{"id":1316,"date":"2014-08-25T22:00:37","date_gmt":"2014-08-25T20:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/win2014.de\/?page_id=1316"},"modified":"2014-08-25T22:23:13","modified_gmt":"2014-08-25T20:23:13","slug":"das-liebespaar","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/win2014.de\/?page_id=1316","title":{"rendered":"Das Liebespaar"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Leonhard Frank ver\u00f6ffentlichte 1917 in Z\u00fcrich mehrere Novellen unter dem Titel <em>\u201eDer Mensch ist gut\u201c<\/em>. In Deutschland wurde das Buch sofort verboten. Es sind dies die f\u00fcnf Novellen <em>Der Vater, Die Kriegswitwe, Die Mutter, Das Liebespaar, Die Kriegskr\u00fcppel<\/em>.<br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\"><strong>Leonhard Frank, Der Mensch ist gut <\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\"><strong>Max Rascher, Verlag, Z\u00fcrich, 1918, Copyright 1918 by Max Rascher, Verlag, Z\u00fcrich <\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\"><strong>Geschrieben 1916 bis Fr\u00fchling 1917<\/strong> <\/span><br \/>\n<em><a href=\"http:\/\/www.gutenberg.org\/files\/35176\/35176-h\/35176-h.htm\"><span style=\"font-size: 10pt;\">http:\/\/www.gutenberg.org\/files\/35176\/35176-h\/35176-h.htm<\/span><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 18pt;\"><strong>Das Liebespaar<\/strong> <\/span><br \/>\nFr\u00fch um f\u00fcnf Uhr l\u00e4utete die Wohnungsglocke langgezogen in den Traum des Rechtsanwaltes hinein.<br \/>\nDer Schlaftrunkene tappte durch den dunklen Wohnungsflur zur verschlossenen T\u00fcr. \u201eWer ist da?\u201c<br \/>\n\u201eDie Polizei.\u201c<br \/>\nSofort fiel ihm ein, da\u00df er am Tage vorher in einer Gesellschaft gesagt hatte: \u201eDer Hotelkellner, der die revolution\u00e4ren Friedensdemonstrationen verursacht und dabei den Leuten erkl\u00e4rt, da\u00df milit\u00e4rische Eroberungen menschenunw\u00fcrdig und milit\u00e4rische Siege nicht ma\u00dfgebend sind f\u00fcr den inneren Wert einer Nation, leistet f\u00fcr die Zukunft des Volkes mehr als unser ber\u00fchmtester Heerf\u00fchrer.\u201c<br \/>\nUnd jetzt lassen mich die Scharfrichter der Menschlichkeit verhaften, dachte der Rechtsanwalt und \u00f6ffnete. \u201eWen suchen Sie?\u201c<br \/>\n\u201eDer bin ich selbst.\u201c<br \/>\n\u201eSie m\u00f6chten ins Leichenschauhaus kommen, Herr Doktor. Dort ist ein Selbstm\u00f6rder eingeliefert worden, bei dem nur Ihre Visitenkarte gefunden wurde. Sonst nichts.\u201c<br \/>\n\u201eSonst nichts? . . . Ich meine, sonst liegt nichts vor?\u201c<br \/>\n\u201eSie m\u00f6chten feststellen, wer der Selbstm\u00f6rder ist.\u201c<br \/>\nNoch Morgenstille in Berlin. D\u00e4mmerung in den Asphaltstra\u00dfen.<br \/>\nEine leicht bewegte, in Viererreihen streng geordnete Menschenmenge steht an der Markthalle entlang. Grau, spukhaft und ungeheuer bedr\u00fcckt.<br \/>\n\u201eAuf was warten die Leute?\u201c fragte der Anwalt einen alten Arbeiter, der zerrissene, mit Bindfaden geflickte Lackschuhe anhatte.<br \/>\n\u201eEs gibt st\u00e4dtische Fische . . . Um ein Uhr mittags beginnt der Verkauf.\u201c<br \/>\n\u201eUnd da stehen die Leute jetzt schon hier? Fr\u00fch um f\u00fcnf Uhr?\u201c<br \/>\nWie die Worte klingen in der Stille, dachte er.<br \/>\n\u201eWir stehen schon seit gestern abend um zehn Uhr hier . . . Die R\u00fcckw\u00e4rtigen, die erst gegen Mitternacht gekommen sind, kriegen wahrscheinlich nichts . . . Vielleicht aber doch; wahrscheinlich aber nicht.\u201c<br \/>\nDer Anwalt ging mit dem Schutzmann weiter. \u201aMan hat diesem wunderbaren, geistig entsetzlich ruinierten Volk die Pflicht, f\u00fcr den Staat zu leben und zu sterben, eingegeben, und an diesem Brocken w\u00fcrgen die siebzig Millionen \u2014 daheim und an den Fronten \u2014 so lange, bis sie erstickt sein werden im Dienste eines Staates, dessen Geist \u2014 vorsichtig gesprochen \u2014 schwer mitschuldig ist am Kriege. Millionen sind schon an dieser falschen Pflicht erstickt. Wann wird dieses Volk ebenso stoisch f\u00fcr die Freiheit dulden?\u2018<br \/>\n\u201eHier ist das Leichenschauhaus.\u201c<br \/>\n\u201eDanke. Ich schreibe den Bericht heute noch an das Polizeipr\u00e4sidium.\u201c \u201aWenn t\u00e4glich Tausende an der Front krepieren, weshalb da nicht t\u00e4glich Hunderte in der Stadt f\u00fcr die hohe Idee? F\u00fcr die Freiheit? F\u00fcr die Verbr\u00fcderung? . . . Wo ist der Idealismus dieses Volkes geblieben?\u2018<br \/>\nDer lag im Leichenschauhause, in Gestalt von momentan zwanzig Selbstm\u00f6rdern, die, ohne zu revoltieren, protestlos die Kulturgemeinschaft verlassen hatten.<br \/>\nEin mit den letzten Errungenschaften der Hygiene ausgestatteter Raum: gro\u00dfe Glasscheiben, gro\u00dfe Ventilatoren, gro\u00dfe Eisbl\u00f6cke, die langsam schmolzen und die Leichen frisch erhielten. Kein Gestank. Peinlichste Ordnung,<br \/>\netwas gest\u00f6rt, dadurch, da\u00df f\u00fcnf Selbstm\u00f6rder, f\u00fcr welche Pritschen nicht \u00fcbrig geblieben waren, auf dem reingewaschenen, wei\u00dfen Steinplattenboden lagen.<br \/>\n\u201aJetzt, beim Morgengrauen, wird an den Fronten die phantastisch wilde M\u00f6rderei armer Menschen schon wieder begonnen haben\u2018, dachte der Anwalt und betrachtete die zwei Erh\u00e4ngten, die, schief und steif, in der Ecke hockten, nebeneinander: ein Ehepaar, dem der Krieg zum Stricke geworden war. Aus den weitaufgerissenen M\u00fcndern heraus strotzten die zwei Zungen: dick, steif, lang, blau.<br \/>\n\u201aUnd wieviele M\u00fctter, Br\u00e4ute und V\u00e4ter Europas liegen in dieser Sekunde wachend in den Betten, mit starr offenen, sehenden Augen? . . . Es gibt st\u00e4dtische Fische\u2018, dachte der Anwalt. \u201aSo beginnt der Tag.\u2018<br \/>\nBeim Fenster lag ein Haufen blutiger Dreck, Ged\u00e4rme, Knochen: ein alter Mann, der vom vierten Stocke aus hinunter auf das Pflaster gesprungen war, nachdem sein Sohn den Heldentod gefunden hatte.<br \/>\nAuf dem niedrigen, breiten Fenstersims, in das die Dampfheizung eingebaut war, lag langgestreckt eine sehr elegante, leichtgeschminkte alte Dame, die Gift genommen hatte und mit ihren toten Augen einen toten J\u00fcngling anstarrte, dessen Lippen leises Erstaunen offen hielten.<br \/>\n\u201aUnd wie haben der alte Mann und die alte Dame und der Knabe gelitten, bevor sie den letzten Schritt taten? Und wie die Millionen Soldaten, bevor sie ins Nichts st\u00fcrzten?\u2018<br \/>\nDie \u00fcbrigen sechzehn Kriegsselbstm\u00f6rder lagen langgestreckt oder krampfkrumm, blutig oder giftbleich auf den abwaschbaren, wei\u00dflackierten Pritschen, \u00fcber denen die drei gro\u00dfen Horizontalventilatoren kreisten. Auch in die Fenster waren sausende Ventilatoren eingebaut, die das Wort \u201aKrieg\u2018 Tag und Nacht in die L\u00e4nge zogen.<br \/>\nDer Leichenw\u00e4rter f\u00fchrte den Anwalt zu dem vierzigj\u00e4hrigen Manne, der, von links gez\u00e4hlt, auf der f\u00fcnften Pritsche lag und ein ungeheuer klagendes, zart hellblaues Gesicht hatte.<br \/>\nDer Anwalt erkannte in der Leiche sofort den Philosophen, dessen Einleitungsband einer \u201aGegensatzphilosophie\u2018 erst k\u00fcrzlich erschienen war.<br \/>\nSchrecken und Zorn wechselten in schneller Folge in den Augen des Anwaltes, beim Erblicken dieses hellblauen Gesichtes, das erstarrt war in der Klage dar\u00fcber, da\u00df ein dreist-materialistisches, ungeistiges Zeitalter nicht erlaubt hatte, das Lebenswerk aufzubauen und zu vollenden.<br \/>\n\u201eWeshalb hat er sich denn umgebracht? Weshalb denn?\u201c<br \/>\n\u201eWei\u00df nicht. Aber gew\u00f6hnlich liegt die Einberufung zum Milit\u00e4rdienst auf dem Tische; oder die Nachricht, da\u00df der Mann gefallen ist, der Sohn . . . Bei dem M\u00e4dchen dort wars der Br\u00e4utigam.\u201c Er deutete auf das M\u00e4dchen, das, von links gez\u00e4hlt, auf der sechsten Pritsche neben dem Philosophen lag und wie er ein zart hellblaues Gesicht hatte.<br \/>\nBeide hatten sich mit Gas vergiftet.<br \/>\n\u201eWeshalb griff er denn dem Schicksal vor? Er h\u00e4tte sich doch sagen k\u00f6nnen: nicht alle fallen an der Front.\u201c<br \/>\n\u201eSo habe ich bis vor zwei Jahren auch gedacht; seither habe ich mit vielen Angeh\u00f6rigen gesprochen . . . Es ist bei vielen nicht die Furcht vor dem Tode; es ist die Furcht vor der Kaserne. Es gibt Leute, die den Kasernenhof . . . und so weiter, nicht ertragen.\u201c Der Leichenw\u00e4rter setzte sich, st\u00fctzte den Ellenbogen auf eine Bahre, auf der eine Wasserleiche lag: ein schlammiges, gr\u00fcnes Etwas ohne Nase und Augen. Der Bauch war hoch aufgetrieben. Wasser tropfte immer noch gleichm\u00e4\u00dfig von der reinen, wei\u00dfen Bahre hinunter auf den reinen, wei\u00dfen Boden. Die Leiche war drei Wochen lang geschwommen.<br \/>\n\u201aIst das Leichenschauhaus auch ein Feld der Ehre, auf dem Menschen liegen, die gestorben sind f\u00fcr des Reiches Gr\u00f6\u00dfe und Weltmachtstellung?\u2018 \u201e. . . Wer ist dieser Ertrunkene?\u201c<br \/>\n\u201eDas wei\u00df man nicht. Zurzeit werden siebzehn Leute in Berlin vermi\u00dft. Einer von diesen ist er . . . Man kommt gar nicht mehr zu sich.\u201c Der Leichenw\u00e4rter war stark abgemagert, sah \u00fcberm\u00fcdet und schwinds\u00fcchtig aus und trug ein offenes Hemd mit Schillerkragen.<br \/>\n\u201eViel zu tun?\u201c . . . \u201aWeshalb frage ich ihn das?\u2018<br \/>\n\u201eEs geht ununterbrochen. Ununterbrochen! Jeden Tag werden durchschnittlich acht bis zehn Selbstm\u00f6rder eingeliefert . . . Vor dem Kriege einer, h\u00f6chstens zwei im Tage.\u201c<br \/>\n\u201eJeden Tag acht? Allein in Berlin?\u201c Dabei werden l\u00e4ngst nicht alle Selbstm\u00f6rder ins Leichenschauhaus gebracht, wei\u00df ich aus Erfahrung, dachte der Anwalt. \u201eElektrisches Licht ist auch hier?\u201c \u201a. . . Weshalb frage ich das?\u2018<br \/>\nEin paar Sekunden blieb es still im Schauhause. Die Morgend\u00e4mmerung lag noch \u00fcber den Leichen, schmolz sie zusammen zu einer dunklen Masse.<br \/>\n\u201eJa, auch elektrisches Licht . . . Und rollbare Pritschen. Elektrische Weckapparate. Dynamoventilatoren. \u00dcberhaupt das Allerneueste auf diesem Gebiete . . . Dieses Luftsaugr\u00f6hrensystem ist ganz neu.\u201c Er stand m\u00fcde auf, drehte am Schalter; drei Bogenlampen zischten, spritzten grellwei\u00dfes Licht:<br \/>\ndie zwanzig Leichen schienen lebendig geworden zu sein. Stille und wilde Gesichter. Manche sahen aus, als wollten sie etwas sagen.<br \/>\n\u201eAuch ein Sauerstoffapparat f\u00fcr die mit Gas Vergifteten ist da. Und ein kleines Wartezimmer f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen. Nebenan wohne ich.\u201c<br \/>\n\u201eWohnen Sie? . . . Alles tadellos.\u201c \u201a. . . Was geschieht mit diesem Volke? Warum ruiniert man dieses Volk? Dieses geduldige, flei\u00dfige, t\u00fcchtige, temperamentlose, gr\u00fcndliche Volk, das protestlos alle Qualen des Daseins tr\u00e4gt und protestlos stirbt, an der Front und in der Stadt. Dieses Duldervolk, dem mit Hilfe des denkbar raffiniertesten Systems das Denken und damit schon von vornherein jeder Einzelprotest unm\u00f6glich gemacht worden ist . . . Wenn es endlich einmal protestiert, wird sein Protest geduldig, flei\u00dfig, temperamentlos und ungeheuer gr\u00fcndlich, ungeheuer blutig sein . . . falls seine Herren in dem von Gott gesetzten Augenblick nicht freiwillig gehen.\u2018<br \/>\nOhne gefragt worden zu sein, sagte der W\u00e4rter: \u201eIch f\u00fchre eine Statistik der Todesarten Berliner Selbstm\u00f6rder. Momentan habe ich drei Erh\u00e4ngte, f\u00fcnf Wasserleichen, zwei Giftleichen, sieben Gasleichen, drei, die sich aus dem Fenster gest\u00fcrzt haben, und nur einen, der sich erschossen hat; einen Soldaten, der auf Urlaub war. Dort liegt er . . . Die Pritschen reichen nicht mehr aus. Am h\u00e4ufigsten sind die Gasleichen.\u201c<br \/>\n\u201eWei\u00df man, weshalb sich der Soldat erschossen hat?\u201c<br \/>\n\u201eWird seine Frau nicht so vorgefunden haben, wie sich das geh\u00f6rt. Oder er wollte nicht mehr hinaus. Viele wollen nicht mehr hinaus . . . Der Mann bringt sich wegen seiner Frau um. Und die Frauen bringen sich um, weil die M\u00e4nner gefallen sind. So l\u00f6scht kreuzweise Eines das Andere aus.\u201c Er deutete auf das M\u00e4dchen, das neben dem Philosophen lag: \u201eDas ist eine Ladnerin; bei ihr wars der Br\u00e4utigam.\u201c<br \/>\n\u201eDas haben Sie mir schon gesagt.\u201c \u201a. . . Und jetzt liegt der Philosoph neben der Ladnerin. Der Knabe neben der alten Dame. Die Wasserleiche neben der Giftleiche. Und am h\u00e4ufigsten sind die Gasleichen. Und an der Front liegen Millionen Leichen. Und in Berlin lebt, siegt und verdient man weiter. Die Elektrischen fahren. Und in den Theatern wird gespielt. Und darauf ist man stolz. Denn das ist ein Zeichen von Kultur.\u2018 \u201eHaben Sie von der revolution\u00e4ren Friedensdemonstration geh\u00f6rt?\u201c<br \/>\nDer Leichenw\u00e4rter gab keine Antwort; er wischte wieder das Wasser auf, das von der Leiche heruntergetropft war auf den wei\u00dfen Steinplattenboden.<br \/>\nPl\u00f6tzlich zerbrach ein letzter Widerstand, eine letzte Vorsicht im Anwalt: er entschlo\u00df sich, sofort den Hotelkellner aufzusuchen.<br \/>\nUnwillk\u00fcrlich drehte er beim Abschiednehmen das Licht aus. Die Leichen schwammen wieder zu einer dunklen Masse zusammen.<br \/>\nDie Rechnung des Leichenw\u00e4rters war einfach: \u201aDa sich in Berlin, das drei Millionen Einwohner hat, in den letzten drei Jahren achttausendf\u00fcnfhundert Menschen wegen des Krieges umgebracht haben, werden sich in ganz Deutschland, das siebzig Millionen Einwohner hat, wohl hundertneunzigtausend Menschen wegen des Krieges das Leben genommen haben . . . Und wieviele sind aus Gram \u00fcber den Heldentod ihrer Angeh\u00f6rigen allm\u00e4hlich eingegangen? Und wieviele sind wahnsinnig geworden? Und wieviele Protestler sitzen im Zuchthause? Wieviel Schwache, Widerstandsunf\u00e4hige sind krank geworden und eingegangen, bei denen der Befund des Arztes nur h\u00e4tte lauten k\u00f6nnen: eigentlich sind sie verhungert?\u2018<br \/>\nDer W\u00e4rter war ein vorsichtiger Mann; er stand in seinem Privatzimmer vor dem Tisch und wog seine Tagesbrotration pedantisch genau ab; er wollte nicht verhungern; er wollte den Krieg \u00fcberleben; er war interessiert, zu erfahren, welches positive Resultat das Leid und der Tod so vieler Menschen nun eigentlich haben werde.<br \/>\n\u201aDas sind die Hinterlandkriegstoten: bis jetzt, vorsichtig gerechnet, hundertneunzigtausend Kriegsselbstm\u00f6rder in Deutschland. Macht mindestens eine Million Selbstm\u00f6rder in allen kriegf\u00fchrenden Nationen zusammen. Kommen hinzu die zehn Millionen Heldentote. Total: elf Millionen Tote . . . Kommen hinzu die zehn Millionen lebens- und arbeitsunf\u00e4hig gewordenen Kr\u00fcppel. Und f\u00fcnfhundert . . . nein achthundert, nein tausend verpulverte Milliarden, f\u00fcr die den Zins zu erschuften, den arbeitenden Massen \u00fcberlassen werden wird . . . Wenn ich nun noch das leider nicht zahlenm\u00e4\u00dfig errechenbare Seelenleid der Hinterbliebenen als unbekannte Pauschalgr\u00f6\u00dfe hinzunehme, habe ich ein Recht, auf das positive Resultat, das dieser ungeheure Gesamteinsatz zeitigen wird, neugierig zu sein.\u2018<br \/>\nEr betrachtete, mit diesem Gedanken besch\u00e4ftigt, das von einer m\u00e4chtigen elektrischen Glocke \u00fcberdachte Klappensystem, das \u2014 wie das Klappensystem in einer Telephonzentrale mit den Teilnehmern \u2014 durch elektrische Drahtleitung mit den Toten verbunden war. Gift- und Gasleichen und solche, bei denen die Todesursache nicht bekannt war, lagen drei Tage unter Kontakt mit dem Weckapparat. Ein Erwachungsseufzer, die winzigste Fingerbewegung l\u00f6ste den Kontakt aus.<br \/>\nEine Weile sa\u00df der W\u00e4rter ganz reglos am Tische; er h\u00f6rte nur das Rauschen der Ventilatoren in der Leichenhalle, glitt immer tiefer in einen Gef\u00fchlstrichter hinunter und kam wieder zu dem alles zusammenfassenden Schlusse: \u201aWenn man sich \u00fcberlegt, da\u00df alle, da\u00df auch die kompliziertesten, phantastischesten Scheu\u00dflichkeiten, die sich ein Menschengehirn auszudenken vermag, in diesem Kriege begangen worden sind, da\u00df man sich keine Grausamkeit, keine Ungerechtigkeit, keine Niedertracht ausdenken kann, die nicht begangen worden w\u00e4re, und da\u00df, au\u00dfer diesem Vorstellbaren zahllose Schandtaten geschehen sind, die man sich gar nicht ausdenken kann, ist Jeder, der im Angesichte dieser Bluttatsache nicht als Protestler im Zuchthause sitzt, nicht irrsinnig wird oder sich das Leben nicht nimmt, ein robustes, gemeines, erb\u00e4rmliches Individuum. Ein anst\u00e4ndiger Mensch, ein Mensch ertr\u00e4gt das Leben nicht, in dem solches m\u00f6glich ist und auch noch als Heldentum gefeiert wird . . . Unter den hundertneunzigtausend Kriegsselbstm\u00f6rdern waren \u2014 und in den Irrenh\u00e4usern und Zuchth\u00e4usern sind \u2014 die anst\u00e4ndigsten, edelsten Menschen unseres Volkes.\u2018<br \/>\nDa ri\u00df das markersch\u00fctternde L\u00e4uten der Totenglocke den W\u00e4rter aus der Tiefe des Gef\u00fchlstrichters heraus. Im selben Moment sah er, da\u00df eine Klappe gefallen war, sah die Zahl 6. \u201eEiner aufgewacht!\u201c St\u00fcrzte hin\u00fcber in die Leichenhalle.<br \/>\nUnd wurde, trotz seiner naturwissenschaftlichen Weltanschauung: \u201atot ist tot; und lebendig ist lebendig\u2018, von einem gewaltigen Schrecken in den T\u00fcrrahmen festgenagelt:<br \/>\ndenn zwei Wiedererwachte, der Philosoph und die Ladnerin, die erst vor einer Stunde kurz hintereinander eingeliefert worden waren, sa\u00dfen aufrecht auf den Pritschen.<br \/>\nSchneller, als die Frage: \u201aSind die Gasleichen vielleicht infolge der ganz besonders frischen Ventilatoren- und Eisluft wieder zu sich gekommen?\u2018 in seinem Kopfe entstand, sprang er zum Sauerstoffapparat, mit den roten Schl\u00e4uchen zu den zwei Wiedererwachten, schob ihnen die Mundst\u00fccke zwischen die Lippen. \u201eTief einatmen!\u201c Und rannte zum Apparat zur\u00fcck, drehte die Kurbel.<br \/>\nDie m\u00e4chtige Totenglocke l\u00e4utete weiter.<br \/>\nEin L\u00e4cheln, so winzig und fein, als habe er es aus der endlosen Ferne des Todes mit her\u00fcber ins Leben gebracht, sa\u00df zwischen den halbgeschlossenen Augenlidern des Philosophen.<br \/>\nDie wei\u00dfgesichtige Ladnerin hatte das klare Gef\u00fchl, da\u00df sie wieder bei Bewu\u00dftsein war, noch nicht erlangt.<br \/>\n\u201eTief . . . gleichm\u00e4\u00dfig und tief . . . einatmen und ausatmen . . . und einatmen\u201c, bat der kurbelnde W\u00e4rter.<br \/>\nDie summenden Horizontalventilatoren bestimmten das Atemtempo. Die achtzehn nicht wiedererwachten Leichen umgaben \u2014 wie an den Fronten die Heldentoten ihre noch mordenden Kameraden \u2014 bleich und blau, steif und krumm, blutig, totenstill und ungeheuer interesselos die zwei Atmenden.<br \/>\nDer Philosoph war schon bei dem Gedanken angelangt: \u201aIch hatte die Einberufung bekommen, hatte mich konsequenterweise umgebracht, war . . . tot im Leichenschauhause gelegen. Das ist ein Vorteil. Jetzt werden sie mich wohl in Ruhe lassen. Werden doch wenigstens einen, der von den Toten auferstanden ist, in Frieden lassen. Werden doch nicht zum zweiten Male versuchen, einen konsequenten Geist in den Kasernenhof zu stellen, um ihn f\u00fcr den Menschenmord brauchbar zu drillen. Man hat doch auch Christus, nachdem er gestorben und wieder auferstanden war, nicht noch einmal gekreuzigt.\u2018 Das ferne, kleine L\u00e4cheln der Befriedigung steckte noch immer zwischen seinen halbgeschlossenen Augenlidern.<br \/>\nW\u00e4hrend er folgsam atmete, sa\u00df er in Gedanken schon wieder am Schreibtisch bei seinem unvollendeten Lebenswerke, dessen Geist und Idee dem Kasernenhofgeist entgegengesetzt waren.<br \/>\n\u201eEinatmen! Ausatmen! Tief atmen!\u201c Der W\u00e4rter schaltete den Strom f\u00fcr den elektrischen Betrieb des Sauerstoffapparates ein,<br \/>\nsprang hin\u00fcber in sein Privatzimmer, um einen leichten Tee f\u00fcr die Wiedererwachten zu kochen.<br \/>\nDie Totenglocke trommelte immer noch: rufend, alarmierend, ohrenbet\u00e4ubend.<br \/>\nElementarster Lebenswille stand auf in der entsetzten Ladnerin, als sie die dunkelvioletten Zungen der Erh\u00e4ngten, die aufgetriebene Wasserleiche, den Haufen blutigen Drecks, Ged\u00e4rme und Knochen erblickte.<br \/>\nVom Grauen wurde ihr Oberk\u00f6rper auf die Pritsche zur\u00fcckgedr\u00fcckt; sie wandte hilfesuchend die Augen weg vom Tode, nach links, wo das Leben aufrecht auf der Pritsche sa\u00df, streckte ihre flehende Hand aus.<br \/>\nUnd pl\u00f6tzlich lagen die vom Tode umgebenen zwei Lebenden Hand in Hand und senkten Jeder den Blick auf den Seelengrund des Andern: der Philosoph aus Freundlichkeit und deshalb, weil ihm zur Sch\u00e4rfung seiner Erkenntnisf\u00e4higkeit die Menschheitsschande nicht erst plakatiert zu werden brauchte, die Ladnerin, um auf dem Grauen nicht in den Wahnsinn hineinzugleiten.<br \/>\nDer Wiedererwachte legte den Schlauch weg; als Philosoph ohne Verdienst und Privatverm\u00f6gen hatte er sich daran gew\u00f6hnen m\u00fcssen, k\u00f6rperliche Schl\u00e4ge schnell zu \u00fcberwinden. Er beobachtete aufmerksam seine wieder folgsam ein- und ausatmende Leidensgenossin: eines der geduldigen, \u00e4ltlichen M\u00e4dchen, die, damit ihre gl\u00fccklicheren Schwestern gepflegt, sorgenlos und mit \u00e4u\u00dferlichem Glanze umgeben im Leben stehen k\u00f6nnen, sich f\u00fcr einen Monatsgehalt von hundertzwanzig Mark in die Tretmaschine der ewig gleichen T\u00e4glichkeiten einspannen lassen m\u00fcssen und sich ihre Brautausstattung \u2014 einmal drei Hemden, im n\u00e4chsten Jahre die Bettstellen, dann die Matratzen, hin und wieder ein St\u00fcck von der K\u00fccheneinrichtung \u2014 allm\u00e4hlich anschaffen und endlich, wenn die Haut grau, das Blut schon still geworden ist und die Sehnsucht nach dem Wunder schon im Sterben liegt, dem Br\u00e4utigam in eine nur etwas anders geartete Tretmaschine folgen.<br \/>\nDieses kleine, armselige Lebensziel hatte der Krieg gefressen: der Br\u00e4utigam war zerstampft worden.<br \/>\n\u201aAuf dem Felde der Ehre. F\u00fcr Deutschlands Weltmachtstellung. F\u00fcr Kaiser und Reich und Erzgruben und Eisenbahnkonzessionen\u2018, dachte der Leichenw\u00e4rter.<br \/>\nUnd der Philosoph dachte: \u201aZwei sehen einander, werden miteinander bekannt. Und heiraten, ohne einander zu kennen. Drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter kennen sie einander auch noch nicht. Und wenn der eine stirbt, wei\u00df der andere immer noch nicht, mit wem er eigentlich verheiratet gewesen war. Denn jeder gibt sich sein Leben lang die gr\u00f6\u00dfte M\u00fche, nur ja nicht zu erfahren, wie und wer er selbst ist. Wie k\u00f6nnte er da die F\u00e4higkeit besitzen, zu erkennen, wer ein Anderer ist? . . . Wenn aber zwei tot im Leichenschauhause zusammentreffen, miteinander wieder aufwachen, sozusagen als Geschwister von der \u201aAllmutter Nichts\u2018 neu geboren werden \u2014\u2018<br \/>\nDer Philosoph betrachtete die Dampfheizung, die Warmwassereinrichtung mit den vernickelten H\u00e4hnen und der gro\u00dfen, wei\u00dfglasierten Sch\u00fcssel darunter. \u201aDiesen Komfort werden wir allerdings nicht haben in unserer Wohnung.\u2018<br \/>\nDer W\u00e4rter kam mit dem Tee zur\u00fcck. \u201eSie atmen nicht?\u201c<br \/>\n\u201eSagen Sie mir\u201c, fragte der Philosoph dagegen, \u201ef\u00fcr was ist denn eigentlich die Dampfheizung n\u00f6tig in diesem Hause, wo doch f\u00fcr einen glatten Betrieb die erste Grundbedingung ist, da\u00df alles . . . frisch bleibt?\u201c<br \/>\n\u201eGanz leichter Tee. Und ohne Zucker mu\u00df er getrunken werden . . . Wenn ich in einem kalten Winter die Temperatur von wenigstens ein Grad \u00fcber Null nicht beibehalten k\u00f6nnte, m\u00fc\u00dfte ich ja die Wasserleichen von den Pritschen loseisen.\u201c<br \/>\n\u201eAlso alles bedacht! Hier wenigstens ist f\u00fcr alles gesorgt, wie?\u201c<br \/>\n\u201eJa, hier fehlt nichts . . . Die Organisation f\u00fcr die Toten ist bei uns einwandfrei. Und die Organisation f\u00fcr das Massensterben ist, wie wir jetzt zugeben m\u00fcssen, bei uns ebenfalls einwandfrei.\u201c<br \/>\n\u201eSie sind also auch gegen den Krieg?\u201c Der Philosoph betrachtete die achtzehn Selbstm\u00f6rder, die blauz\u00fcngig, starrgesichtig und stumm gegen den Krieg protestierten.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u201e. . . Dieses Leichenschauhaus ist ja geradezu ein pazifistischer Schlupfwinkel.\u201c Er stieg von der Pritsche herunter.<br \/>\nDie Ladnerin hatte das Mundst\u00fcck noch zwischen den Lippen, sah aus wie ein Kind, das in ein Spielzeug bl\u00e4st.<br \/>\n\u201aAm allermeisten, mehr als die graue Not ihres Lebens und mehr als ihr Selbstmordversuch, r\u00fchrt mich an ihr die Spitzen-Halskrause: dieses sch\u00fcchterne, mi\u00dfgl\u00fcckte Bestreben, sch\u00f6n zu erscheinen\u2018, dachte der Philosoph.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Truppen n\u00e4herten sich im Laufschritt. Der vorauswippende Leutnant, mit geschultertem Degen, schien nur aus einer Brust zu bestehen.<br \/>\n\u201eOb sie schie\u00dfen werden?\u201c Der Rechtsanwalt ri\u00df den Philosophen in ein Haus. \u201eHat noch einen Ausgang. Durch die andere T\u00fcr kommen wir auf den Platz und n\u00e4her an das Denkmal heran.\u201c<br \/>\nEine gewaltige Menschenmenge. Auf dem Sockel des Denkmals stand der Kellner.<br \/>\nDie beiden verstanden keines seiner Worte. H\u00f6rten nur das fanatische Bravogebr\u00fcll von der anderen Seite her\u00fcberklingen.<br \/>\nHoch auf dem Maste, knapp unter dem wei\u00dfviolett leuchtenden Bogenlampen-Dreistern, hing der Zwanzigj\u00e4hrige. Mit wilder K\u00f6rpergeb\u00e4rde.<br \/>\n\u201eDen werden sie herunterknallen.\u201c<br \/>\nIn der Allee stand eine lange Reihe Fuhrwerke, die den Platz nicht \u00fcberqueren konnten.<br \/>\nPl\u00f6tzlich hing an Stelle des Zwanzigj\u00e4hrigen hoch am Lampenmaste ein flatternder, roter Fetzen.<br \/>\nDas tausendfache Jauchzen wurde von den im Laufschritt ankommenden Truppen auseinandergeschnitten. Die Menge \u2014 junge Burschen und haupts\u00e4chlich Frauen mit aufgel\u00f6sten Gesichtern \u2014 wich durch das dreiteilige Tor und in die Parkanlage zur\u00fcck.<br \/>\nEine knabenhaft hohe Kommandostimme. Klatschen auf Gewehrkolben. Drohendes Gel\u00e4chter. Fliehende, dunkle R\u00fccken.<br \/>\nEine Frau mit loderndem Antlitz trat vor: \u201eSchie\u00dft! Schie\u00dft!\u201c Sie wurde verhaftet.<br \/>\nDer Kellner stand dicht beim Leutnant und sah ihm in die Augen.<br \/>\nAls der Philosophiedoktor und der Rechtsanwalt den Platz schon verlassen hatten und sich umwandten, sahen sie, wie ein Soldat am Lampenmaste emporkletterte und die Hand nach dem roten Fetzen ausstreckte.<br \/>\n\u201eEs ist doch nicht unm\u00f6glich, da\u00df die revolution\u00e4re Geistigkeit das letzte, entscheidende Wort haben wird\u201c, sagte der Anwalt.<br \/>\nSie gingen eilig durch eine menschenleere Gesch\u00e4ftsstra\u00dfe; nur in der Ferne rannte ein dunkler Frauentrupp davon.<br \/>\n\u201eLeider ist die revolution\u00e4re Geistigkeit, bis auf zwei oder f\u00fcnf halbverhungerte Vertreter, die gleich Irrsinnigen in einem Blut- und L\u00fcgenmeere ohne Balken machtlos herumschwimmen, schon in den Massengr\u00e4bern oder in den Zuchth\u00e4usern. Das mu\u00df zu ihrer Ehrenrettung den kommenden Generationen gesagt werden . . . Hier! Sehen Sie, hier!\u201c<br \/>\nDas Schaufenster war eingeschlagen; der Lebensmittelladen leergepl\u00fcndert. Frauen hatten die Gelegenheit, da\u00df Polizei und Truppen auf dem Platze besch\u00e4ftigt waren, schnell benutzt.<br \/>\n\u201eDas ist nackter Hunger. Kein revolution\u00e4rer Geist\u201c, sagte der Philosoph. Und hob einen ger\u00e4ucherten Fisch von der Stra\u00dfe auf. \u201e. . . Wegen des Fisches und auch aus Kameradschaftlichkeit.\u201c<br \/>\nEr schob ihn unter seinen schwarzen Havelock. \u201eDieses rapid ins Geldverdienen hineingeratene Volk hat, aus einem \u00f6den Materialismus heraus, vor dem Kriege \u201aHoch\u2018 geschrien, bei Kriegsausbruch nichts, als \u201aHoch\u2018 geschrien. Und jetzt schreit es nur deshalb nicht mehr \u201aHoch\u2018, weil der Magen schreit.\u201c<br \/>\n\u201eWenn aber in jenem entscheidenden Moment die F\u00fchrer nicht abgeschwenkt w\u00e4ren, in das Lager, das sie bis dahin bek\u00e4mpft hatten? Dann w\u00fcrden wenigstens die . . . organisierten Massen schon lange in den Protest hineinmarschiert sein, ebenso geschlossen, wie sie in den Krieg marschiert sind.\u201c<br \/>\n\u201eUnd ebenso ahnungslos, wie sie in den Krieg marschiert sind . . . Daran k\u00f6nnen Sie das menschenunw\u00fcrdige und \u00fcberaus gef\u00e4hrliche System einer Organisation erkennen, die ihre Mitglieder nur f\u00fcr den Klassenkampf um materielle Vorteile drillt, sie in allen St\u00e4dten j\u00e4hrlich in dreihundertf\u00fcnfundsechzig Parteiversammlungen nur zum Durchbringen von Resolutionen im politischen Parteiinteresse benutzt, anstatt sie . . . geistig zu befreien, sie zu denkenden Menschen eigener Entschlu\u00dff\u00e4higkeit f\u00fcr das Gute zu machen . . . Da braucht sich im entscheidenden Moment nur der Hauptf\u00fchrer als Dummkopf zu erweisen, braucht nur der Hauptf\u00fchrer zum Verr\u00e4terchen zu werden, und die . . . organisierten, denkunf\u00e4higen Massen schwenken mit ab, folgen ihm in den Krieg, ebenso geschlossen, wie sie ihm in den Protest gefolgt w\u00e4ren . . . Die Geistigkeit ist verurteilt, unt\u00e4tig am Rande dieses Krieges zu verharren. Denn zwischen ihr und dem Volke besteht nicht der geringste bewu\u00dfte Kontakt. Und selbst der Tod der Millionen konnte bei den Hinterbliebenen nicht den geringsten geistesverwandten Gef\u00fchlsprotest ausl\u00f6sen. Nur der Magen protestiert. Das ist Materialismus. Christus und Kant, Schiller und Goethe sind vor dem Kriege f\u00fcr eine Leberwurst, f\u00fcr drei Mark Wochenlohn mehr, f\u00fcr eine Wohnung mit Dampfheizung, f\u00fcr das Aufr\u00fccken in die ungeistige b\u00fcrgerliche Lebenshaltung, oder f\u00fcr das Verharren in ihr hingegeben worden. Materialismus: angefangen beim entseelten, maschinierten Fabrikarbeiter, \u00fcber den vor Bequemlichkeit stinkenden Kanapeeb\u00fcrger und \u00fcber den Kapitalisten, den modernen Philosophen und Dichter weg, bis hinunter zum ersten Diener des Staates. Hier haben Sie die Ursache des Krieges . . . Dieser gewaltige Block von Egoismus, Gemeinheit und granitener Dummheit kann schwerlich von heute auf morgen gesprengt werden.\u201c<br \/>\n\u201eUnd deshalb, meinen Sie, bleibt Ihnen nichts anderes \u00fcbrig, als den Gashahn zu \u00f6ffnen, wenn die Einberufung kommt?\u201c<br \/>\n\u201eEs g\u00e4be noch etwas anderes: ich k\u00f6nnte (\u201aweg von meinem Werke, weg von meinem Werke\u2018) den Sprung in die blutnasse Gegenwart, den Sprung ins blutnasse Volk machen und, gleich den vielen dunklen Volksexistenzen, die vom Gifte der Organisation verschont geblieben sind und deshalb protestierend auf die Stra\u00dfe steigen konnten, zusammen mit den, vor Machtlosigkeit schon irrsinnig gewordenen, wenigen jungen Dichtern, die noch leben, unter best\u00e4ndiger Todesgefahr versuchen, das wegzureden, was seit Jahrzehnten in das Volk hineingeredet worden ist . . . Der dritte Weg, den der Stellungsbefehl dem Untertanen aufrei\u00dft, existiert f\u00fcr mich nicht. Da das tiefste Wort von Jesus Christus: \u201aJede S\u00fcnde kann euch vergeben werden, nur die S\u00fcnde wider den Geist nicht\u2018, sich mit meiner Weltanschauung scharf deckt, kann ich nicht in den Kasernenhof gehen, oder ins Kriegspresseamt, oder in irgend ein Ern\u00e4hrungsamt . . . Ich bin mit einer Ladnerin und mit meiner Philosophie verheiratet. Und kann zur Not in ein Christushoch, in ein Sokrateshoch, in ein Kanthoch einstimmen. In ein Hindenburghoch oder in ein Kaiserhoch kann ich nicht einstimmen; denn ich bin kein Sozialdemokrat.\u201c<br \/>\nDas Sprechen hatte ihn angestrengt und erregt; ein Abglanz geistiger Heiterkeit war nie ganz aus seinem Gesichte verschwunden.<br \/>\nUnd entstand wieder, als er, heftig atmend im vierten Stocke angelangt, seine Frau begr\u00fc\u00dfte.<br \/>\nDie scheintot gewesene Ladnerin hatte sich wenig ver\u00e4ndert; die Spitzenkrause schm\u00fcckte noch ihren kindlich-d\u00fcnnen Hals. Und in ihren Augen stand der innere Blick, den Menschen haben, die halb dem Tode geh\u00f6ren.<br \/>\nBehutsam f\u00fchrte er seine schon schwangere Frau in den niedrigen, schiefdeckigen Raum, der Wohn-, Schlaf-, Arbeitszimmer und K\u00fcche in einem war.<br \/>\nUnd sah pl\u00f6tzlich, da\u00df auf dem wei\u00dfgescheuerten K\u00fcchentisch, den er auch als Schreibtisch benutzte, wieder ein Stellungsbefehl lag.<br \/>\nDer ungeheure Schrecken, gepaart mit augenblicklichem Erkennen seiner Situation, ri\u00df ihn sofort auf die reine Fl\u00e4che, wo alle Dinge und Gedanken im sch\u00e4rfsten Lichte stehen, so da\u00df keinerlei Ausflucht, Vorspiegelung, Selbstbel\u00fcgung mehr m\u00f6glich ist.<br \/>\nDa f\u00fchlte er wieder das furchtbare innere Weinen, das nicht bis in sein geistesstarr werdendes Gesicht vordrang. Es glich dem kalten Antlitz Gottes, als er dachte:<br \/>\n\u201aEs gibt zwei Pole: das korrumpierte, krummgenagelte Weltgeschehen und das h\u00f6chste, herrlichste Ziel f\u00fcr den Menschen: das \u201aReine Ich\u2018 und eine menschliche Gemeinschaft, f\u00fcr die er als Reines Ich handeln, leben und auch sein Leben hingeben kann. Diesem Ziele kann der Mensch nur so lange zustreben, solange er mit der Korruption, der L\u00fcge, dem Zwange, dem Ungeiste unabl\u00e4ssig k\u00e4mpft. In dem Moment, da er eine Handlung begeht, die zu diesem Streben im Widerspruche steht, ist die Linie gebrochen. Der Mensch, der f\u00fcr eine, f\u00fcr seine Idee k\u00e4mpft und stirbt, ist gro\u00df, denn er k\u00e4mpft und stirbt auf dem Wege zu sich, stirbt im Kampfe um sein Reines Ich. Der Mensch, der sich zwingen l\u00e4\u00dft, zu handeln, zu k\u00e4mpfen, zu sterben f\u00fcr eine Idee, die zu dem Streben nach seinem Ich im Widerspr\u00fcche steht, ist der \u00c4rmste der Armen; denn er verliert das Kostbarste, das einzige, das der Mensch in Wahrheit besitzen kann: verliert sein Ich, verliert sich, ist nicht mehr, wird von den andern, die selbst nicht sind, besessen.\u2018<br \/>\nIn Gedanken las er das Wort \u201aStellungsbefehl\u2018.<br \/>\n\u201a. . . Wenn ich dieser Aufforderung, mich zu stellen \u2014 wem stellen? ich habe mich nur mir selbst, nur der reinen Idee zu stellen, und einer menschlichen Gemeinschaft nur dann, wenn sie das Streben der Menschen nach ihrem Ich als berechtigt anerkennt und fordert \u2014 wenn ich dieser Aufforderung folge, werde ich, zusammen mit einer Reihe von Menschen, vermutlich zuerst im Kasernenhof aufgestellt, in dem der Grundsatz herrscht: \u201aDu hast keine eigene Meinung zu haben\u2018. Und der Grundsatz: \u201aMacht und Gewalt stehen \u00fcber Geist und Recht\u2018. Ein Unteroffizier, ein Vorgesetzter \u2014 nur das Reine Ich ist mein Vorgesetzter \u2014 ein Unteroffizier, ein Mensch, der sich, der sein Selbst aufgegeben hat, also nicht mehr ist, ein Etwas wird im Auftrage derer, die ihn besitzen, sagen: \u201aDas d\u00fcrft ihr nicht tun; und das m\u00fc\u00dft ihr tun.\u2018 Ich werde also gezwungen, irgend etwas zu tun, oder nicht zu tun. Gezwungen! Das hei\u00dft: ich werde schlecht behandelt, eingesperrt, oder erschossen, wenn ich mich diesem Zwange nicht f\u00fcge. Mit andern Worten: ich werde erschossen, wenn ich weiter gehe auf dem Wege, der zur Wahrheit, zum Geiste, zu Gott, zum Reinen Ich f\u00fchrt . . . Ich werde erschossen, wenn ich mich bem\u00fche, so zu sein, wie ich bin!\u2018<br \/>\nDer Philosoph rief seine Frau, die im Hintergrunde des Zimmers reglos am kalten Gasherd sa\u00df, vom Dunkel schon halb verschlungen.<br \/>\n\u201eWei\u00dft du, was Militarismus ist?\u201c<br \/>\nSie wollte antworten: \u201aWenn uns das Einzige, das Liebste, das wir haben, genommen, erschlagen wird.\u2018 Und sagte: \u201eDu meinst die Schiffe, die Kanonen . . . die R\u00fcstungen.\u201c Sie konnte nicht weinen.<br \/>\n\u201eNein, diese Sachen aus Stahl und Eisen, die dem Volke so viel Geld und Arbeitsschwei\u00df kosten, sind ungef\u00e4hrlich, verglichen mit dem, was Militarismus ist. Gef\u00e4hrlich und t\u00f6tlich ist der geistige Zwang, der negative Geist, der konservierende Kollektiv- und Staatsgeist, der sich gegen den Geist richtet . . . Ich werde dir an einem Vorfall erkl\u00e4ren, was Militarismus ist.\u201c<br \/>\n\u201aEr will mir nur deshalb erkl\u00e4ren, was Militarismus ist, um mir begreiflich zu machen, da\u00df ihm nichts anderes \u00fcbrig bleibe, als sich umzubringen\u2018, f\u00fchlte die Frau und sah schon jetzt ihre armen Einw\u00e4nde zerflattern.<br \/>\n\u201eWas ich dir jetzt erz\u00e4hle, denke ich mir nicht zurecht. Alle Zeitungen haben das berichtet:<br \/>\nEin deutscher Soldat, der ein St\u00fcck der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz zu bewachen hatte, sah, wie ein Mensch \u00fcber die Grenze sprang. Die Pflicht dieses Soldaten war, h\u00f6rst du, seine Pflicht war, gut zu zielen und sofort auf diesen Menschen zu schie\u00dfen, diesem Menschen dadurch, da\u00df er ihn verwundete oder erscho\u00df, das Passieren der Grenze unm\u00f6glich zu machen. Das war seine . . . Pflicht. Aber sein Wesen, sein eigenes Ich stand dunkel auf gegen diese . . . Pflicht. Er wollte nicht schie\u00dfen und . . . scho\u00df. Sah, wie der Getroffene fiel, sich b\u00e4umte und verr\u00f6chelte. Und wurde . . . wahnsinnig. Der Widerstand gegen das Morden mu\u00df also sehr stark gewesen sein; aber die Disziplin war noch etwas st\u00e4rker . . . Hier hast du auf der einen Seite, repr\u00e4sentiert durch diesen Soldaten, die guten Eigenschaften des Volkes, und auf der andern Seite, gleichfalls repr\u00e4sentiert durch diesen Soldaten, den Militarismus.\u201c<br \/>\nDie Frau bewegte die trocken gewordenen Lippen.<br \/>\n\u201eDu meinst\u201c, sagte der Philosoph, \u201eder Soldat h\u00e4tte ja nur so zu tun brauchen, als ziele er, h\u00e4tte in die Luft schie\u00dfen k\u00f6nnen. Das w\u00e4re dann sozusagen nur eine kleine Notl\u00fcge gewesen. Aber selbst dies lassen die Disziplin und das falsche Pflichtbewu\u00dftsein, die seit Generationen mit allen erdenklichen Mitteln in das Volk hineingepaukt worden sind, nicht zu . . . Au\u00dferdem trieb den Soldaten auch noch der Wunsch, von seinen Kameraden nicht f\u00fcr empfindlich und schw\u00e4chlich gehalten zu werden. Dieses falsche Ehrgef\u00fchl, das sich allm\u00e4hlich beim ganzen Volke herausgebildet hat, ist das Allergef\u00e4hrlichste. Einem Menschen ohne Besinnen einen gutgezielten t\u00f6tlichen Treffer in den Kopf hineinzujagen, ist eine Ehre; ihn nicht zu treffen, ist ein wenig ehrenr\u00fchrig . . . Dieser arme, bedauernswerte Mann will nicht schie\u00dfen, zielt schnell und genau, schie\u00dft, trifft gut und wird wahnsinnig. Das ist Militarismus.\u201c<br \/>\n\u201eDu mu\u00dft hingehen. Vielleicht kommst du nur in ein Bureau.\u201c Das hatten nur ihre Lippen gesprochen.<br \/>\n\u201eNein! . . . H\u00f6re, ein vielleicht noch klareres Beispiel daf\u00fcr, was Militarismus ist: ein Soldat bekommt den Befehl, einen siebzigj\u00e4hrigen Bauern zu erschie\u00dfen. Das war in Serbien. Der Soldat wei\u00df nicht einmal, weshalb der Alte erschossen werden soll. Der Soldat bekam nur den Befehl, in dem stand, da\u00df er den Alten in das zwei Stunden entfernt liegende Dorf zu f\u00fchren und dort zu erschie\u00dfen habe . . . Sein ganzes Wesen, das hei\u00dft, sein eigenes Wesen emp\u00f6rt sich dagegen, diesen vollkommen wehrlosen alten Mann zu erschie\u00dfen, dessen Verbrechen er nicht einmal kennt, und der auf dem Wege zwei Stunden lang seine Unschuld beteuert in einer Sprache, die der Soldat nicht versteht, und mit Tr\u00e4nen und Geb\u00e4rden, die der Soldat ungeheuer versteht. Zwei Stunden lang k\u00e4mpft der Soldat, w\u00e4hrend er neben dem Opfer \u00fcber Feld geht, mit seinem Gewissen, hinter dem starr die Pflicht und die Disziplin stehen. Dieser Soldat hat f\u00fcr sich pers\u00f6nlich folgende L\u00f6sung gefunden: er scho\u00df zuerst den Alten nieder, und dann erscho\u00df er sich selbst . . . Jetzt meinst du vermutlich wieder: wenn sein Gewissen, der dunkle, wilde Drang nach Wahrheit, nach seinem eigenen Ich, nicht zulie\u00df, den Alten zu erschie\u00dfen, ohne auch sich selbst zu erschie\u00dfen, h\u00e4tte er doch wenigstens nur sich selbst erschie\u00dfen und den Alten laufen lassen sollen . . . Aber das w\u00e4re ja gegen die Disziplin, w\u00e4re ja eine Pflichtverletzung und w\u00e4re ehrenr\u00fchrig gewesen. Das eben ist Militarismus. Nicht die Kanonen, sondern der negative Geist des Zwanges ist der Militarismus, den der Grenzsoldat und dieser Soldat als gegen den Geist, gegen das Gewissen, gegen ihr eigenes Ich gerichtet empfunden haben, und den gleich ihnen noch viele empfinden. Diese erleiden ein tragisches Schicksal; denn sie erkennen dunkel das vor Gott und den Menschen s\u00fcndhafte dieses Geistes, leiden unter diesem Geiste. Und k\u00f6nnen sich nicht vor ihm retten. Millionen andere \u2014 nicht nur die Soldaten, sondern das Volk in seiner gro\u00dfen Mehrzahl \u2014 haben, zwar nicht vor Gott, aber vor ihrem, allerdings nur scheinbar vorhandenen, eigenen Selbst \u2014 das Recht, im Dienste dieses Geistes zu k\u00e4mpfen, Menschen zu ermorden und selbst zu sterben; denn sie morden in dem guten Glauben, nicht zu morden, sondern f\u00fcr ein Ideal zu k\u00e4mpfen, f\u00fcr ein Vaterland, f\u00fcr den Staat, f\u00fcr eine Gemeinschaft, die wert ist, beschirmt und erhalten zu werden. Man hat sie von ihrer fr\u00fchesten Kindheit an mit diesem Geiste getr\u00e4nkt und gef\u00fcttert, ihr eigenes Wesen, ihr Ich in diesem Geiste total ertr\u00e4nkt. Sie sind f\u00fcr ihre Handlungen nicht verantwortlich zu machen. Denn sie konnten zu eigenem Denken, zu der F\u00e4higkeit, sich moralisch zu entscheiden, konnten zu sich selbst, zu ihrem Ich nie kommen; sie sind nicht, sind nicht vorhanden, sind keine Menschen, sondern denkunf\u00e4hige, seelenlose, unverantwortliche Automaten, die funktionieren . . . Verstehst du jetzt, da\u00df es sehr schwer sein wird, den Militarismus umzubringen?\u201c<br \/>\nEr bekam keine Antwort; die Frau war ganz pl\u00f6tzlich, von einer Sekunde zur andern, eingeschlafen.<br \/>\nUnter dem Philosophen versank die Welt. Sein Wesen wurde grau vor Einsamkeit.<br \/>\nErst Minuten sp\u00e4ter betrachtete er wieder das Gesicht der Schlafenden, das den Ausdruck furchtbarster Trauer und Klage trug.<br \/>\nSie sieht aus wie ein ungeborenes Wesen, das klagt, weil es nicht geboren werden kann, dachte der Philosoph. Und wu\u00dfte pl\u00f6tzlich: \u201aSie ist eingeschlafen, weil sie erkannt hat, da\u00df sie selbst eines dieser Wesen ist, die zu eigenem Denken, zu eigenem Leben, zu sich selbst nicht kommen durften.\u2018<br \/>\nWilde Liebe und schmerzdurchtobtes Erbarmen dr\u00fcckte des Philosophen Kopf auf die Tischplatte. Vor seinem inneren Gesicht stand klar der Gedanke: \u201aF\u00fcr eine Gemeinschaft zu handeln, deren Geist die Mitglieder zwingt, nicht zu denken, kein eigenes Leben, kein eigenes Ich, kein warnendes Gewissen zu haben, sondern seelenlose, unverantwortliche Automaten zu sein, die, wenn sie nicht jede befohlene Schandtat willenlos ausf\u00fchren, eingesperrt oder erschossen werden, f\u00fcr eine solche Gemeinschaft zu handeln, ist ein Verbrechen wider den Geist, das nicht vergeben werden kann. Es bleibt die sittliche Pflicht gegen Gott, gegen unser reines Ich, diese Gemeinschaft zu bek\u00e4mpfen und damit f\u00fcr die M\u00f6glichkeit zu arbeiten, da\u00df einmal eine Gemeinschaft entstehe, in welcher der Mensch . . . gut sein darf, in welcher der Mensch er selbst, ein Ich, ein f\u00fcr seine Handlungen moralisch verantwortliches Ich und als solches . . . gut, das bedeutet: f\u00fcr die Gemeinschaft sein kann.\u2018<br \/>\n\u201eVielleicht kommst du nur in ein Bureau.\u201c<br \/>\nDer Philosoph hob den Kopf; die Frau hatte aus dem Schlafe gesprochen. Ihr Gesicht war tr\u00e4nenna\u00df. Durch eine leise Ber\u00fchrung erwachte sie sofort.<br \/>\nEr sprach eindringlich und sanft: \u201eNehmen wir einmal an, ich k\u00e4me nur in ein Bureau. Und m\u00fc\u00dfte nur ganz untergeordnete Arbeiten verrichten . . . Vielleicht nur Stellungsbefehle ausf\u00fcllen, mit den Namen derer, die daraufhin, meinungslos-pflichtbewu\u00dft oder vielleicht gegen ihren Willen, sich einfinden und, nach der Ausbildung, Menschen erschlagen oder selbst sterben w\u00fcrden f\u00fcr eine Gemeinschaft, deren Geist schwer mitschuldig ist an diesem Kriege.\u201c<br \/>\n\u201eIch wei\u00df nichts mehr.\u201c Die Frau h\u00e4tte schw\u00f6ren k\u00f6nnen, da\u00df sie diese vier Worte nicht gesagt habe.<br \/>\n\u201eEs k\u00f6nnte aber auch sein, da\u00df ich, eingef\u00fcgt als meinungsloser Handlanger in die Maschinerie dieses h\u00f6llischen Geistes, den Befehl schreiben m\u00fc\u00dfte:<br \/>\n\u201aSie haben den Mann, namens so und so, serbischer Staatsangeh\u00f6rigkeit, siebzig Jahre alt, nach . . . zu f\u00fchren und ihn dort zu erschie\u00dfen.\u2018<br \/>\nWas sollte ich dann tun?\u201c<br \/>\nNach minutenlanger Stille fragte er noch einmal: \u201eWas sollte ich dann tun?\u201c<br \/>\nDie Frau wu\u00dfte und gab auch diesmal keine Antwort. Aus ihren Augen heraus fragte stumm das ganze Volk: \u201aWas sollen wir denn tun?\u2018<br \/>\nIn der Stube stand schon die Finsternis. Und in ihr die dunkle Gewalt, die den K\u00f6rper t\u00f6ten kann.<br \/>\nDa f\u00fchlte pl\u00f6tzlich der Philosoph, wie im tiefsten Urgrund seiner Seele, im mystischen Punkt, die Flamme entstand, die rapid zur Feuersbrunst wurde und seine Bereitschaft, sich wieder protestlos ins Leichenschauhaus zu legen, sek\u00fcndlich verbrannte.<br \/>\nIn ihm stand ein ungeheurer Wille auf: die Bereitschaft eines t\u00f6dlich verzweifelten reinen Geistes, sich der Notdurft der Gegenwart anheimzugeben.<br \/>\nVon dieser Stunde an begann der st\u00fcrmische Pilgergang.<br \/>\nDie schwangere Frau hatte nur ein wollenes Brusttuch mitgenommen aus ihrer Wohnung, in die sie nicht mehr zur\u00fcckkehrten. Der Stellungsbefehl lag auf dem Tische.<br \/>\nAus der unvermittelt in ihm entstandenen wilden Hoffnung, da\u00df das unme\u00dfbare Leid dreier Kriegsjahre den Aufstieg des Menschenrechtes erm\u00f6glicht habe, wuchs dem Philosophen die Kraft zu dem Versuche, den vergewaltigten Menschen zu erkl\u00e4ren, weshalb ihr Ausharren und ihre Arbeit Mord und gegen sie selbst gerichtet sei.<br \/>\nSeine Stimme hallte durch die Stadtviertel, in denen der Gestank der Armut und des Hungers stand.<br \/>\nDie \u201aUnbekannten\u2018: dunkle Existenzen, aus dem nie versiegbaren Beh\u00e4lter der Volksseele pl\u00f6tzlich emporgesto\u00dfen in die ewige Freiheitsidee, stiegen auf die Stra\u00dfe. Volk, dem Zwange entrissen, ins Menschentum hochgerissen, stieg auf die Stra\u00dfe.<br \/>\nUnd w\u00e4hrend die F\u00fchrer des Volkes in blut\u00fcberstr\u00f6mter Bescheidenheit weiter \u00fcber kleine Reformen resultatlos diskutierten, weiter unverdrossen neue besetzte L\u00e4nder, neue Versenkungen und neue Kriegserkl\u00e4rungen buchten, neuen Zwangserlassen gegen das gemarterte Volk und neuen Dankadressen an die Sieger zustimmten, w\u00e4hrend so das Volk zu Millionen im Blute ersoff, versuchten in der \u00fcberreif gewordenen Zeit der Philosoph und seine Anh\u00e4nger, zusammen mit dem Kellner und dem Zwanzigj\u00e4hrigen, die gequ\u00e4lten, vergewaltigten Herzen f\u00fcr die Idee der Freiheit und der Liebe aufzurei\u00dfen. Versuchte mit letzter Hingabe der Philosoph, dem Volke zu zeigen, auf welcher Seite im Lande der Feind, die Brutalit\u00e4t und die Dummheit waren.<br \/>\nDas Netz ma\u00dflosen Leides und dunklen Aufruhrs lag \u00fcber der Stadt.<br \/>\nErst bei der wuchtigen Massenerhebung gegen den Raubrittergeist einiger zehntausend mittelalterlicher Existenzen, gegen den Raubrittergeist, der den Krieg losgebunden hat, traf die Gewalt den Philosophen, als er in der Menschengasse, die von herangaloppierenden Schutzleuten in die Menge hineingeritten worden war, das Recht des Menschen proklamierte; vor dem Leutnant,<br \/>\nder den Befehl zum Feuern gab.<br \/>\nDie Frau ging langsam auf den Ermordeten zu: schritt langsam hinein in die zweite Gewehrsalve junger Soldaten, die, bleich und im Herzen schon emp\u00f6rt, noch in der falschen Pflicht standen. Die vierzig- und f\u00fcnfzigj\u00e4hrigen Landsturmm\u00e4nner hatten sich geweigert, ins Volk und damit sich selbst ins Herz zu schie\u00dfen.<br \/>\nAm andern Morgen lagen der Philosoph und die Ladnerin, als Repr\u00e4sentanten des Volkes, wieder im Leichenschauhause, nebeneinander.<br \/>\nDie Idee, die nicht erschossen werden kann, brach in Millionen Herzen ein.<br \/>\nDer W\u00e4rter stand vor dem Paare. Und pl\u00f6tzlich r\u00fcckte er die zwei Pritschen dicht zusammen. \u201aMan liebt doch die Menschen. Liebt doch die Menschen . . . Die armen Menschen.\u2018<br \/>\nDas Leichenschauhaus war vergr\u00f6\u00dfert, die Wand, die das Zimmer des W\u00e4rters und das Wartezimmer f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen abgesondert hatte, war herausgebrochen, der wei\u00dfe Steinplattenboden fortgesetzt und die Pritschen um sechzehn St\u00fcck vermehrt worden.<br \/>\nDer Bruch war, wie bei Typenm\u00f6beln, die glatt aneinander gef\u00fcgt werden k\u00f6nnen, nicht zu bemerken.<br \/>\nEin vierter, neuer Horizontalventilator kreiste zusammen mit den drei alten \u00fcber den zweiunddrei\u00dfig Leichen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leonhard Frank ver\u00f6ffentlichte 1917 in Z\u00fcrich mehrere Novellen unter dem Titel \u201eDer Mensch ist gut\u201c. In Deutschland wurde das Buch sofort verboten. Es sind dies die f\u00fcnf Novellen Der Vater, Die Kriegswitwe, Die Mutter, Das Liebespaar, Die Kriegskr\u00fcppel. 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