{"id":2738,"date":"2016-01-12T12:11:50","date_gmt":"2016-01-12T11:11:50","guid":{"rendered":"http:\/\/win2014.de\/?page_id=2738"},"modified":"2016-01-30T13:07:31","modified_gmt":"2016-01-30T12:07:31","slug":"brief-eines-sanitaeters-aus-lille-1916","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/win2014.de\/?page_id=2738","title":{"rendered":"Brief eines Sanit\u00e4ters aus Lille, 1916"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: georgia,palatino;\">Der Sanit\u00e4ter, der hier an seine Tante schreibt, hei\u00dft <\/span><span style=\"font-family: georgia,palatino;\">Georg Dre\u00dfler. Er schreibt seinen Brief Anfang Oktober 1916 aus Lille in Frankreich. Am Ende dieses Jahres werden bei Verdun 700 000 Soldaten ihr Leben verloren haben, ohne dass die Front sich einen Zentimeter b<\/span><span style=\"font-family: georgia,palatino;\">ewegt hat. Die Schlacht an der Somme endet im November 1916 mit \u00fcber einer Million toter oder verwundeter Soldaten. Der Steckr\u00fcbenwinter wird ab November 1916 auch die deutsche Bev\u00f6lkerung zu Hause hart treffen. Wie soll man da die neuen \u201eSchlager\u201c verstehen, die jetzt zum Tanz aufgespielt werden: \u201eDie kleinen M\u00e4dchen, die m\u00fc\u00dft ihr fragen\u201c, \u201eMachen wir&#8217;s den Schwalben nach\u201c, \u201eM\u00e4del gibt es wunderfeine\u201c und \u201eOhne Weiber geht die Chose nicht\u201c.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: georgia,palatino;\">Georg Dre\u00dfler ist in Lille stationiert. Hier werden andere Lied<\/span><span style=\"font-family: georgia,palatino;\">er gesungen:\u201eO Deutschland hoch in Ehren!\u201c oder \u201eHaltet aus im Sturmgebraus!\u201c Im Brief an seine Tante schildert er schonungslos seinen grausamen Dienst als Sanit\u00e4ter. \u00dcber sein pers\u00f6nliches Empfinden und Leiden hinaus berichtet er seiner Tante \u00fcber zwei dramatische Ereignisse, die sich im Januar und Juli dort abgespielt haben: die Munitionslager-Explosion in Lille und die Schl<\/span><span style=\"font-family: georgia,palatino;\">acht bei Fromelles.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"mso-bidi-font-size: 12.0pt; font-family: 'Garamond','serif'; mso-fareast-font-family: 'Times New Roman'; mso-bidi-font-family: 'Times New Roman'; mso-fareast-language: DE;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 18px;\"><strong style=\"mso-bidi-font-weight: normal;\"><span style=\"font-family: 'Arial','sans-serif'; color: #c00000;\">Die Schla<\/span><\/strong><strong style=\"mso-bidi-font-weight: normal;\"><span style=\"font-family: 'Arial','sans-serif'; color: #c00000;\">ch<\/span><\/strong><strong style=\"mso-bidi-font-weight: normal;\"><span style=\"font-family: 'Arial','sans-serif'; color: #c00000;\">t bei Fromelles<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: georgia,palatino;\">Die Schlacht bei Fromelles fand am 19. Juli 1916 statt. Die Alliierten hatten hier eine vermeintliche Schwachstelle der Deutschen ausgemacht. Ein kleiner Entlastungsangriff sollte die Versorgungslage f\u00fcr Waffen und Lebensmittel bessern. Die alliierten Truppen brauchten n\u00e4mlich dringend Nachschub im Kampf gegen die Deutschen. Doch geriet diese Aktion zu einem riesigen Desaster. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: georgia,palatino;\">Wie schon an der Somme wurden auch hier Neuseel\u00e4nder, S\u00fcdafrikaner, Inder und Australier eingesetzt. Nach dreit\u00e4gigem schwerem Artilleriefeuer griffen die Briten und Australier am Abend des 19. Juli 1916 die Stellungen der Deutschen an. Die bayrischen Truppen konnten in ihrem gut gesicherten Gr\u00e4ben und Bunkern den Angriff stoppen. Am Ende des Gemetzels waren etwa 1500 Briten und 1500 Deutsche tot oder verwundet. Doch am schwersten hatte es die Australier getroffen: 5533 Soldaten waren vermisst, get\u00f6tet oder verletzt. Bis heute gilt dieser Tag als einer der \u201eschlimmsten in Australiens gesamter Geschichte\u201c.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em style=\"mso-bidi-font-style: normal;\"><span style=\"mso-bidi-font-size: 12.0pt; font-family: 'Garamond','serif'; mso-fareast-font-family: 'Times New Roman'; mso-bidi-font-family: 'Times New Roman'; mso-fareast-language: DE;\">http:\/\/www.visitbattlefields.co.uk\/tours\/bff\/fromelles-the-forgotten-battlefield\/Included<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong style=\"mso-bidi-font-weight: normal;\"><span style=\"mso-bidi-font-size: 12.0pt; font-family: 'Arial','sans-serif'; mso-fareast-font-family: 'Times New Roman'; color: #c00000; mso-fareast-language: DE;\">\u00a0<\/span><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 18px;\"><strong style=\"mso-bidi-font-weight: normal;\"><span style=\"font-family: 'Arial','sans-serif'; color: #c00000;\">Die Explosion in Lille<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"mso-bidi-font-size: 12.0pt; font-family: 'Garamond','serif'; mso-fareast-font-family: 'Times New Roman'; mso-bidi-font-family: 'Times New Roman'; mso-fareast-language: DE;\"><span style=\"font-family: georgia,palatino;\">Am 11. Januar 1916 um 3 Uhr 30 nachts wurde Lille von einer heftigen Explosion ersch\u00fcttert. Die Bastion \u201e18 Ponts\u201c war in die Luft gegangen. Sie war Teil der Befestigungsanlage der Stadt und bestand aus \u00fcberw\u00f6lbten Bunkern, die als Pulvermagazin dienten. Die Deutschen hatten in der Bastion Munition und Sprengstoff eingelagert. Die Explosion war \u00fcber 150 Kilometer entfernt in Ostende, Br\u00fcssel und Breda zu h\u00f6ren gewesen. \u00dcber die Ursachen der Explosion ist nichts Genaues bekannt.<\/span> <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"mso-bidi-font-size: 12.0pt; font-family: 'Garamond','serif'; mso-fareast-font-family: 'Times New Roman'; mso-bidi-font-family: 'Times New Roman'; mso-fareast-language: DE;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 18px;\"><strong style=\"mso-bidi-font-weight: normal;\"><span style=\"font-family: 'Arial','sans-serif'; color: #c00000;\">Der Brief von Georg Dre\u00dfler an seine Tante<\/span><\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: georgia,palatino; color: #008080; font-size: 12pt;\">Geschrieben d. 6. X. 1916.<\/span><span style=\"font-family: georgia,palatino; color: #008080; font-size: 12pt;\">Meine liebe Tante!<\/span><span style=\"font-size: 12pt;\"><span style=\"font-family: georgia,palatino; color: #008080;\">Endlich komme ich einmal dazu Dir zu schreiben. Du wirst schon oft gedacht haben, da\u00df ich Dir Deine Gastfreundschaft schlecht lohne und mein Versprechen nicht halte. Aber schau liebe Tante, als ich vom Urlaub zur\u00fcckkam, fing eine Zeit schwerer Arbeit f\u00fcr uns an, am 19. Juli und 20. waren die schweren K\u00e4mpfe bei Fromelles in unserer n\u00e4chsten N\u00e4he. Du wirst vielleicht in der Zeitung gelesen haben davon. Seit dieser Zeit ist die T\u00e4tigkeit auf beiden Seiten immer sehr leb<\/span><span style=\"font-family: georgia,palatino; color: #008080;\">haft und da ist man froh wenn man einmal einen halben Tag seine vollst\u00e4ndige Ruhe hat, auch vom Schreiben.\u00a0<\/span><\/span><span style=\"font-size: 14px;\">\u00a0<\/span><span style=\"font-size: 12pt;\"><span style=\"font-family: georgia,palatino; color: #008080;\">Durch die lange Dauer des Krieges wird man so gleichg\u00fcltig gegen alles, K\u00f6rper und Geist wird abgestumpft und reagiert nicht mehr auf das was ei<\/span><span style=\"font-family: georgia,palatino; color: #008080;\">nem fr\u00fcher ungewohnt, neu und schrecklich vorkam. Das Schreien der oft schwer verst\u00fcmmelten Verwundeten l\u00e4\u00dft einen kalt, man hat zu viel zu thun mit ihnen, ein Sanit\u00e4ter darf nicht zimperlich sein, <\/span><span style=\"font-family: georgia,palatino; color: #008080;\">sonst w\u00fcrde er wahnsinnig werden bei all dem Elend, das der Krieg mit sich bringt. Durch die st\u00e4ndige Beherrschung und Niederzwingung des Mitgef\u00fchls wird man zuletzt wirklich immun dagegen. <\/span><\/span><span style=\"font-size: 12pt;\"><span style=\"font-family: georgia,palatino; color: #008080;\">Heute habe ich Geschlechtskranke zu begleiten nach Tournai in Belgien, morgen Geisteskranke nach Valenciennes zu bringen und \u00fcbermorgen, nun da ist wieder ein Lazarettzug zu verladen und Bahnhofwache zu stehen. Die einzige freundliche Abw<\/span><span style=\"font-family: georgia,palatino; color: #008080;\">echslung ist unser Garten, den wir uns angelegt haben, um unsere Suppen zu verbessern und frisches Gem\u00fcse und neue Kartoffeln zu bekommen. Es werden t\u00e4glich ein paar andere abkommandiert zur Gartenarbeit, da ist man wenigstens f\u00fcr einige Stunden weg von den Tragbahren vom Eiter, Blut und \u00c4thergeruch und von der dumpfen, stickigen Luft des Bahnhofs. Da w\u00e4re ich viel lieber in der Heimat geblieben. Dort gibt es wenigstens stille W\u00e4lder und friedliche Wohnst\u00e4tten. Aber hier atmet alles Krieg und absto\u00dfende Fremdheit.<\/span><\/span><span style=\"font-family: georgia,palatino; color: #008080; font-size: 12pt;\">Am Bahnhof entlang dehnt sich ein ganzes Stadtviertel vollst\u00e4ndig zerschossen und ausgebrannt. Die verkohlten Balken und eisernen Tr\u00e4ger sind notd\u00fcrftig etwas zur Seite ger\u00e4umt, ebenso der Schutt, um die Stra\u00dfen wieder frei zu bekommen. An den Stellen, wo Einsturzgefahr zu bef\u00fcrchten ist, stehen Schutzleute, damit niemand zu nahe hinkommt. Dann eine halbe Stunde weiter beim s\u00fcdbahnhof wo die gr\u00f6\u00dfte Explosion aller Zeiten stattfand, am 11. Januar dieses Jahres. Sie zerst\u00f6rte allein ein ganzes Viertel von Lille. Darunter eine gro\u00dfe Schuh- und Lederfabrik. Die gro\u00dfen Ladehallen des S\u00fcdbahnhofes kippten teilweise um, und die Kohlenlager und Geleise wurden versch\u00fcttet. Die Sanit\u00e4tsmannschaften hatten viele M\u00fche, um die Umgekommenen und lebendig Begrabenen aus den Tr\u00fcmmern zu ziehen. Es war meistens franz. Zivilbev\u00f6lkerung. Einige Hundert. Darunter nur 30 Mann deutsches Milit\u00e4r. Es war ein Gl\u00fcck, da\u00df das Munitionsdepot so weit au\u00dfen an der Stadtgrenze lag, sonst w\u00e4re halb Lille vom Erdboden weggefegt worden. Ich kam erst 8 Wochen sp\u00e4ter hierher von den Vogesen aus, aber noch damals lagen in halb Lille die Glasscherben der zerbrochenen Fensterscheiben auf der Stra\u00dfe. die der ungeheure Luftdruck, der \u00fcber der Stadt raste, auf die Stra\u00dfe warf.\u00a0<\/span><span style=\"font-family: georgia,palatino; color: #008080; font-size: 12pt;\">Liebe Tante. Erst heute komme ich dazu den Brief zu vollenden. Ich hatte schon seit einigen Tagen Durchfall durch das viele Konservenzeug, das man hier essen mu\u00df und am 10. wurde die Sache schlimm. Ich hatte Blut im Stuhlgang und bekam Fieber. Also ging ich ins Lazarett. Ich hatte die Ruhr. Bin aber schon wieder auf dem Besserungsweg. Wird wohl noch 14 Tage dauern, bis ich wieder arbeiten kann. Gru\u00df an Deine S\u00f6hne. Ihre Adressen habe ich verloren. Vielleicht bist Du so gut und teilst sie mir noch einmal mit. <\/span><span style=\"font-family: georgia,palatino; color: #008080; font-size: 12pt;\">Auf Wiedersehen bald.<\/span><span style=\"font-family: georgia,palatino; color: #008080; font-size: 12pt;\">Dein Neffe Georg Dre\u00dfler.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sanit\u00e4ter, der hier an seine Tante schreibt, hei\u00dft Georg Dre\u00dfler. Er schreibt seinen Brief Anfang Oktober 1916 aus Lille in Frankreich. 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