{"id":2147,"date":"2015-01-30T16:42:31","date_gmt":"2015-01-30T15:42:31","guid":{"rendered":"http:\/\/win2014.de\/?page_id=2147"},"modified":"2019-10-17T23:37:39","modified_gmt":"2019-10-17T21:37:39","slug":"ernst-barlach","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/win2014.de\/?page_id=2147","title":{"rendered":"Ernst Barlach"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>In seinen Erinnerungen und Betrachtungen hat Fritz Schumacher kurz vor seinem Tod geschildert, welche Schwierigkeiten es bei der Entstehung des Denkmals am Hamburger Rathaus gab. Der folgende Text ist dem Buch entnommen:<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Fritz Schumacher, Selbstgespr\u00e4che, Erinnerungen und Betrachtungen, im Axel Springer Verlag Hamburg, 1949, S.202ff.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hamburg war bis vor zwei Jahrzehnten wohl die an \u00f6ffentlicher Plastik \u00e4rmste Stadt Deutschlands. Was es durch alle die Jahrhunderte an k\u00fcnstlerischen Malen aufgestellt h\u00e4tte, lie\u00df sich beinahe an den Fingern einer Hand aufz\u00e4hlen. Man mu\u00dfte es deshalb als eine der ungeschriebenen Aufgaben eines Leiters der Stadt betrachten, diesen Zustand zu \u00fcberwinden. Trotz der schweren Zeiten gelang es, in etwa zw\u00f6lf Jahren Arbeiten von allen ernsthaften Hamburger Bildhauern im Stadtbilde zu zeigen und dar\u00fcber hinaus Werke von au\u00dferhamburgischen Meistern wie Hildebrand, Hahn, Kolbe, Wrba, Lederer, dem jungen Begas und Gaul zur \u00f6ffentlichen Aufstellung zu bringen.<br \/>\nAber Ernst Barlach fehlte.<br \/>\nAuf ihn hoffte ich, als der Wettbewerb f\u00fcr das Ehrenmal des Weltkrieges ausgeschrieben wurde.<br \/>\nUm den Weg f\u00fcr diesen Wettbewerb freizumachen, hatte zuvor eine der schwersten Aufgaben gel\u00f6st werden m\u00fcssen, die man in Hamburg anpacken konnte: die Befreiung des Rathausplatzes von dem st\u00f6renden st\u00e4dtebaulichen Mi\u00dfgriff, den die Art der Aufstellung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals auf diesem Platze bedeutete.<br \/>\nIn langem Ringen war nach dem Gro\u00dfen Brande von 1842 durch ein merkw\u00fcrdiges Zusammenwirken von zwei bedeutenden Architekten, Semper und Chateauneuf, ein Platzgebilde als neues Herz Hamburgs entstanden, dessen fruchtbares Wesen auf der Art beruht, wie sich der ost-westlich gelagerte Raum des Rathausplatzes hakenf\u00f6rmig in nord-s\u00fcdlicher Richtung \u00fcber die \u201eKleine Alster&#8220; hinweg erweitert und gleichsam ausstr\u00f6mt in den von keinen Geb\u00e4uden abgeschlossenen, freien Himmelsblick, der sich \u00fcber der Wasserfl\u00e4che der Binnenalster breitet. Dieser eigent\u00fcmliche r\u00e4umliche Zusammenhang, der nur im Markusplatz Venedigs ein Analogon findet, war durch das Kaiserdenkmal zerst\u00f6rt. Nicht nur, weil seine gewaltigen Massen den Raum des Rathausplatzes auffra\u00dfen, sondern weit mehr noch, weil es als Degenspieler des Rathauses eine beherrschende Nord-S\u00fcd-Achse den Platz hineinbrachte und ihn dadurch losri\u00df aus jenem einheitlichen Zusammenhang der R\u00e4ume, der das eigentliche Wesen dieses Herzst\u00fccks der heutigen Stadt ausmacht.<br \/>\nEine seltsame F\u00fcgung des Schicksals hat es gewollt, da\u00df Ernst Barlachs erster gro\u00dfer Erfolg mit diesem Kaiser-Wilhelm-Denkmal verkn\u00fcpft ist. Mit Garbers zusammen erhielt seine Arbeit bei einem Denkmalswettbewerb den ersten Preis.<br \/>\nMenschlich war es f\u00fcr den jungen Bildner ein harter Schlag, da\u00df man \u00fcber dieses Ergebnis glatt hinwegging und den Auftrag seinem den \u201ebew\u00e4hrten&#8220; Meister Schilling erteilte. &#8211; K\u00fcnstlerisch kann man zufrieden damit sein, da\u00df Barlachs Name nicht mit feinem auffallenden Werk verbunden ist, das mit Gruppen von \u201eIdealfiguren\u201c arbeitete, die uns heute eher an Begas als an Barlach erinnern.<br \/>\nImmerhin erschien es mir wie eine Art sp\u00e4ter Genugtuung f\u00fcr diese fr\u00fche Entt\u00e4uschung, wenn nach der gl\u00fccklich erk\u00e4mpften Versetzung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals der nunmehr wieder an urspr\u00fcnglicher Sch\u00f6nheit zur\u00fcckgewonnene Raum doch noch durch ein Barlach-Werk eine stille Beseelung erhielte.<br \/>\nDer Wettbewerb schien diesem Ziel nicht n\u00e4herzuf\u00fchren. Im Zusammenhang mit der sch\u00f6n gerundeten Wassertreppe der \u201eKleinen Alster&#8220; sollte am Gelenkpunkt des hakenf\u00f6rmigen Platzes ein \u201eschlichtes Mal\u201c entstehen. Barlach schlug vor, hierher die Riesengestalt eines in die Knie gesunkenen Mannes zu setzen, der im Begriff sich aufzurichten, die Ketten abstreift, die seine H\u00e4nde auf dem R\u00fccken fesseln: \u201eDer Ersch\u00fctterte\u201c.<br \/>\nDas Preisgericht sprach sich grunds\u00e4tzlich gegen jede Kolossalplastik an dieser Stelle aus, es scheute auch die M\u00f6glichkeit, da\u00df die Befreiung aus dem dargestellten Zustand der Fesselung nicht voll verst\u00e4ndlich werden w\u00fcrde, kurz, es ging \u00fcber den Vorschlag hinweg und entschied sich f\u00fcr eine schlanke, einundzwanzig Meter hohe stelenartige Tafel, die wie das steinerne Blatt einer Chronik verk\u00fcndete: \u201eVierzigtausend S\u00f6hne der Stadt lie\u00dfen ihr Leben f\u00fcr Euch\u201c. Klaus Hoffmann hatte diesen Gedanken edel gestaltet.<br \/>\nDieses steinerne Chronikblatt wirkte aber auf dem gew\u00e4hlten Standort nicht nur zum Rathausplatz hin\u00fcber, sondern vielleicht ebenso stark nach der Seite der Alsterarkaden. Diese Seite konnte nicht leer ins Leben blicken, hier mu\u00dfte die Chronik durch K\u00fcnstlerhand ihre Fortsetzung finden. Das Ziel, das dadurch auftauchte, war mir klar, es hie\u00df: Ernst Barlach trotz allem.<br \/>\nIch will hier nicht schildern, welche K\u00e4mpfe zu bestehen waren, bis es gelang, den Auftrag zu einer Besprechung mit Barlach zu erlangen. Kein Wunder, da\u00df ich nach dieser langen Vorgeschichte voll Spannung in der Bahn sa\u00df; wer konnte wissen, ob die Fortsetzung in G\u00fcstrow gl\u00fccken w\u00fcrde?<br \/>\nErnst Barlach war f\u00fcr das Bewu\u00dftsein des gro\u00dfst\u00e4dtischen Kunstpublikums eine Art mythischer Person geworden. Ganz zur\u00fcckgezogen und dem modischen Getriebe entronnen, entsandte er aus dem kleinen mecklenburgischen St\u00e4dtchen bald eine von geheimnisvollem Leben erf\u00fcllte Plastik, bald ein seltsam tiefsinniges Drama, bald ein graphisches Werk von grotesker K\u00fchnheit.<br \/>\nEs war leicht zu erkennen, da\u00df der \u201eErsch\u00fctterte\u201c den K\u00fcnstler tief bewegt hatte, und so war es nat\u00fcrlich, da\u00df ich mit einigem Zagen daranging, diesem Einsiedler mit einem Vorschlag zu kommen, der nicht aus seinem eigenen Innern geboren war.<br \/>\nDer schm\u00e4chtige, verwitterte Mann, der mich am Bahnhof empfing, war denn auch sichtlich erregt. Als ich auf dem Weg zum Atelier zu entwickeln begann, wie wir die L\u00f6sung auffa\u00dften, die jetzt zur Ausf\u00fchrung kommen sollte, und weshalb es nicht die seine sein konnte, sah ich, wie seine H\u00e4nde zitterten. Als ich dann im Atelier auf Sinn und Wesen des Anteils zu sprechen kam, den ich ihm bei der neuen L\u00f6sung zugedacht hatte, stand er pl\u00f6tzlich auf, legte seine Hand auf meinen Arm und sagte: \u201eSie brauchen nichts weiter zu sagen, &#8211; es ist wundervoll.\u201c Dann aber \u00fcberfiel ihn, nachdem er sich sinnend eine Zeitlang die ganze Lage vergegenw\u00e4rtigt hatte, eine Unruhe, ob es ihm auch gelingen w\u00fcrde, der gro\u00dfen Forderung gerecht zu werden. Schlie\u00dflich brach er ab: \u201eDar\u00fcber darf man nicht nachdenken. Das kommt oder kommt nicht, ohne da\u00df man wei\u00df warum. Kommen Sie, nun sollen Sie sehen, was mich gegenw\u00e4rtig besch\u00e4ftigt. Vielleicht f\u00fchrt es uns ganz von selbst ab und an auf Hamburg zur\u00fcck.&#8220;<br \/>\nUnd nun zeigte er mir sein Reich. Das \u00c4u\u00dfere dieses Reiches war von erstaunlicher Primitivit\u00e4t. Ich hatte gedacht, da\u00df ein K\u00fcnstler, der in G\u00fcstrow lebt, sich wenigstens die Reize der kleinen Stadt zu eigen machte. Barlach aber hauste damals in einem Schuppen, der auf einem unordentlichen Werkplatz stand; die ganze Umgebung trug den trostlosen Charakter, den die Zwischenzone zwischen altem Stadtkern und Bahnhof in deutschen Kleinst\u00e4dten zu haben pflegt. In diesem unwirtlichen Geh\u00e4use nahmen sich die Kunstwerke h\u00f6chst seltsam aus.<br \/>\nUnter ihnen traten vor allem die mancherlei Entw\u00fcrfe hervor, die er auf Anregung Carl Georg Heises f\u00fcr die leeren Nischen der Stirnseite der L\u00fcbecker Katharinenkirche machte. Es war sehr erleuchtend zu sehen, wie Barlachs Art sich ganz von selber und ohne jede von au\u00dfen kommende Anpassung in das mittelalterliche Gef\u00fcge einer herben Backsteinarchitektur eingliedert. W\u00e4re dies Werk vollendet worden, so w\u00fcrde es eine der merkw\u00fcrdigsten und gro\u00dfartigsten Verbindungen zweier durch Jahrhunderte getrennten Kunstwelten sein.<br \/>\nDas Sch\u00f6nste aber war in einem besonderen Kabinett verborgen, es waren die ersten plastischen Entw\u00fcrfe zu jenem Zyklus der \u201eLauschenden\u201c, mit dem er den Musiksaal der Tilla Durieux schm\u00fccken sollte. Alle nur erdenklichen Arten, wie der ergriffene Mensch das Geheimnis der T\u00f6ne in sich klingen l\u00e4\u00dft, sind hier sichtbar gemacht. Zwei Sinneswelten scheinen sich leise zu ber\u00fchren.<br \/>\nAls Erg\u00e4nzung zu diesen Eindr\u00fccken bat ich Barlach, gleich in den Dom gehen zu d\u00fcrfen, um dort sein Kriegsgedenkmal zu gehen. Ich hatte eine hohe Meinung von diesem Werk mitgebracht, aber nur wer diese Gestalt im Halbdunkel des Seitenschiffes der Domkirche wirklich schweben sah, wei\u00df etwas von der geheimnisvollen Macht, die von ihr ausgeht. &#8211; \u201eF\u00fcr mich hat w\u00e4hrend des Kriegs die Zeit stillgestanden. Sie war in nichts anderes Irdisches einf\u00fcgbar. Sie schwebte. Von diesem Gef\u00fchl wollte ich in dieser im Leeren schwebenden Schicksalsgestalt etwas wiedergeben.\u201c Das etwa sagte Barlach in der seltsam abgehackten Weise, in der er sprach, immer den halb vollendeten Satz abbrechend und dann unter Wiederholung der letzten Worte den Ausspruch zu Ende f\u00fchrend. Sich leise hin und her wiegend, konnte er in dieser stockenden Art sehr ungew\u00f6hnliche Dinge sagen, ohne da\u00df es pathetisch oder literarisch klang. Die Welt, n der er lebte, war nun einmal ganz anders als die gew\u00f6hnliche Welt, das offenbaren seine Dramen vielleicht noch unmittelbarer als seine Plastiken. Und er geh\u00f6rte nicht etwa zu den K\u00fcnstlern, die neben dieser Welt noch eine zweite f\u00fcr den Alltagsbedarf haben, die dann der Au\u00dfenstehende meist allein zu sehen bekommt. Er gab sich immer unbewu\u00dft als der gleiche, und wenn er von weitem gesehen vielleicht manchem den Eindruck eines kleinen versonnenen Handarbeiters machte, kann derjenige, der in seine Augen gesehen hat, nicht mehr daran zweifeln, da\u00df ihm etwas Ungew\u00f6hnliches begegnet war; man f\u00fchlte die eigent\u00fcmliche Verkl\u00e4rung eines unerkannt durch die Welt schreitenden Propheten. Manchmal aber glaubte man auch, mit einer jener phantastischen Gestalten zusammen zu sein, die alte Sagen zwischen Mensch und Natur eingeschaltet haben: einem Waldschratt oder einem Herrscher der Wichtelm\u00e4nner, der Dinge sieht, die uns anderen Menschen verborgen bleiben. Man kann Barlachs Werke erst richtig verstehen, wenn man diese geheimnisvollen Mischungen erlebt hat. Sie spielen \u00fcberall in die Welt seiner Sch\u00f6pfungen doppeldeutig hinein.<br \/>\nNach dem Essen im Hotel fragte Barlach, ob er mir nun sein \u201eWohnzimmer\u201c zeigen solle. Das war aber kein gebauter Raum, sondern das St\u00fcck weiter Landschaft um G\u00fcstrow herum, dem er sich besonders verbunden f\u00fchlte: die alten Bauernsiedlungen, die zwischen den leicht gewellten Feldern und W\u00e4ldern liegen, die uralte Steinkirche des Gutes Bellin mit ihren fr\u00fchromanischen Wandbildern, der weite See mit seinen Schilfinseln. Als wir aber wieder auf dem Bahnhof standen, zeigte sich das seltsame Widerspiel zu dieser Naturverbundenheit: Barlach deutete auf ein Fenster des unwirtlichen Wartesaales und sagte: \u201eAn diesem Fenster habe ich viele Jahre lang t\u00e4glich zu Mittag gegessen.&#8220; Als ich ihn voll unverhohlenem Erstaunen ansah, f\u00fcgte er hinzu: \u201eSonst h\u00e4tte ich es hier in G\u00fcstrow nicht ausgehalten. Aber wenn ich da jeden Mittag den Schnellzug Berlin-Paris halten sah und mir sagte: \u201aDu brauchst nur einzusteigen, dann bist du morgen in Paris\u2018 -, dann f\u00fchlte ich mich wieder frei und nicht wie ein Gefangener.\u201c<br \/>\nDies naive Mittel lie\u00df in seelische Perspektiven blicken, die einen wohl zu r\u00fchren verm\u00f6gen. Und in der Tat erz\u00e4hlte er weiter, wie er beinahe der lockenden Aussicht auf ein Berliner Meisteratelier erlegen und nur durch einen Zufall im alten Gleise geblieben w\u00e4re. Ich sagte: \u201eDas hat uns wahrscheinlich sieben Dramen eingebracht.\u201c Er best\u00e4tigte, da\u00df er die St\u00fccke in Berlin eher nicht geschrieben h\u00e4tte, die entst\u00e4nden nur beim Wandern seinem \u201eWohnzimmer\u201c.<br \/>\nDas war mein erster denkw\u00fcrdiger Besuch in G\u00fcstrow. Kurze Zeit danach kam Barlach eines Abends zu mir in meine Wohnung mit einem ganzen Packen von Zeichnungen, in denen er versucht hatte, das Thema zu fassen, das wir verabredet hatten: mutiges Zusammenraffen aus tiefem Leid.<br \/>\nEine wirkliche L\u00f6sung war noch nicht dabei, aber Anl\u00e4ufe zu \u00f6ffnungsvollen Gestaltungen, die wir besprachen. Und bald darauf erhielt ich als Ergebnis dieser Beredung zwei Bl\u00e4tter: das eine zeigte eine streng achsial komponierte Frauengestalt, die aus Erstarrung erwachend mit beiden H\u00e4nden das Tuch zur\u00fcckschl\u00e4gt, das bisher ihr Haupt verh\u00fcllte, darunter in drei schmalen Reliefstreifen tote Krieger; das andere zeigte die Gestalt der ins Weite schauenden leidgezeichneten Mutter, die mit zarter Geb\u00e4rde ihr Kind tr\u00f6stet, w\u00e4hrend ihr Blick mit gefa\u00dfter Zuversicht n der Zukunft weilt. Zaghaft schrieb er dazu, da\u00df er nicht wisse, ob diese zweite L\u00f6sung, die ihm eigentlich allein am Herzen liege, in Betracht kommen k\u00f6nne. Aber ich antwortete sofort, ich w\u00fcrde pur diese letzte Komposition bei meinen weiteren Schritten zugrunde legen.<br \/>\nIn Barlachs Skizze war aus der Wand des Denkmals eine leicht vertiefte rechteckige Fl\u00e4che herausgearbeitet, auf der das Relief sich erhob. Das Ganze sah dadurch wie eine in den Stein eingesetzte Plakette aus. Das wollte mir nicht gefallen, da diese siebeneinhalb Meter hohe Plakette in der zwanzig Meter hohen Fl\u00e4che nur einen willk\u00fcrlich erscheinenden Platz erhalten konnte. Das war anders, wenn man die Darstellung nicht mit rahmenden Linien einfa\u00dfte. Ich \u00fcberredete ihn, das Bildwerk unmittelbar in der Art einer gewaltigen graphischen Darstellung in die Fl\u00e4che zu graben und nur aus der markanten Linie heraus die f\u00fcr das Relief n\u00f6tigen verschiedenen Tiefen zu gewinnen. Er ging darauf ein, und mit unerm\u00fcdlichem Eifer arbeitete er Entwurf auf Entwurf heraus, bis die Dynamik des Umrisses in zartester Weise wechselte und das schwierige stilistische Problem dieses vertieft feingebetteten Reliefs zur letzten L\u00f6sung gebracht war.<br \/>\nBarlach hatte sich inzwischen f\u00fcr diese Arbeit ein neues Atelier gebaut. Als ich meinen zweiten Besuch in G\u00fcstrow machte, sah seine Umgebung ganz anders aus. Zwischen den sch\u00f6nen B\u00e4umen des Heidbergs dicht am See war dieser Atelierbau entstanden, und es geh\u00f6rte auch ein kleines Wohnhaus dazu, das mit ihm verbunden war. Aber es war bezeichnend f\u00fcr Barlach, da\u00df er sich nicht entschlie\u00dfen konnte, in diese \u201eVilla\u201c einzuziehen. Er \u00fcberlie\u00df sie seinem treuen Helfer Bernhard B\u00f6hmer und seinem eben erwachsenen Sohn Klaus. Er selber blieb in den beiden Dachr\u00e4umen, die er in dem benachbarten kleinen Hause zur Miete bewohnte. Ich konnte das wohl begreifen, denn diese beiden offen ineinandergehenden R\u00e4ume, in denen ich mehrmals einige Stunden der Ruhe verbrachte, bildeten eine so eigent\u00fcmliche Lebens-Umwelt, da\u00df ihr Reiz in einem Neubau schwerlich wieder erreicht werden konnte. Im Wohnraum waren die W\u00e4nde mit verschiedenen groben Stoffen behangen, von denen man aber wenig sah, weil sie bedeckt waren mit Zeichnungen, \u00d6lskizzen und Plastiken, teils von Barlach selber, teils von Freunden. In einer Ecke hing eine Sammlung von Totenmasken, in einer anderen stand ein Skelett; alle M\u00f6bel waren schwer und massiv: Der Schlafraum wirkte freier trotz eines riesigen alten Himmelbettes, an dessen Fu\u00dfende eine kunstvolle Wiege stand. Das Ganze mutete an wie die Umwelt eines mittelalterlichen Magiers, und doch war es eigent\u00fcmlich behaglich.<br \/>\nIm Atelier sah man den L\u00fcbecker \u201eBettler\u201c und einen gro\u00dfen, in Holz geschnitzten \u201eLesenden\u201c, aber es wurde ganz beherrscht vom Hamburger Relief, das man nun bei den weiteren Besuchen langsam entstehen sah. Es war bezeichnend f\u00fcr Barlachs Schaffensweise, da\u00df er es zun\u00e4chst in einem gr\u00f6\u00dferen Zwischenma\u00dfstab in Holz schnitt, dann erst waren ihm alle Absichten so vertraut, da\u00df er das Werk in halber Gr\u00f6\u00dfe in Gips aufbaute. Er schnitt die Formen aus dem harten Gips heraus. Trotz der nur halben Gr\u00f6\u00dfe wirkte das Bildwerk im geschlossenen Raum fast gr\u00f6\u00dfer als sp\u00e4ter am Denkmal, wo man schwerlich auf siebeneinhalb Meter raten w\u00fcrde.<br \/>\nAls Klaus Hoffmann und ich schlie\u00dflich das endg\u00fcltige Modell abgenommen hatten, machten wir drei uns wieder einen guten Tag, fuhren im Lande herum und freuten uns, wie wundervoll die Zeugen alter Kultur in diese Landschaft eingef\u00fcgt sind, durch deren erhabenen Frieden gespenstisch der klagende Ruf der Rohrdommel t\u00f6nt.<br \/>\nAls am Jahrestag des Kriegsbeginns fr\u00fch morgens die H\u00fcllen fielen, hinter denen man gemei\u00dfelt hatte, blieb Hamburg stumm, w\u00e4hrend eine ganze Schar hervorragender M\u00e4nner au\u00dferhalb Hamburgs den Eindruck, den das Werk auf sie machte, mit warmen Worten schilderte.<br \/>\nIch hatte diese \u00c4u\u00dferungen gemeinsam mit Dr. Hildebrand Gurlitt durch \u00dcbersendung der Photographien des gro\u00dfen Modells zusammengebracht und mit Hilfe des eifrigen F\u00f6rderers der Barlachschen Sache, Staatsrats Zinn, in einem kleinen Heft sammeln k\u00f6nnen. Wir glaubten, dadurch ein Gegengewicht gegen e geh\u00e4ssigen Stimmen schaffen zu k\u00f6nnen, die sich bereits an vielen Stellen Hamburgs, noch ehe irgendetwas von dem Werk zu sehen war, zu regen begannen. Aber die Presse, der das Heft versandt wurde, nahm nur von abf\u00e4lligen Urteilen Notiz, bestenfalls h\u00fcllte sie sich in Schweigen.<br \/>\nDie stille Morgenfeier der Enth\u00fcllung bestand darin, da\u00df der Regierende B\u00fcrgermeister auf dem noch menschenleeren Platz einen Lorbeerkranz am Denkmal niederlegte. Ich streifte ungesehen in den Alsterarkaden herum. Barlach war nicht erschienen. Drei Tage sp\u00e4ter kam er vom ersten Eindruck seines Werkes zu mir an die Elbe, wo ich einige Tage der Erholung zubrachte, und wir feierten die Vollendung durch einen weiten Spaziergang. dabei wurden die alten Erinnerungen bei ihm wach, und der sonst so stille Mann erz\u00e4hlte mir die ganzen wunderlichen Etappen eines Lebensweges, dessen Ursprung ja von eben diesem St\u00fcck deutscher Erde und ihren Menschen ausging. Trotz aller fast ehrenden Bescheidenheit seines Auftretens lebte er im Gef\u00fchl einer h\u00f6heren Sendung, und ich glaube, da\u00df niemand wirklich gro\u00dfes schaffen kann, der das nicht tut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinen Erinnerungen und Betrachtungen hat Fritz Schumacher kurz vor seinem Tod geschildert, welche Schwierigkeiten es bei der Entstehung des Denkmals am Hamburger Rathaus gab. 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