht so m\u00fcde. Die Sp\u00e4tfolgen n\u00e4chtlicher T\u00e4tigkeiten machten sich erst nach neun Monaten bemerkbar. Und solch eine Folge ist auch mein Gro\u00dfvater gewesen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-3141 alignleft\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/sta-Kopie-266x300.jpg\" alt=\"sta-kopie\" width=\"280\" height=\"316\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/sta-Kopie-266x300.jpg 266w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/sta-Kopie-907x1024.jpg 907w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/sta-Kopie.jpg 1842w\" sizes=\"(max-width: 280px) 100vw, 280px\" \/>Mein Gro\u00dfvater ist, wie gesagt, 1879 am 30. M\u00e4rz nachmittags um f\u00fcnf in Bartkenhof geboren, Gemeinde Bartken, Kreis Oletzko. Unehelich geboren, soviel steht jedenfalls in der Geburtsurkunde. Vielleicht war sein Vater der Knecht Friedrich Kibat, der auf dem Standesamt in Gonsken drei Kreuze machte, als er die Geburt eines Sohnes der unverheirateten Magd Louise B. anzeigte. Vielleicht war es aber auch der Instmann Johann Scheyda, bei dem diese Magd wohnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kleine Friedrich w\u00e4chst also in Bartkenhof auf. Das Dorf hat um 1900 nur 65 Einwohner. Das ist die Grundlage f\u00fcr eine \u00fcberschaubare Erlebniswelt. Ein paar H\u00fchner und G\u00e4nse, eine Kuh, ein Pferd \u2013 damit kann er sich besch\u00e4ftigen. Eine Schule ist weit entfernt. Aber unmerklich, aber auch rasant ver\u00e4ndert sich das Leben in Masuren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um 1900 hat Ostpreu\u00dfen etwa zwei Millionen Einwohner, rund drei Viertel der Bev\u00f6lkerung leben von der Landwirtschaft. Durch moderne Agrar-Techniken gibt es immer reichere Ernten, Ostpreu\u00dfen wird die \u201eKornkammer Deutschlands\u201c. Das urspr\u00fcngliche Landschaftsbild ver\u00e4ndert sich. Um die Ernteertr\u00e4ge schnell ins Reich zu bringen, werden Chausseen quer durch Ostpreu\u00dfen angelegt: von Johannisburg \u00fcber Arys nach L\u00f6tzen, von L\u00f6tzen nach Angerburg und nach Rastenburg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3135\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/Eisenbahnbau.jpg\" alt=\"eisenbahnbau\" width=\"1002\" height=\"686\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/Eisenbahnbau.jpg 1002w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/Eisenbahnbau-300x205.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 1002px) 100vw, 1002px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichzeitig werden neue Bahnlinien gebaut, teilweise nur eingleisig, aber das Eisenbahnnetz wird nahezu in alle D\u00f6rfer verlegt. Wer jetzt mehr Geld verdienen will als ein Knecht beim Bauern, geht zur Bahn. Arbeit gibt es dort genug. Allerdings ist es Schwerstarbeit beim Gleisbau mit der Aussicht, sp\u00e4ter, wenn alles fertig ist, fest angestellt zu werden auf einem Bahnhof oder als Lokf\u00fchrer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3167\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/web_Wiederherstellung-Image.jpg\" alt=\"web_wiederherstellung-image\" width=\"1600\" height=\"1430\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/web_Wiederherstellung-Image.jpg 1600w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/web_Wiederherstellung-Image-300x268.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/web_Wiederherstellung-Image-1024x915.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1600px) 100vw, 1600px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nun kommt mein Gro\u00dfvater wieder ins Spiel. Inzwischen ist er ein junger Mann, immer noch wohnt er bei seiner Mutter. Er meldet sich bei der Eisenbahnverwaltung und bittet um Anstellung. Sein Pferd wird auch ben\u00f6tigt, um die schweren Bahnschwellen und Gleisteile zu transportieren. Von nun an reitet er jeden Morgen zur Baustelle und bringt mit seinem Pferd die Eisenbahn in Masuren auf Trab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3130 alignleft\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/32285.gif\" alt=\"32285\" width=\"300\" height=\"200\" \/>Schlie\u00dflich wird er fest angestellt. In Willkassen, einem Dorf am L\u00f6wentinsee bei L\u00f6tzen, lernt er seine Frau kennen. Sie heiraten und die ersten Kinder k\u00fcndigen sich an. Die kleine Familie w\u00e4chst. Von jetzt an wird er in verschiedenen D\u00f6rfern seinen Dienst verrichten und mit einer sicheren Stellung im Bahnhofsgeb\u00e4ude wohnen. Auf dem Bahnsteig sorgt er f\u00fcr Ordnung, Sicherheit und P\u00fcnktlichkeit, stellt die Weichen um und hat noch nebenher Zeit f\u00fcr etwas Landwirtschaft und f\u00fcr seine Kinder. Mit denen spielt er Eisenbahn und verkauft ihnen Fahrkarten &#8211; die Eisenbahn als Spielzimmer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man zieht 1905 von Willkassen nach Birkenwalde, von dort nach Hanffen und landet schlie\u00dflich in Baranowen, einer Bahnstation an der Strecke Sensburg \u2013 Nikolaiken, die 1911 er\u00f6ffnet wurde. Hier l\u00e4sst sich die Familie endg\u00fcltig nieder. Nebenher betreibt Friedrich etwas Landwirtschaft. Ein paar H\u00fchner und G\u00e4nse, eine Kuh und sein Pferdchen. Die Kinder, inzwischen f\u00fcnf an der Zahl, wollen gef\u00fcttert werden. Dann gibt es Krieg. Mitten in der Ernte auf den Getreidefeldern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend im Westen des Deutschen Reichs die Menschen den nach Frankreich fahrenden Soldaten auf den Bahnh\u00f6fen zujubeln, dringen in Masuren russische Truppen ein, es kommt zu ersten Gefechten auf deutschem Boden. Noch handelt es sich nur um Nadelstiche, doch das reicht, die Bev\u00f6lkerung in Panik zu versetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach der siegreichen Schlacht bei Tannenberg im September kommt der Winter. Die K\u00e4mpfe gehen weiter. Die deutschen Gefechtsverluste an der Ostfront sind ab November bis zum Jahresende 1914 gewaltig. Das Reichsarchiv gibt rund 100 000 Mann an, darunter 36 000 Gefallene.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Gro\u00dfvater ist l\u00e4ngst Soldat. Mit seinem treuen Pferd landet er bei der Feldartillerie, die auch als fahrende Artillerie bezeichnet wird. Ich stelle mir vor, wie er auf seinem Pferd sitzt und die Gesch\u00fctze von den braven Ackerpferdchen auf langen M\u00e4rschen von Stellung zu Stellung gezogen werden. Vielleicht ist er aber auch f\u00fcr den sechssp\u00e4nnigen Beobachtungswagen eingeteilt, mit dem Ger\u00e4te zum Aufbau einer Beobachtungsstelle transportiert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3133\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/cz1915013.jpg\" alt=\"cz1915013\" width=\"800\" height=\"585\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/cz1915013.jpg 800w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/cz1915013-300x219.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Februar 1915, als in Masuren bei frostiger K\u00e4lte in Schnee und Eis die sogenannte Winterschlacht geschlagen wird, bei Lyck und L\u00f6tzen die russischen Truppen vernichtet und 50 000 russische Soldaten gefangen genommen werden, wird Friedrich erneut Vater. Am 15. Februar wird sein Sohn Siegfried geboren, genau an dem Tag, an dem die Stadt Tilsit zur\u00fcckerobert wird. Friedrich ist an der Front und verpasst die Geburt seines J\u00fcngsten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vielleicht war aber eine Hebamme im Hause; denn schnell konnte man sie \u00fcber das Streckentelefon anrufen oder anmorsen, so dass sie von Nikolaiken mit der kleinen Dampflok angebraust kam. Auf jeden Fall war bestimmt eine Nachbarsfrau dabei, um die bereits vorhandenen f\u00fcnf Geschwister zu beaufsichtigen und zu beruhigen, wenn ihre Mutter allzu laut mit den Wehen k\u00e4mpfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Derweil k\u00e4mpft Friedrich am 15. Februar gegen russische Eindringlinge. Die deutschen Truppen erobern auch wieder Lyck zur\u00fcck. Auch der Kaiser ist vor Ort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3160\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/428_001.jpg\" alt=\"428_001\" width=\"1050\" height=\"534\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/428_001.jpg 1050w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/428_001-300x153.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/428_001-1024x521.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1050px) 100vw, 1050px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er beobachtet die Kampfhandlungen. Der Heeresbericht vermeldet: <em>\u201eSeine Majest\u00e4t der Kaiser war am 13. Februar in L\u00f6tzen eingetroffen, um zun\u00e4chst jene Stellungen zu besichtigen, die seine Truppen in drei Monate langen K\u00e4mpfen erfolgreich verteidigt hatten. Am Nachmittag traf Seine Majest\u00e4t dann auf der H\u00f6he westlich des Dorfes Grabnik ein, an dessen Ostausgang die deutschen Gesch\u00fctze donnerten. Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte der Allerh\u00f6chste Kriegsherr die K\u00e4mpfe bis zur einbrechenden Dunkelheit. Leichter Regen rieselte vom Himmel. Die strenge K\u00e4lte der letzten Tage hatte sich in Tauwetter verwandelt, als der Feuerkampf allm\u00e4hlich einschlief.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3132\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/bild-1.jpg\" alt=\"bild-1\" width=\"632\" height=\"400\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/bild-1.jpg 632w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/bild-1-300x190.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 632px) 100vw, 632px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein kriegsentscheidender Sieg gelingt den deutschen Truppen in der Winterschlacht in Masuren jedoch nicht. Schneest\u00fcrme und der anhaltende Regen erschweren das weitere Vorr\u00fccken und vor allem den Transport der schweren Gesch\u00fctze. Die Pferde bleiben im Morast stecken. Mein Gro\u00dfvater k\u00e4mpft jetzt mehr um sein Pferd als f\u00fcr sein Vaterland. Die Winterschlacht in Masuren wird schlie\u00dflich im Deutschen Reich als ein bedeutender Sieg \u00fcberschw\u00e4nglich gefeiert, ein wertloser Sieg mit tausenden Opfern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Krieg geht weiter und weitet sich \u00fcber ganz Europa aus. Mein Gro\u00dfvater h\u00e4lt brav zu seinem Pferdchen. Ab und zu bekommt er Urlaub und besucht seine Familie in Baranowen. Wenn er wieder an die Front muss, schickt er seiner Frau manchmal eine Postkarte, wie das fast alle Soldaten gemacht haben. Erhalten ist nur eine einzige Gru\u00dfkarte mit einem Foto, auf dem er und seine Kameraden neben ihren Pferden zu sehen sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3140\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/friedrich_0001.jpg\" alt=\"friedrich_0001\" width=\"1628\" height=\"1036\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/friedrich_0001.jpg 1628w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/friedrich_0001-300x191.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/friedrich_0001-1024x652.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1628px) 100vw, 1628px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Meine Liebe Frau!<\/em><br \/>\n<em> Habe gestern deinen lieben Brief erhalten, meinen besten Dank f\u00fcr dein Schreiben, auch sch\u00f6nen Gru\u00df an mein Liebling Siegfried und an die anderen lieblinge. Ich werde sehn ob Ihr mich finden werdet und noch ein bekannter Kamrad aus der N\u00e4he. Ich werde noch andere Karten zuschicken zum andenken aufbewahren k\u00f6nnt mich alle Tage im Felde sehen auf ein frohes Wiedersehn bitte um Antwort<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Bitte auf Antwort hat meine Gro\u00dfmutter bestimmt entsprochen. Das geschriebene Wort war damals aber in Masuren nicht jedermanns Sache. Vielleicht hat sie deshalb einen Fotografen bestellt, der die Familie f\u00fcr den Krieger an der Front fotografiert hat. Ein Bild sagt ja bekanntlich mehr als tausend Worte.<\/p>\n<div id=\"attachment_3137\" style=\"width: 1755px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3137\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-3137 size-full\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/IMG_0013.jpg\" alt=\"img_0013\" width=\"1745\" height=\"2421\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/IMG_0013.jpg 1745w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/IMG_0013-216x300.jpg 216w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/IMG_0013-738x1024.jpg 738w\" sizes=\"(max-width: 1745px) 100vw, 1745px\" \/><p id=\"caption-attachment-3137\" class=\"wp-caption-text\">Luise B. mit ihren Kindern Wilhelm, Luise, Marie, Erna, Charlotte und Siegfried (1917)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wilhelm, Luise, Marie, Erna, Charlotte und Siegfried werden fein herausgeputzt und ordentlich aufgestellt. Meine Gro\u00dfmutter schaut f\u00fcr einen stillen Moment in die Kamera des Fotografen, dessen Schatten man noch vorne auf dem Bild sehen kann. Sie ist jetzt 34 Jahre alt, Mutter von f\u00fcnf Kindern und drei weiteren Kindern, die kurz nach der Geburt gestorben sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der Krieg zu Ende geht, kehrt der Vater zur\u00fcck nach Hause. Endlich wieder Familie. Es werden noch vier weitere Kinder geboren, zwei davon \u00fcberleben. Friedrich wechselt seine Uniform. Aus dem Gefreiten bei der Feldartillerie wird ein Bahnhofsvorsteher in dem kleinen Dorf Baranowen. Und er schafft es sogar, sich 1925 ein eigenes Haus zu bauen. In dieser Zeit ist wohl das zweite erhaltene Foto meines Gro\u00dfvaters aufgenommen, dieses Mal sogar in einem Fotoatelier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3148\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/IMG_20150211_160100a-Kopie.jpg\" alt=\"img_20150211_160100a-kopie\" width=\"1610\" height=\"1929\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/IMG_20150211_160100a-Kopie.jpg 1610w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/IMG_20150211_160100a-Kopie-250x300.jpg 250w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/IMG_20150211_160100a-Kopie-855x1024.jpg 855w\" sizes=\"(max-width: 1610px) 100vw, 1610px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die drei j\u00fcngsten Nachkriegskinder Berta, Erich und Ernst sind mitgekommen, der Fotograf hat ihnen allerlei Spielzeug in die Hand gedr\u00fcckt, damit sie einen Moment f\u00fcr die Ewigkeit stillhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gl\u00fcck dieser Familie dauert allerdings nur ein paar Jahre. Wilhelm, der \u00c4lteste, wird 1926 bei einem Geldtransport \u00fcberfallen und erschossen. Ernst, der j\u00fcngste Sohn, wird 1932 ausgerechnet von einem Pferd zu Tode getrampelt, als er im vollen Galopp ohne Sattel \u00fcber ein Stoppelfeld jagt und st\u00fcrzt. Mein Gro\u00dfvater stirbt 1937 schwer krank. Er wird 58 Jahre alt, kein biblisches Alter. Meine Gro\u00dfmutter ist jetzt allein in ihrem Haus, die S\u00f6hne an der Front, die T\u00f6chter m\u00fcssen f\u00fcr ihre eigenen Familien sorgen. Sie wird zum Ende des Krieges schwerm\u00fctig und stirbt Ende 1944 in einem Krankenhaus in Allenstein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-3157 alignleft\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/0000-aaaa-ost-rueckfktv6uk-300x242.jpg\" alt=\"0000-aaaa-ost-rueckfktv6uk\" width=\"300\" height=\"242\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/0000-aaaa-ost-rueckfktv6uk-300x242.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/0000-aaaa-ost-rueckfktv6uk.jpg 1000w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Alle Kinder \u00fcberleben den Zweiten Weltkrieg und k\u00f6nnen rechtzeitig mit ihren Familien aus Ostpreu\u00dfen fliehen oder kommen bald aus der Gefangenschaft zur\u00fcck. Alle finden sich in einem kleinen Dorf in der L\u00fcneburger Heide wieder. Alle warten und hoffen ein paar Jahre noch auf eine R\u00fcckfahrt in die Heimat. Aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 14pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">Nachtrag<\/span><br \/>\nPferde waren im Ersten Weltkrieg ein kostbares Gut. Sie zogen schwere Gesch\u00fctze, aber auch Kranken- und K\u00fcchenwagen durch die tief verschlammten Felder Europas. Ihre Reiter \u00fcberbrachten Pl\u00e4ne f\u00fcr bevorstehende K\u00e4mpfe und Nachrichten \u00fcber den Ausgang geschlagener Schlachten. Als Zugtiere f\u00fcr Kanonen oder Versorgungswagen wurden Pferde im wahrsten Sinne zuschanden geritten. Oder man trieb sie \u00fcber vergaste Schlachtfelder, um zu pr\u00fcfen, ob das Gift sich verzogen hatte. Rund eine Million Pferde sollen zwischen 1914 und 1918 allein auf deutscher Seite ums Leben gekommen sein.<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 14pt;\"><strong>Der sterbende Gaul<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Vor Tag im feuchten Graben<br \/>\nLiegt ein verendendes Pferd.<br \/>\nDie Kanoniere haben<br \/>\nEs von der Stra\u00dfe gezerrt . . .<\/p>\n<p>Die Batterie trabt vor\u00fcber,<br \/>\nDie Kanonen, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck \u2013<br \/>\nDen sterbenden Kameraden<br \/>\nLassen die G\u00e4ule zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der wiehert noch einmal so traurig<br \/>\nUnd hebt den Kopf so bang.<br \/>\nDer L\u00e4rm der R\u00e4der und Hufe<br \/>\nDen Abschiedsgru\u00df verschlang . . .<\/p>\n<p>Sehns\u00fcchtig bl\u00e4ht er die N\u00fcstern,<br \/>\nDann sinkt er zur\u00fcck und ist tot.<br \/>\nIn den verglasten Augen<br \/>\nBricht sich das Morgenrot.<br \/>\n<em>Joseph Roth, Illustrierte Kriegszeitung vom 10.1.1917<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 14pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">Quellen<\/span><br \/>\nJohannes Bobrowski, Levins M\u00fchle<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ulrich Jakubzik, Sensburg, Stadt in Masuren, 1988<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ulla Lachauer, Ostpreu\u00dfische Lebensl\u00e4ufe, 1998<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hermann P\u00f6lking, Ostpreu\u00dfen, Biographie einer Provinz, Berlin, 2912<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.ulischubert.de\/geografie\/gem1900\/gem1900.htm?ostpreussen\/oletzko.htm\">http:\/\/www.ulischubert.de\/geografie\/gem1900\/gem1900.htm?ostpreussen\/oletzko.htm<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.europeana1914-1918.eu\/de\/contributions\/14853\">http:\/\/www.europeana1914-1918.eu\/de\/contributions\/14853<\/a><\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/gumbinnen-szittkehmen.blogspot.de\/2012\/10\/bahnhofe.html\">http:\/\/gumbinnen-szittkehmen.blogspot.de\/2012\/10\/bahnhofe.html<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber meinen Gro\u00dfvater Friedrich wei\u00df ich so gut wie nichts. Ich habe ihn auch nicht mehr kennen gelernt. Geboren ist er 1879, gestorben 1937. Ein kurzes Leben lang in Masuren. Geheiratet hat er im Jahre 1902 die Charlotte Nymzyk. Sie &hellip; <a href=\"http:\/\/win2014.de\/?p=3117\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3147,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,222,223,180],"tags":[23,110,117,29,179,14,16,74,30,235],"jetpack_featured_media_url":"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/cropped-Von-Kutschen-und-vergessenem-Flugplatz.jpg","_links":{"self":[{"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3117"}],"collection":[{"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3117"}],"version-history":[{"count":30,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3117\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4187,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3117\/revisions\/4187"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/3147"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3117"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3117"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3117"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}