{"id":2824,"date":"2016-01-28T23:55:49","date_gmt":"2016-01-28T22:55:49","guid":{"rendered":"http:\/\/win2014.de\/?p=2824"},"modified":"2016-01-31T22:17:41","modified_gmt":"2016-01-31T21:17:41","slug":"schnappschuesse-fuer-die-heimat","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/win2014.de\/?p=2824","title":{"rendered":"Ein Schnappschuss f\u00fcr die Heimat"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Manchmal ist es ein unscheinbares Foto, das einem auf dem Flohmarkt oder sonst wo zufliegt. Schaut man dann genauer hin, entdeckt man eine fremde und weit entfernte Welt. Weit, weit entfernt und l\u00e4ngst vergangen. Aber schon sind wir neugierig und wollen wissen, woher dieses Foto kommt. Wer hat auf den Ausl\u00f6ser gedr\u00fcckt? Wer hat es aufbewahrt? Wieso ist es auf dem Flohmarkt gelandet? Ist es ein Privatfoto? Ein Schnappschuss? Wir tasten uns vorsichtig heran. Hier ist z.B. ein Foto mit drei M\u00e4nnern &#8211; vermutlich ein Amateurfoto. Es ist schon stark vergilbt und etwas schr\u00e4ge im Fotolabor entwickelt worden. Wann und wo ist es wohl entstanden? Oder sagt man <em>geschossen<\/em> worden?<!--more weiterlesen--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-2827\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/stryj_0002-1024x648.jpg\" alt=\"stryj_0002\" width=\"640\" height=\"405\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/stryj_0002-1024x648.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/stryj_0002-300x190.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/stryj_0002.jpg 1082w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir haben Gl\u00fcck. Auf der Vorderseite steht gewisserma\u00dfen die Bildunterschrift: <em>Marktplatz in Stryj.<\/em> Und die R\u00fcckseite verr\u00e4t, dass dieses Foto als Feldpost im Januar 1916 aus dem weit entfernten Galizien nach Hamburg geschickt wurde. Januar 1916 \u2013 genau vor 100 Jahren.<br \/>\nStryj geh\u00f6rte damals zu Galizien und war eine Stadt mit 40.000 Einwohnern &#8211; ca. 70 km s\u00fcdlich von Lemberg entfernt. Ende Mai 1915 hatten deutsche Truppen schon Stryj eingenommen und hatten sich auf eine l\u00e4ngere Besatzungszeit eingerichtet. Da gab es nat\u00fcrlich Kontakte mit der einheimischen Bev\u00f6lkerung, vor allem auf dem Marktplatz.<br \/>\nEs gab es Caf\u00e9s, Gesch\u00e4fte und mehrmals in der Woche war Markttag. Aber alles sah anders aus als in Deutschland. Nicht zu vergleichen mit zu Hause. Nicht zu vergleichen mit der Weltstadt Hamburg, wo die Verwandten wohnten. Fast 40% der Einwohner in Stryj waren Juden. Das war eine eigene Welt, fremd und aufregend zugleich. Wie soll man das alles erz\u00e4hlen, wenn man demn\u00e4chst wieder auf Urlaub zu Hause ist? Auf einer Postkarte kann man nicht viel schreiben. Wie w\u00e4re es mit einem Foto? Der Marktplatz mit seinen t\u00e4glichen Besuchern bietet sich daf\u00fcr an. Aber leider sieht man die Menschen nur aus der Ferne. Solche Bilder gibt es auch als Postkarte. Sogar in Farbe. Aber jetzt will man n\u00e4her ran.<\/p>\n<div id=\"attachment_2831\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2831\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2831 size-full\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/plac_w_stryju.jpg\" alt=\"plac_w_stryju\" width=\"800\" height=\"423\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/plac_w_stryju.jpg 800w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/plac_w_stryju-300x159.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><p id=\"caption-attachment-2831\" class=\"wp-caption-text\">1910, Marktplatz von Stryj, einer galizischen Stadt 70 km s\u00fcdlich von Lemberg<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ist doch der Kamerad auf der Stube, der einen Fotoapparat hat. Er hat schon einige Fotos von unserer Gruppe auf der Stube gemacht. Er hat auch schon die sch\u00f6nen B\u00fcrgerh\u00e4user am Marktplatz, die Kirche und das Rathaus fotografiert. Und jetzt ist man wieder am Markt. Man hat hier und da schon etwas gekauft. Einige Gesichter der H\u00e4ndler erkennt man wieder. Die mit den ulkigen L\u00f6ckchen und den schwarzen H\u00fcten zum Beispiel. Man macht Scherze miteinander, auch wenn man die Sprache des anderen \u00fcberhaupt nicht versteht.<br \/>\nAber jetzt versucht man den drei M\u00e4nnern verst\u00e4ndlich zu machen, dass man sie fotografieren m\u00f6chte. Tats\u00e4chlich! Sie sind einverstanden und freuen sich \u00fcber so viel Aufmerksamkeit. Zuerst stehen sie ganz stumm mit ernster und wichtiger Miene hinter ihrem Tisch, so wie sie sich immer im Atelier eines Fotografen aufstellen m\u00fcssen.<br \/>\nAber nein, so geht das nicht! Der Kamerad mit dem Fotoapparat hat eine Idee. So hat er das zu Hause auch gemacht, am Strand von Timmendorf oder auf einer Wanderung durch die Heide. Stellt euch doch mal so hin, dass es nicht so gestellt aussieht. Kein sekundenlanges Standfoto, bitte. Und nicht so steif und ernst. Es soll doch nat\u00fcrlich aussehen, lebendig und ungezwungen, so wie eben Tuchh\u00e4ndler in Stryj ihre Ware anbieten. Es soll zumindest so aussehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-2828\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/stryj_0002-Kopie.jpg\" alt=\"stryj_0002 - Kopie\" width=\"710\" height=\"484\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/stryj_0002-Kopie.jpg 710w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/stryj_0002-Kopie-300x205.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 710px) 100vw, 710px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann gibt der Fotograf, der nette deutsche Soldat, den drei M\u00e4nnern mit den H\u00fcten Regieanweisungen, was sie tun sollen. Messen Sie doch bitte mit dem Ma\u00dfband die Stoffl\u00e4nge aus. Das macht der Mann auch, aber er kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Zu komisch ist das f\u00fcr ihn.<br \/>\nUnd Sie heben bitte den Stoffballen hoch, rollen ihn aus und zeigen mir, wie sch\u00f6n er ist. Aber auch dieser Mann muss schon lachen und versteckt sein Gesicht halb hinter dem schwarzen Stoffballen. Vielleicht ist ihm das ein bisschen peinlich.<br \/>\nEinfacher ist es mit dem dritten Mann, der wahrscheinlich der \u201eGesch\u00e4ftsf\u00fchrer\u201c ist. Und Sie bitte kommen mal nach vorn. Wir brauchen noch jemand, der Ihren Stoff kaufen m\u00f6chte. Fertig ist ein sch\u00f6nes <em>Stimmungsbild<\/em> aus dem fernen Galizien.<br \/>\nSo jedenfalls bezeichnet der Absender auf der R\u00fcckseite der Postkarte dieses Foto und m\u00f6chte damit seine Tochter ein wenig aufheitern. Und f\u00fcgt dazu: <em>Naturaufnahme<\/em>. Was er damit meint, bleibt sein Geheimnis. Vielleicht kannte er das Wort Schnappschuss noch nicht und will damit ausdr\u00fccken, dass es wirklich ein Bild aus dem richtigen Leben ist, nat\u00fcrlich und nicht gestellt. Nur schade &#8211; das merkt man aber erst hinterher &#8211; dass ein Kamerad mit ins Bild gerutscht ist. Das wird die Tochter zu Hause in Hamburg hoffentlich nicht st\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-2826 alignleft\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/stryj_0001-203x300.jpg\" alt=\"stryj_0001\" width=\"220\" height=\"325\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/stryj_0001-203x300.jpg 203w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/stryj_0001.jpg 460w\" sizes=\"(max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/>Am 10. Januar 1916 geht das Foto mit einem kurzen Gru\u00df auf die Reise von Stryj nach Hamburg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><em>Stryj, 10.I.16.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt;\"><em>Liebe Gertrud!<\/em><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 14pt;\"> <em><span style=\"font-size: 12pt;\"> Vielen Dank f\u00fcr lieben Brief. Um Dich ein wenig aufzuheitern sende Dir umseitiges Stimmungsbild aus Stryj. Naturaufnahme. Sonst hier wenig los, nur augenblicklich gro\u00dfe Aufregung der Zivilbev\u00f6lkerung, denn die Russen kommen wieder. <\/span><\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 14pt;\"><em><span style=\"font-size: 12pt;\">Mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen Papa Erich<\/span><br \/>\n<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fotos so aussehen zu lassen, als ob sie Schnappsch\u00fcsse sind, war im Ersten Weltkrieg \u00fcbrigens an der Tagesordnung. Die milit\u00e4rische F\u00fchrung hatte erkannt, wie gut sich Bilder als Propaganda eigneten. Aber echte Schnappsch\u00fcsse waren kaum m\u00f6glich oder von schlechter Qualit\u00e4t. Gestellte Fotos waren einfach wirkungsvoller. \u201eDie meisten Kampfbilder aus dem Ersten Weltkrieg sind gestellt\u201c, das hat der Fotohistoriker Anton Holzer festgestellt. \u201eEs sind genau diese Szenen, die wir als typische Kriegsbilder bis heute in den K\u00f6pfen haben.\u201c<br \/>\nDie offiziellen Kriegsfotografen nahmen diese Bilder meist im Hinterland auf. Echte Schnappsch\u00fcsse von K\u00e4mpfen gab es kaum. Fotografiert wurden gerne siegreiche Szenen der eigenen Truppen oder Kriegsgefangene in Lumpen. Man wollte zeigen, wie unzivilisiert der Feind lebte. Vielleicht ist dieser Gedanke auch im Hinterkopf des Amateurfotografen gewesen, der vor 100 Jahren diese drei Tuchh\u00e4ndler aus Stryj f\u00fcr uns bis heute aufbewahrt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">*****<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es dauerte noch ein paar Jahre, bis echte Schnappsch\u00fcsse ohne Stativ und ohne Regieanweisungen des Fotografen entstehen konnten. 1925 stellte Leitz die erste Kleinbildkamera vor, die in kurzer Zeit die Fotografie revolutionierte. Wackelfreie Bilder und schnelle Schnappsch\u00fcsse waren jetzt jederzeit m\u00f6glich.<br \/>\nIn Stryj, der kleinen Stadt im fernen Galizien, kehrte nur f\u00fcr ein paar Jahre Ruhe und Frieden ein. Wir k\u00f6nnen das nachlesen in dem ergreifenden Roman von Louis Begley, Liebe in Zeiten des Krieges. Begley ist 1933 in Stryj geboren. Der kleine Maciek, die Hauptfigur des Buches, w\u00e4chst in gutb\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen auf. Bis 1939 der Zweite Weltkrieg ausbricht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-2859 alignleft\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/schupostryj-204x300.jpg\" alt=\"schupostryj\" width=\"194\" height=\"285\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/schupostryj-204x300.jpg 204w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/schupostryj-696x1024.jpg 696w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/schupostryj.jpg 747w\" sizes=\"(max-width: 194px) 100vw, 194px\" \/>Als 1941 Galizien von deutschen Truppen besetzt wird, war die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung in Stryj auf 30.000 angewachsen. Immer mehr Juden fl\u00fcchteten aus ganz Polen vor den deutschen Truppen Richtung S\u00fcden. Aber es gab kein Entrinnen.<br \/>\nAus den Akten des Wiener Volksgericht wissen wir, dass schon in den ersten Tagen 2.000 Juden mitten in der Stadt erschossen wurden, weitere 1500 auf dem j\u00fcdischen Friedhof. Insgesamt wurden 10.000 Juden vor Ort erschossen, die \u00fcbrigen 20.000 wurden mit dem Zug in das Vernichtungslager Belzec bei Lemberg deportiert.\u00a0<span style=\"font-size: 12pt; font-family: georgia, palatino, serif;\">Ende August 1943 wurde Stryj als \u201eJudenrein\u201c erkl\u00e4rt.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 14pt; font-family: arial,helvetica,sans-serif;\">Quellen<\/span><br \/>\nUlrich Schmidt, \u00bbIch gebe zu, geh\u00f6rt zu haben\u00ab, Die Ausl\u00f6schung der j\u00fcdischen Gemeinde Stryj und das Schutzpolizeiregiment 24, mandelbaum verlag, Wien, 21013<br \/>\nLouis Begley, L\u00fcgen in Zeiten des Krieges, Suhrkamp, Frankfurt, 1994<br \/>\nHeinrich B\u00f6ll, Der Zug war p\u00fcnktlich, Erz\u00e4hlung, dtv, M\u00fcnchen, 1972<br \/>\nAnton Holzer, Die letzten Tage der Menschheit, Der Erste Weltkrieg in Bildern, Darmstadt, 2013<br \/>\nWalter Sanning, The Dissolution of Eastern European Jewry, Castle Hill Publishers, 2015<br \/>\nauf Deutsch als PDF-Datei unter<em><br \/>\n<a href=\"http:\/\/nsl-archive.tv\/Buecher\/Nach-1945\/Sanning,%20Walter%20-%20Die%20Aufloesung%20des%20osteuropaeischen%20Judentums%20%281983,%20313%20S.,%20Text%29.pdf\">http:\/\/nsl-archive.tv\/Buecher\/Nach-1945\/Sanning,%20Walter%20-%20Die%20Aufloesung%20des%20osteuropaeischen%20Judentums%20%281983,%20313%20S.,%20Text%29.pdf<\/a><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.tenhumbergreinhard.de\/1933-1945-lager-1\/judenvernichtung-in-stryj.html\">http:\/\/www.tenhumbergreinhard.de\/1933-1945-lager-1\/judenvernichtung-in-stryj.html<\/a><\/em><br \/>\n<em> <a href=\"http:\/\/www.galizien-deutsche.de\/hochgeladen\/dateien\/Vortrag-1.Weltkrieg-Dr.Mueller.pdf\">http:\/\/www.galizien-deutsche.de\/hochgeladen\/dateien\/Vortrag-1.Weltkrieg-Dr.Mueller.pdf<\/a><\/em><br \/>\n<em> <a href=\"http:\/\/www.giedriuskuprevicius.lt\/musicae\/Traukinys\/Boll_Heinrich_Der_Zug_war_punktlich.pdf\">http:\/\/www.giedriuskuprevicius.lt\/musicae\/Traukinys\/Boll_Heinrich_Der_Zug_war_punktlich.pdf<\/a><\/em><br \/>\n<em> <a href=\"http:\/\/www.tenhumbergreinhard.de\/1933-1945-lager-1\/judenvernichtung-in-stryj.html\">http:\/\/www.tenhumbergreinhard.de\/1933-1945-lager-1\/judenvernichtung-in-stryj.html<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal ist es ein unscheinbares Foto, das einem auf dem Flohmarkt oder sonst wo zufliegt. 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