{"id":1313,"date":"2014-08-25T22:00:22","date_gmt":"2014-08-25T20:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/win2014.de\/?page_id=1313"},"modified":"2014-08-25T22:29:50","modified_gmt":"2014-08-25T20:29:50","slug":"die-mutter","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/win2014.de\/?page_id=1313","title":{"rendered":"Die Mutter"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Leonhard Frank ver\u00f6ffentlichte 1917 in Z\u00fcrich mehrere Novellen unter dem Titel <em>\u201eDer Mensch ist gut\u201c<\/em>. In Deutschland wurde das Buch sofort verboten. Es sind dies die f\u00fcnf Novellen <em>Der Vater, Die Kriegswitwe, Die Mutter, Das Liebespaar, Die Kriegskr\u00fcppel<\/em>.<br \/>\n<strong><span style=\"font-size: 10pt;\">Leonhard Frank, Der Mensch ist gut <\/span><\/strong><br \/>\n<strong><span style=\"font-size: 10pt;\">Max Rascher, Verlag, Z\u00fcrich, 1918, Copyright 1918 by Max Rascher, Verlag, Z\u00fcrich <\/span><\/strong><br \/>\n<strong><span style=\"font-size: 10pt;\">Geschrieben 1916 bis Fr\u00fchling 1917<\/span> <\/strong><br \/>\n<em><a href=\"http:\/\/www.gutenberg.org\/files\/35176\/35176-h\/35176-h.htm\"><span style=\"font-size: 10pt;\">http:\/\/www.gutenberg.org\/files\/35176\/35176-h\/35176-h.htm<\/span><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 18pt;\"><strong>Die Mutter <\/strong><\/span><br \/>\nIhr Sohn war nicht als Freiwilliger an die Front gefahren.<br \/>\nWenn die Mutter aus dem Bette stieg, um sechs Uhr morgens, sah sie ihren Sohn. Sah ihn, wenn sie in der noch kalten K\u00fcche stand. Sah ihn im Hausflur. In der Holzlage. Im Keller. Auf der Stra\u00dfe. Immer.<br \/>\nDurch ihren Schlaf schreitet der Sohn durch; er marschiert durch. Wird kleiner, nebelig, verschwindet. Und marschiert trotzdem ununterbrochen durch. Durch jeden Schlaf. Durch jede Nacht und jeden Traum.<br \/>\nDer Sohn sitzt auf einem Stuhle, an der verschwimmenden Peripherie des schweren Angsttraumes, der an ihr Bett den harten Hauswirt stellt: \u201eJetzt endlich das Geld f\u00fcr die Miete!\u201c<br \/>\nDrohender Hauswirt, alle Qual der Pfennigsorgen, alle M\u00fche und Not der T\u00e4glichkeiten werden gewichtlos, verdunsten; denn der Stuhl mit dem Sohne r\u00fcckt in den Mittelpunkt des Traumes, ihr auf die Brust.<br \/>\nSie wischt den Staub von den lackierten Muschelm\u00f6beln; der Sohn steht neben ihr, begleitet sie: vom Schrank zur Kommode, vom Bett zum Tisch.<br \/>\nSie sieht ihn und sich hinauswandern zur Kaserne. Viele junge M\u00e4nner, noch in Zivilkleidern. \u00c4rmliche K\u00f6fferchen und Pappschachteln. Viele Menschen stehen vor der Kasernenhofmauer: Frauen, Kinder, Br\u00e4ute, M\u00fctter. Machtlos.<br \/>\nDiese entsetzlich kalte, mitleidlose Eisenkonstruktion der Bahnhofshalle. Stumme und weinende M\u00fctter und Frauen. Trockene Gaumen. Zerrissenes L\u00e4cheln der jungen Soldaten. Wie Leichen mit Blumen geschm\u00fcckt. Wilde, mit Blumen geschm\u00fcckte Machtlosigkeit.<br \/>\nDer Zug f\u00e4hrt ab. Er f\u00e4hrt. F\u00e4hrt. Verschwindet.<br \/>\nEinsames, furchtbares Nachhausegehen.<br \/>\nZwischen der Mutter Hand und den Deckel des Kochtopfes schiebt sich die graue Gestalt des Sohnes. Die \u00dcberlegung, ob das Gem\u00fcse noch etwas Salz brauche, wird zerschnitten vom Sohne, der in den Sch\u00fctzengraben springt. Immer wieder rasend schnell in den Sch\u00fctzengraben springt, aus dem heraus die Bajonette nach ihm sto\u00dfen.<br \/>\nJeder Gedanke wurde vom Denken an ihren Sohn durchschnitten.<br \/>\nW\u00e4hrend der B\u00e4cker das Brot f\u00fcr sie einwickelte, entdeckte sie in einer von wei\u00dfen Schu\u00dfw\u00f6lkchen b\u00f6sartig still belebten, \u00f6den Flachlandschaft, die sie nie gesehen hatte, den Sohn, wie er mit der ihm eigenen Handbewegung sich \u00fcber das rechte Auge streicht.<br \/>\nUnd in dem Moment, da sie sagte: \u201eFrisches Brot w\u00e4re mir lieber gewesen\u201c, streckt der Sohn den Kopf zu weit aus dem Sch\u00fctzengraben heraus.<br \/>\nEntsetzt lie\u00df sie das Brot auf den Ladentisch zur\u00fcckfallen, pre\u00dfte beide F\u00e4uste an die Wangen und starrte; sieht, wie der feindliche Soldat auf den Kopf des Sohnes zielt.<br \/>\n\u201eJesus! Kind, wie kannst du mir . . .\u201c<br \/>\nSohn beugt sich zum Kameraden hinab.<br \/>\n\u201e. . . das antun.\u201c<br \/>\nDer feindliche Soldat senkt das Gewehr.<br \/>\n\u201eMorgen gibt es wieder frisches Brot.\u201c<br \/>\nDie Mutter verlie\u00df die B\u00e4ckerei, den Blick stier auf der Szene: der gegnerische Soldat lugt, das Gewehr wieder schu\u00dfbereit an der Backe, zum hinabgebeugten Sohn hin\u00fcber.<br \/>\n\u201eWenn er sich jetzt aufrichtet. Mein Gott, wenn er sich aufrichtet . . . Allm\u00e4chtiger Gott, lasse den Kameraden eine Geschichte erz\u00e4hlen, damit mein Sohn zuh\u00f6rt, sich nicht aufrichtet. Lasse den Kameraden eine Bitte aussprechen, die mein guter Sohn erf\u00fcllen wird, so da\u00df er sich nicht aufrichtet.\u201c<br \/>\nDas feindliche Gewehr sinkt.<br \/>\nDa steigt des Sohnes Kopf: das feindliche Gewehr hebt sich zur entsetzlichen Wagrechten.<br \/>\nEin Schrei der Mutter.<br \/>\nSie glotzte auf die zwei langhaarigen Hunde, die knapp vor ihr aufeinander losfuhren. Gefletschte Z\u00e4hne. Ineinander verbissene M\u00e4uler.<br \/>\n(Graue Gestalten verlassen den Graben, huschen farblos \u00fcber die farblose Fl\u00e4che. Wildes, entsetzlich lautloses Handgemenge.)<br \/>\nDie Mutter st\u00fcrzte sich zwischen die zwei k\u00e4mpfenden Hunde, die der Sohn und der gegnerische Soldat sind. Mit ihren alten, von der Lebensarbeit stumpf gewordenen H\u00e4nden ri\u00df sie die Hunde auseinander, die knurrend in entgegengesetzten Richtungen forttrabten. (Die farblosen Gestalten huschen in die Gr\u00e4ben zur\u00fcck.)<br \/>\nDie Mutter lehnt atmend an der Hausmauer und vernimmt das lautlose St\u00f6hnen, das aufsteigt vom tiefsten Urgrund des Weiblichen, vom mystischen Punkt: Mutterliebe.<br \/>\nDie Mutter hat w\u00e4hrend der drei Kriegsjahre gelernt, vollkommen lautlos zu st\u00f6hnen. Denn w\u00fcrde ihr und aller M\u00fctter St\u00f6hnen Ton, ganz Europa w\u00fcrde Tag und Nacht ununterbrochen klingen von wildklagendem, dumpfem St\u00f6hnen, f\u00fcr das noch keine Sprache Worte gefunden hat.<br \/>\n\u00dcber Europa lastet Stille, das qualvollste Leid: das \u201aLeid Machtlosigkeit\u2018. Furchtbarste Stille, unter der Menschenherzen sich kr\u00fcmmen. Lebendem Wurme am Angelhaken ist kein Ton gegeben.<br \/>\nUnd an den Fronten zucken, in geistsch\u00e4nderischem Kreise aufgestellt, die Rohrl\u00e4ufe der Gesch\u00fctze vor, gleiten zur\u00fcck, zucken, vor, zur\u00fcck, werden hei\u00df: ein Donnerkreis. Kreis von Blut. Zerfetzten Menschenleibern. Losgetrennten Armen, Beinen. Ein Riesen-Kreis-Grab umspannt das stille Europa. Grab-Blut-Gesch\u00fctzdiagonalen durchschneiden es, grenzen stille Leidbezirke ab, in denen die Mutter Europas bebend kniet, nicht atmen kann. Denn sie h\u00f6rt den Schu\u00df krachen, sieht die Kugel fliegen, auf den Sohn zu, sieht Milliarden Kugeln fliegen. Denn sie sieht best\u00e4ndig eine Kugel fliegen. Auf den Sohn zu.<br \/>\nDas Herz tut ihr weh. Tag und Nacht. Schon drei Jahre lang. Drei Ewigkeiten.<br \/>\nDie Mutter \u2014 ein wandelndes, verzerrtes Herz, das Antlitz, Gehirn und Augen bekommen hatte, die kopflose Mutter, die nur noch mit dem Herzen dachte und sah, deren Gef\u00fchl die Last, die Angst, die Schmerzen, das Leid, den Jammer ganz Europas trug, die europ\u00e4ische Mutter eilte, das Brot gegen die schlaffen Hauts\u00e4cke ihrer Brust gedr\u00fcckt, nach Hause, den Feldpostbrief zu erwarten, der den krachenden, blutigen Kreis des Menschenmordens \u2014 \u201evielleicht, vielleicht doch nicht, vielleicht doch\u201c \u2014 verlassen haben und mit der n\u00e4chsten Post in der verd\u00fcsterten Vorstadtwohnung eintreffen konnte.<br \/>\nSie eilte. Ihre Gedanken, alle vom Herzen gedacht, eilen voraus: sehen den Brieftr\u00e4ger.<br \/>\nDer winkt. \u201aIch habe etwas f\u00fcr Sie\u2018, sucht, reicht ihr einen Brief. \u201aHalt, noch etwas.\u2018 Reicht ihr noch zwei. Noch f\u00fcnf. Reicht ihr eine Hand voll Briefe. Alle sind vom Sohne. Sie rennt mit den Briefen die Treppe hinauf.<br \/>\nUnd biegt in die leere Gasse ein. Blickt: \u201aKein Brieftr\u00e4ger.\u2018<br \/>\nW\u00e4hrend sie die Treppe hinaufsteigt, sieht sie den Sohn, wie er vor dem Leutnant steht.<br \/>\nDer sagt: \u201aWenn ich noch einmal bemerke, da\u00df Sie absichtlich nicht schie\u00dfen, melde ich Sie. Dann werden Sie erschossen.\u2018<br \/>\nVon wilder Angst befallen, bleibt die Mutter auf dem Treppenabsatze stehen und fleht: \u201eSchie\u00dfe!\u201c<br \/>\nDer Sohn hebt das Gewehr, zielt auf den Franzosen.<br \/>\nDie Mutter sieht die franz\u00f6sische Mutter, die in Paris am Fenster sitzt und an ihren Sohn denkt, auf den in diesem Augenblicke gezielt wird vom Sohne.<br \/>\nDie Mutter schreit: \u201eSchie\u00dfe nicht!\u201c<br \/>\nDer Leutnant: \u201aSchie\u00dfen! Oder Sie werden erschossen.\u2018<br \/>\nFleht die Mutter: \u201eSchie\u00dfe! O Gott, schie\u00dfe!\u201c Sieht die franz\u00f6sische Mutter. \u201eNicht! Schie\u00dfe nicht!\u201c<br \/>\nL\u00e4\u00dft das Gewehr sinken. \u201aIch schie\u00dfe nicht, Herr Leutnant.\u2018<br \/>\n\u201aIhn sofort abf\u00fchren\u2018, befiehlt der Leutnant.<br \/>\nUnd die Mutter br\u00fcllt: \u201eUm Gotteswillen! Schie\u00dfe! Schie\u00dfe!\u201c<br \/>\nDa rei\u00dft der Sohn das Gewehr an die Backe, zielt: der Franzose wirft die H\u00e4nde hoch, kr\u00fcmmt sich und st\u00fcrzt aufs Gesicht.<br \/>\nDie Mutter pre\u00dft die Hand aufs Herz, deutet entsetzt mit der Rechten nach Paris zum Fenster, wo die franz\u00f6sische Mutter sitzt, eben den amtlichen Brief \u00f6ffnet und liest: \u201eIst gefallen.\u201c Sieht, wie die franz\u00f6sische Mutter aufschreit, gl\u00e4sern glotzt.<br \/>\nLangsam, wie mit einer furchtbaren Mordtat belastet, steigt die Mutter die zweite Treppe hinauf, und ihr sehendes Herz verfolgt den m\u00f6rderischen Lauf der Kugel, die durch den Franzosen durch und weiter fliegt, nach Paris, der franz\u00f6sischen Mutter ins Herz.<br \/>\nAber der Sohn lebt, wird nicht erschossen, weil er erschossen hat, auf das Flehen der Mutter hin.<br \/>\nImmerzu sieht das Herz der Mutter, wie die Kugel ihres Sohnes den Franzosen durchschl\u00e4gt, weitersaust, bis nach Paris: der franz\u00f6sischen Mutter ins Herz.<br \/>\nSchritte klingen auf der Gasse. Blitzschnell f\u00e4hrt ihr Oberk\u00f6rper durchs Fenster: \u201aNicht der Brieftr\u00e4ger.\u2018<br \/>\nUngedacht, ungewollt, dunkel steigt vom Urgrund des Seins schicksalhaft das Gesetz \u201eSchuld und S\u00fchne\u201c auf und stellt die Mutter vor die t\u00f6dliche Gewi\u00dfheit: der zum M\u00f6rder gewordene Sohn wird ermordet werden.<br \/>\nIhr Oberk\u00f6rper f\u00e4hrt durchs Fenster. Der Blick blitzt die Gasse hinunter, die Gasse hinauf. Kein Brieftr\u00e4ger.<br \/>\nUnd wie sie den Blick zur\u00fcckzieht: \u2014 Landschaft mit k\u00fcnstlich aufgeworfenen H\u00fcgeln. Schutzwehre, D\u00e4mme, Hecken. Ausgetretene, lehmige Pfade.<br \/>\n\u201aWir schleppen die mit Munition gef\u00fcllten Bastk\u00f6rbe an die vorderste Linie. \u00dcber uns zeichnen Granaten drohende Bogen an den Himmel. Wei\u00dfe Explosionen. Links und rechts, vor und hinter uns. Erdwolken. Leichen. Menschenteile. Unerme\u00dflich furchtbar\u2018, hatte der Sohn geschrieben.<br \/>\nDie Mutter sieht, wie weiter r\u00fcckw\u00e4rts, noch in Sicherheit vor den einschlagenden Granaten, der Sohn und der Kamerad den Munitionskorb hochheben, ihn vorschleppen in die rote Feuerwolke.<br \/>\nUnd kann den Sohn nicht zur\u00fcckhalten, ihn nicht zur\u00fcckrei\u00dfen, ist machtlos.<br \/>\n\u201aHat es gel\u00e4utet?\u2018 Sie zerrt die T\u00fcr auf. Stiert in den leeren Hausflur.<br \/>\nUnd als die Wohnungsglocke sp\u00e4ter wirklich l\u00e4utete und das Aufrei\u00dfen der T\u00fcr den Brieftr\u00e4ger zeigte, griff die Hand der Mutter nach einer Postkarte, auf der stand: \u201aDen verehrlichen Mitgliedern zur Kenntnis, da\u00df der Gesangverein \u201aFrohsinn\u2018 bis auf weiteres die Singproben ausfallen lassen mu\u00df, da immer mehr S\u00e4nger dem Rufe des Vaterlandes gefolgt sind und es keinen Zweck mehr hat. Der Schriftf\u00fchrer\u2018.<br \/>\nSie legte die Karte auf den Tisch, neben den Suppenteller des Vaters. \u201eN\u00e4chste Post . . . Jetzt kann vor vier Stunden kein Brief kommen.\u201c Vom Sohne,<br \/>\nder in diesem selben Augenblicke, da seine Mutter das in Angst, Qual und Machtlosigkeit dachte, im Sch\u00fctzengraben auf einer Munitionskiste sa\u00df.<br \/>\nSeine lehmgelbe Hand hielt einen Brief, den er selbst vor l\u00e4nger als einem Jahre in einem Sch\u00fctzengraben in Ru\u00dfland an eine imagin\u00e4re Person geschrieben, abgesandt und jetzt, machtlos eingemauert in einen Sch\u00fctzengraben der Westfront, zur\u00fcckbekommen hatte, mit der Aufschrift: Adressat unbekannt.<br \/>\nAls er beginnen wollte, zu lesen, br\u00fcllte das tausendfache Br\u00fcllen der Gesch\u00fctze ihm zu, er brauche nicht den Brief zu lesen, er k\u00f6nne die Wirklichkeit ablesen, die entsetzlich genau der an der Ostfront gleiche.<br \/>\nEr hob den Blick: eine weite, \u00f6de, gelbliche, leere Fl\u00e4che, stellenweise dicht bedeckt mit alten und frischen Leichen, langsam sich bewegenden Verwundeten, die nicht geholt werden konnten und langsam starben.<br \/>\n\u201aAlles geschieht nahe der Erde. Niedrig, t\u00fcckisch, gef\u00e4hrlich, fl\u00e4chig, farblos, grau . . . Frischfr\u00f6hliche Reiterattacken, nach denen wir uns auch vor dem Kriege nicht gesehnt hatten, gibt es nicht mehr\u2018, las er. Und sah hinaus: der Brief aus gelber Erde lag flach aufgeschlagen vor ihm.<br \/>\nZwischen dem feindlichen Graben und dem des Sohnes lagen sie: flach, schon halb in die Erde versunken. Tote. Eigentlich nur Uniformfetzen; Gesichter und H\u00e4nde waren schon der Erde gleich geworden. Eine zweite Erdschicht, die aus Toten bestand. Ganz nahe beim Sohn lag ein Toter und glotzte blau. Auch der konnte, obwohl er kaum zwei Meter entfernt lag, nicht geholt werden. Denn hob sich nur ein Kopf, so hoben sich zehn feindliche Gewehre. Der Tote lag schon sechs Wochen vor dem Graben, glotzte und stank. Das Wimmern des Verwundeten, der neben dem Toten lag, h\u00f6rte nie auf. Horte seit drei Tagen und seit drei langen N\u00e4chten nie auf.<br \/>\n\u201aBrand- und Leichengestank ist unsere Luft. Seit drei Jahren\u2018, las der Sohn.<br \/>\nUnd betrachtete seinen links neben ihm hockenden Kameraden, der gesund-rote, dicke, feste Backen hatte und, vollkommen gleichgiltig gegen\u00fcber all dem Entsetzlichen, das um ihn herum geschah, vor sich hin glotzte. Apathisch. Stumpf. Entseelt.<br \/>\n\u201aSo weit bin ich noch nicht. Ich schreibe noch Briefe. An die Mutter. An die Mutter. Schreibe alles Elend, alle Schmach, alles Grauen aus mir heraus, um atmen zu k\u00f6nnen. An die Mutter . . . Und dann kann die Mutter nicht atmen.\u2018<br \/>\nEin qualvolles L\u00e4cheln der Selbstverachtung zog seinen linken Mundwinkel herunter, bei der Erinnerung, da\u00df er, damit seine seit drei Jahren im Zeichen von Blut-, Brandstiftungs- und Morddunst stehenden Gef\u00fchle nicht ganz unkontrolliert bleiben, ihm die Seele nicht auf Lebenszeit verh\u00e4rten sollten, immer wieder Briefe geschrieben hatte. Viele Briefe. An die Mutter. Beichten. Anklagen. Selbstanklagen. Schreie. An fingierte Adressaten. Nicht mehr an die Mutter. Um die Mutter zu schonen. Briefe. Briefe. Um sich mitzuteilen. Um nicht zu vergessen. Um sich der Furchtbarkeiten bewu\u00dft zu bleiben. Um nicht ein ebenso vollkommen fatalistischer, vollkommen abgestumpfter, gegen alle Entsetzlichkeiten gleichgiltig gewordener, maschinierter M\u00f6rder zu werden, wie sein neben ihm hockender armer Kamerad, der sich die Seele aus dem Leibe hinausgemordet hatte. Der auf Befehl geschossen hatte. Geschossen hatte. Weiter scho\u00df, scho\u00df, scho\u00df. Automatisch wie ein automatisches Gewehr.<br \/>\n\u201aHinter uns, m\u00f6rderisch genau eingestellt, kracht die Gesch\u00fctzkette, schleudert Granaten \u00fcber uns weg in die feindlichen Stellungen. Ununterbrochen. Ununterbrochen Mord! Tag und Nacht. Zahllose Granaten, die den ununterbrochen her\u00fcberfliegenden Granaten begegnen. An der ganzen Front entlang. Laut meckerndes Maschinengewehrfeuer. Menschen fallen und sind still. Menschen fallen, st\u00f6hnen, br\u00fcllen, wimmern, bellen. Fernes Maschinengewehrfeuer. Gegnerisches Maschinengewehrfeuer. Bomben und Minen platzen. Schu\u00dfw\u00f6lkchen. Zahllose Schu\u00dfw\u00f6lkchen, soweit ich sehen kann . . . Alles flach, grau, farblos, t\u00fcckisch.\u2018<br \/>\nDer Sohn sah auf: sah alles, was er gelesen hatte. Und sein vor Entsetzen kranker Blick traf heute zum tausendsten Male den Soldaten, der schwer verwundet und lebendig seit f\u00fcnf Tagen und f\u00fcnf langen N\u00e4chten im Stacheldrahte hing, grauenhaft langsam die Glieder bewegte. Ganz lautlos. Immer matter. Manchmal schrie er. Immer den gleichen Ton, f\u00fcr den noch keine Sprache das Wort gefunden hat.<br \/>\n\u201eEin Mensch schreit\u201c, f\u00fchlte des Sohnes ganzes Wesen. \u201eEin Mensch schreit.\u201c<br \/>\n\u201aMenschen, Millionen Menschen, Menschen schie\u00dfen aufeinander, ermorden, erschlagen, erw\u00fcrgen, zerfetzen einander. Seit drei Jahren. Warum?\u2018<br \/>\nInteresse und gleichzeitig Staunen dar\u00fcber, da\u00df er sich f\u00fcr einen Gedanken noch interessierte, ber\u00fchrte den Sohn, als er las:<br \/>\n\u201aAber nicht gegen das, was hier im Felde geschieht, mu\u00df gek\u00e4mpft werden. Denn diese paradoxe Menschenschl\u00e4chterei ist nur vordergr\u00fcndlich, ist nur die Oberfl\u00e4chenwirkung des gemeinen Geistes im Lande. Wenn dieser r\u00e4uberische Geist, der als das l\u00fcgenhafte Ideal \u201eNationalismus\u201c gepredigt und gefeiert wird, \u00fcberwunden ist, verrosten die Gesch\u00fctze von selbst.<br \/>\nWir wollen uns opfern,<br \/>\nwollen lieben,<br \/>\ndenkend die Gef\u00fchle sieben,<br \/>\nda\u00df der Pr\u00e4sident der Erde<br \/>\nPr\u00e4sident der Liebe werde.\u2018<br \/>\nDer Leutnant, den Revolver in der Knabenfaust, schritt gebeugt durch den Graben, vorbei am Sohne, vorbei am Kameraden, der zielte und scho\u00df.<br \/>\nLautlos, ununterbrochen und qualvoll langsam bewegte der im Stacheldraht h\u00e4ngende Soldat die Glieder.<br \/>\nDer Sohn suchte die S\u00e4tze, die er vor einem halben Jahre geschrieben hatte. \u201aGestern ist ein Kamerad neben mir Mensch geworden. Er legte das Gewehr weg, sah uns an, l\u00e4chelte beseligt. Und als der Vorgesetzte befahl: \u201eNicht lachen! Schie\u00dfen!\u201c l\u00e4chelte der Mensch ihn an und sch\u00fcttelte den Kopf. Mit welch kindlicher, grenzenloser Liebe l\u00e4chelte er uns an. Er hatte durch eine mystische Kraftkurve den Geist der Disziplin, der Knechtschaft, den Geist des Militarismus \u00fcberwunden, war wieder Mensch: war wahnsinnig geworden. Er wurde ins Irrenhaus gebracht. Es hie\u00df, er w\u00fcrde wieder gesund werden, wieder schie\u00dfen k\u00f6nnen. Vielleicht schie\u00dft er jetzt auf dem Balkan.\u2018<br \/>\nDas Gesch\u00fctzfeuer war immer wilder geworden, hatte sich vervielfacht, stieg rasend an. Die einschlagenden Granaten rissen Unterst\u00e4nde, Ballen und Menschen auseinander. Trotzdem verlie\u00dfen, vom Befehle vorgesto\u00dfen, lange, dichte Reihen lehmiger Gestalten die gegnerischen Gr\u00e4ben, wurden vom flankierenden Maschinengewehrfeuer glatt auf die Erde gestrichen.<br \/>\nHeulen. Schreie. Wimmern, zuckende K\u00f6rper. Augen glotzten tot. Ungez\u00e4hlte frische Leichen lagen auf den alten Leichen.<br \/>\nUnd nach dem abschlie\u00dfenden wilden Grabenkampfe las der Sohn: \u201aHunderttausende \u00fcberwinden den Militarismus durch den Wahnsinn. Zehn Millionen verwesen. Zehn Millionen sind Kr\u00fcppel. Und von den \u00fcbrigen werden die meisten als pr\u00e4zis funktionierende Mordmaschinen heimkehren. Wie den Kindern das ABC, hat man ihnen den Geist der Gewalt eingepflanzt. Der sitzt. Mu\u00df weiter wirken. Mein neben mir hockender einfacher Mordkamerad, der reine Repr\u00e4sentant seiner Millionen einfacher Mordkameraden, wird in der Heimat automatisch jeden niederstechen wollen, der Recht vor Gewalt zu setzen versucht. Auch der wildeste Schmerzensschrei ber\u00fchrt die im t\u00e4glich gleichen Laufe von drei Jahren gegen alle Entsetzlichkeiten abgestumpften reinen Tr\u00e4ger der Gewalt nicht mehr. Wie auch euch in der Heimat das Leid der Menschen nicht mehr trifft, da ihr, ohne den Verstand zu verlieren, in der Zeitung lesen k\u00f6nnt: drei\u00dfigtausend sind gefallen.\u2018<br \/>\nDa erlebte der Sohn etwas, dem er sich nicht entziehen konnte: er f\u00fchlte, wie seine rechte K\u00f6rperh\u00e4lfte dagegen war, diesen Brief doch noch an die Mutter zu senden; und f\u00fchlte gleichzeitig, wie die Herzseite ihn zwang, den Brief abzuschicken an die Mutter: das einzige europ\u00e4ische Wesen, das niemals abgestumpft und gleichgiltig werden konnte gegen\u00fcber dem Leide der Menschen, die alle von M\u00fcttern geboren wurden.<br \/>\nVergebens versuchte er, das immer noch von Sekunde zu Sekunde rasend ansteigende Artilleriefeuer nicht zu h\u00f6ren. Die Erde knallte. Seine Ohren knallten. Sein Gehirn knallte. Er sah, wie der Hammer des neben ihm h\u00e4ngenden Telephons trommelte, las von des Leutnants Lippen das auf die Membrane gebr\u00fcllte Wort \u201eJawohl\u201c ab. Und wu\u00dfte, da\u00df die Todesstunde gekommen war f\u00fcr die Grabenbesatzung, die zum Sturmangriffe vorgeschickt wurde.<br \/>\nF\u00e4uste packten die Gewehre. Bajonette starrten. Graue Gestalten, im Graben eng zusammengedr\u00e4ngt. Das waren keine Menschengesichter mehr. Gesichter aus Glas. Augen aus Glas. Das Denken, jede \u00dcberlegung war aus dem Sein der Soldaten hinausgefallen.<br \/>\nAuch der Sohn steckt das Bajonett auf den Rohrlauf, denkt noch: \u201aUnd dann kann die Mutter nicht atmen, wenn sie den Brief bekommt.\u2018 Denkt: \u201aFalle ich?\u2018 Und wurde vom Befehle vorgesto\u00dfen,<br \/>\nw\u00e4hrend die Mutter machtlos am E\u00dftische stand und des Vaters Suppenteller f\u00fcllte.<br \/>\nIhr abwesender Blick traf die farbige Photographie des beliebtesten Heerf\u00fchrers, die der Vater gekauft und an die Wand geh\u00e4ngt hatte. Der lange Perpendikel der h\u00f6her h\u00e4ngenden Schwarzw\u00e4lderuhr schwang \u00fcber dem Gesichte des Heerf\u00fchrers hin und her.<br \/>\nGenau senkrecht unter dem best\u00e4ndig \u00fcberquerten Heerf\u00fchrergesicht sa\u00df der Vater und las zur Suppe \u201aEin k\u00fchnes Patrouillenst\u00fcckchen\u2018 in der Zeitung.<br \/>\nDie Mutter wu\u00dfte nicht, ob sie sich den Sohn hinter der Front oder in der vorderen Linie denken sollte,<br \/>\nw\u00e4hrend in dieser Sekunde der Sohn, von geschwungenen Gewehrkolben und wildglotzenden Menschengesichtern \u00fcberdacht, im feindlichen Graben ins Knie glitschte.<br \/>\n\u201a. . . und machte ihn kurzerhand nieder\u2018, las der Vater zu Ende. \u201e. . . Was gibts denn?\u201c<br \/>\n\u201eEs ist wieder kein Brief gekommen.\u201c<br \/>\n\u201eNein, was du zu essen hast . . . Wird schon kommen. Ist ja noch immer gekommen.\u201c<br \/>\nDann las er den Leitartikel, in dem geschrieben stand, da\u00df das Volk, in unersch\u00fctterlichem Vertrauen zu seiner bew\u00e4hrten Regierung, ausharren und infolge seiner Einigkeit neugest\u00e4rkt aus diesem blutigen Ringen hervorgehen werde. Angefangen bei den geistigen Spitzen und durch alle Volksschichten durch, wisse jeder Soldat, jeder Heim-Krieger, jedes Schulkind, da\u00df dieser Krieg, ein uns aufgezwungener Krieg sei, und da\u00df das Vaterland in Gefahr war.<br \/>\nDas las er der Mutter vor. Und sagte: \u201eDa ist wieder einmal alles ganz klar auseinandergesetzt . . . Diese ausl\u00e4ndischen Sakramentslumpen!\u201c<br \/>\nDie Mutter h\u00e4tte nicht sagen k\u00f6nnen, weshalb sie unter die Uhr trat und den Perpendikel anhielt, so da\u00df er das Gesicht des beliebten Heerf\u00fchrers in zwei Teile schnitt. Sie sagte m\u00fcde: \u201eWoher soll denn ein Schulkind wissen, ob uns der Krieg aufgezwungen worden ist . . . Und auch wir gew\u00f6hnlichen Leute, was wissen denn wir davon.\u201c<br \/>\n\u201eDas wei\u00df doch jeder Mensch. Und die Kinder . . ., f\u00fcr was sind denn die Schullehrer da. Und wir, wir k\u00f6nnens doch jeden Tag in der Zeitung lesen . . . Was gibts denn?\u201c<br \/>\n\u201e. . . Nur diese Karte ist gekommen . . . I\u00df halt noch einen Teller Suppe. Vor dem Metzgerladen sind zwei Polizisten und vielleicht dreihundert Frauen gestanden. Ich habe nichts mehr bekommen.\u201c<br \/>\n\u201eH\u00e4ttest eben fr\u00fcher dort sein m\u00fcssen . . . Wenn nur dieser Saukrieg einmal ein Ende h\u00e4tte . . . Diese ausl\u00e4ndischen Sakramentslumpen!\u201c<br \/>\nHungerschw\u00e4che und Angst um den Sohn, den sie pl\u00f6tzlich lautlos auf das Gesicht st\u00fcrzen sah, verdunkelte der Mutter den Blick. Und als sie wieder sehen konnte und den alten Vater betrachtete, der schwer arbeiten mu\u00dfte und stark abgemagert war, weil er oft nur eine Wassersuppe vorgestellt bekam, schob sie ihm ihren Teller hin. \u201eDas Vaterland war in Gefahr? Nun und jetzt? Eine gr\u00f6\u00dfere Gefahr f\u00fcr das Vaterland ist \u00fcberhaupt nicht m\u00f6glich. Jetzt ist das ganze Volk in Gefahr. Ich wei\u00df ja nicht \u2014 ich brauche aber nur in seinem Briefe nachzulesen \u2014, wieviel schon gefallen sind, und wieviel Kr\u00fcppel sind und wieviel im Lande krank werden und sterben, weil sie so wenig zu essen haben. Und die Kinder, die so aufwachsen! Schau sie nur einmal an. Und da\u00df sie jahrelang nur von Mord reden h\u00f6ren. Was werden denn das f\u00fcr Menschen. Von uns alten Leuten will ich ganz schweigen. Und von den Soldaten drau\u00dfen sollen ja so viele krank sein. Du wei\u00dft schon wie.\u201c<br \/>\n\u201eWas der dir immer schreibt.\u201c<br \/>\n\u201eDa\u00df das Volk jetzt in allergr\u00f6\u00dfter Gefahr ist, das kann man leicht wissen. Das wei\u00df jeder. Dazu braucht man nicht viel Verstand zu haben . . . Der Krieg w\u00e4re auch sicher gar nicht gekommen, wenn die vorher gewu\u00dft h\u00e4tten, was jetzt daraus geworden ist. Die haben sich einfach verrechnet. Und grauenhafter Weise nicht wie der Kaufmann nur um eine Geldsumme, sondern um das Blut von Millionen. Um das Blut unserer S\u00f6hne. Jetzt w\u00fcrden sie nicht mehr anfangen . . . In seinem letzten Briefe schreibt er: \u201aDer Schu\u00df, der den Einzelnen trifft, hat das ganze Volk in die Brust getroffen.\u2018 Und so ist es.\u201c<br \/>\n\u201eBrust getroffen! Wenn wir doch siegen!\u201c<br \/>\n\u201eWas gibts da noch zu siegen, wenn die Lebenskraft, ja, \u201adie beste Lebenskraft des Volkes\u2018, schreibt er, \u201aversiegt ist durch den Tod von Millionen junger M\u00e4nner; wenn das Volk nur noch aus Verrohten und aus Kr\u00fcppeln, Kranken, Irrsinnigen, verhungerten Kindern und Frauen und aus ganz alten Leuten besteht\u2018.\u201c<br \/>\n\u201eJa warum nicht gar.\u201c Er klammerte sich an seine Zeitung an, las die neueste Siegesnachricht des Kriegsberichterstatters: in sein sofort wieder beruhigtes Gehirn lie\u00df sich ein Ausschnitt leichenbedeckte Erde nieder. \u201a. . . in einer seitlichen Ausdehnung von mindestens 500 Metern, bei reichlich achtzig Meter Tiefe . . . Von unseren sturmerprobten Sto\u00dftruppen im Handgemenge unter auffallend geringen Verlusten mit einer Bravour genommen, die . . .\u2018<br \/>\n\u201eLies das, dann kommst du gleich auf andere Gedanken.\u201c<br \/>\n\u201eJa, ich will die Zeitung gar nicht mehr lesen.\u201c In der des Denkens ungewohnten Mutter l\u00f6ste sich ein Gef\u00fchl los und sank bleischwer in die Worte hinein: \u201e. . . Wenn nur alle einmal nicht mehr daran denken wollten, was in der Zeitung steht; wenn nur alle einmal an die Menschen denken wollten, die jetzt da sterben m\u00fcssen.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist ja Unsinn.\u201c Der Vater packte die Zeitung fester, sah den leeren Suppenteller an, sah die danebenliegende Postkarte. \u201eUnd was ist denn das?\u201c<br \/>\n\u201e. . . Nur diese Karte ist gekommen.\u201c<br \/>\n. . . \u201eda\u00df der Gesangverein \u201aFrohsinn\u2018 bis auf weiteres die Singproben ausfallen lassen mu\u00df, da immer mehr S\u00e4nger dem Rufe des Vaterlandes gefolgt sind und es keinen Zweck mehr hat.\u201c<br \/>\nEine schwarze, durch nichts auszuf\u00fcllende L\u00fccke tat sich auf in seinem Leben. Er suchte in der Zeitung nach Fettgedrucktem.<br \/>\n\u201eKeinen Zweck mehr hat. Unsinn!\u201c<br \/>\nPl\u00f6tzlich schrie er w\u00fctend die verst\u00f6rt blickende Mutter an: \u201eWarum h\u00e4ltst du denn die Uhr auf\u201c, begann noch einmal, \u201aEin k\u00fchnes Patrouillenst\u00fcckchen\u2018 zu lesen.<br \/>\n\u201eDann ist ja gar kein Zusammenhalt mehr, wenn die Proben jetzt ganz ausfallen . . . Singen h\u00e4tten wir immer noch k\u00f6nnen\u201c, sagte der Vater,<br \/>\nw\u00e4hrend der Sohn, verdreckt, mit Menschenblut bespritzt und vor Grauen und Entsetzen gl\u00e4sern glotzend, mit den wenigen noch \u00fcbriggebliebenen, verdreckten und mit Menschenblut besudelten Kameraden \u00fcber die gefallenen Kameraden weg, wieder zur\u00fcck in den Graben taumelte.<br \/>\nDie Artillerie arbeitete weiter. Die Sch\u00fcsse krachten in rasender Folge. Der Sohn fiel sofort in Schlaf.<br \/>\nDie Mutter trat unter die Uhr: der Perpendikel schwang weiter hin und her \u00fcber dem Gesichte des beliebten Heerf\u00fchrers. Das sah in dem d\u00fcstern Hofzimmer aus, als h\u00e4tte der Heerf\u00fchrer an Stelle des Gehirns eine Maschinerie, die unab\u00e4nderlich weiterging, wenn nicht ein Mensch vortrat und sie aufhielt.<br \/>\nWenn nicht ein Mensch oder Gott selbst vortrat.<br \/>\nSo eine wundersch\u00f6ne, unbeschreiblich s\u00fc\u00dfe, herrlich durch den Weltenraum schwingende Musik hatte der Sohn noch nie geh\u00f6rt. Wer sie vernahm, wurde gut. Scharfrichter warf das Beil weg, st\u00fcrzte in die Knie zu dem am Blocke knieenden M\u00f6rder. Und beide begriffen ihr fr\u00fcheres Leben nicht mehr.<br \/>\nDer Sohn fragte den guten Herrn, der ihn in den deckenlosen, vom Sternenfirmament blau \u00fcberdachten Saal gef\u00fchrt hatte, wer diese Musik geschrieben habe.<br \/>\nDer gute Herr mit den traurigen Augen fl\u00fcsterte: \u201eDiese Musik h\u00e4tte ein Soldat geschrieben, der gefallen ist.\u201c<br \/>\n\u201eAch\u201c, fl\u00fcsterte der Sohn, f\u00fchlte aber im selben Augenblicke, wie sein ganzes Wesen sich in wei\u00dfflie\u00dfendes Gl\u00fcck verwandelte. Denn pl\u00f6tzlich sah er \u201aDie einfache Stadt\u2018: Geb\u00e4ude von solch uns\u00e4glich durchseelter Architektur, da\u00df, im Angesichte dieser g\u00f6ttlichen Klarheit, alle schweren, dunklen Gef\u00fchle aus den Menschen hinaus- und in das Nichts zur\u00fcckfielen. Der Sohn stand so im Gl\u00fccke, da\u00df er kaum wagte, es zu betasten mit der Frage: \u201eWer hat diese Stadt gebaut?\u201c<br \/>\nDie Lippen des guten Herrn bebten.<br \/>\n\u201eNein! Schweig\u201c, fl\u00fcsterte der Sohn, entsetzt, wie nie in seinem Leben.<br \/>\n\u201eWahrlich, diese Stadt h\u00e4tte ein Soldat gebaut, der gefallen ist.\u201c<br \/>\nDa verschwand die Stadt. Und der Sohn hielt \u201aDas Buch der Menschheitszukunft\u2018 in der Hand. Und las in einer Sekunde das ganze Buch von Anfang bis zu Ende. Denn \u00f6ffnete man es, so flossen alle seine Bilder und Gedanken zusammen in ein einziges Wort. Und wessen Seele von diesem Wort ber\u00fchrt wurde, der war erl\u00f6st und gut. Liebe stand auf seinem Angesichte. \u201eDa brauchen wir dieses herrliche, allm\u00e4chtige \u201aBuch der Menschheitszukunft\u2018 ja nur vor das Auge der Menschheit zu legen, und die Welt ist von allem B\u00f6sen erl\u00f6st und der milden Regierung der Liebe heimgegeben. O, flie\u00dfende Verschwisterung\u201c, fl\u00fcsterte der Sohn. \u201eWer hat denn dieses Buch geschrieben?\u201c<br \/>\n\u201eDas hatte ein junger Dichter geschrieben, der gefallen ist.\u201c<br \/>\nSchwarzer Donner klang von fernher.<br \/>\nVon seiner klagenden Seele getragen, flog der Sohn erbebend vor die dunkle Frage hin: \u201eWelcher Nation geh\u00f6rten diese Toten an?\u201c<br \/>\nDas Gesicht des guten Herrn wurde zu zwei trostlos weinenden Augen, deren Blick langsam und deutlich die Worte sprach: \u201eDas wei\u00df man nicht.\u201c<br \/>\nPl\u00f6tzlich sah, mit allen grausigen Einzelheiten, der Tr\u00e4umende, was er vor einer halben Stunde beim Sturmangriff wirklich erlebt und gesehen hatte: das leinenwei\u00df gewordene Gesicht des jungen Franzosen, der in das Bajonett des Sohnes hineingerannt war.<br \/>\nUnd er br\u00fcllte in der ewigen Sekunde, die zwischen Schlaf und Wachsein stand, dem zum Unteroffizier werdenden guten Herrn in unerme\u00dflichem Entsetzen zu: \u201eAber ich wei\u00df es. Ich!\u201c<br \/>\n\u201eAuf! Noch ein Sturmangriff!\u201c schrie der Unteroffizier, der den Sohn wachger\u00fcttelt hatte.<br \/>\n\u201eIch! . . . Ich wei\u00df es.\u201c<br \/>\n\u201eWarum schlafen Sie denn dann?\u201c<br \/>\nDer ganze Himmel donnerte. Von Menschenblut noch durchn\u00e4\u00dfte Soldaten, im Graben eng zusammengedr\u00e4ngt. Gesichter aus Glas. Augen aus Glas.<br \/>\nDie Welle entseelter Menschen wurde vom Befehle vorgesto\u00dfen. Und das zu einem einzigen ungeheuren, erdersch\u00fctternden Knall zusamment\u00f6nende Knallen der mit rasender Schnelligkeit feuernden Gesch\u00fctzkette wurde mild \u00fcberfl\u00fcstert von des Sohnes Seele, die ihm gebot, zu s\u00fchnen, indem er sterbe, damit er lebe.<br \/>\nEr stand reglos, umtobt von den in wildem Kampfe ineinander Verbissenen. Hier, im Mittelpunkte des Knallens, war es totenstill. Es wurde handwerklich und ganz lautlos gemordet.<br \/>\nEine nachkindliche, zweite Naivet\u00e4t beseelte ihn mit der Frage: \u201eWeshalb tun die Menschen das? Das darf kein Mensch befehlen. Kein Mensch darf diesem Befehle folgen.\u201c<br \/>\nDie Sekunde gebar ihm ein letztes, noch irdisches Bild: er sah den ganzen Erdball sich zu einer Trommel ordnen, auf der der Militarismus mit Granaten einen Wirbel schlug.<br \/>\n\u201aMenschen, die einander nie gesehen, einander nichts getan haben, Menschen, die sich lieben, ja, sich lieben, Kameraden, Kameraden erschlagen einander\u2018, f\u00fchlte er noch, vom Jenseits schon ber\u00fchrt. Und das schon nicht mehr gedachte, nicht mehr gef\u00fchlte, als zerflie\u00dfendes, jenseitiges Bild geschaute Ahnen besuchte ihn: \u201aDie Seele, die den ganzen Umfang dieser Furchtbarkeiten s\u00e4he, m\u00fc\u00dfte sterben; die Seele macht das Auge zu.\u2018<br \/>\nDie Augen des Sohnes, der inmitten von mordenden und fallenden Menschen reglos stehen blieb, waren weit ge\u00f6ffnet.<br \/>\nDas Bajonett fuhr unterm Kinn beim Halse hinein, durch den Kopf: sein K\u00f6rper schlug, wie der Akrobat, einen Bogen nach r\u00fcckw\u00e4rts, da\u00df die Fu\u00dfsohlen und die Handfl\u00e4chen die Erde ber\u00fchrten, und verharrte tot, von Leichen gest\u00fctzt, in dieser Stellung, einem Br\u00fcckenbogen gleich.<br \/>\nDie Mutter, die unter der Haust\u00fcr stand und auf den Brieftr\u00e4ger wartete, baute sich das Gl\u00fcck auf, da\u00df der Sohn leicht verwundet und auf diese Weise dem Unausdenkbaren entronnen sei. Er befindet sich schon auf der Heimreise. Er kommt sogar mit einem fr\u00fcheren Zuge an, als die Mutter erwartet hat. \u201aGut, da\u00df ich fr\u00fcher da war\u2018, f\u00fchlt sie. Und steht in der Bahnhofshalle, an das Gitter gelehnt, blickt hinaus, die Schienen entlang, auf denen der Zug eben einl\u00e4uft. \u201aEntronnen\u2018, f\u00fchlt sie, \u201aentronnen\u2018, sieht, wie der Sohn aus dem Zuge herausspringt und schon von ferne den verwundeten Arm gr\u00fc\u00dfend hebt. \u201aEine kleine, ganz ungef\u00e4hrliche Verwundung, sonst k\u00f6nnte er den Arm ja nicht heben. Gl\u00fccklich dem Tode entronnen\u2018, f\u00fchlt immerzu die Mutter, f\u00fchlt gleichzeitig immerzu das schwarze Gespenst, da\u00df ja alles nur ein Wunsch von ihr war. Und springt, lautlos jubelnd, in das Gl\u00fcck hinein: dem Sohne an die Brust.<br \/>\nDer Postbote bog langsam um die Ecke, den sortierenden Blick auf die Briefe in seiner Hand gerichtet. Und die Mutter st\u00fcrzte in die Wirklichkeit zur\u00fcck: dem l\u00e4chelnden Postboten entgegen, der ihr den seit vierzehn Tagen und vierzehn N\u00e4chten erwarteten Brief gab; einen der Beruhigungsbriefe des Sohnes, in denen er, gepeinigt von Selbstanklagen und in Angst um die Mutter, seine mit Schrecknissen angef\u00fcllten Beichtbriefe wirkungslos zu machen versuchte.<br \/>\n\u201aEigentlich, genau besehen, wei\u00dft Du, geht es mir ausgezeichnet. Ich war k\u00f6rperlich nie so gesund wie jetzt. Denk an, k\u00f6rperlich nie so gesund wie jetzt\u2018, schrieb der tote Sohn. \u201aUnd wenn ich zur\u00fcckkomme, dann gehen Du und ich zusammen einige Wochen aufs Land. Einmal sind wir vornehm und gehen auch aufs Land. So viel Geld habe ich gespart. Wir wohnen an einem Flusse. Direkt, am Flusse. Du in einem sonnigen Zimmer, ich daneben; es ist eine Verbindungst\u00fcr da. Unsere Fenster gehen auf den Flu\u00df hinaus. Hinter dem Flusse sind die H\u00fcgel, steht der Wald. Es wird gerade Fr\u00fchling sein, wenn ich zur\u00fcckkomme. Solltest mich sehen: so gesund wie jetzt war ich nie\u2018, wiederholte der Sohn, der, von Leichen gest\u00fctzt, als toter, verwesender Br\u00fcckenbogen zwischen den Sch\u00fctzengr\u00e4ben stand.<br \/>\nDas Gl\u00fcck flo\u00df breit in der Mutter.<br \/>\nWie immer, wenn sie einen Brief erhalten hatte, war ihr der Sohn so nahe, da\u00df sie seine k\u00f6rperliche Anwesenheit f\u00fchlte, mit ihm sprach, ihm Ratschl\u00e4ge erteilte, solche von ihm annahm, ihm Vorw\u00fcrfe machte. \u201aJetzt setze dich einmal dorthin, dort in die Kanapee-Ecke.\u2018<br \/>\n\u201aNun, also jetzt sitze ich.\u2018<br \/>\n\u201aSieh mal, du wei\u00dft doch, da\u00df der Vater f\u00fcr nichts Interesse hat, als nur f\u00fcr seine Zeitung und f\u00fcr seinen Gesangverein.\u2018<br \/>\n\u201aAber das kann ja vielleicht gar nicht anders sein, Mutter. Er ist f\u00fcnfundsechzig Jahre alt und steht seit f\u00fcnfzig Jahren t\u00e4glich von fr\u00fch sechs bis abends sechs an der Hobelbank. So ist er aufgewachsen; so ist er alt geworden. Deshalb hat er nichts als seine Zeitung und seinen Gesangverein.\u2018<br \/>\n\u201aAber er konnte sich doch denken . . .\u2018<br \/>\n\u201aEr hat l\u00e4ngst vergessen m\u00fcssen, da\u00df er ein Mensch ist, Mutter. Abgerackert und totm\u00fcde ist er seit f\u00fcnfzig Jahren am Feierabend. Er darf nicht denken; denn sonst w\u00fcrde er sich vielleicht daran erinnern, da\u00df er einmal ein Mensch war.\u2018<br \/>\n\u201aDavon wollte ich \u00fcberhaupt gar nicht reden. Ich wollte ja . . .\u2018<br \/>\nDer Sohn sa\u00df nicht mehr in der Kanapee-Ecke. Er war, vom Tode bedroht, in der vordersten Linie.<br \/>\n\u201aIch wollte ja den einundneunzigsten Psalm beten\u2018, dachte die Mutter, die im Laufe eines Lebens immer sich gleichgebliebener grauer Not und absoluter Aussichtslosigkeit, da\u00df jemals eine Besserung eintreten k\u00f6nnte, ihren Glauben verloren und das Beten verlernt hatte; die f\u00fcnfundsechzig Jahre unter der Eisenplatte geatmet hatte, unter der die europ\u00e4ischen Tr\u00e4ger der Armut stehen und vergehen, und durch die sie hoffnungslos getrennt bleiben vom Geiste, vom Lichte, vom Leben, vom Menschentum. Nur wenn der Sohn auf dem w\u00fcsten Wege, der, durch die Eisenplatte, empor zum Geiste f\u00fchrt, von einer Gefahr bedroht gewesen war, hatte die Mutter den einundneunzigsten Psalm gebetet.<br \/>\nSie mu\u00dfte nicht suchen: die Bibel, immer nur und oft an dieser Stelle gebraucht, tat sich beim einundneunzigsten Psalm auf. Und die Mutter sah, wie die auf ihren Sohn zusausenden Kugeln, vom Gebete in ihrem m\u00f6rderischen Fluge aufgehalten, vor des Sohnes Brust senkrecht zu Boden fielen, als sie die mit Bleistift unterstrichenen Stellen wiederholte:<br \/>\n\u201eWer unter dem Schirm des H\u00f6chsten sitzt, und unter dem Schatten des Allm\u00e4chtigen bleibt,<br \/>\nder spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.<br \/>\n. . . Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,<br \/>\nda\u00df du nicht erschrecken m\u00fcssest vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,<br \/>\nvor der Pestilenz, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die im Mittage verderbt.<br \/>\nOb tausend fallen zu deiner Seite, und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen\u201c,<br \/>\nbetete die Mutter. Und blieb, in Hoffnung und in d\u00fcstere Angst gespalten, sitzen und war nicht erl\u00f6st.<br \/>\nDenn die Welt war nicht erl\u00f6st, da nicht alle Menschen gleich den M\u00fcttern und nicht alle M\u00fctter . . . M\u00fctter waren.<br \/>\nDer Brief, den der Sohn in Ru\u00dfland an eine imagin\u00e4re Person geschrieben, nach einem halben Jahre an der Westfront zur\u00fcckerhalten und doch noch an die Mutter geschickt hatte, traf erst Wochen nach dem Tode des Sohnes ein, zu einer Zeit, in der die Mutter noch immer nicht wu\u00dfte, da\u00df der Sohn schon gefallen war. Von den fetten Sch\u00fctzengrabenratten schon halb aufgefressen war.<br \/>\nDer Sohn hatte vergessen, die \u00dcberschrift zu \u00e4ndern; die bebende Mutter las:<br \/>\n\u201eSehr geehrter Herr, erlauben Sie mir, Ihnen den Seelenzustand meines Freundes zu schildern. Es ist Ihnen gewi\u00df auch schon widerfahren, da\u00df Sie beim Hinabsteigen einer Ihnen seit Jahren vertrauten Treppe, im Dunkeln vor der letzten Stufe irrt\u00fcmlich vermuteten, schon ganz unten zu sein: Ihr zum Ausschreiten vorgestrecktes Bein findet keinen Boden. Sie kennen diese k\u00f6rperliche Ersch\u00fctterung, die so pl\u00f6tzlich eintritt, da\u00df Dunkelheit und Tiefe, in die Ihr Bein versinkt, in die H\u00f6he und in das \u00fcberraschte Gehirn hineinsausen und einen seelischen Schreck verursachen. Stellen Sie sich vor, Sie w\u00fcrden drei Jahre lang, so ununterbrochen wie Sie atmen, in diese unerwartet vor Ihnen sich auftuende Tiefe hineintreten, drei Jahre lang ununterbrochen diesen kleinen Seelenschreck erleben. Und stellen Sie sich jetzt, wenn Sie k\u00f6nnen, diese best\u00e4ndige Seelenersch\u00fctterung millionenfach gesteigert vor.<br \/>\nDagegen gibt es, wie unglaublich Ihnen das auch erscheinen mag, ein Hilfsmittel. Die Gewohnheit. Die meisten Menschen verm\u00f6gen an Stelle ihrer Seele die Gewohnheit zu setzen. Das tun die Millionen entseelten Soldaten, die dann gewohnheitsm\u00e4\u00dfig weiterschie\u00dfen, weiter ihre Gewehrkolben in feuchte Menschengehirne hineinschlagen, weiter das leise zischende Bajonett in weiche Unterleiber hineinsto\u00dfen und nicht ersch\u00fcttert werden, weil der sich Kr\u00fcmmende genau so glotzt wie der, der sich gestern kr\u00fcmmte und fiel.<br \/>\nEs gibt, sehr geehrter Herr, noch ein Mittel. Den Wahnsinn. Diesen Vorgang brauche ich Ihnen nicht n\u00e4her zu erkl\u00e4ren; ich brauche Ihnen einstweilen (denn ich werde Ihnen noch viele Briefe schreiben) nur zu sagen, da\u00df die Tr\u00e4ger einer st\u00e4rkeren Seele, eines empfindlicheren Gewissens sich in die Gewohnheit nicht hineinzuretten verm\u00f6gen und deshalb nat\u00fcrlich wahnsinnig werden m\u00fcssen.<br \/>\nIch habe versucht, Ihnen die Seelenersch\u00fctterung begreiflich zu machen, die ein drei Jahre lang uns unterbrochen treppab steigender Mensch empf\u00e4nde, der drei Jahre lang bei jeder Stufe ununterbrochen mit dem zum Ausschreiten vorgestreckten Bein in die nicht erwartete Tiefe s\u00e4nke. Und habe gesagt, da\u00df diese best\u00e4ndige Seelenersch\u00fctterung beim Frontsoldaten millionenfach gesteigert ist. Setzen Sie beispielsweise an Stelle der nicht mehr erwarteten Treppenstufe folgenden unwahrscheinlichen Vorgang (auch die Menschenschl\u00e4chterei ist absolut unwahrscheinlich): Sie mieten ein m\u00f6bliertes Zimmer im vierten Stock und \u00f6ffnen zum erstenmal die Balkont\u00fcr, treten hinaus, um sich an der sch\u00f6nen Fernsicht zu erfreuen, und st\u00fcrzen hinunter, weil hinter der T\u00fcr kein Balkon ist. Stellen Sie sich vor allem den Moment vor, in dem Ihr \u00fcberraschtes Bewu\u00dftsein in blitzartiger Ersch\u00fctterung erkennt, da\u00df kein Balkon da ist und da\u00df Sie rettungslos hinunter in die Tiefe st\u00fcrzen m\u00fcssen. Da der Mensch Mitgef\u00fchl mit seinem N\u00e4chsten hat, werden Sie, auch wenn Sie nicht dieser Ungl\u00fcckliche sind, sondern unten auf der Stra\u00dfe stehen und zusehen, wie ein Mensch vom vierten Stocke herabst\u00fcrzt, ebenfalls diese pl\u00f6tzliche Seelenersch\u00fctterung erleben. Und wenn Sie eine Woche lang ununterbrochen zusehen m\u00fc\u00dften, wie Menschen aus dem vierten Stocke herabst\u00fcrzen, w\u00fcrden Sie endlich zu lachen beginnen, das hei\u00dft, wahnsinnig werden. Oder Sie w\u00fcrden die Augen zumachen, das hei\u00dft, sich allm\u00e4hlich daran gew\u00f6hnen, da\u00df Menschen vom vierten Stocke herabst\u00fctzen.<br \/>\nVergegenw\u00e4rtigen Sie sich jetzt, wenn Sie k\u00f6nnen, diesen Seelenschlag in unausrechenbarer Steigerung und ununterbrochen drei Jahre lang erfolgend, dann werden Sie begreifen, da\u00df die gro\u00dfe Mehrzahl meiner armen Kameraden sich in die Gewohnheit und die \u00fcbrigen sich in den Wahnsinn hinein retten m\u00fcssen.<br \/>\nUnd nun bitte ich Sie, eine Seele schreit in Todesnot, ich bitte Sie, raten Sie mir, was soll mein Freund tun, der nicht wahnsinnig und auch nicht eine gewohnheitsm\u00e4\u00dfig funktionierende Mordmaschine werden kann, da er, g\u00f6ttlich auserkoren, Tr\u00e4ger eines best\u00e4ndig wachen Gewissens, Tr\u00e4ger einer best\u00e4ndig flie\u00dfenden Seele ist.<br \/>\nIch bitte Sie, verschieben Sie jede noch so wichtige T\u00e4tigkeit und beantworten Sie mir erst diese Frage, wenn Sie eine Antwort auf diese Frage haben. Legen Sie diese Frage allen Ihren Freunden und Bekannten, legen Sie diese Frage der ganzen Menschheit vor. Eine Seele wartet auf Antwort.<br \/>\nSollte jedoch Ihre Antwort sein, da\u00df meine Ausf\u00fchrungen die gef\u00fchlsmathematische Notwendigkeit ergeben, solch einem Menschen bleibe nichts anderes \u00fcbrig, als zu fallen und zu sterben, dann brauchen Sie mir nicht zu antworten, da ich selbst schon seit langer Zeit diese Antwort auf die Frage meines Freundes bereithalte. Sollten Sie und die Welt dieselbe Antwort haben, so w\u00fcrde die Erfahrungstatsache, da\u00df unter den Gefallenen immer die Besten des Volkes sind, zu der seelischen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit erhoben werden, da\u00df unter den Gefallenen die Besten des Volkes sein m\u00fcssen. Da\u00df die erkorenen, jungen Tr\u00e4ger der Wahrheit fallen m\u00fcssen. Da\u00df die jungen, feurigen Tr\u00e4ger des ewig unverr\u00fcckbaren Menschheitsideales \u201aLiebe\u2018 fallen m\u00fcssen. Da\u00df die jungen Dichter nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Da\u00df bei ihnen allen einmal der Augenblick kommen mu\u00df, in dem sie ganz bei sich selbst angelangt sind, ihr K\u00f6rper sich bedingungslos der Seele unterordnet und ohne Gegenwehr den Todeshieb empf\u00e4ngt . . .\u201c<br \/>\nWeiter las die Mutter nicht. Die M\u00f6glichkeit, weiter zu lesen, war nicht mehr vorhanden; die Denkf\u00e4higkeit war aus der Mutter hinausgefallen. Und ihr Gef\u00fchl war abgekapselt. Sie sa\u00df ganz unbewegt am Tische und sah interesselos den zweiten Brief an, den sie noch nicht ge\u00f6ffnet hatte, weil die Adresse nicht vom Sohne geschrieben war.<br \/>\nDieses amtliche Schreiben enthielt die kurze Nachricht, da\u00df der Sohn gefallen sei. \u201eAuf dem Felde der Ehre\u201c. Die ahnungslose Mutter lie\u00df das Schreiben uner\u00f6ffnet liegen.<br \/>\nPl\u00f6tzlich und schnell, als d\u00fcrfe nicht eine Sekunde Zeit verloren werden, wurde ihr K\u00f6rper vor die Kommode gestellt; sie nahm aus dem Drahtk\u00f6rbchen, das einen bemalten Porzellanboden hatte, den alten Trostbrief heraus und las:<br \/>\n\u201aEigentlich, genau besehen, wei\u00dft Du, geht es mir ausgezeichnet. Ich war k\u00f6rperlich nie so gesund wie jetzt. Denk an, k\u00f6rperlich nie so gesund wie jetzt . . . Zur\u00fcckkomme, dann gehen Du und ich einige Wochen aufs Land . . . In einem sonnigen Zimmer, ich daneben . . . Verbindungst\u00fcr da . . . Gerade Fr\u00fchling sein . . .\u2018<br \/>\nNeue Hoffnung durchbrach die Kruste. Und in der Mutter stand ein ungeheurer Wille auf, den Sohn aus der Todesgefahr heraus-, in diese Fr\u00fchlingswochen hineinzurei\u00dfen, wo nur noch Glanz und Liebe war.<br \/>\nIhr werde es gelingen, bis zum Kaiser vorzudringen. Und wenn es nicht anders ginge, sie werde hinauslaufen an die Front, in den Sch\u00fctzengraben und ihren Sohn holen. Sie werde sagen: \u201aDas ist mein Sohn. Mein! Mein Sohn!\u2018 \u201eEs gibt Mittel und Wege. Mittel und Wege. Viele Mittel und Wege. Ich werde totkrank, damit der Sohn Urlaub bekommt. Was auch geschieht, ich lasse ihn nicht mehr fort. Ich werde ihn einsperren. Ich werde ihn verst\u00fcmmeln. Verstecken. Keller. Wald. Meinen Sohn in meinen Leib zur\u00fccknehmen.\u201c<br \/>\nAutomatisch \u00f6ffnete sie das amtliche Schreiben. Las: \u201aFeld der Ehre gefallen\u2018.<br \/>\n\u201eWer denn? Wer?\u201c Sah auf.<br \/>\nDie gl\u00e4nzende Kante des lackierten Kleiderschrankes, das Gesicht des beliebtesten Heerf\u00fchrers, der hin- und herschwingende Perpendikel st\u00fcrzten auf sie zu.<br \/>\nOhne den Bruchteil einer Sekunde zu warten, machte sie eine blitzschnelle Drehung t\u00fcrw\u00e4rts. Und flog schreilos aus dem Zimmer, den dunklen Gang vor, aus der Wohnung hinaus, die Treppe hinunter, die Gasse hinunter, die breite Asphaltstra\u00dfe hinunter. Immer in der Mitte: schwarz, vorn\u00fcberst\u00fcrzend, lautlos. Sie hatte Filzschuhe an.<br \/>\nPassanten blieben stehen; es bildeten sich Gruppen. \u201eWas hat sie?\u201c Das selten ber\u00fchrte Gef\u00fchl gedankenlos lebender Menschen wurde von etwas Unbegreiflichem getroffen. Kein einziger wu\u00dfte, da\u00df es die absolute Ziellosigkeit war, die sie ersch\u00fcttert aus dem Rennen der Mutter herausf\u00fchlten. Und als ein junger Arbeitet das amtliche Schreiben, das er gefunden und aufgehoben hatte, vorlas, sanken die Worte in die aufspringenden Herzen hinein. Junge Leute galoppierten der Mutter nach.<br \/>\nSie hetzte durch Stadtviertel, dem Schrei entgegen, der zusammengeballt in ihrem Halse sa\u00df und nicht durch konnte.<br \/>\nIn allen Stra\u00dfen bildeten sich Gruppen betroffener Menschen, die von den Nachspringenden \u00fcber das Ungl\u00fcck der Mutter aufgekl\u00e4rt wurden, sich ihnen anschlossen.<br \/>\nEine Kompanie junger Soldaten, feldmarschm\u00e4\u00dfig ausger\u00fcstet, blumengeschm\u00fcckt, singend auf dem Wege zum Bahnhof, sauste auf die Mutter zu und im Fluge an der Rasenden vorbei.<br \/>\n\u201e. . . dir die Hand nicht geben . . .\u201c<br \/>\nEin Lastfuhrwerk. Ein Schutzmann zu Pferde.<br \/>\n\u201e. . . dieweil ich eben lad\u2019 . . .\u201c<br \/>\nSchon weit hinter ihr verklingend.<br \/>\nErst Minuten sp\u00e4ter sprengte das von ihrer Seele im Fluge aufgenommene Mordlied den Schrei, der sich im Halse zusammengeballt hatte.<br \/>\nDer Schrei platzte. Die Mutter schrie und rannte. Schrie l\u00e4nger als ein Atemzug reicht. Stolperte. Fiel nicht. Holte Atem. Schrie weiter.<br \/>\nDas war kein Klagegeschrei. Rennen und Schrei kamen aus einer Quelle und verschmolzen in Eins. Stille auf der ganzen Erde. Nur die europ\u00e4ische Mutter schrie. Schrie jetzt die unterdr\u00fcckten Schreie dreier Jahre.<br \/>\nNiemand wagte den Versuch, sie aufzuhalten. Denn hier schrie nicht ein Mensch; hier schrie die Menschheit. Alle f\u00fchlten das.<br \/>\nUnd eher k\u00f6nnte es einem neben dem Geleise Stehenden gelingen, den heransausenden D-Zug mit dem Zeigefinger aufzuhalten, als da\u00df es aller Macht der Welt zusammen gel\u00e4nge, Schweigen zu erzwingen, wenn die getroffene Menschheit schreit.<br \/>\nDer Schrei wurde geh\u00f6rt. In Paris, London, Rom, in Amerika, in Kasernen und in Dachkammern. Er wurde in Petersburg geh\u00f6rt. Er sauste hinein in die Herzen. Und er ri\u00df die Herzen der Menge auf, die der springenden Mutter stra\u00dfenentlang folgte.<br \/>\nDie ganze Stadt f\u00fchlte zum ersten Male pl\u00f6tzlich den Tod der Millionen S\u00f6hne, das Leid der Millionen M\u00fctter, da sie das Leid dieser einen Mutter sah.<br \/>\nIhr Schrei war schon nicht mehr der einer Frau; er war tief und rauh geworden, geschlechtlos: ein Menschenschrei, unterbrochen von kurzen Atempausen, in denen das horchende Herz der Menschheit stockte.<br \/>\nEin junger Schutzmann \u00fcberholte galoppierend die gewaltige Menge und packte den Arm der schreienden Mutter, die mit dem Schutzmann weitersprang, als habe sie einen br\u00fcderlichen Leidensgenossen bekommen. Seine Hand wurde lahm und sank, als er, beim Blick in ihr Gesicht, f\u00fchlte, da\u00df er dem Schmerze der Menschheit ins Gesicht sah.<br \/>\nJetzt erst stieg der tausendstimmige Entr\u00fcstungsschrei der Menge, getragen wie ein Choral, und der junge Schutzmann ahnte, von diesem Tone tief getroffen, da\u00df hier nicht Sensation, sondern der unbesiegbare Geist der Menschlichkeit sich kundtat.<br \/>\nHemmungslos, blind f\u00fcr alle Hindernisse, sprang die vorn\u00fcberst\u00fcrzende Mutter wie eine schwarze Kegelkugel die Asphaltstra\u00dfe, die vom Dome abgeschlossen war, hinauf, durch das offene Portal in die Kirche hinein, lautlos weiter geradeaus, durch den Mittelgang, bis vor den Altar,<br \/>\n\u00fcber dem der Sohn am Kreuze hing und hinuntersah zum Priester, der, von Kindheit an in der L\u00fcge versunken und ertrunken, eben zum schmerzverzerrten Gesicht empor log:<br \/>\n\u201e. . . der du unseren Waffen deinen g\u00f6ttlichen Beistand schenktest, Lob und Preis und Dank sei dir, der du unsere Waffen gesegnet und mit Sieg gekr\u00f6net hast.\u201c<br \/>\nSie rannte die drei Stufen hinauf, prallte gegen den Priester.<br \/>\nDurch alle T\u00fcren dr\u00e4ngte die Menge herein. Und die Veranlassung dazu verbreitete sich schnell unter den Kirchenbesuchern: fast nur alten Frauen, von denen die meisten ihrer S\u00f6hne beraubt waren. M\u00fctter, die, von t\u00f6dlicher Verzweiflung getrieben, ihre letzte Zuflucht bei Gott suchten, und von Gott, von der Liebe getrennt blieben durch die L\u00fcgenmauer, die der um Sieg und Segen f\u00fcr unsere Waffen und um Verderben und Tod f\u00fcr den Feind bittende Priester vor ihren Seelen auft\u00fcrmte.<br \/>\nDie Mutter vernahm seine letzten Worte und stand, wie von Gott gesandt, eine ewige Sekunde aufgerichtet vor dem Priester. Da flog das von Gott selbst ihr auf die Lippen gegebene Wort \u201eL\u00fcge!\u201c durch die Kirche und zerri\u00df die ungeheure Spannung.<br \/>\nSie warf in einem wilden Schwung die H\u00e4nde empor zum schmerzverzerrten Sohne. Der ge\u00e4ngstigte Priester wollte die Mutter wegrei\u00dfen. W\u00e4hrend des kurzen Kampfes prallten beide gegen den Altar:<br \/>\nder Sohn schwankte und neigte sich und sank nach vorne in die empfangenden Arme der Mutter.<br \/>\nDer entsetzte Priester trat zur\u00fcck.<br \/>\nEin Hauch zog durch die Kirche, verdichtete sich zu vielstimmigem Gefl\u00fcster und wurde ein Ton, den die Orgel aufnahm und motivisch mit dem melodisch ansteigenden Vorspiele verband.<br \/>\nDie erh\u00f6hte Mutter stand, das Gesicht den Gesichtern zugedreht, den umschlungenen Sohn an der Brust, reglos vor dem Altare, entschlossen zum Sturme gegen Gewalt und Mord. Und alle sahen, da\u00df sie das pers\u00f6nliche Leid hinter sich gelassen hatte und nach dem wilden Schmerzenslauf durch die Stadt in dieser Sekunde den dunklen M\u00e4chten entronnen und eingetreten war in die wei\u00dfflie\u00dfende Liebe.<br \/>\nGanz in ruhevollem Glanze versunken, stieg die Verkl\u00e4rte die drei Stufen herunter, ging langsam durch den Mittelgang.<br \/>\nUnd die ungl\u00fccklichen M\u00fctter brachen, vom Unnennbaren ber\u00fchrt, los von der L\u00fcge und folgten. Es wurde kein Wort gesprochen, und nicht ein Mensch blieb zur\u00fcck.<br \/>\nNur noch der Priester stand seitw\u00e4rts neben dem Altare, die weitge\u00f6ffneten Augen auf die einm\u00fctig Abziehenden gerichtet. Da brach sein Kopf auf die Brust, als habe er einen Hammerschlag in den Nacken bekommen. Er hob das nicht wieder zu erkennende Gesicht und folgte<br \/>\ndem Zuge, der schweigend und mit g\u00f6ttlicher Selbstverst\u00e4ndlichkeit die Stadt durchzog und von Minute zu Minute m\u00e4chtiger anschwoll, best\u00e4ndig vergr\u00f6\u00dfert durch die pl\u00f6tzlich Sehendgewordenen.<br \/>\nDrei Jahre, gef\u00fcllt mit Begeisterung, mit Blut, mit zehnmillionenfachem Morde, mit Glauben an die L\u00fcge, mit Standhaftigkeit, Arbeit, Hunger, mit Leid und Leid und Leid waren durchschritten. Nichts war unversucht geblieben; alles war ertragen worden. Vergebens. Der blutige Kreis hatte keinen Ausweg.<br \/>\nJetzt schritten die Menschen geschlossen und still in den Ausweg: in die Wahrheit hinein. Ohne Worte der Erkl\u00e4rung. Die Neuhinzukommenden fragten nicht. Niemand sprach ein Wort. Die Wahrheit braucht nicht den Ton. Die Wahrheit ist still.<br \/>\nDer f\u00fcr die Menschen am Kreuze gestorbene Sohn, von der Mutter Europas dem Kriege vor das Mordgesicht gehalten, \u00f6ffnete von neuem die Herzen f\u00fcr die Liebe, deren wei\u00dfgl\u00fchender Strom den kilometerlangen Zug best\u00e4ndig durchflo\u00df und allen Widerstand der noch von dunklen M\u00e4chten Gefesselten verbrannte.<br \/>\nAus den Augen eines reitenden Schutzmannes, der den Zug begleitete, brach pl\u00f6tzlich das innere Licht. Er stieg ab.<br \/>\nUnd das Pferd, getrennt von seinem Herrn, ganz verbunden mit den Menschen, schritt mit und blickte tief, kindlich und gut.<br \/>\nStumpfe Menschen, vom Leide ausgeh\u00f6hlt, empfingen den Keim neuen Lebens. V\u00e4ter, M\u00fctter, Kriegswitwen, Kr\u00fcppel, in den mildgl\u00e4nzenden Augen die unme\u00dfbar tiefe Freude von Menschen, die alles hingegeben und verloren hatten und nun pl\u00f6tzlich zusammen mit Br\u00fcdern gingen.<br \/>\nVon Zweifel und Frage nicht ber\u00fchrt, dicht hintereinander, fast am Platze marschierend, dem Ziele zu, das alle im Herzen trugen.<br \/>\nEin endloser, schweigender Zug von Br\u00fcdern, dem Menschheitsziele entgegen, \u00fcber den Untergang hinaus, hinein in das neue Zeitalter, das im Zeichen der Wahrheit, der Freiheit und der Liebe steht.<br \/>\nSie schritten ganz langsam eine breite, unabsehbar lange Asphaltstra\u00dfe hinunter und nahmen, tief vertraut mit der Atmosph\u00e4re der gro\u00dfen Zeitwende, in der die Ereignisse ohne Frage und Antwort begriffen werden, mit g\u00f6ttlicher Selbstverst\u00e4ndlichkeit wahr, da\u00df ihrem Zuge ein gewaltig langer Bruderzug entgegenkam. Ganz langsam und schweigend.<br \/>\nVoran der Kellner, auf dessen von Mund zu Mund getragenes Wort Millionen horchten.<br \/>\nNeben ihm die Versicherungsagentenwitwe, die vom Kellner dem Hasse entrissen und in den tieferen, in den radikalsten Protest gegen den Mord: in die Liebe gestellt worden war.<br \/>\nDer von diesen beiden angef\u00fchrte Revolutionszug der Liebe traf mit dem unabsehbar langen Revolutionszug der Liebe, den die Mutter und der Gekreuzigte anf\u00fchrten, bei einer asphaltierten, breiten Querstra\u00dfe zusammen.<br \/>\nKeine Frage. Keine Erkl\u00e4rung. Kellner und Agentenwitwe und die Mutter mit dem gekreuzigten Sohne blieben voreinander stehen, Auge in Auge.<br \/>\nDie Seitw\u00e4rtsgehenden beider Z\u00fcge bogen links und rechts in die Querstra\u00dfe ein: ordneten sich zu einem riesenhaft gro\u00dfen, schwarzen Menschenkreuz, zu dessen Mittelst\u00fcck das neben der Mutter stehenbleibende, reiterlose Pferd des Schutzmannes wurde.<br \/>\nUnvermittelt kam die Erleuchtung \u00fcber abgearbeitete, vom Hunger geschw\u00e4chte Menschen. Sie l\u00f6sten sich los, standen pl\u00f6tzlich auf Balkonen.<br \/>\nUnd sprachen hinunter zum schwarzen Menschenkreuz, in dessen Mitte der gekreuzigte Sohn ragte.<br \/>\nDas zu den Rednern emporgerichtete Gesicht der verbr\u00fcderten Menge leuchtete wei\u00df. Und die Worte des neuen Zeitalters sanken, wie vor zweitausend Jahren, hinein in die durch m\u00f6rderisches Leid wieder f\u00fcr die Liebe bereit gewordenen Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leonhard Frank ver\u00f6ffentlichte 1917 in Z\u00fcrich mehrere Novellen unter dem Titel \u201eDer Mensch ist gut\u201c. In Deutschland wurde das Buch sofort verboten. Es sind dies die f\u00fcnf Novellen Der Vater, Die Kriegswitwe, Die Mutter, Das Liebespaar, Die Kriegskr\u00fcppel. Leonhard Frank, &hellip; <a href=\"http:\/\/win2014.de\/?page_id=1313\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1324,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"onecolumn-page.php","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1313"}],"collection":[{"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1313"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1313\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1335,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1313\/revisions\/1335"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1324"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1313"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}