{"id":1319,"date":"2014-08-25T22:00:58","date_gmt":"2014-08-25T20:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/win2014.de\/?page_id=1319"},"modified":"2015-01-20T20:07:05","modified_gmt":"2015-01-20T19:07:05","slug":"der-kriegskrueppel","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/win2014.de\/?page_id=1319","title":{"rendered":"Der Kriegskr\u00fcppel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Leonhard Frank ver\u00f6ffentlichte 1917 in Z\u00fcrich mehrere Novellen unter dem Titel <em>\u201eDer Mensch ist gut\u201c<\/em>. In Deutschland wurde das Buch sofort verboten. Es sind dies die f\u00fcnf Novellen <em>Der Vater, Die Kriegswitwe, Die Mutter, Das Liebespaar, Die Kriegskr\u00fcppel<\/em>.<br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\"><strong>Leonhard Frank, Der Mensch ist gut <\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\"><strong>Max Rascher, Verlag, Z\u00fcrich, 1918, Copyright 1918 by Max Rascher, Verlag, Z\u00fcrich <\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\"><strong>Geschrieben 1916 bis Fr\u00fchling 1917<\/strong> <\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\"><em><a href=\"http:\/\/www.gutenberg.org\/files\/35176\/35176-h\/35176-h.htm\">http:\/\/www.gutenberg.org\/files\/35176\/35176-h\/35176-h.htm<\/a><\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"font-size: 18pt;\">Die Kriegskr\u00fcppel <\/span><\/strong><br \/>\n\u201aDie Metzgerk\u00fcche\u2018 ist ein sehr gro\u00dfer Raum, doppelt so lang wie breit, und so niedrig, da\u00df der Stabsarzt, im langen, von frischem und altem Menschenblute steifgewordenen Operationsmantel, die Handfl\u00e4che an die Decke legen kann.<br \/>\n\u201aEin Kino h\u00e4tte man hier nicht einrichten d\u00fcrfen. Ein Kino nicht\u2018, f\u00e4llt ihm immer wieder ein. Denn schlie\u00dflich sind alle seine W\u00fcnsche zusammengeflossen in den einen unerf\u00fcllbaren Wunsch, wieder einmal ruhig in einem Kino sitzen zu d\u00fcrfen.<br \/>\nAuf dem Steinplatten-Boden Strohsack neben Strohsack. Auf jedem Strohsack ein Mensch; auf jedem Strohsack das, was von einem Menschen \u00fcbriggeblieben ist. Zugedeckt bis zum Kinn.<br \/>\nDie abges\u00e4gten H\u00e4nde, Arme, F\u00fc\u00dfe, Beine schwimmen in Blut, Watte und Eiter in einem meterhohen, zwei Meter breiten, fahrbaren K\u00fcbel, der bei der T\u00fcr in der Ecke steht und jeden Abend ausgeleert wird. Tadellose Ordnung. Kein Strohhalm auf den nur zwanzig Zentimeter breiten Zwischeng\u00e4ngen und im Mittelgang. F\u00fcnf Reihen Strohs\u00e4cke.<br \/>\nDer mit Zinkblech beschlagene Operationstisch steht im Mittelgang.<br \/>\nDie Fenster werden geschlossen. Und drei Minuten sp\u00e4ter steht wieder der dicke, warme Gestank von faulenden, brandigen Wunden, Eiter, altem Blute, Todesschwei\u00df, Schmerzausd\u00fcnstung, Karbol und Lysol in der Metzgerk\u00fcche, so da\u00df ein gesunder, kr\u00e4ftiger Mensch, der, an frische Luft gew\u00f6hnt, hereintritt, eine Minute sp\u00e4ter Farben vor seinen Augen kreisen sieht und den Boden unter seinen F\u00fc\u00dfen schwanken f\u00fchlt.<br \/>\nIn der Metzgerk\u00fcche, knapp hinter der Front, wird die erste Hilfe gew\u00e4hrt. Schnell. Keine Sekunde Zeitverlust. Hier wird amputiert. In die Metzgerk\u00fcche werden, direkt vom Schlachtfeld weg, die Amputationsbed\u00fcrftigen geschleppt, wahllos: Offiziere und Soldaten. Eine Viertelstunde Zeitverlust kann den Tod bedeuten.<br \/>\nDiejenigen Amputierten, die nicht bewu\u00dftlos sind, nicht schlafen und doch reglos liegen, ganz unbeweglich und lautlos liegen, gl\u00e4nzende Fieberkugeln im Gesicht, sind verloren, entschweben schon.<br \/>\nDie andern br\u00fcllen, schmei\u00dfen sich hoch, kr\u00fcmmen, winden sich, wimmern wie neugeborene Katzen, lachen im Fieberirrsinn, oder bewegen die verst\u00fcmmelten K\u00f6rper ganz langsam, aber ununterbrochen.<br \/>\nDas Leben der Gl\u00fccklichsten besteht abwechselnd darin, da\u00df sie aus der Ohnmacht erwachen und wieder ohnm\u00e4chtig werden. Dazu tr\u00e4gt der dicke Gestank bei. Es ist nicht sehr hell in der Metzgerk\u00fcche.<br \/>\nDer Stabsarzt mu\u00df nach ein bis zwei Amputationen, mu\u00df nach jeder halben Stunde hinaus in die Luft, damit ihm w\u00e4hrend der n\u00e4chsten Amputation die S\u00e4ge, das Messer nicht aus der Hand f\u00e4llt.<br \/>\nJeden Tag werden vier bis sechs Tote hinausgetragen.<br \/>\nFrisches Stroh, frische Leint\u00fccher. Frische Verwundete. Kein Halm auf den Zwischeng\u00e4ngen. Ordnung. Der Gliederk\u00fcbel in der Ecke f\u00fcllt sich. Und leert sich p\u00fcnktlich um sechs Uhr abends. Die Strohs\u00e4cke liegen genau ausgerichtet in linealgeraden Reihen.<br \/>\nDer Stabsarzt s\u00e4gt.<br \/>\nIn die Metzgerk\u00fcche kommt keine Zeitung. Hier wird gelitten. Hier interessiert man sich nicht f\u00fcr Siegesnachrichten. Hier interessiert man sich f\u00fcr das Bein, das abges\u00e4gt wurde und vom Sanit\u00e4ter eben in den K\u00fcbel geworfen wird. Man will sein Bein wieder haben. Es noch einmal in die H\u00e4nde nehmen. Betrachten. Sehr genau betrachten.<br \/>\n\u201eMein Bein! Es ist mein Bein. Meines! Mein Bein!\u201c Zuerst schreit er nach seinem Beine, dann bettelt er: \u201eGib her. Komm, gib her. Gib mirs.\u201c<br \/>\nDer Bettelnde liegt nicht in den Fensterreihen; er liegt in der dunklen Reihe, im vierten Bett, von der R\u00fcckwand aus gez\u00e4hlt. Er mu\u00df doch wieder schreien, das Schmerzgebr\u00fcll, Gewimmer, Geheule \u00fcberschreien, damit der Sanit\u00e4ter ihn h\u00f6rt.<br \/>\n\u201eSo ein Unsinn! Verfluchter Unsinn!\u201c schimpft der ersch\u00f6pfte Sanit\u00e4ter. Und tr\u00e4gt dem Bettelnden ein langes Bein hin, das zwischen dem Knie und der Schnittfl\u00e4che am Schenkel ein furchtbares, tiefes, brandiges, stinkendes Loch hat. Legt es ihm wagrecht auf die gierig ausgestreckten H\u00e4nde.<br \/>\nDer Soldat betrachtet, die Augen weit aufgerissen, von einem mystischen Schauer durchjagt, das lange, schwere Bein, das zwanzig Jahre ihm geh\u00f6rt hat, h\u00e4lt es weg von sich, immer weiter weg, weicht mit dem Oberk\u00f6rper immer weiter zur\u00fcck. Und schmei\u00dft das Bein, pl\u00f6tzlich von t\u00f6dlichem Ekel gesch\u00fcttelt, in den Mittelgang. Br\u00fcllt: \u201eDas ist nicht mein Bein.\u201c<br \/>\nEs war nicht sein Bein. Der ersch\u00f6pfte Sanit\u00e4ter hatte ein falsches Bein aus dem K\u00fcbel herausgezogen.<br \/>\nDer Mann im vierten Bett ist jetzt ruhig. Er ist ohnm\u00e4chtig geworden.<br \/>\nDer neben ihm Liegende, der auch nur noch ein Bein hat, dreht das Gesicht zum Ohnm\u00e4chtigen hin und sagt zu ihm: \u201eDu schl\u00e4fst ein, Lieber, und hast zwei Beine, und wenn du aufwachst, hast du nur noch ein Bein.\u201c Dabei l\u00e4chelt er: ein L\u00e4cheln, das daf\u00fcr zeugt, da\u00df die gramvollste Hoffnungslosigkeit mit einem L\u00e4cheln ausgedr\u00fcckt werden kann. \u201eSchl\u00e4fst ein, Lieber, und hast zwei Beine, und wenn du aufwachst, hast du nur noch ein Bein.\u201c Diesen Satz hat er gefunden und sagt ihn immer wieder.<br \/>\nDas vierte Bett in der dunklen Reihe, von der R\u00fcckwand aus gez\u00e4hlt, qu\u00e4lt den Stabsarzt. Mit diesem vierten Bett hat er Ungl\u00fcck. Entweder sterben ihm die Inhaber des vierten Bettes unter der S\u00e4ge, oder sie f\u00fchren sich ganz besonders wild auf.<br \/>\n\u201aWieder das vierte Bett\u2018, denkt der Stabsarzt, krank vor \u00dcberarbeitung, wirft einen Blick auf das Bein, das noch im Mittelgang liegt und die tadellose Ordnung st\u00f6rt. Dann einen Blick zur niedrigen Decke. \u201aEin Kino h\u00e4tte man hier nicht einrichten d\u00fcrfen. Ein Kino nicht.\u2018 Und s\u00e4gt vorsichtig und mit Kraft den Oberarmknochen knapp unterm Schulterblatt durch.<br \/>\nDer Soldat auf dem Operationstisch, ein uniformierter Knabe, hat nur eine blutnasse Hose an. Der Oberk\u00f6rper ist mager. Schmale Brust. Unausgewachsen. Der Knabe ist bewu\u00dftlos. Die blauen Lippen sind fest aufeinandergepre\u00dft. Nur beim rechten Mundwinkel ist ein kleines, ganz rundes Loch offen geblieben, wie bei einem total ersch\u00f6pften Wettl\u00e4ufer, der durch einen Mundwinkel die Luftmassen hinausst\u00f6\u00dft.<br \/>\nManchmal schreien und st\u00f6hnen gleichzeitig alle Verwundeten wilder auf, als w\u00fcrden in dieser Sekunde alle Wunden von einem b\u00f6sen Weltgeist betastet. Dann werden die Mittel angewandt.<br \/>\nEs werden verschiedene Mittel angewandt, um den Schmerz ertr\u00e4glicher zu machen. Der eine hat gefunden, da\u00df der Schmerz geringer wird, wenn er die Zunge herausstreckt, mit all seiner Kraft die Zunge so weit wie nur irgend m\u00f6glich herausstreckt. Noch einen Millimeter weiter. Er hockt aufgerichtet im Strohsack, die Zunge lang und blau gebl\u00e4kt, und keucht.<br \/>\nEin anderer kann sich nur helfen, wenn er \u201eUu!\u201c schreit. Er hat das Alphabet durchprobiert. E hilft ihm nicht. I hilft ihm nicht. Nur U. Er br\u00fcllt mit der ganzen Kraft seiner Lungen: \u201eUu!\u201c<br \/>\nDer Stabsarzt s\u00e4gt.<br \/>\nEiner mu\u00df, die Muskeln angespannt, den Arm senkrecht emporrecken und die Luft zur\u00fcckhalten, so lange zur\u00fcckhalten, bis der Schrei als wildansteigendes \u201eO!\u201c aus seinem Munde herausplatzt. Das hilft ihm.<br \/>\nDer Stabsarzt s\u00e4gt.<br \/>\nLangsam und unaufh\u00f6rlich schwingt einer den Oberk\u00f6rper hin und her. Wenn er das nicht tut, kann er den Schmerz nicht aushalten.<br \/>\nGanz feines Wimmern neugeborener Katzen.<br \/>\nEiner schl\u00fcrft, als habe er einen zu hei\u00dfen Bissen im Munde.<br \/>\nBewegung bei der T\u00fcr: zwei Amputationsbed\u00fcrftige werden hereingetragen.<br \/>\n\u201eGanz unm\u00f6glich! Kein Platz!\u201c Dabei s\u00e4gt er weiter, ein d\u00fcnnes Handgelenk durch.<br \/>\nDie Bahrentr\u00e4ger bleiben stehen. Ratlos.<br \/>\n\u201eTragt sie hin\u00fcber in den \u201aTanzsaal\u2018.\u201c<br \/>\n\u201eZu Befehl! Aber in den Tanzsaal haben wir eben sechs getragen. Man hat uns hierher geschickt. Der Tanzsaal ist \u00fcberf\u00fcllt.\u201c<br \/>\n\u201eUu . . . . . . . . . .!\u201c<br \/>\n\u201eHier auch! Voll! Voll! Alles voll! Kein Platz mehr!\u201c<br \/>\nGanz feines Wimmern neugeborener Katzen.<br \/>\nDer Oberk\u00f6rper kreist langsam und ununterbrochen.<br \/>\nEs wird Platz gemacht: die Strohs\u00e4cke werden noch enger zusammengeschoben, so da\u00df auch die Zwischenr\u00e4ume von zwanzig Zentimetern nicht mehr da sind. Ein einziges, langes, genau ausgerichtetes, br\u00fcllendes, st\u00f6hnendes, wimmerndes, ordentliches Schmerzenslager.<br \/>\nAls wild ansteigendes \u201eO!\u201c platzt der Schrei aus dem Munde heraus, w\u00e4hrend die Bahrentr\u00e4ger gehen.<br \/>\nDie Zunge bl\u00e4kt lang und blau. Warmer, dicker Gestank.<br \/>\nDie Metzgerk\u00fcche ist nur eine kleine Nebenabteilung vom immer vollen \u201aTanzsaal\u2018, der f\u00fcnfmal mehr Strohs\u00e4cke fa\u00dft als die Metzgerk\u00fcche.<br \/>\n\u201aUnd wieviel \u201aTanzs\u00e4le\u2018 gibt es in Europa? Wie viele, in denen erste Hilfe gew\u00e4hrt wird? Und wie viele, in denen solche liegen, die in Schmerzen auf die Heilung warten? Wie viele Schmerzenslager gibt es knapp hinter der Front? Und wie viele in allen St\u00e4dten und St\u00e4dtchen des Heimatlandes? Wie viele in Ru\u00dfland, Frankreich, England, Italien? Wie viele Schmerzenslager gibt es in Europa?<br \/>\nF\u00fcr was, f\u00fcr wen leiden diese Millionen ihre Schmerzen? Warum m\u00fcssen Millionen Menschenbeine, Millionen Arme abges\u00e4gt werden? F\u00fcr was wird gek\u00e4mpft und ermordet? Und verst\u00fcmmelt und ges\u00e4gt und gelitten? F\u00fcr was ist dieser Krieg? F\u00fcr was?\u2018 denkt der Stabsarzt und schneidet erst sauber und exakt ein Pfund Menschenfleisch aus einem Oberschenkel heraus, bevor er zu s\u00e4gen beginnt. \u201a. . . Viel zu niedrig f\u00fcr ein Kino.\u2018 Farben kreisen vor seinen Augen.<br \/>\nDen Gekreuzigten in der Metzgerk\u00fcche ist es ganz gleichgiltig, ob sie knapp hinter der Front, oder in der Heimatstadt, oder gefangen im Feindesland, oder in einem indischen Urwald sich winden, \u201eUu\u201c schreien, \u201eO\u201c, die Zunge bl\u00e4ken, fein wie neugeborene Katzen wimmern. Und wer den Krieg gewinnt, das ist ihnen so gleichgiltig wie der Schneefall von vorgestern.<br \/>\n\u201aDer B\u00fcrgermeister irgend eines kleinen Dorfes soll ganz allein den Weltkrieg gewinnen, wenn dadurch meine Schmerzen nur um einen Grad geringer werden. Und wenn ich mein Bein wieder h\u00e4tte\u2018, denkt der pl\u00f6tzlich ganz schmerzlos und gef\u00e4hrlich still liegende, zwanzigj\u00e4hrige Dichter, der schon entschwebt, \u201amein wei\u00dfes, langes, hunderttausend Kilometer langes Bein mit dem herrlichen Knie wieder h\u00e4tte, w\u00fcrde ich das Leben lieben so ewig wie . . . die Sonne<br \/>\nt\u00f6nt, nach alter Weise,<br \/>\nIn Brudersph\u00e4ren Wettgesang,<br \/>\nUnd ihre vorgeschriebne Reise<br \/>\nVollendet sie mit Donnergang.\u2018<br \/>\n\u201aMein Bein! das hei\u00dft, wenn ich mein Bein wieder h\u00e4tte, w\u00e4re ja \u00fcberhaupt gar nicht Krieg . . . Krieg ist ja gar nicht m\u00f6glich. Krieg gibt es nicht. Krieg ist Einbildung. Ist L\u00fcge. Mein Bein allein ist die Wahrheit.\u2018 \u201eDie Wahrheit\u201c, sagt er laut und deutlich in die Metzgerk\u00fcche hinein. Und schlie\u00dft die Augen.<br \/>\nF\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter wird er tot hinausgetragen.<br \/>\nFrisches Stroh. Frische Leint\u00fccher. Kein Strohhalm im Mittelgang. Ordnung. Eine Fu\u00dfsohle ragt \u00fcber den Rand des Gliederk\u00fcbels heraus.<br \/>\nDer andere Beinlose dreht sich um und sagt zum frischen, leeren Strohsack: \u201eDu schl\u00e4fst ein, Lieber, und hast zwei Beine, und wenn du aufwachst, hast du nur noch ein Bein.\u201c<br \/>\nDie Augen des jungen, kr\u00e4ftigen Bauschlossers im Nebenbett glotzen glanzlos und w\u00fctend. Er hat keinen rechten Arm mehr. M\u00e4chtiger Brustkasten. Gesundes Blut. M\u00e4chtige Muskeln, gew\u00f6lbt, glatt. Wie ge\u00f6lt. Er wei\u00df, da\u00df er alles \u00fcberstehen wird, knirscht den Schmerz nieder. Und gr\u00fcbelt in seine Zukunft hinein: \u201aEin T\u00fcbelloch werde ich in meinem ganzen Leben nicht mehr schlagen . . . K\u00fcnstlicher Arm? . . . Ist Schei\u00dfe. Mit einem k\u00fcnstlichen Arm schl\u00e4gt keiner ein T\u00fcbelloch in harten Stein . . . Ein Bein, meinethalben ein Bein; warum fehlt nicht das rechte Bein, anstatt des rechten Armes. Das Bein! Das Bein!\u2018<br \/>\nIm ersten Bett der Fensterreihe, bei der T\u00fcr, liegt ein junger Offizier, der kein Bein mehr hat. Seine Gedanken steigen auf, \u00fcber sich windende, br\u00fcllende Menschen weg, bis zum Strohsack des Schlossers, und schieben sich zwischen dessen Verzweiflungsgr\u00fcbelei als gedachte Gegenreden hinein: \u201aWenn nur ein Arm fehlen w\u00fcrde. Ein Arm! Ich w\u00fcrde mir einen weiten Mantel machen lassen. Weite \u00c4rmel. K\u00fcnstliche Hand in der Tasche. Und auf der Stra\u00dfe w\u00fcrde kein Mensch etwas bemerken. Auch mit den Frauen w\u00e4re es nicht so arg, lange nicht so arg. Aber wenn ein Bein fehlt. Bei einer Frau sein . . . und nur ein Bein.\u2018<br \/>\n\u201aMir kann doch niemand weismachen, da\u00df einer, der einen k\u00fcnstlichen rechten Arm hat, mit der Schrubbfeile arbeiten kann. Aber ohne Bein geht das alles.\u2018<br \/>\n\u201aUnd reiten? Mit einem Bein?\u2018<br \/>\n\u201aOder schmieden und schwei\u00dfen kann . . .\u2018<br \/>\n\u201aBei einer Frau liegen, mit nur einem Bein.\u2018<br \/>\n\u201a. . . oder nieten, oder eine Schlo\u00dffalle feilen, die genau passen mu\u00df . . . mit einem k\u00fcnstlichen Arm? Ja, Schei\u00dfe . . . Warum fehlt nicht ein Bein? Ein Bein!\u2018<br \/>\n\u201aTanzen ohne Bein? . . . Ausgetanzt . . . Ohne Arm kann man tanzen . . . Alles ist aus.\u2018<br \/>\n\u201aOhne Arm . . . Mein ganzes Gesch\u00e4ft ist futsch.\u2018<br \/>\nBeide haben w\u00e4hrend der letzten Tage alle M\u00f6glichkeiten abgegr\u00fcbelt. Und pl\u00f6tzlich stellen sie sich der Wahrheit: gestehen sich ein, da\u00df es sich im Grunde ja gar nicht um das nicht mehr Tanzen-, Reiten-, Feilen-, Schmiedenk\u00f6nnen handelt, sondern nur um das sch\u00f6ne Bein, einzig und allein um den prachtvollen, dicken Arm. Um mein, mein, mein Bein, meinen Arm, meinen, meinen Arm. Um meinen! Meinetwegen nie mehr tanzen, nie mehr reiten, und m\u00f6gen sich die Weiber zweibeinige M\u00e4nner nehmen, wenn ich nur mein schlankes Bein wieder h\u00e4tte . . . Ich schei\u00dfe ja auf das ganze Schlosserhandwerk; ich werde Landstreicher; wenn ich nur meinen Arm wieder h\u00e4tte, wieder h\u00e4tte, wieder h\u00e4tte.<br \/>\n\u201aMeinetwegen blind sein.\u2018 Beinahe gleichzeitig steigt diese \u00dcberlegung in beiden auf. \u201aNur das Bein, nur den gro\u00dfen, starken Arm wieder haben. In Gottes Namen blind sein; aber die Glieder beisammen haben\u2018, denken sie tausendmal im Tag, tausendmal in der Nacht. \u201aLieber blind sein.\u2018<br \/>\nUnd der neben dem Gliederk\u00fcbel liegende blinde Soldat, dessen schwere Schenkelwunde \u00fcberraschenderweise verheilte, so da\u00df die Amputation nicht n\u00f6tig ist, denkt ununterbrochen und wird sein ganzes Leben lang denken: \u201aMeinetwegen beide Beine weg, beide Arme weg. Nur nicht blind sein. Nicht blind sein. Nie mehr sehen . . . Ich werde meine Frau nie mehr sehen. Nie . . . mehr . . . meine Frau sehen . . . Und wer f\u00fchrt mich? . . . Und nie mehr eine Stra\u00dfe sehen . . . Wie sieht ein Pferd aus? Braun. Es gibt auch Schimmel . . . Und die Hunde? Wie laufen sie? Wie laufen die Hunde? Und und und und . . .\u2018 Tausend Gegenst\u00e4nde st\u00fcrzen vorbei. Zuletzt versucht er krampfhaft, sich vorzustellen, wie das Gep\u00e4cknetz in einem Eisenbahnwagen aussieht. Das gelingt ihm nicht. Er schl\u00e4ft dar\u00fcber ein. Und sieht sofort wieder alles. Strahlender Helligkeit weicht die Finsternis, die, begleitet von einem wild ansteigenden O-Schrei, von langgezogenem U-Gebr\u00fcll, von ganz feinem Wimmern neugeborener Katzen, von der Erdkugel hinunterst\u00fcrzt.<br \/>\nDer b\u00e4rtige Bauer hockt aufgerichtet in seinem Strohsack und winkt den Sanit\u00e4ter heran, in ungeheurer Spannung. Er winkt, macht: \u201ePst!\u201c<br \/>\n\u201eNun, was denn?\u201c<br \/>\n\u201eEs mu\u00dfte also nicht abgenommen werden? Aber furchtbare Schmerzen habe ich in der Wade.\u201c<br \/>\nDer Sanit\u00e4ter hat geh\u00f6rt, da\u00df es Reflexgef\u00fchle gibt. Er sagt beruhigend: \u201eDas sind nur Reflexschmerzen.\u201c<br \/>\nDes Bauern Bein mit der schmerzenden Wade liegt schon seit zwei Stunden im Gliederk\u00fcbel.<br \/>\n\u201eAber die Wade zieht und brennt und rei\u00dft . . . So, nur Reflexschmerzen?\u201c fragt er noch einmal und steigt zu kirchturmhohem Gl\u00fcck empor; denn jetzt wei\u00df er ja ganz bestimmt, da\u00df er sein Bein noch hat. Und sinkt beseligt in Ohnmacht.<br \/>\nAus der er wieder erwachen wird.<br \/>\nDer fiebernde Stabsarzt kann nicht mehr; er sieht den reglos und langgestreckt auf dem Operationstisch liegenden Menschenk\u00f6rper doppelt. \u201aUnd wenn ich den Arm erst heute abend abnehme, stirbt der Mann vielleicht. Und wenn ich den Arm erst morgen fr\u00fch abnehme, stirbt der Mann sicher.\u2018 Der Stabsarzt beginnt. Sein kleiner, leichenblasser Unterarzt taumelt schon wie ein leicht Angetrunkener.<br \/>\nDer Stabsarzt schneidet und denkt: \u201aKrieg\u2018.<br \/>\nEr denkt: \u201aDieses Wort \u201aKrieg\u2018 offenbart den gedankenlosen Menschen nicht den billionsten Teil von der unme\u00dfbaren Menge Ungeheuerlichkeiten, die mit dem Worte \u201aKrieg\u2018 bezeichnet werden . . . Das Wort selbst ist schwach wie der Atemzug eines S\u00e4uglings; und verglichen mit dem Inhalte des Wortes \u201aKrieg\u2018, ist ein Taifun, der Schiffe und St\u00e4dte und Inseln verschlingt, nur der Atemzug eines S\u00e4uglings . . . \u201aKrieg\u2018 ist ein Wort von f\u00fcnf Buchstaben. Und wenn es ohne e geschrieben w\u00fcrde, h\u00e4tte es nur vier Buchstaben\u2018, denkt der fiebernde Stabsarzt. Dabei operiert er.<br \/>\nDer Stabsarzt hat in einer klinischen Wochenschrift einen Artikel \u00fcber Staatenbev\u00f6lkerungs-Politik gelesen: einen statistischen Bericht, in dem als \u201aMinimalzahl\u2018 zehn Millionen Gefallene angegeben sind.<br \/>\n\u201eAls Minimalzahl . . . Minimalzahl zehn Millionen Tote. Das ergibt die Minimalzahl, vorsichtig angenommen, die Minimalzahl . . . nur ja sehr behutsam und vorsichtig\u201c, fl\u00fcstert lautlos der Stabsarzt sich selbst zu und legt sehr behutsam und vorsichtig mit dem Messer den Oberschenkelknochen frei, \u201edie Minimalzahl von f\u00fcnf Millionen Amputierten.\u201c<br \/>\n\u201eUu . . . . . . . . .! Uu . . . . . . . . .!\u201c<br \/>\nDer Stabsarzt richtet sich auf, betrachtet den nackten Mann, \u00fcbersieht mit einem Blicke den eingeschrumpften Geschlechtsteil, die abgebundenen Hauptadern, den f\u00fcr die S\u00e4ge freigelegten Knochen. \u201aSieht aus wie eine Stange des Lebens . . . Er liegt so still, so langgestreckt. Seine Lippen sind so blau. Himmelblau . . . Und drau\u00dfen donnern die Gesch\u00fctze. Donnern seit drei Jahren die Gesch\u00fctze. Warum? Wann wird man dar\u00fcber nachzudenken beginnen? . . . Donnern stille und langgestreckt liegende Menschen zu mir in die Metzgerk\u00fcche herein.\u2018<br \/>\nEr betrachtet die S\u00e4gezinken, die ganz eng beieinander und schon stumpf sind. \u201aKnochenmehl vom Arme mischt sich mit dem Knochenmehl vom Bein.\u2018 Betrachtet den eingeschrumpften Geschlechtsteil. \u201aDas Leben schrumpft ein . . . Minimalzahl f\u00fcnf Millionen Amputierte. Minimalzahl . . . Jeden Tag, seit drei Jahren, von fr\u00fch bis in die Nacht hinein, jeden Tag: s\u00e4gen, s\u00e4gen, s\u00e4gen . . . und wenn das Wort mit e geschrieben w\u00fcrde, hie\u00dfe es: Segen . . . S\u00e4ge ich Arme, Beine, H\u00e4nde ab. S\u00e4gte f\u00fcnf Millionen Beine, Arme, H\u00e4nde ab. Ich allein, der Stabsarzt von Europa.\u2018<br \/>\nEr legt, wie der Schreiner an das Brett, den Daumennagel an den Knochen, setzt die S\u00e4ge an, s\u00e4gt und rechnet: \u201aSiebzig Zentimeter lang ist ein Menschenbein. Der Arm nur sechzig.\u2018<br \/>\n\u201aDie L\u00e4nge der abgeschnittenen H\u00e4nde, Arme, Beine ineinander gerechnet, ergibt \u2014 vorsichtig . . ., sehr . . . vorsichtig . . . sein \u2014, eine Minimaldurchschnittsl\u00e4nge von f\u00fcnfzig Zentimeter f\u00fcr das amputierte Glied. F\u00fcnf Millionen amputierte Glieder mit einer Durchschnittsl\u00e4nge von je f\u00fcnfzig Zentimeter ergeben zweimillionenf\u00fcnfhunderttausend Meter . . . sind gleich zweitausendf\u00fcnfhundert Kilometer Menschenglied.\u2018<br \/>\n\u201eUu . . . . . . . . .!\u201c<br \/>\n\u201aDer Herr segne und beh\u00fcte euch Amputierte, er lasse sein Angesicht leuchten \u00fcber euch. Segen, Segen . . . s\u00e4gen, s\u00e4gen, abs\u00e4gen. Zweitausendf\u00fcnfhundert Kilometer Menschenglied abs\u00e4gen . . . Bei der Peripherie von Berlin das Menschengliedgeleise begonnen: die zwei ersten Arme in Geleisespannweite niedergelegt. Dann zwei Beine, dann zwei Arme, dann zwei Beine, Arme, Beine, Arme, zwischenraumlos zusammengef\u00fcgt, als Geleise gelegt, bis nach Essen. Um Essen herum. Und \u2014 vorbei an D\u00f6rfern, St\u00e4dten, vielen D\u00f6rfern, bergauf, bergab, Flu\u00dfl\u00e4ufe, W\u00e4lder, Felder entlang \u2014 flach nach Berlin zur\u00fcck und herum, bis die H\u00e4nde der zwei letzten Arme die H\u00e4nde der zwei ersten Arme fassen k\u00f6nnen . . . Ein Geleise von blutigen, brandigen, stinkenden, amputierten, jungen Menschengliedern, durch Schwellen abgeschnittener Menschenh\u00e4nde verst\u00e4rkt und zusammengehalten. Ein Gliedergeleise, herumgelegt um den Militarismus: ein Menschengliederkranz, der umgelogen wird in einen Lorbeerkranz.\u2018<br \/>\n\u201eUu . . . . . . . . .!\u201c<br \/>\n\u201aWer f\u00e4hrt auf diesem Geleise? Wer setzt sich diesen Gliederlorbeerkranz aufs Haupt?\u2018 gr\u00fcbelt der s\u00e4gende, fiebernde Stabsarzt. \u201aWer? Wer setzt ihn auf? Will ihn am d\u00fcsteren Ende vielleicht doch niemand aufsetzen?\u2018<br \/>\nDer Spalt klafft; der Knochen ist durchges\u00e4gt. Er r\u00fcckt das Bein bis ans Ende des Operationstisches, so da\u00df der Soldat pl\u00f6tzlich ein kurzes und ein sehr langes Bein hat. Denn der Stabsarzt sieht den Zwischenraum nicht; er sieht nur noch Beine, Millionen Beine, alle von ihm allein abges\u00e4gt. Sieht Farben: Rot, das in Violett \u00fcbergeht und zu einer gelbumrandeten, giftgr\u00fcnen Scheibe wird, in deren Mittelpunkt klar und scharf der Gedanke steht: \u201aDie Herren, die mit einem Worte, mit einem Wunsche, mit einem Traume, mit einem Gedanken, mit einem Befehle dazu beigetragen haben, da\u00df dieser Krieg kam, m\u00fcssen an Ketten gelegt werden.\u2018<br \/>\nPl\u00f6tzlich wei\u00df er mit lautlos donnernder Gewi\u00dfheit: \u201aWerden an Ketten gelegt werden\u2018, und beugt sich tief und treu zu seiner blutigen Arbeit hinunter.<br \/>\nBewegung bei der T\u00fcr: acht Krankentr\u00e4ger marschieren hintereinander herein, mit vier Bahren, auf denen zwei ganz stille M\u00e4nner liegen, ein br\u00fcllender und einer, dessen zersplittertes Bein, nur noch durch die Haut gehalten, verdreht am Rumpfe h\u00e4ngt. Die Ferse steht nach oben.<br \/>\nDer Stabsarzt sagt sehr ruhig: \u201eHier ist kein Platz mehr.\u201c<br \/>\nDer b\u00e4rtige Bauer erwacht aus der Ohnmacht, hat unertr\u00e4gliche Schmerzen im Bein, das er nicht mehr hat. Und ist ungeheuer gl\u00fccklich. Schiebt die Hand vorsichtig unter die Decke zum schmerzenden Beine, greift behutsam an die Schmerzen und greift doch kein Bein.<br \/>\n\u201eDiesmal m\u00fc\u00dft ihr die Leute in den Tanzsaal hin\u00fcbertragen.\u201c<br \/>\nDer blonde Soldat hockt aufgerichtet im Bett, bl\u00e4kt die Zunge lang und blau und keucht. Sein Nachbar kreist den Oberk\u00f6rper, langsam und ununterbrochen. Der O-Schrei platzt.<br \/>\n\u201eZu Befehl! Aber der Tanzsaal ist \u00fcberf\u00fcllt.\u201c<br \/>\n\u201eUu . . . . . . . . .!\u201c<br \/>\nGanz feines Wimmern neugeborener Katzen.<br \/>\n\u201eUu . . . . . . . . .!\u201c<br \/>\n\u201eDr\u00fcben beim Tanzsaal ist ein gro\u00dfes Klosett; legt die Leute ins Klosett.\u201c<br \/>\nDer mit Gl\u00fcck, Schmerzen und Zuversicht ausgef\u00fcllte b\u00e4rtige Bauer wundert sich \u00fcber seine Ungeschicklichkeit, das Bein nicht zu finden, das ihm so entsetzlich wehtut. Er greift resoluter an die Schmerzzentrale und langt immer ins Leere. Tastet den w\u00fctenden Schmerz der ganzen L\u00e4nge nach ab und hat dabei ganz unbegreiflicherweise doch die Empfindung, immerzu in die Luft zu langen, trotzdem er den Schmerz gleichsam in der Hand h\u00e4lt.<br \/>\n\u201eAuch das Klosett ist besetzt, Herr Stabsarzt.\u201c<br \/>\n\u201eUu . . . . . . . . .!\u201c<br \/>\nDer Stabsarzt, tief und treu bei der Arbeit, und innerlich erleuchtet von der Gewi\u00dfheit: \u201aWerden alle an Ketten gelegt werden\u2018, sagt weich: \u201eMeine Kollegen d\u00fcrfen halt das Klosett nicht ben\u00fctzen; sie m\u00fcssen hinters Haus gehen.\u201c<br \/>\nDer b\u00e4rtige Bauer winkt: \u201ePst!\u201c<br \/>\n\u201eDas sind nur Reflexschmerzen\u201c, beruhigt der Sanit\u00e4ter.<br \/>\nEin L\u00e4cheln w\u00e4chst in der Metzgerk\u00fcche, w\u00e4chst im Gesicht des ersten Bahrentr\u00e4gers: \u201eNicht so besetzt, Herr Stabsarzt. Von Kranken besetzt. Es liegen zehn Kranke im Klosett . . . \u00dcberall. Ganz \u00fcberf\u00fcllt.\u201c<br \/>\nWelcher Mensch wei\u00df, woher das Lachen kommt? Der Stabsarzt erinnert sich, da\u00df er bei seiner Konfirmation in dem Moment, da ihm der Pfarrer den Kelch mit dem Blute des Herrn an die Lippen ansetzte, gelacht hat, lachen mu\u00dfte, in das Blut des Herrn hineingelacht hat.<br \/>\nDer Stabsarzt lacht. Das Lachen donnert unterirdisch in ihm, quirlt zum Halse empor. Und platzt heraus. Er lacht und s\u00e4gt. Er meckert, br\u00fcllt, winselt, lacht in allen Tongraden. Und s\u00e4gt.<br \/>\nSprechen kann er nicht. Nur seine Hand, die das Messer h\u00e4lt, sagt: \u201aBitte, abstellen. Stellt nur ab.\u2018<br \/>\nDer b\u00e4rtige Bauer sieht pl\u00f6tzlich wie ein Christus aus, schl\u00e4gt, den Blick noch geradeaus auf die Wand geheftet, die Decke zur\u00fcck, senkt den Blick. Und sieht, da\u00df da, wo die ungeheuren Schmerzen sind, kein Bein ist. Blitzschnell saust er vom kirchturmhohen Gl\u00fcck herunter, kommt ins Bett zu hocken und schaut. Sieht den gro\u00dfen, wei\u00dfen Verbandstumpf an, der knapp unterm Rumpfe sitzt. In seinem Gehirn ist gar nichts. Nicht der fernste Abglanz eines Gedankens ist in seinem Gehirn. Das Gehirn ist leer. Er gleitet in die Ohnmacht hinein.<br \/>\nDie vier Bahren werden in den Mittelgang gestellt. Verstellen den Mittelgang.<br \/>\n\u201eJa aber! Ja aber!\u201c schreit der Stabsarzt auf und springt, das blitzende Messer in der Hand, zur ersten Bahre, trennt mit einem schnellen Schnitt das ganz lose h\u00e4ngende Bein vom Rumpfe. \u201eJa aber! Ja aber! Der Mann . . .\u201c \u201averblutet ja\u2018, will er sagen, und sagt: \u201e. . . ist ja schon tot.\u201c<br \/>\nAus den Hauptadern tropft noch das wunderbar rote Blut heraus. \u201eIst verblutet . . . Den k\u00f6nnt ihr gleich wieder mitnehmen\u201c, sagt der Stabsarzt, reicht dem Sanit\u00e4ter das Bein. Und wird pl\u00f6tzlich zur Karussellachse der Welt, die sich schwankend um ihn zu drehen beginnt. Farben kreisen. Gr\u00fcn herrscht vor. Vorbei gleiten der Pfarrer mit dem Kelche, der b\u00e4rtige Bauer, der Gliederk\u00fcbel. Die Gesch\u00fctze donnern. Die lang und blau gebl\u00e4kte Zunge gleitet vorbei und verl\u00e4ngert sich aus sich selbst heraus, wird ungeheuer lang, saust aus sich heraus und vorw\u00e4rts, unbegreiflich schnell hinaus an die Peripherie der Welt, rundet sich zum weltumspannenden Menschengliederkranze, in dessen Mitte ganz allein der Stabsarzt steht und schwankt und sanft und weich in Ohnmacht gleitet. Alles gleitet.<br \/>\n\u201eUu . . . . . . . . .!\u201c<\/p>\n<p>Der Lazarettzug mit Irren, die durch das Grauen oder durch eine Schu\u00dfverletzung in das gewaltige Heer der Lebendig-Toten eingereiht worden sind, mit Blinden, deren feste Arbeitsh\u00e4nde sich in kraftlose, durchsichtige Krankenh\u00e4nde verwandelt haben, mit Amputierten, mit Schwerverwundeten, kriecht langsam durch die Landschaft, bohrt sich ganz langsam vorw\u00e4rts in die heimatliche Landschaft hinein. Fr\u00fchherbst.<br \/>\n\u201eZweiundzwanzig\u201c, sagt das Kind, das an der Landstra\u00dfenschranke steht und dem Zuge nachsieht.<br \/>\nEs sind nur zwanzig Wagen; das Kind hat die Lokomotive und den Tender mitgez\u00e4hlt. In jedem Wagen zwanzig Kranke, langgestreckt und unbeweglich in den \u00fcbereinander befestigten Betten.<br \/>\nDie Blinden stehen im Laufgang an den Fenstern und schauen hinaus in die wunderbare, schimmernde Herbstlandschaft. Sie f\u00fchlen die Sonne und sehen die Finsternis.<br \/>\nDie Irrsinnigen sind beisammen in einem Wagen. Eine Bank an den vier W\u00e4nden entlang. Gen\u00fcgend viel Sitzpl\u00e4tze. Aber alle Irren hocken am Boden, in einem dreifachen Kreise, und lachen, l\u00e4cheln, schw\u00e4tzen, schweigen, sch\u00fctteln schlau den Kopf. Nur einer steht. Er betrachtet die Wand. Er betrachtet seit sechzig Stunden die Wand.<br \/>\nIm Wagen hinter dem Tender ist die Apotheke und das Operationszimmer, mit dem Zinkblechtisch in der Mitte. Im vorletzten Wagen schlafen die Sanit\u00e4tssoldaten. Im letzten Wagen des Zuges liegen die, die w\u00e4hrend der Reise verendet sind. Der letzte Wagen f\u00fcllt sich allm\u00e4hlich.<br \/>\nNiemand wei\u00df den Grund, auch der Stabsarzt wei\u00df nicht, weshalb die Irren, die kurz vorher noch lachend und schw\u00e4tzend in dreifachem Kreise am Boden gehockt sind, jetzt ganz still an den vier W\u00e4nden entlang auf der Bank sitzen. Einer dicht neben dem andern. Aufrecht. Schweigend. Blicklos. Alle H\u00e4nde liegen auf den Schenkeln. Ernste Puppen.<br \/>\nEin Irrsinniger, ganz unverwundet, ein drei\u00dfigj\u00e4hriger Mensch, in dessen ernstem Gesicht noch die Z\u00fcge fr\u00fcheren Geistes zu sehen sind, steht auf, streckt ein ge\u00f6ffnetes, leeres Streichholzsch\u00e4chtelchen dem Stabsarzt hin und sagt: \u201eSehn Sie, hier sind die Augen meiner Mutter. Meine Mutter hat sich um mich die Augen herausgeweint und sie mir in diesem Sch\u00e4chtelchen zugeschickt . . . Braune Augen. Sie hat sie sich herausgeweint.\u201c<br \/>\n\u201eJa, das stimmt\u201c, sagt der Stabsarzt, der in vielen \u201aMetzgerk\u00fcchen\u2018 und \u201aTanzs\u00e4len\u2018 drei Jahre lang knapp hinter der Front amputiert hat und, von einem Plane, von einem Entschlusse, von einer scharf umrissenen Absicht pl\u00f6tzlich erleuchtet, sofort nach dem Erwachen aus der Ohnmacht Urlaub verlangt und erhalten hat.<br \/>\nDer Stabsarzt liebt die Nebenwege und Winkelz\u00fcge nicht. Nach seiner Meinung sind das herrschende europ\u00e4ische Winkelzugsystem, die Halbheiten, der L\u00fcgenkn\u00e4uel mitschuld am Kriege.<br \/>\n\u201aWenn mich der Oberst fragt, warum ich Urlaub haben will, antworte ich nicht: \u201aWeil ich \u00fcberarbeitet bin\u2018, sondern ich sage zu ihm: \u201aIch habe drei Jahre lang Soldatenbeine und -arme abges\u00e4gt; jetzt habe ich die Absicht, daf\u00fcr zu wirken, da\u00df Soldatenbeine nicht mehr abges\u00e4gt werden. Dazu mu\u00df ich ins Land zur\u00fcck.\u2018<br \/>\nIn zwei Ecken erheben sich ganz gleichzeitig zwei Irre; sie hocken auf den Boden nieder. Und unversehens steht der Stabsarzt wieder im Mittelpunkt eines dreifachen Kreises von Irren, die am Boden hocken, l\u00e4cheln, lachen, schweigen, schw\u00e4tzen. Einer schreit lustig und ausdauernd \u201eB\u00f6!\u201c zur Wagendecke empor. Dabei schlie\u00dft er die Augen; seine Nase bekommt Runzeln und der gespitzte Mund wird klein und rund. \u201eB\u00f6!\u201c<br \/>\nDer Stabsarzt wird von der Alarmglocke aus dem Wagen der Irrsinnigen herausgerissen. Und springt, schneller als der Zug f\u00e4hrt, in der Fahrtrichtung den Gang vor, in einen Wagen. Und hinein in die Blutlache am Boden.<br \/>\nDer von den Schmerzen auf die Pritsche festgenagelte, reglos liegende Soldat kann nur mit seinen Augen den Stabsarzt aufmerksam machen auf den Kameraden, f\u00fcr den er gel\u00e4utet hat.<br \/>\nDer Kamerad hat den Verband von seiner zerfetzten H\u00fcfte heruntergerissen, ist dabei aus dem Bett gest\u00fcrzt, macht ein sehr befriedigtes Gesicht, und ist schon tot. Er wird, vorbei an den Blinden, die fragend und tot blicken, hintergetragen in den Leichenwagen. Ein armlanger, scharfzackiger Fetzen von einem gro\u00dfen Gescho\u00df hat ihm die rechte Bauchwand eingedr\u00fcckt, die H\u00fcfte zersplittert und die Hoden weggerissen. Zehn Tage und zehn lange N\u00e4chte hat er gebraucht zu dem Entschlusse, den Verband herunterzurei\u00dfen.<br \/>\nAlle liegen, von den Schmerzen auf die Pritschen festgenagelt, reglos wie Tote. Jeder f\u00fchlt dem n\u00e4chsten Sto\u00df entgegen, der bei jeder Schienenverbindung erfolgt. In jeder Sekunde ein Sto\u00df, hinein in die Schmerzzentrale.<br \/>\nDas schmale, lange, rollende Spital, gef\u00fcllt mit dickem Karbol- und Wundgestank, tastet sich, von frischer Luft umspielt, durch die schwerfarbige, schimmernde Herbstlandschaft, vor\u00fcber an den Grenzd\u00f6rfern, deren Bewohner an den Schranken stehen, H\u00fcte und Taschent\u00fccher schwenken, \u201eHurra!\u201c schreien. Viele Milit\u00e4rz\u00fcge, mit Truppen, die an die Front oder in Urlaub fahren, passieren diese Gegend.<br \/>\nDer Sanit\u00e4ter steht am Fenster und sch\u00fcttelt den Kopf, winkt mit der Hand ab; die schon zum Hurraschreien aufgerissenen M\u00fcnder bleiben rund und lautlos offen. Langsam kriecht der Zug vor\u00fcber an den Verstummten, die nur die Hinterk\u00f6pfe der liegenden Soldaten sehen. Die Kolbenstange der Lokomotive steigt, greift vorsichtig und behutsam wie die Hand eines Taschendiebes vor, sinkt, zieht zur\u00fcck, stiehlt sich vor. Langsam.<br \/>\nDer Stabsarzt kann den Grad der Gef\u00fchlsverfeinerung der Dorfbewohner am Aussehen und an der Lage des Dorfes erkennen, am Baustil der Kirche, an der Profillinie der umliegenden W\u00e4lder und H\u00fcgel; daran, wie das Dorf in die Landschaft hineinkomponiert ist, erkennt der Stabsarzt: \u201aDie werden nicht hurra schreien.\u2018 Der Stabsarzt macht \u00fcber viele Gedankenzwischenglieder weg einen Sprung zu dem Gedanken: \u201aDie Landschaft ist das Vaterland f\u00fcr den Menschen.\u2018<br \/>\n\u201aDie sch\u00f6nen Felder, die sch\u00f6nen Felder, o, das Vaterland\u2018, denkt der Soldat, der f\u00fcr den Kameraden gel\u00e4utet hat und hinaussieht auf die Felder, die, langsam und sanft einen Bogen beschreibend, an seinen Augen vor\u00fcberziehen. Er hat seit langer Zeit die heimatliche Erde nicht gesehen. Und in die Weichheit seines Herzens brennt sich tief das unab\u00e4nderliche Ungl\u00fcck ein: \u201eWas sind f\u00fcr mich die sch\u00f6nen Felder, die W\u00e4lder, das Vaterland . . . Mein Arm, den ich nicht mehr habe, ist mein Vaterland . . ., das ich nicht mehr habe.\u201c<br \/>\nUnd der Bauer, im Bett \u00fcber ihm, wei\u00df, da\u00df kr\u00e4ftige Beine vor M\u00fcdigkeit singen, wenn man einen kilometerlangen Acker Furche neben Furche umgelegt hat, und wei\u00df, da\u00df er nie mehr pfl\u00fcgen wird, da er nur noch ein Bein hat.<br \/>\n\u201aSch\u00f6n, sch\u00f6n, wunderbar, aber nicht f\u00fcr mich\u2018, ist der Gedanke, der in jedem Wagen von zwanzig auf Lebenszeit ins Siechtum gestellten Soldaten gedacht wird, von dreihundertf\u00fcnfzehn Soldaten gedacht wird. F\u00fcnf sind w\u00e4hrend der Reise gestorben. Und die f\u00fcnfundzwanzig Irren leben auf einem anderen Planeten.<br \/>\n\u201aDas Unikum\u2018, ein Soldat, dem beide Arme und beide Beine fehlen, auch dieser Rumpf denkt noch; er denkt: \u201aSch\u00f6n, sch\u00f6n, wunderbar, aber nicht f\u00fcr mich.\u2018<br \/>\n\u201aWas n\u00fctzen mir die sch\u00f6nen Auen.\u2018 Diese Verszeile, die am Morgen ein irrer Soldat in den Wagen hineingerufen hat, entsteht immer wieder im Gehirn des Unikums. Meistens schl\u00e4ft er; er schl\u00e4ft ein mit der Verszeile: \u201aWas n\u00fctzen mir die sch\u00f6nen Auen.\u2018<br \/>\nEr ist nicht der einzige, dem der Stabsarzt beide Arme und beide Beine amputiert hat; aber alle anderen sind gestorben. Das Unikum ist am Leben geblieben.<br \/>\nDer Stabsarzt schl\u00e4gt die Decke zur\u00fcck, betrachtet das Unikum und denkt: \u201aWie schmal ist der Zug im Vergleiche zu der weiten Breite der Landschaft, durch die er f\u00e4hrt . . ., deshalb f\u00e4hrt auch die Landschaft nicht durch den schmalen Zug, sondern der Zug f\u00e4hrt durch die breite Landschaft.\u2018<br \/>\nDerartig \u00fcberspitzte Gedanken hat der Stabsarzt oft in der letzten Zeit. Mit ihnen will er die Realit\u00e4t festhalten. Die Realit\u00e4t, die er im Laufe von drei Jahren, ausgef\u00fcllt mit Gliederabschneiden, in einer solchen Furchtbarkeit kennen gelernt hat, da\u00df er oft stundenlang an das Vorhandensein der Realit\u00e4t nicht glauben kann. Aber er rechnet mit ihr, will mit ihr rechnen. Seine Absicht, wegen der er Urlaub genommen hat, veranla\u00dft ihn, sich die Realit\u00e4t nicht entgleiten zu lassen. Er will die furchtbare Realit\u00e4t in den Dienst seiner Absicht stellen.<br \/>\nDeshalb erl\u00f6st er auch das Unikum nicht mit einer Dosis Morphium, obwohl er, der Tr\u00e4ger eines tiefen, von eigener Meinung diktierten Verantwortungsgef\u00fchls, schon viele, die nicht so elend waren, durch Morphium erl\u00f6st hat.<br \/>\nKnapp unter den Schulterbl\u00e4ttern, knapp unter dem Rumpfe starren die Gliederstumpfe. Rosaviolett. Nach obenhin braungr\u00fcne R\u00e4nder. Die Spitzen, zusammengedrehte Mi\u00dfgew\u00e4chse aus Muskelstr\u00e4ngen und Haut, sind grau.<br \/>\nWie der S\u00e4ugling im Kinderwagen, ist der Rumpf auf die Bettpritsche festgeschnallt. Dem Rumpfe wird das Gesicht gewaschen. Dem Rumpfe wird die Nase geputzt. Der Rumpf wird gef\u00fcttert. Der Rumpf wird auf das Klosett gesetzt. Wird dabei gehalten. Der Rumpf hat noch einen Geschlechtsteil, hat Augen, in denen die Seele steht, hat einen Mund, mit dem er sagt:<br \/>\n\u201eBitte, Herr Stabsarzt, sagen Sie mir, wie soll ich leben? Was soll ich tun? Was soll ich tun?\u201c<br \/>\n\u201aDiese Frage soll einer von den Herren beantworten, die an Ketten gelegt werden\u2018, denkt der Stabsarzt. Und schweigt; denn er wei\u00df die Antwort nicht.<br \/>\n\u201eHurr . . . . . . a!\u201c<br \/>\nDer langgezogene Schrei eleganter Sommerfrischler, die an der Schranke stehen, trifft die Ohren von dreihundertf\u00fcnfzehn still- und langgestreckt liegenden Schwerverwundeten, trifft die Ohren des Rumpfes.<br \/>\n\u201eWas soll ich tun, Herr Stabsarzt?\u201c<br \/>\nDer Sanit\u00e4ter steht am Fenster, sch\u00fcttelt den Kopf, versucht, mit der abwinkenden Hand die Begeisterungsschreie in die M\u00fcnder zur\u00fcckzudr\u00fccken.<br \/>\n\u201eHurr . . . . . . a!\u201c<br \/>\nDer Stabsarzt zieht den Blick von dem St\u00fcck angeschnallten Menschenfleisch zur\u00fcck; er sieht die weiche, schmachtende H\u00fcftlinie der sch\u00f6nen Blondine, deren hochgestreckte Hand mit dem Spitzent\u00fcchlein winkt, vor\u00fcbergleiten. Und wei\u00df die Antwort nicht. \u201aDiese entz\u00fcckende K\u00f6rperlinie . . . Wie sch\u00f6n. Wundersch\u00f6n. Aber dumm, so dumm.\u2018<br \/>\n\u201e. . . . . . a!\u201c<br \/>\nDie behutsam vorgreifende Kolbenstange der Lokomotive zieht den Zug am anhaltenden Schrei vor\u00fcber. Langsam.<br \/>\n\u201eSchmeckt Ihnen das Essen?\u201c fragt der Stabsarzt. Und wendet sich weg. Denn er f\u00fchlt wieder, da\u00df ihm der Glaube an das Vorhandensein der Realit\u00e4t entgleiten will, beim Anblick des Rumpfes.<br \/>\n\u201eZu Befehl, Herr Stabsarzt!\u201c<br \/>\n\u201aZu Befehl! . . . Das ist nicht m\u00f6glich. Nicht m\u00f6glich! Da\u00df er \u201azu Befehl\u2018 gesagt hat\u2018, schreit innerlich der tief entsetzte Stabsarzt. \u201aNicht m\u00f6glich! . . . Der seelenmordende Herrengeist, der Geist der Knechtschaft, Disziplin, Unterordnung und der falschen Pflicht, der selbst diesen Rumpf noch sagen l\u00e4\u00dft \u201azu Befehl\u2018, hat den Krieg mitverschuldet.\u2018<br \/>\nDer Stabsarzt denkt noch brennend scharf, da\u00df dieser Geist mit Halbheiten, mit kleinen oder gro\u00dfen Reformen nicht \u00fcberwunden werden kann; und wird von einer Empfindung, die vom tiefsten Urgrunde des Seins aufsteigt, pl\u00f6tzlich zum Rumpfe zur\u00fcck und auf die Knie gerissen.<br \/>\nUnbewu\u00dftes Zartgef\u00fchl veranla\u00dft ihn, die H\u00e4nde nicht zu gebrauchen, da ja auch der Rumpf H\u00e4nde nicht gebrauchen kann in dieser gro\u00dfen Sekunde, in der das Wort \u201eBruder\u201c wiedergeboren, neugeboren, der Wahrheit und der Menschheit zur\u00fcckgegeben wird vom Stabsarzt, der, die H\u00e4nde auf dem R\u00fccken, die Augen, die Stirn, die Wangen des Rumpfes k\u00fc\u00dft und in wilder Hingabe: \u201eBruder\u201c sagt. \u201eWir sind Br\u00fcder. Du und ich sind Br\u00fcder.\u201c<br \/>\nZwanzig ersch\u00fctterten Soldaten wird das verarmte Herz ber\u00fchrt von dem Worte \u201eBruder\u201c. Nicht mehr erhofftes Gl\u00fcck steht gro\u00df im Wagen.<br \/>\nDer Stabsarzt steht in der Mitte und verk\u00fcndet allen das neue, das wieder erneute Gesetz der Liebe: \u201eIch sage euch: wir sind Br\u00fcder.\u201c Er sagt das Wort laut, nicht weich. Die Wahrheit klingt im Tonfall seiner Stimme.<br \/>\nFinsternis rei\u00dft entzwei; die Morgenr\u00f6te der neuen Zeit steigt, trifft und verkl\u00e4rt die zwanzig Soldatengesichter.<br \/>\nVerk\u00fcnde einem zu lebensl\u00e4nglichem Zuchthause Verurteilten, der schon zehn Jahre, Nacht um Nacht, dreitausendf\u00fcnfhundert lange Tage in der gleichen Zelle geatmet hat, und der wei\u00df, da\u00df er diese Zelle nie verlassen wird, verk\u00fcnde ihm pl\u00f6tzlich, er sei frei, k\u00f6nne gehen, k\u00f6nne jetzt sofort hinausgehen in die Freiheit, so wird er noch eine halbe Stunde in seiner Zelle bleiben wollen. Das pl\u00f6tzliche Gl\u00fcck ist so ungeheuer gro\u00df, da\u00df es ihn zu verbrennen droht.<br \/>\nAuch der Rumpf wagt nicht, sich dem Gl\u00fccke sofort zu \u00fcberlassen. Schon allein die ihn pl\u00f6tzlich durchflie\u00dfende Gewi\u00dfheit, da\u00df es da ist, da\u00df auch f\u00fcr ihn ein Gl\u00fcck noch m\u00f6glich ist, kann seine Seele verwirren. Er wagt noch nicht, das Wort \u201eBruder\u201c zu fl\u00fcstern, und wei\u00df, da\u00df er es fl\u00fcstern, sprechen, beten wird. \u201eBruder.\u201c So schl\u00e4ft er ein. Und tr\u00e4umt sofort die wunderbare Antwort, die ihm der Stabsarzt gab auf die Frage: \u201eWas soll ich tun? . . . Bruder.\u201c<br \/>\nDer Geist durchdringt den Zug, dringt in alle Wagen, in die Herzen aller Soldaten ein. Und wird von der Lokomotive langsam in das Innere des Landes getragen, der Absicht des Stabsarztes zu dienen, der im Gange bei den Blinden steht, vor einem Soldaten, der kein Gesicht mehr hat.<br \/>\nVon der Stelle, wo das Kinn war, bis zum Haaransatz bei der Stirn: \u2014 eine Fl\u00e4che. Oben verbreitert durch die Ohren. Kein Mund. Keine Z\u00e4hne. Keine Nase. Keine Augen. Alles ist weg. Zwei L\u00f6cher, wo die Nase war. Ein kleines, lippen- und formloses, narbiges, schiefes Loch, wo der Mund war. Die Augenlider, die Augenbrauen, die Augen sind ganz weg: eine grauenvolle Fl\u00e4che, entstellt durch farbige Narben und Mi\u00dfgew\u00e4chse aus Haut.<br \/>\nDer Stabsarzt sieht die flache, leere Riesennarbe an und fragt: \u201eSagen Sie, Lieber, erkennen Sie Ihre Bekannten schon an der Stimme?\u201c<br \/>\nDer Soldat macht eine ungeheure Anstrengung, ein Wort zu formen. Die rote Zungenspitze durchst\u00f6\u00dft immer wieder das schiefe, lippenlose Loch. Er gestikuliert mit den H\u00e4nden.<br \/>\nJetzt erst erinnert sich der Stabsarzt, da\u00df der Mann nicht sprechen kann, weil er keinen Mund, keine Z\u00e4hne mehr hat. Und dr\u00fcckt in grenzenloser Liebe die Narbe an seine Wangen.<br \/>\nDer Gef\u00fchlssturm, der den Soldaten durchfliegt, wird nicht sichtbar, da der Soldat kein Antlitz hat. In wilder Erregung tastet er nach der Menschenhand, pre\u00dft sie. Und steht im Gl\u00fccke, das nicht sichtbar werden kann.<br \/>\nDer Stabsarzt verk\u00fcndet den Blinden das neue, das erneute Gesetz.<br \/>\nHerzen ziehen sich zusammen. Krampfhaft. Schmerzlich.<br \/>\nUnd \u00f6ffnen sich weit.<br \/>\nDie Alarmglocke ruft. Zusammen mit dem aufgeregt winkenden Sanit\u00e4ter springt der Stabsarzt in den Wagen der Irrsinnigen hinein.<br \/>\nDas in der Lokomotive \u00fcber dem Manometer angebrachte Telephon klingelt. Der Lokomotivf\u00fchrer wird hastig aufgefordert, schneller zu fahren und im n\u00e4chsten Dorfe zu halten.<br \/>\nEin Irrer hat sich unterm Knie die Sehnen, die Hauptadern, die tieferliegenden Arterien durchschnitten, die ganze Wade weggeschnitzt. Bis zum Knochen. Das Blut str\u00f6mt. Niemand wei\u00df, woher er die kleine Gilletterasierklinge hat.<br \/>\nAlle Irren sitzen dicht nebeneinander an den vier W\u00e4nden entlang, reglos auf der Bank. Ernstes Publikum. Der Schwerverwundete wird hinausgetragen. An den Blinden vorbei. In den Operationswagen.<br \/>\nDie Apfelbaumallee gleitet schnell nach r\u00fcckw\u00e4rts. Schneller. Saust nach r\u00fcckw\u00e4rts. Die St\u00f6\u00dfe erfolgen schneller, heftiger. Schmerzensschreie werden laut.<br \/>\nTelegraphenstangen, ein vereinzelt stehendes Haus, ein pfl\u00fcgender Bauer, eine Scheune st\u00fcrzen nach r\u00fcckw\u00e4rts. Die wei\u00dfe Landstra\u00dfe saust mit dem Zuge.<br \/>\nDer Irre ist schon entkleidet. Liegt auf dem Operationstisch. Wehrt sich w\u00fctend. Kann schwer gehalten werden.<br \/>\nDonnernd \u00fcber eine Br\u00fccke, Wasser blitzt auf.<br \/>\nDas Blut str\u00f6mt dick. Wird vom Herzen sto\u00dfweise zu den offenen Adern hinausgepumpt. Der Stabsarzt kann die Adern des W\u00fctenden nicht abbinden. L\u00e4\u00dft ihn festschnallen. \u00c4thermaske.<br \/>\nDer Turm der Dorfkirche erscheint gleichzeitig mit dem Ert\u00f6nen des langgezogenen Warnungspfiffes.<br \/>\nDie M\u00fctze des herbeieilenden Stationsvorstandes leuchtet rot auf. Und w\u00e4hrend der Zug einl\u00e4uft und, unter Schmerzen f\u00fcr die Verwundeten, heftig sto\u00dfend allm\u00e4hlich auf ein Nebengeleise rangiert wird, ist der Stabsarzt schon mitten in der blutigen Arbeit.<br \/>\nDer Zug steht.<br \/>\nJetzt erst vernehmen die still werdenden Bauernkinder das laute, vielstimmige St\u00f6hnen.<br \/>\nDer Stabsarzt arbeitet hastig. Die obere Gesichtsh\u00e4lfte des Narkotisierten gew\u00e4hrt den Anblick eines friedlich Schlafenden; der ganz schmal ge\u00f6ffnete, starre Mund l\u00e4chelt ein spitziges, bewu\u00dft boshaftes L\u00e4cheln. \u201aIch sterbe doch.\u2018<br \/>\n\u201aIch mu\u00df das Bein retten . . . Gerade dein L\u00e4cheln veranla\u00dft mich, das Bein zu retten\u2018, denkt der Stabsarzt, w\u00e4hrend er mit der Sonde arbeitet, mit der Pinzette die Arterien zurechtlegt in ihre anatomische Ordnung, die Arterien und die Hauptadern abklemmt, die durchschnittene, zur\u00fcckgeschnellte Sehne hervorzerrt. Schnell, exakt, fast schon automatisch. \u201aW\u00e4rst du unheilbar irr, dann w\u00fcrdest du mir nicht dieses schadenfrohe L\u00e4cheln zeigen k\u00f6nnen, das deiner Tat so genau entspricht. Bist heilbar. Und kannst deine Beine brauchen!\u2018<br \/>\nDabei sieht er, so oft er den Kopf hebt, \u00fcber die Bauernkinder, die auf den Zehenspitzen stehen und doch nur die blutigen Arzth\u00e4nde sehen k\u00f6nnen, schnell hinweg und zur G\u00fcterhalle, wo eine Menschenansammlung ist, die sich best\u00e4ndig vergr\u00f6\u00dfert: Weiber, Bauern, einige Soldaten, die auf Urlaub sind. Die rote M\u00fctze des Stationsvorstehers. Auf einer Kiste steht ein Mensch und spricht.<br \/>\nSatzfetzen dringen bis zum Stabsarzt her\u00fcber.<br \/>\nEin kleiner Bauernjunge neigt sich zu einem andern, fl\u00fcstert, deutet mit dem Zeigefinger. Er hat ein Instrument aufblitzen sehen. Sein Mund bleibt offen.<br \/>\n\u201e. . . und wenn im Kriege fremdes Land erobert wird, dann ist das gar keine Ehre, sondern Raub\u201c,<br \/>\nh\u00f6rt der Stabsarzt, wundert sich, da\u00df jetzt das boshafte L\u00e4cheln verschwunden ist.<br \/>\n\u201eWenn ein Bauer glaubt, er k\u00f6nne, nur weil er kr\u00e4ftiger ist, einem schw\u00e4cheren Bauern Land wegnehmen, dann ist er kein Ehrenmann, sondern einfach ein R\u00e4uber.\u201c<br \/>\nDer Stabsarzt vernimmt zustimmende Antworten. Und einen lauten Zuruf. Sein Staunen wird zu Befriedigung. Seine Absicht steht gro\u00df und ausf\u00fchrbar vor ihm.<br \/>\n\u201e. . . nat\u00fcrlich, da haben Sie ganz recht, nat\u00fcrlich ist der Bauer au\u00dferdem noch dumm. Denn er wird gestraft. Mu\u00df gestraft werden.\u201c<br \/>\n\u201aWerden an Ketten gelegt werden.\u2018<br \/>\n\u201eEs wird einen Proze\u00df geben. Streit und Ha\u00df . . . Ebenso ist es, wenn im Kriege Land erobert wird: Ha\u00df, Vergeltung. Ein neuer Krieg.\u201c<br \/>\n\u201aIst denn das wirklich eine Frau? Eine Frau?\u2018 denkt der Stabsarzt und h\u00f6rt sie sagen:<br \/>\n\u201eMein Mann war Versicherungsagent . . .\u201c<br \/>\nDie Glocke der Dorfkirche beginnt zu l\u00e4uten, \u00fcbert\u00f6nt die weiteren Worte. Der D-Zug saust durch die Station. Der Operierte wird vorsichtig vom Tische heruntergehoben.<br \/>\nDie Art, wie die Bauersleute um die Sprechende herumstehen, zuh\u00f6ren, kommt dem Stabsarzt bekannt vor. \u201aDas Ganze sieht improvisiert aus.\u2018 Der Stabsarzt m\u00f6chte hingehen. \u201aUnd vielleicht f\u00fcnf Minuten lang sprechen . . . Drei Minuten Zeit k\u00f6nnte ich mir vielleicht nehmen.\u2018<br \/>\nDas St\u00f6hnen der dreihundertf\u00fcnfzehn Soldaten klingt zusammen in einen Ton. Im Wagen der Irrsinnigen platzt eine Lachsalve.<br \/>\nDer Stationsvorsteher springt von der Menschenansammlung weg zum Lazarettzug: der Schnellzug sei durch; der Lazarettzug m\u00fcsse jetzt weiterfahren, damit die Strecke frei werde.<br \/>\n\u201aTats\u00e4chlich, der Vorsteher l\u00e4uft gleich wieder hin. Interessiert sich.\u2018 Das freut den Stabsarzt sehr. Jetzt erst erinnert er sich, da\u00df er, wenn der Zug langsam an den D\u00f6rfern vor\u00fcbergefahren war, vor den Kneipen, vor den Kirchen, vor den Rath\u00e4usern schon \u00f6fters solche improvisiert aussehenden Gruppen herumstehender Bauern bemerkt hat, die aussahen, als warteten sie auf etwas.<br \/>\n\u201aHat die alte Ordnung, Zucht und Meinungslosigkeit Risse bekommen? Ist auf unkontrollierbaren Wegen der neue Geist schon bis zu den Bauern gedrungen? . . . Die Bewohner vieler D\u00f6rfer haben nicht hurra geschrien, sind stumm und nachdenklich an den Schranken gestanden, im auffallenden Gegensatze zu den noch hurra schreienden Bewohnern der Grenzd\u00f6rfer.\u2018<br \/>\nDer Zug hat nach mehrfachem Vor- und R\u00fcckw\u00e4rtsfahren, unter Pfiffen und Pufferst\u00f6\u00dfen und unter Wimmern, St\u00f6hnen und Keuchen der Verwundeten das Hauptgeleise wieder erreicht. Und rollt.<br \/>\nW\u00e4hrend der Stabsarzt zur\u00fcckblickt und sieht, wie der Weichensteller aus dem Hebelh\u00e4uschen schnell heraus und auch auf die Gruppe zul\u00e4uft, sto\u00dfen seine Gedanken vor in die kommende Zeit. Er empfindet das erstemal in seinem Leben, mit einer ihn tief ber\u00fchrenden Feierlichkeit, da\u00df der Gedanke Macht und Wirkung erlangt hat; da\u00df die Untertanen, die bisher als meinungslose, gedankenlose Einzelzellen dem nationalen Riesenuniversalgehirn willen- und machtlos zugeteilt und untergeordnet waren, begonnen haben, sich loszurei\u00dfen, Einzelwesen mit eigenem Gehirn, eigener Meinung zu werden.<br \/>\n\u201aSie beginnen, zu denken. Das ungeheure Leid hat die Verkalkung zerbrochen. Der Geist zieht \u00fcber das Land. Das Alte bricht auseinander, getroffen vom Leide und von der wilden Sehnsucht nach Freiheit. Der Einzelne will sein Schicksal selbst gestalten. Der Einzelne beginnt, zu denken.\u2018<br \/>\nMit feierlicher Gewi\u00dfheit wei\u00df der Stabsarzt, da\u00df der Anbruch des neuen Zeitalters, in dem der Mensch gut sein darf, nahe herbeigekommen ist. Frohlockend f\u00fchlt er, da\u00df seiner Absicht, der neuen Zeit, dem neuen Geiste, dem revolution\u00e4ren Geiste der Liebe zum Durchbruch zu verhelfen, die Ereignisse entgegenkommen.<br \/>\nDamit, wie der Stabsarzt durch den Gang und durch die Wagen schreitet, zu den Verwundeten spricht, sie anblickt, revolutioniert er den ganzen Zug. Das \u00dcberzeugende liegt mehr im Tone seiner Stimme und im Ausdruck seines Gesichtes, als in den Worten, mit denen der Stabsarzt ohne Ha\u00df und ohne Freude den Soldaten beweist: \u201eDie werden an Ketten gelegt werden.\u201c<br \/>\nAugen gl\u00e4nzen. Verehrung und st\u00fcrmische Liebe empf\u00e4ngt \u00fcberall den Stabsarzt.<br \/>\nEr bittet zwei Sanit\u00e4ter, einen hilflosen Kr\u00fcppel vom Bett herunterzuheben. Der Kr\u00fcppel soll zeigen, ob er in einem fahrenden Zuge laufen kann; er bekommt seine zwei Spazierst\u00f6ckchen in die Hand. Die St\u00f6ckchen sind nur f\u00fcnfzig Zentimeter hoch. Der Kr\u00fcppel gew\u00e4hrt den Anblick eines halbge\u00f6ffneten Taschenmessers. Der Kr\u00fcppel ist ein rechter Winkel. Ein Gescho\u00df hat ihm den R\u00fcckenwirbel zersplittert. Und der R\u00fcckenwirbel ist falsch zusammengewachsen. Der Kr\u00fcppel kann sich nicht aufrichten. Kann sich in seinem Leben nie mehr aufrichten. Er geht, ein wandelnder rechter Winkel, am Stabsarzt vor\u00fcber, wendet sich um, langsam wie eine Kuh, hebt m\u00fchsam das Gesicht, fragt den Stabsarzt mit den Augen. Und mu\u00df den Kopf gleich wieder sinken lassen: das Gesicht steht wieder horizontal zum Boden. Der Mensch mit den zwei niedrigen Spazierst\u00f6ckchen sieht aus wie ein vierbeiniges Tier.<br \/>\nDer Stabsarzt \u00fcberlegt, was er schon w\u00e4hrend der ganzen Reise \u00fcberlegte: ob er wagen soll, den R\u00fcckenwirbel noch einmal zu brechen und den Mann aufzurichten, damit der Wirbel richtig zusammenwachsen kann. \u201aEs ist fast unm\u00f6glich, eine t\u00f6dliche Verletzung des R\u00fcckenmarkes dabei zu vermeiden\u2018, denkt der Stabsarzt. Denkt: \u201aWerden an Ketten gelegt werden.\u2018<br \/>\nUnd l\u00e4\u00dft den Menschenwinkel wieder auf das Bett zur\u00fccklegen.<br \/>\n\u201eUnd im Grunde sind wir alle Kameraden\u201c, sagt zu sich selbst ein Soldat, der sich vorstellt, da\u00df auf vielen Geleisen von Europa langsam solche Z\u00fcge fahren, gef\u00fcllt mit Kr\u00fcppeln, Irren, Blinden. \u201eSie haben uns verwundet, wir haben sie verwundet. Und im Grunde sind wir alle Kameraden.\u201c<br \/>\nDas lange, schmale Spital schiebt sich durch die schon abendliche Herbstlandschaft. Der Stabsarzt mu\u00df immer wieder das Wort \u201aAufl\u00f6sung\u2018 denken, wenn er vom Fenster aus die improvisierten Gruppen herumstehender Bauern sieht. Auch einen mit hinkenden Soldaten untermischten gro\u00dfen Zug von Bauern, dem ein Kruzifix und eine rote Fahne vorangetragen werden, \u00fcberholt langsam das Spital.<br \/>\nAn die Realit\u00e4t dieses Ereignisses will der Stabsarzt nicht glauben. Erst die Einzelheiten \u00fcberzeugen ihn: ein Feldarbeiter, der seine Hacke schultert, eine Ackerfurche entlang l\u00e4uft und sich dem Zuge der Bauern anschlie\u00dft; ein beinloser Soldat, der, neben der Fahne, mitkr\u00fcckt; die lange Staubwolke, die hinter dem Zuge steht.<br \/>\nDer rote Schein der untergehenden Sonne trifft den Zug, das Kruzifix, und durchleuchtet rosa die Staubwolke.<br \/>\n\u201aSie trieben die L\u00fcge auf die Spitze: sie befahlen, die Kirchenglocken in Geschosse umzugie\u00dfen, und gebrauchten zu diesem Befehle die Worte \u201aGott\u2018 und \u201aChristentum\u2018. Sie verga\u00dfen, da\u00df der Untertan begonnen hat, zu denken.\u2018<br \/>\nDie Hauptstra\u00dfe eines St\u00e4dtchens, an dem das Spital vorbeikriecht, ist schwarz von langsam sich bewegenden Menschen.<br \/>\n\u201aDas Leid zog durch das ganze Volk, lie\u00df sich in jedem Hause nieder. Das Leid entfesselt das Ereignis.\u2018<br \/>\nIm Stabsarzt l\u00e4\u00dft sich Stille nieder, voll und sch\u00f6n wie die Nacht, aus der das Fr\u00fchrot bricht.<br \/>\n\u00dcberrascht bleibt er vor dem Wagen der Irrsinnigen stehen: sie hocken nicht am Boden in dreifachem Kreise, sitzen nicht, ernsten Puppen gleich, reglos an den W\u00e4nden entlang, sondern gehen alle im Wagen umher, um einander herum, in Schlangenlinien kreuz und quer, best\u00e4ndig und unregelm\u00e4\u00dfig, meditierend, gestikulierend, den Blick zu Boden gerichtet. Tief mit sich selbst besch\u00e4ftigt. Der Schein der untergehenden Sonne trifft rot ihre Gesichter.<br \/>\nEin Irrer wendet sich pl\u00f6tzlich um, geht schnell auf den Stabsarzt zu und sagt: \u201eJehovah sitzt in meinem Bauche . . . Jehovah ist eine der Wissenschaft ganz unbekannte Masse.\u201c Er l\u00e4chelt den Stabsarzt wohlwollend, mitleidig und mit einem Schein von Schadenfreude an, weil der davon nichts wei\u00df. Hebt die Schultern: \u201eTut mir leid, eine der Wissenschaft ganz unbekannte Masse.\u201c<br \/>\nErst als der Stabsarzt den zweiten Alarmruf vernimmt, klingt auch der erste, den er \u00fcberh\u00f6rt hat, in seinen Ohren.<br \/>\nDer \u00fcberm\u00fcdete Sanit\u00e4ter, der den operierten Irren bewachen sollte, war sitzend eingeschlafen und zu sp\u00e4t aus dem Schlafe aufgefahren.<br \/>\nDie blutigen Fetzen des Verbandes liegen auf dem Boden, im blutnassen Bett, h\u00e4ngen vom Bein herunter. Fleischfetzen h\u00e4ngen vom Bein herunter. Der Operierte hat die sorgf\u00e4ltige Arbeit des Stabsarztes zerst\u00f6rt. Hat die Fingern\u00e4gel in die Wunde tief hineingebohrt und alles herausgerissen. Das Herz pumpt das Blut sto\u00dfweise zu den offenen Adern hinaus. Der Mann ist bei Bewu\u00dftsein und keucht. Das Bein ist verw\u00fcstet. Mu\u00df amputiert werden.<br \/>\nDer Kranke liegt still, blickt den Stabsarzt wie aus einem tiefen Abgrunde heraus ruhig und m\u00fcde an. Und sagt pl\u00f6tzlich, langsam und klar: \u201eLassen Sie, bitte. Will nicht.\u201c<br \/>\nDer Stabsarzt bittet z\u00f6gernd zwei Sanit\u00e4ter, den Blut\u00fcberstr\u00f6mten in den Operationswagen zu tragen.<br \/>\nUnd wendet sich um zu einem andern Kranken, der vorgebeugt auf dem Stuhle sitzt und, mit jedem Buchstaben mehrere Male Atem holend, \u201eHerr Stabsarzt\u201c zu sagen versucht.<br \/>\nDer Mann hat einen Schu\u00df in den Magen bekommen. Das Zwerchfell ist verletzt. Luft ist in die Brusth\u00f6hle eingedrungen und komprimiert die Lunge. Unaufh\u00f6rliche schwerste Atemnot. Auch wenn er nicht spricht, mu\u00df er ununterbrochen in rasender Folge Atem holen. Sein Gesicht ist blau. Er ist total abgemagert. Sieht zum Stabsarzt auf mit einem Blicke, der aus Bitten, Frage und Angst besteht. Und atmet. Und atmet. Schnell wie ein Hund, der einem Automobil nachgerast ist. Er will am Leben bleiben. Sein bittender Angstblick fragt, ob es ihm einmal wieder besser gehen werde.<br \/>\n\u201eJa, es wird besser werden\u201c, sagt der Stabsarzt. Und denkt: \u201aIm Laufe von drei bis vier Jahren . . ., wenn nicht vorher seine Kraft schon ersch\u00f6pft und seine komprimierte Lunge nicht schon vorher abgestorben ist.\u2018<br \/>\nSchon oft hat der Stabsarzt \u00fcberlegt, welcher von seinen Kranken der Beklagenswerteste sei. Und hat sich, wenn er machtlos vor diesem Atmenden stand, der w\u00e4hrend des ganzen Tages und in den schlaflosen N\u00e4chten nie eine Sekunde lang von seiner schweren Not zu erl\u00f6sen ist, f\u00fcr ihn entschieden.<br \/>\nUnd wenn er dann vor dem Rumpfe steht \u2014 \u2014 \u2014<br \/>\nUnd wenn er vor dem Menschen steht, der keine Augenbrauen, keine Augenlider, keine Augen, keine Nase, keinen Mund, kein Gesicht mehr hat \u2014 \u2014 \u2014<br \/>\nUnd wenn er vor dem \u201aRechten Menschenwinkel\u2018 steht \u2014 \u2014 \u2014<br \/>\nUnd wenn er im Wagen der Irrsinnigen steht \u2014 \u2014 \u2014<br \/>\nLangsam kriecht der Zug durch die breite Landschaft in den Abend hinein.<br \/>\nDer Stabsarzt steht vor dem Operationstisch. \u201aDas Kniegelenk wenigstens kann gerettet werden\u2018, denkt er. Und beginnt: klemmt die Hauptadern und die tieferliegenden Arterien ab, zerrt so weit wie m\u00f6glich die Sehne vor, die unter dem Stumpfe verwachsen und, zusammen mit der Haut und den Muskelstr\u00e4ngen, das Polster f\u00fcr das k\u00fcnstliche Glied liefern soll.<br \/>\nDer langsam fahrende Zug klappert dazu langsam die Melodie von \u201aDeutschland, Deutschland \u00fcber alles\u2018, tr\u00f6pfelt die Melodie in das vergebens widerstrebende Gehirn des Stabsarztes hinein. Er will dem langsamen Tempo des Zuges die Melodie von \u201aNun danket alle Gott\u2018 unterlegen. Es gelingt ihm nicht. \u201aDeutschland, Deutschland \u00fcber alles\u2018 behauptet sich hartn\u00e4ckig. Und zu der Melodie entstehen im Gehirn des s\u00e4genden Stabsarztes pl\u00f6tzlich von selbst die Worte:<br \/>\nZwang und Blut, Gewalt und Messer<br \/>\n\u00dcber alles in der Welt!<br \/>\n\u201eSieg!\u201c schrein Land- und Menschenfresser,<br \/>\nDamit nichts zusammenh\u00e4lt.<br \/>\nAmputiert die Menschentr\u00f6pfe,<br \/>\nResezieret alles mit,<br \/>\n\u00d6ffnet B\u00e4uche, M\u00e4gen, K\u00f6pfe,<br \/>\nSchneidet durch den Lebenskitt!<br \/>\nDie furchtbare Wildheit erstarrt im Gesichte des Stabsarztes. Der Knochen ist durchges\u00e4gt. Unterm Knie. Der Sanit\u00e4ter schiebt das abges\u00e4gte Bein zur Seite.<br \/>\nDer Amputierte liegt reglos. Seine Lippen sind wei\u00df.<br \/>\n\u201aSein Mund weint . . . Kann denn ein Mund weinen?\u2018 denkt der Stabsarzt, nimmt die Metallklemmen von den Adern ab, reinigt noch einmal sorgf\u00e4ltig die blutr\u00fcnstige Innenseite der aufgesparten Haut.<br \/>\nUnd w\u00e4hrend er die Hautlappen und die durchschnittenen Muskelstr\u00e4nge unter dem Stumpfe miteinander verbindet, klappert langsam der Zug weiter seine Melodie von \u201aDeutschland, Deutschland \u00fcber alles\u2018. Und aus dem Gehirn des Stabsarztes fallen die Worte heraus und in sein Herz:<br \/>\nDunkle, wilde Leidenssph\u00e4re<br \/>\nH\u00fcllet die Millionen ein.<br \/>\nSeht das neue Feld der Ehre:<br \/>\nKampf um Liebe, Recht und Sein!<br \/>\nDie gewaltgen Kr\u00fcppelheere<br \/>\nBrechen in den Lichtkreis ein<br \/>\nJener gro\u00dfen, tiefen Lehre:<br \/>\nMenschen werden Br\u00fcder sein.<br \/>\nEine weithin \u00fcbersehbare Ebene, die schon in abendblauer D\u00e4mmerung liegt. Der Zug schleicht langsam weiter, vor\u00fcber an gro\u00dfen Reklametafeln.<br \/>\nDer Stabsarzt denkt: \u201aVon allen Seiten kommen die langen, schmalen Spitale ins Land, auf allen Geleisen tragen die Lazarettz\u00fcge die Kr\u00fcppel ins Land. T\u00e4glich seit drei Jahren. In alle St\u00e4dte, in alle St\u00e4dtchen, in alle D\u00f6rfer.\u2018<br \/>\nEr sieht in der Ferne die niedere, schwarze Silhouette von Berlin. Das Ziel der Reise.<br \/>\nEr will nicht glauben, da\u00df dies die Sonne ist: eine ganz kleine Scheibe, nicht gr\u00f6\u00dfer als eine halbierte Blutorange, dunkelrot wie eine halbierte Blutorange, steht tief am gefleckten Himmel krank und d\u00fcster hinter Berlin.<br \/>\n\u201aWie eine t\u00f6dliche Wunde.\u2018<br \/>\n\u201eDunkle, wilde Leidenssph\u00e4re<br \/>\nH\u00fcllet die Millionen ein\u201c,<br \/>\nsingt der Stabsarzt im Tempo des Zuges und trocknet, den Blick auf Berlin gerichtet, die H\u00e4nde ab am Tuche, das sich rosa f\u00e4rbt.<\/p>\n<p>\u201eWenn Sie den Vertrag nicht einhalten, gerate ich mit meiner ganzen Familie ins Elend.\u201c<br \/>\n\u201eDas t\u00e4te mir ja sehr leid, wirklich sehr leid . . . Aber in unserer Branche mu\u00df, wie Sie ja wissen werden, mein Vertreter fortw\u00e4hrend mit in der Regel sehr vornehmen und, sagen wir . . . empfindlichen Damen verkehren und unterhandeln. Im Gesch\u00e4ftsinteresse. Er mu\u00df diese Damen unausgesetzt mit allen m\u00f6glichen Feinheiten bearbeiten. Das verlangt nun einmal das Gesch\u00e4ftsinteresse. Es handelt sich in jedem einzelnen Falle um den Gewinn oder den Ausfall von Tausenden. Sehen Sie ein, mein Vertreter mu\u00df diesen Damen doch . . . die Hand geben k\u00f6nnen. Das zum Beispiel ist unbedingt notwendig. Aber Sie k\u00f6nnen das nicht . . . gut, da Sie ja keine H\u00e4nde haben . . . Tut mir ja wirklich sehr leid, aber diesen Direktorposten k\u00f6nnen Sie nicht versehen. Das ist unm\u00f6glich.\u201c<br \/>\n\u201eDas mag ja . . .\u201c<br \/>\n\u201eWirklich unm\u00f6glich!\u201c<br \/>\n\u201e. . . vor dem Kriege so gewesen sein, . . .\u201c<br \/>\n\u201eGanz und gar unm\u00f6glich!\u201c<br \/>\n\u201e. . . aber f\u00fcr jetzt, f\u00fcr diese Zeit gilt das sicher nicht mehr. Jetzt ist doch jeder anst\u00e4ndige Mensch in dieser Hinsicht r\u00fccksichtsvoll. Jetzt st\u00f6\u00dft sich doch niemand daran, st\u00f6\u00dft sich doch eine noch so vornehme Dame nicht daran, da\u00df ein Mensch . . . keine H\u00e4nde hat.\u201c<br \/>\n\u201eJetzt? Gewi\u00df, jetzt vielleicht noch nicht. Aber \u2014 es tut mir ja wirklich sehr leid, Ihnen das sagen zu m\u00fcssen \u2014 meiner Meinung nach wird das nicht immer so bleiben. Es wird nicht einmal allzu lange so bleiben . . . Das Leben geht weiter. Bekanntlich. Und ich brauche f\u00fcr mein gro\u00dfes, erstklassiges Unternehmen einen repr\u00e4sentativen Vertreter, der im vollen Besitze seiner, sagen wir . . . gesellschaftlichen F\u00e4higkeiten ist. Das begreifen Sie. Ja wirklich leid . . . Eine entsprechende Entsch\u00e4digung \u2014 in Grenzen \u2014 steht Ihnen nat\u00fcrlich gerne zur Verf\u00fcgung.\u201c<br \/>\n\u201eDanke. Da bleibt mir nichts anderes \u00fcbrig, als mich auf den gesetzlichen Rechtsstandpunkt zu stellen. Ihr fr\u00fcherer Vertreter hat, w\u00e4hrend Sie im Milit\u00e4rdienste waren und bevor er selbst einr\u00fccken mu\u00dfte, einen rechtsg\u00fcltigen Vertrag mit mir abgeschlossen. Er war von Ihnen erm\u00e4chtigt, Angestelltenvertr\u00e4ge abzuschlie\u00dfen. Der Vertrag ist juristisch unanfechtbar.\u201c<br \/>\n\u201eAlso tun Sie mir den Gefallen, und reden Sie nicht von Vertr\u00e4gen. Vertr\u00e4ge sind nur . . . Papier. Kanzleipapier.\u201c<br \/>\nAuch der verst\u00fcmmelte Herr erhebt sich. \u201eDarin wird Ihnen kein Richter der Welt, kein objektiver Richter recht geben. Keiner wird sagen, Vertr\u00e4ge seien nur Papier.\u201c<br \/>\n\u201eM\u00f6glich. Aber, sagen Sie selbst, was kann ich tun? Es handelt sich hier um den exponiertesten, wichtigsten Posten meines ganzen Unternehmens. Halte ich den Vertrag ein, dann wird meine Firma mit mathematischer Sicherheit von der Konkurrenz \u00fcberfl\u00fcgelt. Und in der Not . . . was tut ein Mensch, der vorw\u00e4rts kommen will, der etwas erreichen will, sagen wir, ein bestimmtes Ziel erreichen will, was tut der nicht alles in der Not . . . Wir haben in dieser Hinsicht schon ganz andere Dinge erlebt.\u201c<br \/>\nDer Herr ohne H\u00e4nde fragt noch ganz ruhig: \u201eUnd wenn nun alle nach . . . diesem Prinzip handeln w\u00fcrden? Wenn das ganze Gesch\u00e4ftsleben unseres Landes nach dem Prinzip: Vertr\u00e4ge sind nur Kanzleibogen, gehandhabt w\u00fcrde?\u201c<br \/>\nDer Kaufmann hebt die Schultern. \u201eJeder sehe, wie er fertig werde . . . Soweit wie m\u00f6glich will ich ja gerne die Sache wieder gutmachen. Zu einer entsprechenden Entsch\u00e4digung \u2014 in Grenzen \u2014 bin ich jederzeit bereit.\u201c<br \/>\n\u201eIch sage Ihnen aber: Verpflichtungen m\u00fcssen eingehalten werden. Vertr\u00e4ge m\u00fcssen eingehalten werden. Das ist ein moralisches Gesetz, das in ganz Europa sogar zum geschriebenen Gesetze erhoben worden ist.\u201c Das Gesicht des Verst\u00fcmmelten wird dunkelrot. \u201eUnd ich sage Ihnen: es gibt im deutschen Volke noch Menschen, die das Raubsystem nicht mitmachen. Die unser Volk wieder rehabilitieren werden . . . Auf Kosten der Stra\u00dfenr\u00e4uber Ihrer Art.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist eine Beleidigung. Ich kann Sie belangen\u201c, schreit der Kaufmann in falschem Zorne und freut sich.<br \/>\nDer Verst\u00fcmmelte geht. Sein Schicksal ist das Schicksal der Kriegsbesch\u00e4digten.<br \/>\nHunderttausende werden mit \u00e4hnlichen Gr\u00fcnden abgefertigt von den Unternehmern. Hunderttausende \u2014 Schlosser, Schreiner, Spengler, Maurer, Schmiede, Bergleute, Handlanger, Tagl\u00f6hner, Erdarbeiter, Bauarbeiter \u2014 verlassen als Abgewiesene, stillgeworden und hoffnungslos, die Fabriken, die Werkst\u00e4tten, die Baub\u00fcros. In den Arbeitsnachweisen h\u00e4ngen Tafeln, auf denen steht: \u201aF\u00fcr diese Arbeiten kommen nur kr\u00e4ftige, unbesch\u00e4digte Leute in Frage\u2018. \u201aKr\u00e4ftige, unbesch\u00e4digte Leute haben den Vorzug\u2018. \u201aF\u00fcr diese Stellen kommen . . .\u2018<br \/>\nIn keinem Berliner Grandhotel sind Servierkellner angestellt, die k\u00fcnstliche H\u00e4nde haben. Der Anblick einer Kunsthand verschl\u00e4gt G\u00e4sten, die zehn Mark f\u00fcr das Diner bezahlen, den Appetit. Sie bezahlen in einem anderen Grandhotel lieber zw\u00f6lf Mark f\u00fcr das Diner und lassen sich daf\u00fcr von gepflegten H\u00e4nden bedienen, die gewachsen sind. Das wei\u00df der gebildete Hotelier. Aber sein Konkurrent wei\u00df das auch. Der Servierkellner begreift das auch sehr schnell und wird Zuh\u00e4lter oder Bordellwirt.<br \/>\nKinder und Frauen, die sich w\u00e4hrend des Krieges in die Berufe eingearbeitet haben, lassen sich nicht verdr\u00e4ngen, werden von den Unternehmern den Kr\u00fcppeln vorgezogen. Nur wenn gro\u00dfe Auftr\u00e4ge schnell ausgef\u00fchrt werden m\u00fcssen und Mangel an t\u00fcchtigen Arbeitskr\u00e4ften ist, stellt der Unternehmer Kr\u00fcppel vor\u00fcbergehend ein. Auf Akkordarbeit. Die Entlohnung entspricht genau der Leistung. Die Leistung bleibt weit zur\u00fcck hinter der des unbesch\u00e4digten Arbeiters. Der Kr\u00fcppel wird entlassen, sobald Ersatz f\u00fcr ihn zu haben ist.<br \/>\nF\u00fcr Sentimentalit\u00e4t ist jetzt nicht die Zeit. Jetzt nicht. Gewaltige Steuern. Gewaltige Konkurrenz. Gewaltige Bestellungen. Phantastisch kurzbemessene Lieferungstermine. Atemlose Hetze des Unternehmers nach Verdienst. Sein oder Untergang.<br \/>\nDas Tempo eines Kartonnagenarbeiters, der, wenn er das Allern\u00f6tigste verdienen will, jetzt nicht mehr in zw\u00f6lf Minuten vierzehnhundertmal, sondern sechzehnhundertmal in zehn Minuten denselben Handgriff machen mu\u00df, kann der Besch\u00e4digte, auch wenn ihm nur ein halber Finger fehlt, nicht einhalten.<br \/>\nDas Mitleid mit den invaliden Vaterlandsverteidigern fliegt weg. Das Wort des Kaufmanns \u201aDas Leben geht weiter\u2018 schl\u00e4gt seinen Bogen \u00fcber die Enterbten des Lebens.<br \/>\nUnd gegen die verkr\u00fcppelten Kopfarbeiter \u2014 Lehrer, Wissenschaftler, Bank-, Magistrats- und Staatsbeamten \u2014 holt das Leben von einer andern Seite her aus: junge, streng erzogene B\u00fcrgerm\u00e4dchen vertrauen einander freim\u00fctig den Entschlu\u00df an, Kr\u00fcppel zu heiraten, um versorgt zu sein, und sich dann an den Gesunden, die zu selten und nicht zu haben sind, schadlos zu halten. Das werde jeder Mensch begreifen.<br \/>\nDer verst\u00fcmmelte junge Kaufmann steht noch im kostbar und geschmackvoll eingerichteten Vorraume des Gesch\u00e4ftspalastes. Sieht, wie eine jener vornehmen Damen vorf\u00e4hrt, vom Besitzer devot empfangen wird. Und begreift in einer Sekunde, da\u00df das Leben weitergeht. Sein knabenhafter Glaube an die str\u00f6mende Dankbarkeit gegen\u00fcber den tapferen Opfern des Krieges fliegt weg, als er die Verbeugung und das zerflie\u00dfende Gesicht des Gesch\u00e4ftsinhabers sieht, hinter dessen R\u00fccken das Unternehmen zittert und wackelt und die gewaltigen Steuern und die r\u00fccksichtslos strebende Konkurrenz grinsen.<br \/>\nDie heimatlosen, alternden Landstreicher, die Leierkastenm\u00e4nner, die Stra\u00dfens\u00e4nger, die verkr\u00fcppelten Bettler, die an der Hausmauer auf dem Pflaster hocken und den Filz vorstrecken, sind keine aussterbenden Erscheinungen einer alten Zeit mehr, sondern z\u00e4hlen nach Hunderttausenden und sind deshalb von Geldsorgen und gewaltiger Konkurrenz nicht weniger hart bedr\u00e4ngt, als der Besitzer des Gesch\u00e4ftspalastes.<br \/>\n\u201eIch habe \u201aUu!\u2018 geschrien. Tag und Nacht \u201aUu!\u2018 geschrien. Das half mir\u201c, erz\u00e4hlt in der Stadtbahn der verst\u00fcmmelte Kaufmann einem jungen Burschen.<br \/>\nDer Stabsarzt nennt seinen Namen. Wird erkannt. Und l\u00e4\u00dft sich die Adresse des Verst\u00fcmmelten geben. Nichts sonst wird gesprochen. \u201aIst auch nicht n\u00f6tig\u2018, f\u00fchlen beide.<br \/>\nEs liegt in der leidges\u00e4ttigten Zeit, da\u00df Dinge, die fr\u00fcher erkl\u00e4rt werden mu\u00dften, jetzt als Selbstverst\u00e4ndlichkeiten ohne Erkl\u00e4rung von manchen Leuten begriffen werden.<br \/>\nDie Absicht, die den Stabsarzt veranla\u00dft, in F\u00fchlung zu bleiben mit den dreihundertf\u00fcnfzehn revolutionierten, invaliden Soldaten, die in Berliner Irrenh\u00e4usern, Krankenh\u00e4usern und zum Teile bei ihren Angeh\u00f6rigen untergebracht sind, f\u00fchrt ihn auch mit dem Kellner zusammen.<br \/>\nDer Kellner sagt unvermittelt: \u201eUns alle wird man hinrichten . . . vorher.\u201c Und das kleine L\u00e4cheln zeigt seine absolute Bereitschaft zum Sterben f\u00fcr die Idee.<br \/>\nDie Stille steht im Zimmer.<br \/>\n\u201eSehen Sie\u201c, sagt der Stabsarzt, \u201edas k\u00f6nnen die Herren heute nicht mehr wagen; sie wissen, da\u00df f\u00fcr jeden Platz, der heute auf diese Weise frei wird, sofort hundert Anw\u00e4rter da sind, hinter denen Millionen Anh\u00e4nger stehen. Heute ist das so . . . Auch der mutige Sozialdemokrat sitzt nicht umsonst im Zuchthause; dieses Ereignis bohrt in hunderttausend K\u00f6pfen.\u201c<br \/>\nDer Zwanzigj\u00e4hrige sagt: \u201eZum Beispiel k\u00f6nnte man die ganz hartn\u00e4ckigen Untertanen auch auffordern: gut, stellt euch einmal glatt auf den Standpunkt der Regierung: \u201aKriege m\u00fcssen sein. Sieg bringt Macht und Reichtum\u2018. Und jetzt betrachtet das Resultat: Millionen Tote, Millionen Kr\u00fcppel, Elend und Leid in jedem Hause, in jeder Familie, ein ausgehungertes Volk, hundert Milliarden Schulden, f\u00fcr die wir, unsere Kinder und Kindeskinder die Zinsen erarbeiten sollen. Und die ganze Welt gegen uns . . . Und jetzt fragt euch: h\u00e4tten zw\u00f6lf M\u00e4nner, die aus dem Vertrauen der Massen emporsto\u00dfen, das nicht verhindern k\u00f6nnen? Nicht verhindern k\u00f6nnen, da\u00df die ganze Welt gegen uns aufsteht? Besitzen diese M\u00e4nner aus dem Volke nicht soviel einfache Lebensklugheit, da\u00df sie diesen Krieg und den Zusammenschlu\u00df der ganzen Welt gegen uns h\u00e4tten verhindern k\u00f6nnen?\u201c<br \/>\nDer verst\u00fcmmelte junge Kaufmann tritt ein; er kommt von der Unterredung mit dem Besitzer des Gesch\u00e4ftspalastes, erz\u00e4hlt sachlich, was er eben erlebt hat. Und geht wieder.<br \/>\n\u201aSolche und Milliarden \u00e4hnliche Erlebnisse, dazu der Hunger, die phantastischen Steuern und Milliarden andere Erlebnisse\u2018, denkt der Stabsarzt und denkt an die \u201aMetzgerk\u00fcche\u2018, \u201aballen sich zusammen . . . Und platzen endlich.\u2018<br \/>\nJemand sagt: \u201eWirklich, eine Sekunde spielt jetzt labil im Raume, schwebt jetzt labil zwischen zwei Ewigkeiten. In dieser Sekunde geschieht der neue Anfang.\u201c<br \/>\nUnd der Stabsarzt denkt: \u201aMan kann nur auf die Sekunde warten, lauern, in der das Leid so ungeheuer geworden ist, da\u00df das Volk nicht mehr nur leidet, sondern auch dar\u00fcber nachzudenken beginnt, was und wer dieses ungeheuere Leid verursacht hat. Man mu\u00df f\u00fchlen, wann dieser Augenblick da ist. Dann mu\u00df man die Sekunde aufrei\u00dfen. Den letzten kleinen Sto\u00df geben.\u2018 Er denkt brennend an die zwischen zwei Ewigkeiten labil spielende Sekunde, der sich die Ereignisse n\u00e4hern. \u201aVielleicht schon morgen? In einem Monat? In einem Jahre? In einer Woche? . . . In einer Woche?\u2018<br \/>\nDer Zwanzigj\u00e4hrige bem\u00fcht sich, den Gedanken zu formulieren, da\u00df die Bewegung nicht vom Hunger \u2014 \u201ewenigstens nicht vom Hunger allein\u201c \u2014 ihren Antrieb bekommen d\u00fcrfe. \u201eDas ist nicht durchgreifend genug und reicht nicht weit . . . Dreht sich ins Alte zur\u00fcck.\u201c<br \/>\n\u201eDer Mensch ist gut\u201c, sagt der Kellner. \u201eDas Gute im Menschen und das unerme\u00dflich furchtbare Leid werden die Bewegung verursachen.\u201c<br \/>\n\u201aDie Leidtragenden\u2018, denkt der Stabsarzt, denkt an die zweitausendf\u00fcnfhundert Kilometer amputiertes Menschenglied.<br \/>\nUnd der Kellner sieht die Agentenwitwe, die fanatisierten Kriegswitwen. Er sieht die Mutter, die den gekreuzigten Sohn dem gewaltigen Zuge der M\u00fctter vorantr\u00e4gt.<br \/>\nAlle schweigen. Alle glauben an die Sekunde.<br \/>\nUnd pl\u00f6tzlich gew\u00e4hren alle den Anblick von zertr\u00fcmmerten Kindheiten, von seelisch restlos ersch\u00f6pften Menschen, denen nichts mehr geblieben ist, als ihre Idee und der Ausblick in die nahe Zukunft.<br \/>\nDa tritt dieser Mensch ein, \u00fcber den ein Wort auszusagen, dessen Namen zu nennen, keine Tortur der Welt von den im Zimmer Versammelten erzwingen kann.<br \/>\nUnd drau\u00dfen in den Stra\u00dfen der Millionenstadt, in allen H\u00e4usern aller St\u00e4dte, in allen D\u00f6rfern arbeitet das Leid, rundet sich die Zeit, rollt der Sekunde entgegen.<br \/>\nMassenstreike, nicht nur vom Hunger verursacht, entstehen von einem Tage zum andern, brechen aus, brauchen nicht gemacht, nicht organisiert zu werden. Sind da. Pl\u00f6tzlich legen Hunderttausende das Werkzeug hin. Trotz des raffiniert und gl\u00e4nzend organisierten Zwanges, ruhen die Maschinen.<br \/>\nAus jedem Fenster jeden Hauses schaut dunkel das Leid heraus. Es gibt keinen Pflasterstein mehr, der nicht schon vom Leide ber\u00fchrt worden ist. Denn es gibt keinen Menschen mehr, den das Leid nicht schon getroffen hat. Und verwandelt hat.<br \/>\nUnd das Ungeheuerste wird zum Ereignis: es kommt vor, da\u00df man auf der Stra\u00dfe Menschen begegnet, denen man ansieht, da\u00df sie nicht nur leiden, sondern auch . . . denken.<br \/>\nDer Stabsarzt auf Urlaub, immer unterwegs, von Krankenhaus zu Krankenhaus, von Kr\u00fcppel zu Kr\u00fcppel, blickt auf der Stra\u00dfe die Menschengesichter an und denkt: \u201aDer Geist bricht los. Und wo der Geist losbricht und Macht und Wirkung erlangt, gehen die Herren der Gewalt von selbst . . ., wenn sie klug sind.\u2018<\/p>\n<p>Seismographen, die ausschlagen, noch bevor das Erdbeben Ereignis ist, gibt es nicht. Es gibt Seelenseismographen, Menschen, die f\u00fchlen, wann die Sekunde da ist, in der das verh\u00e4rtete, versteinerte Leid eines ganzen, niedergehaltenen, unerme\u00dflich gequ\u00e4lten Volkes pl\u00f6tzlich in Flu\u00df ger\u00e4t und die D\u00e4mme des organisierten Zwanges, der Gewalt, der L\u00fcge, der Autorit\u00e4t, der falschen Pflicht sprengt.<br \/>\nAn diesem Tage rei\u00dft der Stabsarzt die erste Sekunde des neuen Zeitalters auf:<br \/>\nmit einem Kr\u00fcppelzuge, der schon fr\u00fch um neun Uhr aus zwanzigtausend amputierten Soldaten besteht.<br \/>\nEine halbe Stunde sp\u00e4ter f\u00fcnfzigtausend; das Leid schmettert die niedergehaltenen, pl\u00f6tzlich fanatisierten Arbeitermassen in den Zug hinein. Jedes Lazarett am Wege wird vom vor\u00fcberwallenden Kr\u00fcppelzuge ausgesaugt.<br \/>\nBlinde, die Hand auf den Schultern der Armlosen. Irre, die, ernst und schweigend, aufgeregt sprechend, gl\u00e4ubig l\u00e4chelnd, mitgehen. Beinlose in Selbstfahrern. Zwischen Kr\u00fccken rhythmisch baumelnde Soldatenk\u00f6rper. Hinken der Invaliden. Stampfen der St\u00f6cke, Kr\u00fccken und Kunstbeine auf dem Asphalt.<br \/>\nEin grauer Zug. Stiller Zug. Endlos. Langsam durch die Stra\u00dfen. Nicht einem Ziele zu. Sie bewegen sich im Ziele. Tragen das Ziel in sich. Sind selbst das Ziel: denkende Seelentr\u00e4ger.<br \/>\nSie sprechen nicht. Beratschlagen sich nicht. Das verlorene Augenlicht, die Gliederstumpfe, der entschwundene Verstand, das losgebrochene Leid des ganzen Volkes spricht: lehrt allen leiddurchseuchten Zuschauern, Spazierg\u00e4ngern und Gesch\u00e4ftigen in einer Sekunde das ABC: \u201aEinander zu erschlagen, einander zu zerfetzen, ist der Sinn des Lebens nicht.\u2018<br \/>\nBei den Zuschauern platzt die d\u00fcnne Haut. Ekstase flammt. Schreie steigen. Die Wahrheit ger\u00e4t in Flu\u00df. Die Seele tagt. Und reiht die Tr\u00e4ger der befreiten Seele ein in den Zug.<br \/>\nKein Mensch bleibt zur\u00fcck. Die durchkr\u00fcckten Stra\u00dfen sind leergesaugt.<br \/>\nKleine Trupps sto\u00dfen aus den Nebengassen im Laufschritt auf den Zug zu.<br \/>\nSiebzig Fensterausschnitte eines Lazarettes, dicht ausgef\u00fcllt mit den K\u00f6pfen hei\u00dfblickender Soldaten, werden pl\u00f6tzlich siebzig leere, schwarze L\u00f6cher: und dreihundert Kr\u00fcppel und Invalide, noch in der blauwei\u00df gestreiften Anstaltskleidung, humpeln, hinken, schwanken, kr\u00fccken mit dem Zuge.<br \/>\nKinder, auf dem Wege in die Schule, verl\u00e4ngern den Zug. Verzweifelte, auf dem Wege zur Kirche, verl\u00e4ngern den Zug. Die Bewohner der engen Gassen, in denen der Gestank der Armut steht, verl\u00e4ngern den Zug. Aus den Parterrefenstern einer Fabrik springen die Arbeiter heraus.<br \/>\nZwei Regimenter siebzehnj\u00e4hriger Infanteristen, auf dem Wege zum Religionsunterricht, werden geschluckt.<br \/>\nDem Zuge voran f\u00e4hrt langsam ein flacher Lastwagen, auf dem sonst mehlgef\u00fcllte S\u00e4cke transportiert werden. Zw\u00f6lf kr\u00e4ftige M\u00e4nner, die zusammen f\u00fcnf Arme und sieben Beine haben, stehen und sitzen auf dem Wagen. An der L\u00e4ngsstange, an der sonst das zum Schutze f\u00fcr das Transportgut bestimmte Segeltuch befestigt ist, h\u00e4ngen gro\u00dfe, farbige Papierlampions. Blau. Rot. Gr\u00fcn. Violett. Rot. Eine Reihe schaukelnder, erleuchteter Papierlampions. Auch die Sonne leuchtet.<br \/>\nDer Atmende, dem ein Gescho\u00df den Magen und das Zwerchfell verletzt hat, ist um acht Uhr fr\u00fch verendet. Sein noch uniformierter Leichnam sitzt neben dem Kutscher auf dem Bocke. Die angebundene Leiche wackelt. Das Gesicht ist wei\u00dflich-gr\u00fcn. Die toten Augen sind offen.<br \/>\nVon der Stange, an der die leuchtenden Papierlampions schaukeln, h\u00e4ngt ein Seil herunter; und in der Schlinge, die unter den Armen um die Brust herumgelegt ist, h\u00e4ngt der Soldat, der kein Kinn, keinen Mund, keine Nase, keine Augen, kein Gesicht mehr hat. Links von ihm h\u00e4ngt ein Seil herunter, das den \u201aRechten Menschenwinkel\u2018 h\u00e4lt. Er st\u00fctzt sich auf seine f\u00fcnfzig Zentimeter hohen Spazierst\u00f6ckchen. Die Asphaltstra\u00dfe gleitet vor\u00fcber unter seinem Gesicht, das der Krieg horizontal gestellt hat.<br \/>\nIn der Mitte hockt der Rumpf erh\u00f6ht auf einem thronartigen Aufbau mit R\u00fcckenlehne, an welcher der Rumpf festgeschnallt ist. Der Rumpf ist nackt. Eine Infanteristenm\u00fctze sitzt schief auf seinem Kopfe. Die inkarnierte Liebe lebt in seinen tiefen, ruhigen Augen.<br \/>\nUntertanen, die ihn erblicken, bekommen wei\u00dfe Lippen, erleben die Sekunde. Menschen, die ihn erblicken, br\u00fcllen auf und brechen br\u00fcllend in die Knie. Eine Katze faucht entsetzt den Rumpf an und rettet sich unter den Wagen. Kinderh\u00e4nden entfallen die kleinen Spielzeug-Degen, die Schie\u00dfgewehrchen aus Blech. Elegante Damen brechen im Weinen zusammen und erheben sich als Magdalenen.<br \/>\nJesus-Christus allein hat, als er am Kreuze hing und f\u00fcr die Menschheit starb, im Leiden so tiefstes Gl\u00fcck der Liebe empfunden, wie der nackte, von farbigen Lampions beleuchtete, auf den Thron des Krieges festgeschnallte Rumpf empfindet.<br \/>\nSchutzleute erbleichen, erlahmen, erleben die Sekunde. Sein Anblick saugt die Stra\u00dfe leer. Saugt die Menschen aus den H\u00e4usern heraus. Aus den Ladengesch\u00e4ften heraus. Aus der L\u00fcge heraus. In die Wahrheit, in die Liebe hinein.<br \/>\nEs gibt keinen Soldaten, der den Befehl, auf den Rumpf zu schie\u00dfen, ausf\u00fchrt. Die Division, die hineinschie\u00dft in den Zug der Kr\u00fcppel, in den Zug der Kameraden, gibt es nicht.<br \/>\nDie Roll\u00e4den der Gesch\u00e4fte, an denen der Zug vor\u00fcberwallt, rasseln herunter. Ladnerinnen, Hausdiener, Liftjungen schlie\u00dfen sich an. Staunende Kommis z\u00f6gern, begreifen das Ereignis, da\u00df die vom Leide durchst\u00fcrmten Bewohner der Millionenstadt in Bewegung geraten sind, und schlie\u00dfen sich an.<br \/>\nDer Zug schlie\u00dft die Werkst\u00e4tten, schlie\u00dft die B\u00fcros, schlie\u00dft die Gesch\u00e4fte, schlie\u00dft die Fabriken. Der Zug zieht durch lange Gesch\u00e4ftsstra\u00dfen, in denen er noch nicht gewesen ist. Und doch sind alle Roll\u00e4den schon heruntergelassen. Das Ereignis fliegt dem Zuge voraus. Es gibt in der ganzen Stadt keinen Menschen mehr, dessen Seele nicht schon ber\u00fchrt worden ist von dem Ereignis.<br \/>\nIn den Vorst\u00e4dten bilden sich schnellmarschierende Z\u00fcge, die zum Hauptzuge sto\u00dfen.<br \/>\nAus den letzten Fabriken brechen die Arbeiter aus: Fanatismus in den \u00f6lverschmierten, ru\u00dfigen, bleichen Gesichtern; H\u00e4mmer und kleine, spitzige Dreikantfeilen in den F\u00e4usten.<br \/>\nDieser Mensch, der zum Kellner ins Zimmer getreten ist, spricht zu den Arbeitern. Und sie legen, von der Macht des Geistes ber\u00fchrt, H\u00e4mmer und Dolchfeilen weg, auf den Wagen, von dem der Rumpf pyramidisch aufsteigt als nacktes Symbol des Krieges.<br \/>\nGewaltige Z\u00fcge leiddurchtobter M\u00fctter, Kriegswitwen, V\u00e4ter, Br\u00e4ute sto\u00dfen im Eiltempo durch die Menge, l\u00f6sen sich auf, bilden sich neu.<br \/>\nDie Knechte der Liebe verlassen die aufspringenden Zuchthauszellen und sto\u00dfen, gef\u00fchrt von dem Einen, dessen Namen die ganze Menschheit kennt und ehrt, zum Zuge.<br \/>\nDie breiten, un\u00fcbersehbar langen Asphaltstra\u00dfen sind zu schmal und zu kurz f\u00fcr den Zug. Der Zug schwillt von Sekunde zu Sekunde. Str\u00f6mt \u00fcber. Steht. Ist kein Zug mehr. Alle Stra\u00dfen stehen voll Menschen.<br \/>\nDie entfesselten Bewohner der Millionenstadt stehen.<br \/>\nUm f\u00fcnf Uhr nachmittags fliegt die Nachricht von Herz zu Herz, da\u00df auch in den gro\u00dfen Provinzst\u00e4dten das Leid geplatzt ist und die Menschen zusammengeschwei\u00dft hat in Z\u00fcge von Frauen, die ihre M\u00e4nner, von M\u00fcttern und V\u00e4tern, die ihre Kinder, von zahllosen Kindern, die ihre V\u00e4ter, von Soldaten, die ihre Glieder, von Blinden, die das Augenlicht, von Irren, die den Verstand verloren haben.<br \/>\nDas ganze vergewaltigte Volk steht.<br \/>\nDie uniformierte Leiche des Atmenden auf dem Bocke glotzt tot und wackelt. An seinem Seile schwankt rhythmisch der rechte Menschenwinkel. Der Krieg ist plakatiert auf der Riesennarbe, die an der Stelle des Menschengesichtes grinst. Der nackte Rumpf thront erh\u00f6ht und blickt die Menschheit an.<br \/>\nDer Anblick der hunderttausend Kr\u00fcppel rei\u00dft die Untertanen hoch ins Menschentum. Leidausstr\u00f6mende Freiheitsschreie ordnen sich zu Liebesges\u00e4ngen. In den Ges\u00e4ngen der Liebe pulst die Ekstase der Verbr\u00fcderung und Freiheit.<br \/>\nDie vom Blitze der Liebe getroffene, erleuchtete und dem Zwange entrissene Milit\u00e4rwache des Geb\u00e4udes, in dem der Herr und alle Machthaber versammelt sind, wird aus der Wachstube herausgesaugt und geschluckt vom Kr\u00fcppelheere der Kameraden, in deren Augen die Freiheit brennt.<br \/>\nDieser Mensch, der zum Kellner ins Zimmer getreten ist, geht ganz allein durch das Tor. In das Geb\u00e4ude hinein.<br \/>\nIn dieser wei\u00dfen Sekunde wird es vor dem Geb\u00e4ude totenstill.<br \/>\nDie Stille wirft Wellen, breitet sich aus; eine Bewegung zieht \u00fcber den Platz:<br \/>\ndie Menge, die Menschheit steht, steil durchsto\u00dfen und im Tiefsten ber\u00fchrt von dem Triumphe, das zuk\u00fcnftige Geschehen in das Zeichen der gro\u00dfen Liebe gestellt zu haben, und blickt empor zum Fenster, an dem, neben einer Uniform und den Gesichtern der Machthaber, der Mensch erscheint und herunterdeutet.<br \/>\nDer Atem setzt aus.<br \/>\nDer Mensch tritt vom Fenster zur\u00fcck. Die Gesichter verschwinden. Die Uniform verschwindet.<br \/>\nVerschwindet aus der Welt.<br \/>\nMinuten sp\u00e4ter telegraphieren die vor den Morse-Apparaten sitzenden Beamten, die kurz vorher noch Bekanntmachungen, Erlasse, Befehle, Zwangsverordnungen in das gemarterte Volk hineingesto\u00dfen haben, die Namen der neuen M\u00e4nner: den Aufstieg der Freiheit und der Liebe ins Land.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leonhard Frank ver\u00f6ffentlichte 1917 in Z\u00fcrich mehrere Novellen unter dem Titel \u201eDer Mensch ist gut\u201c. In Deutschland wurde das Buch sofort verboten. Es sind dies die f\u00fcnf Novellen Der Vater, Die Kriegswitwe, Die Mutter, Das Liebespaar, Die Kriegskr\u00fcppel. 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