{"id":1307,"date":"2014-08-25T21:57:04","date_gmt":"2014-08-25T19:57:04","guid":{"rendered":"http:\/\/win2014.de\/?page_id=1307"},"modified":"2014-08-25T22:24:16","modified_gmt":"2014-08-25T20:24:16","slug":"der-mensch-ist-gut","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/win2014.de\/?page_id=1307","title":{"rendered":"Der Mensch ist gut"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Leonhard Frank ver\u00f6ffentlichte 1917 in Z\u00fcrich mehrere Novellen unter dem Titel <em>\u201eDer Mensch ist gut\u201c<\/em>. In Deutschland wurde das Buch sofort verboten. Es sind dies die f\u00fcnf Novellen <em>Der Vater, Die Kriegswitwe, Die Mutter, Das Liebespaar, Die Kriegskr\u00fcppel<\/em>.<br \/>\n<strong><span style=\"font-size: 10pt;\">Leonhard Frank, Der Mensch ist gut <\/span><\/strong><br \/>\n<strong><span style=\"font-size: 10pt;\">Max Rascher, Verlag, Z\u00fcrich, 1918, Copyright 1918 by Max Rascher, Verlag, Z\u00fcrich <\/span><\/strong><br \/>\n<strong><span style=\"font-size: 10pt;\">Geschrieben 1916 bis Fr\u00fchling 1917 <\/span><\/strong><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\"><em><a href=\"http:\/\/www.gutenberg.org\/files\/35176\/35176-h\/35176-h.htm\">http:\/\/www.gutenberg.org\/files\/35176\/35176-h\/35176-h.htm<\/a><\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-size: 18pt;\"><strong>Der Vater<\/strong> <\/span><br \/>\n<em>Ihr Otterngez\u00fcchte, wer hat denn euch gewiesen,<\/em><br \/>\n<em>da\u00df ihr dem k\u00fcnftigen Zorn entrinnen werdet?<\/em><br \/>\n<em>Es ist schon die Axt an die Wurzel gelegt.<\/em><br \/>\n<em>Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt,<\/em><br \/>\n<em>wird abgehauen und ins Feuer geworfen.<\/em><br \/>\nEv. Matth. Kap. III<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Robert war Servierkellner in einem deutschen Hotelrestaurant. Gew\u00f6hnlich. Blond. Und wenn er, in devoter Verbeugung erstarrt, vor dem Gaste stand und eine Bestellung entgegennahm, kroch der Gedanke durch sein Gehirn: jeder andere Beruf vertr\u00e4gt sich eher mit der Menschenw\u00fcrde.<br \/>\nAuf ihn wirkte das hingeschobene Trinkgeld wie eine Ohrfeige, f\u00fcr die man sich bedanken mu\u00dfte. Und wenn das Trinkgeld von einem Gaste kam, der \u00e4rmer als der Empfangende war, stieg aus Roberts verletzter Menschenw\u00fcrde sichtbar die Verachtung empor, steigerte sich manchmal zu Rachsucht und Frechheit. Es kam vor, da\u00df Robert solch einem Gaste das Trinkgeld zur\u00fcckschob. Vornehmen G\u00e4sten Kredit zu gew\u00e4hren, war ihm eine Erl\u00f6sung.<br \/>\nIm Jahre 1894 bekam seine Frau den lange vergeblich erwarteten Sohn. Und Roberts Liebe st\u00fcrzte sich auf dieses Kind. Das bekam alles: ein Kinderzimmer, sterilisierte Kindermilch, einen federnden Kinderwagen, einen wei\u00dflackierten Stall, Hampelm\u00e4nner. Sp\u00e4ter Dampfmaschinchen, Eisenbahnen, Luftballons, Trommeln, S\u00e4bel, Schie\u00dfgewehrchen, Bleisoldaten. Sp\u00e4ter ein Spazierst\u00f6ckchen, einen Matrosenanzug mit einer M\u00fctze, auf der stand \u201eS. M. S. Hohenzollern\u201c, einen rindsledernen B\u00fccherranzen, eine Rechenmaschine mit roten und wei\u00dfen Kugeln, einen polierten Griffelkasten.<br \/>\nDer Sohn bekam Geigenstunden, mu\u00dfte Klavierspielen lernen. Und durfte das Gymnasium besuchen. Er sollte studieren. Nicht Kellner werden. Schon mit zehn Jahren besa\u00df der Sohn ein Fahrrad. Und geh\u00f6rte mit zw\u00f6lf Jahren der patriotischen Jugendvereinigung an.<br \/>\nRoberts Leben ersch\u00f6pfte sich im Dasein des Sohnes. Und der Satz: jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, war ihm zur Weltanschauung geworden. Robert flog, die Bestellungen auszuf\u00fchren, verbeugte sich, dankte f\u00fcrs Trinkgeld, verbeugte sich, dankte, sparte, scharrte zusammen, rechnete, strebte, wurde Zimmerkellner, dann Oberkellner, wies heimlichen Liebesp\u00e4rchen stille Zimmer an f\u00fcr ein paar Stunden, dr\u00fcckte Augen zu, sank in einen Abgrund der Liebe f\u00fcr seinen Sohn, schickte ihn auf die Universit\u00e4t, bekam graue Haare, war selig im Dienen, selig in seinem Sohne, besa\u00df hundert Photographien von ihm, hatte die Kinderkleidchen aufgehoben, das Spielzeug: die S\u00e4belchen, die Gewehrchen, die Bleisoldaten. Das M\u00fctzchen, auf dem stand \u201eS. M. S. Hohenzollern\u201c.<br \/>\nDer Sohn war zwanzig Jahre alt. Er bekam die Einberufung an einem Dienstag, bekam ein halbes Jahr sp\u00e4ter das eiserne Kreuz.<br \/>\nUnd im Sommer 1916 bekam Robert die Nachricht, da\u00df sein Sohn gefallen war. Auf dem Felde der Ehre.<br \/>\nEine Welt war erschlagen.<br \/>\nDer Erschlagene las immer wieder: \u201eGefallen auf dem Felde der Ehre\u201c. Den Zettel trug er bei sich in der Brieftasche, zwischen den Banknoten. Er las ihn, wenn ein Fremder kam und ein Zimmer verlangte, wenn er an der Billardecke stand und Bestellungen erwartete, wenn er, von der Glocke gerufen, durch den langen Gang lief, las ihn, bevor er das Zimmer betrat und nachdem er, die bezahlte Rechnung und das Trinkgeld in der Hand, das Zimmer wieder verlassen hatte. Er las ihn in der K\u00fcche, im Weinkeller, auf dem Klosett. \u201eGefallen auf dem Felde der Ehre\u201c. Ehre. Das war ein Wort und bestand aus vier Buchstaben. Vier Buchstaben, die zusammen eine L\u00fcge bildeten von solch h\u00f6llischer Macht, da\u00df ein ganzes Volk an diese vier Buchstaben angespannt und von sich selbst in ungeheuerlichstes Leid hineingezogen hatte werden k\u00f6nnen.<br \/>\nDas Feld der Ehre war nicht sichtbar, nicht vorstellbar, war Robert nicht begreifbar. Das war kein Feld, kein Acker, war keine Fl\u00e4che, war nicht Nebel und nicht Luft. Es war das absolute Nichts. Und daran sollte er sich halten. Sein ganzes Leben lang. Hinter ihm lag nichts und vor ihm lag nichts. Robert stand in der Mitte auf dem Nichts.<br \/>\nSeine H\u00e4nde servierten, quittierten, empfingen Trinkgelder. Wof\u00fcr? Es gab keine Banknoten mehr. Und sein Sparkassenbuch war f\u00fcr ihn das Feld der Ehre. Und das Feld der Ehre war nicht begreifbar.<br \/>\nRobert gab die besten Zimmer auf Wunsch um die H\u00e4lfte des festgesetzten Preises ab, gab noch einen Salon dazu, ein Badezimmer. Wurde zum Servierkellner degradiert. Gab im Restaurant ohne Widerstreben die teueren Speisen und Weine billiger ab, wenn den G\u00e4sten die Rechnung zu hoch erschien. Wurde daraufhin nur noch zur Mithilfe herangezogen, wenn im gro\u00dfen Hotelsaal ein Fest, eine Versammlung war.<br \/>\nGab es etwas Gleichg\u00fcltigeres, als aus der Lebensstellung verdr\u00e4ngt worden zu sein? Das alles war nur das Feld der Ehre. War ein absolutes Nichts.<br \/>\nOft fand er sich in seines Sohnes Zimmer, wohin er w\u00e4hrend des Krieges die Photographien, Kinderkleidchen, S\u00e4belchen, Trommelchen, Gewehrchen, Bleisoldaten zusammengetragen hatte, und empfand nichts beim Betrachten dieser vergilbten und verkratzten \u00dcberbleibsel, ging, automatisch wie er eingetreten war, wieder hinaus.<br \/>\nDieser Zustand, in dem Robert sich nur noch wie eine Maschine bewegte, dauerte wochenlang, bis eines Tages der Mensch in ihm die Kraft fand, sich dem Schmerze zu stellen. Seiner Hand entfiel die Photographie des S\u00f6hnchens \u2014 in Infanterieuniform, mit pr\u00e4sentiertem Gewehrchen \u2014, und Robert sauste, von einem Dampfhammerschlag getroffen, hinunter in den Abgrund, das Herz blo\u00dfgelegt dem Schmerze und der Liebe. Robert schrie. Nur einmal. Und ganz kurz.<br \/>\nVon etwas Unnennbarem ber\u00fchrt, wich er der Erl\u00f6sung, die im Schmerze liegt, aus.<br \/>\nUnd als seine Frau ihn tr\u00f6sten wollte mit den Worten, die sie von dem unter dem gleichen Leide stehenden Kolonialwarenh\u00e4ndler, B\u00e4cker, von der Nachbarin \u00fcbernommen hatte: jetzt m\u00fcsse man sich halt damit abfinden, schrak sie zur\u00fcck vor Roberts gef\u00e4hrlich blickenden Augen und schwieg fernerhin.<br \/>\nAuch Robert schwieg, tat die Arbeit, die man ihm zuwies. Und da man ihn, der wiederholt G\u00e4ste fortlaufen lie\u00df, ohne da\u00df sie bezahlt hatten, nur noch als Wassertr\u00e4ger im Hotelcaf\u00e9 verwenden wollte, erkl\u00e4rte er sich auch hierzu bereit.<br \/>\nRobert wu\u00dfte, da\u00df etwas geschehen werde. Deshalb ertrug er weiter diese gef\u00e4hrliche Ruhe. Denn wie konnte es m\u00f6glich sein, da\u00df nichts geschah durch ihn, der nichts mehr verlieren konnte, da er alles schon verloren hatte? Der von einer d\u00fcnnen Kellnerhaut \u00fcberzogen war, unter welcher der Mensch schrie, entsetzlich lautlos der Schmerz, die Liebe schrieen? Durch den geringsten Anla\u00df konnte die Haut zerspringen. Dann stieg der Schrei.<br \/>\nDie Kindergewehrchen und S\u00e4belchen hatte er, sich aus den Augen, hin\u00fcber ins Hotel getragen und hinter das Klavier gesteckt. Denn wenn er dieses Spielzeug nur anblickte, brannte ihn die Schuld. Aber wenn er einen mit dem Kriegsorden verzierten Leutnant bediente, zitterten seine H\u00e4nde nicht.<br \/>\nUnd als eines Tages ein patriotischer Jugendverein \u2014 halbw\u00fcchsige Jungen unter Gewehr \u2014 die Stra\u00dfe herauf und am Hotel vorbei das Lied trug: \u201eKann dir die Hand nicht geben, dieweil ich eben lad\u2019 . . .\u201c, fra\u00df sich das Schuldbewu\u00dftsein gl\u00fchend in Robert hinein. Denn auch er hatte seinen Sohn solche Lieder gelehrt und lehren lassen und voll Vaterstolz ihm zugeh\u00f6rt.<br \/>\nIn wilder Spannung stand er unterm Hotelportal und f\u00fchlte, da\u00df sein Sprung auf die vorbeimarschierenden, schlecht beratenen J\u00fcnglinge ein Sprung in die Luft sein w\u00fcrde. Denn hinter den J\u00fcnglingen und hinter dem Kampfliede stand etwas, das nicht zu greifen war: ein unsichtbarer, unk\u00f6rperlicher Gegner. Gott hielt ihn zur\u00fcck von dem Sprunge. Gott hob ihn auf f\u00fcr die Minute, da der Feind greifbar werden w\u00fcrde, f\u00fchlte Robert.<br \/>\nUnd eines Tages hatte er den Feind, der im Menschen selbst und nicht au\u00dfer ihm ist, so scharf erkannt, da\u00df seine Augen die eines schuldbewu\u00dften M\u00f6rders wurden. Da geschah es, da\u00df Tr\u00e4nen wilden Zornes ihm hinter die Augen traten, wenn er ein M\u00e4dchen sah, das ihren Br\u00e4utigam, eine Frau, die ihren Mann, ein Elternpaar, das seinen Sohn verloren hatte und doch l\u00e4cheln und wie immer das Glas Bier bestellen konnte.<br \/>\nEiner Mutter, der ihre St\u00fctze f\u00fcrs Alter, ihre Hoffnung, der Zentralpunkt all ihrer Liebe \u2014 ihr einziger Sohn zerstampft worden war auf dem Felde der Ehre und die zu Robert sagte, \u201ajetzt mu\u00df man sich halt damit abfinden\u2018, griff er wild an den Hals.<br \/>\nGott strich \u00fcber des Kellners H\u00e4nde und legte dessen pl\u00f6tzlich von Liebe durchbebten Finger der Mutter sanft auf die Schulter. Denn nicht die Frau war schuld, nicht sie war der Feind und nicht ihre Worte, sondern das, was hinter den Worten stand. Und das war etwas, das nicht da war. Es war das Nichtvorhandensein der Liebe.<br \/>\nDas m\u00f6rderische Schuldbewu\u00dftsein brannte die kleine Vaterliebe weg, so da\u00df das Urgef\u00fchl der gro\u00dfen Liebe aufstehen konnte in ihm.<br \/>\nIn tiefster Demut, in deren Mittelpunkt die unversiegbare Kraft der Liebe stand, verrichtete er die Arbeit des Pikkolos, trug den G\u00e4sten Wasser zu, sp\u00fclte Gl\u00e4ser aus, ging, als die Glocke ihn rief, in den gro\u00dfen Hotelsaal.<br \/>\nSchlosser, Maurer, Schreiner, Spengler, Tapezierer, Glaser \u2014 zerarbeitete M\u00e4nner, die haarigen, abschreckend h\u00e4\u00dflichen Tieren mit Menschenaugen glichen \u2014 f\u00fcllten den gro\u00dfen Hotelsaal: die Bauarbeitervereinigung hielt ihre Jahresversammlung ab.<br \/>\nRobert brachte dem Redner, der auf dem Podium stand, eine Flasche voll Wasser und h\u00f6rte, ans Klavier gelehnt, hinter dem die S\u00e4belchen und Schie\u00dfgewehrchen steckten, dem Redner zu.<br \/>\nDer erkl\u00e4rte, da\u00df Unterst\u00fctzungsgelder an arbeitslose und kranke Mitglieder dieses Jahr nicht ausbezahlt werden k\u00f6nnten. Denn es seien so gut wie keine Beitr\u00e4ge eingelaufen. Zudem habe man den Mitgliedern, die im Felde standen \u2014 und die gingen allen andern vor \u2014 fortlaufend Unterst\u00fctzungsgelder geschickt. \u201eDie Reserven sind aufgebraucht. Die Kasse ist leer.\u201c Es frage sich nun, ob die Mitglieder, die noch gesund seien und Verdienst h\u00e4tten, \u00fcber ihren Beitrag hinaus zusammensteuern wollten f\u00fcr die kranken und arbeitslosen Mitglieder. Wenn nicht, dann bleibe nur noch \u00fcbrig, die seit f\u00fcnfzig Jahren bestehende Bauarbeitervereinigung samt der Krankenunterst\u00fctzungskasse aufzul\u00f6sen. \u201eSozusagen den Konkurs anzumelden.\u201c<br \/>\nSiebenhundert Augenpaare von siebenhundert dumpf schweigenden Menschen blickten ratlos auf den Redner. Die Frauen, deren K\u00fcchent\u00f6pfe leer waren, und die Frauen, deren M\u00e4nner im Felde standen oder schon gefallen waren, hatten rotgefleckte Wangen bekommen. Die Eisenplatte, die seit zwei Jahren \u00fcber ganz Europa lag, lag sichtbar auch \u00fcber diesen siebenhundert in Leid und Not verkrampften Lasttieren.<br \/>\nEin kleiner Junge hatte das Kinderschie\u00dfgewehr hinterm Klavier, das auf dem Podium stand, hervorgezogen und zielte, den Schaft an der grauen Backe, hinunter auf die siebenhundert reglosen M\u00e4nner und Frauen. Alle blickten auf das Loch des Rohrlaufes aus Wei\u00dfblech.<br \/>\nUnd drau\u00dfen standen, den Gewehrschaft an der Backe, in Schuld und S\u00fcnde Millionen Menschen gegen\u00fcber Millionen Menschen, die in Schuld und S\u00fcnde standen.<br \/>\nDa tat Robert den Sprung. Es war ein ganz langsamer Sprung. Er ging traumwandlerisch sicher auf den Jungen zu, nahm ihm das Spielzeug von der Backe weg und trat vor, bis an den Rand des Podiums.<br \/>\nUnd w\u00e4hrend der Redner Wasser trank und seine Abrechnungslisten zurechtlegte, sagte Robert:<br \/>\n\u201eDas hier ist ein Schie\u00dfgewehr. Das habe ich . . . ich selbst habe das meinem Jungen gekauft. Damit hat er gespielt. Damit hat er sich unmerklich die Liebe aus seinem Herzen hinausgespielt. Damit hat er schie\u00dfen gelernt. Ich habe ihn das Schie\u00dfen, habe ihn das Morden gelehrt. Mein Sohn ist gefallen. Er ist tot. Ich bin sein M\u00f6rder . . . Vaterstolz, Ruhmsucht, Gedankenlosigkeit und Gewohnheit haben mich zum M\u00f6rder werden lassen. Und doch habe ich nur getan, was auch ihr getan habt. Auch von euch hat mancher seinen Sohn . . . verloren.\u201c<br \/>\nRobert hieb das Gewehrchen gegen die Knie und legte die zwei St\u00fccke ruhig zu seinen F\u00fc\u00dfen nieder. \u201eDas h\u00e4tte ich vor f\u00fcnfzehn Jahren tun m\u00fcssen . . . Habt ihr es getan? . . . Also seid auch ihr M\u00f6rder.<br \/>\nUnsere M\u00e4nner und unsere S\u00f6hne erschie\u00dfen M\u00e4nner und S\u00f6hne. Und jene M\u00e4nner und S\u00f6hne erschie\u00dfen unsere M\u00e4nner und S\u00f6hne. Und jeder Daheimgebliebene hofft: mein Mann, mein Sohn kommt zur\u00fcck; m\u00f6gen die anderen fallen und sterben.<br \/>\nSolches kann nur ein Wahnsinniger w\u00fcnschen . . . Ich frage euch: ist der kein M\u00f6rder, der ein unschuldiges Kind so erzieht, da\u00df es erst zum M\u00f6rder werden mu\u00df, bevor es selbst ermordet wird? Wird der so erzogene Unschuldige, wenn er einen gleichfalls schlechtberatenen Unschuldigen erschie\u00dft, nicht zum M\u00f6rder? Es gibt heute in Europa keinen Menschen mehr, der nicht ein M\u00f6rder w\u00e4re! . . . Wir sind verblendet und M\u00f6rder, weil wir den Gegner au\u00dfer uns suchen und zu finden glaubten. Nicht der Engl\u00e4nder, Franzose, Russe und f\u00fcr diese nicht der Deutsche, sondern in uns selbst ist der Feind. Und wir sehen deshalb in anderen Menschen den Feind, weil der tats\u00e4chliche Feind in uns etwas ist, das nicht da ist. Das Nichtvorhandensein der Liebe ist der Feind und die Ursache aller Kriege. Ganz Europa weint, weil ganz Europa nicht mehr lieben kann. Ganz Europa ist wahnsinnig, weil es nicht lieben kann.<br \/>\nOder ist es nicht Wahnsinn, wenn ihr euch freut \u00fcber die Notiz: zweitausend franz\u00f6sische Leichen lagen vor unserer Linie? Ist die Einwohnerschaft von Paris nicht wahnsinnig, wenn sie sich freut \u00fcber die Notiz: zweitausend deutsche Leichen lagen vor unserer Linie?<br \/>\nWir schreien vor Schmerz oder die Augen bleiben trocken vor Schmerz, wenn unser Sohn f\u00e4llt. Solange wir nicht ebenso vor Schmerz schreien, wenn ein Franzose f\u00e4llt, lieben wir nicht. Solange wir nicht f\u00fchlen: ein Mensch, der uns nichts getan hat, fiel und starb, so lange sind wir Wahnsinnige. Denn dieser Mensch, der fiel und starb, hatte eine Mutter, einen Vater, eine Frau, die vor Schmerz schreien. War ein Mensch. Wollte so gerne leben. Und mu\u00dfte sterben. Wof\u00fcr? Warum? Er mu\u00dfte sterben, weil er nicht liebte. Und wir, seine M\u00f6rder, lie\u00dfen ihn sterben, weil wir nicht lieben.\u201c<br \/>\nRobert machte w\u00e4hrend des Sprechens ganz kleine Bewegungen mit der Hand, da\u00df die wei\u00dfe Serviette baumelte. Es war so schwer, auch den anderen mitzuteilen, was man selbst f\u00fchlte und erkannt hatte. Und dabei war das Ganze doch so einfach, so selbstverst\u00e4ndlich. Aber die Menschen hatten sich von der Selbstverst\u00e4ndlichkeit weggestellt. Sie hatten die Liebe einfach vergessen, wie man seinen Schirm stehen l\u00e4\u00dft.<br \/>\n\u201eMan braucht ja nur zu lieben, dann f\u00e4llt kein Schu\u00df mehr. Dann ist der Friede da. Kinder sind wir dann auf unserer Erde . . . Der ganze Erdteil weint. Daran merkt man doch, da\u00df der Erdteil f\u00e4hig ist zur Liebe. Ganz hoffnungslos w\u00e4re erst dann alles, wenn Europa lachen w\u00fcrde, weil ganz Europa blutet. Aber es gibt kein Haus in Europa, in dem nicht die Tr\u00e4nen flie\u00dfen. Das ist die Liebe, die aus den Menschenaugen heraus weint, weil sie vertrieben worden ist aus den Herzen der Menschen.<br \/>\nWas tut ihr, wenn jetzt im Augenblick ein euch fremder Mensch in den Saal hereintritt und einem von euch, den er nie gesehen hat, das Bajonett in den Leib st\u00f6\u00dft? Ihr w\u00fcrdet den Wahnsinnigen nicht begreifen. Genau dasselbe tun eure M\u00e4nner und S\u00f6hne; auch sie sto\u00dfen M\u00e4nnern und S\u00f6hnen, die sie nie gesehen haben, das Bajonett in den Leib, da\u00df der Durchsto\u00dfene aufschreit, sich kr\u00fcmmt und f\u00e4llt. Was hat er eurem Sohne getan? Und was hat euer Sohn dem getan, der ihm das Bajonett in den Leib stie\u00df? . . . Habt ihr euch schon einmal vorgestellt, auf welche Weise euer junger Sohn, der so gerne, ach so gerne noch h\u00e4tte leben m\u00f6gen, sterben mu\u00dfte? . . . M\u00e4dchen, vergegenw\u00e4rtige dir den letzten Blick deines Br\u00e4utigams, der verwundet, d\u00fcrstend sechs Stunden lang in der Sommerhitze im Stacheldraht hing. Stelle dir seinen letzten, furchtbar langen Blick vor.<br \/>\n\u201eFrau\u201c, sagte Robert zu einer Erbleichenden, leise, da\u00df es alle Siebenhundert h\u00f6rten, \u201ewas hat dein Mann, den du liebtest, der dir Brot und Kinder gab, dem getan, der ihm das Bajonett in den Leib stie\u00df?\u201c<br \/>\nDie Frau wimmerte, ihr Kopf sank dem neben ihr Sitzenden auf die Schulter.<br \/>\n\u201eDie Menschen sind wahnsinnig, wirklich und wahrhaftig wahnsinnig, weil sie die Liebe vergessen haben. Und weil sie die Liebe vergessen haben, glauben sie, es m\u00fcsse alles so sein, wie es ist . . . Unser Volk, wie wir es sehen, besteht nur noch aus Kr\u00fcppeln und elend aussehenden Kindern, Frauen und Greisen. Wenn man jetzt noch die Arme und Beine, die losgetrennten K\u00f6rperteile, die Millionen zerrissener Leichen, unter denen auch eure S\u00f6hne und M\u00e4nner sind, von den Schlachtfeldern holen und auf eure Stra\u00dfen werfen w\u00fcrde, euch vor die Augen, w\u00fcrdet ihr auch dann noch sagen: man mu\u00df sich halt damit abfinden? Oder w\u00fcrdet ihr endlich bereit sein zum Lieben, was auch dabei herauskomme? W\u00fcrdet ihr dann endlich sagen: ich will nicht leben, wenn ich nicht lieben darf? W\u00fcrdet ihr einsehen, da\u00df diejenigen, die euch das Lieben verbieten, Feinde sind? Feinde des Menschen! Volksfeinde! Seht ihr nicht die Berge zerrissener Menschenleiber? Sie liegen vor euren Augen, liegen auf euren Stra\u00dfen, da\u00df kein Wagen mehr fahren kann und ihr keinen Schritt mehr machen k\u00f6nnt. Eure S\u00f6hne! Eure S\u00f6hne! Eure M\u00e4nner! V\u00e4ter! Blutig! Zerrissen! Unkenntlich!\u201c<br \/>\nEin Schrei stieg aus der Saalmitte empor. Hinten, beim Saaleingang, erklang ein tierisches St\u00f6hnen. Einem alten Manne fiel die Stirn in die Hand. Ein M\u00e4dchen verlie\u00df die Stuhlreihen; sie hatte gro\u00dfe Augen bekommen und st\u00fcrzte in die Kniee.<br \/>\n\u201eWir d\u00fcrfen uns nicht l\u00e4nger bel\u00fcgen und sagen: nur der Zar, der Kaiser, der Engl\u00e4nder ist schuld.\u201c Robert legte langsam die Hand mit der Serviette an die Brust: \u201eIch bin schuld. Und du bist schuld. Und du und du . . . Denn auch wir hatten, ebenso wie der Zar, der Engl\u00e4nder, der Kaiser, der Million\u00e4r und der Milliard\u00e4r, die Liebe vergessen. Nehmt die Schuld auf euch, damit ihr der Liebe wieder teilhaftig werden k\u00f6nnt. Denn nur wer hier sich schuldig f\u00fchlt, kann ents\u00fcndigt werden und wieder lieben.<br \/>\nUnd jetzt wisset: die Liebe tr\u00e4gt in sich ein hartes Gebot. Die Liebe sagt: wer nicht liebt, ist schuldig und b\u00f6se und soll weichen, damit der Liebe auf Erden keine Schranken mehr gesetzt werden k\u00f6nnen. Wir wollen fallen und sterben daf\u00fcr, da\u00df der Liebe die Regierung Europas \u00fcbergeben werde.\u201c<br \/>\nDie Menschengesichter unten im Saale waren aufgel\u00f6st.<br \/>\nWeitersprechend stieg Robert vom Podium herunter. Alle waren aufgestanden, dr\u00e4ngten ihm nach.<br \/>\n\u201eDas Gebot der Liebe ist: wer sich nicht schuldig f\u00fchlt, die Schuld nicht auf sich nimmt, liebt nicht, ist unser Feind und mu\u00df weichen. Das ist Gesetz. Neues Gesetz! Ihr, die ihr nichts mehr verlieren k\u00f6nnt, da ihr alles schon verloren habt . . .\u201c<br \/>\nRoberts Worte gingen unter in den hundertstimmig wiederholten Worten: \u201eAlles verloren! Wir haben nichts mehr zu verlieren! Wir, die wir nichts mehr zu verlieren haben . . . Nichts! Nichts!\u201c<br \/>\nDie Nachricht hatte sich schon verbreitet, als sie durch die Stra\u00dfen zogen. Voran der Kellner, ohne Hut, im schmierigen Smoking, die Serviette in der Hand. \u201eDie wollen Frieden machen. Die wollen Frieden machen.\u201c<br \/>\nVerk\u00e4uferinnen \u2014 verwaiste Br\u00e4ute \u2014 verlie\u00dfen den Ladentisch und schlossen sich an. Zwei Schaufensterreiniger, alte M\u00e4nner, lie\u00dfen die Leiter stehen und schlossen sich an. Der Wagenf\u00fchrer der Elektrischen h\u00f6rte das Wort \u201eFriede\u201c, erstarrte und sprang vom Wagen herunter, schlo\u00df sich an. Die Fahrg\u00e4ste schlossen sich an. In wenigen Minuten hatte sich die Menge verdreifacht. Und verzehnfachte sich, als Robert, auf dem Platze angelangt, auf der Brunnenschale stand und sprach. Sein Mund zeichnete den letzten Satz in weithin sichtbaren Buchstaben an den Himmel: \u201eEs ist schon die Axt an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.\u201c<br \/>\nEine junge Frau stand da und tat nichts als l\u00e4cheln und \u201eFriede\u201c sagen. Reisende, die vom Bahnhof kamen, verga\u00dfen alles und schlossen sich an, als die Menge weiterzog. Flammend. Schnell. Entz\u00fcndet vom Glauben. Eine Schar Urlauber, feldmarschm\u00e4\u00dfig ausger\u00fcstet, das Gewehr quer \u00fcber dem R\u00fccken und das Grauen des Schlachtfeldes in den Augen, schlo\u00df sich an. Alte M\u00fctterchen kamen kaum mit. Kinder bekamen schmale Gesichter vor Staunen und ahnten das Gro\u00dfe. Ein alter Polizeiwachtmeister mit grauem Spitzbart, das Trauerband am rechten Arme, bekam fanatische Augen und schlo\u00df sich an. Menschen, die dem Zuge entgegenkamen, machten kehrt, vom Feuer ergriffen. Radfahrer sausten durch die Stra\u00dfen. \u201eDie wollen Frieden machen!\u201c Die Wirtsh\u00e4user entleerten sich. Werkst\u00e4tten, Baustellen entleerten sich. Transmissionen standen still. Eine Abteilung Soldaten unter Gewehr wurde mitgerissen. Ges\u00e4nge der Liebe ert\u00f6nten im Marschtempo. Kranke stiegen aus den Betten, schleppten sich ans Fenster. Kilometerlange Linien von Frauen, schr\u00e4g bewegt, trieben aufeinander zu, stie\u00dfen zum Zuge.<br \/>\nEin Zwanzigj\u00e4hriger \u2014 Fanatismus und Geist auf der Stirn \u2014 sprang aus einer menschengef\u00fcllten Seitengasse heraus, auf den Kellner zu, k\u00fc\u00dfte ihn. Und sein hei\u00dfer Blick \u00f6ffnete die Herzen.<br \/>\nDie ganze Stadt war aufgestanden und schrie ein Wort. Friede! Das so gesprochene Wort wurde zu vieltausendstimmigem, gewaltigem Gesange. Alle Kirchenglocken l\u00e4uteten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leonhard Frank ver\u00f6ffentlichte 1917 in Z\u00fcrich mehrere Novellen unter dem Titel \u201eDer Mensch ist gut\u201c. In Deutschland wurde das Buch sofort verboten. 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