{"id":1076,"date":"2014-06-20T17:25:06","date_gmt":"2014-06-20T15:25:06","guid":{"rendered":"http:\/\/win2014.de\/?p=1076"},"modified":"2015-01-14T09:23:04","modified_gmt":"2015-01-14T08:23:04","slug":"eine-art-vermaechtnis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/win2014.de\/?p=1076","title":{"rendered":"Eine Art Verm\u00e4chtnis"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/pl_0001.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-1106 size-thumbnail\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/pl_0001-150x150.jpg\" alt=\"pl_0001\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Es soll hier von einem Soldaten erz\u00e4hlt werden, der seine Pflicht f\u00fcr das Vaterland tat. Ein ganz normaler Soldat, der 1914 in den Krieg ziehen musste und wie die meisten sein Leben verlor. Aber etwas Besonderes hebt ihn aus der Masse heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more weiterlesen--><br \/>\nPaul Lotz, so hei\u00dft dieser Soldat, wird im September 1914 an die Front geschickt und k\u00e4mpft in Belgien f\u00fcr das Vaterland. Nach wenigen Wochen ist der Krieg f\u00fcr ihn schon zu Ende. Er wird an der Hand verwundet und kehrt in die Heimat zur\u00fcck. Im Gep\u00e4ck Notizen \u00fcber seine Kriegserlebnisse. Im Lazarett schreibt er ein ausf\u00fchrliches Tagebuch.<br \/>\nEr hat innerhalb weniger Wochen die Sinnlosigkeit, das Grauen und die L\u00fcgen dieses Krieges durchschaut und gleichzeitig sein eigenes Handeln hinterfragt. In seinem Notizheft schreibt er am Schluss:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\">Ist es statthaft als Staatsbeamter von diesem Krieg eine andere Meinung zu haben als die Allgemeinheit in Deutschland? Besonders sei bemerkt, da\u00df ich meine Pflicht im vollsten Ma\u00dfe gethan habe und noch thue!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/tageb_0003.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-1109\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/tageb_0003-1024x816.jpg\" alt=\"tageb_0003\" width=\"640\" height=\"510\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/tageb_0003-1024x816.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/tageb_0003-300x239.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Paul Lotz ist sicher nicht der einzige, dem solche Gedanken durch den Kopf gingen. Aber sein Tagebuch zeigt beispielhaft das Leiden einer ganzen Generation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/PLO_0007a.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-1084 size-medium\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/PLO_0007a-223x300.jpg\" alt=\"PLO_0007a\" width=\"223\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/PLO_0007a-223x300.jpg 223w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/PLO_0007a-763x1024.jpg 763w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/PLO_0007a.jpg 1038w\" sizes=\"(max-width: 223px) 100vw, 223px\" \/><\/a>Wer war eigentlich Paul Lotz? Er wird am 29. Oktober 1885 in Wertheim geboren. \u00dcber seine Familien- und Wohnverh\u00e4ltnisse wissen wir nichts. Nach der Schule wird er zun\u00e4chst Klempner. Mit 22 Jahren geht er als Seewehrmann f\u00fcr ein Jahr nach China in die deutsche Kolonie Tsingtau. Nach seiner R\u00fcckkehr wird er Krankenw\u00e4rter und arbeitet in Mannheim in einer Heil- und Pflegeanstalt.<br \/>\nAm 14. M\u00e4rz 1913 heiratet er Babette Karoline Bodenschatz. In der Heiratsurkunde wird Paul Lotz als Gef\u00e4ngnisaufseher ausgewiesen. Am 22. M\u00e4rz 1914 wird ihr Sohn Robert geboren.<br \/>\nAls der Krieg ausbricht, ist der kleine Robert kaum ein halbes Jahr alt. Der Vater wird schon am dritten Tag einberufen. Oder hat er sich freiwillig gemeldet? Die ersten S\u00e4tze in seinem Tagebuch geben dar\u00fcber keine Auskunft.<br \/>\n<span style=\"font-family: georgia,palatino;\"><em><span style=\"color: #008080;\">Es war am 3. August 1914, als mich das Vaterland zur Fahne rief. Nach herzlichem Abschied von Weib und Kind, fuhr ich morgens 9 Uhr vom Hauptbahnhof in Karlsruhe ab, wo mir aus dem schon bereit stehenden Zug ehemalige Kameraden, mit denen ich schon in (der jetzt leider verlorengegangenen Kolonie) Kiautschou zusammen war, entgegen winkten. Unter gegenseitigem Ausfragen \u00fcber unsere Zivilzeit und Familienverh\u00e4ltnisse, fuhr der Zug ab.<\/span><\/em><\/span><br \/>\nAm 1. September \u2013 kurz bevor es an die Front geht \u2013 schreibt er eine Postkarte an seine Frau und an den Bub Robert.<br \/>\n<em><span style=\"color: #008080;\">Holtenau, den 1. September<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"color: #008080;\"> Liebe Frau u. Bub!<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"color: #008080;\"> Soeben habe ich die Karten erhalten mit unserer Photogruppe. Am Sonntag erhielt so ein Kerl Erlaubnis hierzu! Es freut mich sehr Dir damit einen ausgesprochenen Wunsch zu erf\u00fcllen! Die mit x gezeichneten sind meine beiden Landsleute. Bin gespannt ob ich die Hamburger treffe. Bis auf weiteres recht herzl. Gr\u00fc\u00dfe u. K\u00fcsse Dein Mann u. Vater Paul<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"color: #008080;\"> Viele Gr\u00fc\u00dfe an die gute Mutter!<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"color: #008080;\"> Absender Seewehrmann Lotz<\/span><\/em><br \/>\nDer Rest ist schnell erz\u00e4hlt. Paul Lotz kommt im September 1914 an die Front nach Belgien. Er macht sich dort Notizen \u00fcber die verschiedenen \u201eSchlachten und Gefechte\u201c. Im November wird er schwer an der Hand verletzt und wird innerhalb von drei Tagen in seine Heimat nach Wertheim gebracht.<br \/>\n<em><span style=\"color: #008080;\">In Mittelkerke wurde noch mehr Watte untergebunden, da der Verband stark durchblutete und von da nahm mich ein Marinearzt mit seinem Auto nach Ostende, wo ich in einem Hotel schlafen sollte, aber vor Schmerzen die ganze Nacht herumlief, wobei ich noch viele meiner Kameraden traf, die nicht so gut weggekommen waren wie ich. Anderntags ging\u2019s in die Heimat, die ich nach drei Tagen und N\u00e4chten erreichte.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Wertheim kommt Paul Lotz in ein Vereinslazarett. Dort schreibt er anhand seiner kurzen Notizen sein ausf\u00fchrliches Tagebuch und nennt es \u201eErlebnisse eines Seewehrmannes beim 8. Seebataillon, 1 9 1 4\u201c (vollst\u00e4ndiger Text unter<em> <a title=\"Tagebuch\" href=\"http:\/\/win2014.de\/?page_id=60\">http:\/\/win2014.de\/?page_id=60<\/a><\/em><span style=\"color: #000000;\"><a title=\"Tagebuch\" href=\"http:\/\/win2014.de\/?page_id=60\"><span style=\"color: #000000;\">)<\/span><\/a><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kehrt nicht wieder an die Front zur\u00fcck. Seine Verwundung will und will nicht heilen. Einen Tag vor seinem 30. Geburtstag stirbt er am 28. Oktober 1915. In seinem kleinen Notizheft hat er seine bewegendsten Gedanken formuliert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #ff0000; font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: 18pt;\"><a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/PLO_0005.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-1086 \" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/PLO_0005-195x300.jpg\" alt=\"PLO_0005\" width=\"268\" height=\"412\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/PLO_0005-195x300.jpg 195w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/PLO_0005-665x1024.jpg 665w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/PLO_0005.jpg 1377w\" sizes=\"(max-width: 268px) 100vw, 268px\" \/><\/a><\/span><span style=\"color: #ff0000; font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: 14pt;\">Eine Art Verm\u00e4chtnis<\/span><\/strong><br \/>\nFoto: links Paul Lotz<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 14pt; color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva;\">Ist es statthaft als Staatsbeamter von diesem Krieg eine andere Meinung zu haben, als die Allgemeinheit in Deutschland? Besonders sei bemerkt, da\u00df ich meine Pflicht im vollsten Ma\u00dfe gethan habe und noch thue!<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\">1. Heldentod!<\/span><\/strong><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\"> Ein Sch\u00fctzengraben vor Antwerpen. Furchtbares Granatfeuer! Im Graben lauter bleiche, verst\u00f6rte Gesichter! Stiere, angstvolle Augen, kein Kopf wagt sich, der Granatsplitter wegen \u00fcber den Rand des Grabens. Alles an die Wand geschmiegt, als wollten sie in den Erdboden kriechen. Ein Volltreffer. Heftiger Schlag!\u00a0Markdurchdringende Aufschreie! 2 bis 3 tot, ebenso viele verwundet!<\/span><\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\"> Wo bleibt da die Poesie vom Heldentod?<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\">2. Habe ich belgische und franz\u00f6sische Zivilisten und Soldaten gefragt! Nicht ein einziger w\u00fcnschte den Krieg, oder h\u00e4tte Interesse an dem Krieg! Im Gegenteil, allen war es von der ersten Minute an ein unbequemes MUSS!<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\">3. Man betrachte die Gesichter meiner (leider sehr zusammen-geschmolzenen) Kameraden, wenn Befehl kommt: zur\u00fcck in Reserve! Man betrachte die Minen wieder, wenn es hei\u00dft an die Front. Schon aus den Bemerkungen, die auch von Offizieren fallen, h\u00f6rt man da\u00df alles nur dem MUSS gehorcht!<\/span><\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\"> Wo bleibt da die Heldenpoesie?<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\">4. Wie stelle ich mich zum Gebot: Du sollst nicht t\u00f6ten?<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\">5. Wenn ich im sonstigen Leben einen Menschen t\u00f6te und damit z.B. Kindern den Vater, der Frau den Mann, den Eltern den Sohn raube, werde ich als der gr\u00f6\u00dfte Schandfleck am sozialen K\u00f6rper der Menschheit in allen illustrierten Bl\u00e4ttern abgebildet und alles sieht mich mit Grauen an.<\/span><\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\"> Jetzt wird dieser wilde &#8211; sozusagen heidnische, tierische Trieb im Menschen geweckt, w\u00e4hrend sonst gerade diese Triebe von den Erziehern der Menschheit &#8211; am gr\u00fcndlichsten ausgemerzt werden.<\/span><\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\"> Wird doch zum Beispiel schon dem Kind auch die Verst\u00fcmmelung des kleinsten und unscheinbarsten Tieres als eine Rohheit hingestellt.<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<address style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt;\">Nachtrag:<\/span><\/address>\n<address style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 12pt;\">Mehr als 650 000 Menschen werden zwischen August 1914 und November 1918 auf belgischem Boden ihr Leben lassen, Zivilisten und Soldaten, Belgier und Ausl\u00e4nder. Im November 1918 hinterl\u00e4sst der Besatzer ein Land, das ausgepl\u00fcndert und schwer verw\u00fcstet ist, der Lebensstandard in Belgien ist auf das Niveau von 1750 reduziert.<\/span><\/address>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 10pt;\">Zitat aus: Erwin Mortier, Z\u00f6ger-Walzer, Tanz und Verh\u00e4ngnis in Belgiens letztem Sommer; die horen, Zeitschrift f\u00fcr Literatur, Kunst und Kritik, Ausgabe 254, 2014, S. 146<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es soll hier von einem Soldaten erz\u00e4hlt werden, der seine Pflicht f\u00fcr das Vaterland tat. Ein ganz normaler Soldat, der 1914 in den Krieg ziehen musste und wie die meisten sein Leben verlor. 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