{"id":1310,"date":"2014-08-25T22:00:04","date_gmt":"2014-08-25T20:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/win2014.de\/?page_id=1310"},"modified":"2014-08-25T22:29:29","modified_gmt":"2014-08-25T20:29:29","slug":"die-kriegswitwe","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/win2014.de\/?page_id=1310","title":{"rendered":"Die Kriegswitwe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Leonhard Frank ver\u00f6ffentlichte 1917 in Z\u00fcrich mehrere Novellen unter dem Titel <em>\u201eDer Mensch ist gut\u201c<\/em>. In Deutschland wurde das Buch sofort verboten. Es sind dies die f\u00fcnf Novellen <em>Der Vater, Die Kriegswitwe, Die Mutter, Das Liebespaar, Die Kriegskr\u00fcppel<\/em>.<br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\"><strong>Leonhard Frank, Der Mensch ist gut <\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\"><strong>Max Rascher, Verlag, Z\u00fcrich, 1918, Copyright 1918 by Max Rascher, Verlag, Z\u00fcrich <\/strong><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\"><strong>Geschrieben 1916 bis Fr\u00fchling 1917<\/strong><\/span><br \/>\n<em><a href=\"http:\/\/www.gutenberg.org\/files\/35176\/35176-h\/35176-h.htm\"><span style=\"font-size: 10pt;\">http:\/\/www.gutenberg.org\/files\/35176\/35176-h\/35176-h.htm<\/span><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 18pt;\"><strong>Die Kriegswitwe<\/strong><\/span><br \/>\nIhr Mann war Versicherungsagent gewesen, war gefallen, gestorben. Kopfschu\u00df.<br \/>\n\u201eDie Kugel h\u00e4tte ihn auch in die Brust treffen k\u00f6nnen, ins Herz, in die Lunge. Die Kugel h\u00e4tte ebensogut . . . den Magen meines Mannes zerfetzen oder die Wirbels\u00e4ule zersplittern k\u00f6nnen. Der eine stirbt so, der andere so. Das ist ganz gleich. Tot ist tot . . . Oder ein Bajonettstich in seinen Unterleib, da\u00df mein Mann seine Ged\u00e4rme, die er nie gesehen hatte, noch ein paar Minuten lang h\u00e4tte betrachten k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\nUnwillk\u00fcrlich legte die Frau sch\u00fctzend die Hand auf ihren hohen Unterleib: das Kind des toten Vaters bewegte sich.<br \/>\n\u201eVersicherungsagent . . . Er h\u00e4tte ebensogut irgend ein Handwerker, Kaufmann, Arbeiter, Beamter, Gelehrter sein k\u00f6nnen, ganz gleich was, die Kugel h\u00e4tte ihn doch getroffen . . . Sauste auf meinen Mann zu und machte keinen Bogen um ihn herum, machte nat\u00fcrlich keinen Bogen um den armen Versicherungsagenten herum. Die Kugel w\u00e4hlt ja nicht aus. Trifft jeden . . . Ich, eine Versicherungsagentenwitwe, k\u00f6nnte ebensogut eine Beamten- oder Arbeiterwitwe sein. Zwischen mir und allen anderen gibts keinen Unterschied. Ich bin eine Kriegswitwe. Wie alle. Eine Kriegswitwe . . . Und wenn meinen Mann eine Granate so zerfetzt und in die Luft gesprengt h\u00e4tte, da\u00df nicht ein Teilchen seines K\u00f6rpers mehr zu finden gewesen w\u00e4re? Ganz gleichgiltig! Tot ist tot . . . Mein Schicksal ist das Schicksal von Millionen Frauen. Einen Unterschied gibts gar nicht zwischen mir und allen anderen Frauen . . ., zwischen mir und der Nachbarin, die an der Ecke wohnt und seit drei Wochen auch keinen Mann mehr hat, zwischen mir und den . . . Ja wieviel Frauen sinds denn? Zwei Millionen vielleicht, die in ihrem Zimmer sitzen und, wie ich, an ihren toten Mann denken? Zum Fenster hinaussehen und an ihren toten Mann denken, Staub wischen, Kinder warten, Str\u00fcmpfe stricken, kochen, auf die Arbeit gehen und an ihren toten Mann denken, an ihren toten Mann denken, toten Mann denken. Sich abends ins Bett legen und an ihren toten Mann denken. Zwei Millionen vielleicht? Zwischen all denen und mir gibt es keinen Unterschied. Unsere M\u00e4nner sind tot . . . Der Nachbarin ihr Mann ist in einem Lazarett gestorben. Meiner durch Kopfschu\u00df. War sofort tot. Ganz gleichgiltig . . . Kopfschu\u00df! In die Stirn? Vielleicht bei der Nasenwurzel hinein? Oder durchs Auge hinein? Durch sein Auge? Ja aber, was geschah mit seinem Auge? Mit seinem lieben Auge. Mit dem Auge meines lieben Mannes . . . Ist ja ganz gleichgiltig; es ist ganz gleichgiltig, ob das Auge, die Brust, die Lunge, das Gehirn, der Unterleib zerfetzt wird. Tot ist tot . . . Millionen Kriegswitwen sitzen wie ich da und stellen sich vor, wie der Mann eigentlich gestorben sein mag. Es ist aber ganz gleich, wie er den Tod fand. Fand? Sucht man denn den Tod? . . . Und ob er jetzt Schlosser oder Student, Fabrikarbeiter oder Bauer, Gelehrter oder Beamter gewesen w\u00e4re, ganz gleich. Das ist ganz gleich . . . Es geht Millionen Frauen so wie mir. Gott sei Dank.\u201c<br \/>\n\u201aWieso denn Gott sei Dank?\u2018<br \/>\nSie stand schwerf\u00e4llig auf; die Hand blieb auf die Tischkante gest\u00fctzt. \u201eDas lindert.\u201c \u201a. . . Was lindert?\u2018 \u201e. . . Doch, das lindert. Es ist doch ein Unterschied, da\u00df es nicht mir allein, sondern Millionen Frauen so geht. Ein bedeutender Unterschied. Der Unterschied ist sehr gro\u00df. Und es lindert. Ich w\u00fcrde es einfach nicht ertragen, wenn es mir allein so ginge. Sich das nur vorzustellen! K\u00f6nnte ich es denn ertragen? Ich ganz allein! Das w\u00e4re unm\u00f6glich . . . Es geht Millionen Frauen so wie mir.\u201c<br \/>\nSchon eine Weile hatte sie gedankenversunken in den Spiegel gesehen; jetzt erst bemerkte sie die Miene befriedigter Rachgier in ihrem Gesicht. Und sah ganz pl\u00f6tzlich Millionen Frauengesichter, schmerzbehangen.<br \/>\n\u201eDas l\u00e4\u00dft einen das Ungl\u00fcck leichter ertragen, ertragen . . . Es geht eben allen so wie mir. Wir m\u00fcssens ertragen, wir Frauen.\u201c<br \/>\n\u201eUnd wenn du einen Menschen leiden siehst, so verdopple sich dein eigener Schmerz\u201c, hei\u00dfts, glaube ich, in der Bibel. Ganz im Gegenteil. Das lindert. Entweder l\u00fcgt die Bibel oder wir Kriegswitwen l\u00fcgen. Alles ist auch nicht wahr, was in der Bibel steht. Wir Kriegswitwen l\u00fcgen nicht. Wer behauptet, da\u00df wir Kriegswitwen l\u00fcgen! Wir haben unsere M\u00e4nner dem Vaterlande geopfert. Auf dem Altare des Vaterlandes geopfert. \u201eAl . . . tar des Vater . . . landes\u201c, schmeckte sie mit der Zunge, sah fernhin, versuchte, sich den Altar des Vaterlandes vorzustellen. Das gelang ihr nicht.<br \/>\nImmer wieder sah sie den Altar, vor dem sie als M\u00e4dchen das erste Abendmahl genommen hatte, sah Kerzen und das Christusbild. \u201eAber Altar des Vaterlandes? Gibts denn das \u00fcberhaupt?\u201c<br \/>\nDa machte ihr Wesen einen blitzschnellen Sprung zur\u00fcck zu dem Glauben: \u201eIch habe meinen Mann auf dem Altare des Vaterlandes geopfert . . ., wie alle andern Kriegswitwen auch.\u201c<br \/>\n\u201eDer Altar steht allerdings nicht in einer Kirche, sondern ist ein mit Elektrizit\u00e4t geladener Stacheldrahtzaun, in dem dein Mann h\u00e4ngen geblieben ist\u201c, versuchte der Schmerz zu fl\u00fcstern, \u201ealso m\u00fc\u00dfte man eigentlich sagen: geopfert im Stacheldrahte des Vaterlandes.\u201c<br \/>\nEs gelang ihr, den noch ganz undurchlittenen Schmerz um den toten Mann wegzuhalten mit den Worten: \u201eEr starb den Heldentod f\u00fcrs Vaterland.\u201c<br \/>\nStolz glitt mit diesem Worte in ihr armes Herz hinein.<br \/>\n\u201eDie Befriedigung, da\u00df es Millionen Frauen so geht, und die Worte: \u201aGeopfert auf dem Altare des Vaterlandes, Er starb f\u00fcr eine heilige Sache, Er starb f\u00fcr den Sieg unserer Waffen\u2018, sind Bet\u00e4ubungsmittel gegen den Schmerz um deinen geliebten Mann; aber nicht immer kannst du Bet\u00e4ubungsmittel nehmen; einmal wirken sie nicht mehr\u201c, fl\u00fcsterte der Schmerz, der empfunden sein wollte und so fest in Worte eingepackt war, da\u00df seine Stimme von der Kriegswitwe nicht geh\u00f6rt wurde.<br \/>\nDie Abzementierung des Gef\u00fchls, des Schmerzes war undurchdringlich; so undurchdringlich war die einzementierte Wortplatte \u2014 von den noch im dunkelsten Geiste alter Jahrhunderte Stehenden einzementiert in das empf\u00e4ngliche, gedankenlos-gl\u00e4ubige Gehirn des Volkes \u2014, da\u00df der noch undurchlittene Schmerz nicht eine Sekunde lang in ihr Herz vordringen konnte.<br \/>\nDer Gesichtsausdruck der Witwe wurde, da Gef\u00fchl und Schmerz nicht flie\u00dfen konnten, von Tag zu Tag steinerner. Die Tr\u00e4nen wurden nicht vom Herzen geschickt; sie liefen von oben weg.<br \/>\nUnd der immer steifer werdende Ha\u00df gegen den Feind machte sie im Traume zur M\u00f6rderin.<br \/>\nEin versp\u00e4teter Brief des toten Mannes kam an. Der Schmerz setzte sich in den Brief hinein, wollte mit jedem Worte, das die Frau las, ihr ins Herz springen.<br \/>\nDas war abzementiert.<br \/>\nEr erz\u00e4hlte vom Sch\u00fctzengraben, vom Feuer des Feindes, vom Essen. \u201eIch rauche jetzt viel, das tut gut\u201c, schrieb der tote Mann. \u201eUnd wann werde ich dich wiedersehen? Sende mir eine wollene Unterjacke; es ist kalt geworden. Und bleib mir treu.\u201c<br \/>\nDie einzementierte Platte r\u00fcckte; Schmerz scho\u00df hei\u00df auf. Ganz kurz. Dann sa\u00df die Platte wieder fest. Das eine Sekunde lang ungeheuer ver\u00e4ndert gewesene Witwengesicht wurde wieder steinern.<br \/>\nIn ihrem Kopfe war verwirrender Nebel zur\u00fcckgeblieben, von dem sich vage der Gedanke losl\u00f6ste: \u201eZwei solche wollene Unterleibchen m\u00fcssen doch noch da sein, Trikotleibchen. Da k\u00f6nnte er immer das eine waschen, wenn er das andere anhat . . . M\u00fcssen doch noch da sein.\u201c<br \/>\nDer Schrank \u00f6ffnete sich. Das Unterleibchen wurde bei den zwei \u00c4rmelenden gefa\u00dft, untersucht. \u201eNur den Knopf, mu\u00df ich ann\u00e4hen.\u201c<br \/>\nDer Schmerz hatte sich im Unterleibchen versteckt; sein Sprung ins Witwenherz wurde vom Nebel in ihrem Gehirn verhindert.<br \/>\nW\u00e4hrend sie den Knopf ann\u00e4hte, packte sie in Gedanken das Unterleibchen schon ein, trugs zur Post: es rollte an die Front, wurde vom toten Mann ausgepackt, angezogen.<br \/>\nDa verschwand der Nebel. Und ihr ganzes Wesen fl\u00fcchtete hinein in das Wort: \u201eIch habe meinen Mann auf dem Altare des Vaterlandes geopfert, f\u00fcr eine heilige Sache . . ., wie alle andern Frauen auch, wie viele Frauen, wie zwei Millionen Frauen. . . . Es geht mir nicht allein so.\u201c<br \/>\nSie trug das Leibchen in den Schrank zur\u00fcck. Da hing eine alte Hose. Bei den Knien war die Hose etwas heller und herausgedr\u00fcckt, als seien die Kniee des Mannes noch in der Hose.<br \/>\nSie tippte mit dem Zeigefinger gegen das herausgedr\u00fcckte Hosenknie, in dem der Schmerz sa\u00df, lauernd, sprungbereit.<br \/>\nUnd fl\u00fcchtete, den Blick auf die schaukelnde Hose gerichtet, in die kleine Befriedigung hinein: \u201eDie h\u00e4tte er doch nicht mehr lange tragen k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\nAutomatisch ging sie fort, um Eink\u00e4ufe zu machen f\u00fcr den Haushalt. \u201eLange h\u00e4tte er die nicht mehr tragen k\u00f6nnen . . . Wenn er zu den Leuten geht, um sie zu \u00fcberreden, sich versichern zu lassen, und ist nicht gut angezogen, wer l\u00e4\u00dft sich da von ihm in die Versicherung aufnehmen . . ., wenn er schlecht angezogen ist. Die Leute sind ja gleich so mi\u00dftrauisch.\u201c<br \/>\nSie hatte ein schwarzes Kleid an. Ihr Gesicht war leblos, wei\u00df, das Auge leblos: nicht starr, nicht ruhig, nicht gl\u00e4nzend; es sah tot aus. Die Witwe sah tot aus. Wie ein Gipsabgu\u00df. Mechanisch bewegte sich ihr K\u00f6rper vorw\u00e4rts, in den Kolonialwarenladen hinein.<br \/>\n\u201eAber wenn er abends heim kam, und es waren ihm ein paar Abschl\u00fcsse gelungen. Wie sch\u00f6n! Die Prozente! . . . Da sind ein paar ganz Hartn\u00e4ckige. Gott, wie oft war er schon bei denen! Die sind sehr reich; die Versicherung w\u00e4re sehr hoch; und wenn ihm der Abschlu\u00df gelingt . . . Die Prozente! Wenn er vielleicht jetzt noch einmal hinginge, wer wei\u00df? . . . Er soll doch noch einmal hingehen.\u201c<br \/>\nDer alte, nach Petroleum riechende Kolonialwarenh\u00e4ndler bediente die Kriegswitwe mit besonderer und bedeutsamer Zartheit.<br \/>\nUnd ihr stieg schmerzhaft schnell die unab\u00e4nderliche Tatsache wieder ins Bewu\u00dftsein, da\u00df ihr Mann zu den paar Hartn\u00e4ckigen, die so reich waren, gar nicht mehr gehen konnte, weil er ja nicht mehr lebte.<br \/>\nIhr Gesichtsausdruck ver\u00e4nderte sich; und der Kolonialwarenh\u00e4ndler, von ihrer Miene zum st\u00e4rkeren Bezeugen seines Mitleids aufgefordert, zeigte deutlicher, da\u00df er wohl wisse, was es f\u00fcr eine Frau bedeute, den Mann verloren zu haben. Seine gespannte Bereitwilligkeit, wie er ihre Bestellungen entgegennahm, tat ihr wohl. Mit einem leisen Druck legte er die gef\u00fcllte D\u00fcte vor sie hin, sah ihr, Oberk\u00f6rper vorgebeugt, ins Auge.<br \/>\nUnd die Hausfrau in ihr versuchte, das Zartgef\u00fchl des Kolonialwarenh\u00e4ndlers zu ben\u00fctzen: ob sie den Kaffee noch einmal zum alten Preis bekommen k\u00f6nne.<br \/>\nDa hob er die Schultern: das t\u00e4te ihm leid.<br \/>\nSofort verschlo\u00df sich ihr Gesicht. Und wie ein Grammophon \u201aDie Wacht am Rhein\u2018, spielte ihr wundes Gehirn automatisch: \u201aIch habe meinen Mann auf dem Altare des Vaterlandes geopfert, f\u00fcr die Verteidigung des Vaterlandes, des heimatlichen Herdes hingegeben; er ist auf dem Felde der Ehre gefallen, damit dieser schmutzige Kr\u00e4mer weiter sorglos seine Kaffee verkaufen kann, und mir gibt er ihn nicht zum alten Preis.\u2018<br \/>\nDer Kolonialwarenh\u00e4ndler hob das Klappbrett des Ladentisches, schl\u00fcpfte vor, \u00f6ffnete h\u00f6flich die T\u00fcr: \u201eDie enormen Einkaufspreise jetzt. Nicht zu sagen.\u201c Es t\u00e4te ihm ja wirklich sehr leid, aber da sei nichts zu machen.<br \/>\nTief beleidigt und scharfen Ha\u00df in den Augen, verlie\u00df sie den Laden.<br \/>\nEin Schaufensterspiegel zeigte ihr, da\u00df sie gebeugter ging, als es ihr momentaner Seelenzustand verlangt h\u00e4tte. Bewu\u00dft brachte sie den Gesichtsausdruck in \u00dcbereinstimmung mit ihrer K\u00f6rperhaltung und ging gebeugt und langsam weiter,<br \/>\nvor\u00fcber an einem spielenden Kinde, das, seinen mit Ahnung gef\u00fcllten Blick zu ihr emporgerichtet, im Halbkreise auswich und ihr nachsah.<br \/>\nDa\u00df sie eine Kriegswitwe war, konnte jeder sehen. Auch die Leute im Trambahnwagen f\u00fchlten das sofort, schlossen jedoch die Augen. Denn da war nichts zu machen. Krieg ist Krieg. Und dabei fallen M\u00e4nner. Alles Mitleid n\u00fctzt nichts. Mitleid ist hier Schw\u00e4che. Au\u00dferdem gehts vielen so. Die Kriegswitwe stierte wie ein Mensch, der in seinem Blute liegt. Und alle gehen vor\u00fcber. Sie steckten die Gesichter in die noch feuchten Zeitungen, lasen die neueste Siegesnachricht: wieviel Feinde gefangen, wieviel gefallen waren, freuten sich und nahmen sich konzentriert vor: \u201aMich solls nicht packen . . . Aber denen werden wirs zeigen!\u2018<br \/>\n\u201eSiebentausend!\u201c las laut ein gutm\u00fctig aussehender alter Mann und sah die Kriegswitwe an. \u201eSiebentausend Gefangene! Ungeheuer blutige Verluste! Berge von feindlichen Leichen!\u201c<br \/>\nGesichter gl\u00e4nzten. Freudenworte sprangen durch den Wagen. H\u00e4nde flatterten. Befriedigter Ha\u00df sa\u00df auf den B\u00e4nken.<br \/>\nDie bisher tot und blau gewesenen Augen der Agentenwitwe waren schwarz geworden vor befriedigter Rachgier. \u201eWas steht da? Berge von feindlichen Leichen? Berge?\u201c<br \/>\nDa trat, gleich einem Fremden, der unerwartet und unerw\u00fcnscht in eine geschlossene Gesellschaft eindringt, von der Plattform aus der Kellner in den T\u00fcrrahmen: \u201e\u00dcber was freut ihr euch denn so? \u00dcber was? . . . Weil jetzt wieder einige tausend Euresgleichen auf dem Felde der . . . Ehre liegen? Blutig und zerfetzt! Noch atmend oder schon tot! . . . Vielleicht ist auch Ihr Sohn unter den zerstampften Opfern. Und liegt seit der gestrigen Schlacht ohne Hilfe schwer verwundet zwischen Toten und glotzt zu seinem Beine hin, das zwei Meter von ihm entfernt liegt. Glauben Sie denn, da\u00df Ihr Sohn den wahren Grund gekannt hat, der ihn veranla\u00dfte, zum M\u00f6rder zu werden, bevor er selbst ermordet wurde?\u201c fragte er, m\u00fchsam seine Erregung b\u00e4ndigend, den gutm\u00fctig aussehenden alten Mann,<br \/>\nin dessen Gesicht die Siegesfreude fassungslosem Staunen wich.<br \/>\nDer Zwanzigj\u00e4hrige, der seit dem Tage, da der Kellner in seiner Heimatstadt die Herzen f\u00fcr die Liebe aufgerissen hatte, mit durch das Land und durch die St\u00e4dte fuhr und, scheinbar ganz unbeteiligt, auf der Plattform stand, machte pl\u00f6tzlich einen schnellen Schritt in den Wagen hinein, auf den Offizier zu, der abweisende Glasaugen bekam: \u201eSteht auf gegen den Krieg. Protestiert! Alle! Alle!\u201c<br \/>\n\u201eSie sind ruhig jetzt! Hier wird nicht so gesprochen\u201c, sagte der Schaffner.<br \/>\n\u201eBleibt nicht sitzen in eurer Freude dar\u00fcber, da\u00df Ochsen und K\u00e4lber humaner als Menschen, humaner als eure M\u00e4nner und S\u00f6hne geschlachtet werden.\u201c<br \/>\nSekundenlang stand das Schreckgespenst der Wahrheit im Wagen.<br \/>\n\u201eWenn man\u2019s richtig \u00fcberlegt, sind das nat\u00fcrlich auch Menschen . . . die Feinde\u201c, sagte jemand und wunderte sich, da\u00df er diese Worte gesprochen hatte.<br \/>\nDa wurden alle erl\u00f6st vom gutm\u00fctigen alten Manne, der sich schon wieder beruhigt hatte: \u201eJa, Menschen! Warum haben sie uns dann \u00fcberfallen? . . . H\u00e4tten wir uns nicht verteidigen sollen?\u201c<br \/>\nDas Leben kehrte zur\u00fcck: K\u00f6pfe nickten. Augen blickten gl\u00e4nzend und hart. Die Agentenwitwe richtete sich straff auf.<br \/>\nDer Kellner blickte hilflos wie ein Toter.<br \/>\nDer gutm\u00fctige Alte stie\u00df mit dem Zeigefinger auf seine Zeitung und rief, hassend und frohlockend: \u201eUnsere Verluste sind ja ganz gering. Hier steht\u2019s ja.\u201c<br \/>\n\u201eImmer hei\u00dft es: \u201aUnsere Verluste sind gering\u2018. Wie steht\u2019s dann damit, da\u00df wir bis jetzt schon mehr als zwei Millionen Tote haben? Und wie viele sind, so wie ich, f\u00fcr das ganze Leben ruiniert?\u201c fragte ein invalider Soldat, in einem Tonfalle, der aus einer anderen Ha\u00dfquelle kam, und starrte unbek\u00fcmmert dem Offizier ins Gesicht.<br \/>\n\u201eBerge von feindlichen Leichen!\u201c wiederholte der Alte und faltete die Zeitung zusammen.<br \/>\nDer Schmerz um den toten Mann war von einem Leichenhaufen zugedeckt. Erregt vom befriedigten Hasse, schritt die Agentenwitwe aus dem Wagen hinaus, die Mundwinkel in die Wangen zur\u00fcckgezogen, da\u00df die Lippen verschwunden waren und ihr mit Rachgier gef\u00fclltes Gesicht voller erschien.<br \/>\nDie Zeit ging hin. Mit Hilfe des Glaubens, da\u00df ihr Mann f\u00fcr eine heilige Sache, f\u00fcr den endlichen Sieg gestorben sei, auf dem Felde der Ehre, und mit der lindernden Tatsache, da\u00df es Millionen Frauen so ging wie ihr, hielt sie den Schmerz auch noch w\u00e4hrend der n\u00e4chsten Wochen von sich weg.<br \/>\nGl\u00e4ubiger schickten Rechnungen, dann Mahnungen, dann Drohbriefe, in denen noch der Satz stand: die Zeiten seien schlecht, jetzt brauche jeder sein Geld; dann kurze Mitteilungen, in denen die Pf\u00e4ndung unverschleiert angek\u00fcndigt wurde.<br \/>\nDas hatte die Kriegswitwe, deren Mann doch auf dem Felde der Ehre gefallen war, nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten. Diese R\u00fccksichtslosigkeit und Ungerechtigkeit \u00fcbertraf alles, was ihr bisher widerfahren war, \u00fcbertraf, wenn sie genau \u00fcberlegte, sogar die Ungerechtigkeit, da\u00df ihr Mann, gerade ihr Mann, der arme Versicherungsagent, der doch, wei\u00df der liebe Gott, schon vor dem Kriege in Not und Krieg gestanden war, in den Krieg hatte ziehen und fallen m\u00fcssen.<br \/>\nMonatelang trug sie noch das Gef\u00fchl und das gepeinigte Gesicht eines unschuldig verfolgten Menschen herum, bis sie, t\u00e4glich und durch verschiedenerlei Erlebnisse immer wieder daraufgesto\u00dfen, einsehen mu\u00dfte, da\u00df das Leben keine R\u00fccksicht auf ihr Schicksal nahm, das ja schlie\u00dflich das Schicksal von Millionen Kriegswitwen war, sondern offenbar kra\u00df weiterschritt, ganz unver\u00e4ndert, was die Geld- und Selbstsucht anlangte.<br \/>\nDieser bitteren Erkenntnis setzte sie anfangs soviel H\u00e4rte und dunkle Wut entgegen, wie in einem Menschenk\u00f6rper Platz hat.<br \/>\nAber das Leben war noch h\u00e4rter und m\u00fcrbte t\u00e4glich und mit m\u00f6rderischer Monotonie weiter, bis die Witwe dieser aussichtslosen Wut m\u00fcde wurde.<br \/>\nDer noch undurchlittene Schmerz hatte Zeit, konnte warten, bis die Schutzwehren \u2014 der Altar des Vaterlandes, das Feld der Ehre und die lindernde Tatsache, da\u00df es zwei Millionen Frauen so erging \u2014 ins Nichts zur\u00fcckst\u00fcrzten und das Herz der Kriegswitwe blo\u00dfgelegt war f\u00fcr den Sprung des Schmerzes, hinein ins Witwenherz.<br \/>\nUnd was dem Tage nicht ganz gelang, vollbrachten die Tr\u00e4ume. Dem Tage, da ein Bekannter es sich wohl sein lie\u00df bei der Bemerkung: \u201eLiebe Frau, die Zeit lindert jedes Leid\u201c, folgte die Traumnacht, in der der Schmerz erstaunlich deutlich erkl\u00e4rte: \u201eAber den noch undurchlittenen Schmerz kann die Zeit nicht lindern. Kann Liebe vergehen, bevor sie da war und empfunden worden ist? . . . Erst mu\u00df der wahnsinnig singende, m\u00f6rderische Schmerz empfunden worden sein, ehe die Zeit ihn lindern kann.\u201c<br \/>\nIn derselben Nacht tr\u00e4umte die Witwe: der Mann kommt zu sp\u00e4t nach Hause. Sie liegt schon lange im Bett. Sie ist b\u00f6se, schimpft: \u201eWo bleibst du denn!\u201c \u201eJe, je, ich kann mich doch auch einmal ein bi\u00dfchen unterhalten.\u201c \u201eSo! Und ich?\u201c<br \/>\nEr zieht sich aus (jede seiner Bewegungen ist ihr genau bekannt), legt sich neben sie ins Ehebett. Sie beobachtet alles durch die Wimpern, h\u00f6rt seinen Erleichterungsseufzer und wartet auf des Mannes verlangende Hand, h\u00fcstelt, um ihm die Ann\u00e4herung zu erleichtern, bewegt den K\u00f6rper, lockt, bis der Mann zu ihr schl\u00fcpft.<br \/>\nAlles k\u00f6nnte sch\u00f6n sein, wenn sie nicht pl\u00f6tzlich merkte, da\u00df nicht ihr Mann, sondern ein Fremder sie umfangen will.<br \/>\n\u201eEs erf\u00e4hrts ja niemand\u201c, sagt der Fremde. Und sie denkt: das ist wahr, es erf\u00e4hrts ja niemand. Ist bereit. Und alles w\u00e4re in Ordnung, wenn nicht im Rebenzimmer ein Mensch herumginge, der jeden Moment ins Schlafzimmer kommen konnte. Dieser Mensch ist der Schmerz um den toten Mann, hat eine feldgraue Uniform an, das Gewehr quer \u00fcber dem R\u00fccken.<br \/>\nJetzt steht er unterm T\u00fcrrahmen, ist aber nicht mehr der Schmerz in Uniform, sondern der Fremde, w\u00e4hrend bei ihr im Bett der Schmerz liegt, der zugleich ihr Mann ist.<br \/>\nSie will ihren Mann zu sich nehmen und kann nicht, weil der im T\u00fcrrahmen stehende Fremde nicht wegsieht. Und wie der Fremde endlich geht, die T\u00fcr hinter sich zuschl\u00e4gt und die Treppe hinunterpoltert, kann der Mann seine Uniform nicht ausziehen. Und immer ist das Gewehr zwischen ihm und der Frau.<br \/>\n\u201eDas Gewehr k\u00f6nnte losgehen\u201c, sagt sie, \u201enimm das Gewehr weg.\u201c Sie will ihm helfen.<br \/>\nUnd erwacht. Ruft nach ihrem Manne, horcht. Und tastet das Ehebett ab. \u201eSo eine Gemeinheit! Jetzt ist er noch nicht heimgekommen.\u201c Sie schimpft: \u201eDieser Lump!\u201c<br \/>\nDer Mann lacht: \u201eSchon seit zwei Stunden liege ich neben dir, und, du hast es nicht bemerkt.\u201c<br \/>\nSie ist froh, lacht auch. Er zieht sich aus, kommt zu ihr. Und wieder liegt das Gewehr, in dessen Rohrlauf ein Blumenstrau\u00df steckt, hindernd zwischen ihnen. \u201eNimms doch weg . . . Warte, ich drehe das Licht an.\u201c<br \/>\nDie Hand am Schalter, erwacht sie diesmal wirklich, dreht das Licht an, sucht neben sich im leeren Bett. \u201eDer gemeine Kerl ist noch nicht da.\u201c<br \/>\nJetzt erst ergreift eine dunkle Faust das Herz. Und wie sie dem Schmerze entfliehen will aus den Worten: \u201eEr ist den Heldentod gestorben\u201c, pre\u00dft die Faust das Herz zusammen.<br \/>\n\u201eWie allen andern Frauen auch, geht es mir\u201c, will sie fl\u00fcstern. Und ihre Lippen formen diese Buchstaben nicht. Die Begriffe \u201aAltar des Vaterlandes, Heldentod, Feld der Ehre\u2018 zerflattern, sinken ins Nichts zur\u00fcck vor der entsetzlichen Wirklichkeit, da\u00df der Mann niemals mehr zu ihr kommen kann.<br \/>\nUnd wie ein Mensch, der ein auf seiner Handfl\u00e4che liegendes Brettchen unter die Bohrmaschine h\u00e4lt, schmerzlos das monotone W\u00fchlen des Bohrers f\u00fchlt, empfand sie, starren Auges, noch schmerzlos, das rapide, unab\u00e4nderlich n\u00e4herkommende Bohren, bis pl\u00f6tzlich der Schmerz das letzte Hindernis durchsto\u00dfen hatte und, wie der Bohrer in die Handfl\u00fcche, hineinsauste ins Herz der noch schlaftrunkenen Kriegswitwe.<br \/>\nSek\u00fcndlich und mit der ganzen Kraft ihres Wesens versuchte sie, die Begriffe \u201aHeilige Sache, Altar, Feld der Ehre, Heldentod\u2018 als Bet\u00e4ubungsmittel dem Schmerze wieder entgegenzustemmen.<br \/>\nEs gelang ihr nicht mehr, diese Begriffe wie bisher mit Glauben an sie, mit falscher Empfindung, mit irgend einer Bedeutung zu f\u00fcllen. Da l\u00f6ste sich auch der Ha\u00df gegen den Feind in nichts auf.<br \/>\nUnd der Schmerz um den toten Mann war, in den Zeitraum weniger Sekunden zusammengepre\u00dft, ganz pl\u00f6tzlich so unmenschlich furchtbar, da\u00df die Witwe, wollte sie nicht im Augenblick Besinnung und Verstand einb\u00fc\u00dfen, mit einem gewaltigen innerlichen Sprung von ihrem Leben der L\u00fcge, Gedankenlosigkeit und Selbstsucht heraus \u2014 ins h\u00f6here Menschentum hineinspringen mu\u00dfte. Sie hatte das tief entsetzliche Gef\u00fchl, die Kraft ihres Wesens reiche nicht aus zum Sprunge, umklammerte, aufrecht im Bette sitzend, mit beiden H\u00e4nden den Hals, den Wahnsinnsschrei abzuw\u00fcrgen, der gurgelnd hervorquirlte. Flog aus dem Bett in den Rock hinein. Und raste, halb angekleidet, durch die Stra\u00dfen. Suchte sich eines Menschen zu entsinnen, der, vom gleichen Seelenschlag zertr\u00fcmmert, ihren vom Wahnsinn schon bedrohten Zustand begreifen k\u00f6nnte. Und fand keinen in ihrer Welt. Alle tr\u00f6steten sich selbst und wollten sie tr\u00f6sten mit dem Altare des Vaterlandes, mit dem Felde der Ehre.<br \/>\nPl\u00f6tzlich sprang aus diesen trostlosen Worten der Kellner heraus und in den T\u00fcrrahmen der Stra\u00dfenbahn: \u201aSteht auf! Auf! Protestiert! Alle! . . . Glaubt ihr denn, da\u00df eure S\u00f6hne, eure M\u00e4nner den wahren Grund kannten, der sie veranla\u00dfte, Menschen zu morden, bevor sie selbst ermordet wurden? . . . Bleibt nicht sitzen in eurer Freude dar\u00fcber, da\u00df Ochsen und K\u00e4lber humaner als Menschen, humaner als eure S\u00f6hne und M\u00e4nner geschlachtet werden.\u2018<br \/>\nDunkel stieg der Protest in ihr auf.<br \/>\nGegen Abend traf sie im Laden des Kolonialwarenh\u00e4ndlers mit der an der Ecke wohnenden jungen Arbeiterwitwe zusammen, deren Mann im Lazarett verendet war.<br \/>\nDie war in den wenigen Monaten eine alte Frau geworden; ihre Augen, durch das Weinen blutrot und um die H\u00e4lfte verkleinert, glichen nicht mehr Menschenaugen, sondern furchtbaren Wunden, die sich tief in die H\u00f6hlen hineingefressen hatten. Ihr Mann war erschlagen. Ihre Welt war erschlagen. Sie war erschlagen. Lebte nicht mehr.<br \/>\nIhrem t\u00f6dlichen Schicksale unterstellt, lehnte sie zerm\u00fcrbt und verbraucht am Ladentisch.<br \/>\nUnd als der Kolonialwarenh\u00e4ndler den Tagesbericht vorlas: \u201eUnsere todesmutigen Helden verteidigten mit bewunderungsw\u00fcrdiger Tapferkeit . . . jeden Handbreit Boden\u201c, bat sie mit d\u00fcnner Stimme, er m\u00f6ge ihr doch die drei D\u00fcten zusammen in eine D\u00fcte geben, so sei\u2019s leichter zu tragen.<br \/>\n\u201eHandbreit Boden! Handbreit!\u201c schrie die Agentenwitwe und erblickte, von Wut und Abscheu in die Vision hochgerissen, ein nur handgro\u00dfes St\u00fcck Erde, auf dem sich eine ungeheure Pyramide von hunderttausend zerfetzten Siegern und Besiegten erhob.<br \/>\nDer alte Kolonialwarenh\u00e4ndler erschrak, als seinem beifallsl\u00fcsternen Patriotenblick ein von Mordwut verzerrtes, wildes Frauenantlitz entgegengestellt wurde. Instinktiv fl\u00fcchtete er in das Wort hinein: \u201eSie sterben den Heldentod, auf dem Felde der Ehre.\u201c<br \/>\n\u201eJa, Feld der Ehre! Ihr habt meinen Mann erschlagen. Mein Mann ist tot. Tot!\u201c<br \/>\n\u201eAber Frau! Und die Heimaterde? Die mu\u00df doch schlie\u00dflich verteidigt werden. Unsere heiligsten G\u00fcter stehen auf dem Spiele.\u201c<br \/>\nDie Gedankenfetzen: \u201aG\u00fcter, heilig . . . G\u00fcterschuppen steht auf dem Spiele, Heimat . . . B\u00f6rsenspiel mit Heimaterde\u2018, passierten das Witwengehirn. Sie schleuderte die gef\u00fcllte D\u00fcte zur\u00fcck. \u201eA was! Heiligste G\u00fcter! Mein Mann war mein heiligstes Gut. Er lebte, hatte Augen, verstehen Sie \u2014 Augen! Hatte Arme, die er um mich herumlegen konnte, und hatte . . . hatte, hatte, hatte \u2014 war mein Mann. Ja, glotzen Sie mich nur an, ist mir gleichgiltig. Was sind denn eigentlich die heiligsten G\u00fcter? Wo denn? Ich hab sie nicht. Ich habe keine. Heiligste G\u00fcter! Heilig! Nichts als L\u00fcge und Schwindel. Schwindel! Ah . . . ihr Hunde!\u201c<br \/>\n\u201eAber Frau! Sie machen sich ja ungl\u00fccklich, werden eingesperrt. Sie werden eingesperrt, das prophezeie ich Ihnen, wenn Sie so \u00fcber . . . unsere heiligsten G\u00fcter sprechen.\u201c<br \/>\n\u201eIch, eingesperrt?\u201c<br \/>\nUnvermittelt f\u00fchlte der Kaufmann die Macht der Kriegswitwe, legte einen geradeliegenden Notizblock gerade.<br \/>\nAlter Schmerz hatte der anderen Kriegswitwe die Brauen hochgezogen, da\u00df die Stirn nur noch aus drei dicken Querfalten bestand. Aus ihren Wunden liefen zwei Tr\u00e4nen heraus, glitten schnell in die Wangenl\u00f6cher, in den offenen Mund hinein. Ob sie noch etwas Malzkaffee dazu bekommen k\u00f6nne. Ihre langsame Hand schob das Geldst\u00fcck hin.<br \/>\n\u201eWieviel Kaffeemalz? Ah so, es gibt keinen mehr.\u201c<br \/>\n\u201eEinsperren? Das wollen wir sehen, ob die mich auch noch einsperren.\u201c<br \/>\n\u201eLiebe Frau, hier d\u00fcrfen Sie nicht so reden, hier bei mir . . . Sie m\u00fcssen sich tr\u00f6sten, m\u00fcssen sich tr\u00f6sten. Da hilft alles nichts. Vielen geht es so wie Ihnen. Ja, es geht Millionen so.\u201c<br \/>\n\u201eDann halt adieu, wenn Sie keinen Malzkaffee haben\u201c, sagte die andere Kriegswitwe. Das Tr\u00e4nenwasser lief in den gewohnten Bahnen herunter, schaukelte am Kinn. Die mit den drei kleinen D\u00fcten gef\u00fcllte gro\u00dfe D\u00fcte in die konkave Brust hineingepre\u00dft, ging sie langsam hinaus.<br \/>\n\u201eWas gehen mich die andern an. Und wenn es zehn Millionen so geht. Das gibt mir meinen Mann nicht zur\u00fcck.\u201c Der Schmerz hockte und h\u00fcpfte in ihrem zuckenden Gesicht. \u201eMein Mann ist fort, tot, weg, kommt nie mehr, nie mehr. Verstehen Sie: nie mehr!\u201c<br \/>\n\u201eIst ja wahr, aber warum sagen Sie denn mir das alles? Habe ich den Krieg gemacht? Warum sagen Sie mir das alles?\u201c<br \/>\n\u201eWarum?\u201c fragte sie in ungeheuerem Erstaunen. \u201eWarum kommen Sie mir mit Ihrem Felde der Ehre, mit Ihrem Heldentod, mit Ihren heiligsten G\u00fctern daher? Sie . . . stehen da und verkaufen Ihr Zeug.\u201c<br \/>\n\u201eWir werden siegen\u201c, sagte der Mann einfach. \u201eDann ist der Krieg aus.\u201c<br \/>\nAls hatte er ihr eine wei\u00dfgl\u00fchende Eisenstange wie eine L\u00e4ngsachse in den K\u00f6rper gesto\u00dfen, bei der Sch\u00e4deldecke hinein und beim Unterleib heraus, drehte sie sich einmal blitzschnell um sich selbst, herumgeschleudert vom h\u00f6llischen Schmerze, der ihr Herz gesprengt hatte mit der Vorstellung: der Krieg ist aus, alle Menschen freuen sich grenzenlos . . ., und mein Mann ist tot, kommt nicht zur\u00fcck. Kommt nie mehr! \u201eUnd was wird dann mit mir? He? Sie! He, was wird dann mit mir? He! He!\u201c<br \/>\n\u201eSagen Sie mal, bin ich denn schuld daran? Sie tun ja gerade, als ob ich . . . Was kann ich daf\u00fcr.\u201c<br \/>\nVon einem Blitze der Intuition grellwei\u00df erleuchtet, erkannte sie: \u201eJa, du bist schuld, du, du . . . ihr Hunde! Ihr alle seid schuld daran. Alle!\u201c<br \/>\nDa konnte der Kaufmann nur die Schultern heben, wie er tat, wenn er eine Ware nicht billiger abgeben wollte.<br \/>\nUnd als sie schon hinausgerast war auf die verkehrsreiche Stra\u00dfe, sprach er noch: \u201eSie werden todsicher eingesperrt. Sie sperrt man ja glatt ein.\u201c Sah die Banknote liegen. \u201eUnd ihr Geld vergi\u00dft sie auch noch. Die scheint endgiltig n\u00e4rrisch zu sein . . . Was w\u00fcnschen Sie?\u201c<br \/>\nDie Kundin w\u00fcnschte Petroleum, stellte die Kanne auf den Ladentisch.<br \/>\n\u201eNa, jetzt das ist mir aber eine\u201c, begann er und erz\u00e4hlte der neuen Kundin die ganze Sache. \u201e. . . Was sagen Sie dazu?\u201c<br \/>\n\u201eRecht hat sie\u201c, erkl\u00e4rte die Frau m\u00fcrrisch. \u201eWas haben denn wir davon, wenn die Land erobern. Wir haben nichts davon.\u201c<br \/>\n\u201eIst Ihr Mann auch im Krieg?\u201c<br \/>\n\u201eSchon tot ist er, wenn Sie\u2019s wissen wollen.\u201c<br \/>\n\u201eEr starb f\u00fcr unsere gerechte Sache, Frau, m\u00fcssen Sie sich sagen.\u201c<br \/>\n\u201eJa, Sache\u201c, sagte die Frau, dumpf wie ein Hund, der verhalten knurrt. Dann sagte sie noch, was sie jedem sagte: \u201eSie haben seinen Kopf nicht gefunden. Nur das Andere. Die Erkennungsmarke war weg; deshalb wollten sie mir erst keine Unterst\u00fctzung geben.\u201c<br \/>\n\u201eAber jetzt bekommen Sie doch, wie?\u201c<br \/>\n\u201eMeine zwei S\u00f6hne sind auch schon verreckt. Im Westen.\u201c<br \/>\n\u201eJetzt bekommen Sie doch?\u201c<br \/>\n\u201eIch pfeif darauf. Verdiene mir selbst mein Geld. Will nichts haben von diesen . . .\u201c<br \/>\nDer vorsichtige Kolonialwarenh\u00e4ndler schnitt das Gespr\u00e4ch ab; denn neue Kunden waren eingetreten. \u201eNun, was sollst du holen?\u201c<br \/>\nDas Kind streckte sich, legte das in Papier eingewickelte Geld auf den Ladentisch.<br \/>\n\u201eDa vorne auf dem Platz ist eine Menschenansammlung. Jemand spricht gegen den Krieg\u201c, erz\u00e4hlte ein grauer Alter, der Zigarren verlangte. \u201eUnd pl\u00f6tzlich kommt eine Frau gesprungen. Ganz au\u00dfer sich. Die schreit und schimpft nicht schlecht . . . Was will der Schutzmann machen: \u2014 es ist eine Kriegswitwe.\u201c<br \/>\n\u201eSo, schreit sie? Die wird nat\u00fcrlich eingelocht . . ., wenn sie solche Sachen daherredet.\u201c<br \/>\n\u201eNun, so ohne weiteres kann man eine, die ihren Mann im Kriege verloren hat, auch nicht einsperren . . . Wenn sie doch ihren Mann verloren hat. Das ist keine Kleinigkeit.\u201c<br \/>\n\u201eAber das Vaterland ist doch schlie\u00dflich auch keine Kleinigkeit. Und . . . unsere Kultur, was?\u201c<br \/>\nW\u00e4hrend der Alte seine Zigarre anz\u00fcndete: \u201eSchon recht, gewi\u00df . . . Vaterland . . . gewi\u00df . . ., aber wenn eine ihren Mann . . .\u201c<br \/>\n\u201eNa ja, da haben Sie auch wieder recht.\u201c<br \/>\n\u201e. . . verloren hat, kann sie schon rabiat werden. Das ist zu verstehen . . . Es ist ein Riesenmenschenauflauf. Dreitausend Menschen, sch\u00e4tze ich. K\u00f6nnen auch viertausend sein. Die Frauen schreien . . . Gerade als ob sie am Kreuz hingen, als ob jede an einem Kreuz hinge. Der Redner kann nicht mehr weitersprechen . . . Ich bin weggegangen. Will nichts zu tun haben mit so was. Bin ein alter Mann.\u201c \u00dcbrigens habe er sich schon lange gewundert, da\u00df bis jetzt nicht mehr Kriegswitwen . . .<br \/>\n\u201eJa, es ist schon am besten, man k\u00fcmmert sich nicht darum.\u201c<br \/>\nAuch manche von den M\u00e4nnern, die um die schreiende Agentenwitwe, um den verstummten Kellner herumstanden, dachten das. Die Frauen dachten das nicht; es waren viele Kriegswitwen darunter und M\u00fctter, die ihre S\u00f6hne verloren hatten.<br \/>\nDer Schutzmann sagte: \u201eSchreien Sie jetzt nicht mehr.\u201c<br \/>\nDie Agentenwitwe schrie: \u201eIch schreie!\u201c<br \/>\nEin B\u00fcrger dachte: man kann\u2019s ihr nicht verdenken. Und ging nach Hause.<br \/>\nDie Trambahnwagen konnten nicht weiterfahren. Droschkenkutscher standen auf den B\u00f6cken, Fahrg\u00e4ste streckten die Oberk\u00f6rper, schief wie gotische Gestalten, aus den Wagenfenstern heraus. Die Menge vergr\u00f6\u00dferte sich rapid. Auch die Seitengassen, die zum Platze f\u00fchrten, waren schon schwarz von Menschen.<br \/>\nDer Schutzmann fa\u00dfte die Kriegswitwe am Arme: \u201eGehen Sie jetzt heim.\u201c<br \/>\n\u201eLoslassen! Loslassen!\u201c<br \/>\n\u201eHeim? Habe ich denn ein Heim?\u201c Ihr Lachen war Tiergebr\u00fcll, ri\u00df Hohngel\u00e4chter aus tausend Frauenm\u00fcndern heraus. Sie hatte sich mit einem kurzen Ruck losgemacht von der Schutzmannsfaust.<br \/>\nEin Frauengesicht, h\u00f6hnisch und gef\u00e4hrlich, scho\u00df dem Schutzmann vor die Augen: \u201eGehen Sie einmal nach Hause in ein Heim, in dem niemand mehr ist.\u201c<br \/>\n\u201eAuseinander jetzt!\u201c rief der Schutzmann. \u201eMacht euch nicht ungl\u00fccklich.\u201c<br \/>\nDas war f\u00fcr alle Kriegswitwen zum Lachen.<br \/>\n\u201eBin schon ungl\u00fccklich. Mehr kann ichs nicht werden\u201c, schrie die Agentenwitwe, immer mit dem gleichen schmerzdurchtobten Tiergebr\u00fcll.<br \/>\nDieselbe Gef\u00fchlswelle bewegte gleichzeitig alle Witwenleiber. Und alle M\u00fcnder schrien dem Schutzmann und einander zu: \u201eWir sind schon ungl\u00fccklich. Ungl\u00fccklich!\u201c<br \/>\nDie Macht der Frauen war sehr gro\u00df.<br \/>\nDer Schutzmann sah pl\u00f6tzlich wie ein hilfloses Kind aus.<br \/>\nDa krachte ein Schu\u00df. Knapp neben dem Zwanzigj\u00e4hrigen.<br \/>\nMenschenohren horchten, da\u00df es nachtstill wurde. Dann stieg der tausendfache, wilde und ganz wortlose Schrei. Das klang in der Ferne wie Kirchengesang.<br \/>\nJohlen. Gebr\u00fclle. Die Menge war ein einziger, langsam bewegter Riesenk\u00f6rper geworden. Der Schu\u00df hatte die Gem\u00fcter von Zwang und Ordnung entbunden und in anarchische Freiheit hineingestellt.<br \/>\nDer Schutzmann dr\u00fcckte sich, seitw\u00e4rts gedreht, durch die drohend enge Menschengasse durch und verschwand.<br \/>\nJetzt erst bemerkten der Zwanzigj\u00e4hrige und die N\u00e4chststehenden, da\u00df nicht ein Schu\u00df gefallen, sondern ein Automobilschlauch geplatzt war.<br \/>\nDie Agentenwitwe machte mit den H\u00e4nden ganz kleine, gebundene Bewegungen, die mit den Zuckungen ihres Gesichtes korrespondierten, und bem\u00fchte sich, den andern zu erkl\u00e4ren, wie qualvoll es sei, wenn ihr ein alter Anzug, ein Trikotleibchen, eine gebrauchte Hose des toten Mannes vor die Augen komme. \u201eIch sehe den Stuhl an, auf dem sonst mein Mann gesessen war, sehe den Stuhl an . . . Und wenn ich unsern Sekret\u00e4r ansehe, vor dem oft mein Mann gestanden war, ist das gar kein Sekret\u00e4r mehr . . .\u201c<br \/>\nAlle sahen in der Zimmerecke den lackierten Muschel-Sekret\u00e4r stehen, der die unab\u00e4nderlich sich gleich bleibende Einsamkeit war und jede aufkeimende Hoffnung erschlug. Qualvolle Hilflosigkeit strich lautlos \u00fcber die Menschengesichter und erzeugte bei allen den toten Blick.<br \/>\nDa griff der Kellner auf den Grund der Sehnsucht und rief: \u201eWir wollen Frieden machen!\u201c<br \/>\nSofort \u00f6ffneten sich die Menschengesichter; eine Wolke hei\u00dfen Gef\u00fchles ballte sich zusammen und platzte: das Wort \u201aFriede\u2018 donnerte hoch, umdonnerte minutenlang den Kellner, der auf einem leeren Lastwagen stand und sich unter tiefer Qual den Entschlu\u00df abrang, in die pl\u00f6tzlich entstehende, offene, fruchtbare Stille die kalte Wahrheit hineinzusto\u00dfen:<br \/>\n\u201eAber wir k\u00f6nnen nur dann helfen, Frieden zu machen, wenn wir wissen und zugeben, da\u00df auch wir den Krieg mitverschuldet haben.\u201c<br \/>\n\u201eWas sagt der? Was?\u201c Die Agentenwitwe war vor Emp\u00f6rung und Staunen gel\u00e4hmt.<br \/>\n\u201eNur wer denkt und die Menschen liebt, kann ihnen den Frieden bringen . . . Wir denken nicht und lieben nur uns selbst.\u201c<br \/>\nDie Gesichter ver\u00e4nderten, verschlossen sich; eine leere Fl\u00e4che entstand zwischen der Menge und dem Kellner.<br \/>\nDer sagte: \u201eSchon vor dem Kriege war die Liebe tot in uns. Wir waren gedankenlose, meinungslose Maschinen. Deshalb hat jeder Einzelne von uns den Krieg mitverschuldet.\u201c<br \/>\n\u201eKrieg mitverschuldet? Wir haben den Krieg nicht gewollt. Das Volk nicht! . . . Wir nicht!\u201c Eine Welle des Zornes bewegte die Menge.<br \/>\n\u201eLa\u00dft euch das sagen. Das m\u00fc\u00dft ihr euch sagen lassen. Wir m\u00fcssen erst umkehren zur Wahrheit: wir hatten das Gute \u2014 die Liebe \u2014 vergessen; wir hatten uns gar nicht \u00fcberlegt, was gut ist; wir haben \u00fcberhaupt nichts \u00fcberlegt, \u00fcberhaupt nicht gedacht und Zeit unseres Lebens das B\u00f6se wachsen lassen, bis es uns zur Gewohnheit geworden war, und wir mit entsetzlicher Selbstverst\u00e4ndlichkeit glaubten, da\u00df das B\u00f6se \u2014 Egoismus, Gewalt, Macht, Erfolg, Geld und Autorit\u00e4t \u2014 das Erstrebenswerteste im menschlichen Dasein sei. Und dieses zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit gewordene, kalte, m\u00f6rderische Prinzip jeden Europ\u00e4ers, den Mitmenschen \u00fcbervorteilen zu wollen, mu\u00dfte die Menschen dazu f\u00fchren, da\u00df sie am Ende einander erschlagen . . . Dann wird von Ehre, Heldenmut, Heldentod, von einem Felde der Ehre gesprochen.\u201c<br \/>\nDa flog, die Zustimmungsrufe auseinanderschneidend, die Agentenwitwe durch die vor ihren geballten H\u00e4nden entstehende Menschengasse durch, bis zum Wagen. Ihr Schmerz hatte sich gegen den ersten gedreht, der anderer Meinung war als sie. \u201eKrieg mitverschuldet? Wir? Mein Mann? Mein Mann wollte nur leben\u201c, schrie sie fassungslos. Kletterte hinauf. Wurde heruntergezogen. Kletterte wieder halb hinauf. Erleben, das keinen Widerstand mehr fand, durchstr\u00f6mte und befreite sie.<br \/>\nNoch bevor sie vom Wagen wieder losgerissen werden konnte, beugte sich der Kellner herab und ber\u00fchrte mit seiner Hand sanft ihren zerrauften Scheitel.<br \/>\n\u201eRed du nicht so weiter\u201c, drohte ein Arbeiter.<br \/>\nJohlende, halbw\u00fcchsige Burschen, zum Kriege noch nicht tauglich, klebten auf den Mauervorspr\u00fcngen.<br \/>\n\u201eWir alle haben r\u00fccksichtslos nach nichts anderem gestrebt, als so viel Erfolg wie nur m\u00f6glich zu haben, unbek\u00fcmmert, da\u00df wir dadurch das Bild unserer Seele zerst\u00f6rten, unbek\u00fcmmert, ob dadurch ein Mitmensch ins Leid und in das Elend sank. Wie ich, habt auch ihr die erfolgreichsten Gewaltt\u00e4tigen, die am meisten Macht, Besitz und Autorit\u00e4t auf sich vereinigen, gedankenlos als Autorit\u00e4ten anerkannt und bewundert . . . Wir alle waren stolz, wenn unsere schlecht beratenen Kinder patriotische Kampf- und Mordlieder sangen. Und als die m\u00e4chtigen Autorit\u00e4ten die Truppen marschieren lie\u00dfen, jubelten wir und waren begeistert. Wir jubelten, als die ersten Siegesnachrichten einliefen. Wir jubelten. Und k\u00fcmmerten uns nicht darum, da\u00df beim Erst\u00fcrmen einer Festung f\u00fcnfzigtausend Menschen zerrissen werden. Zerrissen werden mu\u00dften, damit durch diesen ungeheuer verbrecherischen Gewaltakt die Erfolgreichsten noch mehr Macht, die Besitzenden noch mehr Besitz bekommen k\u00f6nnen. Wir k\u00fcmmerten uns nicht darum, weil wir selbst nichts anderes als das Verlangen nach Erfolg, Besitz und Macht in uns trugen. Und dieses Verlangen logen wir um in Patriotismus. Wir m\u00fcssen den Frieden bringen. Wir haben den Krieg mitverschuldet. Wir sind M\u00f6rder. Wir m\u00fcssen uns ents\u00fcndigen.\u201c<br \/>\nGef\u00e4hrliches Murren wuchs an, verdichtete sich zu einzelnen Zornrufen, die sich schnell aneinanderreihten, bis zuletzt ein einziger langer Schrei, so dick wie der Platz, zum Himmel stieg.<br \/>\nDen Tumult durchstach die sich \u00fcberschlagende Stimme der Agentenwitwe: ihr Mann sei kein M\u00f6rder gewesen. \u201eKein M\u00f6rder! Mein Mann nicht! Kein M\u00f6rder!\u201c Ihr Wort \u201aM\u00f6rder\u2018 tanzte messerscharf und hoch \u00fcber das zusammengeballte Br\u00fcllen der Menge hin. Sie taste, streckte ihre H\u00e4nde, halb flehend und halb w\u00fcrggespreizt, zum Kellner hoch.<br \/>\nDer trug in den Gesichtsz\u00fcgen die K\u00fchnheit eines Menschen, welcher infolge \u00fcbergro\u00dfen pers\u00f6nlichen Leides pers\u00f6nliche Gefahr nicht mehr f\u00fcrchtet und pers\u00f6nliches Leid nicht mehr kennt.<br \/>\nEin junger Mensch, fanatisiert und bleich, kl\u00e4rte erregt die N\u00e4chststehenden auf: das sei ein Mensch, der\u2019s gut meine.<br \/>\n\u201eJa, gut meine! Krieg mitverschuldet! Mein Mann Krieg mitverschuldet!\u201c<br \/>\n\u201eRuhe jetzt! . . . Ruhe!\u201c Das Wort wurde von dieser Gruppe weitergegeben, lief in Diagonalen kreuz und quer. Und erzeugte schnell erwartungsvolle Stille f\u00fcr den Sprecher.<br \/>\n\u201eWir haben erst dann das Recht, nach dem Frieden zu rufen, wenn wir nicht mehr, wie bisher, gedankenlos und meinungslos falsche Pflichten erf\u00fcllen. Und wir k\u00f6nnen erst dann den Frieden auf Erden verwirklichen, wenn wir aufh\u00f6ren, die gro\u00dfen Nichtigkeiten in den Mittelpunkt des Lebens zu stellen, wenn wir keine entseelten, gewohnheitsm\u00e4\u00dfig funktionierenden Besitzanh\u00e4ufungs-Automaten mehr sind, sondern Wesen mit dem g\u00f6ttlichen Wissen, da\u00df jeder Mensch unser Bruder ist, da\u00df alle Menschen dieser Erde Tr\u00e4ger der ewigen Seele sind, und da\u00df das Wort: \u201aIn dem Augenblicke, da du dir vornimmst, einem Menschen zu schaden, hast du schon dir selbst geschadet\u2018, unumst\u00f6\u00dfliches, g\u00f6ttliches Gesetz ist.<br \/>\nNur der Mensch, der sich zu seiner Seele bekennt, die ihm verbietet, dem Bruder zu schaden, ist reich, steht ununterbrochen im gl\u00fchenden Flu\u00df der Gef\u00fchle. Wir sind ganz verarmt . . . Das gewohnheitsm\u00e4\u00dfige \u00dcbervorteilen des Mitmenschen, das Verlangen nach Besitz und die gewohnheitsm\u00e4\u00dfige Anh\u00e4ufung von Besitz, weswegen die Europ\u00e4er heute einander erschlagen m\u00fcssen, haben uns ganz erniedrigt, gemein und arm gemacht . . . Die Kathedrale der Seele ist zusammengebrochen im Europ\u00e4er. Deshalb wird er Offizier, Staatsbeamter, B\u00f6rseaner, deshalb ist er habgierig, brutal, elegant, schuftig, gebildet, deshalb stiehlt er, raubt und wuchert, wird reich, bleibt arm, mordet, duelliert sich, macht Kriege und Gesch\u00e4fte, l\u00e4\u00dft Erfolglosere f\u00fcr sich arbeiten, so schwer f\u00fcr sich arbeiten, da\u00df der gro\u00dfen Mehrzahl des Volkes nicht eine Minute Zeit zur Selbstbesinnung bleibt, so da\u00df auch diese Armen nicht mehr an die Liebe im Menschen glauben k\u00f6nnen, und ihr ganzes entg\u00f6ttlichtes Streben darauf richten m\u00fcssen, ebenfalls in die Klasse der Besitzenden aufzur\u00fccken.<br \/>\nWir alle \u2014 Reiche und Arme \u2014 sind brutal wie M\u00f6rder, schamlos und gierig wie harte Wucherer, wir alle sind Offiziere und B\u00f6rseaner, auch wenn wir erfolglose Sklaven geblieben sind . . . Gl\u00fcckliche, unendlich reiche Kinder k\u00f6nnten wir sein auf unserer unendlich reichen Erde, und sind erfolggierige Geldmenschen, bedauernswerte, erlebnisarme Schurken, die zu staatlich sanktionierten M\u00f6rdern wurden. Der Krieg ist durch den Krieg nur sichtbarer geworden.\u201c<br \/>\nDie Menge, ber\u00fchrt vom Worte des Kellners, war schwankend geworden; nie empfundene Gef\u00fchle standen auf, gerieten in Schwingung, erklangen und verdichteten sich zu vereinzelten Zustimmungsrufen.<br \/>\nDa schrie die Agentenwitwe einen Satz, der die N\u00e4chststehenden in den Mittelpunkt des Gef\u00fchles traf und, mit Zus\u00e4tzen versehen und von Mund zu Mund weitergegeben, die Menge durchlief, so da\u00df den Kellner pl\u00f6tzlich die tausendfach gebr\u00fcllten Schreifetzen umtosten: \u201eGanze Volk! Leid gest\u00fcrzt! . . . Millionen Tote! . . . Hunger! Kriegsgewinne! Hallunken!\u201c<br \/>\nIm tiefsten Grunde des Br\u00fcllens klang ein ferner Jubel mit.<br \/>\nMit der ganzen Kraft seines Wesens versuchte der Kellner, die Menge erst auf der Irrtumsspirale zur\u00fcckzuf\u00fchren bis zum Ausgangspunkt, wo die Wahrheit steht, w\u00e4hrend die Agentenwitwe ohne Besinnen mit den Irrt\u00fcmern vorw\u00e4rtsst\u00fcrmen wollte und die ganze Menge geschlossen hinter sich hatte.<br \/>\nNoch einmal gelang es ihm, die anarchisch bewegte Menge aufzuhalten und still werden zu lassen, da er sagte: \u201eUnsere Autorit\u00e4ten konnten uns marschieren lassen, jeden Einzelnen von uns als Menschenmetzger anstellen und ganz Europa in ein Menschenschlachthaus verwandeln, weil unsere Lebensauffassung entsetzlich genau ihrer Lebensauffassung entspricht. Weil wir, in notwendiger Folge unserer Gedankenlosigkeit, Meinungslosigkeit, unseres Verlangens nach Geachtetwerden, nach Besitz, Stellung und Macht, bisher immer nur die Luft geatmet, die Worte gesprochen, die Gedanken gedacht und nach den Gef\u00fchlen gehandelt haben, die uns von der Autorit\u00e4t geliefert worden sind . . . Von der Autorit\u00e4t, die mit dem gleichen Munde, mit dem sie den Befehl zum Feuern auf Menschen gibt, uns von Zivilisation spricht. Bedeutet das nicht, von allem Anfang an in der L\u00fcge ertrunken sein, von Zivilisation zu sprechen, solange noch durch jede Stra\u00dfe Europas Menschen gehen, die an der Seite Messer h\u00e4ngen haben, daf\u00fcr bestimmt, in Menschenleiber hineingebohrt zu werden? Zivilisation!<br \/>\nZehn Millionen Menschen sind jetzt verendet. Warum? F\u00fcr was sind diese zehn Millionen Menschen gestorben? Hat ein einziger von euch dar\u00fcber nachgedacht, weshalb die Europ\u00e4er ihre Jugend, ihre J\u00fcnglinge abschlachten? Warum dieser Krieg ausgebrochen ist? Ausbrechen mu\u00dfte!\u201c Er wartete. Lange,<br \/>\nbis ein abgearbeiteter Mann die f\u00fcr ihn selbst verbraucht und nicht mehr \u00fcberzeugend klingende Antwort gab: \u201eUnser Volk ist angegriffen worden und mu\u00dfte sich verteidigen.\u201c<br \/>\nGetroffen von diesem oft vernommenen Satze, rief der Kellner: \u201eUnd ich sage euch, so lautet \u2014 und mit mindstens demselben Recht wie bei unserem Volke \u2014 die Antwort von jedem Volke, von jedem Einzelnen jeden Volkes; von den neunzigj\u00e4hrigen Greisinnen, die nur noch lallen k\u00f6nnen, bis zum Premierminister jeden Volkes lautet die Antwort: \u201aWir sind angegriffen worden und mu\u00dften uns verteidigen.\u2018 . . . Wie kommt das? Wo ist die Wahrheit?<br \/>\nDie Wahrheit ist, da\u00df ein meinungsloses, kritikloses Volk gar nicht wissen kann, ob es angegriffen wurde oder angegriffen hat, und da\u00df nichts leichter war, als es glauben zu machen, es sei angegriffen worden. Die furchtbare Wahrheit ist, da\u00df die falschen Ideale, deren vollkommener Sieg den Tod der Ideale \u2014 der Menschlichkeit, der Liebe \u2014 bedeuten w\u00fcrde, da\u00df diese L\u00fcgenideale \u2014 Macht, Gewalt, Erfolg, Autorit\u00e4tsglaube, Heldentum, Weltherrschaft, Vaterlandsverteidigung \u2014 im Gehirne jeden Europ\u00e4ers ein solch m\u00e4chtiges Eigenleben f\u00fchrten, da\u00df jeder zum Schie\u00dfen bereit war.<br \/>\nIch sage euch: die Kultur eines Volkes ist unabh\u00e4ngig von der Besitzanh\u00e4ufung. Die Gr\u00f6\u00dfe eines Volkes liegt nicht in seinen Interessensph\u00e4ren, nicht bei seinen Rohstoffquellen, nicht auf seinen Absatzgebieten. Gr\u00f6\u00dfe, Kultur, Gl\u00fcck und Zukunft eines Volkes liegen niemals auf dem Wasser. Aber der geistige Tod eines Volkes liegt in seinen Geldschr\u00e4nken. Der Geist Europas, die Menschlichkeit und die Liebe sind im Gelde erstarrt. Und das bedingt mit entsetzlicher Sicherheit das Elend, die Zukunftslosigkeit, den Untergang des europ\u00e4ischen Menschen.\u201c<br \/>\nAuch die Agentenwitwe war erstarrt. Auch die Menge war erstarrt und qu\u00e4lend still.<br \/>\nDie robuste Kriegswitwe, von deren Mann der Kopf und die Erkennungsmarke nicht hatten gefunden werden k\u00f6nnen, stellte ihre Petroleumkanne auf den Wagen, zu F\u00fc\u00dfen des Kellners. Alle Fenster, rund um den Platz, waren schwarz von Menschen.<br \/>\nDer Kellner, tief leidend unter dem Gesetze, da\u00df die Liebe hart sein mu\u00df, weil sie das Herz der Wahrheit ist, redete eindringlich hinunter zum d\u00fcsteren Gesicht: \u201eWir haben zugesehen, wie Kampfparteien gebildet wurden; wir haben Kanonen, Schiffe, gewaltige Menschenmordmaschinen erfunden, gebaut. Bezahlt. Bewundert! Trotzdem wir hatten wissen k\u00f6nnen, da\u00df die von uns bezahlten, bewunderten Massenmordmaschinen eines Tages sich gegen die Menschheit und auch gegen die Brust unserer M\u00e4nner, S\u00f6hne, V\u00e4ter richten w\u00fcrden. Das war unausbleiblich . . . Dann wird gesagt und geglaubt, von den meinungslosen, gedankenlosen, von den immer noch gedankenlosen Volksmassen geglaubt: wir sind angegriffen worden und m\u00fcssen das Vaterland verteidigen, unsere Kultur sch\u00fctzen. Es wird von Heldentum und von einem Felde der Ehre gesprochen . . . War alle Ehre nicht schon tot, noch bevor der Krieg begonnen hatte? Ist es eine Ehre, ist es Heldentum, um Besitz und Macht und f\u00fcr falsche Ideale Menschen zu erschlagen? Wenn das Ehre ist, dann wollen wir ehrlos sein, um wieder ehrenvoll leben zu k\u00f6nnen. Wenn das Heldentum ist, dann wollen wir Feiglinge sein, damit der Mut in dieser Welt nicht aussterbe . . . Man spricht von Zivilisation. Ist das Zivilisation, da\u00df ganz Europa schon vor dem Kriege ein einziger gro\u00dfer Fabriksaal war, in dem nicht Menschen lebten, sondern Maschinen automatisch sich bewegten? Maschinen aus Fleisch und Blut, die nicht mehr denken, keine Meinung haben, keine Erinnerung mehr daran haben, da\u00df sie einmal Menschen waren, sondern wie die Maschinen aus Stahl, die sie bedienen, betrieben werden? Betrieben werden von der Notdurft, von dem Verlangen nach Achtung der Mitmaschinen, vom Verlangen nach Besitz, betrieben von Gewohnheit, Egoismus und L\u00fcge. L\u00fcge, in der die europ\u00e4ische Menschheit ertrunken ist, so da\u00df es keinen Europ\u00e4er mehr gibt, der eine eigene Meinung h\u00e4tte, keinen, der das Feuer der Wahrheit in den Augen tr\u00fcge . . . Wenn das Vernunft ist, dann wollen wir unvern\u00fcnftig sein, dann wollen wir wahnsinnig sein, damit die Weltvernunft sich in uns am Leben erhalten kann. Wenn das n\u00fctzlich ist, dann wollen wir unn\u00fctze Menschen sein. Wenn das Resultat der Organisation und Ordnung ist, da\u00df die Menschheit verelendet, blutet und sich abw\u00fcrgt, dann wollen wir diese m\u00f6rderische Ordnung sprengen mit Unordnung, damit der Sinn des Lebens sich wieder manifestieren kann. Wenn Organisation, Ordnung, Gewalt, Macht, Gewohnheit, Meinungslosigkeit, L\u00fcge, Besitz und Egoismus . . . Zivilisation ergibt, dann wollen wir Wilde sein, wollen wir die Liebe im Herzen tragen und das Gesetz: jeder liebe jeden, so wird jeder von allen geliebt . . . Das wollt ihr nicht? Habt den Mut, Menschen zu erschlagen und nicht den Mut, Menschen zu lieben? Weil ihr lieben w\u00fcrdet, aber die anderen euch nicht lieben, sondern ausn\u00fctzen und erdr\u00fccken w\u00fcrden? Wollt nicht M\u00e4rtyrer sein? Da M\u00e4rtyrer ausgen\u00fctzt, erdr\u00fcckt, eingesperrt und hingerichtet werden . . ., weil sie lieben? Es fliege die Frage donnernd \u00fcber den Erdball: was ist menschenw\u00fcrdiger und ehrenvoller, Menschen, die uns nichts angetan haben, im Kriege zu erschlagen und selbst zu sterben, oder daf\u00fcr zu leiden und zu sterben, da\u00df der Liebe die Regierung der Erde \u00fcbergeben werde?\u201c<br \/>\nDer Blick der schweigenden Menge fragte dumpf zur\u00fcck. Zwei Equipagenpferde, zwischen Menschen eingekeilt, bewegten sich. Die Agentenwitwe f\u00fchlte k\u00f6rperlich, wie, von ihrer Seele \u00fcbergl\u00e4nzt, die Finsternis in ihr zur blendend wei\u00dfen Fl\u00e4che wurde. Ihr Gesicht war pl\u00f6tzlich tr\u00e4nenna\u00df.<br \/>\nDer Kellner warf die Hand an den Hals, die andere in den Nacken; seine Augen wurden gro\u00df und sahen:<br \/>\n\u201eZehn Millionen Leichen! Zehn Millionen Menschen sind jetzt verendet. Das flie\u00dfende Blut dieser zehn Millionen Ermordeten \u2014 vierzig Millionen Liter dampfendes Menschenblut \u2014 k\u00f6nnte einen ganzen Tag lang die riesenhafte Wassermenge des Niagarafalles ersetzen und durch seine Sturzkraft den elektrischen Strom f\u00fcr eine ganze Weltstadt liefern . . . S\u00e4mtliches Rollmaterial der Eisenbahnen von ganz Preu\u00dfen w\u00fcrde nicht ausreichen, allein die losgetrennten K\u00f6pfe dieser zehn Millionen Ermordeten auf einmal zu transportieren. Zivilisation! . . . Stellt euch den phantastisch langen Eisenbahnzug vor: es steht der erste Wagen schon in M\u00fcnchen, im Berliner Hauptbahnhof noch der letzte, und alle sind gef\u00fcllt mit blutigen Menschenk\u00f6pfen. Zivilisation! . . . Man lege die zehn Millionen armen ermordeten M\u00f6rder Kopf an Kopf, Fu\u00dfsohlen an Fu\u00dfsohlen! Das gibt eine sechzehntausend Kilometer lange, l\u00fcckenlose Leichenlinie, ein sechzehntausend Kilometer \u2014 nicht Meter \u2014 Kilometer langes Grab, das ganz Deutschland umspannt. Sechzehntausend Kilometer Leichen! Zivilisation!\u201c<br \/>\nEin wildes Schluchzen, das wie das Bellen eines Hundes klang. Aufgel\u00f6ste Gesichter drehten sich einander zu. Weit offene Augen. Wortloses Fragen. Die Agentenwitwe sah Farben kreisen. Und taumelte dem N\u00e4chststehenden an die Brust.<br \/>\nDas Gesicht der Menge leuchtete wieder wei\u00df auf.<br \/>\n\u201eIch sage euch: von diesem Zeitalter der N\u00fctzlichkeit, Ordnung, Organisation und Vernunft, von diesem Zeitalter des Egoismus, des Geldes, der Macht, Gewalt, L\u00fcge und Autorit\u00e4t wird nichts \u00fcbrig bleiben als ein Grauen davor und f\u00fcr die noch sp\u00e4teren Geschlechter ein Gel\u00e4chter.\u201c<br \/>\nDa spannte er weit die Arme aus, da\u00df hinter ihm der von der Abendsonne rosig beleuchtete Kirchturm zum riesenhaften Kreuzespfahl wurde:<br \/>\n\u201eWir wollen uns jetzt endlich besinnen. Wollen denken. Uns daran erinnern, da\u00df der Mensch gut und unser Bruder ist. Wir wollen endlich herausrei\u00dfen aus unseren Herzen: die Gewohnheit, die L\u00fcge, die Gewinnsucht, die Bewunderung der Gewalt, Autorit\u00e4t und Macht, damit nicht auch der Same der noch ungeborenen Geschlechter den Keim in sich trage zu neuem Morde.\u201c<br \/>\nPl\u00f6tzlich klang Kraft und gro\u00dfes Flehen in seiner Stimme:<br \/>\n\u201eJeden Tag werden zehntausend Menschen get\u00f6tet, die so gerne, ach so gerne noch h\u00e4tten leben wollen. Und doch sitzt der Schuster wie sonst in seiner Werkstatt, besohlt Stiefel, macht der Schreiner M\u00f6bel, steht der Fabrikarbeiter vor der Maschine, den ganzen Tag, der Kaufmann hinterm Ladentisch; es schreibt der Beamte Kanzleibogen voll und der Buchhalter rechnet, der Kellner bedient . . ., w\u00e4hrend jeden Tag zehntausend Menschen fallen und verenden, die vorher selbst Menschen t\u00f6ten mu\u00dften. Welch ein wahnwitziger, gedankenloser Egoismus! Wenn wir das Recht nicht verlieren wollen, uns noch Menschen zu hei\u00dfen, dann m\u00fcssen wir ohne Besinnen von den H\u00e4mmern, Hobeln, Schreibpulten und Maschinen weglaufen auf die Stra\u00dfe, den N\u00e4chstbesten am Arme packen, ihn packen, und unsere Stimme mu\u00df ihm das Herz durchgellen: \u201aEs werden jeden Tag zehntausend Menschen erschlagen. Was sollen wir tun? Wie d\u00fcrfen wir arbeiten, unserem Verdienste nachgehen, schlafen, essen, w\u00e4hrend jeden Tag zehntausend Menschen ermordet werden? Das darf nicht sein. Was sollen wir tun?\u2018 . . . Ich rufe euch zu, ich trage die Worte in euere Herzen hinein: wer heute, da t\u00e4glich zehntausend Menschen grauenvoll verenden, seine Hand hebt zur Arbeit, ist ein M\u00f6rder. Denn er l\u00e4\u00dft Menschen t\u00f6ten und fragt nicht: was soll ich tun, da\u00df sie nicht erschlagen werden.\u201c<br \/>\nDa erbrach, ihre Petroleumkanne schwingend, die robuste Kriegswitwe ein wildes Gel\u00e4chter.<br \/>\nUnd die S\u00e4tze: \u201eMan mu\u00df doch leben; was bleibt uns \u00fcbrig; wir m\u00fcssen doch verdienen, essen\u201c, sprangen, von ihr zuerst geschrien, aus tausend M\u00fcndern heraus, dem verstummten Redner entgegen. Es schwoll der Tumult, vom Hasse in ein Ganzes zusammengeschmolzen, und stie\u00df den Schrei ab und zum Himmel empor: \u201eWas sollen wir denn tun! Was? Was sollen wir tun?\u201c<br \/>\nDas war eine furchtbare Frage. Eine Frage, rund umstellt von grinsenden Ungeheuern, die eine Antwort nicht hereinlassen wollten.<br \/>\n\u201aWenn ich ihnen sage: jede Arbeitsleistung f\u00fcgt sich in das Getriebe ein, das die Fortsetzung des t\u00e4glichen Massenmordes erm\u00f6glicht, deshalb wird der Schlosser, der heute eine Schraube dreht, praktisch zum M\u00f6rder, wie auch der B\u00e4cker, der heute Brot backt, rufen sie: wir m\u00fcssen doch verdienen, leben, essen und deshalb arbeiten.\u2018<br \/>\n\u201aAber das d\u00fcrft ihr nicht. Arbeiten d\u00fcrft ihr nicht. Arbeiten ist heute Mord.\u2018<br \/>\nDas wei\u00dfe Gesicht der Menge war eine Frage, die gleich einer Lichtreklame selbstt\u00e4tig die blutrote Antwort \u201eRevolution\u201c langsam, Buchstabe nach Buchstabe, an den dunklen Himmel schrieb.<br \/>\nDie t\u00f6dlich bedrohte Liebe, die dem Untergange nahe Menschlichkeit, die den Kellner gew\u00e4hlt, ihn aus dem m\u00f6rderischen Wahnsinn dieses Zeitalters herausgehoben und ihm das Wort auf die Lippen gegeben hatte, erleuchtete ihn, so da\u00df die ewige Seele, f\u00fcr alle sichtbar, ihm in die weitge\u00f6ffneten Augen trat:<br \/>\n\u201eWir wollen nicht das Unm\u00f6gliche versuchen: die Gewalt mit Gewalt auszurotten. Wir wollen nicht t\u00f6ten. Aber von dieser Sekunde an soll alle Arbeit ruhen. Denn alle Arbeit w\u00fcrde noch im Dienste dieses Zeitalters des organisierten Mordes stehen. Das Zeitalter des Egoismus und des Geldes, der organisierten Gewalt und der L\u00fcge hat in dieser wei\u00dfen Sekunde, hat in uns eben sein Ende erreicht. Zwischen zwei Zeitalter schiebt sich eine Pause ein. Alles ruht. Die Zeit steht. Und wir wollen \u00fcber die Erde, durch die St\u00e4dte, durch die Stra\u00dfen gehen und im Geiste des kommenden neuen Zeitalters, des Zeitalters der Liebe, das eben begonnen hat, jedem sagen: \u201aWir sind Br\u00fcder. Der Mensch ist gut.\u2018 Das sei unser einziges Handeln in der Pause zwischen den Zeitaltern. Wir wollen mit solch \u00fcberzeugender Kraft des Glaubens sagen: \u201aDer Mensch ist gut\u2018, da\u00df auch der von uns Angesprochene das tief in ihm versch\u00fcttete Gef\u00fchl \u201ader Mensch ist gut\u2018, unter hellen Schauern empfindet und uns bittet: \u201aMein Haus ist dein Haus, mein Brot ist dein Brot.\u2018 Eine Welle der Liebe wird die Herzen der Menschen \u00f6ffnen im Angesichte der ungeheuerlichsten Menschheitssch\u00e4ndung.<br \/>\nUnd wenn der Zehnmillionenmord, den jeder Einzelne von uns mitverschuldet hat, Martyrium von uns verlangt, wenn die Menschheitsfeinde Gewalt gegen uns anrollen lassen, so wollen wir uns sagen: \u201aWir haben erschlagen, gelitten, geblutet, gearbeitet f\u00fcr falsche, l\u00fcgenhafte Ideale, sind schuldig, sind M\u00f6rder geworden; wir wollen uns ents\u00fcndigen, wollen den gegen uns gehetzten Br\u00fcdern, dem Heere der Gewalt, uns als stilles, un\u00fcberwindlich starkes Heer des Geistes und der Verbr\u00fcderung entgegenstellen, bereit zum Leiden f\u00fcr das ewig unverr\u00fcckbare Ideal der Menschheit: f\u00fcr die Liebe.\u2018 Und unsere Br\u00fcder werden, bezwungen von unserem Glauben an das Gute im Menschen, in ihren Augen pl\u00f6tzlich die Frage tragen, die zugleich die Antwort ist: der Mensch ist gut.<br \/>\nDer Mensch ist gut. Er ist gut. Geht hin, jeder durch seine Stra\u00dfe, in die H\u00e4user, l\u00e4utet, klopft an. Und verk\u00fcndet den Satz des neuen Zeitalters: \u201aDer Mensch ist gut.\u2018 . . . Es stehen die Transmissionen! Es stehen die Maschinen! Die Arbeit ruhe! Die Zeit steht. Heutige Ges\u00e4nge der Liebe durchfliegen die St\u00e4dte, \u00f6ffnen die Herzen, die Tore der Pal\u00e4ste, die Magazine. Und Menschenarme, die dem Morde dienten, umfangen jetzt den Bruder . . . Und wenn wir dann in diesem Geiste wieder zu arbeiten beginnen, wird unsere Arbeit nicht mehr Mord sein, sondern Geschenk f\u00fcr den Bruder, und seine Arbeit Geschenk f\u00fcr uns . . . Jetzt ruhe die Arbeit. Die Zeit steht. Die Pause zwischen zwei Zeitaltern ist da.\u201c<br \/>\nDas Gesicht der Agentenwitwe war von wilder Hingabe zerkl\u00fcftet; das Kind in ihrem Leibe bewegte sich.<br \/>\nDa geschah etwas Unerwartetes: ein b\u00e4rtiger Herr sprang aus seiner eleganten Equipage heraus, stand auf dem Bock und br\u00fcllte: \u201eLandesverr\u00e4ter! Vaterlandsverr\u00e4ter! Herunter mit dem Schuft, der den Sieg, der das Durchhalten unseres Volkes verhindern will!\u201c Wutspeichel spritzte aus seinem Munde heraus.<br \/>\nDas wei\u00dfe Profil der Menge drehte sich dem B\u00e4rtigen zu.<br \/>\nDer warf die F\u00e4uste vor und bewegte sie, in gro\u00dfem Bogen die Menge \u00fcberdachend, wagrecht \u00fcber die K\u00f6pfe weg, stie\u00df sie himmelw\u00e4rts und knallte sie auf seine Brust:<br \/>\n\u201eMein einziger Sohn ist gefallen. Auf dem Felde der Ehre! Ist tot. Und dieser bleiche Schuft wagt es, das Volk gegen das Vaterland aufzuhetzen. Tausendfachen Tod diesem bestochenen Hundsfott, der den Sieg verhindern will! Umsonst w\u00e4re mein Sohn gestorben. Umsonst w\u00e4ren alle S\u00f6hne und V\u00e4ter gestorben. Millionen w\u00e4ren umsonst gefallen. Alles Blut w\u00fcrde umsonst geflossen sein, w\u00e4re der Sieg nicht unser.\u201c Er ri\u00df den Browning aus der Hintertasche.<br \/>\nSo still war es auf einem Platze nie gewesen.<br \/>\nDer Kellner sagte: \u201eMein junger Sohn ist gefallen. Umsonst w\u00e4re sein und alles Todesblut geflossen, wenn in diesem dampfenden roten Meere auch diesmal das Prinzip des Egoismus, der Gewalt und der Macht nicht verl\u00f6schen w\u00fcrde, umsonst, wenn die Liebe auch nach diesem Kriege das Menschenherz nicht ber\u00fchren k\u00f6nnte. Umsonst die den Himmel verdunkelnde Menschheitssch\u00e4ndung, wenn aus L\u00fcge, Macht, Gewalt, wenn aus Mord . . . Sieg hervorgeht, der den neuen Krieg in sich tragen mu\u00df. Nicht Dem\u00fctigung f\u00fcr ein Volk sei das Ende und der neue Anfang, sondern Demut aller V\u00f6lker . . . Demut, die tiefen Glanz, Stille, Menschlichkeit und Lebensfreude in sich schlie\u00dft.\u201c<br \/>\nDer B\u00e4rtige war fassungslos. \u201eSchuft! Und das Vaterland? Unser heiliges Vaterland? Unsere heiligsten G\u00fcter? Unser Vaterland!\u201c<br \/>\nDunkle, unbez\u00e4hmbare Wut war urpl\u00f6tzlich in der robusten Kriegswitwe entstanden. Da stieg, von ihr entladen, ein vielstimmiger Protestschrei, der erst an seinem Ende in helles Gel\u00e4chter und in den Hohnruf: \u201eHeiligste G\u00fcter!\u201c zersplitterte.<br \/>\nDie Morgenr\u00f6te einer kommenden Zeit traf das Gesicht des verbl\u00fcfften B\u00e4rtigen; er legte den Browning neben sich auf den Bock.<br \/>\nDer Kellner sagte weich: \u201eDas Vaterland ist eine Gasse, in der wir als Kinder am Abend gespielt haben, ist ein von der Petroleumlampe sanft beleuchtetes Tischrund, ist das Schaufenster des Kolonialwarenh\u00e4ndlers im Nachbarhause; das Vaterland ist im Garten der Nu\u00dfbaum, auf dessen Fr\u00fcchte wir gewartet haben, ist ein Flu\u00dftal, die Biegung eines Flu\u00dftales; das Vaterland ist eine altersgraue Holzpforte an der R\u00fcckseite des Gartens, ist der Geruch von \u00c4pfeln, die auf dem Ofen brieten, ist Kaffee- und Kuchengeruch im durchw\u00e4rmten Elternhause, durch Wiesen ein schmaler Pfad, der zur Stadt zur\u00fcck oder aus der Stadt hinausf\u00fchrt, ist ein Gang auf diesem Pfade, das Verklingen eines Kinderliedes, das Abendl\u00e4uten an einem bestimmten Tage unserer Kindheit . . . Nicht der Staat \u2014 die Organisation der L\u00fcge, Macht, Gewalt und Autorit\u00e4t \u2014 ist das Vaterland f\u00fcr den Menschen, sondern die Erinnerung an freundliche Minuten der Kinderzeit, die Erinnerung an die von Hoffnung noch versch\u00f6nten Blicke ins zuk\u00fcnftige Leben.\u201c<br \/>\nIn diesem Momente, da er das Gesicht der Menge ansah, erkannte er entsetzlich klar, da\u00df bei der gro\u00dfen Mehrzahl auch diese Erinnerungen vom ununterbrochenen Lebenskampfe, von den Leiden des Krieges, vom Hasse gegen seine Entfe\u00dfler aufgefressen worden waren, und f\u00fchlte, da\u00df ein Wort der Liebe jetzt noch nicht vordringen konnte bis zu diesen verarmten, ha\u00dfverkrampften Witwenherzen. Nur bei wenigen war der suchende Kinderblick wieder erwacht und zum R\u00fcckblick auf das vergangene Leben geworden.<br \/>\nUnd als der B\u00e4rtige der Witwen nicht mehr vorhandene Gef\u00fchle f\u00fcr das Vaterland erneuern wollte mit dem Worte \u201enational\u201c, stieg aus des Kellners pl\u00f6tzlicher Hoffnungslosigkeit, die Liebe in die Herzen f\u00fchren zu k\u00f6nnen, Zorn auf, der zur Menge hinunter den Satz trug: \u201eInternational ist alles Gro\u00dfe: die Kunst, der Gedanke, der Glaube, die Sinne, das Leben, der Tod.\u201c<br \/>\nUnd der Zwanzigj\u00e4hrige schrie zur\u00fcck: \u201eEs gibt National-Banken, National-Speisen, National-Registrierkassen, National-Hymnen.\u201c<br \/>\nVor Wut verlor der B\u00e4rtige die Sprache, konnte das Gegenargument, da\u00df auch die Sprache national sei, nicht finden und griff automatisch zum Browning, um mit dem zu argumentieren.<br \/>\nDer robusten Witwe mit der Petroleumkanne waren der B\u00e4rtige und sein Gef\u00e4hrt zu elegant. Noch bevor er den Mund wieder \u00f6ffnen und den Browning heben konnte, rief sie unwirsch: \u201eHalt\u2019s Maul, du!\u201c Und ihr Wort war von einer Armgeb\u00e4rde begleitet, die hundert F\u00e4uste mit in die H\u00f6he ri\u00df. Sie st\u00fcrzte zum Bock, kletterte hinauf.<br \/>\nSein Wutschrei: \u201eVerr\u00e4terisches P\u00f6belpack! Man wird euch einsperren. Alle einsperren!\u201c gab das Signal f\u00fcr alle zum Sturze auf den B\u00e4rtigen, so da\u00df der Browningschu\u00df, der dem Kellner gegolten hatte, schr\u00e4ghoch ging und den Kirchturm traf.<br \/>\nEin Schrei dauerte minutenlang.<br \/>\n\u201eUns k\u00f6nnt ihr nicht einsperren. Zwei Millionen Kriegswitwen k\u00f6nnt ihr nicht einsperren.\u201c<br \/>\nDer Petroleumstrahl scho\u00df farblos durch die Luft.<br \/>\nHochgeb\u00e4umte Pferde. Die Equipage brannte hell und farbig. Wurde von den rasenden Pferden zerst\u00f6rerisch schnell \u00fcber den Platz und die Stra\u00dfe hinauf getragen, von der st\u00fcrmenden Menge verfolgt.<br \/>\nDie robuste Kriegswitwe stand, ringend mit dem B\u00e4rtigen, flammenumloht auf dem Bocke.<br \/>\nEine Anzahl Witwen und M\u00fctter, im Blick noch das gro\u00dfe Fragen, blieben z\u00f6gernd zur\u00fcck.<br \/>\nDie Agentenwitwe trug im schmerzdurchwirkten, aufgel\u00f6sten Gesicht den unbegreiflich tiefen Glanz stiller Bereitschaft, als sie zum Kellner trat, der in der D\u00e4mmerung ersch\u00f6pft an der Hausmauer lehnte und auf das in der Ferne verklingende, fanatische Triumphgebr\u00fcll der Kriegswitwen lauschte. Er glaubte, den anhaltenden, z\u00fcndenden Schrei der robusten Witwe herauszuh\u00f6ren.<br \/>\nTeile von Gedanken, f\u00fcr die er vorhin Worte nicht gefunden hatte, kehrten wieder: \u201aDie Gewalt, den Menschen gelehrt und aufgezwungen, untersteht dem furchtbaren Gesetze alles B\u00f6sen, mu\u00df weiter wirken . . . Wer in dieser Welt der Schmerzen das Leid nicht auf sich nehmen kann, bleibt b\u00f6se.\u2018<br \/>\nEr blickte zur Agentenwitwe hin, die in ungeheurer Befreiung vor dem neuen Anfang stand, entr\u00fcckt, wie vor einer Wiege, in der sie selbst lag. Horchte auf das ganz ferne Knallen mehrerer Sch\u00fcsse. (Das st\u00e4rker werdende ferne Gebr\u00fcll wurde wieder h\u00f6rbar, schwach, wie das Summen einer Fliege.)<br \/>\n\u201aRevolution steht auf den Stirnen der Menschen; und was auf den Stirnen der Menschen steht, wird Ereignis.\u2018<br \/>\nVon schwarzen Blitzen durchzuckt, brach aus seinem Herzen lautlos donnernd die entscheidende Menschheitsfrage heraus: \u201aWerden Wille und Sehnsucht die Gewalt sprengen, die Finsternis durchsto\u00dfen, den Geist befreien und sich von ihm f\u00fchren lassen in das Land der Seele, wo die tiefste, die radikalste Revolution, die Revolution der Liebe zum Ereignis werden kann? Oder wird auch jetzt die Gewalt weiter bestehen und weiter siegen \u00fcber Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit, die der Menschheitszukunft in ewigem Flusse immer neu geboren werden vom tiefsten Sinne der Welt: von der Liebe?\u2018<br \/>\nDer Platz, vom Tumulte verlassen, sah verbraucht aus.<br \/>\nD\u00e4mmerung, Luft und Sein gebaren auf ihm eine stille Sekunde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leonhard Frank ver\u00f6ffentlichte 1917 in Z\u00fcrich mehrere Novellen unter dem Titel \u201eDer Mensch ist gut\u201c. In Deutschland wurde das Buch sofort verboten. Es sind dies die f\u00fcnf Novellen Der Vater, Die Kriegswitwe, Die Mutter, Das Liebespaar, Die Kriegskr\u00fcppel. Leonhard Frank, &hellip; <a href=\"http:\/\/win2014.de\/?page_id=1310\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1324,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"onecolumn-page.php","meta":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1310"}],"collection":[{"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1310"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1310\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1339,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/1310\/revisions\/1339"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1324"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/win2014.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1310"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}