{"id":60,"date":"2014-01-13T18:56:54","date_gmt":"2014-01-13T17:56:54","guid":{"rendered":"http:\/\/win2014.de\/?page_id=60"},"modified":"2015-01-27T18:20:08","modified_gmt":"2015-01-27T17:20:08","slug":"tagebuecher","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/win2014.de\/?page_id=60","title":{"rendered":"Tagebuch von 1914"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber Paul Lotz siehe\u00a0 <em><a href=\"http:\/\/win2014.de\/?p=1076\">http:\/\/win2014.de\/?p=1076<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"color: #ff0000; font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: 18pt;\">Erlebnisse des Seewehrmanns Paul Lotz (1914)<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/pl_0001.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-1106 size-medium\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/pl_0001-210x300.jpg\" alt=\"pl_0001\" width=\"210\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/pl_0001-210x300.jpg 210w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/pl_0001-720x1024.jpg 720w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/pl_0001.jpg 777w\" sizes=\"(max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a>Es war am 3. August 1914, als mich das Vaterland zur Fahne rief. Nach herzlichem Abschied von Weib und Kind, fuhr ich morgens 9 Uhr vom Hauptbahnhof in Karlsruhe ab, wo mir aus dem schon bereit stehenden Zug ehemalige Kameraden, mit denen ich schon in (der jetzt leider verlorengegangenen Kolonie) Kiautschou zusammen war, entgegen winkten. Unter gegenseitigem Ausfragen \u00fcber unsere Zivilzeit und Familienverh\u00e4ltnisse, fuhr der Zug ab.<br \/>\nNach kurzem Aufenthalt in Heidelberg ging es weiter durch das herrliche Deutschland unserem Bestimmungsort Kiel zu; \u00fcberall mit lautem Jubel der Bev\u00f6lkerung begr\u00fc\u00dft. In Kiel angekommen konnte das Ankleiden gar nicht rasch genug vor sich gehen, allgemein hie\u00df es, die Engl\u00e4nder sind uns schon auf den Fersen. Dem war leider nicht so, denn dem feigen Briten fiel es gar nicht ein, an unsere K\u00fcste zu kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>5. August.<\/strong><br \/>\nMorgens wurden wir eingekleidet und nachmittags 3 Uhr marschierten wir schon feldmarschm\u00e4\u00dfig nach Holtenau als I. Vorkomp. vom 8. Seebataillon. Vorl\u00e4ufig bildeten wir die Reserve des 5. Bataillons, das als Vorposten an der K\u00fcste aufgestellt war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/lo_0008.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-1110\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/lo_0008-1024x654.jpg\" alt=\"lo_0008\" width=\"640\" height=\"408\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/lo_0008-1024x654.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/lo_0008-300x191.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir wurden in einem Tanzsaal untergebracht, wo uns Stroh als Lagerst\u00e4tte diente. Hier kampierten wir bis zum 5. September. Unser Dienst bestand in Bewachen der Flugzeuge, Schleusen usw. und au\u00dferdem in M\u00e4rschen und Gefechts\u00fcbungen.<br \/>\nAnfang September hie\u00df es pl\u00f6tzlich morgens: \u201eAntreten im Ordonnanzanzug\u201c und ab ging es mit Musik nach Kiel, wo wir uns &#8211; alle Bataillone &#8211; zusammenfanden. Kaum waren wir im Viereck aufgestellt, als auch schon S.H. Prinz Heinrich zu Pferd ankam, seine blauen Jungen begr\u00fc\u00dfte und uns mitteilte, da\u00df auch wir an den ruhmreichen K\u00e4mpfen des deutschen Heeres teilnehmen d\u00fcrften. Mit einem \u201eHurrah\u201c auf S. Majest\u00e4t d.d. Kaiser den Siegreichen schlo\u00df er seine in milit\u00e4rischer K\u00fcrze gehaltene Rede. Durch einen Parademarsch in Zugkolonnen fand das Ereignis seinen Abschlu\u00df.<br \/>\nNun ging ein Hasten und Jagen los. Patronen wurden empfangen, die Ausr\u00fcstung durch eiserne Rationen usw. erg\u00e4nzt und eines Morgens 3. September, ging\u2018s mit klingendem Spiel und geschm\u00fcckt mit Blumen zum zweiten Mal zur\u00fcck \u00fcber die Hochbr\u00fccke vom Kaiser Wilhelm-Kanal. Das Verladen in Viehwagen ging rasch vor sich und noch am selben Tag fuhren wir zu Kiel hinaus, \u00fcber Hamburg, dem Feindesland entgegen.<br \/>\nNach unendlich scheinenden Tagen und N\u00e4chten kamen wir nach Herbesthal, der Grenzstation zwischen Belgien und Deutschland. Hier sahen wir die ersten Gefangenen und Verwundete, letztere meistens von Garderegimentern. Unter den Verwundeten befand sich, nach Aussagen meiner Kameraden, auch unser guter Hauptmann Sch\u00f6ning, den wir in der Kolonie als Kompanief\u00fchrer hatten. In Herbesthal blieben wir einen Tag liegen und kochte unsere Kompanie in einem requirierten gro\u00dfen Kessel wieder mal etwas Warmes. Auch kauften wir in einer Bergwirtschaft den ersten franz\u00f6sischen Rotwein. Anderntags ging es weiter nach L\u00fcttich, wo wir noch deutlich die Spuren des Kampfes sahen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>7. September.<\/strong><br \/>\nIn L\u00f6wen angekommen &#8211; hie\u00df es fertig machen, Gewehre laden und sichern &#8211; alles aussteigen. Hier sahen wir zum ersten Mal, was Krieg hei\u00dft! Alles total ausgebrannt. Die sch\u00f6nen Bahnhofhotels &#8211; alles in Tr\u00fcmmerhaufen. W\u00e4hrend des Wartens vor dem Bahnhofsgeb\u00e4ude hatten wir Gelegenheit, die Soldatengr\u00e4ber zu besichtigen, die sich in den Anlagen und Blumenbeeten vor dem Bahnhof befanden, auch Seesoldaten waren schon dabei, von dem Transport, der vor uns angekommen war.<br \/>\nHier erhielten wir aus dem verlassenen Postgeb\u00e4ude belg. 5 Cent Postkarten ausgeh\u00e4ndigt, um unseren Lieben in der Heimat die ersten Gr\u00fc\u00dfe aus Feindesland senden zu k\u00f6nnen. Mittlerweile wurde es hei\u00df, die Mittagssonne machte schl\u00e4frig und alles lag auf dem gro\u00dfen Bahnhofsplatz und schlief, als es pl\u00f6tzlich hie\u00df: \u201eUmh\u00e4ngen!\u201c und fort ging es durch die \u00f6den Stra\u00dfen von L\u00f6wen und das Lied: \u201eDeutschland hoch in Ehren\u201c hallte m\u00e4chtig zwischen den ausgebrannten H\u00e4usern. Gegen Mitte und Ende der Stadt sah man weniger Zerst\u00f6rung und allenthalben hatten die Einwohner Bettlaken und wei\u00dfe T\u00fccher herausgeh\u00e4ngt, um ihre friedliche Gesinnung zum Ausdruck zu bringen. Auch viele Aufschriften an den H\u00e4usern sah man, zum Beispiel: \u201eHier sind keine Giftstoffe!\u201c oder \u201eDeutschlands Freunde\u201c &#8211; oder von Soldatenh\u00e4nden: \u201eGute Leute schonen!\u201c usw. Letzte Aufschrift fanden wir sp\u00e4ter oft und haben selbst hingeschrieben, wenn wir irgendwo gut behandelt wurden.<br \/>\nKaum waren wir einige Stunden in der Hitze marschiert, als auch schon einer und der andere unserer Kameraden schlapp wurde, wozu auch jedenfalls die endlose Bahnfahrt ohne Schlafgelegenheit beitrug. Unser guter Major lie\u00df infolge dieser geminderten Marschf\u00e4higkeit \u00f6fter halten und Wasser verteilen. Bei einbrechender Dunkelheit kamen wir in ein gr\u00f6\u00dferes belgisches Dorf bei Grambelar, wo wir in einer Schule einquartiert wurden. Nachdem wir die Schulb\u00e4nke ins Freie gestellt und Stroh besorgt hatten, machten wir uns an die reifen Birnen im Schulhof und den Nachbarg\u00e4rten. Bei einem belgischen Bauern hatte ich auch Gelegenheit mich wieder mal gr\u00fcndlich zu waschen. Hier sah ich bei einem Kaufmann an der Ladent\u00fcre eine weniger erfreuliche Aufschrift: \u201eAchtung, der Kerl wiegt falsch!\u201c<br \/>\nSp\u00e4t nachts, ich glaube erst gegen 11 Uhr, gab\u2018s was zu essen, das erste warme Essen seit wir Herbesthal verlassen hatten und zwar von Landsturmleuten, die hier einquartiert waren. Endlich glaubten wir uns der langverdienten Ruhe freuen zu d\u00fcrfen, doch mit des Geschickes M\u00e4chten usw.- Es wird gegen 1 Uhr nachts gewesen sein, da ruft\u2018s \u201eAlarm!\u201c<br \/>\nIn den noch patschnassen Waffenrock schl\u00fcpfen und Gep\u00e4ck umh\u00e4ngen, war das Werk weniger Augenblicke, und wenige Minuten sp\u00e4ter ging\u2019s zum Tor hinaus auf Nimmerwiederkehr. Als wir in stockfinsterer Nacht in n\u00f6rdlicher Richtung etwa bis morgens 3 Uhr marschiert waren, wurde gehalten, und unser ganzes Bataillon stellte sich, die Kompanien hintereinander, in ein gro\u00dfes R\u00fcbenfeld neben der Stra\u00dfe. Pl\u00f6tzlich wurde von uns das Erscheinen und Verschwinden eines Lichtes auf dem hinter uns stehenden Kirchturm beobachtet. Eine Patrouille wurde weggeschickt, den T\u00e4ter festzunehmen. Kurze Zeit danach, der Tag fing gerade an zu grauen, da brachte die Patrouille in ihrer Mitte einen katholischen Priester mit breiter Hutkrempe und bleichem Gesicht. Die Meldung lautete: \u201eDas Dorf ist von Einwohnern verlassen, der Kirchturm war leer als wir kamen, der Pfarrer lag im Bett, Beweise, da\u00df er signalisiert hat, konnten wir keine aufbringen.\u201c<br \/>\nDie allgemeine kriegerische Stimmung der Soldaten verlangte, da\u00df der Mann erschossen w\u00fcrde; unser alter, biederer Oberst Lessing aber lie\u00df ihn, als es vollends Tag war, laufen mit dem Befehl, auch er solle das Dorf verlassen, bis die Gefechte dieser Gegend erledigt w\u00e4ren. (Sp\u00e4ter habe ich erfahren, da\u00df man denselben Pfarrer bei der Tat ertappt und gleich f\u00fcsiliert habe.)<br \/>\nInzwischen war die Sonne wieder herausgekommen, was eine Wohltat war f\u00fcr uns, denn wir hatten bei dem frischen Morgen in der durchschwitzten Kleidung recht gefroren. So lagen wir noch unt\u00e4tig bis gegen Mittag. Gegen\u00fcber der Stra\u00dfe lagen verschiedene Geh\u00f6fte, wo wir uns Kaffee kochten und Wasser f\u00fcr die Feldflaschen holten. (Hierbei traf ich noch einen Wertheimer namens Roos, der auch in China war und kurz zuvor von dort zur\u00fcck kam.) Mit Essen war halt wieder nichts. Ich bekam von meinem Freund Edinger einen Landj\u00e4ger zum Brot und unser guter Leutnant Schurrath vom 1. Zug bekam auch einen offeriert, er wehrte jedoch mit dem Bemerken ab. \u201eSo etwas am fr\u00fchen Morgen vertr\u00e4gt nur ein Seesoldatenmagen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>8. September<\/strong><br \/>\nZwischen 12 und 1 Uhr Mittag ging es wieder weiter vor, unsere Kompanie kam auf Vorposten. Der 1. Zug, (dabei auch ich ) Feldwache! Beim Vormarsch in unsere Vorpostenstellungen gab es leider wieder eine Menge, die nicht mehr mitkamen, so da\u00df wir, als die Meldung durch die Kolonne kam \u201e3 Unteroffiziere und 10 Mann schlapp!\u201c l\u00e4ngere Zeit in einem W\u00e4ldchen halten mu\u00dften, bis wieder alles beisammen war.<br \/>\nAuf dem Marsch konnte ich mit ansehen, wie die noch anwesenden Landbewohner (meist Frauen) sich um unsere liegengebliebenen Soldaten annahmen und uns st\u00e4ndig frisches Wasser in die Marschkolonnen reichten. Gegen Abend kamen wir endlich an eine Gruppe Geh\u00f6fte, wo sich unsere Kompanie einquartierte; wir, der 1. Zug, marschierten ungef\u00e4hr noch 4 &#8211; 500 m nach vorn und bezogen ein kleines Bauernhaus als Quartier f\u00fcr die Feldwache. Links von dem Hause befand sich ein Sch\u00fctzengraben, den wir entsprechend ausbesserten und erweiterten. Bevor wir die Zimmer und Stallungen mit Stroh zum Liegen versahen, lie\u00df unser Leutnant Schurrath zum Wache einteilen antreten. Wir stellten einen Doppelposten an die Vorderfront des Hauses und einen Wachtposten an die hintere Seite, die \u00fcbrigen wurden je 6 Mann und 1 Unteroffizier zu Patrouillen gegen den Feind und solche innerhalb der Postenkette verwendet. Da aber die gro\u00dfe Mehrzahl der Kameraden wunde F\u00fc\u00dfe hatte, so wurden zu Patrouillen Freiwillige genommen. Ich meldete mich zur ersten Patrouille und marschierten wir unter F\u00fchrung unseres unerm\u00fcdlichen Korporals Krause gleich los. Weit ausgeschw\u00e4rmt, unser Unteroffizier in der Mitte, ging es, alles Gestr\u00e4uch als Deckung benutzend, mit gro\u00dfer Spannung, was jetzt kommen werde &#8211; gegen den Feind.<br \/>\nZuerst kamen wir an ein herrliches Schlo\u00df (Schiplaken) mit gro\u00dfem Park und sch\u00f6ner, mit hoher Mauer umgebenen G\u00e4rtnerei. Die T\u00fcren am Schlo\u00df waren alle offen, so da\u00df wir die pr\u00e4chtigen R\u00e4ume und Zimmereinrichtungen in aller Ruhe besichtigen konnten. Gro\u00dfartige Kunstgem\u00e4lde, Musikinstrumente, geschnitzte M\u00f6bel, Teppiche von ungeheurem Wert usw., auch neuzeitliche Einrichtungen wie Dampfheizung, warm und kalt, Wasserleitung, elektrisches Licht, alles in eigener Anlage, war vorhanden. Von hier gingen wir durch die G\u00e4rtnerei, durchsuchten das G\u00e4rtnerwohnhaus und den anschlie\u00dfenden Park, ohne etwas Verd\u00e4chtiges zu bemerken. Nach 2 Stunden kehrten wir zur\u00fcck und hatten 6 Stunden Ruhe. Am n\u00e4chsten Tag gingen wir \u00fcber den Park hinaus und kamen in ein Dorf, das auch zum gro\u00dfen Teil verlassen war. In einem bewohnten Haus trafen wir eine alte Frau und ein M\u00e4dchen, welche auf Befragen angaben, es seien belgische Soldaten auf der Flucht hier vorbeigekommen, h\u00e4tten aber zumeist ihre Uniformen weggeworfen und Zivilkleidung angezogen. Die fraglichen Uniformen und Ausr\u00fcstungsgegenst\u00e4nde fanden wir dann auch in einem Graben und nahmen Waffen und andere Gegenst\u00e4nde davon als Troph\u00e4en mit, um sie unseren Kameraden zu zeigen. Auch in der Nacht h\u00f6rten wir nichts. Erst am 3. Tag mittags, wir waren gerade wieder am Schlo\u00df angekommen, da erscheint pl\u00f6tzlich vor uns eine feindliche Reiterpatrouille &#8211; 1 Offizier mit 2 Mann. Ein Mann wurde gleich heruntergeschossen, der andere verschwand im dichten Unterholz und der Offizier hob die H\u00e4nde hoch. Einem Kameraden, der ihn auf dem Korn hatte, riefen wir zu: \u201eNicht schie\u00dfen!\u201c Darauf setzte er das Gewehr ab. Kaum sah das der Offizier, als er auch schon sein Pferd herumri\u00df und im dichten Unterholz verschwand. Das ledige Pferd nahm die 3. Kompanie an sich und verwendete es bei der Bagage. Kurz nach diesem Vorfall scho\u00df es pl\u00f6tzlich vor uns aus dem Park, eine starke feindliche Patrouille hatte uns befeuert, sofort schwenkten wir nach rechts, worauf die ganze Gesellschaft ausri\u00df. Als es nach kurzer Zeit wieder rechts von uns scho\u00df, gingen ich und Kamerad Bischoff weiter vor, bis an den jeweiligen Rand des Parks, sahen aber nichts mehr vom Feind. Gegen Abend wurde von einer anderen Patrouille gemeldet: \u201eStarke feindliche Abteilungen jenseits des Parks gegen uns im Anmarsch.\u201c Nun hie\u00df es Vorsicht!<br \/>\nUnsere ganze Feldwache wurde, au\u00dfer den stehenden Posten, in den Sch\u00fctzengraben f\u00fcr die Nacht umquartiert. Auch wir mu\u00dften, wenn wir von Patrouille zur\u00fcckkamen, wieder in den Sch\u00fctzengraben. Die erste Nachtpatrouille brachte die Meldung, da\u00df der Waldrand vor uns vom Feinde besetzt sei und sich anschicke, gegen uns vorzugehen. Gleich darauf sahen wir auf der ganzen Linie ab und zu elektrische Taschenl\u00e4mpchen aufblitzen, die immer n\u00e4her kamen. Unser Zugf\u00fchrer gab Befehl, nicht eher zu schie\u00dfen, bis wir etwas sehen. Pl\u00f6tzlich prasselte vor uns ein wahnsinniges Gewehrfeuer los, der Feind mochte etwa 2 bis 300 m vor uns liegen. Die feindlichen Kugeln pfiffen mit unheimlichem Gesause und Gezisch \u00fcber uns hinweg. Jetzt kam der Befehl: \u201eStandvisier! Kurz halten! Lebhaftes Gesch\u00fctzfeuer!\u201c Das war uns recht.<br \/>\nEin Feuern ging los, da\u00df einem H\u00f6ren und Sehen verging und hielt etwa eine halbe Stunde an, als pl\u00f6tzlich das feindliche Feuer nachlie\u00df. Wir stellten das Feuer ein und schickten wieder die n\u00e4chste Patrouille los, welche den Befehl erhielt vorzukriechen, aber nicht schie\u00dfen, sondern gut aufpassen, und wenn ein feindlicher Angriff erkannt ist, so rasch wie m\u00f6glich zu uns in den Sch\u00fctzengraben zu springen. Es fing an zu regnen und wir sa\u00dfen bis gegen 2 Uhr nachts fr\u00f6stelnd, in die Finsternis vor uns sp\u00e4hend, im Sch\u00fctzengraben, als unsere Patrouille im Laufschritt zur\u00fcckkam und einen neuen Angriff des Feindes meldete. Gewisserma\u00dfen als Best\u00e4tigung dieser Nachricht fing auch das Geknalle wieder an. Wir hatten inzwischen unsere Seitengewehre aufgepflanzt und erwarteten ab und zu feuernd, den Gegner. Die Munition wurde knapp und es hie\u00df Munition sparen, nur feuern, wenn man den Gegner sieht. Inzwischen waren 2 Kameraden unter dem heftigen Gewehrfeuer zur\u00fcckgelaufen, um Munition zu holen und kamen gerade noch recht, als uns der Feind dicht auf dem Nacken war.<br \/>\nUnser \u00fcberaus heftiges Feuer lie\u00df den Feind scheinbar nicht n\u00e4herkommen, denn nach 1 bis 2 Stunden verstummte das Feuer g\u00e4nzlich. Der str\u00f6mende Regen, der gegen Morgen noch heftiger wurde, sowie der Sand des Grabens verursachten bei uns viele Ladehemmungen, so da\u00df wir froh waren, als es Tag wurde und wir unsere Gewehre in Ordnung bringen konnten. Unsere Patrouillen mu\u00dften unterbleiben, da wir, sobald wir den Graben verlie\u00dfen, heftiges Feuer aus dem 800 bis 900 m vor uns liegenden Wald bekamen. Den Feind konnten wir jedoch nicht sehen. Unsere zwei K\u00f6che, die uns \u00fcber die paar Tage jeden Mittag warmes Essen in einem Waschkessel in der K\u00fcche des Gesch\u00e4fts gekocht hatten, wollten es sich auch heute nicht nehmen lassen, uns etwas Warmes zu besorgen, hatten sie doch tags zuvor auch ein K\u00e4lbchen geschlachtet, das herrenlos herumlief. Die Fleischteile hingen an der Vorderfront des Hauses und konnten, ohne vom Feind beobachtet zu werden, nicht in die K\u00fcche geholt werden. So richteten die guten Kerle einstweilen das Wasser, Feuer, Kartoffel usw. und pa\u00dften auf einen g\u00fcnstigen Moment, das Fleisch ins Haus zu holen. Aber es kam anders!<br \/>\nDer Feind hatte den Rauch am Kamin beobachtet und vermutete unsere Feldwache im Haus. Wenige Minuten sp\u00e4ter schlug auch schon eine Granate neben dem Haus ein, was die K\u00f6che veranla\u00dfte, schleunigst das Haus zu verlassen und zu uns in den Graben zu springen. Letzteres wurde vom Feind auch beobachtet und die Stellung unseres Grabens war verraten. Die beiden n\u00e4chsten Granaten trafen das Haus, wovon die eine in der K\u00fcche krepierte und unsere ganze Kocheinrichtung zerst\u00f6rte, die andere traf den Stall und ri\u00df das geschlachtete K\u00e4lbchen in Fetzen.<br \/>\nNun wurde die Situation immer kritischer. Die Granaten und Schrappnells schlugen vor und hinter uns ein, es war ein grauenvolles Spektakel. Wir lagen platt im Graben, jeden Augenblick gew\u00e4rtig von einer Granate zerrissen zu werden. Ich sagte zu meinem Kameraden Edinger (er ist jetzt leider auch gefallen) \u201eWenn uns jetzt noch einer helfen kann aus dieser H\u00f6lle, so ist es unser Herrgott!\u201c Er erwiderte. \u201eDu hast mir aus dem Herzen gesprochen!\u201c Unsere Kompanie, die rechts hinter uns lag, hatte auch Granatfeuer bekommen und drei Mann verloren. Sie war auch ausgeschw\u00e4rmt im Sch\u00fctzengraben. Links im Anschlu\u00df lag die 3. Kompanie, zudem waren in der Nacht noch Matrosenartilleristen bei uns eingeschw\u00e4rmt.<br \/>\nDieses heftige Artilleriefeuer tobte den ganzen Nachmittag, aber meist schossen sie \u00fcber uns hinweg. Da wir w\u00e4hrend der ganzen Zeit in voller Deckung lagen, so war der Feind der Meinung, uns so ziemlich aufgerieben zu haben und ging nun seinerseits zum Angriff \u00fcber, der ganze Waldrand wimmelte von belgischen Soldaten, welche sprungweise gegen uns vorgingen. Als wir dies bemerkten, er\u00f6ffneten wir wieder ein lebhaftes Sch\u00fctzenfeuer, das ihre Vorw\u00e4rtsbewegungen ins Stocken brachte.<br \/>\nDie feindliche Artillerie wurde nun auch frech und fuhr rechts von einem vor uns liegenden Geh\u00f6ft auf. Zum Gl\u00fcck wurde das sofort von Offizieren bemerkt und wir schossen, was aus dem Rohr ging, darauf unter fortw\u00e4hrendem Rufen: \u201eAuf sie! Das sind die Schw&#8230;! Ruhig zielen!\u201c und so weiter. Zwei Schu\u00df brachte die feindliche Artillerie heraus und dann verschwand sie, so schnell sie gekommen war. Auch unsere Artillerie, die bisher geschwiegen hatte, \u00fcbers\u00e4te das Schlo\u00df und den Park mit Granaten und Schrappnells und erst die Nacht machte der ganzen Sache ein Ende.<br \/>\nDie folgende Nacht sa\u00dfen wir wieder mit aufgepflanztem Seitengewehr im Graben, aber au\u00dfer schwachem, feindlichem Gewehrfeuer vom Wald her, blieb es ruhig. Als am anderen Morgen unsere Patrouillen weit ausgeschw\u00e4rmt auf den Wald los gingen, fanden sie ihn frei vom Feind. Nur tote Belgier, ledige Pferde und Munitionswagen standen herum. Offenbar hatten sie Eile und glaubten sich von uns verfolgt. H\u00e4tten sie geahnt, wie schwach wir waren und da\u00df wir gar keine Truppen mehr in Reserve hatten, sie h\u00e4tten uns mit ihren Massen \u00fcberrannt.<br \/>\nF\u00fcr die n\u00e4chste Nacht mu\u00dften wir unsere Feldwache etwas rechts vorschieben. Durch die schlaflosen N\u00e4chte in Wind und Regen, ohne Nahrung, waren wir sehr heruntergekommen, mu\u00dften uns aber doch noch vorsichtshalber auf die Wacht eingraben. Da wir in der neuen, vorgeschobenen Stellung kein Haus in der N\u00e4he hatten, so bauten wir Zelte auf.<br \/>\nEin toter belgischer Soldat wurde von mir eingegraben, damit man den Anblick des Toten nicht st\u00e4ndig neben sich hatte. Nachdem ich den ganzen Nachmittag fest gearbeitet hatte, mu\u00dfte ich auf die Nacht mit auf Unteroffiziersposten an einer Stra\u00dfe am Waldrand aufziehen. Als wir hinkamen war es schon dunkel.<br \/>\nUnser Leutnant Hein und ich durchsuchten mit entsicherten Waffen bei einbrechender Dunkelheit die vorliegenden Geh\u00f6fte ab, fanden aber nichts Verd\u00e4chtiges und konnten nun beruhigt unseren Posten am Eingang des Waldes aufstellen. Wer nicht gerade auf Posten stand, konnte sich im Unterholz zur Ruhe legen.<br \/>\nDie Nacht verlief ruhig, nur ab und zu kamen Patrouillen an uns vorbei, die wir anriefen, sich aber stets als die unsrigen entpuppten.<br \/>\nAls es Tag wurde, zogen wir zur Feldwache zur\u00fcck, wo inzwischen der Befehl kam, uns zu unserer Kompanie zur\u00fcckzuziehen. Hier erhielten wir zum ersten Mal wieder warmes Essen seit drei Tagen.<br \/>\nInzwischen war der 11. Zug unserer Kompanie auf Feldwache gezogen und wir pflegten in einem benachbarten Geh\u00f6ft der wohlverdienten Ruhe. In die Nachtposten teilten wir uns alle, so da\u00df jeder nur eine Stunde stehen mu\u00dfte. Bei Tagesanbruch ging\u2019s zur\u00fcck zur Kompanie, wo inzwischen eine Kompanie von der Armee angekommen war, die uns abl\u00f6ste. Am Nachmittag marschierte unsere ganze Kompanie zur\u00fcck nach Poity, wo wir 5 Tage in Ruhe kamen und unsere Gewehre, W\u00e4sche usw. sowie haupts\u00e4chlich uns selbst mal gr\u00fcndlich reinigen konnten.<br \/>\nEinmal w\u00e4hrend der Ruhepause mu\u00dften wir nachts um 2 Uhr alarmieren, konnten aber gegen Morgen die Quartiere wieder beziehen. Wir lagen in einem netten Wohnhaus mit Garten, das angeblich einem gefl\u00fcchteten Deutschen geh\u00f6rte. Die Bev\u00f6lkerung sah nicht Vertrauen erweckend aus, machte uns aber keine Schwierigkeiten.<br \/>\nEines Mittags rief\u2018s wieder zum Antreten und wir marschierten wieder bei str\u00f6mendem Regen gegen den Feind. \u00dcber unsere Marschrichtungen und Vorhaben wurde stets schweigend beobachtet, so da\u00df wir nie wu\u00dften, was los war. Gegen Nachmittag 4 Uhr kamen wir in das kleine St\u00e4dtchen Elenyt (Elwyt?), von dem nicht ein Haus bei den dort stattgefundenen Gefechten ganz geblieben war. Total durchn\u00e4\u00dft bezogen wir am Nachmittag den Sch\u00fctzengraben jenseits des Ortes. Der Graben war gut imstand und mit sch\u00f6ner Deckung gegen Unwetter und Artilleriefeuer versehen.<br \/>\nDie Nacht \u00fcber schlief die Mehrzahl in Erdh\u00f6hlen, ein Teil wachte. Die Nacht verlief ruhig. Andern Tages wurden wir durch die II. Comp. abgel\u00f6st und wir bezogen Quartier in der halbzerschossenen Kirche. Die Kirchenst\u00fchle r\u00e4umten wir aus und belegten die ganze Kirche mit Stroh und Bettmatratzen aus den zerschossenen H\u00e4usern. Auch in der Kirche \u00fcberall Zerst\u00f6rung! Prachtvolle \u00d6lgem\u00e4lde und Marmorstatuen waren zertr\u00fcmmert von Granaten. Als gar einer unserer Kameraden (ein Berliner!) die Kanzel bestieg und reden wollte, wurde das ihm ganz und gar nicht angebrachte Gebaren von unserem Offizieren aufs Strengste verboten. Eine kundige Hand spielte auf der wie durch ein Wunder ganz gebliebenen Orgel vaterl\u00e4ndische Lieder, welche wir begeistert mitsangen. Als aber schlie\u00dflich so ein Witzbold von der Musik anfing zu spielen:<br \/>\n\u201eJa, wenn das der Petrus w\u00fc\u00dfte!&#8230;\u201c wurde auch das Orgelspiel untersagt. Hier bezogen wir alle an dem Tag den Sch\u00fctzengraben, denn mit weiterem Vorgehen sollte noch gewartet werden, bis gen\u00fcgend Artillerie da war. Wir erhielten jeden Mittag warmes Essen und Obst gab es in H\u00fclle und F\u00fclle im Kirchengarten.<br \/>\nEtwa 12-1600 m vor unserem Sch\u00fctzengraben war ein Bahndamm. Derselbe war abwechslungsweise von uns, dann wieder von Belgiern besetzt und das Gepl\u00e4nkel der Patrouillen ging den ganzen Tag. Als der Feind bemerkte, das wir jeden Mittag abl\u00f6sten, schickte er uns um diese Zeit immer eine Anzahl Granaten und Schrappnells her\u00fcber, jedoch ohne zu schaden.<br \/>\nDieser Zustand, wobei wir uns soweit ganz wohl f\u00fchlten, fand ganz pl\u00f6tzlich ein Ende. In der Nacht vom 26. auf 27. September 1914 lagen wir wieder im Sch\u00fctzenraben, als ich nachts 12 Uhr geweckt wurde, die ersten Briefe aus der Heimat (seitdem wir in Feindesland waren) waren angekommen. Ich war nat\u00fcrlich sehr erfreut. Aber das Licht zum Lesen fehlte. Kurz darauf kam unser Kurier und brachte f\u00fcr je drei Mann eine Flasche Wein! Was soll das bedeuten, frugen wir uns gegenseitig!? Henkersmahlzeit! sagte einer, ein anderer: \u201ePa\u00dft auf, jetzt geht&#8217;s los!\u201c usw. Mit Spannung erwartete ich den Tag, um die Briefe meiner Lieben lesen zu k\u00f6nnen und war auch kaum damit fertig, als der Befehl kam: \u201eFertigmachen zum Sturmangriff!\u201c<br \/>\nEs war ein nebliger Morgen. Eine d\u00fcnne Sch\u00fctzenlinie war voraus und wir folgten mit 200 m Abstand ausgeschw\u00e4rmt. Es dauerte nicht lange, da h\u00f6rten wir vor uns heftiges Sch\u00fctzenfeuer. Die erste Linie wurde vom Feind, der den Bahndamm besetzt hatte, unter Feuer genommen und einige Kugeln pfiffen auch schon in unsere Linie. Wir gingen deshalb sprungweise vor, sahen uns aber pl\u00f6tzlich vor einem breiten Wassergraben. Aber schon hatte unser Gruppenf\u00fchrer (ein Oberlehrer aus Schleswig-Holstein) eine kleine Steinbr\u00fccke ersp\u00e4ht, welche wir dann als \u00dcbergang benutzten. Vor der Br\u00fccke angekommen, mu\u00dften wir leider bemerken, da\u00df ein feindliches Maschinengewehr st\u00e4ndig das Br\u00fcckchen unter Feuer nahm.<br \/>\nNun sprangen wir halt einzeln dar\u00fcber, was wir laufen konnten, und verschwanden hinter der Br\u00fccke an der B\u00f6schung, wo wir dann nach rechts krochen, weil gerade vor uns die Sch\u00fctzenlinie zu dicht war. Sprungweise schw\u00e4rmten wir unter heftigem feindlichem Feuer in die Sch\u00fctzenlinie ein. Wir kamen leider hinter ein W\u00e4ldchen zu liegen, wurden von allen Seiten beschossen, konnten aber selbst nichts sehen. Auf einmal hatte uns auch noch die feindliche Artillerie auf dem Korn und bestreute uns derart mit Schrappnells, da\u00df wir st\u00e4ndig das Gesicht voll Erde bekamen. Rechts und links von mir gab\u2019s Verwundete und Tote. Mir fuhr ein Gescho\u00dfst\u00fcck unterm Leib durch, da\u00df mir es ordentlich warm wurde, jedoch ohne zu schaden. Um aus diesem m\u00f6rderischen Feuer zu kommen, sprangen wir im Vorgehen links und rechts raus.<br \/>\nIch lief nach links und kam neben einem Wertheimer namens Klein zu liegen, der mir aber gleich zurief, ich sollte mich gut decken, denn hier schl\u00fcgen massenhaft Gewehrkugeln ein. Ich folgte seinem Rat und hatte daf\u00fcr das Vergn\u00fcgen, sie meist \u00fcber mich wegsausen zu h\u00f6ren. Da Hauptmann Krause (II Komp.), der rechts von uns lag, noch Belgier in dem kurz vor uns liegenden W\u00e4ldchen vermutete, so gab er zwei Mann den Befehl vorzuschleichen und nachzusehen, ob das W\u00e4ldchen noch besetzt ist.<br \/>\nTrotz den hageldicht einschlagenden Kugeln kamen die beiden wohlbehalten zur\u00fcck und meldeten: \u201eDas W\u00e4ldchen ist frei vom Feind!\u201c Nun arbeiteten wir uns immer weiter vor und nahmen den Bahndamm herzhaft unter Feuer und merkten auch bald, da\u00df das feindliche Feuer nachlie\u00df. 3- bis 400 Meter vor dem Bahndamm kam der Befehl: \u201eSeitengewehr pflanzt auf!\u201c und mit Hurrah ging\u2019s auf den Bahndamm los. Als wir abgehetzt und atemlos auf dem Bahndamm ankamen, war der Feind verschwunden. Jetzt ging\u2019s \u00fcber den Bahndamm weg und auf das vor uns liegende Dorf Hofstade los, von wo wir noch schwaches Gewehrfeuer bekamen.<br \/>\nDie feindliche Artillerie scho\u00df jetzt wie wahnsinnig auf den Bahndamm, wahrscheinlich in der Meinung, wir h\u00e4tten dort verhalten, verwundeten aber nur unseren Major, der mit dem Stab noch am Bahndamm stand. Unsere Artillerie hatte, bevor wir zum Sturm vorgingen, den Bahndamm ebenfalls fest unter Feuer genommen und haben wir es vielleicht gerade ihnen zu verdanken, da\u00df uns der Sturm verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig leicht wurde. Infolge der gehabten Anstrengungen konnten wir dem Feind nur langsam folgen. Hinter Erlenb\u00fcschen an einem Bachrand brachten wir unsere Sch\u00fctzenlinie in Ordnung und r\u00fcckten bis 900 m an den Dorfrand vor, gruben uns ein weil auch jetzt wieder feindliche Granaten bei uns einschlugen.<br \/>\nDie Telegraphendr\u00e4hte schnitt einer der unsrigen alle ab, er hatte sich zu dem Zweck barfu\u00df gemacht, um besser klettern zu k\u00f6nnen. Um den Feind aus den H\u00e4usern des Dorfes zu vertreiben, scho\u00df unsere Artillerie mit Brandgranaten in dasselbe und bald stand die ganze Bescherung in Flammen. Jetzt r\u00fcckte das 11. Regiment vor, das in Reserve lag und st\u00fcrmte das Dorf und warf den Feind bis in die Stadt Mecheln (Malines) zur\u00fcck. Wir folgten als Reserve in Kompaniekolonnen. Das heftige Gewehrfeuer bestreute auch uns noch, so da\u00df wir dauernd liegen mu\u00dften. Das laute Hurrah! unserer st\u00fcrmenden Kameraden schallte laut zu uns her\u00fcber.<br \/>\nDieses rasche Vorgehen unserer Kameraden in dem mit breiten Wassergr\u00e4ben durchzogenen Terrain, haben wir auch zum gro\u00dfen Teil den uns zugeteilten preu\u00dfischen Landwehr-Pionieren zu verdanken, die es mit bewunderungsw\u00fcrdiger Schnelligkeit fertig brachten, gen\u00fcgend \u00dcberg\u00e4nge herzustellen. Sie benutzten dazu Bauernwagen, Leitern und Bretterbelag, f\u00e4llten B\u00e4ume, alles im feindlichen Feuer und mit bewunderungsw\u00fcrdiger Ruhe.<br \/>\nUnsere schwere Artillerie war jetzt auch bis hinter den Bahndamm nachger\u00fcckt und bescho\u00df das starke Fort Walem von Antwerpen, das kurz hinter Mecheln lag. F\u00fcr die Nacht wurden wir bis Hofstade zur\u00fcckgezogen und in einer Wirtschaft f\u00fcr die Nacht einquartiert. Stroh gab\u2019s fast keins, alte Lumpen usw. dienten als Kopfkissen. Wir waren st\u00e4ndig alarmbereit. Wir hatten nun schon seit 24 Stunden kein Essen mehr, hatten aber vor lauter Gefecht auch gar nicht daran gedacht. Morgens gab\u2019s Kaffee und dann ging es wieder weiter.<br \/>\nKurz vor Mecheln schw\u00e4rmten wir wieder aus, weil aus den H\u00e4usern der Stadt geschossen wurde. Unsere vordere Sch\u00fctzenlinie nahm die Fenster der H\u00e4user unter Feuer und auch unsere Maschinengewehrgarben rasselten dazwischen, so da\u00df das feindliche Feuer nachlie\u00df. Nun r\u00fcckten wir vor, bis kurz vor die Stadt. Die zwei ersten Gruppen, darunter auch ich, wurden beauftragt, die H\u00e4user vor uns zu durchsuchen. Ich war wieder bei unserem Korporal Krause. Mit Hilfe einer Beilpicke wurden die H\u00e4usert\u00fcren aufgesprengt, und nun ging es mit aufgepflanztem Seitengewehr vom Keller bis zum Speicher. Viehzeug, wie Schweine, H\u00fchner, Hasen usw. lie\u00dfen wir raus, da sie sonst in den verriegelten St\u00e4llen elend verhungert w\u00e4ren. In den H\u00e4usern fanden wir nichts Verd\u00e4chtiges.<br \/>\nDrei Laibe Wei\u00dfbrot brachte ich meinen Kameraden mit, ich hatte dieselben in einem Backtrog im Keller gefunden. Auf der Stra\u00dfe lagen tote und verwundete belgische Soldaten und Zivilisten. Nach stundenlangem Suchen kamen wir zu der \u00dcberzeugung, da\u00df nichts mehr in den H\u00e4usern sei. Das meldeten wir, als wir zur\u00fcckkamen und verteilten die gefundenen E\u00dfwaren an unsere Kameraden, welche mit Freuden zugriffen, denn es war schon der zweite Tag, da\u00df wir nichts mehr zu essen hatten.<br \/>\nDie Kompanie hatte, da sie inzwischen wieder feindliche Schrapnells erhielt, eingegraben. Kaum sa\u00dfen wir einige Augenblicke im Graben um auszuruhen, so hie\u00df es auch schon wieder: Antreten! Eine Spitze voraus, das \u00fcbrige folgte, zwei Rotten links und zwei Rotten nach der Stra\u00dfe rechts, so marschierten wir durch die Stadt, alle Fenster genau beobachtend. Bei jeder Br\u00fccke, die wir passierten, machten wir Laufschritt, so kamen wir nach einer halben Stunde an das andere Ende der Stadt, wo wir als Reserve hinter den letzten H\u00e4usern lagen. Inzwischen machte sich ganz unangenehm der Hunger bemerkbar und unsere Offiziere suchten nach E\u00dfwaren. Leider fanden sie nur Keks und Bonbons, welche sie an uns verteilten, es war halt noch immer besser wie nichts. Mit einbrechender Dunkelheit verstummte das Gewehrfeuer. Der Feind hatte sich noch weiter in den Schutz des Forts \u201eWalem\u201c (Waden) zur\u00fcckgezogen.<br \/>\nNachdem am Tage vorher unsere Artillerie Mecheln beschoss, tat das jetzt die feindliche, so da\u00df schon eine Anzahl H\u00e4user in Flammen stand, auch die herrliche Kathedrale, die von unserer Artillerie verschont wurde, hatte jetzt sehr unter den Schrappnells aus den schweren Gesch\u00fctzen des Forts zu leiden. Unter dem furchtbaren Krachen der feindlichen Geschosse gingen wir wieder zur\u00fcck durch die Stadt bis an einen freien Platz, wo wir uns in einem Hotel einquartierten. Es war jedoch nicht von langer Dauer, denn kaum hatten wir uns h\u00e4uslich eingerichtet und uns mit Wein und Zigarren versorgt, so hie\u00df es wieder: Raustreten! Unter str\u00f6mendem Regen ging\u2019s wieder zur\u00fcck zur Stadt hinaus. Es brannten jetzt noch mehr H\u00e4user als am Nachmittag, vielleicht war das der Grund, da\u00df wir aus der Stadt gezogen wurden. Auf dem R\u00fcckmarsch wurde der erste Zug abgeteilt, zum Bewachen des Brigadestabes, der in dem Schlo\u00df St. Ambrosius einquartiert war.<br \/>\nUnter F\u00fchrung unseres Zugleutnants Westermann (Lt. Schurrath war zu unserem gro\u00dfen Bedauern abkommandiert worden) gingen wir los, auf die Suche nach dem Stab. Nach endlosem Umherlaufen fanden wir nachts gegen zwei Uhr das Schlo\u00df. Todm\u00fcde, denn wir hatten seit sieben Uhr morgens schon den Tornister auf dem R\u00fccken, ohne seit zwei Tagen etwas Vern\u00fcnftiges zu essen bekommen zu haben.<br \/>\nJetzt sollte noch ein gro\u00dfer Teil sofort auf Wache ziehen. Aber jeder erkl\u00e4rte, nicht mehr wachen zu k\u00f6nnen, er m\u00fcsse auf Posten einschlafen. Aber Krieg ist Krieg. An einer Seite wurde angefangen und wer dran war, mu\u00dfte halt stehen! Ich war gl\u00fccklicherweise nicht dabei!<br \/>\nNun hatten wir einige sch\u00f6ne Tage. Wir hatten uns in den St\u00e4llen auf Stroh h\u00e4uslich eingerichtet und kochten den massenhaft vorhandenen Rosenkohl, schlachteten eine kleine Ziege, H\u00fchner, Tauben und was wir habhaft werden konnten. F\u00fcr das allgemeine Mittagessen sorgte unser Koch Adolf Issenhut, der mit mir seinerzeit auch in China war (jetzt aber leider auch gefallen ist), er erhielt seine Sachen vom Stabsfourier. Brot bekamen wir sehr wenig. Nach drei Tagen wurde der Stab nach Mecheln verlegt, da sich der Feind wieder weiter zur\u00fcckgezogen hatte.<br \/>\nGegen Abend kamen wir in Mecheln an und wurden direkt hinter der Kathedrale in das Haus eines h\u00f6heren Geistlichen einquartiert, der Stab gerade gegen\u00fcber. Wir stellten hier nur zwei Doppelposten, da alles nahe beisammen war. Das Haus zu verlassen war uns verboten, so waren wir eingesperrt wie Gefangene, tr\u00f6steten uns aber mit dem Wein, den die geistlichen Herren massenhaft im Keller hatten. Da unser Vorrat an Lebensmitteln immer kleiner wurde, so wurden Issenhut und ich und noch ein Kamerad zum Requirieren befohlen. Wir gingen in eine zum Teil zusammengeschossene Mehlhandlung und holten Mehl, Nudeln, Conserven, Salz und Gew\u00fcrze, wobei Issenhut als Sachkundiger den Verk\u00e4ufer spielte. Schwer beladen kamen wir zur\u00fcck, von unseren Kameraden (im Vorgef\u00fchl des Genusses) mit Jubel begr\u00fc\u00dft! Die Herrlichkeit dauerte leider nur zwei Tage.<br \/>\nAm 3. Oktober 1914 abends mu\u00dften wir im G\u00e4rtchen hinter dem Hause antreten, offenbar wollte sich unser Leutnant \u00fcberzeugen, ob auch keiner darunter war, der des Guten zuviel hatte. Unser guter Kamerad Chemnitz, der schon die Gefechte bei Tientrin und Kaumi in China mitgemacht hatte, trat vor und sagte, er habe seine W\u00e4sche gewaschen und die hinge noch oben im Speicher, er wolle sie rasch holen. Unser Leutnant aber witterte Unheil und glaubte, er wolle sich noch Wein besorgen und erlaubte ihm nicht wegzugehen. Chemnitz, der etwas beschr\u00e4nkt war, wollte das aber nicht in den Kopf und er trat noch mal vor und rief: \u201eHerr Leutnant, auch meine Unterhose h\u00e4ngt auch dabei!\u201c Nat\u00fcrlich allgemeines Hallo und Lachen, sogar Leutnant Westermann mu\u00dfte lachen, aber der Chemnitz mu\u00dfte doch ohne W\u00e4sche abr\u00fccken und das wollte ihm noch lange Zeit nicht in den Kopf!<br \/>\nBei einbrechender Dunkelheit marschierten wir ab und gegen 10 Uhr nachts fanden wir unsere Kompanie, die in einem Schulhaus einquartiert war. Als wir es uns in einem Schulsaal auf dem blanken Bretterboden bequem gemacht hatten und eingeschlafen waren, rief es pl\u00f6tzlich: Alarm! Es wird zwischen 1 und 2 Uhr nachts gewesen sein, als wir durch die mondhellen Stra\u00dfen der Stadt am Stadttheater und anderen imposanten Bauwerken vorbei, dem Fort Wahlem entgegenr\u00fcckten, vor uns war heftiges Artillerie und Gewehrfeuer.<br \/>\nDas Fort, das tags zuvor kapituliert hatte, wollte jedenfalls vom Feind zur\u00fcckerobert werden. Wir lagen hier &#8211; zwei Bataillone auf einem Exerzierplatz &#8211; etwa eine Stunde, als das heftige Feuer nachlie\u00df und durften dann wieder nach Hause, wo wir gleich wieder weiterschliefen.<br \/>\nMorgens wurde Gewehrreinigen angeordnet. Unser Kamerad Bischoff (jetzt leider auch gefallen) hatte eine sch\u00f6n etikettierte Flasche irgendwo aufgest\u00f6bert und meinte, der goldgelbe Inhalt sei Cognac, entpuppte sich aber als Oliven\u00f6l und tat unseren verrosteten Gewehren gute Dienste. Um 11 Uhr vormittags war Appell, wo wir infolge des guten Reinigungs\u00f6ls ungeteiltes Lob ernteten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/mm-011-Kopie-Kopie-Kopie-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-1135\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/mm-011-Kopie-Kopie-Kopie-2-1024x509.jpg\" alt=\"mm-011 - Kopie - Kopie - Kopie (2)\" width=\"640\" height=\"318\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/mm-011-Kopie-Kopie-Kopie-2-1024x509.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/mm-011-Kopie-Kopie-Kopie-2-300x149.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum hatten wir Essen empfangen, so hie\u00df es auch schon wieder: Raustreten! Aus den kurz zuvor empfangenen Briefen hatte ich leider gelesen, da\u00df meine Lieben zu Hause schon lange nichts mehr von mir erhalten h\u00e4tten. Ich schrieb deshalb rasch noch eine Karte, die ich beim Abmarsch einer Husarenpatrouille zur Besorgung mitgab. Unser Vormarsch ging n\u00f6rdlich \u00fcber das total zertr\u00fcmmerte Fort Walem hinaus, wo immer noch schwere feindliche Granaten einschlugen.<br \/>\nKurz hinter dein Fort liegt das Dorf Wahlem, von dessen Nordausgang wir heftiges Gewehrfeuer erhielten. Wir (1. Zug) gingen hinter dem Friedhof und der Kirche rechts her\u00fcber und dann sprungweise bis 400 m vor dem Flu\u00df Senne, alles unter heftigem Gewehrfeuer. Der Feind hatte sich \u00fcber den ziemlich breiten Flu\u00df zur\u00fcckgezogen und hatte Sch\u00fctzengr\u00e4ben l\u00e4ngs des Flusses besetzt. Hinter Brombeerhecken und Haselb\u00fcschen gruben wir uns ein, w\u00e4hrend wir abwechselnd gruben und schossen. Pl\u00f6tzlich bekamen wir Granatfeuer schwersten Kalibers. Der ganze Boden bebte und haushoch spritzte der Sand, welcher unser Gl\u00fcck war. Einige unserer Kameraden wurden buchst\u00e4blich lebendig davon begraben, weiter aber keine ernstlichen Verletzungen hatten. Die hereinbrechende Dunkelheit machte der Kanonade ein Ende und wir dankten unserem Herrgott, so glimpflich davon gekommen zu sein. Nachts zwischen 11 und 12 Uhr mu\u00dften wir unsere Stellung wechseln und zur Verst\u00e4rkung unseres II. u. III. Zuges an die Br\u00fccke r\u00fccken.<br \/>\nW\u00e4hrend wir uns hinter dem Graben des II. u. III. Zugs gedeckt entlang zogen, sahen wir unsere lieben Kameraden ges\u00e4t im grellen Mondschein hinter dem Graben liegen &#8211; alles Kopfsch\u00fcsse! Ein gr\u00e4\u00dflicher Anblick! Unser Kompanief\u00fchrer mit verbundenem Kopfe war noch feste auf seinem Posten. Um diesen gr\u00e4\u00dflichen Anblick f\u00fcr kurze Zeit los zu werden, ging ich mit Kamerad Strittmatter (jetzt schwer verwundet) in das lichterloh brennende Dorf zur\u00fcck, um warmen Kaffee f\u00fcr unsere Kompanie zu holen. Jedenfalls m\u00fcssen wir in den taghellen Stra\u00dfen gut zu sehen gewesen sein, denn wir wurden herzhaft unter Feuer genommen und waren froh, als wir mit den Kaffeekesseln gl\u00fccklich wieder zur\u00fcck waren. Jetzt sollten wir nochmal zur\u00fcck zum Wein holen, ich lie\u00df aber einen anderen gehen, denn ich war todm\u00fcde.<br \/>\nEs mag gegen drei Uhr morgens gewesen sein, als ich mit einem gro\u00dfen Spaten bewaffnet zu meinem Zug kroch. Derselbe hatte sich inzwischen links der Br\u00fccke hinter einem Damm eingegraben. Ich schlo\u00df mich als letzter an und grub mich ein, wobei es allm\u00e4hlich Tag wurde. Sobald ich mit dem Kopf oder mit dem Spaten \u00fcber den Rand des Dammes kam, pfiffen die Kugeln dr\u00fcber. Wir hatten eine b\u00f6se Stellung. Hinter uns war ein bis zwei Meter hohes Wasser, vor uns der Flu\u00df und \u00fcber dem Flu\u00df in tadelloser Deckung, kaum 200 Meter entfernt, der Feind.<br \/>\nAlles Gel\u00e4nde, soweit wir es \u00fcbersehen konnten, hatten die Belgier unter Wasser gesetzt &#8211; eine trostlose Lage. Es wird gegen 9 Uhr gewesen sein, als der Befehl kam, wir sollten uns gruppenweise zur\u00fcckziehen, aber so, da\u00df der Feind nichts merkt. Nach stundenlangem Kriechen und Laufen \u00fcber die toten Kameraden hinweg kamen wir ins Dorf. Von einer Patrouille, die wir zur Beobachtung zur\u00fccklie\u00dfen, kam blo\u00df einer wieder, die zwei andern hatten sich zu weit vorgewagt und lagen an der B\u00f6schung, schwer verwundet. Nun bezogen frische Truppen, meist Matrosen, die Stellung.<br \/>\nWir blieben als Reserve liegen. Aber auch hier hatten wir keine Ruhe, die feindliche Artillerie bestrich uns st\u00e4ndig, richtete jedoch wenig Unheil an. Unser Major kam an uns vorbei und rief uns zu: \u201eIhr habt Euch brav gehalten!\u201c &#8211; Das tat jedem wohl und frischer Mut kam in die von Lehm und Schlamm strotzenden Gestalten.<br \/>\nNachmittags wurden wir zur\u00fcckgezogen und mu\u00dften vor dem General, welcher an der Stra\u00dfe stand, im Parademarsch vorbei und kamen in eine belgische Kaserne ins Quartier, wo wir unsere patschnassen M\u00e4ntel trockneten und uns auf Stroh bequem machten.<br \/>\nAbends kam noch unserer biederer Oberst Lessing auf die Stuben und redete unter anderem auch mich an. Ich sagte ihm, wenn wir nur den Kerlen auf den Leib k\u00f6nnten, um unsere toten Kameraden zu r\u00e4chen &#8230; da sagte er nur zufrieden. \u201eKommt noch! Wir Infanterie k\u00f6nnen halt gegen die Artillerie nichts machen, Ihr habt Euch brav gehalten!\u201c Solche Worte taten uns wohl und lie\u00dfen uns den Verlust unserer lieben Kameraden leichter verschmerzen. Am Abend bekamen wir auch Briefe usw., was uns da Erleben auf kurze Zeit vergessen lie\u00df.<br \/>\nMorgens vier Uhr wieder A l a r m ! Wir traten vor der Kaserne an und marschierten entgegen unserer Vermutung, nach Osten. Nach zweist\u00fcndigem Marsch schwenkten wir nach Norden um und kamen durch das vollst\u00e4ndig zerschossene Dorf St.Kathrine mit dem gleichnamigen Fort, das auch total zerschossen war. Beim Weitermarsch kamen wir durch das St\u00e4dtchen Duffel, wovon auch nicht mehr viel ganz war und das an allen Ecken brannte. Das St\u00e4dtchen wimmelte von Infanterie und allerw\u00e4rts reichten uns die Kameraden von der Armee Weinflaschen in die Marschkolonnen. hinter der Stadt schwenkten wir wieder nach links und schw\u00e4rmten teilweise aus, halbrechts vor uns krepierten noch feindliche Granaten und links von uns standen 30 Kanonen in tadelloser Deckung, die die Belgier auf ihrer Flucht stehen gelassen hatten.<br \/>\nGegen Mittag kamen wir wieder an unsere gestrige Stellung, aber viel weiter n\u00f6rdlich, das ganze Terrain, von dem wir noch am vorhergehenden Tag so heftig beschossen wurden, war vom Feinde ger\u00e4umt. Wahrscheinlich hatten sie von unserem Umgehungsversuch Lunte bekommen und hatten aus Angst, zwischen zwei Feuer zu kommen, ihr Heil in der Flucht gesucht. In einem sch\u00f6nen Schlo\u00dfpark machten wir halt und kochten ab. Ein Kamerad und ich gingen in die Schlo\u00dfg\u00e4rtnerei und holten je eine Zeltbahn voll \u00c4pfel, die wir unter die ruhenden Kameraden verteilten. Nach dem Essen bekam unser Sergeant Stollberg das Eiserne Kreuz angeheftet. Unser Oberst meinte dazu, er bedaure, nicht mehr Kreuze zu haben, verdient h\u00e4tten wir\u2018s nach seiner Meinung alle. Er ermahnte den Sergeanten, stets dessen eingedenk zu sein, da\u00df er es f\u00fcr uns alle tr\u00fcge. (Er ist inzwischen auch gefallen.) Sp\u00e4ter erhielten fast alle Offiziere von uns das Eiserne Kreuz. In Antwerpen erhielt auch noch ein Seesoldat von uns das EK, weil er trotz seiner Verwundung im Gefecht geblieben war.<br \/>\nGegen Abend marschierten wir weiter und bezogen Quartier in einem Geh\u00f6ft, mu\u00dften aber trotz der hereinbrechenden Dunkelheit noch einen Sch\u00fctzengraben ausheben, worin wir mit Abl\u00f6sung die Nacht \u00fcber wachen mu\u00dften. Am n\u00e4chsten Tag hoben wir noch einen Sch\u00fctzengraben aus, mit starken Artilleriedeckungen, aber auch die folgende Nacht wurden wir nicht vom Feinde bel\u00e4stigt. Am n\u00e4chsten Morgen, am 9. Oktober 1914 vor Tagesgrauen, erfolgte der weitere Vormarsch, da inzwischen alle Truppen nachgekommen waren. Es verlief alles ruhig. Vom Feind war keine Spur zu sehen, nur die schweren Gesch\u00fctze hallten zu uns her\u00fcber. In der Richtung auf Antwerpen sah man hellen Feuerschein und m\u00e4chtige Rauchwolken. Es waren dies, wie wir sp\u00e4ter sahen, die Petroleumstanks von Antwerpen, die Engl\u00e4nder vor ihrer Flucht in Brand steckten.<br \/>\nAls es hell wurde, kamen wir in das St\u00e4dtchen Reeth. Hier hielt unser Bataillon, setzte die Gewehre zusammen und schickte Unteroffiziersposten an den Nord- und Ostausgang des St\u00e4dtchens. Ich war bei den Unteroffiziersposten am Nordausgang, an der Hauptstra\u00dfe nach Antwerpen. In den letzten H\u00e4usern richteten wir uns h\u00e4uslich ein und stellten, die Front nach Antwerpen, Doppelposten aus. E\u00dfwaren und Wein fanden wir in Menge, unser Kamerad Edinger melkte sogar eine Kuh, aber zum Abkochen der Milch kamen wir nicht, da wir zu fr\u00fch wieder abgel\u00f6st wurden.<br \/>\nEs mochte ungef\u00e4hr 9 Uhr vormittags gewesen sein, ich stand gerade auf Posten, als ein Auto aus der Richtung von Antwerpen angesaust kam. Vorne stand ein Rittmeister von den Braunschweiger Husaren, die Insassen konnte man des schnellen Tempos wegen kaum erkennen. Der Rittmeister winkte uns schon von weitem zu und rief: \u201eDie wei\u00dfe Flagge ist hoch!\u201c Die Freude l\u00e4\u00dft sich kaum beschreiben. Wir verga\u00dfen ganz, da\u00df wir Posten standen und sprachen dem Wein herzhaft zu.<br \/>\nEiner unserer Kameraden hatte vier H\u00fchner ums Leben gebracht und dieselben mit Nudeln und Gr\u00fcnem gekocht, so hatten wir ein kr\u00e4ftiges Mittagessen! Das war unser sch\u00f6nster Tag w\u00e4hrend der Kriegszeit. Kaum hatten wir alle gegessen, als ein Radfahrer Meldung brachte, da\u00df das Bataillon in westlicher Richtung abger\u00fcckt sei.<br \/>\nNur ungern verlie\u00dfen wir unser neues Heim und folgten dem bezeichneten Weg. Unterwegs entdeckten wir noch ein gro\u00dfes Lager schwerer Artilleriemunition, die auch im Stich gelassen worden war. Unsere schweren Brummer verstummten auch allm\u00e4hlich. nach einer Stunde kamen wir wieder auf eine gro\u00dfe Stra\u00dfe, die in nord\u00f6stlicher Richtung nach Antwerpen f\u00fchrte. Hier trafen wir wieder unsere Kompanie, die inzwischen wieder Ersatz von Kiel erhalten hatte, f\u00fcr die toten und verwundeten Kameraden.<br \/>\nWir hielten in der N\u00e4he einer gro\u00dfen Villa und unser Kompanief\u00fchrer lie\u00df eine Gruppe von uns antreten und aus der G\u00e4rtnerei der Villa Trauben f\u00fcr die Kompanie holen zur Erfrischung, denn die armen Kerle waren schon wieder 24 Stunden ohne Essen. Mit einbrechender Dunkelheit wurde weitermarschiert und tausendstimmig schallte \u201eDie Wacht am Rhein\u201c in den Vororten von Antwerpen. In stockfinsterer Nacht kamen wir nach dem St\u00e4dtchen Hemingem, wo wir in einem Tanzsaal einquartiert wurden, der kurz zuvor in Belgien verlassen war. Hier schliefen wir, waren zwar alarmbereit, wurden aber nicht gest\u00f6rt, die frisch von Deutschland gekommenen Ersatzmannschaften hatten die Wache.<br \/>\nAm anderen Morgen war bekannt geworden, da\u00df ein gro\u00dfer Teil belgischer Soldaten Zivil angezogen h\u00e4tte, um der Gefangenschaft zu entgehen. Wir wurden deshalb in Patrouillen eingeteilt und mit dem Befehl abgeschickt, s\u00e4mtliche M\u00e4nner des St\u00e4dtchens, welche sich noch im milit\u00e4rdienstpflichtigen Alter befinden, festzunehmen und in die Stadtkirche zu transportieren, wo sie bis auf weiteres interniert wurden. Im Laufe des Tages traf ich auch noch einen Wertheimer namens Krimmer, der mich aber meines wilden Bartes wegen nicht mehr kannte.<br \/>\nMit einbrechender Dunkelheit marschierten wir wieder weiter, aber nicht in direkter Richtung auf Antwerpen, sondern wieder mehr westlich und kamen sp\u00e4t nachts in den Vorort Kiel, wo schon preu\u00dfische Ulanen einquartiert waren. Abermals mu\u00dften wir unseren Drang nach dem Siegeseinmarsch bez\u00e4hmen. Wir wurden in der Hauptstra\u00dfe des Ortes einquartiert, da auch hier wie \u00fcberall, wo wir gewesen waren, die Bewohner geflohen waren. So wurde eine Anzahl T\u00fcren eingeschlagen und Quartier gemacht. Die ersten zwei Gruppen, darunter auch ich, wurden mit unserem Zugleutnant in ein Haus einquartiert, in dessen parterre R\u00e4umen sich ein feines Delikatessengesch\u00e4ft befand.<br \/>\nEs wurde Licht gemacht und Herr Leutnant Westermann postierte sich vor den Herrlichkeiten wie gekochtem Schinken, feine Wurst usw. &#8211; Damit keiner von der hungrigen Gesellschaft aus Versehen etwas nach oben nehmen k\u00f6nnte. Oben wurden wir verteilt. Ich kam mit zwei Kameraden in ein kleines M\u00e4dchenzimmer, aber leider ohne Bett. Die wenigen an einem Kleiderhaken h\u00e4ngenden Frauenr\u00f6cke dienten uns als Kopfpolster. S\u00e4mtliche Fensterscheiben waren von der Beschie\u00dfung geplatzt, und ein kalter Wind pfiff die ganze Nacht \u00fcber uns weg.<br \/>\nWir waren schon halb eingeschlafen, als uns der Leutnant nochmals einsch\u00e4rfte, da\u00df wir unter keinen Umst\u00e4nden die unteren Ladenr\u00e4ume betreten d\u00fcrften. Unsere Kameraden machten Einwendungen, man m\u00fcsse doch schlie\u00dflich mal austreten usw., aber Leutnant Westermann lie\u00df sich auf nichts ein, im schlimmsten Falle seien ja auch noch die Fenster da. Er verbiete es einfach! Morgens, es war der 11. Oktober und noch stockfinster, als wir wieder abr\u00fcckten.<br \/>\nAuf dem Marsch konnte ich zu meiner geheimen Freude feststellen, da\u00df einige unserer Kameraden doch f\u00fcr die leiblichen Bed\u00fcrfnisse gesorgt und einige von den Herrlichkeiten mitgenommen hatten. Es war auch n\u00f6tig, denn von der Kompanie konnten wir des Vormarsches wegen nichts bekommen. Nach 4 bis 5st\u00fcndigem Marsch auf dem harten Pflaster der Vorst\u00e4dte kamen wir gegen 10 Uhr an der \u00e4u\u00dferen Stadtumwallung an. Auf den W\u00e4llen wehte die deutsche Flagge und Kameraden von der Armee standen Wache. Nachdem wir unsere Anz\u00fcge nach M\u00f6glichkeit in Ordnung gebracht hatten, marschierten wir mit angezogenem Gewehr und Gleichschritt in die Stadt. Laut t\u00f6nte unser Schritt auf dem Pflaster und mit Begeisterung sangen wir das Lied \u201eO Deutschland hoch in Ehren!\u201c und das \u201eHaltet aus im Sturmgebraus!\u201c t\u00f6nte so m\u00e4chtig, da\u00df man es wohl stundenweit h\u00f6ren mu\u00dfte. Inmitten der Stadt an einem freien Platze wurde gehalten und die zur\u00fcckgebliebenen Einwohner kamen allm\u00e4hlich aus ihren H\u00e4usern um uns neugierig anzustaunen.<br \/>\nSie hatten die Tage der Beschie\u00dfung im Keller zugebracht und alle Kellerfenster waren mit Sands\u00e4cken zum Schutz gegen Granatsplitter belegt. Vereinzelt sah man die Wirkung deutscher Geschosse. Das Innere der Stadt aber hatte wenig gelitten.<br \/>\nGegen 12 Uhr mittags wurde wieder angetreten und mit Musik ging\u2019s an unserem Oberst im Parademarsch vorbei, in eine belgische Kaserne, wo unser ganzes Bataillon einquartiert wurde. Nun dachten wir auf unseren Lorbeeren ausruhen zu k\u00f6nnen, wir hatten aber f\u00e4lschlicherweise nur mit den Rechten, nicht mit den Pflichten des Eroberers gerechnet. Um 11 Uhr schon hie\u00df es: \u201eWache &#8211; antreten!\u201c<br \/>\nIch war mit 11 Kameraden und Korporal Krause zum Schutz des st\u00e4dtischen Gaswerkes bestimmt.<br \/>\nUnsere Aufgabe war zu verhindern, da\u00df es jemand gel\u00e4nge, die Stadt in Dunkel zu h\u00fcllen und im Schutze der Nacht Anschl\u00e4ge auf unsere Truppen zu organisieren, denn am Hafen fand man ganze Berge weggeworfener belgischer Uniformen, ein Beweis, da\u00df belgische Milit\u00e4r zum gro\u00dfen Teil Zivil angezogen hat, und es war deshalb auch nicht ausgeschlossen, da\u00df sie schlie\u00dflich als Franktireurs ihr Wesen trieben. Da keiner von uns wu\u00dfte, wo das Gaswerk lag, nahmen wir einen belgischen Schutzmann mit, er solle uns den Weg zeigen. Auf dem Weg durch die Stadt hatten wir Gelegenheit, Antwerpens herrliche Bauwerke und Denkm\u00e4ler zu bewundern.<br \/>\nWir mochten etwa eine halbe Stunde marschiert sein, so kamen wir an ein riesiges Geb\u00e4ude, welches uns vom Schutzmann als Gasanstalt bezeichnet wurde. Wir gingen durch das Tor, suchten nach einer geeigneten Wachstube und mu\u00dften dabei wahrnehmen, da\u00df wir in ein Krankenhaus geraten waren. Gleich sahen wir nach unserem Schutzmann, aber der war verschwunden. Einer der belgischen \u00c4rzte der leidlich deutsch sprach, half uns aus der Verlegenheit, indem er seinen Jungen mitschickte, der stramm neben uns her marschierte und uns nach 20 Minuten gl\u00fccklich ans Ziel brachte. Unsere strammen Gewehrgriffe und korrektes Verhalten machten sichtlichen Eindruck bei der Bev\u00f6lkerung und wir waren stolz darauf.<br \/>\nDer B\u00fcrobeamte des Gaswerkes war ganz baff, als wir ins Zimmer traten, kam aber bald zur Besinnung, als unser Korporal in milit\u00e4rischem Ton nach einem Raum fragte, wo unsere Wache untergebracht werden k\u00f6nne. Nach langem Hin- und Herreden wurde ein B\u00fcroraum im 2.Stock aufgebrochen und Matratzen, (die leider vor Dreck und Ru\u00df starrten) reingelegt. Nun wurden zwei Doppelposten aufgestellt. Einer vorn am Eingangstor, der aufzupassen hatte, da\u00df kein Unbefugter die Fabrik betrat und niemand heimlich \u00fcber die Umz\u00e4unung steigt. Der zweite Posten im Hof patrouillierte um den Gasometer und die Hauptleitung, mu\u00dfte falls aufpassen, da\u00df sich kein Mensch unbefugt daran zu schaffen macht. Ich stand an der Stra\u00dfe, was sehr kurzweilig war. Da sollte man den passierenden Belgiern auf alle m\u00f6glichen Fragen antworten, und die widersprechendsten Meinungen und Urteile mit anh\u00f6ren. Man h\u00f6rte deutschfeindliche, aber auch viele deutschfreundliche \u00c4u\u00dferungen.<br \/>\nNach dem Dunkelwerden wurde es totenstill, es war den Einwohnern verboten, sich nach einbrechender Dunkelheit in den Stra\u00dfen blicken lassen. Gegen\u00fcber dem Gaswerk waren eine Menge Wirtschaften, die uns aber des widerlichen Bieres wegen nicht reizen konnten.<br \/>\nAnderntags, nachdem wir die Gelegenheit ben\u00fctzt und uns mal gr\u00fcndlich (seit Wochen) gewaschen hatten und unsere Kleider von Dreck und Schlammresten befreit, wurden wir wieder abgel\u00f6st. In der Kaserne angekommen, wurde uns die wenig erfreuliche Mitteilung, da\u00df abends 5 Uhr Appell sei im Ausgehanzug. Trotzdem wir unsere sehr strapazierten Kleider dazwischen nahmen, gab\u2019s beim Appell manchen Anschnauzer, weil die monatelang durch Dreck und Schlamm gezogenen Anz\u00fcge nicht mehr neu werden wollten. Mit M\u00fche und Not konnten wir abends zwei Stunden an Land.<br \/>\nIch ging mit einigen Kameraden durch die menschenleeren Stra\u00dfen der Stadt an den Hauptbahnhof, wo noch Leben war. In einem der hell erleuchteten Hotels wurde laut gesungen und wir dachten an die Worte: Wo man singt, da la\u00df dich ruhig nieder&#8230;.. und gingen hinein. Hier sa\u00dfen unsere Pioniere von der Neete und sangen gleich herzhaft mit. F\u00fcr teures Geld erhielten wir gutes Bier, und die anwesenden Belgier konnten uns (vielleicht aus Angst) nicht genug loben.<br \/>\nNur zu bald waren die wenigen Stunden verflossen und heim ging\u2019s in die Kaserne. Am n\u00e4chsten Morgen kam der Befehl: \u201eAlles in der Kaserne bleiben! Es kann gleich wieder los gehen!\u201c Es dauerte aber bis zum n\u00e4chsten Tag nachmittags, wo wir, das 6. Bataillon die Radfahrabteilung, ein Gesch\u00fctz abr\u00fcckten, um einige belgische Abteilungen, die sich noch an der holl\u00e4ndischen Grenze befanden, anzugreifen. Am selben Nachmittag marschierten wir noch 30 km und kamen in stockfinsterer Nacht bei einem Wirt ins Quartier, wo wir uns das Gastzimmer mit Stroh auslegten, zum Schlafen f\u00fcr die Nacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/schluss_0001.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-1114\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/schluss_0001-1024x818.jpg\" alt=\"schluss_0001\" width=\"640\" height=\"511\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/schluss_0001-1024x818.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/schluss_0001-300x239.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wirt zapfte uns sein widerw\u00e4rtiges Bier und von der Kompanie gab\u2018s Schmalz und K\u00e4se. Am anderen Morgen, es war noch finster, ging es wieder weiter und marschierten mit wenig Unterbrechungen bis in die sinkende Nacht, als wir von unseren Radfahrern die Nachricht erhielten: Die Belgier h\u00e4tten sich von den Holl\u00e4ndern entwaffnen lassen.<br \/>\nTodm\u00fcde kamen wir in der Stadt Tornauth an, wo wir in einem Priesterseminar einquartiert wurden. Hier schliefen wir seit Beginn des Krieges zum ersten Mal wieder in einem Bett. Auch erhielten wir je zwei Mann eine Flasche Rotwein und gute Zigarren, angeblich von der Stadt. Die Bev\u00f6lkerung war hier sehr freundlich und zuvorkommend. Die Stadt war bisher vom Krieg in keiner Weise heimgesucht worden.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen um 7 Uhr, marschierten wir wieder ab, l\u00e4ngs der holl\u00e4ndischen Grenze und zur\u00fcck nach dem teilweise total zerschossenen St\u00e4dtchen Proppendonk, wo wir gegen Abend wieder ins Quartier kamen. Diesmal zu Leuten, die erst tags zuvor wieder zur\u00fcckgekehrt waren in ihr total verw\u00fcstetes Heim. Wir trugen mit vieler M\u00fche so viel Stroh zusammen, da\u00df wir uns mit 18 Mann in einem Zimmer schlafen legen konnten. Unsere K\u00fcche wurde in einer verlassenen Konservenfabrik eingerichtet, wo sie sich mit dem N\u00f6tigen versehen konnte.<br \/>\nDer Frau unseres Quartierwirtes gaben wir unseren Kaffee zum Kochen, und das Essen von unserer K\u00fcche teilten wir mit ihnen, da die Leute au\u00dfer dem nackten Leben und ihrem H\u00e4uschen fast nichts gerettet hatten. Abends sa\u00dfen wir mit der Familie beim Lampenschein um den Tisch und sangen ein Lied ums andere, was den Leuten gro\u00dfe Freude machte. Am andern Morgen, als wir abr\u00fcckten, versammelte sich die ganze Familie vor dem Haus und nahm herzlich Abschied von uns.<br \/>\nNach einem langen, anstrengenden Marsch kamen wir sp\u00e4t am Nachmittag wieder nach Antwerpen. Wir waren aber durch die anstrengenden M\u00e4rsche so heruntergekommen, da\u00df wir in dem Zustand einen traurigen Eindruck gemacht h\u00e4tten. Es wurde deshalb gehalten und die Regimentsmusik abgewartet. Als wir die Musik voraus hatten, ging\u2019s gleich besser und nach einst\u00fcndigem Marsch durch die Stadt waren wir wieder in unserer Kaserne. Da viele von uns fu\u00dfkrank waren, so wurde das Verlassen der Kaserne f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag untersagt. Diejenigen, die noch gute F\u00fc\u00dfe hatten, mu\u00dften auf Wache ziehen, ich war auch dabei und kam zur Wache an einem der westlichen Stadttore.<br \/>\nHier stellten wir zwei Doppelposten auf, welche die Aufgaben hatten, allen Passanten die P\u00e4sse zu revidieren. Solche, die keine Kontrollen passiert hatten, wurden zur\u00fcckgewiesen. Wir teilten uns des lebhaften Verkehrs wegen in die Arbeit. Zwei Mann revidierten die Leute, welche in die Stadt wollten und die andern beiden diejenigen die, die raus wollten. Da nun in diesen Tagen die gefl\u00fcchteten Bewohner der Stadt meist wieder von Holland zur\u00fcckkehrten, so hatte man feste zu tun, damit der Verkehr nicht ins Stocken kam. Solche, die absichtlich die Kontrollstelle nicht passierten und sich bei uns auf alle m\u00f6gliche Art durchzuschl\u00e4ngeln suchten, wurden festgenommen und auf die Wache gebracht. Um uns die Arbeit etwas zu erleichtern, hatte uns die Stadt zwei Herren zur Verf\u00fcgung gestellt, die in zweifelhaften F\u00e4llen mit Rat und Tat uns beistanden. Am n\u00e4chsten Tag mittags, als keine Abl\u00f6sung kam, mu\u00dften wir halt weiter stehen.<br \/>\nEine Patrouille wurde abgeschickt um zu sehen, wo die Abl\u00f6sung bleibe, sp\u00e4t am Nachmittag kam die Patrouille zur\u00fcck, unsere Abl\u00f6sung sei abger\u00fcckt, habe sich jedenfalls in der gro\u00dfen Stadt verlaufen. Ein sch\u00f6ner Trost! Schon seit 24 Stunden nichts zu essen und der kalte Seewind, verbunden mit Regen, machte das Postenstehen nicht angenehm.<br \/>\nAls wir vom Posten abgel\u00f6st wurden, gingen wir in die Stadt, um etwas E\u00dfbares zu kaufen. Bei einer Frau erhielten wir Hering und etwas Brot, so war und damit schon geholfen. Die Frau, deren Mann auch im Krieg war, von dem sie aber nicht wu\u00dfte, ob tot oder gefangen, da sie nichts mehr von ihm geh\u00f6rt hatte, war nicht besonders gut auf uns zu sprechen.<br \/>\nSie sagte unter anderem, wir h\u00e4tten belgische Kinder auf unsere Bajonette gespie\u00dft und Weiber gesch\u00e4ndet und anderes mehr. Alles Reden, da\u00df das L\u00fcgen und gro\u00dfer Unsinn sei, konnte sie zu keiner anderen Ansicht bringen. Als ein kleiner Junge eintrat und etwas kaufte, lie\u00df ich ihm f\u00fcr 5 Cent S\u00fc\u00dfigkeiten geben, wor\u00fcber die Frau ganz erstaunt war, da sie uns f\u00fcr so etwas gar nicht f\u00fcr f\u00e4hig hielt. Als ich ihr dann erkl\u00e4rte, da\u00df ich auch einen kleinen Jungen zu Hause h\u00e4tte und eine liebe Frau, fing sie an zu schimpfen, weshalb ich dann nicht zu Hause bliebe und f\u00fcr Weib und Kind sorgte, statt nach Belgien zu kommen und alles zu verw\u00fcsten! &#8211; Als ich merkte, da\u00df der geistige Horizont der Frau sehr eng gezogen war, unterlie\u00df ich es, weiter auf sie einzureden und freute mich, da\u00df sie uns wenigstens f\u00fcr anst\u00e4ndige Kerls ansah.<br \/>\nUnser Wachlokal befand sich in einer Kaserne, worin belgische Telegraphentruppen untergebracht waren. Die Apparate sowie Werkzeuge usw. lagen noch massenhaft da. Au\u00dferdem fanden wir eine Menge B\u00fcchsenfleisch, wovon wir an die arme Bev\u00f6lkerung verteilten, welche uns Barbaren nicht genug danken konnten. Es mochte gegen 8 Uhr abends gewesen sein, als wir endlich abgel\u00f6st wurden. Nach fast einst\u00fcndigem Weg durch die Stadt kamen wir wieder in unsere Kaserne, wo wir wieder mal etwas Warmes zu Essen bekamen. Als wir nachdem nochmals kurz in die Stadt wollten, war geschlossen, keiner durfte raus, da es jeden Augenblick wieder losginge.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/3a_00031.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-9\" src=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/3a_00031-1024x650.jpg\" alt=\"3a_0003\" width=\"640\" height=\"406\" srcset=\"http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/3a_00031-1024x650.jpg 1024w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/3a_00031-300x190.jpg 300w, http:\/\/win2014.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/3a_00031.jpg 1636w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein sch\u00f6ner Trost! Am andern Morgen war Appell in allen Sachen. Die Munition wurde wieder erg\u00e4nzt und nachmittags wurde wieder abmarschiert mit Sack und Pack. Nach dreist\u00fcndigem Hin und Herlaufen im Regen wurde festgestellt, da\u00df f\u00fcr uns kein Zug zum Transport gerichtet sei. Ein Beweis, da\u00df es per Bahn gehen sollte! Aber wohin?!<br \/>\nWir r\u00fcckten bei einbrechender Dunkelheit wieder in die Kaserne, wurden aber nachts 1 Uhr wieder alarmiert und ab ging\u2018s nach dem Bahnhof. Aber der Zug war anscheinend noch nicht zusammengestellt, denn erst gegen 6 Uhr morgens wurde eingestiegen und bei Tagesanbruch ging es aus Antwerpen hinaus. Lebe wohl Antwerpen!<br \/>\nZwei ganze, angenehme Stunden waren es, die ich in deinen Mauern verlebte! Nach drei Tagen, in denen wir Br\u00fcssel, Gent und Br\u00fcgge passierten, waren wir auf der Strecke Br\u00fcgge &#8211; Ostende angekommen. Meinem Kameraden Edinger ward unterwegs eine freudige \u00dcberraschung zuteil, er traf an einer Haltestelle seinen Bruder, der bei dem bayrischen Landsturm die Fahnenwacht hatte. W\u00e4hrend der ganzen Bahnfahrt erhielten wir nur zweimal warmes Essen.<br \/>\nAuf einer Haltestelle ersuchte ich eine Frau, mir etwas Milch zu besorgen, aber als ihr Kind mit der Milch ankam, fuhr gerade unser Zug ab, da er aber eine kurze Strecke danach wieder hielt, so versuchte ein Mann nachzulaufen, mu\u00dfte es aber, als der Zug wieder weiterfuhr, aufgeben. Als wir endlich ausstiegen, h\u00f6rten wir von weitem heftigen Kanonendonner. Wir marschierten zur\u00fcck nach Br\u00fcgge und von dort nach St. Michael wo wir in einer Schule einquartiert wurden.<br \/>\nAls wir uns von einem benachbarten Geh\u00f6ft Stroh f\u00fcr die Nacht geholt hatten, mu\u00dften wir die R\u00e4ume und Pl\u00e4tze in Ordnung bringen, denn hier hatten nach Angaben des Schulmeisters Engl\u00e4nder gehaust und alles voll Schweinerei gemacht. Wir schimpften nat\u00fcrlich weidlich, da\u00df wir gerade diesen Halunken den Dreck wegputzen mu\u00dften.<br \/>\nAls wir uns schon zur Ruhe gelegt hatten, rief es zur T\u00fcre herein: \u201eFreiwillige raus zum Empfang von Liebesgaben und Paketen!\u201c<br \/>\nIch meldete mich und 5 Mann hoch r\u00fcckten wir in stockfinsterer Nacht nach dem Schlo\u00df, worin der batl. Stab einquartiert war. Nach einst\u00fcndigem Umherirren fanden wir endlich das Schlo\u00df, das tief in einem Park lag. Im Schein einer Stalllaterne wurden die angekommenen Sachen verteilt und schwer beladen kehrten wir zur Kompanie zur\u00fcck. Vom Verteilen der Sachen h\u00f6rte ich nichts mehr, denn ich war todm\u00fcde, als wir gegen 12 Uhr nachts zur\u00fcckkamen, und schlief fest. Aber unsere Ruhe war nicht von langer Lauer, um 3 Uhr morgens war Alarm und um 4 Uhr hatten wir das \u00d6rtchen St. Michael, worin wir glaubten ausruhen zu k\u00f6nnen, hinter uns.<br \/>\nEs war noch stockfinster, als das ganze Bataillon sich an einer Wegegabelung sammelte. Mit Tagesanbruch ging\u2019s weiter und gegen Mittag kamen wir an das St\u00e4dtchen Thourout wo l\u00e4ngere Zeit gehalten wurde. Nachmittags marschierten wir durch das von Soldaten wimmelnde St\u00e4dtchen und marschierten auf der Stra\u00dfe nach Dixmuiden, dem Feind entgegen. In der Dunkelheit kamen wir nach einem Marsch von 45 km todm\u00fcde auf einem H\u00f6henr\u00fccken vor Dixmuiden an.<br \/>\nVor uns tobte die Schlacht, es war ein H\u00f6llenl\u00e4rm und Verwundete wurden haufenweise vorbeigebracht. Nach kurzem Halt wurde uns die Nachricht, da\u00df wir diese Nacht noch in den Sch\u00fctzengraben m\u00fc\u00dften. Eine gro\u00dfe Anzahl unserer Kameraden mu\u00dften, weil sie nicht mehr laufen konnten, zur\u00fcckbleiben und wir, die wir mit Energie die Strapazen durchgehalten hatten, sollten noch die ganze Nacht vor den Feind.<br \/>\nNach 10 Minuten Vormarsch kam der Befehl: Wir sollten zur\u00fcckbleiben, aber in \u00e4u\u00dferster Alarmbereitschaft. Unsere Kompanie ging rechts der Stra\u00dfe ins Ackerfeld, nahm die Kompaniefront gegen den Feind, wir setzten unsere Gewehre zusammen und legten uns bei den Gewehren nieder. Nachdem wir das in der N\u00e4he liegende Stroh als sp\u00e4rliche Unterlage herbeigeholt hatten, schliefen wir fest bis gegen 4 Uhr morgens, wo es empfindlich kalt wurde. Unser Kompanief\u00fchrer hatte f\u00fcr uns etwas Kaffee kochen lassen, das tat dem ausgefrorenen K\u00f6rper wohl.<br \/>\nMit Tagesanbruch begann der Vormarsch unter lebhaftem Feuer des Feindes. Bei unserer Ankunft hinter der Front stellte sich heraus, da\u00df die Sch\u00fctzengr\u00e4ben unserer Armee dicht besetzt waren. Wir legten uns deshalb in den dahinter liegenden Wald als Reserve. Der Tag war sonnig, aber gegen Abend wurde es regnerisch.<br \/>\nDie Schlacht vor uns tobte immer noch. Pl\u00f6tzlich schlug ein Artilleriegescho\u00df in unsere Reihen und durchschlug unserem Offiziersdiensttuer (der uns als Ersatz f\u00fcr den gefallenen Leutnant D\u00f6rbinghaus vor wenigen Tagen zugeteilt worden war) beide Oberschenkel und unter lautem Schrei: \u201eMein Bein!\u201c fiel er vorn\u00fcber. Er wurde in der Dunkelheit rasch verbunden und weggetragen. (Er soll daran gestorben sein.) Inzwischen hatte es angefangen herzhaft zu regnen, ich hatte Wache am n\u00e4chsten Waldweg und sollte kommende Befehle der im Geb\u00fcsch liegenden Kompanie mitteilen. Ungef\u00e4hr um 1 Uhr nachts griff der Feind unter heftigem Feuer an, als auch gleich die Nachricht kam, feindliche Truppen seien an einer Stelle durchgebrochen. Wir alarmierten gleich alles und unter str\u00f6mendem Regen zogen wir auf der fast bodenlosen Waldstra\u00dfe gegen den Feind.<br \/>\nAls wir am Waldrand angekommen waren, kam der Befehl \u201eEntladen! Seitengewehr pflanzt auf!\u201c Da die Kugeln ab und zu zwischen unsere Reihen pfiffen, so wurde \u201ehinlegen\u201c befohlen. Patrouillen kl\u00e4rten auf und stellten fest, da\u00df kein Feind durchgekommen war! Wir luden deshalb unsere Gewehre wieder und als das Geknatter vorn nachlie\u00df, erhoben wir uns wieder aus dem Morast und \u201abadeten\u2018 durch den Waldweg zur\u00fcck in unsere alte Stellung. Mit den Zeltbahnen suchten wir uns dann gegen das Unwetter zu sch\u00fctzen, aber an Schlafen war wegen der N\u00e4sse nicht zu denken. Am Morgen klarte auch wieder der Himmel auf und bei dem herrschenden Wind trockneten unsere Kleider nach M\u00f6glichkeit wieder.<br \/>\nMit vielen Schwierigkeiten holten wir im Kochgeschirr mal warmes Essen, das unsere K\u00f6che unter gro\u00dfen Schwierigkeiten weit hinten in einem halbverfallenen H\u00e4uschen kochten. Da uns bei dem hellen Wetter dauernd Flieger umkreisten, so bauten wir uns eine Art Laubh\u00fctten, um nicht von ihnen entdeckt zu werden. Gegen Abend kam ein Artillerie-Offizier mit der Meldung, unser 1. Zug soll rechts raus zur Deckung einer Batterie.<br \/>\nUnter der F\u00fchrung von Leutnant Westermann marschierten wir ab und kamen bei Einbrechen der Dunkelheit, bei der Batterie an. Nun wurde eingeteilt! Ein Drittel unserer Leute grub sich links der Batterie ein und das andere Drittel rechts davon. Das letzte Drittel (darunter auch ich) wurde als Bedeckung zu den Protzen kommandiert. Unsere allgemeine Aufgabe war, falls der Feind die etwas weit vorgeschobene Batterie st\u00fcrmen sollte, dieselbe solange zu verteidigen, bis sie sich in Sicherheit gebracht habe.<br \/>\nWir bei den Protzen hatten \u00fcberdies noch eine Aufgabe, die Munitionswagen gegen Franktireure zu sch\u00fctzen, weil ringsum alles im Wald war. W\u00e4hrend unsere Kameraden Sch\u00fctzengr\u00e4ben aushoben, fuhren wir mit den Protzen zur\u00fcck, waldeinw\u00e4rts. Nun teilten wir eine Wache ein, die w\u00e4hrend der Nacht um die Protzen patrouillierten, wir andern krochen in zusammengetragenes Stroh.<br \/>\nGegen 11 Uhr nachts ging wieder ein Heidenspektakel los, der Feind hatte offenbar wieder einen Durchbruchversuch gemacht, und schon kam auch ein Meldereiter von der Batterie, die Protzen sollten hinter die Batterie r\u00fccken. Im Galopp ging es \u00fcber Stock und Stein zur Batterie zur\u00fcck, wir sa\u00dfen auf den Protzen und hatten uns gerade zu halten, da\u00df sie nicht heruntergeschleudert wurden. Hinter der Batterie angekommen, wurde hinter dem W\u00e4ldchen nebeneinander aufgefahren und wir nahmen unsere Wache wieder auf. Da uns die feindlichen Kugeln zu sehr um die Ohren pfiffen, so kauerten wir uns hinter die Protzk\u00e4sten, bis der \u00e4rgste Hagel vorbei war. Mit Tagesanbruch ging\u2019s wieder zur\u00fcck in den Wald. Unsere Protzen standen an einem Waldweg, gut gedeckt durch \u00fcberh\u00e4ngende Baum\u00e4ste, wo die Deckung nicht vollst\u00e4ndig war, pflanzten wir kleine B\u00e4umchen ein. Da es ein heller Tag war, so kamen auch die feindlichen Flieger schon sehr fr\u00fche. Wir verhielten uns ruhig, um uns nicht zu verraten.<br \/>\nEiner mu\u00dfte aber den Verbandsplatz hinter uns entdeckt haben und kreiste fortw\u00e4hrend \u00fcber uns. Ich beobachtete ihn und sah pl\u00f6tzlich, wie er einen kleinen schwarzen Gegenstand abwarf. Wie ein Blitz durchzuckte mich der Gedanke, das ist eine Bombe, ich rief meine Vermutung den andern zu und legte mich in den Stra\u00dfengraben. Kaum lag ich, als dicht bei uns ein furchtbarer Schlag ert\u00f6nte. Die Pferde rissen wie wahnsinnig an ihren Str\u00e4ngen, aber die Fahrer hielten fest, nur 4 Pferden gelang es, sich loszurei\u00dfen und sie rannten querfeldein. Zum Gl\u00fcck hatte die Bombe keinen Schaden angerichtet.<br \/>\nAm Nachmittag kamen wir noch ins feindliche Granatfeuer, so da\u00df wir, als sie immer n\u00e4her einschlugen, unsere Stellung wechseln mu\u00dften. In dieser Nacht wurden wir nicht gest\u00f6rt und am andern Tag wollten wir wieder an unsere alte Stellung fahren, als pl\u00f6tzlich 4 Flieger \u00fcber uns kreisten. Kaum war die erste Bombe in der N\u00e4he krepiert, als auch schon Pferde in wahnsinnigem Galopp davonrasten, wieder ging die wilde Jagd los, wobei wir oft derart herumgeschleudert wurden, da\u00df wir dachten, die Protze f\u00e4llt um. Noch f\u00fcnf bis sechsmal krachte es hinter uns und wir waren froh, als wir den sch\u00fctzenden Wald wieder erreicht hatten. Eine dieser Bomben fiel in der N\u00e4he unserer Kochstelle nieder und ri\u00df einem unserer K\u00f6che den ganzen Leib auf. Sein Nachfolger Issenhut, der uns am andern Tag Essen in den Sch\u00fctzengraben bei der Batterie bringen wollte, lief gerade in eine Bombe hinein, die ihm beide Beine abri\u00df. In der Nacht erfuhren wir von einem Meldereiter, da\u00df s\u00e4mtliche Marinetruppen nach Ostende abger\u00fcckt w\u00e4ren.<br \/>\nAls wir am andern Morgen sahen, da\u00df die zwei Drittel unseres Zuges bei der Batterie auch weg waren, so holten wir uns beim Batteriechef ebenfalls die Erlaubnis zum Abr\u00fccken. Anderntags war von den Marinetruppen nichts mehr zu sehen. Unsere Bedeckungsmannschaften sammelten sich unter F\u00fchrung unseres Unteroffiziers Schnackenbeck, und gegen 9 Uhr vormittags r\u00fcckten wir in Richtung auf Thourouth ab. Wir waren 12 bis 14 Mann. Nach zweist\u00fcndigem Marsch machten wir in einem kl. Orte halt, fingen 9 &#8211; l0 H\u00fchner und kochten uns in einem Waschkessel, den ich in einem benachbarten Bauerngeh\u00f6ft holte, eine kr\u00e4ftige H\u00fchnersuppe mit Kartoffel usw.<br \/>\nWas wir an H\u00fchnerfleisch nicht essen konnten, verstauten wir im Brotbeutel und neu gekr\u00e4ftigt ging\u2019s weiter, bis wir in stockfinsterer Nacht nach Thourouth kamen. Hier gingen wir auf die Kommandantur, wo wir im selben Haus einen Raum zugewiesen bekamen, worin wir schlafen konnten.<br \/>\nDie Besatzung des Ortes war hessischer Landsturm, von diesen erhielten wir abends und am n\u00e4chsten Morgen warmen Kaffee. Morgens, es war noch finster, wusch ich mich an einem Brunnen am Marktplatz und suchte bei den B\u00e4ckern des Orts Br\u00f6tchen zu kaufen. Da kam ich aber sch\u00f6n an. Alles schimpfte, die Deutschen h\u00e4tten alles abgegessen usw. ich gab deshalb alle Versuche auf in der Beziehung und war froh, da\u00df mir die Landsturmleute etwas Brot abgaben. Da uns vom Kommando die Mitteilung wurde, unser Truppenteil sei nach Ostende, so machten wir uns gegen 9 Uhr auf den Weg dorthin.<br \/>\nMit der H\u00fchnersuppe war es an diesem Tage nichts, denn die ganze Gegend war bewohnt. F\u00fcr teures Geld erhielten wir etwas Butter in einem Dorf und eine freundliche Bauersfrau erkl\u00e4rte sich bereit, unseren Kaffee zu kochen, das war unser Mittagessen und dann ging\u2019s weiter. Gegen Abend kamen wir nach Ostende, wo uns Unteroffizier Trabant und ein Mann von unserer Kompanie aus einer Kneipe zuwinkten. Die beiden waren von der Kompanie zur\u00fcckgelassen worden, um auf uns zu warten, wu\u00dften jetzt aber auch nicht, wo die Kompanie war. Sie hatten ihre Spur in Thourout verloren.<br \/>\nJetzt war guter Rat teuer. Wir liefen todm\u00fcde, wie wir waren, ganz Ostende ab, ohne von der Kompanie etwas zu erfahren und waren froh, da\u00df uns hessische Landsturmleute in ihr Quartier aufnahmen. Auch hier, es war in einer Schule, erhielten wir warmen Kaffee und Brot. Matratzen standen genug zur Verf\u00fcgung und wir gingen, nachdem wir etwas gegessen hatten auf ein halbes St\u00fcndchen in die Stadt. Die Stra\u00dfenbahn funktionierte, wir wurden aber von Marinesoldaten bedient und alles konnte unentgeltlich fahren. Die Einwohner schienen nicht sehr feindlich gesinnt zu sein, auch waren nur an der K\u00fcste einige Hotels zusammengeschossen und zwar von Engl\u00e4ndern, von der Se aus.<br \/>\nIn der Nacht gegen 12 Uhr, als wir gerade fest eingeschlafen waren, alarmierte es. S\u00e4mtliche Truppen sollten raus aus der Stadt und den Strand besetzen. Auch wir machten uns fertig und marschierten hinter dem Landsturm her nach dem Bahnhof, wo gerade eine Menge Verwundeter aus der Gegend von Diymuiden ankamen. Da wir an dem Bahnhof weitere Befehle abwarteten, so war ich beim Transport der Verwundeten in die Wartes\u00e4le behilflich. Nach stundenlangem Warten marschierte der Landsturm wieder weiter und wir hinterher, bis wir an einer belgischen Kaserne vorbeikamen, wo Posten von unserem 1. Bataillon standen.<br \/>\nAuf Befragen hie\u00df es, sie seine nur zur H\u00e4lfte ausger\u00fcckt und wenn wir sehr m\u00fcde seien, k\u00f6nnten wir bei ihnen schlafen. Ein geeigneter Raum war bald gefunden und wenn das Lagerstroh auch sp\u00e4rlich war, wir schliefen dank unserer Erm\u00fcdung gut und fest. Morgens bekamen wir wieder etwas Kaffee und n\u00e4hrten uns sozusagen von den Brosamen, die von der Kameraden Tische fielen. (Im Hof traf ich wieder den Klimmes Karl von Wertheim, der gerade beim Bauen von Deckungen gegen Flieger besch\u00e4ftigt war.)<br \/>\nGegen 10 Uhr morgens marschierten wir wieder ab und liefen den ganzen Strand entlang, bis kurz vor Blankenberge. \u00dcberall sahen wir in den D\u00fcnen Seesoldaten und Matrosen, aber von den unseren niemand. W\u00e4hrend unserer kurzen Rast stieg ich \u00fcber die D\u00fcne, wo sich mir ein \u00fcberw\u00e4ltigendes Bild bot. Heller, blauer Himmel und unten vor mir die weite See, die des starken Windes wegen in m\u00e4chtige Brandung auf dem endlos glatten Badestrand daher rollte. Das tat mir wohl und ich lie\u00df das Bild lange auf mich wirken, und ich dachte kaum daran, da\u00df jeden Augenblick feindliche Granaten von englischen Schiffen einschlagen k\u00f6nnten.<br \/>\nIch mu\u00dfte mich etwas lange aufgehalten haben, denn meine Kameraden warteten schon auf mich, als ich zur\u00fcckkam. Inzwischen hatten wir erfahren, da\u00df unsere Kompanie in Statlille lag, etwa 3 Stunden landeinw\u00e4rts. Ein netter Trost f\u00fcr unsere wunden F\u00fc\u00dfe und leeren Magen.<br \/>\nAuf dem R\u00fcckweg kamen wir an einem Feldlazarett vorbei, wo wir uns etwas zu essen bettelten. Der freundliche Stabsarzt lie\u00df jedem eine Portion Schleimsuppe geben, weil er, wie er uns versicherte, sonst nichts habe. Neu gest\u00e4rkt ging\u2019s weiter und bei einbrechender Dunkelheit kamen wir nach Statlille, wo wir verlorene Sch\u00e4flein freudig begr\u00fc\u00dft wurden.<br \/>\nAls Belohnung f\u00fcr die ausgestandenen Strapazen fand ich einen ganzen Arm voll Feldpost f\u00fcr mich vor, wor\u00fcber ich alle M\u00fcdigkeit verga\u00df. Mein Quartier war eine Kinderschule, wo ich knapp noch Platz unter der Schultafel fand, wir waren da ungef\u00e4hr 30 Mann in dem kleinen Saal. Hier fand ich Gelegenheit mich selbst und meine W\u00e4sche mal wieder gr\u00fcndlich zu waschen.<br \/>\nNach 30 Tagen ging\u2019s wieder weiter und wir bezogen wieder unser altes Quartier bei Br\u00fcgge, die Schule von St. Michael, die wir damals, kaum eingerichtet, wieder verlassen mu\u00dften. Wir fanden alles noch im alten Zustande. Hier hatten wir Standquartier bis zum 5. November.<br \/>\nMorgens hatten wir zwei Stunden exerzieren und nachmittags Appell, so da\u00df wir nach und nach alle Sachen wieder in Ordnung hatten. In einem benachbarten Hause lie\u00dfen wir unsere W\u00e4sche waschen, wobei wir Gelegenheit hatten, das Verfertigen der Br\u00fcsseler Spitzen zu sehen und wundern uns jetzt nicht mehr \u00fcber die teuren Preise f\u00fcr derlei Sachen, denn es geh\u00f6rt gro\u00dfe Geduld und au\u00dferordentliche Fingerfertigkeit zu derlei Arbeiten.<br \/>\nEines Morgens, es war, glaube ich am 5. November, war wieder Alarm und um 5 Uhr morgens hatten wir St. Michael zum zweiten Mal im R\u00fccken. Wir marschierten direkt an den Bahnhof in Br\u00fcgge, wo nahezu unser ganzes Regiment versammelt war. Es wurde auch gleich eingestiegen und zwei Stunden sp\u00e4ter waren wir in Ostende. Kaum waren wir einigerma\u00dfen geordnet, so ging es auch schon weiter durch die Stadt.<br \/>\nDie Einwohner kamen verschlafen an die Fenster und konnten gar nicht genug den Kopf sch\u00fctteln \u00fcber die langen Reihen Soldaten, die gar nicht alle zu werden schienen. Nach etwa zweist\u00fcndigem Marsch l\u00e4ngs der K\u00fcste kamen wir in Mittelkerke an, wo wir schon eine Menge Verwundete sahen, die Vorboten der Gefechtsfront.<br \/>\nUnsere Bagagewagen blieben in Mittelkerke zur\u00fcck und wir marschierten in der Richtung auf Westende zu, wo die Schlacht tobte. Auf halbem Wege hielten wir und nahmen hinter einem Bauerngeh\u00f6ft Deckung. Unsere Kompanie stand in Kompaniekolonne hinter einer Strohmiete, bis Befehl kam: Wir bleiben vorl\u00e4ufig hier, bis weitere Befehle kommen! Dann setzten wir Gewehre zusammen und legten uns hin. Vor uns waren einige unserer schweren Schiffsgesch\u00fctze, die st\u00e4ndig feuerten, links waren einige Ballonabwehrkanonen aufgestellt, die in Ermangelung von feindlichen Flugzeugen in die feindliche Stellung schossen.<br \/>\nEs war ein sch\u00f6ner, heller Tag und f\u00fcr die sp\u00e4te Jahreszeit, au\u00dfergew\u00f6hnlich warm. Wir hatten uns Stroh zum Drauflegen geholt und waren in bester Stimmung, als pl\u00f6tzlich zwei feindliche Flieger \u00fcber uns kreisten. Da wir uns in den blauen Uniformen sehr gut in dem hellen Stroh abhoben, so dachten wir, er habe es auf uns abgesehen, was bei uns begreiflicherweise Unruhe hervorrief. Wir beobachteten die beiden scharf und sahen, da\u00df der eine pl\u00f6tzlich eine Bombe fallen lie\u00df; wir legten uns alle platt auf die Erde und einige bange Minuten vergingen, als hinter der Strohmiete ein furchtbarer Schlag ert\u00f6nte. Diese hatte uns nicht geschadet und als gar einer rief, er wollte Gulasch aus uns machen, l\u00e4chelten sogar einige wieder, da tat es aber schon den zweiten Schlag, wieder war eine krepiert, aber weiter weg. Noch einige Bomben krepierten vor uns, aber alle in einer Entfernung, die uns nicht schaden konnten.<br \/>\nBei n\u00e4herem Zusehen merkten wir erst, da\u00df unsere Artillerie 200-300m vor uns eine Scheinbatterie aus alten Wagenr\u00e4dern und dergleichen aufgebaut hatte und zwar so t\u00e4uschend \u00e4hnlich, da\u00df es die feindlichen Flieger f\u00fcr eine unserer Batterien gehalten hatten.<br \/>\nAls die Flieger ihre Arbeit getan hatten und wieder der See zuflogen, wurden sie von unserer Artillerie ausgezeichnet beschossen; die wei\u00dfen W\u00f6lkchen der krepierenden Schrapnelle platzten derart nah \u00fcber und unter den Fliegern, da\u00df wir es nicht begreifen konnten, wie die beiden dennoch durchkamen.<br \/>\nNoch einmal w\u00e4hrend des Nachmittags versuchten feindliche Flieger n\u00e4her zu kommen, wurden aber gleich derart beschossen, da\u00df sie ihr Vorhaben wieder aufgaben. Auf die Nacht wurde es kalt und wir suchten es uns im Stroh so behaglich wie m\u00f6glich zu machen, als vor uns wieder heftiges Feuer begann, wir mu\u00dften deshalb weiter vorr\u00fccken und suchten kurz hinter der Gefechtslinie, hinter H\u00e4usern Deckung, da wir von schwerer feindlicher Artillerie beschossen wurden, deren Granaten mit unheimlichem Get\u00f6se in unserer N\u00e4he krepierten. Sie rissen zum Teil tiefe L\u00f6cher in die gepflasterte Stra\u00dfe, aber verletzt wurde von uns niemand.<br \/>\nDa das Gewehrfeuer vor uns immer \u00e4rger wurde, r\u00fcckten wir noch weiter vor und legten uns in Gruppenkolonne hinter eine Gartenmauer, \u00fcber die st\u00e4ndig Gewehrkugeln hinweg pfiffen. Aus dem Bereich des Artilleriefeuers waren wir jetzt raus. Gegen Morgen lie\u00df das feindliche Feuer nach und wir r\u00fcckten zur\u00fcck an unseren Strohhaufen, wo wir am vorherigen Wag gelegen hatten. Auf der Stra\u00dfe kamen einige Verwundete zur\u00fcck, es waren Infanteristen von hannoverschen Regimentern. Sie sagten, der Feind h\u00e4tte offenbar in der Nacht durchbrechen wollen, sei aber abgewiesen worden.<br \/>\nAuf die Nacht r\u00fcckten wie wieder vor auf Westende, an dessen Westausgang die Sch\u00fctzengr\u00e4ben lagen. Unser 1. Zug war f\u00fcr die Nacht in ein Bauerngeh\u00f6ft einquartiert, ich lag mit drei Kameraden im Keller, als pl\u00f6tzlich des Nachts ein Geprassel drau\u00dfen losging, als ob es hagelte. Schon kam auch der Befehl: Raus! Mit einiger M\u00fche sammelte sich unser Zug, denn es war stockfinster, der Sturm heulte von der See her, und dauernd pfiffen Infanteriekugeln zwischen uns durch. Im Laufschritt rannten wir an den H\u00e4usern entlang, \u00fcberall Deckung suchend, bis wir wieder an der Gartenmauer hinter der Sch\u00fctzenlinie lagen. Nach 1 &#8211; 2 Stunden lie\u00df das feindliche Feuer, nach und wir durften wieder zur\u00fcck. Wir schliefen den Rest der Nacht so fest in unserem Keller, da\u00df wir uns wunderten, da\u00df es beim Raustreten schon heller Tag war. Unsere Kompanie sammelte sich und r\u00fcckte ab. Diesmal ging es nicht an unseren Strohhaufen, sondern an den Strand, hinter die Sandd\u00fcnen, wo wir uns so gut wie m\u00f6glich gegen die Flieger deckten.<br \/>\nEs war ein st\u00fcrmischer, aber heller Tag. An den hin- und herfahrenden Ordonnanzen sahen wir, da\u00df irgendetwas Besonderes im Gange war. Auf die Nacht versorgten wir uns wieder mit Lagerstroh und als wir es uns gerade gem\u00fctlich gemacht hatten, kam der Befehl zum Vormarsch. Das Sprechen wurde verboten und jedes Ger\u00e4usch sollte vermieden werden. Lautlos schlichen wir in Gruppenkolonne l\u00e4ngs der D\u00fcne, gingen durch das Dorf Westende, an dessen Westausgang wir uns in Reihen setzten und in dem Sch\u00fctzengraben, der mit Infanterie besetzt war, entlang liefen. Nach etwa einer Stunde hatte in dem endlosen Sch\u00fctzengraben jeder seinen Platz und die Armee r\u00fcckte ab, um der Marine das Weitere zu \u00fcberlassen. Man merkte, da\u00df dieses Regiment das erste Mal im Feuer gewesen war, denn der Sch\u00fctzengraben war sehr mangelhaft und wir mu\u00dften die ganze Nacht feste arbeiten, um uns gegen feindliche Artillerie gen\u00fcgend zu sch\u00fctzen. Wir schoben Horchposten nach vorne, aber es blieb die Nacht ruhig.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Tag legte die feindliche Artillerie los mit einem Hagel von Geschossen, die aber alle, (wenn auch manchmal knapp) \u00fcber uns hinweggingen. Nachmittags ging eine Offizierspatrouille von uns vor, um das Vorgel\u00e4nde auszukundschaften. Kaum aber waren sie etwa 500 m entfernt, als eine Schie\u00dferei aus allen vor uns liegenden Geh\u00f6ften los ging, worin anscheinend feindliche Feldwachen versteckt waren.<br \/>\nUnsere Patrouille wurde total versprengt und kam im Laufe des Nachmittags einzeln wieder zur\u00fcck. Ein Unteroffizier davon war schwer am Kopf verwundet. Leutnant Westermann war es dennoch gelungen, wenigstens \u00fcber das n\u00e4chste Vorgel\u00e4nde eine kleine Skizze zu entwerfen. F\u00fcr die n\u00e4chste Nacht wurde auf der Stra\u00dfe, die unseren Sch\u00fctzengraben durchquerte und auf das vor uns liegende Dorf Lombartzyde f\u00fchrte, ein Unteroffiziersposten von unserer Kompanie fortgeschoben, der sich etwa 200 &#8211; 300 m vor den Sch\u00fctzengr\u00e4ben rechts und links der Stra\u00dfe eingrub.<br \/>\nIch ging mit unserem neuen Korporal M\u00f6lten und noch einem Mann, rechts von dem Unteroffiziersposten, als Horchposten. Wir hatten Spaten mit, gruben uns aber &#8211; auf mein Anraten hin &#8211; nicht ein, weil wir bei der stockfinsteren Nacht nicht gesehen werden konnten und bei Tage doch wieder zur\u00fcck mu\u00dften. Ich nahm die erste Nummer und meine beiden Kameraden machten sich\u2018s hinter einem Haufen Reisig bequem. Ich hatte mich hinter einen Weidenstumpf gestellt und starrte in die Finsternis vor mir. Zwischen 11 und 12 Uhr knallte es pl\u00f6tzlich ganz kurz vor mir mehrere Male. Da ich vom Feinde unbedingt nicht gesehen werden konnte, so war mir das r\u00e4tselhaft. Als es aber wiederholt und immer n\u00e4her kam, schlichen meine Kameraden her zu mir und meinten, ob wir nicht doch wenigstens uns zum Unteroffiziersposten zur\u00fcckziehen sollten. Ich war jedoch der Meinung: wir bleiben, weil es sich ja allem Anscheine nach um feindl. Patrouillen handelte. Wir beschlossen also, alle drei scharf aufzupassen und wenn die feindliche Patrouille uns passierte, sie zu \u00fcberraschen.<br \/>\nKaum aber waren meine Kameraden zur\u00fcckgekrochen, als es von allen Seiten knallte, der Feind hatte sich also ganz lautlos herangearbeitet, zum Angriff! Jetzt war es h\u00f6chste Zeit sich zur\u00fcckzuziehen, denn die feindlichen Kugeln pfiffen wie ges\u00e4t, \u00fcberdies schossen jetzt auch unsere Kameraden aus den Sch\u00fctzengr\u00e4ben. So kamen wir auf dem Weg zum Unteroffiziersposten zwischen zwei Feuer und wie ein Wunder kam es uns vor, als wir alle drei beim Unteroffiziersposten ankamen. Dieser hatte sich auch schon zum Abr\u00fccken fertig gemacht, denn der Feind war schon rechts von uns soweit vorger\u00fcckt, da\u00df er, wenn er uns an der Stra\u00dfe entdeckt, uns den R\u00fcckzug zum Graben unm\u00f6glich gemacht und gefangen h\u00e4tte. Jetzt galt es Spie\u00dfrutenlaufen!<br \/>\nAusgeschw\u00e4rmt rannten wir zum Sch\u00fctzengraben zur\u00fcck, mit dem Vorsatz alles \u00fcber den Haufen zu rennen, das sich etwa uns in den Weg stellte. Nach einigen Minuten waren wir alle im Sch\u00fctzengraben, von unseren Kameraden freudig empfangen, die Freude war umso gr\u00f6\u00dfer, weil auch nicht einer von uns fehlte. Jetzt schw\u00e4rmten wir ein und er\u00f6ffneten ein lebhaftes Feuer auf den inzwischen ganz nahe ger\u00fcckten Feind, der es aber nach etwa einer Stunde wieder vorzog sich zur\u00fcckzuziehen. Als gegen Morgen die Knallerei wieder nachlie\u00df, mu\u00dften wir unsere Posten wieder beziehen. Es blieb aber ruhig bis zum &#8218;Tagesanbruch und wir zogen uns wieder zur\u00fcck.<br \/>\nIm Laufe des Vormittags zogen wir uns wieder n\u00e4her zusammen und unsere Reserven kamen auch in den Sch\u00fctzengraben. Die feindliche Artillerie schoss wieder wie wahnsinnig, aber meistens \u00fcber uns hinweg, nur einige leichte Verwundete gab es im Sch\u00fctzengraben.<br \/>\nGegen 12 Uhr mittags gab es Essen aus unserer neuen Feldk\u00fcche, die wir sozusagen als verfr\u00fchtes Weihnachtsgeschenk erhalten hatten. W\u00e4hrend wir noch beim Essen waren, kam der Befehl: \u201eM\u00e4ntel rollen, fertig machen zum Sturmangriff! Jeder Mann mu\u00df 250 Patronen haben!\u201c Unsere Kompanie sammelte sich und r\u00fcckte ab. Nun wurde alles lebendig. Unsere Offiziere, die beisammenstanden, taten die \u00c4u\u00dferung \u201eSiegen oder tot!\u201c<br \/>\nDaran merkte ich, da\u00df wir jedenfalls was Gro\u00dfes vorhatten. Unsere Artillerie hatte schon die ganze Zeit feste in das Dorf Lombartzize und die dahinterliegenden feindlichen Stellungen geschossen. Gegen 2 Uhr ging unsere Kompanie als erste Sch\u00fctzenlinie aus dem Graben. Da wir etwas dicht beisammen waren, so lief unser Leutnant Westermann mit unserem Zug links weg. Als wir kurz vor die ersten H\u00e4user kamen, er\u00f6ffnete der Feind ein lebhaftes Feuer, wir legten uns hin und riefen nach links, der Zug soll nicht weiter nach links gehen. Das lebhafte Sch\u00fctzenfeuer bewirkte anscheinend, da\u00df der Zuruf nicht geh\u00f6rt wurde; kurzum, noch ein Sprung vorw\u00e4rts und die ganze Verbindung nach links war abgerissen und ging zwischen den ersten Geh\u00f6ften ganz verloren.<br \/>\nDa ich aus dem Haus vor uns noch Feuer bekommen hatte, so pflanzte ich mein Seitengewehr auf, um bei einem pl\u00f6tzlichen Zusammensto\u00df mit Rothosen gerichtet zu sein. Jede Deckung ben\u00fctzend arbeitete ich mich bis zum Haus vor. Aber kaum war ich l\u00e4ngs des Hauses, als ich von links aus dem andern Hause einen Schu\u00df bekam, der mir den Mittelfinger der linken Hand zerschmetterte und das Gewehr samt Seitengewehr aus der Hand schlug. Um den zweiten Schu\u00df des Franzosen, der f\u00fcr mich jedenfalls t\u00f6dlich gewesen w\u00e4re, aus dem Wege zu gehen, flitzte ich rasch um die Ecke des Hauses und wartete mit Spannung, ob man mich verfolgte. Nach einigen bangen Minuten sah ich wieder um die Ecke, konnte aber nichts bemerken, jedenfalls hatte sich die Gesellschaft zur\u00fcckgezogen. Ein Kamerad, der inzwischen nachgekommen war, verband mir meine stark blutende Hand.<br \/>\nAuf dem R\u00fcckweg nach der Verbandsstelle wurde mir infolge des Blutverlustes schlecht, ich legte mich hin, mu\u00dfte aber von irgendeinem feindlichen Sch\u00fctzen gut zu sehen gewesen sein, denn alle Augenblicke schlugen Kugeln dicht bei mir ein. Eine durchschlug sogar meinen Stiefelschaft, jedoch ohne mir zu schaden.<br \/>\nIch kroch deshalb hinter eine Strohmiete, wo noch ein Leidensgenosse lag. Der arme Kerl war auch von unserer Kompanie und hatte einen Schu\u00df in die Brust. Ich wollte ihn st\u00fctzen und mit zur Verbandsstelle nehmen, aber er war schon ganz apathisch und bat mich, ich solle ihn doch liegen lassen. Ich ging weiter und kam in unserem alten Sch\u00fctzengraben, wo ich den in Reserve liegenden Krankentr\u00e4gern sagte, da\u00df vorne Schwerverwundete l\u00e4gen. An der n\u00e4chsten Verbandsstelle lie\u00df ich mich verbinden und lief dann zur\u00fcck nach Ostende.<br \/>\nIn Mittelkerke wurde noch mehr Watte untergebunden, da der Verband stark durchblutete und von da nahm mich ein Marinearzt mit seinem Auto nach Ostende, wo ich in einem Hotel schlafen sollte, aber vor Schmerzen die ganze Nacht herumlief, wobei ich noch viele meiner Kameraden traf, die nicht so gut weggekommen waren wie ich. Anderntags ging\u2019s in die Heimat, die ich nach drei Tagen und N\u00e4chten erreichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wertheim, den 19. Dezember 1914<br \/>\ngez. Paul Lotz<br \/>\nSeewehrmann der 1. Kompanie 8. Battaillon<br \/>\nz.Zt. Vereinslazarett hier<\/p>\n<address style=\"text-align: justify;\"><span style=\"text-decoration: underline;\"><span style=\"font-size: 14pt;\">Aus seinem Notizheft:<\/span><\/span><\/address>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 14pt; color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva;\">Ist es statthaft als Staatsbeamter von diesem Krieg eine andere Meinung zu haben, als die Allgemeinheit in Deutschland? Besonders sei bemerkt, da\u00df ich meine Pflicht im vollsten Ma\u00dfe gethan habe und noch thue!<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\">1. Heldentod!<\/span><\/strong><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\"> Ein Sch\u00fctzengraben vor Antwerpen. Furchtbares Granatfeuer! Im Graben lauter bleiche, verst\u00f6rte Gesichter! Stiere, angstvolle Augen, kein Kopf wagt sich, der Granatsplitter wegen \u00fcber den Rand des Grabens. Alles an die Wand geschmiegt, als wollten sie in den Erdboden kriechen. Ein Volltreffer. Heftiger Schlag!\u00a0Markdurchdringende Aufschreie! 2 bis 3 tot, ebenso viele verwundet!<\/span><\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\"> Wo bleibt da die Poesie vom Heldentod?<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\">2. Habe ich belgische und franz\u00f6sische Zivilisten und Soldaten gefragt! Nicht ein einziger w\u00fcnschte den Krieg, oder h\u00e4tte Interesse an dem Krieg! Im Gegenteil, allen war es von der ersten Minute an ein unbequemes MUSS!<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\">3. Man betrachte die Gesichter meiner (leider sehr zusammen-geschmolzenen) Kameraden, wenn Befehl kommt: zur\u00fcck in Reserve! Man betrachte die Minen wieder, wenn es hei\u00dft an die Front. Schon aus den Bemerkungen, die auch von Offizieren fallen, h\u00f6rt man da\u00df alles nur dem MUSS gehorcht!<\/span><\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\"> Wo bleibt da die Heldenpoesie?<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\">4. Wie stelle ich mich zum Gebot: Du sollst nicht t\u00f6ten?<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\">5. Wenn ich im sonstigen Leben einen Menschen t\u00f6te und damit z.B. Kindern den Vater, der Frau den Mann, den Eltern den Sohn raube, werde ich als der gr\u00f6\u00dfte Schandfleck am sozialen K\u00f6rper der Menschheit in allen illustrierten Bl\u00e4ttern abgebildet und alles sieht mich mit Grauen an.<\/span><\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\"> Jetzt wird dieser wilde \u2013 sozusagen heidnische, tierische Trieb im Menschen geweckt, w\u00e4hrend sonst gerade diese Triebe von den Erziehern der Menschheit \u2013 am gr\u00fcndlichsten ausgemerzt werden.<\/span><\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"color: #000000;\"><strong><span style=\"font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\"> Wird doch zum Beispiel schon dem Kind auch die Verst\u00fcmmelung des kleinsten und unscheinbarsten Tieres als eine Rohheit hingestellt.<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: trebuchet ms,geneva; font-size: 14pt;\">\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Paul Lotz siehe\u00a0 http:\/\/win2014.de\/?p=1076 Erlebnisse des Seewehrmanns Paul Lotz (1914) Es war am 3. 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