{"id":2313,"date":"2015-04-24T17:15:19","date_gmt":"2015-04-24T15:15:19","guid":{"rendered":"http:\/\/win2014.de\/?p=2313"},"modified":"2020-12-26T09:22:46","modified_gmt":"2020-12-26T08:22:46","slug":"noch-einmal-carl-melchior","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/win2014.de\/?p=2313","title":{"rendered":"Carl Melchior &#8211; ein Grabstein und mehr nicht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>In der j\u00fcdischen Zeitschrift <em>Der Morgen<\/em> gibt es im Januarheft 1935 zwei Nachrufe f\u00fcr Carl Melchior, unmittelbar nach seinem Tod am 30. Dezember 1933. Diese beiden Texte sind f\u00fcr lange Zeit die letzten schriftlichen Quellen \u00fcber ihn. In der Nazizeit wurde Carl Melchior \u00fcbergangen und nach 1945 schlichtweg vergessen.<\/strong><br \/>\nWas f\u00fcr bedeutende Verdienste dieser Hamburger Politiker und Jurist hatte, kann man in diesen beiden Nachrufen nachlesen. Es ist unfassbar und nicht zu erkl\u00e4ren, warum er heute immer noch vergessen ist. Es gibt zahlreiche B\u00fccher \u00fcber j\u00fcdische Pers\u00f6nlichkeiten, auch in Hamburg. Aber z.B. in dem Buch von 2011 <em>\u201eIm j\u00fcdischen Hamburg: Ein Stadtf\u00fchrer von A bis Z\u201c<\/em> taucht sein Name nicht auf.<\/p>\n<p><!--more weiterlesen--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_20150705_113205.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-2389 size-medium\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_20150705_113205-300x225.jpg\" alt=\"IMG_20150705_113205\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_20150705_113205-300x225.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_20150705_113205-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Auf dem J\u00fcdischen Friedhof in Hamburg (Ohlsdorf, Ilandkoppel 68) kann man nach langem Suchen das Grab von Carl Melchior in dem Feld L1 finden. Auf dem schlichten Grabstein steht nur der Name: Dr. Carl Melchior. Das Grab war bis vor kurzem fast zugewachsen, beschattet und eingekesselt von einer Thuja. Inzwischen hat die Warburg Bank veranlasst, dass der Grabstein freiglegt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_20151127_140351.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-2513\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_20151127_140351-1024x768.jpg\" alt=\"IMG_20151127_140351\" width=\"640\" height=\"480\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_20151127_140351-1024x768.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/IMG_20151127_140351-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 18pt; color: #ff0000;\"><strong><span style=\"font-family: arial, helvetica, sans-serif;\"><a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Melchior_0001.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-2281 size-medium\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Melchior_0001-211x300.jpg\" alt=\"Melchior_0001\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Melchior_0001-211x300.jpg 211w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Melchior_0001.jpg 684w\" sizes=\"(max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/><\/a><span style=\"font-size: 14pt; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\">Zwei Nachrufe auf Carl Melchior (1934)<\/span><\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kaufmann und Staatsmann<\/strong><br \/>\nDer ernste, ruhige, aber mit zarter Gesundheit versehene Mann hat die Strapazen und Aufregungen der letzten elf Monate schwerer ertragen als die grolle Verantwortung, die er als der Wirtschaftsberater aller deutschen Delegationen von Versailles bis Lausanne auf sich genommen hatte. Schon seit einigen Jahren war er nicht mehr ganz der alte, frische Hamburger, und auch ein l\u00e4ngerer Sanatoriumsaufenthalt im letzten Sommer konnte ihn nicht ganz wieder herstellen. Zwei Tage vor Jahresschlu\u00df hat ihn ein Schlaganfall im Gefolge einer winterlichen Erk\u00e4ltung im Alter von erst 62 Jahren weggerafft &#8211; ein tragischer Zufall wollte es, da\u00df am selben Tag auch der Senior der Firma M. M. Warburg &amp; Co., Aby S. Warburg, nach l\u00e4ngerem Kranksein verschieden ist. Carl Melchiors Tod trifft die deutschen Juden in besonderer Schwere. Hatte er sich doch nach den Ereignissen des Fr\u00fchjahrs 1933 sofort in die erste Reihe derer gestellt, die den Aufbau des Hilfswerks f\u00fcr die durch Boykott und Ausschlu\u00df vom Beruf Getroffenen leiteten. Sein Rat f\u00fcr die Organisation im Inland und vor allem seine weitreichenden internationalen Beziehungen sind damals von gr\u00f6\u00dfter Wichtigkeit gewesen, und man durfte hoffen, da\u00df seine Zugeh\u00f6rigkeit zum Zentralausschu\u00df f\u00fcr Hilfe und Aufbau sich zu der leitenden Stelle des gesamten Hilfswerks entwickeln w\u00fcrde. Da machte ihm die Krankheit die Mitarbeit immer schwerer. Noch von B\u00fchlerh\u00f6hle aus hat er aber, wo es notwendig war, seine Hilfe zerr Verf\u00fcgung gestellt und manchem im In- und Ausland auf den richtigen Weg geholfen.<br \/>\nCarl Melchior stammte von Vater und von Mutter her aus alten Hamburger j\u00fcdischen Familien mit langer kaufm\u00e4nnischer Tradition. Familienbeziehungen f\u00fchrten nach D\u00e4nemark und nach England. In der Atmosph\u00e4re des \u201eehrbaren Kaufmanns\u201c ist der junge Carl Melchior aufgewachsen, der in Bonn, Berlin und Jena Jura studierte und schlie\u00dflich in Hamburg die Richterlaufbahn einschlug. Mitglieder der Familie Warburg lernten den jungen Grundbuchrichter kennen, der auch schriftstellerisch auf diesem Spezialgebiet hervorgetreten war, und boten ihm, als die amerikanischen Gesch\u00e4fte der Firma nach der Uebersiedlung Paul Warburgs nach New York und seinem Eintritt in die feudale Firma Kuhn Loeb &amp; Co. immer weiter wuchsen, einen Posten als Syndikus an. F\u00fcr das Hamburg von 1902 war das keine kleine Sensation, denn die strenge Exklusivit\u00e4t der Warburgs hatte bisher einen solchen Posten nicht zugelassen. Noch einmal durchbricht Carl Melchior die Familientradition: als ihm 1917 der Leiter der Firma, der nur wenige Jahre \u00e4ltere und ihm in langer Freundschaft verbundene Max Warburg als erstem Nichtmitglied der Familie die Teilhaberschaft anbot, die Melchior anderen verlockenden Angeboten selbstverst\u00e4ndlich vorzog.<br \/>\nSchon damals war aber Carl Melchior nicht nur ein Bankjurist geworden, der die gro\u00dfen internationalen Gesch\u00e4fte seiner Firma besorgte, sondern ein Kaufmann, dessen Rat man weit \u00fcber die Fachkreise hinaus mit Aufmerksamkeit aufnahm. Im Krieg, den er als Oberleutnant der bayerischen Fu\u00dfartillerie mitmachte, bringt ihn ein Ungl\u00fccksfall an der Front in schwere Lebensgefahr. Die Genesungszeit verbringt er in der ZentralEinkaufs-Gesellschaft, die Rohstoffe und Lebensmittel aus dem Ausland beschafft. Der kluge Unterh\u00e4ndler, der die Verh\u00e4ltnisse des Auslandes kennt, wird bald Leiter der Organisation und schlie\u00dft drei Abkommen mit Rum\u00e4nien, wodurch die Getreideversorgung der Mittelm\u00e4chte zun\u00e4chst sichergestellt wird. Nach dem Kriegseintritt Rum\u00e4niens geht er als Hauptmann und Batterief\u00fchrer wieder an die Front. Im Ausw\u00e4rtigen Amt war man auf die Kenntnisse Melchiors aufmerksam geworden und schickte ihn 1918 mit der Delegation des Grafen Mirbach nach Sowjetru\u00dfland und sp\u00e4ter mit dem Botschafter Mumm nach Kiew.<\/p>\n<div id=\"attachment_2347\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Bundesarchiv_Bild_183-R01213_Versailles_deutsche_Verhandlungdelegation.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2347\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2347 size-medium\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Bundesarchiv_Bild_183-R01213_Versailles_deutsche_Verhandlungdelegation-300x212.jpg\" alt=\"Bundesarchiv_Bild_183-R01213_Versailles_deutsche_Verhandlungdelegation\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Bundesarchiv_Bild_183-R01213_Versailles_deutsche_Verhandlungdelegation-300x212.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Bundesarchiv_Bild_183-R01213_Versailles_deutsche_Verhandlungdelegation.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2347\" class=\"wp-caption-text\">rechts Carl Melchior<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit dem November 1918 ist Dr. Melchior der st\u00e4ndige Finanzberater der deutschen Delegationen. Als Vorsitzender des Finanzausschusses der Waffenstillstands-kommission f\u00fchrt er in Spa, Trier und Br\u00fcssel die Verhandlungen \u00fcber die schweren Bedingungen der Alliierten. Als einer der sechs Hauptdelegierten geht er nach Versailles zu dem Diktat des Friedensvertrags. Umsonst versucht er hier und in den n\u00e4chsten zwei Jahren das Thema vom politischen auf den wirtschaftlichen Boden zur\u00fcckzuf\u00fchren. Er lehnt, wie die anderen Mitglieder der Delegation, den Versailler Vertrag ab. In der Gesellschaft Hamburger Juristen zeigt er im Juli 1919, wie der Weg weiter gehen mu\u00df, der Deutschland von den Fesseln des Diktats befreien kann. \u201eEin verst\u00fcmmeltes und seiner wichtigsten \u00e4u\u00dferen Erwerbsquellen beraubtes Deutschland soll Lasten tragen, die das gesamte Verm\u00f6gen des fr\u00fcheren territorial und wirtschaftlich ungeschw\u00e4chten Deutschland bei weitem \u00fcberstiegen h\u00e4tten.\u201c Er deckt die zwei widerstreitenden Tendenzen des Vertrags auf, die sich gegenseitig ausschlie\u00dfen, den Willen Englands, das den deutschen Wettbewerb zerst\u00f6ren m\u00f6chte, und den franz\u00f6sischen Wunsch, die deutsche Volkskraft so zu schw\u00e4chen, da\u00df sie sich dem Bev\u00f6lkerungszustand Frankreichs n\u00e4hert. Der Auslandskaufmann weist darauf hin, da\u00df die Beschlagnahme des deutschen Verm\u00f6gens im Ausland ein Mittel sei, um die inl\u00e4ndische Bev\u00f6lkerung zum Auswandern oder Aussterben zu zwingen. Melchior hofft auf die Wiedergutmachungskommission, mit der er in den n\u00e4chsten Jahren in Spa, Genf und Br\u00fcssel, in Genua als Begleiter Walther Rathenaus, in Paris mit Staatssekret\u00e4r Bergmann zusammentrifft.<\/p>\n<div id=\"attachment_2292\" style=\"width: 637px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Steller_Abb1-Kopie.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2292\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2292 \" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Steller_Abb1-Kopie.jpg\" alt=\"Steller_Abb1 - Kopie\" width=\"627\" height=\"247\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Steller_Abb1-Kopie.jpg 500w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/Steller_Abb1-Kopie-300x118.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 627px) 100vw, 627px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2292\" class=\"wp-caption-text\">Die deutschen Unterh\u00e4ndler in Versailles. Von links Leinert, Melchior, Giesberts, Brockdorf-Rantzau, Landsberg, Sch\u00fccking<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mehrfach hat er Ministerposten abgelehnt, 1919 den des Staatssekret\u00e4rs im Reichswirtschaftsministerium, 1920 den des Wirtschaftsministers, 1921 den des Reichsfinanzministers. Wenn er auch gesundheitliche Gr\u00fcnde vorsch\u00fctzte, spricht doch aus allem, da\u00df er Wirtschaftler bleiben und nicht in die politische Arena steigen wollte. In der Inflation ist Melchior mehrere Male \u00f6ffentlich f\u00fcr die Stabilisierung der Mark eingetreten. 1926 zeigt sich sein internationales Ansehen darin, da\u00df er nach der Aufnahme Deutschlands in den V\u00f6lkerbund in dessen Finanzkomitee berufen wird, dem er bis zu seinem Eintritt in Gien Verwaltungsrat der Bank f\u00fcr internationalen Zahlungsausgleich angeh\u00f6rte. Besondere Bedeutung hat Melchior schlie\u00dflich bei dem Zustandekommen des Young-Planes und den vorhergehenden Pariser Verhandlungen gehabt. Im Bankenverband, vor dem Industrie- und Handelstag, dem er angeh\u00f6rte, vertrat er die Ansicht der Delegation und zeigte den Weg, der schlie\u00dflich zum Erl\u00f6schen der Reparationsforderungen gef\u00fchrt hat. Der Sechzigj\u00e4hrige geh\u00f6rte dann dem Beneduce-Ausschu\u00df an, der die Grundlagen zur Lausanner Konferenz ausarbeitete, und auf dieser hat Melchior dann noch den Erfolg seiner jahrzehntelangen M\u00fchen erreicht, Deutschland wenigstens finanziell von den Fesseln des Vertrags von Versailles zu befreien. Aus der Geschichte der Politik dieser Befreiung ist er nicht wegzudenken; sein Verdienst darum hat Reichspr\u00e4sident von Hindenburg in einem Handschreiben zum 60. Geburtstag gew\u00fcrdigt.<br \/>\nNeben der \u00f6ffentlichen T\u00e4tigkeit hat Dr. Melchior die Interessen seiner Firma auf weiten Gebieten der Privatwirtschaft vertreten. In der Versicherung, im Bankwesen, in der Fischerei, bei Kolonialgesellschaften geh\u00f6rte er einer ganzen Reihe von Aufsichtsr\u00e4ten an. Die Pflichterf\u00fcllung, die ihm bei der Verleihung der B\u00fcrgermeister Stolten-Medaille, der h\u00f6chsten Auszeichnung Hamburgs, nachger\u00fchmt wurde, hielt er auch dabei ein. Er geht weg in einer Zeit, die ihm fremd geworden ist, in der er aber umso schwerer f\u00fcr die Allgemeinheit zu ersetzen ist.<br \/>\nM. L.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der deutsche Jude<\/strong><br \/>\nUnmittelbar nach dem 1. April trat Melchior in den Zentralausschu\u00df der deutschen Juden f\u00fcr Hilfe und Aufbau ein. Man \u00fcbertrug ihm dort sehr bald weitgehende Vollmachten. Aber es h\u00e4tte dieser ausdr\u00fccklichen \u00dcbertragung gar nicht bedurft. Seine Autorit\u00e4t war unbestritten und unbestreitbar. Worauf beruhte diese Autorit\u00e4t? Etwa auf dem Namen des gro\u00dfen Finanzmanns und anerkannten europ\u00e4ischen Sachverst\u00e4ndigen? Wir Juden sind gl\u00e4ubig gegen\u00fcber Namen, Titel und Rang, vielleicht oft mehr als der Sache gut ist. Aber in diesem Falle wirkte doch ganz etwas anderes und weit St\u00e4rkeres. Es war vor allem die gro\u00dfe menschliche W\u00e4rme und G\u00fcte, die von diesem Manne bei aller K\u00fchle der Form ausging. Man sp\u00fcrte, er erlebte das Schicksal der Gemeinschaft wirklich mit, in einer Intensit\u00e4t, die bis zum Verzehr seiner Kr\u00e4fte ging. Diese gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfige Beteiligung war gepaart mit scharfer Klarheit und Unbestechlichkeit des Verstandes. Wenn Melchior eine Sache, die man ihm vortrug, guthie\u00df, so wu\u00dfte man, da\u00df in seinem Votum alle wesentlichen Gesichtspunkte verarbeitet waren. Widerriet er, h\u00e4tte niemand es fertig gebracht, sie trotzdem zu unternehmen. Dabei waren es nicht Einzelkenntnisse und -erfahrungen, die seinem Rat dieses gro\u00dfe Gewicht gaben. Es war das unvergleichliche geistige und menschliche Niveau, von dem aus er handelte.<br \/>\nEs kam noch ein Drittes hinzu, und das war die Treue, die Unerm\u00fcdlichkeit, mit der er alle und alles an sich heranbringen lie\u00df. Immer hatte er Zeit. Die ihm n\u00e4her standen, waren oft verzweifelt \u00fcber den Mangel an R\u00fccksicht, den man diesem Mann entgegenbrachte, von dessen schwerem Leiden sie wu\u00dften. Aber alle Versuche, hier Wandel zu schaffen, scheiterten an ihm selbst: er wollte nicht geschont sein, er wollte sich nicht sparen.<br \/>\nUnwillk\u00fcrlich wenden sich die Gedanken dem Manne zu, dem in der vorigen Nummer dieser Zeitschrift Worte des Gedenkens nachgerufen wurden: Ludwig Tietz. Die beiden M\u00e4nner sch\u00e4tzten sich gegenseitig sehr. Den Impuls und Auftrieb des J\u00fcngeren erg\u00e4nzte der \u00c4ltere durch Erfahrung und k\u00fchle \u00dcberlegung. Beide einte die Verbundenheit zur Sache, der sie dienten. In die kurze Spanne ihres Zusammenwirkens f\u00e4llt die bisher fruchtbarste Zeit des Zentralausschusses. Da\u00df wir sie beide missen m\u00fcssen, geh\u00f6rt zu der Tragik dieser Zeit.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <em>Cora Berliner<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Quelle<\/strong><br \/>\nCarl Melchior, in: <em>Der Morgen<\/em>, 1933-1934, Heft 7 (Januar 1934), S. 398-401<br \/>\n&#8211; Carl Melchior, Kaufmann und Staatsmann (M.L.)<br \/>\n&#8211; Cora Berliner, Der deutsche Jude<br \/>\nDorothea Hauser, Politik und Gef\u00fchl, in: John Maynard Keynes, Freund und Feind, Berenberg Verlag, 2004<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Journalistin Cora Berliner, die den Nachruf f\u00fcr Carl Melchior geschrieben hat, wurde 1942 Opfer des Holocaust. In Berlin-Mitte ist eine Stra\u00dfe am Holocaust-Mahnmal nach ihr benannt.<em> <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Cora_Berliner\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Cora_Berliner<\/a><\/em><br \/>\nIn Hannover wurde der Fu\u00df- und Radweg zwischen Opernhaus und Holocaust-Mahnmal nach ihr benannt. Am 29. Oktober 2013 wurde vor ihrem ehemaligen Wohnhaus in Berlin-Wilmersdorf, Emser Stra\u00dfe 37, ein Stolperstein f\u00fcr sie verlegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wann gibt es endlich \u00e4hnliche Ehrungen f\u00fcr den Hamburger Carl Melchior? Wir m\u00fcssen feststellen, dass bis heute seine Bedeutung verkannt wird. Wie schreibt Dorothea Hauser 2004 in ihrem Essay <em>Politik und Gef\u00fchl<\/em> \u00fcber Melchior:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Selten sind Integrit\u00e4t und Augenma\u00df so bestraft worden wie im Fall des deutschen Juden Carl Melchior. Durch und durch Demokrat, Patriot, Realist und Europ\u00e4er, galt der Hamburger Privatbankier 1919 bei den Friedensverhandlungen in Versailles als einziger Lichtblick inmitten einer kl\u00e4glichen deutschen Delegation.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/&lt;iframe width=&quot;560&quot; height=&quot;315&quot; src=&quot;https:\/\/www.youtube.com\/embed\/TB2-j6P4Y04&quot; frameborder=&quot;0&quot; allowfullscreen&gt;&lt;\/iframe&gt;\"><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/TB2-j6P4Y04\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der j\u00fcdischen Zeitschrift Der Morgen gibt es im Januarheft 1935 zwei Nachrufe f\u00fcr Carl Melchior, unmittelbar nach seinem Tod am 30. Dezember 1933. Diese beiden Texte sind f\u00fcr lange Zeit die letzten schriftlichen Quellen \u00fcber ihn. 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