{"id":1033,"date":"2014-05-08T18:20:45","date_gmt":"2014-05-08T16:20:45","guid":{"rendered":"http:\/\/win2014.de\/?p=1033"},"modified":"2016-12-22T11:38:42","modified_gmt":"2016-12-22T10:38:42","slug":"anti-kriegsbilder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/win2014.de\/?p=1033","title":{"rendered":"Anti-Kriegsbilder"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/1_0013.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-1034 \" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/1_0013-218x300.jpg\" alt=\"1_0013\" width=\"211\" height=\"291\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/1_0013-218x300.jpg 218w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/05\/1_0013-745x1024.jpg 745w\" sizes=\"(max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/><\/a><span style=\"font-family: 'Georgia','serif';\">1931 erschien im Transmare Verlag, Berlin, ein besonderes Buch, das nur aus Fotos bestand. Der Titel: 1910-1930, Zwanzig Jahre Weltgeschichte in 700 Bildern. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: 'Georgia','serif';\">Das Bildmaterial wurde seinerzeit von Sandor M\u00e1rai und L\u00e1szlo Dorm\u00e1ndi zusammengestellt. Das Buch wurde 1938 von den Nationalsozialisten verboten (\u201eListe des sch\u00e4dlichen und unerw\u00fcnschten Schrifttums\u201c). Kein Wunder &#8211; sollte es doch nach dem Willen der Herausgeber ein Anti-Kriegsbuch sein, auch wenn Friedrich Sieburg im Vorwort den Begriff \u201eKriegsbuch\u201c verwendet.<\/span><!--more weiterlesen--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es lohnt sich, die vollst\u00e4ndige Einleitung von Friedrich Sieburg hier abzudrucken &#8211; zeigt es doch die Absicht, die hinter der Auswahl der Bilder steht. Die Fotos, die die Schrecken des Ersten Weltkriegs zeigen, sind unter <a href=\"http:\/\/win2014.de\/?page_id=37\">http:\/\/win2014.de\/?page_id=37<\/a> zu finden. Alle Fotos haben kurze Titel, an denen man erkennen kann, dass es sich um Antikriegsbilder handelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\"><strong>EINLEITUNG<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica; font-size: 14pt;\"> <strong>VON<\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\"> <strong>FRIEDRICH SIEBURG<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: helvetica;\">Dies Bilderbuch soll, den, der es betrachtet, nicht vom Denken befreien. Es soll ihm nicht die geistige M\u00fche sparen, die im Lesen liegt. Im Gegenteil, es soll ihn veranlassen, die letzten siebzehn oder zwanzig Jahre bis zu Ende durchzukosten und einen Blick auf die Tatsachen zu tun, ohne da\u00df diese durch eine Deutung verh\u00fcllt oder gef\u00e4rbt w\u00fcrden. Zugleich mag die Breite und Vollst\u00e4ndigkeit des Angeschauten ihm das vers\u00f6hnliche Gef\u00fchl verleihen, da\u00df eine Zeit, der v\u00f6llig gut zu sein kl\u00e4glich mi\u00dflang, auch nicht v\u00f6llig b\u00f6se sein kann.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Wenn wir wollen, ist es die beste Zeit und die schlechteste Zeit, die Zeit der dunkelsten Verblendung und der sch\u00e4rfsten Erleuchtung, die Zeit des r\u00fcckhaltlosesten Opfermuts und der b\u00f6sartigsten Gewinn sucht, die Zeit des gr\u00f6\u00dften Getreide\u00fcberflusses und der zahlreichsten Hungertode, die Zeit der sportlichen Unschuld und der blutbefleckten Wollust, die Zeit der schlaffen H\u00e4nde und der geballten F\u00e4uste, die Zeit des Massenmordes und des Heilserums, die Zeit der technischen Triumphe und der Naturkatastrophen, die des wei\u00dfen und des roten Terrors. Es ist die Zeit, in der es hei\u00dft- \u201eVolldampf voraus!\u201cund \u201eWer weitergeht, wird erschossen!\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Kaiser Wilhelm hackt Holz, und Gandhi dreht das heimische Spinnrad. Throne fallen, aber die Kontorsessel treten ins wei\u00dfe Scheinwerferlicht der Zukunft. Die Sch\u00f6nheitsk\u00f6niginnen gehen nackt \u00fcber die Stra\u00dfen, Neger, die dies zu einfach verstehen, werden vor dem Rathaus verbrannt. Die Kr\u00fcppel fahren in kleinen W\u00e4gelchen mit Handkraft durchs Gewimmel, aber Autos mit zweiunddrei\u00dfig Zylindern bringen es auf dreihundert Meilen in der Stunde. Es ist die Zeit, die dunkle Zeit, in die Rathenau und sein M\u00f6rder mit dem gleichen festen Blick hineinsehen. Es ist die Zeit, die einer nicht gewollt und ein anderer reiflich erwogen hat. Es ist die Zeit, die keine Zeit hat, und die in jeder Minute eine Ewigkeit zur\u00fccklegt. Die Zeit denkt ohne Stolz an Gestern und ohne Mut an Morgen, aber das Heute kommt ihr wie das goldene Zeitalter vor. Es ist unsere Zeit.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Es ist unsere Zeit, und darum ist das Buch, das sie im Bilde zeigt, ein Kriegsbuch. Die Bilder der Leichenberge, der verfaulten Menschengesichter, der farbenpr\u00e4chtigen Verwesung treten ohne die vermessene Hoffnung auf, die Zeitgenossen vom Kriege f\u00fcr immer zur\u00fcckschrecken zu k\u00f6nnen. Der dumpfe K\u00e4mpferinstinkt im Menschen l\u00e4\u00dft sich nicht dadurch einsch\u00fcchtern, da\u00df ihm die Gefahren des Kampfes gezeigt werden. Er hat sich ein t\u00f6dliches Ideal gebildet, das nur durch ein anderes Ideal, aber nicht durch Schreckensbilder entthront werden kann. Eine Zeit, die sich ein neues Ideal, und sei es auch ein falsches, zu schaffen versteht, entrinnt dem Kriege leichter als eine, die das alte Ideal des K\u00e4mpfens schlummern l\u00e4\u00dft. Auch das edelste und sanfteste Zeitalter kann sich keine M\u00e4nner w\u00fcnschen, die vor Gefahren zur\u00fcckschrecken, selbst wenn diese Gefahren im Reiche des blutigen Kotes und der F\u00e4ulnis liegen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Jede Belehrung, die sich an den sch\u00f6pferischen Sinn im Menschen wendet, mu\u00df verstanden werden. Das Opfer soll seinen Sinn haben. Die stumme, aber dr\u00f6hnende Stimme der Bilder spricht indes von dem Sinnlosen, von dem Zuf\u00e4lligen, dem Spielerischen, dem Tollen, das die gr\u00f6\u00dften Opfer der Wettgeschichte hervorrief. Der Befreiung des Menschengeschlechtes wurde n i c h t gedient. Alles war ein Zufall. Wer diesen Zufall begriffen hat, wer ihn aus den biederen oder b\u00f6sartigen Gesichtern der Herrscher und Diplomaten, der R\u00fcstungsindustriellen und der Arbeiterf\u00fchrer herausgelesen hat, den erfa\u00dft beim Anblick funkelnagelneuer Gesch\u00fctzrohre, Gasbomben und Tanks mehr als nur ein bitteres L\u00e4cheln.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Die f\u00fcnfzehn oder zwanzig letzten Jahre in Bildern scheinen nahtlos, l\u00fcckenlos in einander \u00fcberzugleiten. Immer sausen m\u00e4chtige M\u00e4nner, von Bewaffneten umgeben, durch abgesperrte Stra\u00dfen, immer geben sich Herrscher, die zu jedem Verrat aneinander entschlossen sind, l\u00e4chelnd die H\u00e4nde, immer haut die Polizei ins graue Menschengewimmel, immer versprechen die \u00f6ffentlichen Sch\u00f6nheiten Tausenden, was sie Einem nicht halten wollen, immer schwankt ein funkelndes Kruzifix \u00fcber jeglichem Menschenjammer, immer spritzen die \u00d6lquellen ihr Gift in die Politik, immer hat das Geld mit dem Reichen Erbarmen, immer wird in Werkst\u00e4tten gehustet und in Ministerien gelogen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Aber eine Kleinigkeit hat sich d o c h ge\u00e4ndert. Es ist nicht genug, um den Tod von vielen Millionen Menschen zu rechtfertigen, aber es rechtfertigt doch das Leben derer, die \u00fcbriggeblieben sind: diejenigen, die Unrecht tun am Ganzen, haben ein schlechtes Gewissen bekommen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Gewi\u00df sind die Gegens\u00e4tze zwischen Arm und Reich heute so scharf wie nur je, gewi\u00df bricht die Gewalt den Schwachen heute nicht minder leicht als fr\u00fcher. Aber das bohrende Gef\u00fchl; da\u00df es anders sein m\u00fc\u00dfte, ist gewachsen. Der Reiche ist seines Geldes, der Gro\u00dfe seiner Macht nicht mehr froh, er f\u00fchlt es bis in sein pers\u00f6nlichstes Leben hinein, wenn das soziale oder moralische Gleichgewicht der Welt, aus der er Nutzen zieht, gest\u00f6rt ist.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Das Gef\u00fchl steigender Verantwortung und regeren Gewissens entsteht in dem Augenblick, wo die Klassengegens\u00e4tze ihre sch\u00e4rfste Zuspitzung erreicht haben. Gehen wir dem sozialen Frieden entgegen? Bestimmt der sozialen Umschichtung! <\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Die Transformatoren, die Staud\u00e4mme und Luftflotten, von denen unsere Bilder schlie\u00dflich sprechen, geh\u00f6ren bald den Vereinigten Staaten, bald der Sowjet-Union. Die Massen, die schwarz-wei\u00df die Bilder erf\u00fcllen, sind auf dem einen noch Gaffer und Spalier, auf dem andern schon handelndes Element, neues Wesen, von dem alle Gewalt ausgeht. Die Menschen wachsen ineinander, die Gesichter entschwinden, die Masse f\u00fcllt m\u00e4chtig den Raum. Die Schicksale verlieren ein wenig von ihrer Einmaligkeit. Das Gemeinsame wird Kraft und Gefahr. Auch f\u00fcr die V\u00f6lker.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Wieviele Nationalflaggen, Grenzsoldaten und Hauptst\u00e4dte wir auch erblicken m\u00f6gen, der Zwang der V\u00f6lker zur Solidarit\u00e4t w\u00e4chst doch. Es gelingt ihnen nicht mehr v\u00f6llig, in ihrer Abtrennung und ihrem Egoismus zu verharren. Weil in Japan ein Streik ausbricht, kann das alte Fr\u00e4ulein in der Familienpension in Brighton ihre Wochenrechnung nicht bezahlen; weil im Kaukasus eine neue \u00d6lquelle angebohrt wird, werden M\u00e4nner in Pennsylvania arbeitslos und m\u00fcssen in den Sch\u00e4chten der Untergrundbahn schlafen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Auf eine neue und zun\u00e4chst grausame Art werden die Menschen. und V\u00f6lker zum Gef\u00fchl des Verbundenseins gebracht. Was werden sie mit diesem Gef\u00fchl beginnen?<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: helvetica;\">Wer davon ein Bild h\u00e4tte, der w\u00fcrde mit Freuden jedes Bild dieser letzten zwanzig Jahre in ewige Dunkelheit versenken.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1931 erschien im Transmare Verlag, Berlin, ein besonderes Buch, das nur aus Fotos bestand. Der Titel: 1910-1930, Zwanzig Jahre Weltgeschichte in 700 Bildern. 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