{"id":1288,"date":"2014-08-25T20:24:41","date_gmt":"2014-08-25T18:24:41","guid":{"rendered":"http:\/\/win2014.de\/?p=1288"},"modified":"2016-12-22T19:30:52","modified_gmt":"2016-12-22T18:30:52","slug":"der-mensch-ist-gut","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/win2014.de\/?p=1288","title":{"rendered":"Der Mensch ist gut"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es ist der 7. Mai 1915. In Berlin sitzen wie \u00fcblich die Literaten im Caf\u00e9 des Westens, diskutieren oder schreiben an ihren Werken &#8211; unter ihnen Ren\u00e9 Schickele, Max Brod und Leonhard Frank.<br \/>\nAm Nachbartisch sitzen Journalisten, die aufgeregt und laut \u00fcber eine neue Kriegsmeldung diskutieren. Die Lusitania, ein englisches Passagierschiff, ist gerade von einem deutschen U-Boot versenkt worden. Einer der Journalisten, Felix St\u00f6ssinger, ist dar\u00fcber besonders begeistert. \u201eWir haben die Lusitania versenkt, mit 1198 Passagieren. Das ist die gr\u00f6\u00dfte Heldentat der Menschheitsgeschichte.\u201c<br \/>\nLeonhard Frank h\u00f6rt das, steht auf und schl\u00e4gt St\u00f6ssinger wortlos ins Gesicht. Er verl\u00e4sst fluchtartig das Caf\u00e9 und f\u00e4hrt noch in der Nacht in die Schweiz, um einer Verhaftung zu entgehen. <a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/frank_0001.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-1292 \" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/frank_0001-208x300.jpg\" alt=\"frank_0001\" width=\"180\" height=\"259\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/frank_0001-208x300.jpg 208w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/frank_0001-711x1024.jpg 711w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/frank_0001.jpg 2013w\" sizes=\"(max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a>Er bleibt dort und schreibt mehrere Novellen gegen den Krieg und ver\u00f6ffentlicht sie 1917 unter dem Titel <em>\u201eDer Mensch ist gut\u201c<\/em>. In Deutschland wird das Buch sofort verboten.<br \/>\nLeonhard Frank l\u00e4sst 500 Exemplare des Buches zur Tarnung in die Einbanddecken des Schweizer Zivilgesetzbuches binden und schickt sie auf Schleichwegen nach Deutschland, wo es von Kriegsgegnern heimlich verbreitet wird. Die Sozialdemokraten drucken wenig sp\u00e4ter 500.000 Exemplare auf Zeitungspapier, um sie unter Frontsoldaten zu verteilen. Das Buch wurde ein europ\u00e4isches Ereignis. Heute fragen wir uns: Wer war dieser \u201eWiderstandsk\u00e4mpfer\u201c Leonhard Frank? <!--more weiterlesen--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leonhard Frank geh\u00f6rt zu der Generation von Literaten, die in ihrem Leben vom Kaiserreich an, \u00fcber die Weimarer Republik, das Dritte Reich und Nachkriegszeit bis heute immer wieder gefeiert, verjagt, angefeindet und schlie\u00dflich vergessen wurden. In seinem autobiografischen Roman <em>\u201eLinks wo das Herz ist\u201c<\/em> erfahren wir mehr \u00fcber sein Schicksal. Hier hat er auch die Episode mit der Ohrfeige beschrieben.<br \/>\nLeonhard Frank, geboren 1881, war der Sohn eines armen W\u00fcrzburger Schreinergesellen. Er erlernte das Schlosserhandwerk, arbeitete als Chauffeur und wollte Maler werden. Er trieb sich mittellos und hungernd in Berlin und in M\u00fcnchen herum. In Schwabing geriet er in die K\u00fcnstlerszene und hatte fortan seine Heimat gefunden. Er fing an seine Jugenderlebnisse aufzuschreiben. 1914, noch vor Beginn des Krieges, erschien sein Roman <em>\u201eDie R\u00e4uberbande\u201c<\/em> und machte ihn sofort bekannt. Noch im selben Jahr wurde er mit dem Fontane-Preis ausgezeichnet.<br \/>\nEr erz\u00e4hlte von den Streichen und Abenteuern W\u00fcrzburger Sch\u00fcler und Lehrlinge, die sich von Schillers \u201eR\u00e4ubern\u201c und den Helden Karl Mays inspirieren lie\u00dfen. Das Buch kam im richtigen Augenblick: Indem Frank zeigte, wie die Halbw\u00fcchsigen gegen ihre Lehrer und Arbeitgeber rebellierten, wurde er zum Sprecher einer ganzen Generation.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/frank-2_0002.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-1300 size-medium\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/frank-2_0002-215x300.jpg\" alt=\"frank 2_0002\" width=\"215\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/frank-2_0002-215x300.jpg 215w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/frank-2_0002-736x1024.jpg 736w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/frank-2_0002.jpg 1288w\" sizes=\"(max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/><\/a>Als der Erste Weltkrieg begann, war Leonhard Frank einer der wenigen, die dem patriotischen Taumel widerstanden, ja sogar aktiven Widerstand leisteten. Er musste daf\u00fcr zum ersten Mal Deutschland verlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Marcel Reich-Ranicki hat 2008 in der FAZ den weiteren Werdegang von Leonhard Frank beschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #008080;\">Der Schriftsteller Leonhard Frank war w\u00e4hrend der Weimarer Republik sehr erfolgreich. Als er 1950 nach Deutschland zur\u00fcckkehrte und sich in M\u00fcnchen niederlie\u00df &#8211; er war 1933 emigriert -, konnte sich in seiner Heimat kaum jemand an ihn erinnern. <\/span><br \/>\n<span style=\"color: #008080;\"> Die Nationalsozialisten h\u00e4tten sich mit Frank, der weder Jude noch Kommunist oder Sozialdemokrat war, gern geschm\u00fcckt. Es kam f\u00fcr Leonhard Frank nicht in Frage: Schon im M\u00e4rz 1933 war er in der Schweiz, sp\u00e4ter in den Vereinigten Staaten. 1950 war er wieder in Deutschland. Es erging ihm nicht besser als vielen emigrierten Schriftstellern: Die neue Generation wollte von seiner Prosa nichts mehr wissen. Als er 1961 starb, hielten die meisten bundesdeutschen Zeitungen einen Nachruf f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig. Man begn\u00fcgte sich mit knappen Meldungen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\"><em><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/fragen-sie-reich-ranicki\/fragen-sie-reich-ranicki-ist-der-schriftsteller-leonhard-frank-zu-unrecht-vergessen-1549639.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/fragen-sie-reich-ranicki\/fragen-sie-reich-ranicki-ist-der-schriftsteller-leonhard-frank-zu-unrecht-vergessen-1549639.html<\/a><\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/frank-2_0003.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-1301 size-medium\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/frank-2_0003-194x300.jpg\" alt=\"frank 2_0003\" width=\"194\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/frank-2_0003-194x300.jpg 194w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/frank-2_0003-664x1024.jpg 664w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/frank-2_0003.jpg 1812w\" sizes=\"(max-width: 194px) 100vw, 194px\" \/><\/a>Leonhard Frank geh\u00f6rte zu den \u201eNestbeschmutzern\u201c, die \u00fcber die Nazi-Zeit und deren Verbrechen nicht schweigen wollten. Sie wollten nicht vergessen, dass zahlreiche NS-T\u00e4ter problemlos in der Bundesrepublik Karriere machen konnten. Man nahm ihm auch \u00fcbel, dass er die DDR besuchte und dass er sich in der Bewegung \u201eKampf dem Atomtod\u201c engagierte. Seine Werke sind nach 1945 im Aufbau-Verlag in der DDR erschienen, in der jungen Bundesrepublik sind sie aber kaum verlegt oder gelesen worden. Wie man in den 1960er Jahren mit solchen Leuten wie Leonhard Frank umging, hat DIE ZEIT 1963 in einem Portr\u00e4t der Stadt W\u00fcrzburg ausf\u00fchrlich geschildert: <em>W\u00fcrzburg, dein Lied will ich singen, Garstiges Portr\u00e4t einer sch\u00f6nen deutschen Stadt<\/em> <span style=\"font-size: 10pt;\"><em><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1963\/08\/wuerzburg-dein-lied-will-ich-singen\/\">http:\/\/www.zeit.de\/1963\/08\/wuerzburg-dein-lied-will-ich-singen\/<\/a><\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-1291 size-medium\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Cover-185x300.jpg\" alt=\"Cover\" width=\"185\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Cover-185x300.jpg 185w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/Cover.jpg 401w\" sizes=\"(max-width: 185px) 100vw, 185px\" \/><\/a>Leonhard Frank gilt inzwischen als einer der bedeutendsten pazifistischen Erz\u00e4hler in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. In diesem Jahr feiert Franks Geburtsstadt W\u00fcrzburg ihren ber\u00fchmten Schriftsteller. In \u00fcber 100 Veranstaltungen wird seit April 2014 an ihn erinnert. John D\u00fcffel hat seinen Roman <em>\u201eDie J\u00fcnger Jesu&#8220;<\/em> in Szene gesetzt. Das St\u00fcck hatte im Mai in W\u00fcrzburg Premiere.<br \/>\nEs gibt seit 1982 eine Leonhard-Frank-Gesellschaft, seit einigen Jahren wird der Leonhard-Frank-Preis verliehen und es gibt auch eine Leonhard-Frank-Grundschule.<br \/>\n<em>\u201eW\u00fcrzburg liest ein Buch\u201d<\/em> war im April mit rund 100 Veranstaltungen ein kulturelles Gro\u00dfereignis in der Stadt. Alles drehte sich um Franks Roman <em>\u201eDie J\u00fcnger Jesu&#8220;<\/em>. Es gab Lesungen im \u00f6ffentlichen Raum, Kino, Theater, Ausstellungen und Vortr\u00e4ge \u2013 alle W\u00fcrzburger sollten von seinem Buch in den Bann gezogen werden. Der vergessene Sohn scheint damit endlich in seiner Heimatstadt angekommen zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">http:\/\/youtu.be\/oZjOJMW2WBc<br \/>\nDie vollst\u00e4ndigen Texte, die unter dem Titel <em>\u201eDer Mensch ist gut\u201c<\/em> erschienen sind, findet man hier zum Lesen unter <em><a href=\"http:\/\/win2014.de\/?page_id=1307\">http:\/\/win2014.de\/?page_id=1307<\/a><\/em><br \/>\nEs sind dies die f\u00fcnf Novellen <em>Der Vater, Die Kriegswitwe, Die Mutter, Das Liebespaar <\/em>und<em> Die Kriegskr\u00fcppel<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist der 7. Mai 1915. In Berlin sitzen wie \u00fcblich die Literaten im Caf\u00e9 des Westens, diskutieren oder schreiben an ihren Werken &#8211; unter ihnen Ren\u00e9 Schickele, Max Brod und Leonhard Frank. Am Nachbartisch sitzen Journalisten, die aufgeregt und &hellip; <a href=\"http:\/\/win2014.de\/?p=1288\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1304,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,222,227,180,226],"tags":[242,231],"jetpack_featured_media_url":"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/frank_0002-Kopie-3.jpg","_links":{"self":[{"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1288"}],"collection":[{"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1288"}],"version-history":[{"count":30,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1288\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1791,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1288\/revisions\/1791"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1304"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1288"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1288"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1288"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}